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Alpengold - Folge 179

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bluemchen

Hochmut kommt vor dem Fall

Katja war stolz und eitel, bis sie alles verlor

Von Sissi Merz

Nachdenklich betrachtet der junge Brühl-Florian die hübsche Hoftochter Katja. Selten hat er ein so schönes Madel wie sie gesehen – und selten ein so stolzes! Keinen einzigen Blick gönnt sie ihm, dem Knecht auf dem väterlichen Hof, denn sie hält sich für etwas Besseres – für eine Prinzessin aus den Bergen, der die Welt zu Füßen liegt …

Doch alles verändert sich, als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen: Katja steht vor den Trümmern ihres Lebens. Unfähig, den großen Schindler-Hof allein zu bewirtschaften, ist sie auf Florians Unterstützung angewiesen. Doch wieder ist es ihr Stolz, der sie daran hindert, seine Hilfe anzunehmen! Brüsk weist sie Florian, der sie seit Langem heimlich liebt, von sich – um den scheinheiligen Versprechungen eines Lügners zu vertrauen …

Golden stieg die milde Oktobersonne über den Gipfel des Hohensteins östlich von Spitzingsee. Der Himmel war klar und von jenem blassen Blau, das so typisch für die dritte Jahreszeit ist. Ringsum auf den Bauernhöfen regten sich bereits fleißige Hände, der Tanklaster der Molkerei war längst auf seiner Runde.

Der Schindler-Hof, auf halber Strecke zwischen dem See und dem Nachbardorf Abwinkl gelegen, war ein imposanter Besitz. In seiner Nachbarschaft fanden sich weitere Gehöfte. Früher als Aussiedlerhöfe bezeichnet, waren sie nun längst eingemeindet. Zu jedem Anwesen gehörten großzügig bemessenes Land sowie ausgedehnte Ackerflächen.

Bernd Schindler bewirtschaftete den Erbhof in der dritten Generation. Das imposante Haupthaus mit dem breiten, tief gezogenen Dach, den umlaufenden Holzbalkonen und den kunstvoll beschnitzten Balken wurde zu beiden Seiten von Stall, Remise und Gesindehaus eingerahmt. Auf dem stilvoll gepflasterten Wirtschaftshof bildete eine alte Kastanie den Mittelpunkt. Sie wurde von einer Bank umschlossen und bot so an heißen Sommertagen einen begehrten Sitzplatz. Zumal daneben in einer ehemaligen Viehtränke aus Sandstein ein kleiner Brunnen sprudelte.

An diesem sonnigen, aber empfindlich kühlen Morgen Ende Oktober war der Brunnen bereits für die ersten Frostnächte entleert worden. Das gewaltige Blätterdach der Kastanie hatte sich goldgelb verfärbt und leuchtete in der Morgensonne.

Der Bauer hielt sich zu dieser frühen Stunde im Kuhstall auf. Zusammen mit Florian Brühl, dem Großknecht, und dem Viehdoktor war er bemüht, einer Kuh das Kalben zu erleichtern. Das arme Tier quälte sich bereits die ganze Nacht, Florian hatte bei ihr gewacht. Zum Glück hatte sich der Verdacht auf eine Steißlage des Kalbes nicht bestätigt. Doch die Kuh kalbte zum ersten Mal und tat sich dabei schwer.

Bernd Schindler war Bauer mit Leib und Seele. Schon als kleiner Bub hatte er seinen Vater in den Stall und auf die Felder begleitet und begierig alles gelernt, was wichtig war. Er hatte die Landwirtschaftsschule als Jahrgangsbester abgeschlossen und wirtschaftete nun schon weit über zwanzig Jahre erfolgreich. Noch immer hatte er Spaß an der Arbeit, noch immer stand er am Morgen mit Schwung auf, weil er wusste, dass er eine Aufgabe hatte. Seine Felder, das Vieh, der Jahreslauf in der Natur, das war es, was sein Leben bestimmte. Er ging ganz darin auf und war stets damit zufrieden gewesen.

Als junger Bursch war Bernd, der heuer im fünfzigsten Jahr stand, den Madeln gegenüber eher schüchtern gewesen. Eine hatte es gegeben, Christa Stocker war ihr Name, die hatte er gern gehabt. Christa war die Tochter des Apothekers und ein sehr kluges Madel. Sie hatte nach der Matura studiert und war nur noch sporadisch heimgekommen. Aber sie hatten sich dann jedes Mal gesehen und sich sehr gut verstanden.

Bernd hatte ihr einen Antrag machen wollen, doch seine etwas schwerfällige Art war ihm immer wieder dazwischengekommen. Irgendwann hatte er den rechten Zeitpunkt verpasst, und dann war ihm ein anderer zuvorgekommen. Christa lebte nun in Garmisch und hatte wohl ihr Glück gefunden.

Auch Bernd Schindler hatte eine eigene Familie. Seine Frau Sophie stammte nicht aus der Gegend. Und Katja war nicht seine leibliche Tochter. Das hatte sich so gefügt, als Sophie vor siebzehn Jahren auf den Erbhof gekommen war, um die Stelle als Hauserin anzutreten. Bernd hatte die Altmagd Rosa, die bislang den Haushalt geführt hatte, in den Austrag schicken müssen, weil sie unter starkem Rheuma litt.

Er hatte eine Anzeige aufgegeben und unter mehreren Bewerberinnen Sophie Gruber aus München ausgewählt. Sie war die Hübscheste, wie ihr Foto bewiesen hatte. Aber das allein war nicht der Grund für seine Wahl gewesen. Ihre Offenheit hatte ihn sofort positiv berührt.

Sophie hatte in ihrer Bewerbung unumwunden zugegeben, dass sie zwar eine gute Köchin sei und auch haushalten könne, dies aber nicht gelernt habe. Eigentlich war sie Fotomodell gewesen, doch eine ungewollte Schwangerschaft hatte ihre Karriere beendet. Der Kindsvater hatte sie sitzen lassen, und ihre Familie wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben.

So hatte sie sich entschlossen, sich selbst und ihre inzwischen fünfjährige Tochter mit ehrlicher Arbeit allein durchzubringen. Bernd hatte das imponiert. Und als er die bildschöne blonde Frau zum ersten Mal gesehen hatte, war es um ihn geschehen gewesen. Sophie mit dem blond gelockten kleinen Engel an der Hand sollte denn auch sein ganzes Leben verändern.

Die junge Frau hatte schnell bemerkt, wie sehr sie dem Bauern gefiel. Sie hatte seine Zuneigung zu ihren Gunsten genutzt und es innerhalb eines Jahres geschafft, von der Hauserin zur Bäuerin aufzusteigen.

Der Bauer wusste, dass es für seine Frau keine Liebesheirat gewesen war – im Gegensatz zu ihm, denn er hatte sie auch heute noch immer lieb. Doch in der Zwischenzeit wusste er, dass mit Liebe allein nicht alle Probleme zu lösen waren. Bernd Schindler war in seiner Ehe nicht wirklich glücklich geworden. Nüchtern, wie es seine Art war, sagte er sich aber, dass er durchaus auch unglücklicher hätte sein können …

»So, das wär’s. Endlich!« Der Tierarzt trennte die Nabelschnur durch, während Florian das neugeborene Kalb abrubbelte und die Mutterkuh daran schnüffeln ließ. Alle waren erschöpft, aber auch zufrieden. Bernd füllte drei Stamperln mit Enzian, die auf den neuen Erdenbürger geleert wurden. Dann verabschiedete der Viehdoktor sich.

Der Bauer begleitete ihn noch zum Wagen und kehrte danach kurz in den Stall zurück. Florian lächelte zufrieden.

»Da, schau, Bauer. Es säuft schon. Ich glaub, das wird mal ein ganz helles Köpferl«, scherzte er.

»Hauptsache, es wird eine gute Milchkuh wie seine Mutter«, sinnierte der Bauer. »Komm, das Frühstück wird gleich fertig sein. Und wir müssen uns erst noch menschlich machen, sonst schmeißt die Bäuerin uns gleich wieder achtkantig hinaus.«

Florian maß den Bauern mit einem kurzen, abwägenden Blick. Mit dem leicht ergrauten Haar und den Sorgenfalten um den Mund schaute er älter aus, als er war. Der Großknecht wusste, dass dies nichts mit der Hofarbeit zu tun hatte, denn die liebte der Bauer. Es lag wohl eher am Privaten. Glücklich schaute er jedenfalls schon lange nicht mehr aus.

»Nachher fahr ich in den Forst wegen des Holzeinschlags«, ließ Bernd seinen Großknecht wissen, während sie zusammen über den Wirtschaftshof gingen. »Magst du mitkommen, Florian?«

»Gern. Der Förster wollte noch was besprechen. Ich glaub, es geht um den Wirtschaftsweg unterhalb der Brecherspitz.«

»Im letzten Jahr ist da einiges falsch gelaufen«, wusste der Bauer. »Leider gibt es immer Leut, die denken nur an ihren Profit und net daran, ein bisserl Rücksicht zu nehmen. Der Weg war teilweise so aufgerissen, dass er nimmer zu befahren war.«

»Der Freisinger setzt immer Saisonkräfte als Holzknechte ein. Und die arbeiten wie im Akkord«, sinnierte Florian.

»Der Forst ist kein Selbstbedienungsladen. Da muss man schon mit ein bisserl Gefühl zu Werke gehen«, erwiderte der Bauer.

Florian wunderte sich nicht darüber, dass Bernd Schindler nicht direkt auf seine Bemerkung einging. Georg Freisinger war der Nachbar, sein Sohn Matthias stand mit Katja, der Tochter des Bauern, im Wort. Da hieß es eben, Rücksicht nehmen.

Doch Florian kannte sich bestens aus. Sein Brotherr behandelte ihn seit jeher eher wie einen Sohn, nicht nur wie einen Angestellten. Und der Bursch war auf diese familiär angehauchte Beziehung sehr stolz. Er fühlte sich ganz einfach wohl auf dem Erbhof.

Wenig später saß man in großer Runde im Esszimmer am Tisch. Auf dem Erbhof wurden die Traditionen noch hochgehalten, und dazu gehörte es eben auch, dass Bauersleute und Gesinde die Mahlzeiten gemeinsam einnahmen.

Am Kopf der Tafel saß der Bauer, zu seiner Rechten seine Frau, gegenüber Florian. Eigentlich hätte Katja dieser Platz ja zugestanden, doch das verwöhnte Madel stand nie vor zehn Uhr am Morgen auf und frühstückte dann meist in der Küche. Sophie bediente sie und ließ sich das nicht nehmen. Der Bauer hatte schon oft versucht, wenigstens dieses Privileg abzuschaffen, bei seiner Frau damit allerdings auf Granit gebissen.

Sophie Schindler war noch immer eine sehr schöne Erscheinung. Schlank und von tadelloser Haltung, das glänzende Blondhaar stets schick frisiert, faszinierte sie mit ihrem strahlenden Lächeln und ihren klaren Augen jedes männliche Wesen, das in ihre Nähe kam. Im Laufe der Jahre hatte sie sich aber auch zu einer fleißigen und erfahrenen Bäuerin entwickelt.

Bernd hatte nichts an ihr auszusetzen, sah er davon ab, dass sie ihm nie die große Leidenschaft entgegengebracht hatte. Katja allerdings war für den Bauern eine einzige große Enttäuschung. Das Madel war nun zweiundzwanzig, hatte die Schule abgebrochen und dachte nicht daran, einen Beruf zu ergreifen. Katja war verwöhnt und faul. Sie konnte sich das leisten, denn ihre Mutter hielt stets ihre schützende Hand über sie.

Katja sollte Sophies Traum von einer großen Modelkarriere erfüllen. Darauf war sie von Kindesbeinen vorbereitet worden und deshalb hielt Sophie alles von der Tochter fern, was ihr nicht behagte.

Wegen Katja hatte es in der sonst eher harmonischen Ehe viele Kräche gegeben. Und immer hatte Sophie sich durchgesetzt. Katja war ihr Augapfel, nichts und niemand durfte daran rütteln.

»Das Kalb ist übrigens gesund«, sagte Bernd nun zu seiner Frau. »Der Doktor ist damit zufrieden.«

Sophie nickte nur, sie wirkte nicht sonderlich interessiert.

Nach dem Frühstück ließ sie ihren Mann wissen, dass sie am Wochenende mit Katja nach München fahren würde. Jetzt funkelten ihre Augen, und ihre Stimme klang lebhaft, als sie erzählte: »Sie hat ein Fotoshooting bei Bubi Henning. Probeaufnahmen für einen großen Modeversender.«

»Schön.« Obwohl Bernd sich Mühe gab, positiv zu klingen, bemängelte seine Frau: »Das scheint dich net besonders zu interessieren. Ist es dir denn einerlei, ob die Katja nun Karriere als Model macht, oder net?«

»Sophie, bitte, net schon wieder das Thema«, seufzte er.

»Wieso denn net? Müssen wir den ganzen Tag bloß über Kälber und Dünger reden? Es gibt auch noch anderes auf der Welt!«

»Gewiss, das ist schon so«, gestand der Bauer seiner Frau zu. »Aber du weißt, wie ich zu dieser Fotosache steh.«

»Wenn es den Matthias net stört, solltest du auch einverstanden sein«, warf Sophie spitz ein.

»Die Katja wird nie ein Model, dazu ist sie viel zu faul«, wagte er einzuwenden. »Sie führt sich da auf wie ein Star und hat noch net das Geringste …« Er verstummte, denn seine Frau hatte einfach die Stube verlassen und die Tür vernehmlich hinter sich geschlossen.

Bernd Schindler machte ein betroffenes Gesicht. Wieso hatte er sich nur wieder dazu hinreißen lassen, Kritik an Katja zu üben? Er wusste doch zu gut, wohin das führte. Mit einem resignierten Seufzer verließ er wenig später das Haus und machte sich auf den Weg in den Forst. Seine Freude über das neue Kalb und seine eben noch gute Laune waren ihm gründlich verdorben.

***

An diesem Morgen erschien Katja erst gegen halb elf in der Küche. Ihre Mutter war bereits damit beschäftigt, das Mittagsessen zu kochen, zwei Küchenmägde gingen ihr dabei zur Hand. Ihre eben noch angespannte Miene hellte sich auf, als das große, schlanke Madel erschien.

Katja hatte ihre langen, dunkelblonden Haare einfach locker zusammengebunden und trug noch einen Morgenmantel. Sie sah abgespannt aus. Der Blick ihrer klaren blauen Augen war verschattet.

»Schatzerl, du siehst noch müd aus. Geht’s dir gut?«, fragte die Bäuerin, während sie ihrer Tochter das Frühstück brachte.

»Ich bin gestern zu spät schlafen gegangen«, gab Katja zu. Sie stocherte nur in ihrem Essen herum. »Es gab eine interessante Doku über einen Modefotografen in den USA. Da hab ich halt die Zeit vergessen.«

»Macht nix. War’s recht spannend?« Sophie überließ die Töpfe den Mägden und setzte sich zu ihrer Tochter.

»Ja, schon. Aber dort ist das Business noch viel stressiger als bei uns. Also für mich wär das nix.« Sie trank einen Schluck Kaffee. »Hier ist es schon schwer genug, sich einen Namen zu machen. Ich weiß gar net, was ich da ohne dich tät, Mama. Du mit deinen tollen Verbindungen …«

Sophie lächelte geschmeichelt. »Das ist doch ganz selbstverständlich, Schatzerl. Und deine Agentur tut auch viel für dich. Freilich muss man allerweil schauen, welchen Auftrag man annimmt und welchen net. Man darf sich nicht zuschaufeln mit Arbeit, aber man muss auch präsent bleiben.«

Katja gähnte. »Da verlass ich mich auf dich, Mama. Du weißt das besser als ich.« Sie seufzte und schaute missmutig drein.

»Was hast, Liebes? Stimmt was net?«

»Ich überlege, was ich alles mitnehmen muss nach München. Das wird gewiss eine ziemliche Packerei, gelt?«

»Damit musst du dich net belasten. Das mache ich schon. Wir gehen nachher den Kleiderschrank durch, dann kannst du entscheiden, was eingepackt werden soll, einverstanden?«

»Du bist ein Schatz, Mama!« Katja drückte der Mutter ein Busserl auf die Wange. »Jetzt brauch ich erst mal ein ausgiebiges Bad, um munter zu werden. Bis später!«

»Gehst du heut Abend mit dem Matthias aus?«

»Ja, er holt mich gegen acht ab. Wir wollen uns mal den neuen Klub in Schliersee anschauen.«

»Aber bleibt net zu lang weg! Du weißt, wir müssen am Samstag zeitig nach München aufbrechen.«

Das Madel winkte ab. »Mit dem Matthias ist nach zwölfe eh nix mehr los. Du kennst doch die Bauernburschen. Da besteht keine Gefahr, dass wir die Nacht zum Tag machen.«

»Zwischen euch stimmt es doch noch?«

»Freilich, warum denn net? Du weißt ja, Mama, der Matthias ist ganz narrisch auf mich. Ist ja auch kein Wunder, gelt?«

Sophie schaute ihrer Tochter, die nun die Küche verließ, nachdenklich hinterher. Manchmal fragte sie sich, ob Bernd nicht doch recht hatte. Konnte Katja es schaffen, Karriere als Model zu machen? Die Mutter wünschte sich dies von Herzen. Katja war ein außergewöhnlich hübsches Madel, daran lag es nicht.

Wenn Sophie an Katjas leiblichen Vater dachte, stieg noch immer die Wut in ihr auf. Er war ein Hallodri der üblen Sorte gewesen und hatte ihre Unerfahrenheit schamlos ausgenutzt.

Damals hatte Sophie am Anfang einer Modelkarriere gestanden. Mit viel Fleiß und Disziplin hatte sie es so weit gebracht. Die Schwangerschaft hatte alles geändert. Doch Sophie hatte nicht aufgegeben, sie hatte sich mit der gleichen Disziplin, die sie einst in die Fotostudios gebracht hatte, eine neue Existenz aufgebaut.

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