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Alpengold - Folge 175

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bluemchen

Mach mich glücklich, Barbara

Zu Herzen gehender Roman um eine aussichtslose Liebe

Von Sissi Merz

Als die hübsche Barbara an diesem Morgen aufwacht, erleuchtet helles Sonnenlicht die kleine Kammer. Wo bin ich?, fragt sich Barbara verwirrt, doch die herrliche Bergwelt hinter dem Fenster und das Gezwitscher der Vögel bringen die Erinnerung an den gestrigen Abend und ihre überstürzte Flucht aus der Pension im Dorf jäh zurück. Fort, nur fort!, war ihr einziger Gedanke, fort von Tom und seinen Lügen! Und dann der Sturz am alten Steig hoch oben am Berg, das tosende Unwetter, ihre Verzweiflung … und das bärtige Gesicht eines schweigsamen Fremden! Ja, der Mann namens Sebastian muss sie gerettet und auf diese Hütte im Gebirge gebracht haben!

Schon wenige Wochen später kann sich Barbara ein Leben ohne Sebastian und die Wildkogel-Alm nicht mehr vorstellen. Längst hat sie sich hoffnungslos in ihn verliebt! Doch er bleibt zurückhaltend, fast abweisend – denn er hat ein Geheimnis, das sein Leben überschattet und das einem neuen Glück im Wege steht …

»Ja, mei, so ein Haderlump! Der Hundling hat’s wirklich nur auf den Hof abgesehen. Gut, dass du mich gewarnt hast, Hias!« Das rundliche Madel mit den Flechtzöpfen schmachtete den muskulösen Burschen im Holzfällerhemd an. Der grinste recht selbstzufrieden.

»Gelt, Reserl, jetzt bist schon froh, dass du so einen gewitzten Großknecht auf deinem Hof hast?«

»Freilich!« Sie schenkte ihm einen gekonnten Augenaufschlag. »Und weil ich dir so dankbar bin, Hias, hast was bei mir gut.« Ihr Blick wurde kokett. »Hast einen Wunsch?«

»Da muss ich net lang überlegen!« Er packte sie entschlossen um die Taille. »Die Meine sollst werden. Und ich bin dann der Bauer auf dem schönen Erbhof. Dann wird’s kein gescherter Lump mehr wagen, seinen Fuß auf unser Land zu setzen. Was sagst?«

Sie seufzte glücklich. »Ich sag Ja!«

Das Busserl, das die beiden tauschten, wurde vom begeisterten Applaus des Publikums begleitet. Langsam senkte sich der Vorhang, und wieder einmal hatte das Ensemble des Mittenwalder Bauerntheaters eine Vorstellung erfolgreich beendet.

Im Gemeindehaus von Unterfelden im Berchtesgadener Land ging das Licht wieder an, doch die Zuschauer mochten sich noch nicht so recht von den in zwei Stunden lieb gewonnenen Akteuren trennen. Mit ausdauerndem Beifall lockten sie die Volksschauspieler und den Regisseur hinter dem Vorhang hervor und sogar einige Bravorufe waren zu vernehmen.

Georg Haseler, der ehrenamtliche Ortsvorstand von Unterfelden betrat die Bühne und überreichte den weiblichen Ensemble-Mitgliedern Blumen. Der korpulente Landwirt glühte richtig vor Eifer, als er im Gegenzug manch süßes Busserl abstauben konnte. Nur die giftigen Blicke seiner besseren Hälfte im Zuschauerraum bremsten ein wenig seinen Enthusiasmus. Tom Wallner, Chef und Regisseur der Truppe bedankte sich routiniert und ließ die Zuschauer noch wissen, dass am nächsten Abend eine weitere Vorstellung stattfinden würde. Wieder klatschen die Leute und freuten sich sichtlich über die kulturelle Abwechslung in ihrem sonst eher ruhigen Alltag.

Unterfelden lag ein wenig versteckt in einem schmalen Tal abseits der Touristenrouten, es gab nur zwei Pensionen mit einem guten Dutzend Fremdenzimmern. Bislang hatte noch keine Theatertruppe hier Station gemacht. Aber ebensolche Dörfer suchte Tom Wallner für seine Tourneen aus, denn er wusste aus Erfahrung, dass die Zuschauer dort besonders dankbar waren. Und der Erfolg hatte ihm bislang immer recht gegeben.

»Wir haben einen kleinen Empfang im Bürgermeisterhaus arrangiert«, ließ Georg Haseler den jungen Mann nun noch wissen. »Der Rat, meine Familie und ich, wir täten uns sehr freuen, wenn alle kommen.«

»Das ist außerordentlich nett von Ihnen, Herr Haseler«, versicherte Tom liebenswürdig. »Wir kommen gern.«

»Ja, dann will ich mich gleich auf den Weg machen und schauen, ob auch alles hergerichtet ist, wie es sich gehört. Bis gleich!« Er winkte der weiblichen Hauptdarstellerin mit seinen Wurstfingern neckisch zu und eilte dann erstaunlich flink von der Bühne. Tom Wallner klatschte in die Hände.

»Ihr habt’s gehört, Leut, es geht zum Bürgermeister zum Schnabulieren. Na, mir soll’s recht sein, sparen wir für heut Abend die Verpflegungskosten.«

»Ehrlich gesagt, hab ich net viel Lust«, gab Barbara Angermeier, die Hauptdarstellerin, zu. »Bin rechtschaffen müd.«

»Wir müssen ja net lang bleiben«, tröstete Tom sie.

Rosi Zacharias, die in dem Stück »Der falsche Erbe« die Magd Milli gegeben hatte, merkte spitz an: »Ihr wollt wohl lieber unter euch sein, ihr Turteltauberln. Ja, jeder, wie er will.«

Tom legte einen Arm um Barbara und fragte Rosi: »Hast du vielleicht etwas dagegen einzuwenden?«

Die verdrehte die Augen und zog ihr Kopftuch von ihrer roten Lockenpracht.

»Ich werde mich hüten …«

»Komm, Roserl, beeilen wir uns ein bisserl, nachher sind wieder die besten Sachen weggefressen«, meinte Fred Köhler. Er war groß und sehr schlank und schien immer Hunger zu haben. Rosi fand ihn nett, verliebt war sie allerdings in einen anderen.

»Na schön, auf zur heißen Schlacht am kalten Büffet!«, scherzte sie ein wenig lau. Ihre klaren, grünen Augen folgten neidvoll Barbara und Tom, die in Richtung Garderoben verschwanden.

»Schwärmst du allerweil noch für Tom?«, fragte Fred, dem ihr Blick nicht entgangen war. »Schlag ihn dir lieber aus deinem hübschen Köpferl! Er ist es net wert.«

»Woher willst denn du das wissen?«, murrte sie ungehalten.

»Ganz einfach, weil ich Augen im Kopf hab. Und im Gegensatz zu allen weiblichen Mitgliedern dieses Tourneetheaters bin ich net in den Tom verliebt. Deshalb kann ich ihn sachlich beurteilen. Er ist egoistisch, oberflächlich und untreu. Net unbedingt das, was man als Traummann bezeichnen würde, oder?«

»Was weißt du schon?« Rosi seufzte leise. »Warum rede ich überhaupt mit dir darüber? Du vertrittst doch bloß deine eigenen Interessen, gib’s halt zu!« Sie öffnete die Tür zu dem kleinen Raum, der als Garderobe diente, und bedachte Fred mit einem vielsagenden Lächeln. Der erwiderte ihr Lächeln nonchalant.

»Ich geb zu, dass du mir gefällst. Aber das weißt du eh schon. Ich bin übrigens ein geduldiger Mensch und kann warten. Irgendwann werden dir die Augen aufgehen und du begreifst, dass der Tom genauso ist, wie ich ihn beschrieben habe.«

»Und du bildest dir ein, dann laufe ich mit fliegenden Fahnen zu dir über? Mei, du leidest auch net eben unter Minderwertigkeitsgefühlen.«

»Mag sein, wäre ich sonst Schauspieler geworden? Das ist es aber net allein. Ich seh in deinen schönen Augen, dass du mich gern hast. Das ist ausbaufähig.«

Rosi musste lachen und schloss die Tür hinter sich. Fred war wirklich keine schlechte Wahl. Er sah passabel aus, hatte Witz und Humor und war ein Typ zum Pferdestehlen. Trotzdem würde er für sie immer nur die zweite Wahl sein, davon war sie fest überzeugt. Denn ihr Herz gehörte nun mal Tom Wallner, auch wenn der – noch – mit einer anderen zusammen war.

Aber das konnte sich jederzeit ändern, wie die Erfahrung zeigte …

***

Der Abend im Bürgermeisterhaus wurde für die Truppe recht kurzweilig. Georg Haseler hatte überreichlich aufgetischt und selbst Fred Köhler wurde satt. Man plauderte angeregt, wobei Tom Wallner wie immer im Mittelpunkt stand und dies auch genoss.

Marie Haseler flirtete ungeniert mit dem feschen Regisseur, um ihrem Mann seine Tändeleien mit den Schauspielerinnen ein wenig heimzuzahlen. Barbara hielt sich zurück, sie hatte sich schon daran gewöhnt, dass Tom ungezählte Bewunderinnen hatte.

Nachdem Barbara in der Garderobe die Perücke mit den dicken Zöpfen und die Auspolsterungen ihrer Figur mittels Schaugummi losgeworden war, trug sie nun Jeans und eine helle Bluse und sah darin wie ein junges Madel aus. Ihre schlanke, gut gewachsene Figur, das hübsche Gesicht mit den himmelblauen Augen und das schulterlange, glänzende blonde Haar machten sie zu einer auffallend attraktiven Erscheinung.

Sie und Tom bildeten ein fesches Paar, das sogleich alle Blicke auf sich zog. Doch darauf kam es Barbara gar nicht an. Sie hatte, im Gegenteil, lange gezögert, Tom zu vertrauen, eben weil er so gut aussah und so sehr aufs weibliche Geschlecht wirkte.

Barbara stammte aus einem kleinen Flecken im Werdenfelser Land. Sie war mit drei Geschwistern auf einem Bauernhof in Grainau aufgewachsen und daher von Natur aus bodenständig. Schon früh hatte sie aber auch ihre kreative Ader entdeckt und gespürt, dass sie anders war als ihre Schwestern und ihr Bruder. Um ihren Traum zu verwirklichen, hatte sie – gegen den Willen der Eltern – eine Schauspielschule in München besucht.

Das hübsche Madel hatte aber nie vorgehabt, zum Film oder Fernsehen zu gehen. Barbara wollte Theater spielen. Und als sie erfahren hatte, dass man beim Mittenwalder Bauerntheater neue Talente suchte, hatte sie sich sofort beworben.

Zu dieser Zeit, etwa zwei Jahre war das her, hatte Tom Wallner die Truppe eben übernommen und war bemüht gewesen, alles ganz anders zu machen. Er wollte weg vom altväterlichen Image des traditionellen Bauerntheaters, den Zuschauern etwas Zeitgemäßes bieten, das aber zugleich auf der Tradition fußte.

Es war ein Grenzgang, der mit einigen zu modernen Stücken und ein paar Fehlgriffen bei den Akteuren zunächst ein wenig schwer in die Gänge kam. Doch schließlich hatte der charismatische Regisseur es geschafft, der jungen Truppe seinen Stempel aufzudrücken. Und der Erfolg sprach für sich. Man war das ganze Jahr unterwegs, tourte ständig und hatte so bereits fast jeden Winkel des schönen Bayernlandes kennengelernt. Für Barbara war dies aber eher eine Schattenseite ihres Jobs.

Die junge Frau litt oft an Heimweh. Die Eltern hatten sich mittlerweile mit ihrer Berufswahl abgefunden, und ihre Schwestern beneideten sie heimlich. Wann immer es möglich war, besuchte Barbara ihre Familie. Tom hatte sie allerdings bislang nicht dazu überreden können, sie zu begleiten. Er hielt nichts von Familienbanden, nannte das »spießig«. Das war nicht der einzige Punkt, in dem die beiden unterschiedlicher Meinung waren.

Barbara war vom ersten Moment an von Tom fasziniert gewesen, doch sie hatte auch bald festgestellt, dass ihm nicht zu trauen war. Er flirtete ständig mit jedem hübschen Madel, das in seine Nähe kam, und das Wort »Treue« schien er nicht zu kennen.

Der junge Mann hatte es mit Barbara aber ernst gemeint. Und er hatte ihr versprochen, keine andere mehr anzuschauen. Auf diese Weise hatte er ihr Herz erobert. Manchmal fragte das Madel sich allerdings, ob er tatsächlich immer Wort hielt. Konnte ein Mann wie Tom denn auf die Dauer überhaupt treu sein?

Sie wollte es gern glauben, aber es fiel ihr nicht ganz leicht.

Während Tom nun, umringt von seiner Truppe und den anwesenden Unterfeldenern, lustige Anekdoten aus seinen Anfangszeiten als Regieassistent zum Besten gab, trat Barbara hinaus auf die Terrasse, um ein wenig frische Luft zu schnappen.

Es war ein angenehm milder Abend Mitte August. Am klaren Himmel flimmerten bereits die Sterne, die schmale Sichel des Mondes lugte über den Gipfel des Ettenbergs. Eine Amsel sang in der Spitze einer Tanne ihr melancholisch anmutendes Lied.

Es war ein rechtes Idyll, das Barbara das Herz jedoch schwer werden ließ. Sie dachte an daheim, und die Sehnsucht erfüllte sie. Ob die Zeit des Herumwanderns wohl irgendwann vorbei sein würde? Ob sie eines Tages wieder in ihr Heimattal zurückkehren und eine Familie gründen würde? Vielleicht, aber wohl kaum mit Tom …

Dieser Gedanke erschreckte sie. Schließlich hatte sie Tom Wallner lieb und konnte sich ein Leben ohne ihn kaum mehr vorstellen. Aber er passte eben auch nicht in ihre Auffassung von der Zukunft, das musste sie sich insgeheim eingestehen. Und dieser Zwiespalt zwischen Wunsch und Wirklichkeit machte ihr zu schaffen.

Als sich ihr Schritte näherten, drehte Barbara sich um. Sie lächelte schmal, denn Rosi Zacharias gesellte sich zu ihr und merkte ironisch an: »Der Tom läuft mal wieder zu großer Form auf. Er muss eben immer im Mittelpunkt stehen. Fällt es dir net manchmal schwer, nur die zweite Geige zu spielen?«

Barbara musterte ihre Kollegin nachdenklich. Rosi war ein sehr selbstbewusster Mensch, Zurückhaltung für sie ein Fremdwort. Sie war wohl die geborene Schauspielerin, denn sie kannte keine Unsicherheit, leider auch keine Skrupel. Sie ging ihren Weg und nahm wenig Rücksicht auf andere.

»Ich empfinde das so net«, stellte Barbara nun mit ruhiger Stimme richtig. »Mir ist es nicht so wichtig, im Mittelpunkt zu stehen.«

»Geh, das gibt’s doch net! Jedenfalls nicht in unserem Beruf. Oder magst du vielleicht auf scheues Hascherl machen?« Sie lachte perlend. »Das nehm ich dir net ab.«

»So war das auch net gemeint. Freilich genieße ich es, auf der Bühne zu stehen und eine Rolle zu spielen. Dafür hab ich viel aufgegeben. Aber das hat mit dem wirklichen Leben doch nix zu tun. Da kommt es auf ganz andere Dinge an.«

»Zum Beispiel?« Rosi nippte an ihrem Wein und machte neugierige Augen. »Nun sag schon, was du meinst!«

»Na ja, ich denke halt, dass man sich im richtigen Leben aufeinander verlassen können muss. Und ich halte Treue für wichtig. Sonst hat doch alles keinen Sinn.«

»Treue? Mei, dann bist du beim Tom aber an der falschen Stelle. Ich hab mich eh schon gewundert, dass er bei dir hat landen können. Oder macht er dir etwa vor, dass es für ihn nur noch dich gibt?«

»Das macht er mir net vor, das ist so.« Barbaras Miene verschloss sich. »Für mich ist Treue die Grundlage einer Beziehung. Das weiß Tom, deshalb würde er nie …«

Rosi lachte amüsiert auf. »Mei, bist du aber naiv! Soll ich dir vielleicht mal ein Lichterl aufstecken? Der Tom gehört zu der Sorte Männer, die niemals treu sein können. Es liegt ihm im Blut, verstehst du? Wenn ihm ein hübsches Madel über den Weg läuft, dann ist sein Jagdinstinkt geweckt. Dagegen kann er gar nix machen. Und selbst wenn er einen heiligen Eid auf die Bibel schwört, dir treu zu sein, vergiss es! Das schafft der nie!«

»Du musst es ja wissen. Ich glaub, dir liegt daran, den Tom und mich auseinanderzubringen.«

»Meinst?« Rosi musterte Barbara mit einem seltsamen Blick, der dieser irgendwie heimtückisch erschien. »Dazu brauch ich nix zu tun, glaub mir. Das passiert von ganz allein. Wart’s nur ab.«

Barbara hatte genug gehört. Sie fühlte sich mit einem Mal nicht mehr wohl im Bürgermeisterhaus von Unterfelden. Aus der guten Stube drangen Lachen und Gläserklirren, alle schienen bester Laune zu sein. Und sie stand hier draußen, hörte sich Rosis Sticheleien an und fühlte sich wie eine Aussätzige.

Sie beschloss, sich wieder den anderen anzuschließen. Doch als sie in die Terrassentür trat, saß Marie Haseler gerade auf Toms Schoß und herzte ihn wie einen lebensgroßen Teddybären, während ihre bessere Hälfte fleißig dem Enzian zusprach.

Barbara reichte es da. Sie verließ das Bürgermeisterhaus und ging hinüber, zu der Pension, in der sie untergebracht waren. Dabei fragte sie sich ernsthaft, was Tom sich dachte. Musste er denn überall, wo sie hinkamen, den Partylöwen spielen? Missmutig betrat sie ihr Zimmer und setzte sich aufs Bett. Wieder erfasste sie das Heimweh, und sie hätte am liebsten ihre Mutter angerufen.

Doch sie konnte sich schon vorstellen, was Walli Angermeier sagen würde: »K

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