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Alpengold - Folge 174

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Das Vermächtnis des Anton Hurlacher
  4. Vorschau

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bluemchen

Das Vermächtnis des Anton Hurlacher

Dramatischer Roman um ein schweres Erbe

Von Kristina Brunner

Wie gebannt bleibt der junge Meitinger-Jakob stehen, als er nach Jahren auf der Walz in seinem Heimatdorf in den Bergen am Schneider-Hof vorüberkommt. Aus der Bauerntochter Marie ist eine wahre Schönheit geworden! Und als sie den Blick hebt und Jakob in ihren warmen Augen versinkt, da ist es vollends um ihn geschehen! Kurzerhand mietet er sich für eine Weile in der kleinen Pension der Schneiders ein, um Maries Herz zu gewinnen …

Auch sie verliebt sich in den feschen Zimmermann, und beide träumen bald davon, für immer zusammenzubleiben. Doch da ahnen sie noch nichts von der seltsamen Klausel im Testament des alten Anton Hurlacher, Jakobs Patenonkel. Ausgerechnet die Bedingung des kauzigen alten Mannes, die Jakobs Glück sichern sollte, wird nun zum Prüfstein seiner großen Liebe …

»Hallo, Marie, was machst du denn da? Darf ich dir dabei helfen?«

Marie Schneider wandte sich nach der hellen Stimme um. Sie blickte in das neugierige Gesicht der kleinen Dina, einer der beiden süßen Töchter einer Gastfamilie, die hier in Wartenstein auf dem Hof der Schneiders Urlaub machte.

»Sicher! Das ist lieb von dir. Komm, hier ist eine Matte. Knie dich darauf, damit deine Hose nicht schmutzig wird!«

Die Kleine kniete sich neben sie und sah zu, wie Marie Unkraut und einige zu klein gewachsene Möhrensämlinge auszupfte.

»Schau mal, die kräftigen lasse ich stehen, damit sie weiter wachsen können«, erklärte sie. »Die schwachen Winzlinge nehmen ihnen nämlich nur den Platz weg und werden dann doch nicht groß. Da geben wir lieber denen Platz, die schon etwas dicker sind und bestimmt noch weiter wachsen.«

»Darf ich auch mal?«

Marie nickte. »Die Pflänzchen müssen immer gerade so weit auseinanderstehen, wie dein kleiner Finger lang ist.« Sie sah zu, wie die Fünfjährige zaghaft an den Pflanzen zupfte. »Ja, so machst du es richtig.«

Marie konnte gut mit Kindern umgehen, und sie war sehr beliebt bei den kleinen Gästen. Seit ihre Eltern seit vier Jahren mit ihrem Hof am Programm »Ferien auf dem Bauernhof« teilnahmen, waren das ganze Jahr über Gäste mit Kindern da – die drei Apartments waren ständig ausgebucht.

Marie hatte es übernommen, sich um die Familien zu kümmern – sie richtete das Frühstück und die Lunchpakete für Ausflüge her, machte mit den Kindern tägliche Stallführungen und versorgte mit ihnen zusammen die kleinen Tiere, die tagsüber die »Streichelwiese« bevölkerten – drei junge Ziegen, etliche Kaninchen und Meerschweinchen sowie mehrere Perlhühner, die ziemlich klug schienen und erstaunlich zutraulich waren.

Marie gewann die Herzen der Kinder im Sturm.

Sie war gerade fünfundzwanzig geworden und lebte auf dem elterlichen Hof in Wartenstein, einem kleinen Dorf in den Alpen, abseits der üblichen Ski- und Feriengebiete. Sie hatte in der nahen Kreisstadt eine kaufmännische Ausbildung bei einer Spedition gemacht, aber die Firma war kurz nach Maries Prüfung in Konkurs gegangen. Marie hatte sich danach entschlossen, bei ihren Eltern zu bleiben, weil sie eine neue Arbeitsstelle wahrscheinlich nur im entfernten München gefunden hätte.

Die Idee, dem Hof die kleine Familienpension anzugliedern, stammte von ihr, und ihre Eltern waren sofort einverstanden gewesen. Nur der Vater hatte zuerst Bedenken gehabt.

»Wenn du einen Mann kennen- und lieben lernst, wirst du vielleicht, wenn du heiratest, zu ihm ziehen. Und wer übernimmt dann die ganze Arbeit?«

»Erstens«, hatte sie geantwortet, »habe ich in der Männerwelt bisher nur Enttäuschungen erlebt, und zweitens glaube ich net, dass in nächster Zeit einer hier zur Tür hereinspaziert, dem ich vertrauen kann.«

»Und wenn dir doch mal der Richtige begegnet, vielleicht in ein paar Jahren?«

»Dann läuft die Pension entweder so gut, dass ihr euch dafür eine Angestellte leisten könnt«, antwortete sie, »oder sie läuft net gut, und dann sollte man sie lieber schließen. Aber vertraut mir ruhig! Ich hab eine Menge guter Ideen.«

So hatten die Eltern ihr vertraut, und das hatte sich ausgezahlt. Marie steckte viel Fleiß und Arbeitszeit in ihre Pläne, und neben dem guten finanziellen Erlös gab es einen viel größeren und schöneren Lohn: das glückliche Lachen der Kinder.

So wie die niedliche Dina, die ihr jetzt beim Auslichten der Karottensaat helfen wollte, reagierten die meisten der Kleinen. Garten- und Stallarbeit machten Spaß, wenn man die richtige und vor allem geduldige Anleitung dazubekam. Manche Kinder sahen auch lieber nur zu, stellten aber eine Menge neugieriger Fragen.

»So«, sagte Marie schließlich, »ich glaube, wir beide haben allerhand geschafft. Sieh mal, wir haben die ganze Reihe fertig.«

»Sind das da vorn auch Möhren?«, wollte Dina wissen und zeigte auf die nächste Reihe, in der es Pflanzen mit langen, geraden Blättern gab, die wie zu klein geratener Porree aussahen.

»Das ist Knoblauch«, erklärte Marie geduldig. »Ich setze immer abwechselnd eine Reihe Knoblauch und eine Reihe Möhren. Weißt du, normalerweise kommen im Sommer ganz viele Schnecken, weil sie gern Möhren fressen. Knoblauch aber mögen sie net, noch net einmal den Geruch. So geht es vielen Menschen ja auch. Die Schnecken gehen dem Knoblauch aus dem Weg, und dadurch kommen sie gar nicht bis zu den Möhren.«

»Aha«, machte Dina altklug. »Muss ich mir merken, falls ich später mal selbst einen Garten habe.«

Marie erhob sich. »So, ich muss jetzt hier Schluss machen«, sagte sie. »In anderthalb Stunden soll das Mittagessen fertig sein.«

»Darf ich dir dabei auch helfen? Was gibt’s denn?«, fragte Dina eifrig.

Marie lächelte. »Zuerst eine Hühnersuppe, aber die ist schon fertig. Die machen wir nur heiß und geben ein paar Hörnchennudeln hinein. Dann bereiten wir Bratkartoffeln und Gemüse zu, dazu für jeden eine große Frikadelle, die man bei uns in der Gegend ›Fleischpflanzerl‹ nennt, und obendrauf geben wir ein Spiegelei. Und zum Nachtisch gibt es dann einen Wackelpudding.«

Die Kleine hüpfte auf beiden Füßen. »Au ja! Den Pudding kann ich schon allein machen! Da muss man nur ein Pulver in heißes Wasser rühren.«

»Der ist auch schon fertig und steht im Kühlschrank«, versicherte Marie. »Wir machen ihn hier etwas anders. Das dauert zwar länger, schmeckt aber viel besser. Er musste eine Weile gekühlt werden, damit er richtig fest wird. Aber du kannst auf jeden eine hübsche Verzierung aus Schlagsahne machen.«

»Echt? Darf ich das?«

Marie nickte und fuhr zusammen, als dicht hinter ihr eine männliche Stimme sagte: »Wenn Sie in die Hühnersuppe noch ein bisserl Wasser und ein paar Nudeln mehr tun, fällt dann für mich noch eine Portion ab?«

Sie fuhr herum und blickte in die hübschesten blauen Augen, die sie je gesehen hatte, umrahmt von einem jungenhaften Gesicht mit spitzbübischem Lächeln.

Irgendetwas kam ihr an diesem Gesicht entfernt bekannt vor, als hätte sie es schon mal irgendwo gesehen. Das fransige blonde Haar des Mannes schaute vorwitzig unter einem schwarzen Schlapphut hervor. Überhaupt trug der Fremde, der etwa in ihrem Alter war, vorwiegend schwarze Kleidung – Weste, Jacke und Hose aus Manchestercord, dazu schwarze, ein wenig klobig wirkende Lederschuhe und ein weißes, kragenloses Hemd, das sogar gebügelt wirkte.

Die lange Jacke war mit blitzblank polierten Silberknöpfen besetzt, und eine silberne Kette überspannte den unteren Bereich der Brust. Am seltsamsten war jedoch der große goldene Ohrring, der auf einer Seite unter dem weiten Schlapphut zu sehen war.

Er bemerkte ihren Blick und zupfte an dem Ring.

»Das sind meine Ersparnisse«, sagte er. »Ich gebe das Geld, das ich auf meiner Wanderschaft verdiene, nicht aus, sondern kaufe mir ab und zu, wenn ich genug beisammenhabe, einen größeren Ring. Vielleicht reicht es irgendwann für eine eigene Werkstatt, zumindest als Anzahlung oder für die Meisterschule.«

»Aha«, sagte sie und starrte ihn an. »Und jetzt sind Sie hungrig.«

»Ja und nein«, sagte er. »Eigentlich habe ich nur noch rund acht Kilometer vor mir, bis ich das Gesellenheim in Oberkraisbach erreicht habe, und ich könnte meinen Appetit durchaus noch für diese zwei Wegstunden ein wenig im Zaum halten. Aber eigentlich möchte ich lieber noch ein paar Stunden hier im Ort bleiben, weil ich als Kind ganz in der Nähe gelebt habe. Und Hühnersuppe mit Hörnchennudeln, das klang gerade richtig verlockend. So hat meine Mutter sie immer gekocht.« Er nahm den breitkrempigen Hut ab und machte eine tiefe Verbeugung. »Jakob Meitinger«, sagte er. »Zurzeit wandernder Zimmerer-Geselle.«

»Aha. Auf der Walz, wie man wohl sagt. Das hab ich mir schon gedacht, als ich Ihre Kleidung sah«, erwiderte Marie. »Ich bin Marie Schneider und wohne hier mit meinen Eltern. Und das hier ist Dina, die zurzeit mit ihrer Familie bei uns zu Gast ist.«

»Freut mich sehr«, gab er zurück.

»Kommen Sie einfach herein!«, bat sie. »Es ist genügend zu essen da. Ich gebe meinen Eltern Bescheid.«

»Besten Dank«, erwiderte er. »Ich freue mich. Man wird leider nicht überall so freundlich aufgenommen.«

***

Die junge Frau hatte den Wandergesellen Jakob Meitinger gleich beeindruckt, wie sie da im Garten gehockt und mit dem Madel geredet hatte. Bestimmt mochte sie Kinder sehr, genau wie er.

Als sie sich erhob und mit ihm sprach, schaute er in ein frisches, hübsches Gesicht, oval, mit nach hinten gebundenem dunklem Haar und Lachfältchen um die Augen. Es war jetzt von der Arbeit im Freien ein wenig gerötet, was ihr gut stand.

»Die Kuchl ist gleich hier rechts«, sagte sie. »Ich geh nur rasch ins Bad, meine Hände waschen. Kommst du mit, Dina?« Sie hängte ihre Schürze an einen Haken und nahm das Kind an die Hand.

Jakob sah den beiden nach. Er betrat die Küche nicht, sondern wartete in der geräumigen Diele, in der links und rechts alte Bänke standen, auf der früher bestimmt immer das Brot ausgekühlt war. Heute buken die meisten Bäuerinnen nicht mehr selbst, aber hier roch es appetitlich nach frischem, würzigem Brot.

Neben der Treppe stand ein alter Schrank, der so wuchtig aussah, als wäre er an Ort und Stelle zusammengebaut, und auf der anderen Seite schwang eine Standuhr ihr schweres Pendel.

Das Kind kehrte zuerst zurück, stellte sich vor ihn und schaute zu Jakob auf. »Die Marie hat gesagt, du bist durch die halbe Welt gewandert. Warst du wirklich überall?«

»Na ja«, meinte er, »natürlich nicht überall. Ich kenne die Schweiz, Frankreich, Belgien, Dänemark und Schweden. Das waren meine wichtigsten Stationen außer Deutschland natürlich, und dann kamen noch etwa drei Monate in Polen hinzu.«

»Da bringen Sie ja viel Erfahrung mit«, meinte Marie, die jetzt hinzugekommen war.

»Deswegen geht man ja auf Wanderschaft«, entgegnete er. »Ich habe fast alles gelernt, was es an Holzarbeiten beim Hausbau zu tun gibt – das Richten von Fachwerkbalken, das Eindecken von Reetdächern, der Bau von Holztreppen und Türrahmen und vieles mehr. Das Restaurieren von alten Möbeln habe ich dann in Polen gelernt. Da gibt es die besten Experten ganz Europas, von denen ich so manchen wichtigen Kunstgriff gelernt habe.

Gerade die Dinge, die in Bayern nicht so üblich sind, habe ich mir besonders eingeprägt, denn diese machen mich zu einem Spezialisten. Damit könnte ich überall Arbeit finden, wenn es nötig wird. Notfalls kann ich mich sogar beim Bootsbau an einem der großen Seen hier im Voralpenland bewerben.«

»Und jetzt sind Sie also wieder in der Heimat«, stellte sie fest. »Schön.«

»Ja«. Es habe ihn nach all dieser Zeit wieder hierhergezogen, berichtete er, als er der hübschen jungen Frau und dem kleinen Madel in die Küche folgte und eine Tasse Kaffee bekam – zur Hälfte Bohnenkaffee, zur anderen Hälfte Malz, dazu viel Milch. So war es hier in der Gegend üblich, denn so hatte seinerzeit König Ludwig ihn gemocht.

»Meine Lehre habe ich sogar hier in Wartenstein gemacht, im großen Sägewerk, dem damals schon eine Bau- und Möbelschreinerei angegliedert war«, berichtete er.

»Ah, beim Hurlacher«, wusste Marie.

»Genau. Mein Vater hat bereits dort gearbeitet, ist aber schon vor Jahren verunglückt. Der Besitzer der Firma, Anton Hurlacher, ist mein Patenonkel, und ich habe vor, ihn in den nächsten Tagen zu besuchen. Der alte Herr ist jetzt weit über achtzig, und ich habe ihn mehr als drei Jahre nicht gesehen.«

»So lange?«, wunderte sich die junge Frau, die mit dem Rücken zu ihm stand, weil sie am Herd hantierte.

»Ja. Wenn man sich auf die Walz begibt, muss man sich nämlich an strenge Regeln halten«, erklärte er. »Drei Jahre und einen Tag lang darf man zum Beispiel nicht näher als fünfzig Kilometer an den Heimatort kommen.«

»Ach ja. Davon habe ich gehört«, warf sie ein. »Ich finde, das ist eine harte Vorschrift.«

»Heute sieht das vielleicht so aus«, meinte er. »Wir haben in unserer Zeit schnelle Verbindungen und könnten mit dem Zug rasch mal irgendwo hin. Früher war man für eine Reise oft lange unterwegs, und Gesellen, die manchmal Heimweh hatten, mussten ihre praktische Ausbildung für eine Heimreise viel zu lange unterbrechen. Und wer gleich in der Heimat blieb und nur in der eigenen Umgebung Erfahrungen sammelte, brachte ja nichts Neues mit, wenn er sich sesshaft machen wollte. Das ist der Grund dieser Regel. Und wenn man die anderen Vorschriften betrachtet, hat jede einzelne davon ihren sinnvollen Ursprung.«

»Das leuchtet mir ein«, erwiderte Marie und wandte sich dem Kind zu, um der Kleinen den Umgang mit einer Spritztüte für Schlagsahne zu erklären. Sorgfältig malte Dina dann Herzchen und Blümchen auf etliche Schüsseln mit grünem Wackelpudding.

»Die ganz strenge Zeit ist nun für mich vorbei«, versicherte Jakob. »Jetzt, da ich meine offizielle Wanderzeit um ein freiwilliges Jahr verlängert habe, darf ich mich wenigstens hier in der Heimat wieder blicken lassen. Dieses Zusatzjahr ist jetzt auch fast vorbei.« Er seufzte. »Ich bin mittlerweile vierundzwanzig und habe wirklich eine Menge von der Welt gesehen. Wird Zeit, dass ich endlich wieder sesshaft werde.«

»Du kommst hier aus der Gegend«, sagte sie nachdenklich. »Eigentlich hätte ich dich dann doch kennen müssen.« Wie es unter einheimischen Brauch war, duzte sie ihn jetzt.

»Es wundert mich nicht, dass du mich nicht erkannt hast«, sagte er. »Ich habe auch erst nach ein paar Minuten gewusst, wer du bist. Immerhin sind wir in dieselbe Schule gegangen, wenn auch nicht in dieselbe Klasse. Ich war ein Schuljahr unter dir.«

Sie war ein Jahr älter als er, das machte in der Kindheit eine Menge aus. Sie hatten damals kaum etwas miteinander zu tun gehabt, denn Mädchen interessierten sich so gut wie nie für Jungs, die eine Klasse tiefer waren, und außerdem hatten die Jahre der Wanderschaft wahrscheinlich Jakobs Gesicht verändert. Das hatten jedenfalls Freunde gesagt, denen er auf seinen Reisen begegnet war. Das ging halt den meisten so. In den Wanderjahren erlebte man viel, und das verwandelte einen Menschen, auch äußerlich.

Er freute sich über ihre spontane Gastfreundschaft, mit der sie ihn zum Essen hereingebeten hatte. Wenn sie ihm ein Schüsselchen Suppe zur Tür gebracht hätte, wäre er damit zufrieden gewesen. Oft genug hatte er das so erlebt, und es war auch ein Teil der Tradition.

Jakob war häufig bei Fremden zu Gast gewesen, aber hier in diesem Haus verspürte er eine seltsame Befangenheit.

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