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Alpengold - Folge 191

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Was seine Frau ihm nicht verzieh

In den Armen der Verführerin vergaß er seinen Treueschwur

Von Charlotte Vary

Evis Gesicht ist von der Anstrengung erhitzt, als sie den steilen Bergpfad emporsteigt, um ihrem Mann ein Mittagessen zu bringen. Heute Morgen hat sie sich mit Thomas gestritten, bloß, weil er am Abend zuvor nach der Chorprobe noch auf ein Bier im Wirtshaus war. Jetzt tun Evi ihre Vorwürfe leid, und sie will ihren Mann mit seinem Lieblingsgericht um Verzeihung bitten.

Endlich hat die schwangere Frau den Forst erreicht, wo Thomas im Holzschlag mitarbeitet. Suchend schaut sie sich um, aber sie kann ihn nirgends entdecken. Da, vielleicht verbringt er seine Mittagspause dort drüben in dem kleinen Heuschober.

Lächelnd eilt Evi darauf zu – doch plötzlich stockt sie, und ihr Herzschlag setzt sekundenlang aus. Aus der Hütte dringt eindeutig lustvolles Stöhnen …

Evi Holzner atmete schwer, als sie an diesem windigen Vorfrühlingstag den steilen Weg zum Hinterleitner-Hof hinaufstieg. Daran war nicht nur der gewichtige Korb mit Lebensmitteln schuld, die sie unten beim Osterfelder Kramer gekauft hatte. Ihre zweite Schwangerschaft bereitete der zarten sechsundzwanzigjährigen Frau allerhand Beschwerden.

Beim Feldkreuz blieb sie einen Augenblick stehen, um zu verschnaufen. Nur noch fünf Minuten, dachte sie. Ich glaub, ich hör schon unseren Fido bellen.

Ihr Blick schweifte über die blaugrüne Kette des Mangfall-Gebirges, das sich im Hintergrund erhob. Rotwand und Miesing trugen noch Schneekappen, aber der Föhn würde sie bald weggeleckt haben. Er orgelte rauschend durch den Bergwald und bog die Tannen, bis sie ächzten. Es wurde bald Frühling im Leitzachtal. Droben auf der hinteren Leiten kam er immer ein wenig später als unten in Osterfeld.

Der Bergbauernhof, den man »Beim Hinterleitner« nannte, thronte einsam da oben, mit einer königlichen Aussicht über das weite Land, aber mit spärlichen Erträgen. Man kämpfte sich halt so durch. Wenigstens hatte Thomas Holzner, Evis Mann, ein großes Stück Bergwald von seinen verstorbenen Eltern geerbt. Sonst hätte es böse ausgesehen mit den Finanzen.

Evi, die sich kurz auf dem Kniebrett des Feldkreuzes ausgeruht hatte, rappelte sich eben wieder hoch. Da näherte sich ihr mit flottem Schritt ein junger Mann, der das Sträßlein abwärtsging.

»Evi«, rief er freundlich und lüpfte den Hut. »Warst drunten in Osterfeld? Kann ich dir helfen? Mein Gott, den schweren Korb sollst aber net schleppen in deinem Zustand. Bei euch hat sich ja wieder was Kleines angemeldet, hab ich vernommen.« Er lächelte.

»Grüß dich, Hans!«, erwiderte sie seine Anrede. »Ja, hast schon recht gehört. Aber es ist ja erst im September so weit. Kommst vom Schloss, gelt?«

Der hochgewachsene blonde Bursche mit dem sympathischen, offenen Gesicht nickte.

»Freilich. Beim Herrn Baron bin ich gewesen in einer geschäftlichen Angelegenheit. Aber jetzt gib deinen Korb her! Ich begleite dich bis zu eurem Hof. Auf die paar Minuten kommt’s mir net an.«

»Bist halt ein Kavalier, Hans«, lobte die junge Frau.

Hans Reiser betrachtete sie wohlgefällig. Die zierliche, wohlgeformte Evi mit der nussbraunen Haarkrone, den enzianblauen Augen und dem lieben, herzförmigen Gesicht hatte ihm schon immer gefallen. Aber sie hatte den Holzner-Thomas geheiratet, und Hans hatte sich in die Steingruber-Lisa verliebt. Wie es halt so geht im Leben.

Fido, der Hofhund vom Hinterleitner, sprang ihnen schon freudig bellend entgegen, als sie um die letzte Wegkehre bogen.

»Danke schön, Hans. Magst schnell ein Bier trinken?«, fragte Evi, als der Mann seine Last auf der Hausbank abstellte.

»Lieber net, Evi«, antwortete er. »Ich hab drunten zu tun. Und dein Thomas tät vielleicht eifersüchtig werden, wenn ich zu dir komme in seiner Abwesenheit. Er ist wohl bei der Waldarbeit?«

Evi nickte. »Ja, der Winter hat viel Schaden angerichtet«, sagte sie. »Nochmals vielen Dank für deine Mühe. Grüß deine Eltern von mir und auch die Lisa!«

»Werde es ausrichten«, gab Hans Reiser zurück. »Pfüat di, Evi! Und sag dem Thomas, er soll sich mal wieder bei der Kirchenchorprobe blicken lassen. Wir bräuchten seinen schönen Bariton.«

***

Rüstig eilte der junge Bauer dann talabwärts. Sein Gespräch mit dem Baron Perfall auf Schloss Krottenstein spukte ihm noch im Kopf herum.

Baron Rainer von Perfall war ein Mann, der für die hart um ihre Existenz ringenden Bergbauern der Umgebung von großer Bedeutung war. Der tüchtige, überaus beliebte Adelsherr hatte nämlich am Ortsrand von Osterfeld eine Fleischwarenfabrik eröffnet, die immerhin vierzig Arbeitsplätze bot. Fast aus jedem Hof arbeitete ein Familienmitglied dort, als Metzger, Packerin oder in der Verwaltung. Vorwiegend wurde dort Putenfleisch zu allerlei Spezialitäten verarbeitet.

Das dafür nötige Geflügel wurde auf den Höfen im Auftrag des Barons gezüchtet und von ihm abgenommen. So hatten die Bauern noch ein Standbein, falls die landwirtschaftlichen Erträge nicht zum Leben ausreichten. Die Zusammenarbeit klappte vorzüglich, und die Bauern waren recht froh um ihren Herrn Baron, der erst vor zwanzig Jahren in die Gegend gezogen war.

Rainer von Perfall hatte damals das düstere, baufällig wirkende Schloss Krottenstein erworben und mit großem Aufwand an Geld und Liebe zur Sache restaurieren lassen.

Krottenstein war ursprünglich eine Ritterburg im romanischen Stil gewesen, die später mit gotischem Zierrat versehen worden war. Heute wirkte sie von außen immer noch finster und drohend. Innen aber waren die Räume stilvoll und behaglich eingerichtet, und jeder moderne Komfort war vorhanden.

Baron Rainer war vor zehn Jahren Witwer geworden und hatte bis jetzt nicht wieder geheiratet. Eine den Perfalls blind ergebene Hausdame, Frau von Müritz, leitete den Haushalt, zu dem auch noch die beiden Kinder des Barons gehörten. Baron Felix war siebenundzwanzig und ein Künstler. Er malte, wenn auch mit sehr umstrittenem Talent. Außerdem handelte er gelegentlich mit Antiquitäten.

Baroness Simone war dreiundzwanzig und genoss ihre Jugend in vollen Zügen: Tagsüber durchstöberte sie die Boutiquen, nachts feierte sie Partys.

Ihr strebsamer, tätiger Vater war mit dem ziellosen Leben seiner Kinder gar nicht einverstanden. Aber auf diesem einzigen Gebiet war er schwach wie viele Väter. Er fühlte sich schuldig, weil er den beiden in den schwierigen Teenagerjahren nicht wieder eine Mutter gegeben hatte.

Also sollten sie noch eine Weile ihre Neigungen leben. Geld war ja zum Glück vorhanden dank seiner einträglichen Geschäfte. Die mageren, bekömmlichen Putenfleischprodukte verkauften sich bestens. Viele Menschen achteten auf ihre Gesundheit und Figur.

Auch auf dem Geflügelhof des Hinterleitner-Hofes liefen die Perfall’schen Puten herum und wurden von Evi gewissenhaft versorgt. Nun stand sie am Herd und kochte das Abendessen. Wenn Thomas von der Waldarbeit nach Hause kam, dann war er hungrig.

Der dreijährige Maxl, Holzners Erstgeborener, spielte auf dem Stubenboden mit der Hauskatze. Er mühte sich damit ab, die sich unwillig Sträubende vor sein hölzernes Pferdewägelchen zu spannen. Miezi fand das zwar äußerst unangenehm, aber aus Loyalität zur Familie kratzte sie den kleinen Buben nicht. Schließlich rettete sie sich durch einen kühnen Sprung aufs Fensterbrett.

»Maxl, lass doch die Miezi in Frieden!«, mahnte Evi sanft. »Schau, da kommt der Papa.«

Maxl stürmte auf den Eintretenden zu und umklammerte seine Hosenbeine.

»Papa, machst du mir eine Peitsche? Bitte, bitte!«, bettelte er.

»Später, Maxi«, vertröstete Thomas seinen Sohn. »Jetzt muss ich mich erst waschen, und dann gibt’s was zu essen. Mhm! Riecht das gut, was die Mami gekocht hat!«

Er nahm seine Frau herzlich in die Arme und küsste sie so zärtlich wie ein junger Liebhaber. Die Holzners leben allweil noch in den Flitterwochen, pflegte man unten in Osterfeld halb spöttisch, halb neidisch zu sagen. Wie die Turteltauben. Hört das denn nie auf bei denen?

Thomas Holzner hatte sich vor Jahren seine Frau aus einer wenig begüterten Familie geholt. Er hatte damals einen guten Griff getan. Die Evi war bescheiden und hatte das Arbeiten gelernt. Außerdem war sie ein ehrliches Persönchen mit sehr soliden Ansichten. Treue und Zuverlässigkeit gingen ihr über alles. Ihrem Thomas war sie eine zärtliche, fleißige und in echter Liebe ergebene Ehefrau.

Doch Aufrichtigkeit und Treue erwartete sie auch von ihm. Als bildhübsches junges Madel hatte sie in Osterfeld viele Verehrer gehabt, aber geliebt hatte sie stets nur einen: ihren Thomas.

Wie er so dastand, groß, schlank und dabei kräftig, konnte er einem Madel ja auch gefallen. Um das markante, braun gebrannte Gesicht mit den blitzenden nachtdunklen Augen ringelte sich dichtes schwarzes Haar. Er hatte etwas von einem Südländer, und auch sein Temperament war zuweilen hitzig. Aber Evi gelang es immer, ihn zu besänftigen, wenn der Zorn in ihm brodelte. Ein Blick ihrer sanften enzianblauen Augen genügte.

Ihre zierliche Gestalt reichte ihm nur bis zur Schulter. Aber sie zähmte ihn, dass er willig wurde wie ein Lamm. Niemandem sonst gelang das. Sie waren wirklich ein schönes Paar, die zwei.

***

Hans Reiser war inzwischen längst in Osterfeld angekommen. Man konnte das Örtchen nicht einmal ein Dorf nennen. Es war nur ein Weiler mit neun, zehn Bauernhöfen, einem Kramladen und einer Kirche. Es gehörte verwaltungstechnisch zur nächsten größeren Gemeinde Bayrisch-Bronn.

Hans betrat einen der stattlichsten der paar Höfe, den man den Rambold-Hof nannte. Dort lebten die wohlhabenden Steingrubers mit ihrer einzigen Tochter Lisa, die Hans’ Verlobte war.

Der junge Mann ging in die Küche, wo Anna Steingruber am Herd stand und Küchel aus dem schwimmenden Schmalz fischte. Lachend blickte sie sich nach ihrem künftigen Schwiegersohn um und rief: »Ja, der Hans! Kommst gerade recht zu den frischen Hasenöhrln. Magst ein paar? Aus der Pfanne schmecken sie am besten.«

»Da sag ich net Nein, Steingruberin«, antwortete Hans und setzte sich auf die Bank, die rund um den großen Esstisch lief. »Wo ist denn die Lisa?«

Die Miene der Bäuerin zeigte Unwillen und etwas Besorgnis, als sie antwortete: »Ach, die ist schon wieder bei ihrer Freundin, der Zauner-Lena. Allweil steckt sie jetzt mit der beieinander. Es wird ihr leidtun, dass du sie net angetroffen hast. Na ja, sie näht sich ein neues Kleid, und die Lena hilft ihr. Die hat doch die Trachtenschneiderei gelernt.«

Hans verzehrte seine Hasenöhrl und verabschiedete sich dann: »Dank schön, Bäuerin. Gut hat’s geschmeckt. Schad, dass die Lisa net da ist. Sag ihr doch bitt schön, sie soll einmal wieder bei uns vorbeischauen, gelt? Pfüat Gott!«

Auf dem Weg zum Haus seiner Eltern, dem Wegscheid-Hof, überfiel ihn dann eine rechte Enttäuschung. Die Lisa hatte sich verändert in letzter Zeit. Ein halbes Jahr waren sie nun verlobt. Anfangs hatten sie sich nicht oft genug treffen können, so verliebt war die Lisa gewesen. Zu Pfingsten hatten sie heiraten wollen. Doch jetzt sah er sie kaum noch. Immer war sie auswärts, immer hatte sie etwas anderes zu tun.

Sie war ein auffallend schönes Mädchen, die zweiundzwanzigjährige Lisa Steingruber. Sehr groß war sie, sehr blond, mit sprühenden grünen Augen und einem Körper voll Grazie und Geschmeidigkeit. Dazu war sie die Einzige der reichen Steingruber-Eheleute. Kein Wunder, dass sie stolz war und selbstbewusst.

Lisa hatte in der Stadt eine mehrjährige Hauswirtschaftsschule besucht. Sie hätte jederzeit als Hausdame in einem Hotel, Seniorenheim oder Sanatorium arbeiten können. Aber ihre Eltern hielten das nicht für nötig. Sie sollte daheim etwas mithelfen und bald den Hans Reiser heiraten, einen rechtschaffenen jungen Bauern, der sie sehr liebte. Die beiden kannten sich von Kindesbeinen an und waren immer schon gute Freunde gewesen.

In letzter Zeit hatte Lisa sich ein recht aushäusiges Leben angewöhnt, immer war sie irgendwo eingeladen, immer auf Achse mit dem Auto. Ihren Eltern gefiel das nicht, aber Lisa hatte ihren eigenen Kopf.

***

Droben im Miesinger Forst taten die Holzknechte ihre harte und nicht ungefährliche Arbeit. Kranke Tannen und Fichten wurden gefällt, entastet und entrindet und dann von Pferden hinunter zum Waldparkplatz geschleift, wo man sie auf Schlepper oder Laster laden konnte. Thomas Holzner schaffte als Waldbesitzer mit ihnen, um die Kosten zu verringern.

Der Schweiß lief ihm von der Stirn, als er kurz innehielt und sich mit dem Taschentuch abwischte.

»Schau, der Wagen von der Baroness!«, rief ein Arbeitskamerad und stieß ihn an.

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