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Alpengold - Folge 183

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bluemchen

Glücklich ist, wer vergeben kann

Ein einziges Mal brach er den Treueschwur

Von Sissi Merz

Ganz allein steigt die schöne Wanninger-Barbara ins Tal hinab, um in der kleinen Kapelle Abschied zu nehmen – Abschied von einem Glück, das lange schon verloren ist: Unter den gütigen Augen der alten Madonna hat Barbara hier einst ihrer großen Liebe Tobias ewige Treue geschworen – wie er ihr. Aber bald nach der Hochzeit ist der junge Geologe zu einer Forschungsreise aufgebrochen, um nie zu ihr und ihrem kleinen Sohn zurückzukehren!

Fünf lange Jahre hat Barbara vergeblich gewartet, gebetet und gehofft – nun ist’s genug! Jetzt will sie ihrem Leben endlich eine neue Richtung geben und das unselige Band zerschneiden, das sie an einen Lügner kettet …

Noch in derselben Nacht schreibt sie einen Brief an ihren Mann, in dem sie ihn um die Scheidung bittet. Doch damit tritt sie eine Lawine des Schicksals los, die ihr Lebensglück und das ihres Kindes unter sich zu begraben droht …

Golden stieg die Sonne über die Spitze des Stocker. Ihr Licht färbte den klaren Winterhimmel in einem hellen Blau und ließ das tief verschneite Tal von Mühldorf märchenhaft glitzern und schimmern. Es war Winter im oberbayerischen Land, die Berge trugen dicke weiße Mützen, die Nächte waren bitterkalt und die Tage erfüllt von strahlendem Sonnenschein. Seit Wochen war es nun beständig im Tal von Mühldorf nahe Bayerischzell.

In dem idyllisch gelegenen Dorf am Fuße des Wendelstein gab es mehrere Fremdenpensionen. Es war ein beliebtes Ferienziel, die Gäste kamen, um die schönen Abfahrten am nahen Stocker zu nutzen oder den endlos scheinenden Langlaufloipen zu folgen, die zwischen hohen Tannen und dem zugefrorenen Vogelsee durch die majestätische Berglandschaft führten.

In Mühldorf hatte man sich schon früh auf den Fremdenverkehr verlegt. Es gab zwar auch noch mehrere Bauern, doch die meisten Menschen im Tal lebten vom Tourismus. Doch man hatte hier aus den Fehlern der anderen Ortschaften gelernt. Riesige Bettenburgen oder Skilifte, die nur als Naturfrevel zu bezeichnen waren, suchte man in Mühldorf vergebens.

Der kluge Ortsvorsteher setzte auf den sanften Tourismus und fuhr damit seit Jahren gut.

Die Menschen im Tal hatten ihr Idyll erhalten und waren zugleich mit der Zeit gegangen. Ein Spagat, der weiß Gott nicht überall im schönen Bayernland geglückt war.

Doch die Mühldorfer gaben etwas auf ihre Tradition und waren im besten Sinne des Wortes bodenständig.

Das galt auch für den Berghof oberhalb des Dorfes. Der Schöntaler-Hof war seit Jahrzehnten bei Feriengästen bekannt und beliebt. Im Sommer kamen Kraxler und Bergwanderer, im Winter Skiläufer oder einfach nur Menschen, die es sich bei Hüttenromantik und großartigem Panorama gut gehen lassen wollten. Und das konnte man auf dem Schöntaler-Hof.

Vor über zwanzig Jahren hatten Vroni und Sepp Schöntaler es gewagt, ihr Leben ganz umzukrempeln. Sie hatten die unrentabel gewordene Almwirtschaft aufgegeben, den Hof zur Fremdenpension umbauen lassen und sich dann auf die herrliche Landschaft verlassen, die schon lange als Touristenmagnet wirkte.

Freilich hatte es eine gewisse Anlaufzeit gebraucht, bis der Berghof richtig bekannt geworden war. Doch mit ausgesucht freundlichem Service und einer herzlichen Ursprünglichkeit, wie man sie sonst in Hotels und Pensionen kaum fand, hatten die Schöntalers es schließlich geschafft.

Mittlerweile waren Vroni und Sepp im Ruhestand. Sie hatten sich einen Traum erfüllt und verbrachten ihren Lebensabend auf der Sonneninsel Mallorca. Vor gut fünf Jahren hatte ihre Tochter Barbara den Berghof übernommen und führte diesen nun ebenso erfolgreich weiter.

Zu dieser Zeit hatte das bildschöne blonde Madel mit den klaren, himmelblauen Augen auch ihr privates Glück gefunden oder es zumindest geglaubt. Barbara hatte sich damals in den feschen Geologen und Profikraxler Tobias Wanninger verliebt. Tobias stammte nicht aus der Gegend, er war bei einer Klettertour im Berghof abgestiegen, und es hatte bereits auf den ersten Blick zwischen ihm und Barbara gefunkt.

Das schöne Madel hatte viele Verehrer gehabt, die Burschen in Mühldorf waren Barbara rudelweise nachgelaufen, allen voran der Sohn vom Nachbarhof, Sebastian Lohmeier. Sie hatte sich noch nicht so recht entscheiden können, genoss die Bewunderung der Burschen.

Mit Tobias aber war alles ganz anders gewesen. Er war ihre große Liebe und sie für ihn die Erfüllung. Ihre Herzen hatten sich bereits im ersten Augenblick einander zugeneigt, es war eine Liebe, wie man sie nur einmal im Leben finden kann.

Doch es hatte auch Schattenseiten gegeben, denn Barbara hatte gleich gespürt, wie wichtig Tobias das Kraxeln und auch sein Beruf als Geologe waren. Beides hatte bis zu diesem Zeitpunkt die Hauptrolle in seinem Leben gespielt. Er war viel gereist, hatte überall auf der Welt Gipfel bezwungen und war alles andere als ein bodenständiger Typ.

Trotz aller Bedenken hatte aber die Liebe den Ausschlag gegeben. Bevor Barbara Tobias das Jawort gab, hatte er einen besonderen Treueschwur abgelegt, um sie von der Ernsthaftigkeit seiner Gefühle zu überzeugen. Er hatte ihr in der kleinen Kapelle von Mühldorf geschworen, sein Leben mit ihr zu teilen, ihr immer treu zu bleiben und nie etwas über ihre Zweisamkeit zu stellen. Und er hatte es wirklich ernst gemeint.

Die erste Zeit nach der großen Hochzeitsfeier auf dem Berghof war für beide das pure Glück gewesen. Nachdem Vroni und Sepp ihnen den Hof übergeben hatten, entwickelte Tobias den Ehrgeiz, ein richtiger Berghofwirt zu werden. Er wollte es Barbara in allem recht machen und sie glücklich sehen.

Doch schon nach wenigen Monaten war ein Schatten auf das junge Glück gefallen. Tobias hatte die Chance erhalten, an einer Expedition in den Himalaya teilzunehmen. Dies hatte bedeutet, dass er gleich zwei seiner Leidenschaften widerstehen sollte: dem Kraxeln wie der Gletscherforschung.

Barbara hatte ihrem Mann die Wahl gelassen. Ihr war damals durchaus bewusst gewesen, dass diese Gelegenheit nicht einmalig bleiben würde. Sie hatte Tobias zu nichts zwingen wollen, hatte ihn nur an seinen Treueschwur erinnert. Dass sie in der Hoffnung stand, hatte sie für sich behalten.

Schließlich war das Locken der Ferne stärker gewesen als alles andere. Tobias war gegangen, hatte Barbara und den Berghof verlassen, um seiner Berufung zu folgen.

Es hatte ihr das Herz gebrochen, lange Zeit war die junge Frau wie krank gewesen vor Sehnsucht und Kummer.

Doch dann hatte sie einem kleinen Buben das Leben geschenkt, und dadurch hatte auch ihr Dasein einen ganz neuen Sinn erhalten.

Fünf Jahre waren seither vergangen. Barbara hatte sich zu einer tüchtigen Berghofwirtin entwickelt, sie war bei den Feriengästen beliebt und hatte ihr Leben im Griff. Ihr kleiner Sohn Peter ging mittlerweile in den Kindergarten in Mühldorf und war ein richtiger Sonnenschein.

Von Tobias kamen regelmäßig Briefe, die Barbara zwar las, aber nie beantwortete. Sie sehnte sich noch immer nach ihrem Mann, der einen unverrückbaren Platz in ihrem Herzen einnahm. Doch sie glaubte nicht mehr daran, dass Tobias eines Tages heimkommen würde. Die weite Welt war sein Daheim, seine Berufung schien ihm wichtiger zu sein als seine Gefühle für sie.

Die junge Berghofwirtin war nicht verbittert und fühlte sich auch nicht einsam. Nur nachts, wenn sie allein in ihrer Kammer im Bett lag, dann kehrten die Gedanken zu Tobias zurück und die Sehnsucht ließ sie manch stille Träne vergießen …

An diesem klaren und sonnigen Wintermorgen war Barbara wie stets zeitig auf den Beinen. Sie kümmerte sich darum, dass die Gäste pünktlich ihr Frühstück bekamen und alles reibungslos ablief.

Längst war Barbara kein junges Madel mehr, sie ging auf die dreißig zu, war eine gestandene Frau. Und doch sah sie noch sehr jung aus, zart und so bildhübsch, dass es manchem männlichen Logiergast bei ihrem Anblick glatt den Atem verschlug. Momentan wohnte ein Gast aus München im Berghof, der ganz ungeniert mit der schönen, ledigen Wirtin flirtete.

Barbara ging bis zu einem gewissen Grad auf sein Geplänkel ein, wies ihn aber stets auch in seine Schranken. Sie hatte genug Selbstbewusstsein entwickelt, um sich durchsetzen zu können.

Gegen halb acht weckte sie Peter, damit er rechtzeitig in den Kindergarten kam. Manchmal tat es Barbara fast weh, wie ähnlich der Bub seinem Vater sah. Obwohl er die blonden Locken der Mutter geerbt hatte, waren seine feinen Gesichtszüge und die klaren Augen doch wie ein Abbild ihres Mannes. Und wenn Peter lachte, dann war es ihr beinahe, als wäre Tobias wieder bei ihr.

Der Bub war bereits munter und sprang fröhlich aus dem Bett. Peter war ein Frühaufsteher, und er liebte den Winter. Wenn draußen richtig viel Schnee lag, dann war er in seinem Element.

»Heut bauen wir im Kindergarten wieder einen Schneemann«, erzählte er seiner Mutter bei Kakao und Cornflakes. »Das macht Spaß! Vielleicht darf ich die Nase in sein Gesicht stecken.« Er lachte. »Die Franzi bringt gewiss eine Karotte dafür mit!«

Franziska Baumann war die Kindergärtnerin, Peter liebte sie heiß und innig. Sie hatte ein besonderes Händchen für die Kleinen und immer Ideen, die bei den Kindern ankamen.

»Das wird gewiss ein Spaß, aber vergiss net die Handschuhe!«, erinnerte Barbara ihren kleinen Sohn, der im Eifer des Gefechts auch mal ohne Jacke nach draußen lief. Peter erschien diese Mahnung jedoch offenbar ganz überflüssig.

»Freilich denk ich dran, Mama, keine Sorge. Ich bin ja kein Baby mehr, gelt?«

Die junge Frau musste schmunzeln. »Nein, das bist du nimmer. Doch jetzt komm, wir müssen los, sonst wird es zu spät.«

»Heut Abend kommt der Onkel Sebastian vorbei, gelt?«, meinte Peter, während er seine Jacke überzog. »Er muss mir bei dem Puzzle helfen, allein krieg ich das nie fertig.«

»Das hat er versprochen, und das wird er auch halten«, war Barbara überzeugt.

Sebastian Lohmeier war in den vergangenen Jahren so etwas wie ein Ersatzvater für den Buben geworden. Er konnte gut mit Peter umgehen, und der Bub mochte ihn. Wenn sie manchmal am Abend in der guten Stube beisammen saßen, hätte man sie für eine kleine, glückliche Familie halten können …

Wenig später setzte Barbara ihren Sohn am Kindergarten ab und machte noch einen Abstecher zum Kramladen. Nachdem sie eingekauft hatte, was fehlte, ging es schnurstracks zurück zum Berghof, wo eine Menge Arbeit auf sie wartete.

Barbara war sehr gewissenhaft und überließ nichts dem Zufall. Die tüchtige Berghofwirtin legte Wert darauf, stets alles im Griff zu haben. Zumindest auf dem Berghof sollte es keine Beanstandungen geben und alles wie am Schnürchen laufen, auch wenn Barbara in ihrem Leben sonst leider nicht alles so beeinflussen konnte, wie sie es sich gewünscht hätte …

***

»Mei, Frau Wanninger, ein Glaserl Wein könnten wir aber doch noch zusammen trinken. Wenn Sie mir heut Abend schon wieder einen Korb verpassen, werde ich depressiv.« Markus Theis, der Gast aus München, lächelte Barbara jungenhaft zu. »Na, wie ist es? Nur auf ein Viertelstündchen?«

Die junge Frau erwiderte sein Lächeln bedauernd.

»Es tut mir leid, Herr Theis, ich muss mich um meinen Sohn kümmern. Und ein ganz klein wenig Privatleben werden Sie mir gewiss auch zugestehen, net wahr?«, fragte sie freundlich.

Der Gast seufzte. »Na schön, ich seh schon, ich kann net bei Ihnen landen. Dann werde ich dem Berghof heut Abend wohl untreu und fahre hinunter ins Tal. Vielleicht vergesse ich beim Tanz in der Pension Rosi ja meine unerfüllte Sehnsucht.« Wieder seufzte er. »Wenigstens für diesen Abend …«

Barbara musste schmunzeln, denn der Gast trug wirklich etwas dick auf. Zum Glück kam gerade Sebastian Lohmeier in die kleine Empfangshalle des Berghofs. Als er Markus Theis gewahrte, verschloss sich seine Miene. Er trat an die Rezeption und übersah den Münchner geflissentlich, während er Barbara fragte: »Ist der Peter noch wach? Tut mir leid, aber ich hab’s net früher geschafft.«

»Geh nur nach hinten durch, ich komme gleich«, erwiderte sie vertraulich. Und an den Gast gewandt: »Dann noch viel Spaß im Tal, Herr Theis, und einen schönen Abend.«

Dieser verzog enttäuscht den Mund und murmelte: »Ach, so ist das. Na, da kann man wohl nix machen.«

Barbara folgte gleich darauf Sebastian in ihre private Wohnung. Diese lag im Erdgeschoss, sodass die Berghofwirtin immer greifbar war, wenn sie gebraucht wurde. An diesem Abend war und blieb aber alles ruhig. Peter hatte in der guten Stube auf den Besucher gewartet, sein Puzzle war ungefähr zur Hälfte gelegt und nun kam er beim besten Willen nicht weiter. Als Barbara die Stube betrat, hatte Sebastian sich bereits zu ihrem Sohn gesetzt und betrachtete aufmerksam die Puzzleteile.

Die junge Frau holte eine Flasche Wein und etwas Knabberzeug aus der Küche und gesellte sich dann zu den beiden.

»Mei, war das heut ein Stress!«, seufzte Sebastian und fuhr sich durch sein dichtes, dunkelblondes Haar. »Der Viehdoktor war den halben Vormittag da, gleich zwei Kühe mit Kolik. Der Vater hatte wieder das Reißen im Kreuz. Und die ganze Schreiberei ist liegen geblieben. Dabei braucht der Steuerberater die Unterlagen fürs Finanzamt. Ich weiß gar nimmer, wo mir der Kopf steht. Und du schaust aus wie der junge Morgen, Babsi. Wie machst du das nur? Ich wette, du warst heut mindestens so fleißig wie ich.«

Sie lachte und trank einen Schluck Wein.

»Die Arbeit hält mich in Schwung«, scherzte sie dann und legte ein Puzzleteil an die richtige Stelle. »Stress kenn ich net. Mir macht es erst Spaß, wenn ich viel zu tun hab.«

»Noch ein Satz und ich wiederhole meinen Heiratsantrag«, ging er auf ihren lustigen Tonfall ein.

»Hört halt auf mit dem Schmarrn«, bat Peter da konzentriert. »Wie soll man sich denn das Bild richtig vorstellen, wenn da allerweil geflirtet wird?«

»Was sind denn das für Ausdrücke?«, wunderte Barbara sich. »So was lernt man aber net im Kindergarten, oder?«

Peter bekam rote Ohren und grinste verschämt.

»Na, das net. Aber im Fernsehen schon«, gab er zu und ärgerte sich, als die Erwachsenen lauthals lachten. So ging es in fröhlicher Manier weiter, bis dem Buben allmählich die Augen zufielen. Peter wollte aber nicht ins Bett, bevor das Puzzle fertig war. Er entwickelte einen rechten Ehrgeiz, den seine Mutter schließlich mit einer strengen Ermahnung beendete.

»Ich komme gleich und sag dir Gute Nacht«, versprach sie. »Und ich seh auch hinter den Ohren nach, ob du dich gewaschen hast.«

Peter verzog den Mund und murmelte: »Immer diese Drohungen.«

Nachdem der Bub sich von Sebastian verabschiedet hatte, meinte dieser: »Das Peterle ist schon ein aufgewecktes Kind. Du kannst wirklich stolz auf ihn sein, Babsi.«

»Ja, das bin ich auch. Aber manchmal ist er doch recht anstrengend und sehr lebhaft.« Sie schenkte Wein nach und bat: »Setz dich ruhig schon mal aufs Sofa und mach es dir bequem. Ich schau kurz nach dem Buben, dann bin ich wieder da. Magst du sonst noch was essen?«

»Nein, dank schön, ich bin wunschlos zufrieden«, versicherte er ihr lächelnd. »Das heißt, wenn du wieder bei mir bist.«

Sie erwiderte sein Lächeln und verließ die gute Stube. Es war schön, wenn Sebastian da war. Sie verstanden sich noch immer so gut wie früher. Aber es war auch anders, denn Barbara wusste, dass der Jungbauer sie lieb hatte und heiraten wollte.

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