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Alpengold - Folge 186

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Sie war sein ganzes Glück

Warum Thomas glaubte, das geliebte Madel für immer verloren zu haben

Von Sissi Merz

Solange er denken kann, steht der junge Moosbacher-Thomas im Schatten seines jüngeren Bruders Christian. Und der fesche Chris scheint es sich zu einem Sport gemacht zu haben, Thomas zu ärgern und zu quälen. So, wie Thomas als kleiner Bub jedes Lieblingsspielzeug an Christian verloren hat, so gibt es heutzutage kein Madel, das Chris ihm nicht ausgespannt hätte. Erst als Christian nach seinem Studium beruflich nach Afrika geht, kann Thomas aufatmen. Und doch ist es noch ein weiter, steiniger Weg, bis er glauben kann, dass die hübsche Huber-Lissi ihn wirklich liebt und die Seine werden will …

Thomas Moosbacher zog den warmen, wollenen Janker über und verließ das Haus. Ein eisiger Nordwind blies ihm ins Gesicht, feiner Schnee wehte ihn an und schien mit tausend kleinen Nadeln in die Haut zu piksen.

Der Bauer Anfang dreißig senkte den Kopf, sein dichtes, dunkles Haar, das ein wenig lockig und stets widerspenstig war, wehte im Winterwind.

Es ging auf fünf Uhr zu, doch vom neuen Morgen war noch längst nichts zu merken. Jetzt, Mitte Februar, ging die Sonne erst in ein paar Stunden auf. Und Wärme würde sie kaum bringen.

Der Winter hatte den kleinen Flecken Burghausen im Werdenfelser Land fest im Griff. Heuer war er besonders streng. Es war keine Seltenheit, dass die Temperaturen in der Nacht im zweistelligen Minusbereich landeten. Das Leben wurde beschwerlich, denn der Schnee türmte sich auf den Wegen. Manch einer beschwerte sich über die hohen Heizkosten und sehnte den Frühling herbei.

Auf dem Moosbacher-Hof war das Holzlager gut gefüllt, der große Kachelofen in der guten Stube spendete behagliche Wärme. Das traditionsreiche Anwesen war bereits seit mehreren Generationen im Besitz der Familie. Thomas hatte den Hof vor fünf Jahren übernommen. Damals war sein Vater überraschend an einem Infarkt verstorben.

Hier gab es keine materiellen Sorgen, denn der Bauer war tüchtig und fleißig. Glücklich war Thomas Moosbacher allerdings nicht. Doch das hatte andere Gründe.

Nun öffnete der junge Mann die Stalltür und trat ein. Drinnen herrschte eine angenehme Wärme. Das weiß-bunte Milchvieh, das für die Region typisch war, verbrachte nur den Winter im Stall.

Im Frühjahr ging es hinaus auf die Weiden, ein Teil wurde auch zur Krameralm hinauf getrieben, um über Sommer besonders würzige und hochwertige Milch zu geben. Die wurde dann vom alten Franz, der sich auch auf die Arbeit eines Senns verstand, zu Käse verarbeitet. Der Altknecht lebte und arbeitete nun bereits über vierzig Jahre auf dem Erbhof.

Er hatte die Geburt von Thomas und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Christian miterlebt, und er hätte viel über die Familie Moosbacher erzählen können, wäre er nicht so verschwiegen und treu gewesen. Auch wenn er am Wochenende gerne mal im Wirtshaus eine Maß trank, kam doch nie ein schlechtes Wort über seinen Brotherrn aus seinem Mund. Er stand treu zu Thomas, den er heimlich so lieb hatte wie einen eigenen Sohn.

Als der Bauer nun in die Box trat, in der eine hochträchtige Kuh sich mit dem Kalben schwertat, blickte Franz überrascht auf.

»Mei, Bauer, du hättest net extra so früh aufstehen müssen. Hast schließlich noch genug anderes zu tun. Ich kümmere mich schon um die Milli und ruf den Viehdoktor, wenn es losgeht«, meinte der Alte und rieb sich über sein wettergegerbtes Gesicht.

Franz war früher ein Baum von einem Mann gewesen. Mit den Jahren war er ein wenig schmächtig geworden und konnte nicht mehr so schaffen wie einst. Doch vom Ruhestand wollte er nichts wissen. Er konnte sich mit dem Gedanken, die Hände in den Schoß zu legen, einfach nicht anfreunden.

»Ist schon recht, ich konnte eh nimmer schlafen«, wehrte Thomas ab. Er setzte sich neben Franz auf einen Hocker und betrachtete die Kuh. »Noch keine Veränderung?«

»Sie hat angefangen zu schwitzen, aber das Blaserl ist noch zu«, erstattete Franz Bericht.

»Na gut, dann kannst du jetzt schlafen gehen. Ich bleib da und kümmere mich um alles.«

Der Altknecht konnte sich nicht recht entscheiden, zu gehen. Er musterte Thomas nachdenklich. Dessen markantes Profil trat an diesem frühen Morgen stärker hervor als sonst. Er war blass, und seine klugen, grauen Augen wirkten dunkel vor Kummer.

Franz kannte diesen Ausdruck nur zu gut. Er hatte ihn bereits bei dem Buben von zwölf gesehen und bemerkte ihn nun auch an dem Mannsbild von zweiunddreißig. Er wusste um all die einsamen, trüben Stunden, die Thomas bereits erlebt hatte. Und es schnitt ihm ins Herz, den aufrechten, guten Charakter leiden zu sehen.

»Was hast du?«, fragte der Bauer ihn nun, denn er hatte seinen aufmerksamen Blick wohl bemerkt. »Stimmt was net?«

»Das frag ich dich, Bauer. Ein junges Mannsbild wie du sollte einen gesunden Schlaf haben. Machst du dir Sorgen um die Mutter?«

Marie Moosbacher hatte vor ein paar Monaten einen Schlaganfall erlitten. Sie war lange im Spital gewesen, ihr Zustand hatte sich nur allmählich stabilisiert. Nun lebte sie wieder daheim auf dem Hof, war aber pflegebedürftig. Thomas hatte deshalb eine Krankenschwester angestellt, die im Kammerl neben Maries Schlafzimmer wohnte und stets verfügbar war.

»Oder denkst du eher über die Lissi nach?«

Thomas’ Miene verschloss sich, er knurrte: »Red keinen Schmarren daher, Franz. Geh jetzt und lass mich in Ruh. Mir fehlt nix. Jedenfalls nichts, worüber ich reden mag.«

»Ist schon recht.« Der Altknecht erhob sich ein wenig schwerfällig, klopfte dem Bauern freundschaftlich die Schulter und nickte ihm mit einem schmalen Lächeln zu, eh er den Stall verließ.

Franz hatte seine Kammer im Gesindehaus. Als er sich noch ein wenig ausstreckte, fand er aber keinen Schlaf mehr, denn seine Gedanken kehrten noch einmal zu seinem jungen Brotherrn zurück. Und sie schweiften weit in die Vergangenheit ab …

Damals, als Franz noch ein junges, fesches Mannsbild gewesen war, hatte er den kleinen Thomas oft weinend im Stall gefunden. Der Bub hatte sich bei den Milchkälbern versteckt oder im Heu mit seiner schwarzen Katze geschmust. Die Kindheit des Buben war ein einziges Trauerspiel gewesen. Doch das hatte erst angefangen, als sein jüngerer Bruder geboren wurde und heranwuchs. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Bauer seinen Älteren gut behandelt und durchaus bemerkt, wie aufgeweckt und interessiert der an allem gewesen war, was mit der Landwirtschaft zu tun hatte.

»Der Thomas wird mal ein guter Bauer«, hatte Franz ihn öfter sagen hören und sich darüber gefreut. Denn bereits damals hatte er den ernsten, klugen Buben gern gehabt.

Dann aber war Christian auf den Plan getreten. Ein zartes, schwächliches Kind, das oft krank gewesen war. Die Eltern hatten ihn verwöhnt und wegen seiner schwachen Konstitution dem älteren Bruder stets vorgezogen. Wenn Thomas einmal murrte, wurde ihm seine robuste Natur als Egoismus vorgeworfen, und es hieß, er solle Rücksicht nehmen.

Der Bub hatte unter dem Mangel an elterlicher Zuwendung sehr gelitten, sich aber bemüht, es keinen merken zu lassen. Nur Franz wusste Bescheid, denn Thomas hatte ihm schon damals vertraut.

Je älter Christian wurde, desto tiefer wurde der Graben zwischen den Brüdern. Als sich herausstellte, dass der jüngere Moosbacher ein heller Kopf war, der Matura machte und sich hernach entschied, Medizin zu studieren, war der Bauer vor Stolz fast geplatzt.

Nun konnte der verwöhnte Christian sich Thomas gegenüber einfach alles erlauben. Er machte sich ständig über seinen älteren Bruder lustig und trampelte, unterstützt vom Vater, auf Thomas herum. Er benutzte ihn als Blitzableiter für seine Launen und liebte es, ihn dumm dastehen zu lassen.

Besonders gern machte er sich bei seinen Kommilitonen, die er natürlich oft zu sich einlud, über den »tumben Dorfdeppen« lustig. Seine Scherze wurden immer gemeiner und verletzender. Drohte Thomas ihm einmal Prügel an oder wehrte sich zumindest verbal, hatte er sofort den Vater am Hals. Der machte ihn noch viel heftiger nieder und verbot ihm, sein Herzblatt zu beschimpfen.

Marie war mit alldem nicht glücklich gewesen. Sie hatte ihre beiden Buben lieb und hatte sich stets bemüht, ausgleichend zu wirken, damit aber nie wirklich etwas erreicht.

In den vergangenen Jahren, vor allem seit dem Tod des Vaters, hatten die Brüder sich kaum noch gesehen.

Franz wusste, dass Christian in Tansania ein Buschhospital aufgebaut hatte und leitete. Er war sehr engagiert, hatte schon in Studienzeiten in der Entwicklungshilfe gearbeitet. Er schien ein brillanter Mediziner zu sein, auch wenn da menschlich wohl einiges zu wünschen übrig blieb.

Nach dem Schlaganfall der Altbäuerin war er nach Burghausen gekommen, um sich zu kümmern, doch die ganze Zeit hatten die Brüder nur erbittert gestritten. Schließlich war Christian beleidigt abgereist.

Der Altknecht seufzte leise. Thomas hatte sein ganzes bisheriges Leben im Schatten des bevorzugten Bruders verbracht. Franz hatte gehofft, dass der Tod des Altbauern und die Krankheit seiner Frau die beiden einander doch noch ein wenig näherbringen würden. Dass die Brüder sich aussprechen und zumindest lernen könnten, sich gegenseitig zu respektieren. Doch das war leider nicht passiert. Offenbar konnte es zwischen den beiden keine Versöhnung geben. Dazu waren die Gräben zu tief.

Franz wusste, wie schlimm das für Thomas war. Sein Bruder hatte ihm das Selbstbewusstsein geraubt. Jedes Madel, das sich für den älteren Moosbacher interessiert hatte, musste er ihm abspenstig machen. Es schien fast so, als hätte Christian einen abseitigen Spaß daran, Thomas in den Dreck zu treten.

Und nun war der Bauer, nach außen hin ein fesches, fleißiges Mannsbild, eine der besten Partien im Tal, innerlich ein gebrochener Mann. Er konnte keinem mehr vertrauen, er mochte nicht glauben, dass ein Madel ihn um seinetwillen gern hatte. Er glaubte nicht mehr an die Liebe. Und vielleicht, so vermutete Franz mit bangem Herzen, glaubte er sogar an gar nichts mehr.

Das alles nahm den Altknecht sehr mit. Nicht nur, weil er Thomas gern hatte und ihm ein glückliches, erfülltes Leben wünschte. Sondern auch, weil es auf dem Erbhof jemanden gab, der dieses Glück für Thomas hätte bedeuten können …

***

Als Franz eine Weile später die Küche betrat, werkelte die Hauserin Josefa dort bereits. Zusammen mit einer Magd richtete sie das Frühstück. Franz mochte die dralle Josefa. Sie war eine Frau in den besten Jahren, hatte das Herz auf dem rechten Fleck und verstand Spaß. Und sie nahm es ihm nicht übel, wenn er ein wenig mit ihr schäkerte. An diesem Morgen schien sie allerdings mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden zu sein. Denn seinen freundlichen Gruß konterte sie mit einem spitzen Blick und monierte dabei: »Du hast dich net rasiert, Franzl. Also wenn ich was net leiden kann, dann ist das einer, der wie ein Strolch am Tisch hockt.«

»Sei mir net bös, Seferl«, bat er beschwichtigend und ließ sich an der Eckbank nieder. »Ich hab die halbe Nacht bei der Milli gewacht und war einfach zu müd, um mich noch für dich hübsch zu machen.« Er schmunzelte, als die Magd albern kicherte. »Kannst du mir noch mal verzeihen?«

»Warum hast dich net noch aufs Ohr gelegt? Ich hätte dir was vom Frühstück aufheben können«, erwiderte sie schon zahmer.

»In meinem Alter kommt der Schlaf nimmer so einfach. Da braucht man seine Regelmäßigkeit, sonst geht gar nix. Aber wenn es dich gar so stört, geh ich rasch und rasiere mich.«

»Schmarren.« Sie drückte den Altknecht, der von der Eckbank aufstehen wollte, nieder und stellte ein Haferl Kaffee vor ihn auf den Tisch. Schließlich wusste sie, wie sehr Franz den liebte. »Da, trink das in aller Ruh. Hernach ist das Frühstück fertig.« Sie wies die Küchenmagd an, im Esszimmer den großen Tisch zu decken, dann nahm sie sich selbst auch ein Haferl und gesellte sich kurz zum Altknecht.

Der grinste genüsslich. »Nett von dir, den Kaffee mein ich …«

Josefa lächelte ein wenig. »Sag, Franzl, was meinst du, wird die Altbäuerin wieder? Es geht ihr nun schon recht lang schlecht. Sie wird uns doch net auch noch sterben. Wenn der Bauer ganz allein steht, trifft ihn das gewiss hart.«

Noch ehe der Altknecht ihr eine Antwort geben konnte, wurde die Küchentür geöffnet, und Lissi Huber kam herein. Die junge Krankenschwester grüßte freundlich und erkundigte sich nach dem Frühstück für ihre Patientin.

»Ist schon alles fertig.« Josefa goss den Tee ab und reichte dem Madel dann das Tablett.

»Sie ist tüchtig, gelt?«, meinte Franz, nachdem das Madel wieder gegangen war. »Ich glaub, es geht der Bäuerin schon viel besser, seit sie eine so gute Pflege hat. Mach dir nur keine Sorgen, Seferl. Sie wird schon wieder werden.«

»Ich hoffe, du hast recht«, seufzte die und erhob sich wieder. In diesem Moment fuhr der Jeep des Tierarztes auf den Wirtschaftshof. Als Franz das sah, wusste er, was los war. Und es hielt ihn nichts mehr im Haus, auch nicht die Aussicht auf ein deftiges Frühstück.

Schon wenig später lag ein schwarzes Stierkalb im Stroh, das von seiner stolzen Mutter zärtlich trocken geleckt wurde. Während man im Stall auf das neue Leben einen Enzian leerte, wollte Marie Moosbacher wissen, wer denn so früh zu Besuch gekommen war. Sie hatte den Wagen gehört und bat Lissi, aus dem Fenster zu sehen.

Die junge Krankenschwester warf einen Blick nach draußen und meinte: »Das ist der Viehdoktor, da steht doch eine Geburt an.«

»Ach so.« Marie ließ sich in ihre Kissen zurücksinken und widmete sich wieder ihrem Frühstück.

Von dem Schlaganfall war rein äußerlich nicht mehr viel zu sehen. Sie konnte ihre Hände nicht mehr richtig benutzen. Und ihr Mund war ein wenig schief, was aber kaum auffiel. Auch ihre Aussprache war undeutlicher als früher. Insgesamt war sie noch immer eine schöne Frau mit dem reichen, dunklen Haar und den großen, tiefblauen Augen.

Einst hatte der Moosbacher-Bauer eine wahre Schönheit zum Traualtar geführt. Die Bäuerin hatte ihr gutes Aussehen ihren beiden Söhnen vererbt. In manch stillem Moment fragte sie sich aber, ob dies bei Christian nicht eher ein Fluch als ein Segen war. Durch sein gutes Aussehen hatte er stets alles bekommen, was er wollte, vor allem Thomas’ Freundinnen …

Lissi setzte sich nun wieder an das Bett ihrer Patientin und half dieser beim Essen. Sie war ein hübsches Madel Mitte zwanzig. Das ebenmäßige Gesicht wurde von klaren, blauen Augen dominiert. Das brünette Haar trug sie gern in allerlei kunstvoll geflochtenen Zöpfen und Zöpfchen. An diesem Morgen hatte sie mehrere Zöpfe geflochten und zu einem aparten Knoten gesteckt, der ihre schöne Nackenlinie freigab.

»Sag, Lissi, fühlst du dich denn mittlerweile wohl bei uns?«, fragte Marie nach dem Essen. Sie wusste, dass es dem Madel nicht leichtgefallen war, sich auf dem Erbhof einzuleben.

Lissi kam aus Garmisch, war dort geboren und aufgewachsen. Doch es war wohl nicht nur der Unterschied zwischen Stadt und Land, der ihr die Eingewöhnung erschwert hatte. Es lag vor allem an der ruppigen Art des Bauern.

»Es gefällt mir in Burghausen«, versicherte sie offen. »Die Landschaft ist herrlich. Und ich mag dich gern, Bäuerin. Du bist sozusagen eine sehr pflegeleichte Patientin.«

Marie musste schmunzeln. Gleich wurde sie jedoch wieder ernst und gab zu bedenken: »Das kann man wohl leider net von allen hier auf dem Hof sagen, net wahr?«

»Du meinst deinen Sohn?« Lissi seufzte leise. Sie mochte die Bäuerin wirklich und hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihr.

Bis sie diese private Pflege angenommen hatte, war sie im Spital in Garmisch tätig gewesen. Lissi fand zu all ihren Patienten leicht Zugang, denn sie war ein offener, herzlicher Mensch.

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