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Alpengold - Folge 177

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bluemchen

Geliebt – und doch betrogen

Wird Gerti die Enttäuschung je verwinden?

Von Sissi Merz

Überglücklich schmiegt sich die hübsche Gerti in Markus’ starke Arme. Herrliche Tage liegen hinter ihnen, denn seit sie sich auf der Landwirtschaftsmesse in der Stadt kennengelernt haben, sind sie kaum eine Sekunde getrennt gewesen. Dennoch fällt Gerti der Abschied jetzt nicht schwer, denn schon am Wochenende will ihr Schatz sie daheim auf dem Seitz-Hof in den Bergen besuchen … um dann vielleicht für immer bei ihr zu bleiben!

Erst auf der Heimfahrt beschleicht Gerti wieder die nagende Angst, die sie schon so viele Jahre begleitet und die noch niemals grundlos war: Auch diesmal wird es ganz gewiss kein Happy End für Gerti geben! Denn wie eine giftige Spinne in ihrem Netz lauert daheim auf dem Hof in den Bergen ja ihre bezaubernd schöne und sehr verwöhnte Schwester Susanne! Und wie schon so viele Male zuvor wird sie Gerti auch diesmal bestimmt den Burschen, den sie lieb hat, stehlen …

»Grüß dich, Gerti! Bist heut besonders früh aus den Federn gehüpft, oder warst du gar net erst schlafen?« Lukas Fink, der fesche Großknecht vom Seitz-Hof, musterte die Hoftochter anerkennend.

Fleißig war sie, die Gerti, und ein Pfundskerl noch dazu. Im Grunde das einzige Madel, das ihm, dem unverbesserlichen Schürzenjäger, den Schneid abgekauft hatte.

Nachdem die blonde Gerti mit den himmelblauen Augen energisch die Grenzen zwischen ihnen abgesteckt hatte, waren sie gute Freunde geworden. Auch etwas ganz Neues für Lukas, denn dass er mit einem hübschen Dirndl nur befreundet war, das hatte es bislang noch nie gegeben. Aber Gerti war eben etwas Besonderes.

»Ich hab bei der Milli gewacht. Du schuldest mir übrigens einen Zehner; das Kalb ist nämlich in der Nacht noch gekommen.« Sie gähnte verhalten und schenkte dem hochgewachsenen, feschen Burschen ein freundschaftliches Lächeln. »Auf meinen Instinkt kann ich mich allerweil noch verlassen.«

»Respekt!« Lukas beglich seine Wettschulden prompt und meinte dann fürsorglich: »Jetzt gehst aber besser ins Bett, damit du noch ein bisserl Schlaf abkriegst. Sonst kippst du uns noch um.«

Davon wollte die gelernte Landwirtin aber nichts wissen.

»Ich wasch mich rasch und geh dann in die Ernte. Du weißt doch, es gibt Kräuter, die muss man direkt nach Sonnenaufgang schneiden, dann haben sie das beste Aroma.«

Lukas lachte auf, doch seine Stimme klang beeindruckt, als er zugab: »Deinen Elan sollte ein jeder hier auf dem Hof haben, dann wäre manches anders …« Dass sein Blick bei diesen Worten zur Schlafkammer von Gertis jüngerer Schwester Susanne hinaufwanderte und sich beim Anblick des geschlossenen Ladens verfinsterte, war kein Zufall.

Gerti hob nur lächelnd die Schultern und verschwand im Haus.

Der Großknecht aber dachte einmal mehr über die Ungerechtigkeiten im Leben nach, während er die ersten Arbeiten des Tages im Stall erledigte.

Seit drei Jahren war Lukas nun auf dem traditionsreichen Erbhof im Berchtesgadener Land angestellt. Er hatte sich gleich in die herrliche Landschaft rund um Taufenstein verliebt und ein wenig auch in Susanne Seitz, wie das seiner Veranlagung entsprach.

Lukas war ein fleißiger Angestellter, zuverlässig und ehrlich. Doch was die Liebe anging, da konnte er einfach keiner treu sein. Die bildhübsche Susanne mit dem goldblonden Haar, dem herzförmigen Gesicht und den warmen, rehbraunen Augen hatte ihm vom ersten Moment an ausnehmend gut gefallen. Gerti war ebenfalls hübsch, verblasste aber neben ihrer Schwester.

Es hatte jedoch nicht lange gedauert, bis Lukas klar geworden war, dass dies nur Äußerlichkeiten waren. Und wenn ein Madel seine ehrliche Zuneigung verdiente, dann die grundgute Gerti, nicht Susanne. Denn die Schwestern waren wie Feuer und Wasser.

Gerti kam ganz nach dem Vater. Martin Seitz war eine Seele von einem Menschen, mit dem man kaum je Streit bekam. Er war in Taufenstein so etwas wie ein Ökopionier, denn er hatte seinen Hof schon vor Jahrzehnten auf biologischen Landbau umgestellt.

Seinerzeit belächelt, hatte er mittlerweile mit hochwertigen Produkten ein gutes Auskommen und war für viele in der Region sogar zum Vorbild geworden. Aber nicht nur für andere Landwirte hatte der Bauer Vorbildfunktion, sondern auch für seine Tochter Gerti. Schon als kleines Madel hatte sie sich für alles interessiert, was auf dem Hof vor sich ging. Und dieses Interesse hatte bis zum heutigen Tag vorgehalten.

In der Zwischenzeit hatte Gerti die Landwirtschaftsschule in Berchtesgaden mit Erfolg absolviert und sich auf den Anbau von biologisch-dynamischen Kräutern spezialisiert. Sie verkaufte diese sogar in einem kleinen Hofladen, den sie sich neben der Remise eingerichtet hatte.

Dass Gerti sich mit Kräutern auskannte, bedeutete aber nicht, dass sich ihre Hofarbeit darauf beschränkte. Wie ihre Nachtwache bei der Milchkuh Milli bewies, packte sie überall mit an, wo es nötig wurde. Der Bauer war stolz auf seine tüchtige Tochter und machte sich um die Nachfolge auf dem Seitz-Hof keine Sorgen.

Susanne hingegen tat daheim keinen Schlag. Als Kind war sie kränklich gewesen, hatte lange an Keuchhusten gelitten und auch alle anderen Kinderkrankheiten durchgemacht. Als der Doktor eine Lebensmittelallergie bei ihr festgestellt hatte, war es für die Bäuerin beschlossene Sache gewesen, Susanne nun vollends in Watte zu packen, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen und sie nach Strich und Faden zu verwöhnen.

Martin Seitz war von jeher dagegen gewesen, denn schon früh hatte Susanne egozentrische Züge gezeigt. Sie war ein quengeliges, intrigantes Kind gewesen, das seine Ziele stets erreichte, weil es schon mit fünf Jahren wusste, welche Knöpfe es bei der Mutter drücken musste. Hatte Martin versucht, seiner Frau Veronika die Augen über ihre Jüngere zu öffnen, hatte er auf Granit gebissen.

»Ein paar Mal haben wir unser Engerl fast verloren«, erinnerte sie ihn dann vorwurfsvoll. »Da wird es doch wohl erlaubt sein, die Kleine ein bisserl zu umsorgen!«

Der Bauer hatte es schließlich aufgegeben, auch wenn er zusehen musste, wie aus seiner Jüngeren ein verzogenes Biest wurde. Eines aber ging ihm nach wie vor gegen den Strich und sorgte dafür, dass er sich trotzdem beizeiten mit seiner besseren Hälfte anlegte, das war Susannes Verhalten Gerti gegenüber. Dachte Martin nun daran, schwoll auch ihm die Zornesader.

Schon als die Schwestern noch Kinder gewesen waren, hatte Susanne alles mit großer Selbstverständlichkeit für sich beansprucht. Ob das ein Spielzeug gewesen war, die Aufmerksamkeit der Mutter oder ein neues Gewand. Alles war für Susanne da gewesen. Gerti kam stets, wenn überhaupt, an zweiter Stelle. Das gutmütige Madel hatte sich das Verhalten der Schwester meist gefallen lassen. Begehrte Gerti einmal auf, hatte es sofort Streit gegeben. Und wer dafür die Schuld bekam, war klar gewesen.

Daran hatte sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Nur dass es nun nicht mehr um Kleinigkeiten ging. So wie Susanne der Schwester früher jedes Eis und jedes Puppenkleid aus der Hand genommen und selbst behalten hatte, so betrachtete sie es nun als selbstverständlich, von den Burschen in Taufenstein umschwärmt zu werden. Und zwar von allen, ohne Ausnahme.

Worüber Veronika großzügig hinwegsah und was sie im Grund noch stolz machte, das gab Martin Anlass zur Sorge. Denn immer wenn ein Bursch sich für Gerti interessierte, dann drängte die jüngere Schwester sich sofort dazwischen. Sie gefiel sich in ihrer Rolle als beste Partie im Tal, auch wenn sie es mit keinem wirklich ernst meinte.

Das hatte bei Gerti schon oft für Kummer gesorgt. Lukas hatte schnell eingesehen, dass man von Susanne besser die Finger ließ. Freilich hatte die Hoftochter sich über sein distanziertes Verhalten geärgert und tat dies noch. Zuerst war Lukas schließlich an ihr interessiert gewesen, was Susanne für ganz selbstverständlich hielt. Dass er sich dann aber mit Gerti angefreundet hatte, hatte sie sehr geärgert. Einzig die Tatsache, dass der Großknecht offensichtlich ein Hallodri war und Gerti doch nicht treu bleiben würde, hatte die eingebildete Hoftochter über diese »Enttäuschung« ein wenig hinweggetröstet.

Doch dann war es anders gekommen. Zwischen Gerti und Lukas hatte sich keine Romanze entsponnen. Die kluge Jungbäuerin mochte den Großknecht, aber sie hatte ihm von Anfang an klar gemacht, dass sie nie mehr als Freunde sein konnten. Denn einen untreuen Verehrer, den wollte Gerti nicht. Das war für sie das Schlimmste überhaupt, weil Ehrlichkeit und Treue dem Madel über alles gingen.

Für Lukas war das neu und gewöhnungsbedürftig. Während er nun den Melkcomputer überprüfte, lächelte er ein wenig vor sich hin. Gerti hatte Einfluss auf ihn genommen wie kein anderes Madel vorher. Sie hatte ihm gezeigt, wie schön es sein konnte, einfach nur befreundet zu sein, sonst nichts. Schön und dauerhaft.

Umso härter traf es Lukas jedes Mal, wenn er spürte, dass Gerti ein Kummer quälte, der auf Susannes Mist gewachsen war. Schon oft hatte der Bursch daran gedacht, der hochnäsigen Hoftochter einmal offen die Meinung zu sagen. Doch er ahnte, dass er damit nichts erreichen konnte, im Gegenteil.

Susanne würde vermutlich dafür sorgen, dass er flog. In ihrer Scheinwelt drehte sich schließlich alles nur um sie selbst. Kritik betrachtete sie als Majestätsbeleidigung. Lukas seufzte. Dabei hatte dieses schöne Madel bestimmt keinen wirklich schlechten Charakter. Er war überzeugt, dass sich hinter der kühlen, arroganten Fassade ein Mensch versteckte, der Gerti nicht mal so unähnlich war.

Hätte Susanne ein Mal im Leben mit der Wirklichkeit Bekanntschaft gemacht, wäre diese Seite ihres Charakters vielleicht sogar zum Vorschein gekommen. Es mochte dafür noch nicht zu spät sein. Doch die Bäuerin sorgte dafür, dass dies niemals geschehen konnte. Wie vor zwanzig Jahren stand sie auch heutzutage noch zwischen dem wirklichen Leben und ihrer jüngeren Tochter. Dass sie Susanne damit weiß Gott keinen Gefallen tat, ahnte sie dabei nicht einmal.

»Lukas komm, es gibt Frühstück!« Das war Gerti, die ihm von der Stalltüre her zuwinkte und dann mit einem gut gefüllten Korb voller Kräuter zum Haus strebte.

Der Großknecht seufzte. Wenn Susanne sich nur ein kleines Scheibchen vom Wesen der Schwester hätte abschneiden können, dann wäre aus dem verwöhnten Biest womöglich ein nettes Madel geworden. Ja, wenn …

***

Als Gerti mit ihrem Korb die Diele betrat, kam Susanne gerade die Stiege herunter. Sie stoppte abrupt und riss entsetzt die Augen auf, dann beschwerte sie sich: »Was soll denn dieses Unkraut im Haus? Du weißt ganz genau, dass ich davon einen Heuschnupfenanfall kriegen kann. Manchmal denke ich, du tust das mit Absicht!«

»Es tut mir leid, Susi, daran hab ich net gedacht«, lenkte Gerti ein. »Ich bring’s schnell in den Laden!« Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ unter dem pikierten Blick der Schwester noch einmal das Haus.

Veronika spitzte aus der Küche, denn sie hatte Susannes Stimme gehört. Fürsorglich erkundigte sie sich: »Ist alles in Ordnung, mein Engerl? Hast du gut geschlafen? Das Frühstück ist fertig.«

Susanne seufzte leidend. »Geschlafen hab ich leidlich. Meine Stirnhöhle hat mich ein bisserl gequält. Und die Gerti, dieses Unglücksmensch, hält mir gleich einen Korb mit Unkraut unter die Nase.« Sie fuhr sich gepeinigt an die Stirn. »In diesem Haus nimmt keiner Rücksicht auf mich. Außer dir natürlich, Mama. Und das weiß ich sehr zu schätzen. Ein sensibler Mensch benötigt nun mal etwas mehr Fürsorge als so ein robustes Pflanzerl …« Sie lächelte abfällig, als sie an Gertis Aufzug dachte.

»Sag einmal, Mama, warum achtet die Gerti eigentlich net ein bisserl mehr auf ihr Äußeres? Sie rennt allerweil herum wie ein Krauthexerl.«

Die Bäuerin hob die Schultern. »Deine Schwester ist recht fleißig. Sie hat einfach net die Zeit, um sich hübsch zu machen.« Ihr bewundernder Blick streifte das schicke Dirndl in Pastellfarben, das Susanne an diesem Morgen gewählt hatte. Ihr goldblondes Haar hatte sie zu einem eleganten Knoten frisiert, der ihre schöne Nackenlinie zur Geltung brachte.

»Aber das müsste sie«, beharrte die Hoftochter. »Kein Wunder, dass sie mit Mitte zwanzig immer noch einschichtig ist! Kein Bursch mag mit einer Vogelscheuche zum Tanz gehen.« Sie ließ sich an der Eckbank nieder und schaute zu, wie ihre Mutter das Frühstück richtete.

»So arg ist es auch wieder net«, nahm diese Gerti nun in Schutz, was selten genug vorkam. »Aber du darfst auch net vergessen, dass die Burschen alle hinter dir her sind.«

»Ja, stimmt auch wieder.« Susanne lächelte selbstgefällig.

In diesem Moment erschien Gerti. Sie nahm der Mutter das volle Tablett ab und trug es ins Esszimmer. Dort hatten sich bereits der Bauer und das Gesinde um den großen Tisch versammelt.

Der Bauer redete gerade mit Lukas über das in der Nacht geborene Kalb und meinte anerkennend: »Die Gerti hat’s ganz allein auf die Welt gebracht. Freilich mit ein bisserl Hilfe von der Milli.«

Alle lachten, die Hoftochter ebenfalls, während Susanne nur leicht pikiert feststellte: »Du solltest dich besser an dein Unkraut halten. Sonst wirst du noch mit dem Viehdoktor verwechselt.«

»Na und? Ich hab nix dagegen, so eine Geburt ist was Schönes. Dem Viehdoktor zur Hand zu gehen, das macht mir Spaß.«

»Und sie stellt sich sehr geschickt an«, lobte der Bauer.

»Ich find, dieses Thema hat beim Essen nix zu suchen«, tadelte Veronika ihre bessere Hälfte. »Greift nur tüchtig zu!«

Die frischgebackenen Roggensemmeln, die selbst hergestellte Butter sowie der feine Schinken und die selbst gekochte Marmelade, alles in bester Bioqualität, fanden sofort Anklang. Es duftete überaus lecker, und alle ließen es sich schmecken.

»Wann geht es denn los mit der Messe?«, fragte Martin seine Tochter nun. »Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich auch mal wieder gern teilnehmen.«

»Nächste Woche. Ihr könnt ja an einem Tag bei meinem Standerl vorbeikommen«, schlug Gerti vor und sprach auch ihre Schwester an. »Es ist interessant dort.«

Susanne lächelte verächtlich. »Was soll denn daran interessant sein, wenn an die hundert Bauern ihren Graffel ausstellen? Um zu sehen, wie Landwirtschaft funktioniert, muss ich nur den Kopf aus dem Fenster halten.«

»Warum tust du’s dann net mal?«, hakte Lukas gleich nach.

»Es ist die größte Messe für Biobauern in ganz Bayern«, hielt Gerti ihr entgegen. »Man kann dort viel lernen.«

Susanne ging nicht auf die Worte der Schwester ein, sie musterte den Großknecht giftig.

»Wenn ich dran denk, wie das am Anfang war«, sinnierte der Bauer gemütvoll. »Eine Handvoll Standerln, das war alles. Man hat einen jeden gekannt. Wir mussten uns ja erst durchsetzen. Nebenan hat der Bauernverband getagt und über uns gelacht. Na ja, das hat sich bis heut zum Glück geändert.«

»Komm halt mit, Vaterl, ich tät mich über deine Gesellschaft freuen!«, schlug Gerti vor. »Du wirst gewiss alte Spezln dort treffen. Das wär doch nett. Der Lukas kann dich mal für eine Woche vertreten.«

»K

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