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Alpengold - Folge 189

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Engel oder kleines Hexlein?

Warum die schöne Burgl ihren Ruf aufs Spiel setzte

Von Sissi Merz

An einem klaren Spätwintertag findet die hübsche Heinen-Burgl am Rand einer Lawine einen halb verschütteten Fremden. Wie selbstverständlich nimmt sie ihn auf ihrem Berghof auf, um ihn gesund zu pflegen. Doch auch nach Wochen kann der gut aussehende Mann, dem sie den Namen Peter gibt, sich nicht erinnern, was in der Lawinennacht am Berg geschehen ist. Immer spricht er von zwei dunklen Gestalten »ohne Gesicht«, die bei ihm waren. Bald weiß Burgl, dass dieser rätselhafte Mann ihr Schicksal ist. Sie will ihn nie mehr gehen lassen …

Doch plötzlich erscheint die Polizei auf dem Hof! Peter wird festgenommen! Er steht in dem Verdacht, ein gesuchter Betrüger zu sein! Und Peter, immer noch ohne Gedächtnis, kann sich nicht gegen die Vorwürfe wehren! Trotz allem hält Burgl unverbrüchlich zu ihm – und wird im Dorf Sonnweiler bald nur noch gehässig die schöne »Verbrecherbraut« genannt …

Die Dämmerung hing wie ein graues Tuch zwischen dem schroffen Gipfel der Gedererwand und dem im Norden himmelhoch aufragenden Wilden Kaiser.

Es hatte den ganzen Tag geregnet, auf der Höhe hatten sich auch noch Schneeflocken dazugesellt. Nun stiegen im Tal die Nebel, während am Berg die feuchte, milde Luft an den letzten verharschten Schneefeldern nagte. Mitten in den großen, weißen Flächen knisterte und knackte es geheimnisvoll.

Für die Gebirgler waren diese Geräusche nichts Ungewohntes. Im zeitigen Frühjahr gingen regelmäßig Lawinen ins Tal des Chiemgaus ab. Wer bergerfahren war, mied diese Abschnitte dann.

An diesem Märzabend bewegten sich drei Schatten über den Steig, der hinauf zur Gedererklamm führte. Sie verschmolzen mit der Dämmerung, während sie aufeinander zustrebten.

Der Himmel war nun klar, die letzten Wolken zogen nach Süden ab. Ein zunehmender Wind trieb sie eilig vor sich her und schuf so Platz für den vollen Mond, der gerade eben über den Horizont lugte. Sein silbernes Licht erhellte die Düsternis zwischen den steil abfallenden Felswänden und ließ die letzten Schneefelder wie Sternenstaub glitzern und flimmern.

Der Wind griff in die Äste der gedrungen gewachsenen Bergkiefern, bog sie und sorgte dafür, dass ein Geräusch entstand, das an leises, wehmütiges Seufzen erinnerte.

Die drei Schatten waren irgendwo zwischen Tal und Gipfel aufeinandergetroffen. Niemand sonst war an diesem Abend auf der Höhe unterwegs. Das Wetter war wechselhaft, und die ständige Gefahr abrupter Lawinenabgänge machte es riskant, wenn nicht sogar gefährlich, sich nun hier aufzuhalten.

Die Menschen aus Sonnweiler, dem Ort unterhalb des Steigs, wussten dies und beherzigten es. Die Schatten waren Fremde. Sie hatten eine bestimmte Absicht, es gab einen Grund, der sie eben zu dieser Stunde an jenen unwirtlichen Ort führte. Sie schienen Übles im Schilde zu führen, denn sie hatten für ihre Unternehmung nicht nur diesen menschenleeren Steig gewählt, sondern auch den Schutz der Dunkelheit.

In dieser Nacht sollte einer von ihnen zum Opfer werden, so hatten die beiden anderen entschieden. Der Dritte ahnte davon nichts. Und der Plan schien aufzugehen.

Zwischen den stillen Almen, auf denen das erste frische Grün des Frühlings zu sprießen begann, und dem feuchten, schroffen Fels der Gedererwand, an der das Schmelzwasser zu Tal floss, hallte ein Schrei durch die Stille. Irgendwo pfiff ein Murmeltier hoch und erregt. Es war ein Alarmruf, der seine Artgenossen warnen sollte.

Den Verlorenen, dessen Schicksal sich in der Düsternis dieser Frühlingsnacht erfüllen sollte, erreichte es nicht. Noch einmal schrie jemand. Heftiges Keuchen war zu hören, Geräusche wie von einem verzweifelten Kampf auf Leben und Tod, den nur einer gewinnen konnte.

Dann mischte sich, zunächst unterschwellig, ein tiefes Brummen in die unheimlichen Laute, die von einem unentdeckten Drama erzählten.

Das Brummen schien tief aus der Erde zu kommen. So, als hätte jemand in einer unterirdischen Höhle viele Basstrommeln aufgestellt. Ein langsames Schwingen und Vibrieren, das von der ganzen Erde oberhalb des Tals Besitz ergriff. Es wurde ganz allmählich lauter, stärker. Es schien von überallher zu kommen, erfüllte die Luft und schwoll noch weiter an.

Der Mond war in der Zwischenzeit aufgegangen. Sein silbernes Licht riss die Konturen der Berggipfel aus der Finsternis und streute funkelnde Taler auf das Wasser des Chiemsees im Tal.

Auf der Höhe aber beleuchtete der Erdtrabant ein zugleich großartiges und Furcht einflößendes Schauspiel.

Das Brummen wurde nun von einem Knirschen und Krachen begleitet, als sich ein großes Schneebrett löste und sich langsam nach unten bewegte. Die Lawine kam. Und nichts, was sich ihr in den Weg stellte, konnte gegen sie bestehen. Die vereisten, harschigen Schneemassen trugen Erde und Geröll mit sich. Sie rissen ganze Soden aus dem weichen Almboden, knickten junge Föhren und brachen Kiefernzweige wie Streichhölzer.

Die Lawine wuchs auf ihrem Weg ins Tal. Sie walzte über freie Flächen, stürzte über steile Abbrüche und verschonte auch den Steig nicht, an dem noch immer ein tödliches Drama seinen Lauf nahm. Was sich dort abspielte, nahm die Aufmerksamkeit der Akteure voll in Anspruch. Erst als die Lawine sie fast erreicht hatte, stoben die Schatten wie getrieben auseinander.

Wieder ertönte ein Schrei, heiser, verzweifelt, wie in Todesangst ausgestoßen. Dann war das Verhängnis da.

Ein Rauschen und Tosen erfüllte die Luft, die nur mehr aus Schnee, Eis und aufgewirbelter Erde zu bestehen schien. Nichts hielt ihr stand. Schon einen Atemzug später war es allerdings vorbei. Das Brummen entfernte sich und verstummte bald ganz.

Die Lawine lief sich tot, das Tal erreichte sie nicht mehr. Auf halber Höhe zwischen Gedererwand und Sonnweiler rollten die letzten Steine und Eisbrocken aus.

Über dem Steig lag eine dünne Schicht Schnee, die am nächsten Morgen den ersten Sonnenstrahlen zum Opfer fallen würde. Zu beiden Seiten türmten sich Eis und Schnee. Aber der Frühling war nicht mehr weit, der Winter musste sein eisiges Regiment beenden, auch wenn er dies mit Getöse und scheinbarem Unmut tat.

Gab es Opfer zu beklagen in dieser Nacht? Was war aus den Schatten geworden, deren unseliges Treiben im Dunkeln verborgen geblieben war?

Nichts rührte sich mehr auf dem Steig, niemand ging hinunter ins Tal, keiner stieg hinauf zur Klamm. Was geschehen war, das sollte zunächst ein Geheimnis bleiben …

***

Am nächsten Morgen schien die Sonne von einem hellblauen Frühlingshimmel. Ihre goldenen Strahlen brachten den Chiemsee im Tal zum Funkeln, beleuchteten die liebliche Landschaft, die von jeher ein wahrer Magnet für den Fremdenverkehr gewesen war.

Aber auch auf der Höhe wirkte die Welt ganz neu. Walburga Heinen, von allen nur Burgl genannt, war bereits früh auf den Beinen. Das bildhübsche Madel stand heuer im zwanzigsten Jahr. Burgl lebte seit fünf Jahren bei ihrem Großvater Xaver auf dem traditionsreichen Berghof. Der knorrige Gebirgler war ein tüchtiger Bergbauer und für seinen hervorragenden Schafskäse in der Region bekannt.

Burgl hatte schon als kleines Madel ihre Ferien bei den Großeltern verbracht. Das Leben in der Stadt hatte ihr nie wirklich gefallen. Sie hatte es geliebt, in der Natur herumzustromern, die Tiere zu streicheln und der Großmutter im Haus zu helfen.

Manchmal hatte der Großvater sie auf die höher gelegenen Almweiden mitgenommen und sie auch mal an die Käseharfe gelassen. Wie stolz war sie gewesen, wenn sie einen fertigen Laib mit Salzwasser einreiben oder auf ein Zicklein aufpassen durfte!

Diese Erlebnisse hatten sich dem kleinen Madel tief eingeprägt. Die herrlichen Sonnenaufgänge im Gebirge, der Schrei des Bergadlers, der für sie grenzenlose Freiheit bedeutete, der liebevolle Umgang der Großeltern miteinander und das Leben auf dem Berghof, all das war für Burgl von klein auf Heimat gewesen.

Als sich ihre Eltern dann hatten scheiden lassen, war es für die Fünfzehnjährige keine Frage gewesen, wo sie leben wollte. Freilich bei den Großeltern! Die hatten Burgl gerne aufgenommen. Ein wenig war das wie ein Geschenk für sie gewesen, denn Burgls Mutter hatte vom Landleben nie etwas wissen wollen. Mit dem Madel, das ihr Leben teilte und liebte, bekamen sie quasi eine zweite Chance.

Leider war Burgls Großmutter vor zwei Jahren verstorben. Xaver hatte schwer am Verlust der geliebten Frau zu tragen.

Burgl hatte dem Großvater nach Kräften beigestanden. Und in den vergangenen drei Jahren waren die beiden zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden. Der Alte weihte seine Enkelin in alle Geheimnisse der Almwirtschaft ein. Burgl sollte später den Berghof übernehmen, diese Gewissheit gab seinem Herzen Frieden. Und das fleißige Madel war ja auch die geborene Berghofbäuerin.

Während draußen die Sonne ihre goldenen Strahlen über die Gedererwand schickte, bereitete Burgl das Frühstück für sich, ihren Großvater und das Gesinde zu.

Es war Tradition auf dem Berghof, dass alle zusammen die Mahlzeiten einnahmen. Im Esszimmer stand ein großer Tisch, an dem jeder Bewohner des Hofes Platz fand.

Als das goldene Sonnenlicht die Küche erfüllte, warf Burgl einen kurzen Blick nach draußen. Ihr weizenblondes Haar leuchtete und schimmerte, ihre himmelblauen Augen strahlten, und sie summte lächelnd vor sich hin.

Endlich kam der Frühling! Es war für Burgl die schönste Zeit im Jahr. Wenn der Himmel wieder klar und blank geputzt war, die Sonne Kraft hatte und es überall grünte und blühte, dann lebte auch das naturverbundene Madel so richtig auf.

Trotz aller Begeisterung für den schönen Morgen vergaß Burgl aber nicht, sich ein wenig zu sputen. Wenn sie ihre Pflichten im Haus erfüllt hatte, musste sie nämlich ins Tal absteigen.

Das fleißige Madel besuchte nebenher die Hauswirtschaftsschule in Prien, um dort sozusagen den letzten Schliff als zukünftige Bäuerin zu bekommen. Der Unterricht machte Burgl Spaß, vor allem der praktische Teil.

Fast verstand es sich von selbst, dass eine bildsaubere Hoferbin wie Walburga Heinen viele Verehrer hatte. Die Burschen aus dem Tal fanden nur zu gern den Weg zu ihr hinauf. Und manch einer hatte bereits sein Glück beim »Fensterln« versucht.

Doch Burgl hielt ihr Fenster stets verschlossen. Sie achtete auf ihren Ruf, fand nichts altmodisch dabei, sich »sittsam« zu geben, und hatte sich durch diese Einstellung den scherzhaften Spitznamen »Engel von der Schafsalm« eingehandelt.

Das Madel ärgerte sich darüber nicht, im Gegenteil. Wenn einer sie mit dieser Bezeichnung necken wollte, dann lachte sie herzlich mit.

Einen Burschen gab es aber doch, den Burgl gern hatte. Er hieß Tobias Streibler und war Jungbauer im Tal.

Im vergangenen Jahr waren sie sich beim Tanz auf Kirchweih nähergekommen. Tobias schaute gut aus, war lustig und nicht eben schüchtern. Burgls Herz hatte er allerdings erobert, weil er auch sensibel war. Er respektierte ihre Wünsche und Anschauungen und fand auch nichts lachhaft dabei, dass sie sich nach dem richtete, was ihr Großvater sagte und bestimmte.

Tobias hätte seinen »Engel von der Schafsalm« gerne vom Fleck weg geheiratet. Xaver war allerdings der Meinung, dass seine Enkelin noch zu jung war, um das Band der Ehe zu knüpfen. Und Burgl widersprach ihm nicht. Zudem hatte sie ja miterleben müssen, wie leicht eine Ehe zerbrechen konnte. Wenn sie es selbst wagte, dann sollte einfach alles stimmen. Und dazu gehörte für sie auch, sich Zeit zu lassen.

Dass Tobias sich geduldig zeigte, rechnete sie ihm dabei hoch an.

Das Madel war in der Küche fast fertig, als sich ihr Handy meldete. Es lag auf dem Tisch, Burgl griff danach und lächelte, als sie die Kurznachricht las, die von Tobias kam.

Heut Abend sehen wir uns, mein Engerl. Ich freu mich schon, dein Tobi!, stand da, und hinter seinen Namen hatte der Bursch ein dickes Herz gesetzt.

Sie schickte ihm ein Kurzes ich freu mich auch!, dann musste sie den Tisch decken, denn es wurde Zeit fürs Frühstück.

Xaver kam aus dem Stall, er hatte bei einer kranken Kuh gewacht. Burgl reichte ihm als Erstes ein Haferl schwarzen Kaffee. Den brauchte der Alte, um wieder richtig munter zu werden. Er ließ sich kurz auf der Eckbank nieder, nahm das aromatische Getränk in kleinen Schlucken zu sich und wirkte dabei recht zufrieden.

Xaver Breitlinger hatte die siebzig fast erreicht, konnte aber nach wie vor fleißig schaffen. Manchmal machte ihm der Rücken Probleme, und sein Herz versah seinen Dienst nicht immer so, wie er wollte.

Burgl achtete darauf, dass der Großvater regelmäßig seinen Hausarzt im Tal aufsuchte. Dr. Gruber hatte ihm ein herzstärkendes Medikament auf pflanzlicher Basis verschrieben sowie eine Rheumasalbe, wenn der Rücken schmerzte.

Xaver war zu stolz, um die Salbe auch nur anzurühren. Doch wenn er das Gesicht vor Schmerzen verzog, rieb Burgl ihn ein und machte daraus keine große Sache. Die beiden kamen gut miteinander aus, und der Alte dankte seinem Schöpfer, dass Burgl bei ihm war.

»Wie geht es der Milli?«, fragte sie ihren Großvater nun.

»Besser. Das Fieber ist gesunken. Und gefressen hat sie eben auch wieder. Ich glaub, das Ärgste ist überstanden.«

»Das ist gut. Wollen wir später die Hochalmen begehen? Ich würde gerne nachschauen, ob die Lawine von letzter Nacht dort großen Schaden angerichtet hat. Schließlich sollen unsere Schafe und Ziegen bald wieder hinauf, net wahr?«

Xaver bedachte seine Enkelin mit einem wohlwollenden Blick.

»Von mir aus gerne. Es hat ordentlich gekracht letzte Nacht, gelt? Hoffentlich hat die Lawine den Steig net auch in Mitleidenschaft gezogen!«

»Dann nehm ich den Pfad ins Tal. Der ist zwar jetzt im Frühjahr recht matschig, aber ich werde schon irgendwie durchkommen. Auf meine Kurse in Kochen und Backen heut kann ich schließlich net verzichten.«

»Mein fleißiges Bienerl«, nannte Xaver seine Enkelin schmunzelnd und erhob sich. »Dann sollten wir jetzt frühstücken, damit du net zu spät zum Unterricht kommst. Triffst du dich nachher auch mit dem Tobias?«

»Er kommt heut auf d’ Nacht zu uns.«

»Sehr gut.« Xaver rieb sich die Hände, doch Burgl mahnte ihn: »Dass du mir den Tobias net wieder zum Schafskopfen verführst. Letzte Woche hat unser gemeinsamer Abend’ dadurch nämlich ein jähes Ende genommen.«

Xaver setzte eine wahre Unschuldsmiene auf, als er beteuerte: »Es käme mir nie in den Sinn, euch Turteltauberln zu stören. Schon gar net mit einem Kartenspiel.«

»Ja, gewiss«, seufzte Burgl und musste doch schmunzeln, denn dem Großvater böse sein, das konnte sie einfach nicht.

***

Nach dem Frühstück räumte Burgl den Tisch ab und besprach mit der Küchenmagd Zenzi das Mittagsmahl. Danach musste sie sich sputen, um nicht zu spät zum Unterricht zu kommen.

Als das Madel ins Freie trat, atmete es einmal tief durch. Herrlich frisch und klar war die Luft an diesem Morgen! Im Beet neben der Haustür leuchteten Schneeglöckchen, Krokus und Winterling um die Wette. Mit ihren zarten und doch robusten Blüten schienen sie den Frühling zu begrüßen. Und im Hausbaum, der alten Kastanie, sangen Meise und Buchfink ihr fröhliches Lied.

Ja, das Leben war schön, wenn die Tage wieder lichter und heller wurden!

Bester Dinge machte Burgl sich auf den Weg ins Tal. Dabei ließ sie den Blick schweifen und genoss mit offenen Augen die herrliche Majestät der Bergwelt.

Im Norden erhob sich der Geigelstein mit seiner charakteristischen Silhouette, daneben der Wilde Kaiser, der das ganze Jahr über eine Schneemütze trug. Gegenüber lag Prien, direkt am See mit den beiden Inseln, der größeren Herrenchiemsee und der kleinen Frauenchiemsee.

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