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Alpengold - Folge 192

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Liebe, vom Frühlingswind verweht

Ein Moment der Unachtsamkeit zerstörte alles

Von Sissi Merz

Nach dem Tod ihrer kleinen Tochter zerbricht auch Annas Ehe mit Robert, der den tragischen Unfall aus Unachtsamkeit verschuldet hat. Als gebrochene Frau kehrt Anna auf den Berghof ihrer Eltern zurück. Hier, im Schatten hoher Berge und inmitten der frühlingshaften Natur, hofft sie, den Verlust ihres Kindes allmählich zu überwinden. Als sie darum gebeten wird, als Physiotherapeutin den jungen Baumgartner-Oliver zu behandeln, zögert sie nicht. Er ist Annas Jugendliebe, der noch an den Folgen eines schweren Autounfalls leidet. Wie Anna hat auch ihm das Schicksal übel mitgespielt. Und ihr gelingt das Wunder: Dank Anna ist Oliver bald auf dem Weg der Besserung – und schöpft wieder neuen Lebensmut. Unvermutet flammen die alten, leidenschaftlichen Gefühle wieder zwischen Anna und Oliver auf, und übers Jahr wagen sie, an eine gemeinsame Zukunft zu glauben. Doch da erscheint Annas Exmann Robert auf dem Hof ihrer Eltern, und Annas Liebe zu Oliver gerät in große Gefahr …

Anna Kramer schaute aus dem Küchenfenster nach draußen, wo es gerade wieder angefangen hatte zu schneien.

Der Winter war heuer lang und schneereich gewesen. Auch jetzt, Mitte März, mochte der grimmige Geselle sein Regiment noch nicht an den Frühling abtreten. In den vergangenen Tagen war es unter dem Einfluss von Föhnwinden in Mittenwald schon recht mild gewesen. Nun aber hatte der Himmel sich dunkelgrau bezogen, und die Welt schien hinter einem blassweißen Perlenvorhang zu verschwimmen.

Anna seufzte leise. Die hübsche junge Frau war Mitte zwanzig, schlank und fesch. Die blonden Locken umrahmten ein herzförmiges Gesicht, in dem die klaren, tiefblauen Augen bestachen. Anna hatte ein mitreißendes Lachen und war im Grunde ihres Herzens ein fröhlicher Mensch. Nun aber war ihr hübsches Gesicht blass, und die Augen schienen durch eine vereiste Scheibe ins Nichts zu schauen. Schweres lag hinter ihr und Schweres vor ihr.

Manchmal hatte Anna das Gefühl, dass vor einem Jahr die Welt über ihr zusammengebrochen war und sie noch immer blind und verwundet in den Trümmern nach einem Ausweg aus Schmerz und Verzweiflung suchte. Dabei hatte sie vor nur wenigen Jahren ihr Heimatdorf Hohenkirchen mit klaren Plänen und Zielen verlassen. Und es war ihr durchaus gelungen, diese in die Tat umzusetzen. Ja, sie könnte nun ein glückliches Leben führen, wenn das Schicksal es nicht anders gewollt hätte.

Die junge Frau wandte sich vom Fenster ab, vor dem der Schneefall immer dichter wurde. Sie griff nach einem Pappbecher mit Kaffee, den sie im nahen Imbiss geholt hatte, ging hinüber in die einst gute Stube, wobei sie den Blick durch die Fenstertür auf den dahinterliegenden Balkon tunlichst vermied, und hockte sich im Schneidersitz auf einen Umzugskarton.

Warum wirkten Zimmer nur so groß, wenn sie leer waren? Jedes Geräusch schien sich mit seinem eigenen Echo zu verweben und sie daran zu gemahnen, dass es Zeit wurde, zu gehen, diesen Ort zu verlassen und ein neues Kapitel in ihrem Lebensbuch aufzuschlagen.

Anna sehnte sich danach, die Wohnungstür zum letzten Mal ins Schloss zu ziehen und nie wieder zurückzukehren. Auch wenn sie ahnte, dass sie den Schmerz und die Trauer mit sich nehmen würde. Dabei war es einmal anders gewesen, ganz anders. Und das war noch gar nicht so lange her …

Anna war mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Christa auf dem elterlichen Berghof oberhalb von Hohenkirchen nahe Mittenwald aufgewachsen. Das sportliche Madel, das von klein auf im Winter über die Pisten gesaust war und im Sommer die höchsten Gipfel um Hohenkirchen bestiegen hatte, war das genaue Gegenteil seiner Schwester.

Christa war ebenfalls hübsch und klug, aber bedächtig und in allem stets abwägend. Niemals hätte sie sich absichtlich in eine gefährliche Situation begeben. Das, was Anna »ins Risiko gehen« genannt hatte, war ihr ein Gräuel gewesen.

Freilich hatte Anna mit ihrem unbekümmerten, sonnigen Gemüt die Burschen im Tal zum Schwärmen gebracht. Als die Schwestern heranwuchsen, hatte Anna stets an jedem Finger ein halbes Dutzend Verehrer gehabt, während Christa im Schatten der Schwester ein wenig verblasst war.

Dabei war es keineswegs Annas Absicht gewesen, die Ältere auszustechen, im Gegenteil. Anna hatte sich stets Mühe gegeben, mit der Schwester auszukommen, die sie von Herzen lieb hatte. Aber Christa war distanziert geblieben. Ein nie ausgesprochenes Gefühl von Eifersucht hatte von klein auf ihre Beziehung vergiftet.

Nach der mittleren Reife war es für Christa selbstverständlich gewesen, die Hauswirtschaftsschule in Mittenwald zu besuchen, um dort alles zu lernen, was für eine Jungbäuerin wichtig war.

Anna hingeben hatte andere Interessen. Sie wollte Krankengymnastin werden und vielleicht eine eigene Praxis eröffnen. In den Ferien jobbte sie bei verschiedenen Physiotherapeuten und fühlte sich danach in ihrer Berufswahl bestätigt. Sie ging mit Elan in die Ausbildung und hatte dabei eine Menge Spaß.

Christa beneidete Anna wieder einmal, weil diese einfach tat, wozu sie Lust hatte. Wenn sie sich wegen des Egoismus ihrer Schwester aber bei den Eltern beschwerte, stieß sie auf pures Unverständnis.

Die Hubers waren der Meinung, dass ihre beiden Töchter durchaus das tun konnten, was ihnen Freude bereitete. Christa hingegen hatte immer das Gefühl, dass Mutter und Vater Anna bevorzugten. Schließlich mochte jeder die Schwester. Nicht zuletzt die Burschen, die ihr nach wie vor nachgelaufen waren, bis sie sich endlich für einen entschieden und geheiratet hatte.

Robert Kramer war ein paar Jahre älter als Anna. Sie hatte sich auf den ersten Blick in den feschen jungen Mann verschaut. Seine unbekümmerte Art hatte sie mitgerissen, gemeinsam hatten sie Pläne gemacht und von der Zukunft geträumt.

Währenddessen hatte Christa sich mit Peter Faller verlobt. Der unscheinbare Jungbauer hatte lange gebraucht, bis er den Mut gefunden hatte, Christa den Hof zu machen. Verliebt war er schon eine Weile in das hübsche Madel gewesen. Weil er aber bescheiden und zurückhaltend war, meinte er, dass Christa ihn gewiss keines Blickes würdigen würde.

Als sie dann zugestimmt hatte, seine Frau zu werden, hatte sich für den Burschen ein Traum erfüllt. Er war stets bemüht gewesen, Christa zu verwöhnen und ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Als Bauer war er fleißig, Dominik Huber hatte bald durchblicken lassen, dass er Peter vertraute und in ihm seinen legitimen Nachfolger sah.

Anna erinnerte sich noch gut daran, mit welchem Triumph im Blick ihre Schwester davon gesprochen hatte. Sie hatte Christa ihr Glück gegönnt, denn sie selbst war damals ebenfalls glücklich gewesen.

Nach der Heirat mit Robert hatten sie zusammen eine Praxis eröffnet, die sich dank Annas Fleiß und Kompetenz und Roberts Charme gut anließ. Und als ihre kleine Tochter Pia geboren wurde, da war für Anna das Leben perfekt.

Die Eltern hatten sie öfter besucht und waren stolz auf Tochter und Enkelkind gewesen.

Christa hingeben wollte nichts davon wissen. Sie nannte Robert einen Luftikus und prophezeite der Ehe ihrer Schwester ein baldiges Ende. Da konnte Peter so viel beschwichtigen, wie er wollte, Christa ließ sich nicht von ihrer Meinung abbringen. Dass diese wieder einmal auf Neid und Eifersucht und dem ewigen Gefühl der Unterlegenheit der Schwester gegenüber fußte, verdrängte sie.

Dann war jener schreckliche Montag im vergangenen Januar gekommen. Pia sollte ihren dritten Geburtstag feiern. Anna musste noch ein paar Sachen einkaufen und bat ihren Mann, auf die Tochter aufzupassen. Robert versprach es, doch sie hatte kein gutes Gefühl dabei, ihn mit Pia allein zu lassen.

Längst wusste sie, dass ihr Mann unzuverlässig und sprunghaft war. Anna hatte sich deshalb beeilt, war durch die Stadt gehetzt und hatte gegen eine ständig stärker werdende Panik angekämpft, die sie sich selbst nicht erklären konnte.

Als sie dann zu dem Mietshaus gekommen war, in dessen viertem Stock ihre Wohnung lag, hatten Notarzt und Polizei den Weg versperrt.

Das ungute Gefühl in ihrem Magen war zur Gewissheit geworden. Später erfuhr Anna, dass ihr Mann Besuch von ein paar Spezln bekommen hatte. Er hatte sich wieder einmal ablenken lassen, wie das in seiner Natur lag.

Niemand hatte gesehen, wie Pia munter und neugierig über den Balkon gelaufen und auf die Brüstung geklettert war. Erst durch eine Nachbarin, die Sturm läutete, hatte Robert überhaupt von dem Unfall erfahren. Dass seine kleine Tochter mit zerschmetterten Knochen auf dem Grillplatz hinter dem Haus lag, während er mit seinen Spezln munter gebechert hatte, das konnte er sich nicht verzeihen. Und Anna hatte es auch nicht geschafft.

Nach einem Jahr der gegenseitigen Schuldzuweisungen und der unerträglichen Selbstzerfleischung war schließlich die Trennung erfolgt. Anna entschied sich für einen sauberen Schnitt und reichte die Scheidung ein. Sie lösten die gemeinsame Praxis auf, Robert zog als Erster aus der Wohnung aus.

Anna würde an diesem wechselhaften Märztag nach Hohenkirchen zurückkehren. Die Eltern hatten ihr angeboten, fürs Erste heimzukommen, um ihr Leben neu zu ordnen. Und sie sehnte sich nach Ruhe, danach, die Vergangenheit ein Stück weit hinter sich zu lassen und vielleicht irgendwann Frieden zu finden.

Anna empfand trotz allem noch etwas für Robert. Ob es Liebe war, konnte sie nicht sagen. Ihre Gefühle waren unter einem Schuttberg aus Verzweiflung und Schmerz verloren gegangen. Dachte sie an ihren Mann, tat ihr das Herz weh. Und der Gedanke an die Scheidung schmerzte sie ebenfalls. Doch ein Zusammenleben war einfach nicht mehr möglich gewesen. Sie hatten einander ja nicht einmal mehr in die Augen schauen können.

Anna hatte damals einen schweren Schock erlitten und mehrere Wochen im Krankenhaus verbringen müssen. Danach hatte sie noch lange Medikamente genommen, denn die Trauer brachte Depressionen und den Wunsch, alles wäre vorbei, mit sich. Auch heute ging sie noch regelmäßig zu einem Psychologen, doch die Termine lagen zeitlich ein wenig weiter auseinander. Irgendwann wollte Anna auch damit abschließen. Noch war sie aber auf dem Weg, und das Ziel erschien ihr weit weg.

Als an der Wohnungstür geklingelt wurde, schreckte die junge Frau aus ihren trüben Gedanken. Es waren ihr Vater und Peter, die sie abholen kamen.

Man begrüßte sich herzlich, Dominik Huber brummte: »Ein Wetter ist das! Eben hat’s geschneit wie net ganz gescheit, und jetzt scheint die Sonne. Fast schon wie im April.«

Die Mannsbilder hatten die letzten Umzugskartons rasch im großen Familienkombi verladen. Peter setzte sich hinters Steuer, während sein Schwiegervater noch einmal nach oben ging. Anna hatte eine letzte Runde durch die Wohnung gemacht.

Der Vater sah, dass sie weinte. Behutsam strich er ihr übers Haar, wie er es schon getan hatte, als sie noch ein kleines Madel gewesen war, und reichte ihr sein Taschentuch.

»Jetzt schnäuz dich, Tschapperl, und dann fahren wir heim«, meinte er schlicht. »Es wird Zeit.« Er merkte, dass sie zum Balkon blickte, und fügte noch eindringlich hinzu: »Und schau net zurück, das tut net gut.«

»Ist schon recht, Vater«, murmelte Anna und folgte ihm.

Zum letzten Mal zog sie die Wohnungstür ins Schloss, und dabei war ihr das Herz sehr, sehr schwer. Denn es war eben doch nicht so einfach, die Vergangenheit hinter sich zu lassen …

***

Auf der Fahrt nach Hohenkirchen schien tatsächlich die ganze Zeit die Sonne. Peter erzählte ausführlich, wie er zusammen mit dem Bauern einige Stuben für Anna hergerichtet hatte. Er war handwerklich geschickt, und es machte ihm besonderen Spaß, mit Holz zu arbeiten.

Anna hörte ihm zu und lächelte ein wenig. Je näher sie Hohenkirchen kamen, desto leichter wurde ihr ums Herz. Heimatgefühle erfüllten sie, das sichere und warme Empfinden, nach Hause zu kommen. Fast war es so, als wäre sie in den vergangenen Jahren nur unter Fremden gewesen.

Als nun der Geißenkopf mit seiner charakteristischen Spitze in der Ferne grüßte, weit im Norden die himmelhohe Kette des Wetterstein-Gebirges sichtbar wurde und im Osten das tiefblaue Wasser des Wildensees zwischen Bergkiefern und Föhren hervorblitzte, da atmete Anna wie erlöst auf. Sie wusste nun tief im Herzen, dass sie das Richtige tat. Wenn es ihr gelingen würde, ihren inneren Frieden wiederzufinden, dann hier, an dem Platz, an dem sie geboren und aufgewachsen war und wo die Menschen lebten, die zu ihr gehörten.

Dominik, der neben ihr saß, drückte sacht ihre Hand. Er verstand, was sie fühlte, und er war froh, sie bei sich zu haben. In den vergangenen Monaten hatten die Eltern manche Nacht schlaflos verbracht in der unaussprechlichen Angst, nach dem Enkelkind auch noch die Tochter zu verlieren. Sie wussten, wie schlimm es um Anna gestanden hatte. Und sie waren umso dankbarer, dass sie nun Anstalten machte, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Der Berghof der Hubers lag gut hundert Höhenmeter oberhalb von Hohenkirchen. Man erreichte das Anwesen über eine schmale, serpentinenreiche Bergstraße. Einer der Vorfahren hatte einst einen Steig in den Berg gebaut, der lange die einzige Verbindung zum Tal gewesen war. Doch seit etwa zwanzig Jahren gab es die Straße.

Peter steuerte den Kombi sicher hinauf. Und als er in den Wirtschaftshof fuhr, wurde gleich die Haustür geöffnet, und Franziska Huber eilte nach draußen. Sie sah Anna sehr ähnlich; mit dem blonden Haar und der schlanken Figur hätte man die beiden glatt für Schwestern halten können.

Die Bäuerin schloss Anna fest in die Arme und murmelte erleichtert: »Ich bin ja so froh, dass du da bist, mein Kind! Jetzt wird alles gut, dafür sorgen wir. Du wirst sehen, bald bist du hier wieder ganz daheim.«

»Ich dank dir, Mama.« Anna war ganz gerührt von dem herzlichen Empfang. Als sie dann zusammen mit ihrer Mutter ins Haus ging, erschien auch Christa.

Sie reichte der Schwester die Hand und murmelte kühl: »Da bist du ja. Das Essen ist gleich fertig.«

»Kann ich was helfen?« Anna folgte der Schwester in die Küche und begrüßte die beiden Mägde, die Christa dort zur Hand gingen.

»Ich wüsste net, was. Magst du net deine neuen Stuben in Augenschein nehmen?«

»Sicher. Der Peter hat mir erzählt, was dort alles verändert worden ist. Ich freu mich natürlich darüber, aber ihr hättet euch net so viel Arbeit machen sollen.«

»Das sag mal dem Peter«, stichelte Christa spitz. »Er war ganz narrisch darauf, es dir hier so nett wie irgend möglich zu machen.« Sie hob die Schultern, und ihre rehbraunen Augen funkelten die Schwester biestig an. »So ist er nun mal, mein Mann. Allerweil will er es jedem recht machen.«

Anna sagte nichts, sie mochte nicht gleich mit ihrer Schwester streiten, auch wenn diese es offensichtlich sofort wieder darauf anlegte. Schließlich hatten sie ihre Kindheit streitend verbracht. Anna meinte, es sei an der Zeit, auch in dieser Beziehung erwachsen zu werden. Christa schien da allerdings anderer Meinung zu sein.

Die Eltern und Peter warteten bereits in den renovierten und neu eingerichteten Stuben auf Anna. Sie schaute sich mit großen Augen um und bewunderte aus ehrlichem Herzen das Ergebnis.

Peter hatte die Wände in ihrem ehemaligen Mädchenzimmer vertäfelt, die Einrichtung mit Kiefernmöbeln machte das Ganze noch gemütlicher und wohnlicher. Nebenan war ein kleines Bad eingebaut worden. Und Christas früheres Kinderzimmer sollte Anna nun als Schlafzimmer dienen. Sie war ganz überwältigt.

»Ich dank euch von Herzen«, murmelte sie bewegt.

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