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Alm-Träume

INHALT

  1. Willkommen auf der Alp
  2. Frau Holle. Ein Abschied
  3. Iris. Frauen im Überfluss
  4. Stoff. Ein Mann, ein Bock
  5. Anne und Beate. Vertrautes bevorzugt
  6. Hubert. Satt und zufrieden
  7. Felix, Moritz, Jan. Spielend durch den Tag
  8. Felix, Moritz, Jan. Echte Abenteurer
  9. Elis. Beschenkt wie Sterntaler
  10. Robert. Mein Bild von einem Nachbarn
  11. Leila und Vingo. Ein Regentag
  12. Rosa. Landmenschen, Stadtkinder
  13. Lotta. Eine feste Adresse
  14. Jörn. Kreativ im Stall
  15. Markus und Heide. Die männlichste aller Arbeiten
  16. Großfamilie. Ofenwärme – Herzenswärme
  17. Großfamilie. Zwischen den Jahren
  18. Luana. Meine Grande Dame
  19. Paul. Gelebte Gemeinsamkeiten
  20. Lydia. Eine unerschrockene Frau
  21. Paul und Lydia. Alte Herrschaften
  22. Lisa. Ein erster Sommer
  23. Ute. Kommen und gehen
  24. Danke

WILLKOMMEN AUF DER ALP

Schweizer Voralpen.

Eine Alphütte auf eintausendzweihundert Meter Höhe. Weiden, Wald, Rinder, Ziegen, Hund, Kerzenlicht, Quellwasser. Aufstehen mit der Sonne, zu Bett gehen, wenn es dunkel wird.

Ein Traum!

Das Alpleben habe ich eher zufällig kennengelernt. Mein Entschluss, selbst mal einen Sommer als Hirtin in den Bergen zu leben, war schnell gefasst und auch bald in die Tat umgesetzt. Bis heute ist mir nichts begegnet, was ich lieber machen würde, kenne ich keinen Ort, an dem ich meine Sommer lieber verbringen möchte. Und wenn das Leben kommt wie geplant, werde ich diesen Sommer zum fünfundzwanzigsten Mal in Folge auf der Alp leben. Silberner Alpsommer!

In all den Jahren kamen meine Familie, Freunde, Freundesfreunde und Bekannten mich oft besuchen. Alle hatten Lust auf ein Stück Alpsommer. Alle brachten ihre Wünsche, Vorstellungen, Träume und Sehnsüchte mit. Alle begegneten dem echten Alpleben in seiner Bodenständigkeit, dem Folgerichtigen, der Natur und den eigenen Ängsten und Herausforderungen.

Alle bereicherten auch mein Leben.

Und alle lieferten mir den Stoff für das vorliegende Buch.

Als Kind wusste ich:

Falls ich von zu Hause abhaue,

dann gehe ich auf die Alp, dorthin,

wo meine Tante im Sommer lebt.

Moritz

FRAU HOLLE. EIN ABSCHIED

Es ist schon dunkel. Die Nacht scheint mit jedem Tag früher hereinzubrechen. Wir wollten schon vor einer Weile zu Bett gehen. Nun habe ich noch mal Holz nachgelegt. Das Feuer im Herd prasselt unter den dicken Scheiten. Der Schein von zwei Kerzen erhellt die Küche mit einem warmen Licht. Angezogen von dem brennenden Docht tauche ich die Kuppe des Zeigefingers in das flüssige Wachs. Ein Tropfen läuft über und erstarrt zur weißen Nase. Die Spitze meines Fingers fühlt sich an wie bandagiert. Unangenehm. Schon arbeitet mein Daumen an der Befreiung. Vorsichtig schält er die Kuppe aus der Gussform. Unter dem Nagel pule ich Wachsreste hervor. Das Spielen mit dem formbaren Material, solange es warm ist, gefällt mir. Trotzdem habe ich es mir schon lange abgewöhnt. Denn meine Wachskleckereien muss ich am nächsten Morgen selbst vom Tisch kratzen. Desgleichen die brüchigen Wachsformen auf dem Kerzenständer.

Fast abgewöhnt, fällt mir ein, als ich spüre, dass abgekühltes Wachs die Spitzen von Daumen und Zeigefinger zusammenkittet. Damit wird mir meine Unruhe bewusst. Inmitten der spärlich erleuchteten, heimelig anmutenden Küche bin ich innerlich ganz aus dem Häuschen und fühle mich gleichzeitig bleischwer.

Meinen Rücken an den massiven, breitesten Balken der Küche gelehnt, er würde wohl auch einem Elefanten Halt geben, höre ich meinem Gegenüber zu. Eigentlich gehört das Thema schon länger zu uns. Aber jetzt hört es sich endgültig an. Frau Holle hört auf.

Kennengelernt haben wir uns auf einem Älplerfest in Graubünden. Sie stellte sich als »Frau Holle« vor. Wir mochten uns vom ersten Augenblick an. Als Einheimische bewirtschaftete Frau Holle eine Alp im französischsprachigen Jura. Luftlinie liegen gar nicht so viele Kilometer zwischen uns. Aber weil wir nicht fliegen können, treffen wir uns seither doch nur zweimal im Jahr. Im Mai, kurz bevor meine Tiere kommen, und nach dem Alpabzug zum Ende des Sommers. Die Wochen dazwischen ist Alpsommer, Arbeit und Verantwortung für das Vieh bei ihr und mir.

Die Treffen im Frühsommer lebten von unseren Ideen, die wie Wunderkerzen aufleuchteten, sich versprühten und erloschen. Beseelt von unseren Wünschen – eine winddichte Stube, Ziegen, die sich freiwillig melken lassen, eine Hilfe im Stall, die allwissend und allkönnend sein sollte – entfachten wir begeistert ein kleines Feuerwerk nach dem anderen.

Es gab auch Themen, die wir nicht teilten. Zum Beispiel meine Suche nach neuen Zauntechniken, damit ich im Frühjahr nicht mehr so viele Weidezaunpfosten auszuwechseln hätte. Die wollen gesägt, angespitzt und entrindet sein, alle Jahre neu. Frau Holle arbeitete ausschließlich mit Elektrozaun, leichten Pföstchen aus Plastik und einem, verglichen mit Stacheldraht, schwerelosen Kabelband. Mein Anliegen war für sie weit weg. Umgekehrt suchte sie nach Wegen, um zu gutem Trinkwasser zu kommen. Sie schwärmte von meinem wunderbaren, unaufhörlich fließenden Quellwasser. Auf ihrer Alp wurde das Wasser in einer Zisterne gesammelt und hochgepumpt.

Trotz mancher Unterschiede konnten wir uns gegenseitig immer bestätigen, unsere Vorhaben und Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Zu der eigenen Begeisterung für das freiwillig gewählte Leben kam die der anderen hinzu. Es fühlte sich an, als potenzierte sich die eigene innere und äußere Kraft durch die Motivation der anderen. Stets trennten wir uns glücklich in der Zuversicht: Es wird ein guter Sommer.

Wenn wir, zwei mehr als zufriedene Hirtinnen, uns im Herbst trafen, schienen vierundzwanzig Stunden für unseren Austausch nicht zu genügen. Wir übertrafen uns gegenseitig in der Beschreibung überstandener Abenteuer. Berichteten von Niederlagen und Erfolgen. Erzählten Tiergeschichten, Menschengeschichten, Schauergeschichten, Liebesgeschichten. Wir trafen uns als Verbündete, die sich verstanden. Kein Mensch hätte nachvollziehen können, wie lang und breit wir über die Käseherstellung diskutierten. Wie es hinkriegen, dass der Käse cremig wird? Und wenn Frau Holle in poetischen Worten ihren stattlichen Ziegenbock beschrieb, wusste ich, wovon sie sprach. Auch von meinem kannte ich den atemberaubenden Gestank, der mir morgens entgegenschlug, wenn ich in den Stall kam.

Wenig bis keine Aufmerksamkeit gaben wir dem Thema Winter, obwohl der dann bereits vor der Tür stand. Frau Holle ging geradewegs von der Alp aus zu ihrem Arbeitsplatz zurück. Als Sozialarbeiterin mit vielen Dienstjahren wurde sie für Monate freigestellt. »Du Glückliche!«, sagte ich. Für sie war es selbstverständlich, im Sommer auf die Alp gehen zu können und dennoch einen geregelten Winter zu haben.

Dann änderte sich die Situation von Frau Holle. Ihr Arbeitgeber hatte ihr mitgeteilt, er könne ihren Arbeitsplatz über den Sommer nicht länger frei halten. Er hatte sie vor die Wahl gestellt, entweder komme sie das ganze Jahr hindurch oder er müsse ihr kündigen.

Frau Holle ließ sich Zeit mit dieser schwerwiegenden Entscheidung. Sie fertigte Listen an, die ihr zeigen sollten, wie viele Vorteile welche Entscheidung hätte. Ebenso Listen mit den Nachteilen. Sie verwarf das Geschriebene und suchte nach anderen Wegen, um sich die Wahl zu erleichtern. In ihrem Herzen war klar: alles, nur nicht den Alpsommer aufgeben. Ihre Überlegungen brachten sie zu einem anderen Ergebnis: Ein festes Wintereinkommen ist Gold wert. Zuletzt wählte Frau Holle gegen die Argumente der Vernunft, ihre Sommer weiter in den Bergen zu verbringen. Damit waren ihre sicheren Winter vorbei. Mir hat es noch gefallen, dass wir nun eine vergleichbare Herausforderung im Herbst hatten. So verband uns auch noch die Suche nach einem interessanten und lukrativen Job für die kalte Jahreszeit.

Meine Winter mussten jeden Herbst neu erfunden werden. Sie waren ungewiss, seit dem ersten Alpsommer. Ich hatte meinen Arbeitsplatz und meine Wohnung in der Stadt gekündigt. So gab ich mit der Rotfärbung der Kirschbaumblätter als ersten Schritt meine Wünsche nach einer Arbeit an das Universum weiter. Damals ahnte ich noch nicht, dass sich aus meinem Interesse an der Heilkunst eine Tür auftun würde.

Frau Holles Bemühungen, einen Arbeitsplatz nur für den Winter zu finden, waren groß und mühsam und erfolglos. Als Aushilfe arbeitete sie auf einer Hühnerfarm, bis sie keine Eier mehr sehen konnte. In der Vorweihnachtszeit erreichte sie gute Quoten als Tannenbaumverkäuferin. Vor Ostern half sie aus in einem Laden, der ausschließlich Schokolade führte. Unter tausend Sorten, die sie alle gekostet hatte, war keine dabei, die sie auch nach dem Schlucken noch glücklich gemacht hätte. Auf zwei unzufriedene Winter folgte jeweils der heiß ersehnte Sommer – das eigentliche Leben. Auch darin stimmten wir nun überein: Der Winter, ein notwendiges Übel, ist nur der Übergang von einem Sommer zum nächsten.

Unterdessen ist die Küche kalt geworden. Eine jungfräuliche Kerze hat den Platz des Stummels eingenommen. Davon lasse ich die Finger weg. Mir gegenüber beobachte ich Frau Holle. Im Schein der Kerzen sind ihre Gesichtszüge weich. Ihre Worte nicht. Ich höre sie. Ich verstehe sie. Und verstehe sie nicht. Es sei an der Zeit, das Älplerleben aufzugeben. Sie sei es leid, ständig zu überlegen und zu rechnen, wie sie es mit den Finanzen machen solle. Ihre Miete in der Stadt richte sich nicht danach, ob sie in den Sommermonaten ihre Wohnung nutze, untervermiete oder leer stehen lasse. Und der Sommerlohn habe nie gereicht, um die festen Ausgaben plus Alltagskosten in dieser Zeit zu decken. Außerdem habe sie ein verlockendes Angebot von ihrem alten Arbeitgeber, das könne sie einfach nicht ausschlagen.

Um mich zu vergewissern, ob ich sie richtig verstehe, fasse ich das Gehörte zusammen: »Der Alpsommer ist zum Luxus geworden, den du dir nicht mehr leisten kannst und willst.« Frau Holle nickt. Damit habe ich nicht gerechnet! Unausgesprochenes aus unterschiedlichen Richtungen meines Hirns bedrängt mich: Wieso eigentlich nicht? Wieso tust du so blind, so taub? Was ist daran so schlimm? Ihr Entscheid hat auf dein Leben sowieso nur wenig Auswirkung.

Am schlimmsten ist das Gefühl von Verlust. Ich will Frau Holle nicht verlieren als Mitstreiterin, als Hirtenkollegin, als Glücks- und Leidensgenossin. Beruhige dich!, meldet sich eine tröstende innere Stimme zu Wort: Im Grunde sind wir immer allein! Im Geiste bin ich den ganzen Sommer über mit ihr verbunden, hält eine andere dagegen. Diese Diskussion in mir währt noch, als ich im Bett liege.

In der Nacht werde ich wach. Fragen ohne Antworten plagen mich: Mache ich es richtig? Stimmt mein zweigeteiltes Leben noch? Ist der Preis für den Alpsommer gerechtfertigt? Will ich ihn weiter zahlen? Welche Alternativen sehe ich? Nach langem, unruhigem Liegen in der Dunkelheit bin ich froh, als es tagt. Meine Entscheidung steht. Solange mir nichts begegnet, was ich im Sommer lieber machen möchte, gehe ich auf die Alp! Der Rest wird sich zeigen.

Was Frau Holle nach dieser langen Nacht am Küchentisch bei mir blieb, war, ihren Urlaub auf der Alp zu verbringen. Mir war sie herzlich willkommen. Und sie kam regelmäßig für eine Woche. Es war immer eine super Zeit. Sie kannte alle Arbeiten. Sie liebte alle Arbeiten. Sie freute sich, sooft sie morgens das erste Rind sah. Ihr Besuch gipfelte jeweils in einer Herausforderung, die sie sich selbst auferlegte. Nach drei Tagen Einarbeitungszeit wollte sie die Rinder am Morgen allein im Stall anbinden. Ich glaube, um sich selbst und mir zu zeigen, dass sie es noch konnte.

Sorglos genoss ich es, lange im Bett zu liegen. Das Getrampel der Herde unter mir im Stall zu hören war Musik für meine Ohren. Als besonderes Geschenk nahm ich es, wenn Frau Holle mir nach dem Einstallen eine Tasse Kaffee ans Bett brachte. Herrlich! Als besonderes Glück empfand ich es, wenn ihr Besuch mit der Heuernte zusammenfiel. Dann tanzte das Gras Runde um Runde auf unseren Gabeln, während wir nebeneinander gingen und stundenlang erzählten.

Am Ziegenmelken und an der Käseherstellung hatte sie keinen Spaß. Dafür liebte sie es, das Mittagessen auf dem Herdfeuer für uns zu kochen. Und ich liebte es, mich an den Tisch zu setzen, ohne gekocht zu haben. An ihrem letzten Urlaubstag wurde sie jedes Mal schweigsam und nachdenklich. Wenn sie sich zum Abschied Tränen abwischte, war ich froh, dass ich noch bleiben konnte. Frau Holle gehörte, wenn auch nur für Tage, zu meinen Alpsommern dazu. Für mich hätte es ewig so weitergehen können.

Einen Sommer kam von ihr die Nachricht, dass sie keinen Urlaub in meiner Alpzeit bekomme. Sie fehlte mir. Im Jahr darauf kam sie, für mich viel zu kurz. Die Abstände ihrer Besuche wurden größer. Manchmal kam sie auf der Durchreise vorbei und blieb bis zum nächsten Tag. Einmal noch fragte ich sie, ob sie sich vorstellen könne, mich für zwei Tage zu ersetzen, weil ich zu einer Fortbildung wollte. Die Lust dazu verspürte sie, traute es sich aber nicht mehr zu. Das Leben! Nichts ist beständiger als die Veränderung.

Wenn ich heute Möhren mit Kartoffeln als Eintopf koche, gebe ich zum Schluss einen Schuss Milch dazu in Erinnerung an meine einstige Weggefährtin. Es war an einem sonnigen Tag Ende September. Mit dem Traktor wurde der Sommermist als Dung auf die Weide gefahren. Frau Holle war zu Besuch. Während meine Hände bei der Arbeit draußen gebraucht wurden, hatte sie gekocht. Hoffentlich genug, dachte ich, als alle Helfer um den Tisch saßen. Wir zwei schauten uns an und verstanden uns. Sie rührte dem Kartoffel-Möhren-Eintopf zur Verlängerung Milch unter. Das einfache Gericht schmeckte unübertrefflich gut.

An Tagen, an denen mir nichts recht von der Hand gehen mag, bin ich glücklich, wenn Frau Holle mir einfällt. Desgleichen an Tagen, an denen die Tiere die Oberhand zu gewinnen drohen. Und besonders an Tagen, an denen die Verzweiflung sich ungebeten neben mich auf die Bank setzt, danke ich allen Kräften, die mir ihre Worte in Erinnerung rufen. Bei ihren letzten Besuchen hat sie mir zum Abschied stets versichert: »Die Alp war meine beste Lebensschule.« Daraufhin wollte ich immer hören, was sie in dieser Schule gelernt habe. Sie wurde sehr aufrecht und gab mir mit einem Leuchten in den Augen wieder:

Es steckt ein unendliches Potenzial in mir.

Ich kann vieles schaffen.

Ich kann alles lernen.

Ich kann allein sein.

Ich brauche nicht zu verzweifeln.

Es geht immer weiter.

In der urigen Küche spiele ich gerne »Hausfrau«, schaue nach dem Feuer, verräume Vorräte, fege.

Selbst Geschirrspülen, daheim hasse ich es, wird auf der Alp zur Meditation.

Beate

IRIS. FRAUEN IM ÜBERFLUSS

Himbeermarmelade auf dem Käsetisch. Das ärgert mich. Ich wische sie weg. Trotz Marmelade im Spültuch bleibt auf dem unbehandelten Holz ein roter Fleck zurück. Das ärgert mich noch mehr. Kräftig schrubbe ich mit der Bürste. Der Fleck verblasst leicht, wie das Licht des Vollmondes, bevor es tagt. Ich hatte es doch in großer Runde angesprochen, dass der Käsetisch mit den Töpfen, Ringen und Sieben im Regal darüber nur mir gehört. Kurz überlege ich, ob ich was sagen soll. Wem? Allen! Warum? Ich befürchte, dass niemand reagiert, wie ich es mir wünsche: Das ist mir passiert – tut mir leid – ich mache es weg. Schon am frühen Morgen bin ich frustriert.

Das ändert nichts daran, dass ich grundsätzlich alle schätze, die gerade bei mir sind. Gisela macht auf ihrer Rückreise von Italien spontan ein paar Tage Zwischenhalt bei mir. Loni ist seit dem späten Donnerstag hier. Unangemeldet, für ein verlängertes Wochenende.

»Du bist so schlecht zu erreichen«, hat sie bei der Ankunft gesagt.

»Ich bin doch immer zu Hause«, habe ich geantwortet. Damit war die Diskussion beendet.

Jahre später erst wurden Löcher in die Erde gebohrt und Felsblöcke gesprengt, um die Masten der Überlandkabel fürs Telefon zu setzen. Bis ein Handy zum alltäglichen Gegenstand wurde, vergingen weitere zehn Jahre. Aber die Verständigung funktionierte auch ohne diese Möglichkeiten. Einzig der Faktor Zeit spielte eine andere Rolle. Mitteilungen wurden in Briefen und auf Karten weitergegeben, die ich bei meinem wöchentlichen Dorfgang aus dem Postfach holte.

Loni hat ihre Tochter mitgebracht, weil ihr Partner kurz entschlossen sein Kind übers Wochenende doch nicht hüten kann. Und gestern Abend kamen Brigitte und Evelyne. Sie sind meine fleißigsten Besucherinnen. Aus dem Nachbardorf kommen sie freitagabends manchmal zum Einläuten des Wochenendes herauf. Oft bringen sie eine Flasche Wein mit oder ein Stück Kuchen, und einmal hatten sie sogar eine Packung Eiscreme dabei. Als sie hier ankamen, überzog ein schokoladenbrauner cremiger, fettiger Brei bereits den Boden der Kühltasche. Die beiden hatten sich vor einer Woche zum Fondueessen angemeldet. Mein Anteil an den Vorbereitungen war sehr überschaubar. Ich stellte den Topf, das Caquelon, und die Feuerstelle mit dem Spiritus, das Rechaud, bereit. Und weil es spät wurde, haben auch sie hier geschlafen.

Das sind mir heute Morgen schlicht zu viele. Zu viele Menschen in der Küche, auf der Verandabank, überall. Es kommt mir vor, als schaute mir aus jedem Fenster ein anderes Gesicht entgegen. Ich fühle mich schon verfolgt. Wieso häuft sich der Besuch wieder? Sie könnten doch alle hintereinander kommen. – Gott bewahre, dann würde mein Alpsommer zu einem Besuchersommer. Dann wäre es aus mit meinem Frieden in den Bergen.

Nein, ich möchte nicht klagen. Alle haben Schlafsäcke dabei und reichlich Lebensmittel. Nudeln scheinen besonders beliebt zu sein. Davon lagern Massen in der Vorratskammer. Während ich meine Gedanken auf die schöne Seite meines Besuches lenke, stolpern meine Füße und suchen vergeblich Halt im Schuhmeer auf der Veranda. Eigentlich wollte ich das Tuch, in dem die Käsemasse abgetropft war, zur Wäscheleine bringen. Aber die ist bereits belegt mit Shirts, Socken und Handtüchern in zwei Lagen.

Ich lasse mich ganz schön nerven, denke ich. Und gleich hinterher: Heute Morgen sind sie aber auch nervig. Mit ihren Fragen im überfreundlichen Ton. Mit der Idee, ich könnte wenigstens am Samstag den halben Tag mit ihnen am Bach herumplantschen. Mit dem für meine Ohren unüberhörbaren Vorwurf: Ich sei pingelig, weil ich nicht will, dass noch einmal jemand mit Stallstiefeln einen Fuß in die Küche setzt.

Nur Rufus versteht mich. In dieser Gewissheit schaue ich sehnsüchtig zum Hund unter der Bank. Wieso hat er Schaum vor dem Maul? Tollwut! Aber sein treuer Blick ist ungetrübt. »Rufus!«, rufe ich.

Schwanzwedelnd erhebt er sich von seiner Decke und kommt angestürmt. Vital ist er auch. Vorsichtshalber ziehe ich meine ausgedienten Arbeitshandschuhe an. Wenn ich die nachher wegwerfe, ist das kein Verlust. Zwischen Zeigefinger und Daumen prüfe ich das Geschlabber vor seinem Maul. Schaumig-glitschig! Als Mensch, der sich gern auf seinen Geruchssinn verlässt, weiß ich: Was gut riecht, ist gut. Was schlecht riecht, ist schlecht. Meistens. Ich halte meine Finger unter die Nase. Es riecht – ich wiederhole den Test mit frischem Material, um sicher zu sein – nach Geschirrspülmittel. Ich brülle meine Seifenfrage durch die Hütte, damit alle sie hören.

Von rechts kommt: »Keine Ahnung.« Von links: Stille. Von oben: »Das war sicher die Kleine, sie hat heute schon geweint, weil ihr Seifenblasenröhrchen leer ist.«

Damit hat der Bösewicht ein liebes Gesicht. Was mich am meisten ärgert, ist meine Idee, jedem seinen Alpurlaub gönnen zu müssen. Mehr noch, jedem seine Zeit verschönern zu wollen. Meine Unfähigkeit, mich als Chefin zu behaupten, die ich hier nun mal bin, nagt an mir. Was macht es so schwer zu sagen: Schluss, morgen ist Abreisetag für ALLE. Noch bevor ich das letzte Wort gedacht habe, weiß ich die Antwort: dass ich gern geliebt wäre. Von allen. Dieses Thema kenne ich, damit halte ich mich jetzt nicht auf. Da nachher die Ersten und morgen die Letzten gehen, werde ich nicht noch lange herumdiskutieren.

Es ist einfach wunderbar eingerichtet vom Leben, dass alles vorbeigeht. Gute Zeiten, Zeiten, die sich ziehen wie Kaugummi, und die Ferientage meiner Gäste. Mit den letzten Abschiedsworten, den letzten Umarmungen legt sich doch ein dünner Wehmutsschleier auf meine Seele. Das hatte ich nicht erwartet. Als alle fort sind, drängen sich mir bekannte Fragen auf: Hätte ich freundlicher, hätte ich energischer sein sollen?

»Ruhe!«, befehle ich laut dem Kritiker in mir und nehme eine aufrechte Haltung ein. Das war das Zauberwort! Jetzt stellt es sich langsam ein, das große Glücksgefühl, dass mein Sommer noch länger währt und ich wieder allein bin. Ich singe. Ich rede mit dem Himmel. Ich juchze vor Wohlbehagen. Das Klohaus immer frei. Auf dem Tisch nur, was ich hingelegt habe. Keine Gespräche am Abend, denen ich nicht mehr folgen kann, weil mir die Augen zufallen. Auf den Punkt gebracht: dem Tag nur mein Gesicht geben!

Da schießt es mir durch den Kopf – Iris.

Bevor ich im Frühjahr auf die Alp reiste, hatten wir besprochen, dass sie mich in ihren Sommerferien besucht, wahrscheinlich eher in der ersten Hälfte. Genaueres würde sie mir schreiben.

Ihren Brief fand ich schon vor geraumer Zeit in meinem Postfach. Neben allerlei Neuem aus Köln standen darin das Datum und ihre Ankunftszeit rot eingekreist. Auch das war abgemacht: Sie kommt mit dem Zug, und ich hole sie am Bahnhof ab.

Ich habe keine Lust auf den nächsten Besuch – nicht schon morgen. Schmollend lege ich mich in der Stube auf das Sofa und ziehe mir die Decke über den Kopf. Nach irgendeiner Lösung suchend fällt mir ein, ich könnte sie einfach nicht abholen. Besser noch, ich könnte ins Dorf gehen, sie von der Telefonzelle aus anrufen und sagen, ich hätte Salmonellen, sie solle lieber zu Hause bleiben, um sich nicht anzustecken. Oder mein Geißbock würde so schrecklich stinken, dass ich es keinem zumuten könnte, bei mir zu leben.

Lust hin, Lust her – ich habe zugesagt, und so werde ich morgen runter zum Auto gehen und zum Bahnhof fahren. Eigentlich könnte ich mir Zeit nehmen. Wenn ich schon mal in der Stadt bin, könnte ich die Bahnhofstraße rauf und runter flanieren, hier schauen, da schmökern. Nein, ich bleibe, solange es geht, zu Hause und genieße mein Alleinsein.

Der Hund bellt von der Veranda. »Ich erwarte niemanden!«, rufe ich ihm durch die offene Tür zu. Vielleicht ist es ein Pilzsucher, unten am Waldrand, den muss er natürlich anmelden. Es ist mir auch egal, wer es ist. Hauptsache, es will keiner etwas von mir, denke ich, während ich einen schönen dicken Kohlrabi schäle. Der Hund bellt lauter. »Fortissimo!«, feuere ich ihn an und falle mit einem hohen Jaulton in sein Gebell ein. Das ist eines meiner Lieblingsspiele mit ihm. Wenn es funktioniert, ändert das Tier seinen Tonfall, und wir heulen im Duett. Weil es mir besonders gefällt, wenn wir dabei nebeneinanderstehen mit Blick ins Tal, trete ich nach draußen und beziehe Position. Wer kommt denn da? Die kenne ich nicht. Die muss sich verlaufen haben mit ihrem wadenlangen bunten Rock und dem wehenden Schal. Wieso trägt sie helle Halbschuhe? Das ist eine Fata Morgana, beschließe ich.

Indem sehe ich, wie die Frau ihren Arm hebt und mit etwas Weißem in der Luft herumfuchtelt. Oje, die will offensichtlich zu mir. Aber ich will diese Dame, was immer ihre Absicht ist, nicht in meiner Hütte sitzen haben. Ich will dieser Dame nicht entgegenlaufen und sie freundlich fragen, was ich für sie tun kann. Ich will meine Ruhe haben.

In dem Wunsch, unsichtbar zu sein, schließe ich die Augen. Um aber den Überblick zu behalten, kneife ich das linke Auge zu und blinzle mit dem rechten. Durch einen dünnen Spalt beobachte ich, was in der Welt weiter geschieht. Ach, das ist ja … Was will DIE denn hier oben …? Ich muss mich verguckt haben … Versteinert im Körper, aber mit wachem Schlitzauge beobachte ich ihr Näherkommen. Auf keinen Fall möchte ich unfreundlich zu ihr sein. Schließlich ist sie eine Institution – sie sitzt am Nabel des Dorfes: die Frau vom Postschalter!

Es dauert den Bruchteil einer Sekunde, bis ich weiterdenke. Da ist etwas nicht in Ordnung! Es muss etwas Schreckliches passiert sein! Ich springe in meine Gummistiefel und renne ihr entgegen. Es liegt mir auf der Zunge zu rufen: Vater tot? Mutter unters Auto gekommen? Meine Kehle schnürt sich zusammen. Schweißperlen treten auf meine Stirn. Endlose Sekunden, in denen ich sehe, wie das Blumenmuster des Rockes näher kommt. Im Zeitlupentempo wandern meine Augen höher und versuchen, in ihrem Gesicht zu lesen. Ihre roten Wangen werte ich als Zeichen körperlicher Anstrengung. In ihren Augen finde ich nichts. Mir ist heiß und kalt zugleich.

Als wir voreinander stehen, fehlt ihr der Atem zum Sprechen. Mir der Mut. Sie reicht mir ein Papier. Ich versuche zu lächeln. Ich schließe kurz die Augen, um mich innerlich zu wappnen für das, was ich gleich lesen werde.

»Nichts Schlimmes«, stammelt die Frau.

Woher will sie wissen, was für mich schlimm ist? Beinahe hätte ich »Schweig« gesagt. Gut, dass ich schweige. Mit langsamen Fingern falte ich das Papier einmal auf. Halte den Atem an. Falte den Bogen ganz auf. Lese.

»Komme einen Zug später. Iris«

Die Kommunikation funktioniert. Auch ohne Telefon und Handy. Nicht besser, nicht schlechter, halt anders. Es ist nicht nur das erste Telegramm, das man mir auf die Alp bringt. Es ist das erste Telegramm in meinem Leben. Während die Postbeamtin ihren Job tut, finde ich, dass der Aufwand, diese Nachricht weiterzugeben, in keinem Verhältnis zum Inhalt steht. Es sei denn, es hieße darin:

»Komme nicht. Iris.«

Am alleranstrengendsten ist der Aufstieg.

Am allerschönsten sind die Abende unterm Sternenmeer.

Rosa

STOFF. EIN MANN, EIN BOCK

Da steht es blau auf weiß: »Ankomme Freitag, den 3. September, im Lauf des frühen Abends. Gruß Stoff«

Schon vor zwei Wochen lag die Karte in meinem Postfach im Dorf. Ich drehe sie um, wohl um mich einmal mehr über die Ziege mit der Sprechblase zu ärgern: »Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd.« Was er sich dabei nur gedacht hat? Gar nichts, sonst hätte … Komm, Ute, verzeih ihm seinen Fehlgriff, beschwichtige ich mich selbst.

Gestern war Donnerstag. Wie jeden Donnerstag war ich im Dorf. Morgen ist Samstag. Da putze ich die Rinder, damit sie wissen, dass einen Tag später Sonntag ist. Trotzdem kann es schon mal passieren, dass ich mich mit den Wochentagen vertue. Also, nachrechnen … Es stimmt. Heute ist Freitag. Heute kommt er. Entweder allein oder mit seiner neuen, mir noch nicht bekannten Freundin.

Heute wollte er kommen! Unterdessen hat unmerklich die Nacht die Dämmerung abgelöst, die Tiere sind lange versorgt, und für mich ist es an der Zeit, schlafen zu gehen. Ein letztes Mal prüfe ich meine Gedanken. Nein, ich ärgere mich nicht. Sorgen mache ich mir auch keine. Stoff kommt nicht zum ersten Mal hierher, er kennt den Weg. Und freuen tue ich mich immer noch auf meinen ehemaligen Kollegen. Er hätte sich bestimmt bei mir gemeldet, wenn ich ein Telefon besäße. Ich gehe mal davon aus, dass ihnen etwas Schönes dazwischengekommen ist. Morgen wird sich schon zeigen, was aus ihm oder ihnen geworden ist.

In der Frühe habe ich das letzte Rind angebunden und halte Ausschau nach den Ziegen. Die Nächte sind so mild, so schön, dass ich die Tiere abends nur zum Melken in den Stall hole und danach wieder freilasse bis zum Morgenmelken. Eigentlich lungern sie um diese Zeit um die Hütte, warten auf meinen Ruf, damit ich ihnen ihr weißes Gold aus den Eutern presse, und springen dann zum Frühstücken auf die Weide. Auf mein »zeuzeuzeu« erwarte ich ihr »ähähäh«. Nein, heute bekomme ich keine Antwort. Ich mache ein paar Schritte in Richtung Sonnenaufgang, um freie Sicht zu haben.

Ist es möglich! Da kommt ein Mensch den Berg hochgehetzt. Und in welchem Karacho! Der Ziegenbock hängt an seinen Fersen. In einigem Abstand rappeln die drei Geißen hinterher, deren Glocken mehr scheppern als läuten.

»Laurence!«, schreie ich, »Laurence!«, forme beide Hände zu einem Trichter und brülle ein drittes Mal seinen Namen, wohl wissend, dass meine Worte keine Wirkung auf den Bock haben.

Der Mensch versucht, Laurence abzuhängen, indem er wild mit einem Stock nach hinten schlägt. Sich gezielter gegen das Tier zur Wehr zu setzen würde dem Zweibeiner auch nichts nutzen. Laurence ist, ich weiß es genau, nicht umzustimmen. Wenn er zu dieser Jahreszeit Gefallen an einem Wesen findet, treibt ihn einer seiner zwei Urinstinkte an: Kräftemessen oder Begatten. Welcher von beiden gerade die Oberhand hat, ist nicht immer klar zu erkennen. Aber beide empfinden wir Menschen, zu Recht, als bedrohlich. Wenn Laurence sich auf seine Hinterbeine stellt, sich aufbäumt und seinen Kopf senkt oder lüstern sein »efefef« schnalzt, imponiert er damit nur seinen Artgenossinnen.

Eigentlich ist er ein Lieber und lammfromm – in der ersten Hälfte der Alpsaison. Wenn aber der Sommer seinen Zenit überschritten hat, die Sommerhitze gebrochen ist, steigen in ihm langsam die Säfte. Dann parfümiert er sich selbst mit einem körpereigenen Duft, den seine Frauen als sexy werten. Wir Sprechenden sagen dazu weniger wohlwollend: Er stinkt. Und weil Ziegen und Bock sich sehr nahestehen, stinken auch die Damen schnell. Mit seinem massigen Körper, seinem drallen Nacken und seinen Augen, die er wie Glubschaugen aus den Höhlen hervortreten lassen kann, erweckt mein Bock ohnehin nicht das Vertrauen des Betrachters. Dazu sein ungleicher Kopfschmuck, ein Horn gedreht wie das eines Steinbockes, das andere nach hinten runter gewachsen und abgesägt, damit es ihm nicht in die Schulter sticht.

Vor zwei Sommern war Laurence das erste Mal hier oben. Er war ein süßes Böckli, das an den Zitzen seiner Mutter hing. Ein prächtiger Bock ist aus ihm geworden, ein starker Beschützer der kleinen Herde. Ich habe keine Angst vor ihm, aber großen Respekt.

Mir ist klar, dass ich in dieser Situation nichts für den Verfolgten tun kann. Je näher der Trupp kommt, umso sicherer erkenne ich in dem Zweibeiner Samuel Stoffel, kurz Stoff genannt, den ich seit gestern erwarte. Solange der Mensch die Spitze hält, sehe ich meine Aufgabe einzig darin, hier bei offenem Tor auf ihn zu warten. Wenn der Gehetzte über die Zielgerade sprintet, werde ich es einen Lidschlag später zuschlagen und den Bock davor stehen lassen. Ich konzentriere mich auf meinen Türsteherjob.

Von Weitem finde ich die Situation noch spaßig. Zuallererst, weil ich sehe, dass der kleine, schmale, schnelle Mann dem massigen Laurence davonrennt. Ich kenne auch andere Tage. Da tue ich gut daran, mir das Tier vom Leibe zu halten, damit es ja nicht auf die Idee kommt, ich sei ein geeignetes Gegenüber. Die sicherste Art ist, mich innerhalb der schützenden Umzäunung aufzuhalten. Wenn das Leben einen weiteren Bewegungsradius fordert, passiere ich ihn in gebührendem Abstand und tue so, als würde ich ihn nicht wahrnehmen. Das ist leichter gesagt als getan. Laurence kann sehr aufmerksam und sehr penetrant sein. Dann sucht er meine Nähe, sobald er mich sieht, und lässt nicht davon ab, mich mit seinem gesenkten Kopf zu stoßen. Auf meine laute, klare Anweisung »Aus!« kann es sein, dass er sich augenblicklich zurückzieht. Es kann aber auch sein, dass er das als Schlachtruf wertet. Dann bäumt er sich vor mir auf, was ich wiederum dahingehend deute, dass er bereit ist, mich auf seine Hörner zu nehmen. Es fiel schon so dramatisch aus, dass ich ihn seinem Besitzer zurückgeben oder ihn nach Einbruch der Dunkelheit eigenhändig erdrosseln wollte.

Stoff fliegt durchs Ziel und rennt ungebremst weiter. Mir bleibt genügend Zeit, das Tor ins Schloss fallen zu lassen.

»Alles ist gut!«, rufe ich meinem Gast als Willkommensgruß nach.

Erst jetzt lässt dieser sich erschöpft ins Gras fallen, hebt noch einmal den Kopf und wirft einen Blick in die Richtung, aus der er kam. Wohl um sich zu versichern, dass er auf der sicheren Seite ist. Ich laufe auf ihn zu, setze mich neben ihn und bekomme erst jetzt eine Ahnung davon, wie fertig er ist. Schweißgebadet japst er nach Luft. Als sein Puls auf normal gefallen ist, sein Atem gleichmäßig geht, ist seine erste Frage:

»Ist das der Kleine vom vorletzten Jahr?«

Ich nicke. Der Mann am Boden schüttelt den Kopf, kann nicht fassen, wie schnell das Leben voranschreitet, wie flott in der Tierwelt Jünglinge zum Manne werden.

Später sitzen wir bei einem starken Kaffee, Stoff mit einer Zigarette, so wie er es liebt. Er erzählt von der vergangenen Nacht. Sein dabei ernster Gesichtsausdruck, sein aufrechter Rücken, seine gesamte Gestik sind mir noch sehr vertraut.

Er sei gegen Mitternacht unten an der Straße auf dem Parkplatz angekommen. Die Reise sei viel länger und viel anstrengender als geplant gewesen. Im Schein der Taschenlampe habe er aus seinem prall gepackten Rucksack nur das Allernötigste wie Schlafsack und Zahnbürste in eine Tasche geworfen – eine Art Reisetasche, die er aus Griechenland mit nach Hause gebracht habe. Geräumig sei diese, wenn auch nicht besonders geschmeidig, aber sehr schön. Die letzten beiden Worte zieht Stoff in gehobener Stimmlage auffallend lang. Die Freude an seinem Mitbringsel aus dem Urlaub steht ihm im Gesicht, als er anfügt: Aus echtem Ziegenleder, unüberriechbar.

Mein Heben der Augenbraue ist ihm wohl entgangen. Denn er erzählt weiter, ohne sichtbares Zeichen eines Gedankenblitzes, was ihn für den Bock besonders interessant gemacht haben könnte.

Mit dieser Tasche über der Schulter hat er sich in der mondlosen Nacht zur Hütte aufgemacht. Nicht immer war er sich sicher, ob die Steine und das Gras unter seinen Füßen auch zum Weg gehörten. Aber die Richtung war klar. Er war froh, dass er nicht die Abkürzung durch das steile Waldstück genommen hatte. Auch so strauchelte er oft genug. Getrieben von dem Wissen, seinen müden Körper bald ausstrecken zu können, ging er zielstrebig und mutig voran. Er wähnte bereits die Hütte in Sichtweite, als sich plötzlich ein Ungeheuer, aus dem Nichts kommend, vor ihm aufbäumte. Er schrie auf, und sein Herzschlag setzte für einen Augenblick aus. Sein erster Gedanke war: Der Teufel! Nach dem Schreck und mit klaren Gedanken kam ihm schon der Ziegenbock in den Sinn. Obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass aus dem Böcklein so ein Kerl geworden war.

Das Tier, hoffte er, werde ihn wiedererkennen, zumindest seine Stimme. So versuchte er es mit freundlichen Worten, mit lauten Worten, mit klaren Worten. Stoisch mit gesenktem Kopf stand der Stinker ihm gegenüber und stieß seinen Atem scharf aus. Wenn Stoff einen Schritt nach rechts ging, machte das Tier einen in die gleiche Richtung. Und wenn er zwei Schritte nach links tat, folgte es ihm.

Sich erinnernd sucht mein ...

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