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Alpengold - Folge 180

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bluemchen

Diesen Mann darfst du nicht lieben

Ein Mädchen im Bann einer unseligen Leidenschaft

Von Rosi Wallner

Keiner versteht so recht, warum der reiche Anton Erlacher ausgerechnet diesen Andreas Agrainer auf seinen Hof geholt hat, einen Burschen, von dem man nichts Genaues weiß. Dass er klug ist und fleißig und außerdem ein Bild von einem Mann, das lässt sich allerdings nicht leugnen. Besonders die Enkelin vom Erlacher, eine wahre Schönheit mit herrlichen Locken und strahlenden Augen, hat das gleich bei der ersten Begegnung festgestellt, und seitdem tut sie alles, um die Aufmerksamkeit des jungen Knechtes zu erregen, doch Andreas weicht ihr aus.

Aber je zurückhaltender er sich gibt, desto leidenschaftlicher werden Susannes Gefühle für ihn, desto offener drängt sie sich ihm auf. Als dem alten Erlacher endlich die Augen über das Treiben des Mädchens aufgehen, ist er entsetzt. Gerade diesen Burschen darf Susanne nicht lieben!

Maria Agrainer nahm behutsam verschiedene Kräuter aus einem Korb und schichtete sie, sorgfältig voneinander getrennt, auf dem Tisch zum Trocknen auf. Eine Weile verbrachte sie danach noch in dem verschlagartigen Raum, in dem sie ihre Salben und Tinkturen zubereitete. Sie liebte den würzigen Geruch der Kräuter, und ihr Blick schweifte zufrieden über die Wandregale, auf denen sich Tiegel und Flaschen aus dunkelbraunem Glas aneinander reihten.

Maria musste daran denken, dass man sie im Dorf halb verächtlich, halb ehrfurchtsvoll die »Kräuterhexe« nannte, und ein Lächeln krümmte ihren faltigen Mund.

Niemand wusste genau, woher Maria Agrainer vor vielen Jahren gekommen war. Sie hatte das abgelegene kleine Haus günstig erworben und eine Zeit lang mit ihrer Tochter von Ersparnissen gelebt. Als diese knapp wurden, begann Maria, sich ihr geheimnisvolles Wissen zunutze zu machen, um sich ihren bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Inzwischen hatte sie das Vertrauen der Bauern gewonnen, und ihre Tees und Salben fanden sich in jedem Haushalt im Tal.

Sie war schon immer eine Außenseiterin gewesen, doch nach dem tragischen Tod ihrer Tochter Anna zog sie sich noch mehr zurück. Das Kind, das Anna hinterlassen hatte, wurde zu ihrem Lebensinhalt, über den Tod ihrer Tochter kam sie jedoch nie hinweg.

Maria nahm den Korb auf und trat vor das Haus. Das bescheidene Anwesen wirkte ausgesprochen idyllisch mit der üppigen Blumenpracht an den Fenstern und den Ranken, die sich überall am Mauerwerk hochwanden.

»Eigentlich müsste der Anderl jetzt kommen«, murmelte Maria vor sich hin.

In diesem Augenblick tauchte hinter der Wegbiegung die kräftige Gestalt eines ungefähr zehnjährigen Jungen auf. Die letzte Strecke, die am steilsten war, musste er laufend zurückgelegt haben, denn sein Gesicht war erhitzt und gerötet. In der einen Hand schwenkte er ein Schulheft, und triumphierend rief er aus: »Rat mal, Mutterl, was ich in der Rechenarbeit geschrieben hab, rat nur mal!«

Andreas Agrainer hatte sich schon von frühester Kindheit dagegen gesträubt, seine Großmutter anders als »Mutterl« zu nennen, und Maria beließ es schließlich dabei.

Sie stellte den Korb beiseite und musterte ihren Enkel mit liebevollem Stolz.

»Vielleicht willst mich überraschen, und es ist ein Ungenügend!«, neckte sie ihn.

Entrüstet sah er sie an. »So was! Eine Eins hab ich, als Einziger der ganzen Klasse! Der Lechner-Gustl und der Reuter-Tobias, die dann in die Stadtschul kommen, haben sogar eine Fünf. Solche Deppen müssen sie in der Stadt nehmen! Bestimmt denken die, alle Bergler wären so!«, schloss Andreas verächtlich.

»Wie redest du denn über deine Klassenkameraden?«, tadelte Maria, musste sich jedoch ein Lachen verbeißen. Dann fragte sie unvermittelt: »Tut es dir leid, Anderl, dass du net auch auf eine andere Schule gehen kannst?« Ein besorgter Ausdruck lag dabei in ihren Augen.

»Nein«, versicherte Andreas langgezogen. »Ich möcht net in der Stadt leben. Außerdem kostet das ein schönes Stückerl Geld, viel mehr, als wir haben!«, erklärte er altklug und fügte hinzu: »Der Herr Pfarrer will mir ein paar Stunden geben. Er hat da etwas von einer Begabtenprüfung gesagt, und dass er einmal mit dir sprechen will, Mutterl!«

»So, hat er das?«, meinte Maria Agrainer, die seit dem Tod ihrer Tochter nicht mehr in die Dorfkirche ging, trocken. Ein einziges Mal war sie noch dort gewesen: zu Anderls Erstkommunion. Als sie die Enttäuschung auf Andreas’ Gesicht gewahrte, sagte sie schnell: »Dann werd ich halt mit Hochwürden reden!«

Andreas gab ihr einen stürmischen Kuss auf die Wange, und sie gingen einträchtig ins Haus.

»Einen Bärenhunger hab ich!«, rief der Junge, als die Großmutter ihm von dem Eintopf schöpfte, der leise auf dem Herd brodelte.

»Iss nur, iss!«

»Sicher! Ich muss ja groß und stark werden«, erwiderte der Junge verschmitzt. »Und außerdem will ich dem Tobias eins übergeben, weil er mich dauernd einen Streber nennt!«

»Musst dich net ständig rumraufen!«, ermahnte Maria den Enkel besorgt.

»Sie sollen mich halt in Ruhe lassen«, meinte er nur und griff nach einer Scheibe Brot.

Maria erwiderte nichts darauf, verstohlen betrachtete sie den Jungen, der heißhungrig, aber nicht unmanierlich aß, und eine beinahe schmerzliche Welle der Zuneigung durchflutete sie.

Andreas war das Einzige, das ihr geblieben war, das Einzige, wofür es sich noch lohnte zu leben. Sie dachte, wie so oft, dass er zwar äußerlich seiner schönen Mutter glich, sich vom Wesen her jedoch völlig von ihr unterschied. Zwar war er ebenso stolz und empfindsam, doch verbanden sich bei Andreas diese Eigenschaften mit einem unbezähmbaren Lebenswillen und urwüchsiger Kraft. Während seine Mutter zur Schwermut geneigt hatte, war Andreas von heiterer Wesensart, er lachte gern und liebte es, andere zum Lachen zu bringen.

Er war reifer als die Kinder seines Alters, da seine Großmutter ihn wie einen Erwachsenen an ihren Sorgen teilnehmen ließ. So wusste er, dass ihre bescheidenen finanziellen Möglichkeiten es nicht erlaubten, dass er eine weiterführende Schule besuchte.

Er ahnte jedoch nicht, wie sehr es seine Großmutter bekümmerte, dass ihm trotz seiner Intelligenz nichts anderes übrig bleiben würde, als sich mit einer abhängigen Stellung abzufinden. Sie kannte seinen leicht verletzbaren Stolz und seine Heftigkeit, und sie fürchtete um den Jungen.

***

Als sie seinen toten Sohn ins Haus trugen, tastete Anton Erlacher Halt suchend hinter sich. Dann jedoch strafften sich seine breiten Schultern, und er sagte mit befehlsgewohnter Stimme: »Er wird in der Stube aufgebahrt!«

Lioba Erlacher weinte auf, doch sie verstummte, als ihr Mann sie anherrschte: »Sei still, Frau!«

Während der Erlacher nach außen hin hart und ungebrochen wirkte, kreisten wirre Gedanken hinter seiner Stirn.

Sein einziger Sohn, dem es an nichts gefehlt hatte, war das Opfer seiner unseligen Jagdleidenschaft geworden. Obwohl den Erlachers ein großes Waldstück gehörte, hatte Franz Erlacher ungehemmt Nacht für Nacht in anderen Gebieten gewildert. So war er schließlich gestellt worden, und als er den Jäger angegriffen hatte, hatte ihn dieser in Notwehr niedergeschossen und tödlich verletzt.

Als die Erlachers endlich allein waren, ging der Bauer mit seltsam steifen Schritten in die niedrige Stube und sah auf seinen aufgebahrten Sohn hinab. Der Tod hatte Franz entstellt. Sein Gesicht, das immer von Unruhe und Rastlosigkeit gezeichnet gewesen war, wirkte friedlich, beinahe verklärt.

»So hast du endlich Ruhe gefunden, Franzl. Bist halt nie über die Sache damals hinweggekommen, und das hat dich umhergetrieben!«, hielt Erlacher flüsternd Zwiesprache mit seinem Sohn. Lange stand er so da, und das Bewusstsein, am Tod seines einzigen Sohnes mitschuldig zu sein – auch wenn es eine Schuld war, von der niemand etwas ahnen konnte –, sickerte wie eisige Kälte in ihn ein.

Anton Erlacher war fünfundfünfzig Jahre alt, doch bis zu diesem Tag hätte man ihn für wesentlich jünger halten können. Jetzt waren die Linien seines Gesichtes erschlafft, seine hohe Gestalt schien in sich zusammengesunken zu sein.

Als er die Tür öffnete, drängten sich auf dem Flur die Frauen, keine jedoch wagte es bei seinem Anblick, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen.

»Jetzt könnt ihr zu ihm!«, sagte der Erlacher knapp zu seiner Frau.

Lioba Erlacher war eine schwerfällige, früh verblühte Frau. Mit ihren verweinten Augen, die sie immer wieder mit zitternden Händen bedeckte, machte sie einen hilflosen, verlassenen Eindruck. Alles, was sie fähig war zu empfinden, hatte sie diesem Sohn, ihrem einzigen Kind, gegeben.

Der Erlacher verließ rasch das Haus. Als er den Hof überquerte, hörte er, wie sie anfing zu schreien, lang gezogene Klagelaute, und ein Schauder rann durch seinen Körper. Er suchte in den Stallungen Zuflucht, geistesabwesend klopfte er hin und wieder einem der Tiere auf die Flanken.

»Großvater!«

Der Erlacher schreckte auf, als er die dünne Kinderstimme hörte. Susanne! Er hatte das kleine Mädchen völlig vergessen.

»Ist es wahr, dass der Vater tot ist?«, fragte sie, und es klang seltsam kalt und unbeteiligt.

Der Erlacher musterte die Achtjährige nachdenklich.

Susanne stammte aus der kurzen, unglücklichen Ehe seines Sohnes. Auf Drängen seiner Eltern hatte Franz Erlacher die junge Ursula Buchler, die eine reiche Mitgift zu erwarten hatte, geheiratet. Doch das Paar verstand sich nicht, Franz gab sich bald wieder ganz seiner Jagdleidenschaft hin, und Ursula zeigte eine starke Abneigung gegen jede landwirtschaftliche Arbeit, obwohl sie aus einer alten Bauernfamilie stammte.

Auch die Geburt des Kindes, das sie aus Enttäuschung über sein Geschlecht sträflich vernachlässigt hatte, konnte nichts daran ändern. Unter diesen Umständen dachten die Erlachers nicht ans Überschreiben des Hofes, und es herrschten Zank und Hader, zumal sich Ursula nicht mit ihrer Schwiegermutter vertrug.

Es war daher nicht verwunderlich, dass Ursula, als sie sich in einen Städter verliebte, ihm ohne Zögern in die Stadt folgte, glücklich, dem verhassten Landleben entrinnen zu können.

Nach einem langen, hässlichen Scheidungsprozess blieb das Sorgerecht für Susanne beim Vater, und Ursula hatte ihre Tochter später nicht ein einziges Mal mehr besucht.

Susanne empfand allerdings auch keine Sehnsucht nach ihrer Mutter, sie wurde von ihrer Großmutter umsorgt. Als Spielkameradin diente ihr die kleine Beate Auner, eine verwaiste weit entfernte Verwandte der Erlacherin, die von den Großeltern aufgenommen worden war.

»Wann ist die Beerdigung?«

Der Erlacher zuckte unwillkürlich zusammen und verspürte jähen Zorn, obwohl er sich sagte, dass Kinder zuweilen grausam sein konnten. Er gab keine Antwort, sondern fuhr fort, das Mädchen aus zusammengekniffenen Augen anzusehen.

Susanne hatte ein reizendes Gesicht, das gewiss noch ansprechender gewirkt hätte, wenn sich nicht schon ein altkluger Zug eingeschlichen hätte. Für sein Alter war das Mädchen bereits auffallend eitel, Schleifen steckten in dem blonden Haar, das in Locken auf die Schultern fiel. An den Fingern trug die Kleine silberne Kinderringe, die sie der Großmutter auf dem Jahrmarkt abgeschmeichelt hatte.

Wie ihre Mutter zeigte Susanne starken Widerwillen gegen Hausarbeit. Wenn ihr eine kleine Aufgabe aufgetragen wurde, verschanzte sie sich hinter Ausreden oder schützte wehleidig eine Krankheit vor.

Aus ihr würde keine Hofbäuerin werden, stellte Erlacher bei ihrem Anblick wieder einmal fest. Es stand sogar zu befürchten, dass sie – erbte sie den Hof einmal – alles verkaufte, um ein müßiges Leben zu führen. Das musste er verhindern.

»Wo ist die Beate?«, fragte er sie barsch.

Susanne zuckte gleichmütig mit den Schultern.

»Dann such sie und geh mit ihr draußen auf der Wiese spielen! Das hier ist nichts für Kinder!«

Susanne warf aus den Augenwinkeln einen Blick auf den Großvater, der sowohl Auflehnung als auch scheue Zustimmung bedeuten konnte, und huschte hinaus.

Anton Erlacher seufzte, und seine Gedanken kehrten wieder zurück zu seinem glücklosen Sohn.

***

Andreas ließ den Ranzen herabgleiten und setzte sich auf einen Felsbrocken neben dem Marterl an der Wegkreuzung. Mit dem Unterarm strich er sich die Haare aus der Stirn, auf der Schweißperlen standen.

»So eine Hitze!«, murmelte er vor sich hin, dann begutachtete er die Schäden, die die heutige wilde Schulhofrauferei hinterlassen hatte. Seine abgeschürften Knöchel und die geröteten Stellen an den Armen nahm er nicht zur Kenntnis, seine Stirn runzelte sich jedoch sorgenvoll, als er den Riss in seinem Hemdsärmel gewahrte.

»Das hat er doch mit Absicht getan, der Bazi, weil er weiß, dass ich nur drei Hemden hab!«, schimpfte er laut. »Was sag ich nur Mutterl? Sie wird ganz schön grantig sein! Und sie hat ja recht! Ich sollt wirklich net so wild sein!«

Er zog das Hemd aus und betrachtete nachdenklich die zerrissene Stelle. Andreas war so versunken, dass er nicht bemerkte, dass sich Schritte näherten. Erst als ein Schatten über ihn fiel, schrak er auf.

»Na, hast gerauft?«, fragte der hochgewachsenen Mann, der vor ihm stehen geblieben war, mit spöttischer Anteilnahme.

»Gewiss doch. Aber der andere sieht noch schlimmer aus!«, antwortete Andreas nicht ohne Genugtuung.

»So«, meinte der Mann einsilbig. Er starrte den Jungen auf eine Weise an, dass es Andreas unter diesem Blick unbehaglich wurde.

»Du kennst mich doch, net wahr?«

»Natürlich, jeder im Dorf kennt dich. Du bist der Erlacher, dem hier das meiste gehört, obwohl auch du es nicht mit ins Grab nehmen kannst. So sagen sie jedenfalls!«

Anton Erlacher musste lächeln, wohl das erste Mal seit dem Tod seines Sohnes.

»Ein vorlautes Goscherl hast du, Bub!«, meinte er. »Wenn du so weitermachst, wirst später einmal ein richtiger Raufbold. Das tät dir Spaß machen, wie?«

Andreas musterte nun seinerseits den vor ihm Stehenden kritisch. Und obwohl der Erlacher auf die meisten Menschen eher einschüchternd wirkte, fasste Andreas sonderbarerweise Vertrauen zu ihm.

»Ich rauf ja net zum Spaß«, erklärte er ernst, »sondern weil ich mich meiner Haut wehren muss.«

»So ist das also! Was würde dir später denn mal richtig Spaß machen? Möchtest du nicht in die Stadt gehen, dort, wo Milch und Honig fließen?«, fragte der Erlacher scherzhaft, aber seine Augen hatten einen lauernden Ausdruck.

»I

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