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Alpengold - Folge 187

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Die schöne Wirtin von nebenan

Sie hatte viele Verehrer – und einen Feind

Von Rosi Wallner

Die Bewohner des abgelegenen Dorfes Salzberghofen fragen sich seit Langem, woher Hermann Kronbichler das Geld hat, um einen teuren Wagen zu fahren und eine offensichtlich höchst anspruchsvolle Freundin auszuhalten. Sein Wirtshaus an der Grenze bringt doch fast nichts ein!

Der Feriengast Michael Reinders scheint sich ebenfalls sehr für die Geschäfte von Hermann zu interessieren. Doch die bildhübsche Barbara Sonnleiten will ihn davon abhalten, Nachforschungen anzustellen. Warum wohl?

Es war eine holprige Sandstraße, die, eingeklemmt zwischen Wald und hohen Bergen, zur österreichischen Grenze führte. Noch vor dreißig Jahren gab es einen Übergang für den Publikumsverkehr. Mit einer kleinen Grenzstation, die aber aufgegeben wurde, weil sich kaum noch jemand in die Einsamkeit verirrte.

Stehen geblieben war nur das Wirtshaus »Zur Kapelle«, ein Bau aus der Zeit nach 1800, als das »Salzburger Land« dem Königreich Bayern einverleibt wurde.

Es war ein Holzbau, dickwandig, mit einem weit heruntergezogenen Dach, dessen Schindeln mit großen Steinen beschwert waren. Die ehemals grünen Holzläden der Fenster hingen schief in den Angeln, wie überhaupt das ganze Gebäude einen heruntergekommenen Eindruck machte.

Bewirtschaftet wurde es vom Kronbichler-Hermann, einem fünfunddreißigjährigen Junggesellen, dessen älterer Bruder im nahen Salzberghofen den größten Bauernhof bewirtschaftete.

Der Kronbichler-Hermann war schon ein ganz besonderes Mannsbild. Nicht, weil er »einschichtig«, also, unverheiratet war, sondern weil er ein bisserl geheimnisumwittert und außerhalb der Gepflogenheiten der Berchtesgadener Bevölkerung durchs Leben ging.

Er hauste mit einer Haushälterin zusammen, die Wolperer-Afra, die vom Alter her schwer einzuschätzen war.

Die beiden waren wie Feuer und Wasser. Die Afra zerknittert, ein bisserl schlampig, mürrisch Fremden gegenüber, aber in gewissen Situationen von einer körperlichen und geistigen Beweglichkeit, die man ihr nicht zugetraut hätte. Ihren schwarzen, manchmal stechend wirkenden Augen entging nichts, was sich im Haus und der näheren Umgebung bewegte, und Hermann, der ihr Abgott war, umhegte sie mit einer rührenden Liebe und Sorgfalt, als wäre er ihr eigenes Kind.

Hermann saß auf der Bank neben der Haustür, hatte seine überlangen Beine, die in einer hirschledernen Bundhose steckten, weit von sich gestreckt und rauchte, dabei genüsslich vor sich hin schmunzelnd, eine Pfeife.

Er war ein Mann wie aus einem Wildererfilm. Buschige Augenbrauen überschatteten lebhafte Augen, und sein markantes Gesicht mit der leicht gebogenen Nase hatte schon viele Madln durcheinandergebracht. Aber nie war Hermann an einer hängen geblieben.

»Afra …«, rief er ins Haus, und seine Stimme klang satt und befriedigt. »Bring uns beiden eine Flasche Schampus. Ich meine, dass wir uns den verdient haben!«

Afra steckte den Kopf zur Tür heraus. Sie lächelte wohlgefällig, was bei ihrem sonst eher mürrischen Gesichtsausdruck eine Seltenheit war.

»Meinst du, dass wir uns das leisten können?«, fragte sie mit auf die Seite gelegtem Kopf. »Wo doch das Wirtsgeschäft überhaupt nix abwirft und kaum einmal jemand zu uns herauskommt.«

Hermann lachte übermütig, selbstsicher und stolz zugleich.

»Grad noch, Afra, grad noch! Und vergiss net, ein Glaserl für dich mitzubringen. Hast es verdient, dass wir gemeinsam feiern.«

Kurz darauf kam sie mit einer Flasche Champagner zurück, denn Hermann trank nur echten Champagner.

»Den deutschen Sekt«, das war sein Ausspruch, wenn er mit der Afra allein war, »den können die Deutschen selber trinken. Wir leisten uns einen Champagner, weil wir uns den auch schwer verdient haben!«

Afra lächelte wieder, was ihr herbes Gesicht seltsam verschönte. Sie stießen miteinander an und tranken mit Genuss.

»Bist schon ein Hund, Hermann.« Sie nickte anerkennend. »Du weißt allerweil, was gut für dich ist. Und mich vergisst du auch net.«

Er tätschelte ihre Hand. »Bist doch mein bestes Stückerl im Haus, Afra! Ohne dich hätte ich den Gasthof längst aufgeben müssen.«

»Ich muss ja dein bestes Stückerl sein«, kicherte sie in sich hinein. »Wo ich doch die Einzige bin, die es da draußen bei dir aushält. Oder könntest du dir denken, dass deine Marion hier mit dir hausen möchte?«

Er verzog das Gesicht. »An die Marion hättest mich jetzt net erinnern dürfen«, seufzte er. »Mir wird ganz schlecht, wenn ich daran denke, wie sie mich neulich wieder bedrängt hat!«

Afra nahm einen kräftigen Schluck und hielt Hermann ihr leeres Glas entgegen.

»Darfst schon noch einmal einschenken, gell! Um aber auf Marion zurückzukommen, sie möcht dich heiraten, was? Hat sie schon das Brautkranzerl geflochten, auf das du reinfallen sollst?«

»Lieber heut als morgen«, seufzte Hermann. »Jedes Mal liegt sie mir in den Ohren, dass ich das Wirtshaus verkaufen soll!«

»Kriegst doch nix für das alte Gelump. Bloß das Grundstück ist noch was wert. Und der Wald, der dazugehört. Was möchte sie denn, deine Marion?«

»Na, was schon, ein Hotel soll ich kaufen, damit sie so richtig die feine Wirtin spielen kann!«

Afra stieß Hermann mit dem Ellbogen in die Seite und lachte.

»Und wovon sollst ein Hotel bezahlen, wo du doch durch die Wirtschaft kaum einen Verdienst hast?«

»Eben!«, lachte Hermann. »Das hab ich ihr auch gesagt! Aber sie glaubt’s ja net. Wenn du so einen dicken Mercedes fahren kannst, hat sie mir gesagt, dann wirst wohl auch Geld in Reichenhall auf der Sparkasse haben. Haben wir Geld auf der Sparkasse, Afra?«

Sie schüttelte den Kopf. »Keinen Cent! Und wenn Marion darauf besteht, dann kann ich beschwören, dass ich bei dir nur für ein Trinkgeld und für Kost und Logis arbeite.«

»So weit wird’s net kommen.« Hermann schenkte noch einmal die Gläser voll. Und beide tranken den Champagner wie Wasser, wo doch der Hermann selbst für so ein Flascherl, wenn er »im Großen« einkaufte, mehr als zwanzig Euro auf den Tisch legen musste.

»Ach ja – was ich noch sagen wollte«, fing Hermann nach einer Weile an, »für den Sonntag hat sich so ein spinnerter Omnibus-Unternehmer bei uns angesagt. Dreißig Leute will er mitbringen. Einen Schweinsbraten sollen wir machen und …«

»Und vielleicht auch noch eine Suppe vorneweg«, grantelte Afra. »Nix als Arbeit bringt uns der Depp ins Haus. Und nix als Unruhe in unsere Berge.«

»Aber Afra …«, sagte Hermann scheinbar vorwurfsvoll, grinste aber dabei, »wo wir doch eigentlich froh sein müssen, dass uns der Omnibus einen Verdienst ins Haus bringt!«

»Von den vielen Arbeiten sagst nix, gell. Aber da musst mir schon helfen beim Kartoffelschälen. Ist überhaupt noch ein Fasserl Bier im Haus?«

»Zwei, Afra! Helles und dunkles! Da fehlt nix. Wenn sie schon bei uns in der »Kapelle« einkehren müssen, wollen wir uns auch net lumpen lassen. Der Metzger bringt am Samstag das Fleisch. Da kannst schon ein bisserl was vorbraten, damit am Sonntag alles gerichtet ist, wenn die Fremden kommen.«

Afra stand auf. »Soll ich vielleicht schon gleich anfangen mit den Vorbereitungen für die hohen Gäste? Oder wie hast du das gemeint?«

Er schnitt eine Grimasse. »Also, ich will dir ja net zu nahetreten, Afra. Aber meinst net, dass es in der Wirtsstube mal nötig wäre, sauber zu machen?«

»Wenn du meinst«, erwiderte Afra wenig begeistert. »Vielleicht kann mir jemand helfen?«, fragte sie lauernd und schien dabei an eine ganz bestimmte Person zu denken.«

»Ich helf dir«, erbot sich Hermann, obwohl das Saubermachen nicht gerade die Arbeit war, die ihm sonderlich gut schmeckte.

Aber schließlich war er der Wirt vom Gasthof »Zur Kapelle«. Und das brachte gewisse Verpflichtungen mit sich, denen er sich nicht immer entziehen konnte.

Denn, wie schon erwähnt, Gäste sah der Wirt nur selten, weil das Wirtshaus halt gar zu abgelegen war und es an dieser Stelle, im Gegensatz zu früheren Zeiten, keinen Grenzübergang und keine Zollstation mehr gab.

***

Eigentlich mochten die Bauern die bildhübsche, immer freundliche Barbara recht gern. Sie war sozusagen »eingemeindet« worden, als die Familie des Landgerichtsdirektors Dr. Sonnleiten in Salzberghofen an eine der schönsten Hanglagen des Ortes ein Haus gebaut hatte. Der Herr Doktor fand es nämlich auf dem Lande schöner als in der Stadt!

Aber der »Herr Doktor«, wie der Landgerichtsdirektor ehrerbietig von den Dörflern angesprochen wurde, konnte sich des neuen Domizils nicht lange erfreuen.

Ein Herzinfarkt machte seinem Leben frühzeitig ein Ende. Und seitdem lebten Mutter und Tochter allein in dem viel zu großen Haus am Ende des Dorfes.

Nach dem Abitur trat Barbara in die Fußstapfen ihres Vaters und studierte Jura. Sie war im dritten Semester, aber jetzt, in den Ferien von August bis Ende Oktober, war sie natürlich daheim bei ihrer Mutter und nutzte jeden schönen Tag zu Bergwanderungen.

Die Bewohner von Salzberghofen nahmen dies immer wieder mit Kopfschütteln zur Kenntnis, gerade weil sie Barbara recht gut leiden konnten.

Ihrer Meinung nach schickte es sich nicht, dass ein so junges Madl allein in den Bergen herumkraxelte, ja sogar Hochgebirgstouren unternahm, die eigentlich einen erfahrenen Bergführer erfordert hätten.

Als Barbara in der Früh durch die blühenden Wiesen marschierte, wurde ihr freundlich zugenickt. Und auch manchen herzlich gemeinten Gruß hörte das junge Madl.

War sie aber erst außer Hörweite, ging das Sticheln los.

»Dass die Bärbel immer allein herumlaufen muss! Das schickt sich net bei uns. Mich wundert’s ja«, sagte eine Magd, »dass sie noch nie einen Freund mit nach Hause gebracht hat. Hoffentlich ist mit dem Madl alles in Ordnung«, fügte sie hinzu und zog die Augenbrauen hoch. »Man hört ja heute so viel, dass die Madln gar keinen Mann mehr wollen!«

»Da siehst es wieder«, gab ihr eine andere zur Antwort. »Die Stadt verdirbt bloß den Charakter. Aber nix Genaues weiß man. Und ich tät’s der Frau Direktor net gönnen, dass sie womöglich ein Töchterl großgezogen hat, das so ein bisserl andersherum ist.«

Sie kicherte verschämt vor sich hin und stieß die andere in die Seite. »Weißt du eigentlich, wie man das nennt, wenn ein Madl halt ein bisserl anders ist als unsereins?«

»Lesbisch …«, antwortete ihr die Kathl. »Ich hab neulich einen Film im Fernsehen gesehen, wo es um zwei Freundinnen ging, die sich sehr gern gehabt haben und keinen Freund wollten.«

»Du hast auch keinen Freund«, grinste die andere. »Vielleicht sind wir zwei auch ein bisserl andersherum? Bloß wissen wir’s halt net, weil wir net so gescheit sind wie das Fräulein Bärbel!«

So oder so ähnlich wurde hinter Barbara hergeredet.

Sie schien es zu ahnen oder zumindest für möglich zu halten, denn sie lächelte wissend vor sich hin und legte dabei ein Tempo vor, als wollte sie die Habichtsspitze, die sie sich heute zum Ziel gesetzt hatte, im Laufschritt erstürmen.

Aber so weit kam sie an diesem Tag nicht. In halber Höhe des Berges, ungefähr bei siebzehnhundert Metern, sprudelte an der Baumgrenze eine kristallklare Quelle aus dem Felsen.

Das war der letzte Rastplatz vor dem Aufstieg, und Barbara stellte sich bereits vor, wie das klare Wasser sie erfrischen und wie gut ihr die Brote schmecken würden.

Als sie den Felsen umrundete, von wo aus sie den Rastplatz einsehen konnte, fand sie ihn besetzt.

Ein Mann saß auf dem Platz, der doch eigentlich ihr gehörte. Zwischen den Beinen hatte er einen Rucksack stehen, aus dem er gerade seelenruhig und mit sichtlicher Freude die Brotzeit herausholte.

Als Barbara weitermarschierte, blickte er auf. Er sah aus wie ein älter gewordener Lausbub. Hellblonde Haare standen wirr in die Höhe, und blaue Augen lachten sie an, als würden sich die beiden jungen Leute schon wer weiß wie lange kennen und der Mann hätte nur auf das Mädchen hier an der Quelle gewartet, um mit ihr eine zünftige Brotzeit zu halten.

»Grüß Gott«, rief er ihr zu. »Haben Sie Hunger? Ich hätte Schwarzgeräuchertes anzubieten und einen Käse, der noch besser riecht, als er stinkt.«

Barbara musste lachen. Das kam so urkomisch aus dem jungen Mann heraus, dass sie gar nicht anders konnte, als sich zu ihm zu setzen, ihren Rucksack aufzuschnüren und ihrerseits anzubieten: »Ich hab frische Eier und eine Dauerwurst, wie Sie bestimmt noch keine gegessen haben.«

»Bestimmt net«, stimmte er sofort begeistert zu. »Übrigens, ich heiße Michael. Haben Sie auch einen Namen?«

»Barbara … Barbara Sonnleiten.«

Er hielt ihr seine Hand entgegen. Eine schmale, feingliedrige Hand, die zu ihm passte. »Grüß Gott, Barbara. Eigentlich müssten wir als Bergkameraden jetzt Du zueinander sagen. Aber ich möchte Sie nicht zu sehr strapazieren. Warten wir halt noch ein bisserl, bis wir uns näher kennengelernt haben.«

»So, so«, lächelte Barbara, war ihm aber keineswegs böse für seine Worte, denn Michael war ihr auf Anhieb sympathisch.

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