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Alpengold - Folge 181

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bluemchen

Sie wollte ihn halten

Ergreifender Roman um ein vom Schicksal hart geprüftes Madel

Von Sissi Merz

Wie die geringste Magd lebt die hübsche Neubauer-Lena auf dem prächtigen Hof ihres Onkels, und lange schon hat sie kein gutes Wort und keine liebevolle Geste mehr erfahren. Als der fesche David Roth ins schöne Riedenberg kommt und als Knecht auf dem Neubauer-Hof einsteht, fliegt ihm Lenas junges Herz im Sturm zu, und bald schon schmieden die beiden, unbemerkt von den Bauersleuten, süße Zukunftspläne …

Niemand ahnt, dass David nicht der aufrechte, hilfsbereite Bursch ist, für den er sich ausgibt – am allerwenigsten Lena, denn viel zu schön klingen seine innigen Liebesschwüre! In Wahrheit aber verfolgt David nur seine eigenen egoistischen Ziele. Und als er unvermutet seine Chance gekommen sieht, da greift er zu – und stürzt die arglose Lena in Unglück und Verzweiflung …

Mit einem verträumten Blick schaute Lena Neubauer aus dem schmalen Kammerfenster in den Novembermorgen hinaus. Die Sonne war eben erst aufgegangen. Sie lugte hinter dem Aschenjoch, dem Hausberg von Riedenberg, hervor. Ihre goldenen Strahlen sorgten dafür, dass der nächtliche Nebel sich hob und die Sicht auf das schöne Tal im Oberbayerischen freigab. Nur einzelne Schleier umhüllten bald noch die dunklen Bergwälder oder sammelten sich in versteckten Senken. Doch die Sonne stieg höher und versprach einen angenehm milden Tag.

Der Herbst ließ sich in diesem Jahr Zeit, was Lena nur recht war. Das bildsaubere Madel von Anfang zwanzig mochte die kalte Jahreszeit nicht besonders.

Lena war ein Sommerkind, mitten im August, der heißesten Zeit des Jahres, geboren. Sie fror nicht gern, hatte im Winter ihren Platz direkt am Kachelofen. Doch wenn der Spätherbst eine verwunschene Stimmung in der Natur zauberte, dann kam das Madel schon ins Träumen.

Lena hatte bereits als Kind viel Fantasie besessen. Sie war klug und musisch begabt, hatte eine glockenhelle Singstimme. Lange war es her, dass sie daran geglaubt hatte, mit dieser Stimme Karriere als Sängerin machen zu können. Es hatte Menschen gegeben, die ihr dies vorausgesagt hatten. Doch das war Vergangenheit. Und die Vergangenheit war tot.

Ein harter Glanz trat in Lenas klare, graugrüne Augen, und sie begannen zugleich, verdächtig zu schimmern. Immer wenn sie an früher dachte, kämpften zwei Seelen in ihrer Brust: die eine, die vergessen wollte, weil es doch keinen Sinn hatte, Vergangenem nachzutrauen. Und die andere, die Sehnsucht hieß, die nach Träumen fragte und den Wunsch weckte, glücklich zu sein.

Lena seufzte leise. Sie wollte nicht an früher denken, denn die Erinnerung tat noch immer weh. Und sie fühlte sich zudem undankbar, wenn sie sich nach dem sehnte, was sie verloren hatte. Die Menschen, die sie aufgenommen hatten und bei denen sie lebte, hatten das nicht verdient, meinte sie.

Trotzdem gingen ihre Gedanken auf die Reise in die Vergangenheit, ohne dass sie es verhindern konnte. Während Lena ihr Bett machte und ihre Kammer aufräumte, dachte sie an früher.

Einst war sie ein lustiges kleines Madel mit Zahnlücke und hellbraunen Zöpfen gewesen. Mit den Eltern hatte sie in München in einer komfortablen Altbauwohnung gelebt mit hohen Decken und knarrendem Parkett.

Vera und Bernhard Neubauer hatten ihr einziges Kind von Herzen lieb gehabt und auch ein wenig verwöhnt. Bernhard war Ingenieur gewesen, irgendwie aus der Art geschlagen in einer Bauernfamilie. Die Neubauers waren aber stolz auf ihren klugen Sohn gewesen und hatten ihm nach der Matura ein Studium in München finanziert.

Freilich hatte Bernhard auch gejobbt, denn er wollte seine Eltern nicht über Gebühr strapazieren. Sein älterer Bruder Dominik, mit dem er sich immer gut verstanden hatte, war der Bauer auf dem Hof geworden und hatte noch vor ihm geheiratet. Seine Frau Ilse war Vera und Bernhard nicht sehr sympathisch gewesen.

Und auch Lena hatte die strenge, dürre Frau mit dem stechenden Blick nicht sonderlich gemocht. Ja, sie hatte sich sogar vor ihr gefürchtet und sich bei den wenigen Besuchen in Riedenberg lieber von ihr ferngehalten.

Lenas Gesangstalent war früh entdeckt worden. Schon in der Grundschule wurde der Musiklehrer auf sie aufmerksam. Und bald war klar, dass dieses Madel mit einer außergewöhnlich schönen Stimme gesegnet war.

Die Neubauers hatten für Lena eine erfahrene Gesangslehrerin gesucht, ihr Vater sparte sogar eine größere Summe an, damit das Madel nach dem Schulabschluss Gesang studieren konnte. Lena träumte schon mit acht Jahren davon, an der Oper zu singen.

So verlief ihre Kindheit beinahe märchenhaft behütet. Allerdings nur bis kurz nach ihrem zehnten Geburtstag. Was dann geschah, versetzte ihr nicht nur einen Schock, den sie lange nicht verwinden konnte, es änderte auch ihr Leben völlig.

Vera und Bernhard Neubauer gerieten an einem verregneten Herbsttag auf der Autobahn in eine Massenkarambolage. Ihr Wagen wurde von einem Lkw nahezu zerquetscht, das junge Ehepaar war auf der Stelle tot. Lena, die das Wochenende bei einer Freundin verbracht hatte, stand von einer Sekunde zur anderen völlig allein auf der Welt.

Als Bernhards Eltern von der Tragödie erfuhren, erlitt seine Mutter einen Schlaganfall, von dem sie sich nie wieder erholte. Nur wenige Monate später folgte sie ihrem Sohn.

Für Dominik war es keine Frage, seine kleine Nichte aufzunehmen. Er und seine Frau hatten bereits einen Buben, der drei Jahre älter als Lena war und den sie als Säugling adoptiert hatten. Ilse Neubauer war nicht sonderlich begeistert gewesen, das kleine Madel zu sich zu nehmen, hatte sich aber dem Wunsch ihres Mannes gefügt.

In der ersten Zeit gab sie sich sogar Mühe, der verstörten Waise ein klein wenig die Mutter zu ersetzen. Doch Lena fand nie Zugang zu der herben Frau und schloss sich mehr ihrem Onkel an. Mit Andreas verstand sie sich von Anfang an wunderbar. Die zwei waren ein Herz und eine Seele. Und daran hatte sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert.

Lena war nach ihrem Umzug aufs Land von Onkel und Tante adoptiert worden und hatte die Schule mit der mittleren Reife beendet. Danach hatte sie die Haushaltsschule in Kiefersfelden mit gutem Erfolg besucht und half nun der Bäuerin bei allen Arbeiten im Haushalt. Sie war fleißig und geschickt, konnte gut kochen und die feinsten Kuchen backen.

Ihr Gesangstalent lebte Lena allerdings nur im Kirchenchor aus, denn an eine Ausbildung ihrer Stimme hatten ihre Adoptiveltern nie gedacht. Und Lena, bescheiden, wie sie war, hatte auch nicht danach gefragt.

Einmal war die Sprache darauf gekommen, da hatte die Bäuerin gleich kiebig reagiert.

»Hast du eine Ahnung, was du uns schon gekostet hast, Madel?«, war sie in die Offensive gegangen. Ihr Mann hatte sie bremsen wollen, doch das war ihm, wie meist, nicht gelungen. »Wir haben dich aufgenommen, dich gekleidet und ernährt. Wir haben dafür gesorgt, dass du einen Schulabschluss machst und noch dazu eine Ausbildung«, zählte sie engherzig auf. »War das net genug? Was verlangst du denn noch?«

»Nix«, hatte Lena schnell versichert und sich zugleich vorgenommen, nie wieder damit anzufangen.

Nun war ihre Kammer aufgeräumt, und sie ging nach unten, um in der Küche zu helfen. Lena bemühte sich, die Erinnerungen beiseitezuschieben. Sie lebte hier und jetzt. Und es war ja durchaus ein Glück gewesen, dass die Neubauers sie einst aufgenommen hatten.

Wie ihr Leben verlaufen wäre, hätte sie in einem Heim bleiben müssen, daran mochte sie lieber nicht denken. Sie wollte deshalb nicht länger in der Vergangenheit kramen. Und doch; ein kleiner Teil ihres Herzens fragte weiter nach dem »was wäre wenn« und auch danach, wie ihr Leben nun aussehen könnte, wenn die Eltern nicht gestorben wären und sie ihren Traum von einer Gesangskarriere hätte verwirklichen können …

***

Ilse Neubauer warf einen unwirschen Blick auf die Uhr.

Wo Lena nur so lange blieb? Sie schien zu trödeln, das schätzte die Bäuerin gar nicht, denn sie brauchte das Madel in der Küche. Ihr blasses, schmales Gesicht mit den stechenden Augen ruckte immer wieder zur Tür. Wenn Lena nicht bald kam, würde sie ihr Beine machen!

Die Bäuerin seufzte verächtlich. Das war alles die Schuld ihres Mannes. Er fasste Lena mit Samthandschuhen an, wo Strenge angebracht gewesen wäre. Das Madel sollte stets bescheiden und still bleiben, jene zuverlässige Arbeitskraft, die Ilse Neubauer im Laufe der Zeit zu schätzen gelernt hatte. Und es gab noch einen Grund, weshalb sie das Madel unterdrückte. Lena sollte nicht auf »dumme« Gedanken kommen.

Dass das Madel von sich aus um etwas bat, war nicht zu erwarten. Das hatte Ilse Lena gründlich ausgetrieben. Sie hatte rasch feststellen können, dass das Madel einen duldsamen Charakter hatte und leicht zu beherrschen war. Kam da aber ein Bursch hinzu, vielleicht sogar irgendwann ein Schwiegersohn, dann konnte es schon anders aussehen. Das wollte die Bäuerin so lange wie irgend möglich verhindern. Zumal es Dinge gab, die weder Lena noch ein potenzieller Ehemann zu erfahren brauchten.

Als das Madel die Küche betrat, warf Ilse ihr einen strengen Blick zu und wollte wissen: »Wo warst du denn so lang? Kein Mensch braucht eine halbe Stunde, um sein Bett zu machen und ein bisserl aufzuräumen. Du willst dich wohl vor der Arbeit drücken. Oder fühlst du dich net gut? Bist blass.«

»Es geht schon«, versicherte Lena und setzte sich an die Eckbank, um das Gemüse zu putzen und die Kartoffeln zu schälen.

Die Bäuerin schüttelte leicht den Kopf. »Was ist denn wieder los? Ich mag es net, wenn du so verstockt herumhockst. Sag mir sofort, was dir durch den Kopf geht, wird’s bald!«

»Nix. Ich hab nur ein bisserl an früher gedacht. Aber dann ist mir recht schwer ums Herz geworden. Ich glaub, es ist besser, wenn man die Vergangenheit ruhen lässt.«

»Das will ich meinen. Wenn du allerweil in alten Erinnerungen kramst, tust du uns damit auch unrecht, das sollte dir schon klar sein«, behauptete Ilse vorwurfsvoll.

»Aber ich mein es doch net bös. Und es käme mir nie in den Sinn …«, setzte Lena an, wurde jedoch sogleich von ihrer Adoptivmutter unterbrochen.

»Du meinst es nie bös, du Schaf. Trotzdem solltest du mal ein bisserl genauer nachdenken. Deine Eltern, Gott hab sie selig, sind schon lange tot. In all den Jahren, die du nun bei uns auf dem Hof lebst, solltest du dich wirklich eingewöhnt haben. Wir sind deine Eltern, Lena, auch wenn du schon großjährig bist.«

»Daran hab ich nie gezweifelt. Es tut mir leid …«

»Ja, schon gut. Da, bring das Haferl Kaffee zum Vater ins Arbeitszimmer. Er wird es brauchen können, muss heut den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch sitzen. Und hernach kannst du dir überlegen, was für einen Nachtisch wir kochen.«

Lena lächelte ein wenig, als sie der Bäuerin die volle Kaffeetasse abnahm. Süße Nachspeisen waren ihre Spezialität, es machte ihr viel Freude, sie zuzubereiten. »Vielleicht Nockerln mit Zimt und Pflaumenmus?«

»Klingt gut«, meinte Ilse und wandte sich wieder dem Herd zu.

Lena verließ die Küche, um hinüber zum Arbeitszimmer des Bauern zu gehen. Dominik Neubauers Miene erhellte sich, als er sie gewahrte.

Er hatte seine Adoptivtochter vom ersten Moment an fest ins Herz geschlossen, wäre es nach ihm gegangen, dann wäre ihr bisheriges Leben anders verlaufen. Doch der gutmütige Bauer hatte sich in seiner Ehe nie so recht durchsetzen können. Ilse bestimmte stets, wo’s langging. Dass es dabei wenig Sinn hatte, wenn er aufbegehrte, wusste er aus Erfahrung.

»Mei, Lena, ich dank dir schön«, sagte er nun freundlich. »Du bringst ja einen rechten Sonnenschein in die Stube. Setz dich kurz her und sing mir was vor! Hernach gehen mir die Lohnabrechnungen gewiss wieder leichter von der Hand.«

Lena stellte den Kaffee auf dem Schreibtisch ab, zögerte aber, der Bitte des Bauern zu folgen. Der wusste gleich, was los war.

»Die Mama kann mal fünf Minuten lang auf dich verzichten. Jetzt setz dich her! Und wenn sie bös wird, dann nehme ich die Schuld auf mich, einverstanden?« Er zwinkerte ihr verschmitzt zu.

»Also schön.« Sie setzte sich auf die Schreibtischkante und überlegte kurz. Dann stimmte sie einen Choral an, der bei der letzten Probe des Kirchenchores gesungen worden war. Rein und hell klang Lenas schöne Stimme durch die Stube, ganz feierlich wurde es dem Bauern da ums Herz. Und auch ein wenig traurig.

Er bat Lena oft, ihm etwas vorzusingen, denn im Stillen hoffte er nach wie vor, dass ihre engelhafte Stimme auch das Herz der Bäuerin endlich erweichen konnte. Bislang war das leider nicht geschehen.

Dominik Neubauer war der Meinung, dass es eine Schande war, ein Talent wie das seiner Adoptivtochter nicht zu fördern. Schon oft hatte er deswegen mit Ilse gestritten. Sie dachte nicht daran, ihm nachzugeben, sie beharrte auf ihrem Standpunkt. Was hatte sie von einer Sängerin, wenn sie eine Hauserin brauchte?

Gegen dieses Argument kam Dominik nicht an. Höchstens mit der Güte seines Herzens, der christlichen Nächstenliebe, die der Hochwürden am Sonntag in der Kirche predigte. Doch beides zählte für seine Frau erst an zweiter Stelle. Das Geld regierte ihr Denken.

Manchmal fragte der Bauer sich, ob Ilse vielleicht statt eines Herzens eine kleine Rechenmaschine in der Brust versteckt hatte. Aber diese Frage kam ihm nie über die Lippen, denn ein Streithansel war er gewiss nicht, im Gegenteil. Wenn er eine Schwäche hatte, dann war es seine viel zu große Nachgiebigkeit.

Lena war verstummt, und Dominik seufzte impulsiv auf.

»Das hast du wunderschön gesungen«, lobte er. »Unser Kantor kann sich glücklich schätzen, solch ein Talent im Chor zu haben.«

»Ich darf heuer vielleicht auch das Ave Maria zu Weihnachten singen«, verriet Lena ihm nun zögernd. »Aber, bittschön, sag es net der Mama. Sie wird schimpfen, wenn sie es erfährt, und mir vorwerfen, dass ich hochmütig bin.«

»Das bist du ganz gewiss net, Madel«, versicherte der Bauer ihr bekümmert. »In vielem erinnerst du mich an den Bernhard selig. Du hast sein gutes Herz und sein geduldiges Wesen. Aber einmal solltest du auch an dich selbst denken, net immer nur an die anderen, das ist nicht recht.«

»Doch, ist es schon. Ich hab euch so viel zu danken.«

Dominik schaute Lena nun ganz seltsam an. Fast schien es ihr, als wollte er ihr etwas sagen, es aber nicht fertigbrachte. In diesem Moment rief die Bäuerin aus der Küche ärgerlich nach ihr. Rasch erhob Lena sich, lächelte dem Bauern zu und war im nächsten Moment schon aus der Stube gehuscht.

Es ist und bleibt eine Schande, was wir dem Madel angetan haben, dachte er bedrückt. Wenn ich es nur ändern könnte …

***

Wenig später versammelten sich Bauersleute und Gesinde um den großen Tisch im Esszimmer. Andreas, der Jungbauer, hatte den ganzen Vormittag im Stall geschafft. Nun saß er zur Linken seines Vaters am Tisch und nutzte die Gelegenheit, etwas mit ihm zu besprechen. Er war ein großer, stattlicher Bursch mit dichtem, hellbraunem Haar und tiefblauen Augen. Er hatte ein ruhiges Gemüt und war allseits beliebt.

»Wir brauchen noch einen Holzknecht«, ließ er nun anklingen und wechselte einen kurzen Blick mit Kastian Wedel, dem Großknecht. Der hatte sich den ganzen Morgen darüber beschwert, dass auf dem Hof zu viel Arbeit liegen blieb, wenn alle Mann im Wald beim Brennholzeinschlag waren.

Dominik hatte sich das schon gedacht.

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