Logo weiterlesen.de
Alles, was ich will

image

Loralee Lillibridge

Alles, was ich will

Kann Abby mir verzeihen, fragt sich Bo Ramsey, als er nach Sweet River zurückkehrt. Hier in diesem kleinen texanischen Ort hat er die Liebe seines Lebens getroffen. Doch dann musste er Abby verlassen – ohne Abschied! Und heute wird er es riskieren, sie wiederzusehen. Wird sie ihm glauben und ihm erneut vertrauen? Ist es ein Wink des Schicksals, dass sie gerade jetzt seine Hilfe braucht? Bo ist entschlossen, seine Chance zu nutzen, Abby liebevoll zur Seite zu stehen und der Held ihres Herzens zu werden …

1. KAPITEL

„Bo Ramsey ist wieder in der Stadt.“

Wie erstarrt hielt Abby Houston mitten in der Bewegung inne. Der Teller, den sie abspülte, glitt ihr aus den nassen Fingern und rutschte langsam zurück ins Abwaschwasser, doch sie bemerkte es nicht. Ihr Herz begann zu rasen, noch bevor sie die Worte ihres Vaters überhaupt richtig begriff. Mechanisch griff sie nach einem Handtuch und wischte sich damit die feuchten Arme ab. Dann drehte sie sich um.

„Was hast du gesagt, Paps?“ Sicher hatte sie ihn bloß falsch verstanden. Der Name, von dem sie glaubte, dass er ihn eben ausgesprochen hatte, war seit beinahe zwei Jahren nicht mehr gefallen.

Allein die Möglichkeit, ihn vielleicht doch gerade gehört zu haben, verursachte Abby ein flaues Gefühl in der Magengegend. Sie hasste das. Empfindsamkeit war etwas, was sie sich weder leisten konnte noch wollte. Schließlich war sie eine starke Frau. Sonst wäre es ihr vermutlich auch nicht gelungen, ihre Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Aber sie hatte es geschafft, und darauf war sie stolz. Nun schien es, als würde ihre Stärke ein weiteres Mal auf die Probe gestellt werden.

Unwillkürlich straffte sie die Schultern, während Buck Houston mit väterlich sorgenvollem Gesichtsausdruck die Küche durchquerte und auf sie zuging.

„Ich dachte, du solltest es wissen, Kätzchen. Heute Morgen hab ich Shorty bei der Futtermühle getroffen, und da hat er es mir erzählt. Hat gesagt, Bo wohnt bei ihm auf der Ranch. Seit über einer Woche oder so.“

„Tja, ich …, ich schätze, es ist sein gutes Recht zurückzukommen. Er hat doch schon immer gemacht, was ihm passt.“ Abby zwirbelte einen Zipfel des Handtuchs zu einer länglichen Rolle, um ihre Finger zu beschäftigen. Mit etwas Glück würde es dem scharfen Blick ihres Vaters vielleicht entgehen, dass sie zitterten.

Er schnaufte verächtlich. „Wäre klüger von ihm gewesen, einen großen Bogen um Sweet River zu machen. Keine Ahnung, was er hier sucht.“ Buck legte die Arme um seine Tochter und drückte sie an seine Brust. „Aber weißt du, Kleines, er verschwindet bestimmt bald wieder. Wird schnell begreifen, dass es in der ganzen Gegend außer Shorty kaum wen gibt, der mit ihm noch was zu tun haben will.“

„Du hast ihn nicht zufällig gesehen, oder?“ Es gelang Abby nicht, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen. Wo war der Gleichmut geblieben, der ihr bisher stets geholfen hatte, sich auch von den größten Schwierigkeiten nicht unterkriegen zu lassen? Sie blinzelte gereizt die Tränen der Frustration fort, die in ihren Augen brannten.

Buck schüttelte den Kopf.

„Nein, hab ich nicht. Kann ich auch gut drauf verzichten.“ Er schob Abby ein Stück von sich fort und schaute sie an. „Lohnt nicht, sich darüber Gedanken zu machen, Kätzchen. Wahrscheinlich kriegst du ihn kein einziges Mal zu Gesicht, bevor er seine Siebensachen packt und abhaut. Ich wollte bloß nicht, dass du’s von einer dieser Klatschtanten erfährst und aus allen Wolken fällst. Wundert mich sowieso, wie Shorty es angestellt hat, die Sache so lange geheim zu halten.“

Abby lehnte sich an die Brust ihres Vaters, und er strich ihr sacht über die Haare, wie er es früher so oft getan hatte. Sie würde ihm nie vergessen, dass er nach besten Kräften versucht hatte, für sie beide Elternteile in einer Person zu sein, nachdem ihre Mutter damals gestorben war. Entgegen jeder Vernunft wäre es ihm im Traum nicht eingefallen, die unprofitable Farm aufzugeben, und Abby wusste, warum. Ihretwegen. Sie wusste auch, was er alles während dieser schweren Zeit auf sich genommen hatte, damit es ihr an nichts fehlte. Dafür liebte sie ihn von ganzem Herzen.

Doch im Laufe der Jahre hatten sie die Rollen getauscht, und heute war es an Abby, ihr Heim vor der Pfändung zu bewahren. Bis jetzt hatte sie ein Dutzend Teilnehmer für ihr Projekt zusammen. Wenn auch nur die Hälfte der interessierten Eltern aus dem Umkreis ihre Kinder ebenfalls anmeldeten, könnte es endlich wieder bergauf gehen. Es musste einfach. Sie war fest entschlossen, Erfolg zu haben.

Ihr Vater hatte sein ganzes Leben immer nur geschuftet, und sie wünschte sich so sehr, dass er einen unbeschwerten Ruhestand genießen könnte. Bo Ramsey und die Vergangenheit hatten keine Bedeutung mehr für sie. Was zählte, war allein die Zukunft.

„Mir ist es egal. Wenn er meint, sich bei Shorty verkriechen zu müssen, umso besser. Du hast recht. Ramsey wird schon zusehen, dass er mir nicht begegnet. Warum sollte er das auch wollen?“ Das fast unmerkliche Beben in Abbys Stimme verriet, was sich hinter der Fassade der Selbstbeherrschung wirklich in ihrem Inneren abspielte.

„Abby, ich wünschte …“

„Ich weiß, Paps. Aber du kannst nichts daran ändern. Niemand kann das. Mach dir keine Sorgen, ja? Ich komm schon klar.“ Sie schob ihren Vater von sich fort, ging in den Flur und nahm ihren Hut vom Haken neben der Hintertür. „Es gibt einiges zu tun, bevor ich nachher in die Stadt fahre. Ich habe IdaJoy versprochen, dass ich ihr ein paar Stunden im ‚Blue Moon‘ helfe. Du weißt ja, samstags ist da um die Mittagszeit immer der Teufel los.“

„Du wirst es nicht glauben! Bo Ramsey ist in der Stadt.“

Zum zweiten Mal an diesem Tag traf es Abby wie ein Schlag in die Magengrube. Mit einer dumpfen, unwirklichen Ruhe zwang sie sich dazu, das Café zu durchqueren und auf den nächsten Barhocker am Tresen zuzusteuern. Ihre Beine fühlten sich wie Pudding an.

Bisher hatte sich noch keiner der knapp tausend Einwohner von Sweet River zum alltäglichen Austausch von Klatsch und Tratsch im „Blue Moon“ eingefunden, dem beliebtesten Treffpunkt. Doch das würde sich spätestens in zehn Minuten ändern. Nur IdaJoy Sparks war da, die Besitzerin.

Gut, dass Abby schon so früh hergekommen war. Die Neuigkeit, die IdaJoy ihr da unter die Nase gerieben hatte, war zwar keine mehr für sie, aber ihr war es dennoch lieber, wenn sie möglichst wenige Leute in dieser Situation sahen. So wie sich ihr Gesicht anfühlte, musste sie leichenblass geworden sein.

„Ich weiß.“

„Was? Du hast es schon gehört?“, kreischte IdaJoy schrill. Wenn sie aufgeregt war, klang sie wie ein wütender kleiner Spatz, der sein Nest gegen eine Krähe verteidigt. Sie nahm einen Becher, füllte ihn mit Kaffee und stellte ihn vor Abby auf den Tresen.

Koffein war eine gute Idee, das konnte sie jetzt brauchen. Doch als sie den Becher in die Hand nahm, zitterte diese so sehr, dass sie Angst hatte, etwas zu verschütten, wenn sie ihn zum Mund führte. Also beließ sie es vorerst dabei, ihn zwischen ihren Fingern hin und her zu drehen und den dünnen Dampfschwaden zuzusehen, die von ihm aufstiegen. IdaJoy musterte Abby, dann zog sie eine ihrer sorgfältig gezupften Augenbrauen hoch. Sie machte mit ihrem Kaugummi eine Blase und ließ sie mit einem lauten „Plopp“ wieder zerplatzen.

„Wer hat’s dir gesagt?“

„Mein Vater. Heute Morgen. Aber es kümmert mich nicht. Wieso sollte es au…“

„Mach mir nichts vor, Schätzchen. Sicher kümmert es dich. Meine Güte, wir haben schließlich alle gedacht, ihr zwei wärt schon so gut wie verheiratet. Und aus heiterem Himmel macht sich der Kerl aus dem Staub mit dieser …, dieser Person. Du willst mir doch nicht erzählen, dass du das vergessen hast.“

IdaJoy schob eine widerspenstige Strähne zurück in ihre mit reichlich Haarspray auftoupierte Frisur.

„Übrigens, wie findest du meine neue Farbe?“ Sie vollführte eine elegante Drehung, damit Abby sie von allen Seiten begutachten konnte. „Hat doch was, oder? Nennt sich ‚Blendend Blond‘. Ich fand, es war mal Zeit für eine Veränderung. Das Leben wird sonst einfach zu langweilig.“ Noch so eine von IdaJoys Eigenheiten. Von einem Gesprächsthema zum nächsten zu springen, ohne dabei auch nur Luft zu holen. Das bedeutete allerdings nicht unbedingt, dass das vorherige damit beendet war.

Abby beschloss, dem ein bisschen nachzuhelfen. Es war auf jeden Fall besser, über Haarfarben zu diskutieren, als sich mit neugierigen Fragen auseinanderzusetzen.

„Steht dir gut, viel besser als das Rot vorher“, meinte sie anerkennend.

„Danke.“ IdaJoy zog einen zweiten Becher aus dem Regal, schenkte sich selbst ebenfalls einen Kaffee ein, ging um die Theke herum und rutschte auf den Barhocker neben Abby. Sie seufzte tief. „Nein, ganz ehrlich, das hätte ich nie von Bo gedacht. Ich sag’s ja immer. Männer. Soll einer verstehen, was er an der Tussi gefunden hat. Die hat doch von Anfang an nur Ärger gemacht, seit Shorty sie zu sich geholt hatte. Weißt du noch, wie …“ Sie sah Abby an und kniff forschend die Augen zusammen. „Geht’s dir gut? Du bist auf einmal so bleich um die Nase. Willst du ein Glas Wasser haben? Ich hol dir eins.“

„Nein, nein, lass nur“, sagte Abby und winkte ab. Sie lächelte schwach. „Alles okay.“

„Bestimmt?“

„Ja, bestimmt.“

„Du hast mal wieder nicht gefrühstückt, richtig? Kindchen, das geht aber nicht.“

„Doch, ich …“

„Na, das haben wir gleich. Rühr dich nicht vom Fleck, ich mach dir jetzt erst mal ein ordentliches Sandwich mit allem drum und dran. Bin sofort zurück, kipp mir in der Zwischenzeit bloß nicht aus den Latschen, hörst du?“

IdaJoy stand auf und huschte, eine Wolke aus schwerem Moschusparfum hinterlassend, in die Küche. Abby unternahm keinen Versuch, sie aufzuhalten. Im Augenblick fehlte ihr dazu die Kraft. Sie schaffte es ja nicht einmal, sich gegen die Erinnerungen zu wehren, die unerbittlich auf sie einstürmten.

Gedankenverloren starrte sie auf die hellblau gestrichene Wand gegenüber mit den Regalen voller Becher und frisch polierter Gläser, ohne wirklich zu registrieren, was sie sah. Sie dachte daran, wie sie und Bo Ramsey sich kennengelernt hatten. Shorty stellte jedes Jahr im Frühling ein paar Männer zusätzlich als Saisonhilfskräfte ein. Bo war einer von ihnen gewesen. Wegen seines Geschicks im Umgang mit Pferden hatte er sich schon bald den Respekt der anderen Cowboys verschafft, und sie bewunderten ihn für seine Fertigkeiten.

Die weibliche Bevölkerung von Sweet River, Texas, war allerdings einhellig der Meinung, dass er zudem über weitaus interessantere Qualitäten verfügte. Seine dunkelbraunen Augen, die geradezu vor Lebenslust sprühten, besonders wenn er auf diese unverwechselbare Ramsey-Art lächelte, brachten jede Frau über sechzehn in der Stadt ins Schwärmen. Abby war da keine Ausnahme gewesen.

Natürlich hatte es auch Marla, Shortys Nichte, auf den gutaussehenden Neuen abgesehen und zog unverblümt alle Register, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Nicht etwa, weil sie sich unsterblich in ihn verliebt hätte, sondern schlicht, um zu gewinnen. Marla gehörte zu der Sorte von Mädchen, die Männer sammelten wie andere Frauen Kochrezepte. Abby hatte sich in Anbetracht der großen Konkurrenz also keine ernsthaften Chancen ausgerechnet.

Bis zu dem Tag, als Bo auf der Farm auftauchte, um den jungen Stier abzuliefern, den Abbys Vater von Shorty gekauft hatte. Das war das erste Mal, dass sie sich gegenüber standen. „Überwältigend“ beschrieb nicht einmal ansatzweise die Intensität, mit der sie sich zueinander hingezogen fühlten. Die Gerüchteküche der Stadt kam kaum hinterher, so schnell hatte sich aus dieser ersten Begegnung eine Beziehung entwickelt, die schöner war als alles, was beide sich jemals hätten träumen lassen.

Im Frühsommer schließlich hegte niemand mehr – Abby eingeschlossen – den geringsten Zweifel daran, dass schon bald die Hochzeitsglocken klingen würden. Und dann hatte Bo ihr etwas eröffnet, was sie wie ein Schlag vor den Kopf traf. Er plante, Sweet River zu verlassen, um als Rodeoreiter sein Glück zu versuchen.

Das Reiten lag ihm im Blut, und die Herausforderung, die das Rodeo darstellte, reizte ihn ganz besonders. Er war überzeugt davon, es bis nach ganz oben zu schaffen und in der Arena viel Geld verdienen zu können. Für ihn stand fest, dass Abby mit ihm gehen würde. Wie er sich das vorstelle, hatte sie ihn gefragt. Ob er glaube, sie würde ihren Vater einfach mit allem allein lassen.

Das konnte sie nicht. Damals hatte sich gerade der erste Hoffnungsschimmer am Horizont gezeigt, dass die Ranch vielleicht doch noch eines Tages wieder schwarze Zahlen schreiben würde. Vorausgesetzt, Abby könnte ihren Vater dazu bringen, die Buchführung ihr zu überlassen. Denn mit seinem speziellen System kam niemand zurecht außer ihm selbst, was regelmäßig zu abhandengekommenen Rechnungen führte. Die Mahngebühren, die sich auf diese Weise ansammelten, machten einen nicht unerheblichen Teil der Gesamtschulden aus.

Solche kleinen Nachlässigkeiten waren es, die sie überhaupt erst in die Schwierigkeiten gebracht hatten, in denen sie jetzt steckten. Buck Houston dachte immer, irgendwie ginge es schon weiter und die meisten Dinge erledigten sich letztendlich von allein. Er wusste alles über Tierhaltung und was sonst nötig war, um eine Farm zu betreiben, nur das leidige Thema Finanzen gehörte absolut nicht zu seinen Stärken.

Davon abgesehen war das Vagabundendasein, das eine Karriere beim Rodeo zwangsläufig mit sich brachte, nicht gerade das, was Abby sich für ihre Zukunft vorgestellt hatte. Etwas mehr Sicherheit wollte sie schon. Ehe, Familie, eben die Dinge, die sich die meisten Menschen wünschten.

Sie und Bo waren also heftig aneinandergeraten, hatten gestritten, gekämpft, sich geliebt und wieder gestritten. Am Ende stand es immer noch unentschieden, keiner von beiden wollte nachgeben. Und dann, von heute auf morgen, hatte sich Abbys ganzes Leben verändert.

Sogar jetzt, zwei Jahre später, fand sie keine Worte dafür, wie sehr ihr das, was geschehen war, wehgetan hatte. Bo war plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, er hatte die Stadt verlassen, ohne sich zu verabschieden. Marla sorgte dafür, dass alle über die Hintergründe haargenau im Bilde waren. Schnell verbreitete sich die Neuigkeit von Marlas Schwangerschaft, und sie machte keinen Hehl daraus, wer der Vater des Kindes sei.

Abbys Herz zersprang in tausend Stücke, als sie davon erfuhr. Von diesem Moment an war ihr Vertrauen zu Bo endgültig zerstört. Unwiederbringlich.

Sie sah auf ihre zitternden Hände, wütend darüber, dass die Erinnerungen nach wie vor die Macht hatten, ihr inneres Gleichgewicht, das sie sich so mühsam aufgebaut hatte, empfindlich ins Wanken zu bringen. Warum konnte sie das alles nicht einfach auf sich beruhen lassen?

„Hier. Damit du groß und stark wirst, Mädchen.“ IdaJoy schubste mit der Schulter einen Flügel der Lamellentür auf, die die Küche vom Gastraum des Cafés trennte, und schlüpfte hindurch. In der einen Hand balancierte sie einen Teller, beladen mit Sandwiches, in der anderen eine Thermoskanne. Sie stellte beides vor Abby hin, dann runzelte sie die Stirn. „Was ist denn los? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“

Als Abby nichts sagte, stützte IdaJoy die Ellbogen auf den Tresen und beugte sich zu ihr hinüber. „Dabei bist du ihm doch noch gar nicht begegnet, oder?“, fragte sie. Dem geheimnisvollen Unterton in ihrer Stimme nach zu urteilen, war sie bereits wieder voll in ihrem Element – dem Tratschen. „Er soll sich ja ziemlich verändert haben. Jedenfalls meint Louie Littlebear das. Und der muss es schließlich wissen.“

Abby hatte kaum zugehört. Erst als IdaJoy ihr den Becher wegnahm und die inzwischen lauwarme Flüssigkeit in die Spüle kippte, um ihn danach mit frischem Kaffee zu füllen, blickte sie auf.

„Wir werden eben alle älter.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Das ist normal.“

„Ach was, ich meine wirklich verändert. So, dass Louie ihn zuerst fast nicht erkannt hat. Gestern war Louie bei Shorty draußen, um Futter vorbeizubringen. Er also mit einer Fuhre in den Stall, und da war Bo gerade drinnen bei den Pferden. Aber glaubst du, er hat ihn gegrüßt? Nein, ist einfach an Louie vorbei nach draußen.“ IdaJoy schnalzte verächtlich mit der Zunge. Dann schien ihr plötzlich etwas einzufallen. Sie riss die Augen auf. „Meinst du …, meinst du, Marla ist auch in der Stadt? Mit dem Kind? Hat Buck was darüber gesagt?“

Wer IdaJoy nicht kannte, musste sie wahrscheinlich für eine taktlose Klatschbase halten, für die es nebensächlich war, was andere Menschen fühlten, Hauptsache, sie erfuhr, was sie vor drei Tagen zum Mittag hatten. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Ihre andere, warmherzige, fürsorgliche Seite zeigte sie meist nur denen, die sie gern hatte. Und dazu gehörte Abby.

Doch auch wenn Abby wusste, dass es nicht böse gemeint war, fand sie es trotzdem mehr als unangenehm, das Objekt der lokalen Gerüchteküche von Sweet Rivers zu sein. Jeder kannte hier jeden, und der Grad an Intimsphäre war ausgesprochen gering. Sie hätte eigentlich daran gewöhnt sein sollen, aber das machte es ihr auch nicht leichter.

„Nein“, antwortete sie. „Mein Vater weiß nur das, was Shorty ihm erzählt hat, und das ist nicht viel. Nur, dass Bo eine Weile bei ihm wohnt.“ Erleichtert bemerkte Abby, wie ruhig ihre Stimme klang. IdaJoy hing förmlich an ihren Lippen, und falls sie den Eindruck bekam, man würde ihr vielleicht eine Information vorenthalten, würde sie garantiert nachbohren. Doch stattdessen drückte sie sanft Abbys Arm, bevor sie aufstand und sich ein Geschirrhandtuch über die Schulter warf.

„Ach, Süße. Ist ja auch egal. Pass du nur auf, dass du auf keinen Fall anfängst, dich seinetwegen schlecht zu fühlen. Das hast du nämlich nicht nötig, verstanden? Du bist immerhin bis jetzt gut klargekommen, auch ohne Mann.“

Was blieb mir auch anderes übrig, dachte Abby. Sie rutschte ebenfalls von ihrem Hocker und folgte IdaJoy mit weichen Knien in die Küche. Arbeit – das war es, was sie jetzt brauchte. Sie musste auf andere Gedanken kommen, diese Grübelei machte alles nur noch schlimmer.

Energisch nahm sie eine dunkelblaue Schürze aus einem Regal, band sie sich um und stopfte Bestellblock und Kugelschreiber in eine der Taschen. Mit trotzig erhobenem Kinn beschloss sie, Bo Ramsey aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Sie hatte es einmal geschafft, sie würde es wieder schaffen.

Die Gäste, die samstags im Blue Moon einkehrten, waren überwiegend laut, raubeinig und brachten einen Bärenhunger mit. Hauptsächlich waren es Rancher, die alle wussten, dass Abby etwas mit diesem Cowboy gehabt hatte, der sich seit Kurzem wieder in Sweet River aufhielt. Jeder dritte konnte es sich nicht verkneifen, ihr gegenüber mehr oder weniger derbe Anspielungen zu machen.

Als der letzte Gast endlich gegangen war, stieß Abby einen tiefer Seufzer aus und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Ihr Gesicht war müde vom ständigen Lächeln, zu dem sie sich geschlagene zwei Stunden hatte zwingen müssen. Alle paar Minuten waren neugierige, indiskrete Fragen auf sie eingeprasselt, und es hatte sie ihre gesamte Willensstärke gekostet, trotzdem diese „Kümmert-mich-nicht“-Maske aufrechtzuerhalten. Die Leute hier hatten ein unglaublich gutes Gedächtnis, was Skandale anging.

Das Brummen eines Pick-ups ließ sie innehalten, als sie gerade dabei war, einen Tisch am Fenster abzuwischen. Die Scheibe war wegen der hohen Luftfeuchtigkeit leicht beschlagen, doch sie konnte erkennen, wie Shorty Packer auf den mit Kies geschütteten Parkplatz einbog und dann auf das Café zuging.

Hinter ihm stieg ein zweiter Mann aus dem Wagen. Zögerlich folgte er Shorty. Sein Gang wirkte irgendwie unnatürlich, als ob eins seiner Beine steif wäre. Er trug einen Stetson, den er so tief ins Gesicht gezogen hatte, dass Abby nicht ganz sicher sein konnte, aber die Form seiner Schultern war ihr erschreckend vertraut. Ihr blieb fast das Herz stehen. Er war es. Sie spürte, wie ihr Mund trocken und ihre Wangen heiß wurden.

Oh, bitte, lass mich keinen Trottel aus mir machen, flehte sie innerlich. Zwei Jahre hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und nun, in wenigen Sekunden, würde er vor ihr stehen. Was sollte sie bloß tun? Lachen? Oder vielleicht am besten schon mal vorsorglich die Notrufnummer wählen, falls sie einen Kreislaufzusammenbruch bekam?

„Tag, Abby.“ Shorty trat ein und nickte ihr kurz zu, bevor er auf die Tafel mit den Eintopfangeboten zusteuerte, um sie eingehend zu studieren.

Bo schloss die Tür hinter sich, machte einen Schritt in Richtung Tresen und blieb dann abrupt stehen.

Abby wusste sofort, dass er sie ebenfalls erkannt hatte. Obwohl sie seine Augen nicht sehen konnte, hatte sie das Gefühl, von seinem Blick durchbohrt zu werden. Ihre Haut begann zu prickeln. Plötzlich tauchten in atemberaubender Geschwindigkeit Bilder in ihrem Kopf auf, als ob sie ein altes Fotoalbum durchblätterte. Sie sah sich selbst, wie sie in Bos Armen lag und bei seinen Küssen vor Leidenschaft verging.

Ein kaum hörbarer Laut entwich ihrem Mund. Es war alles so echt, so lebendig. Fast meinte sie zu spüren, wie ihre Finger durch seine kräftigen dunklen Haare glitten. Nein, nein, nein. Warum tat sie sich das nur an? Warum ließ sie zu, dass diese Erinnerungen sich in ihr Bewusstsein stahlen, wo sie rein gar nichts verloren hatten?

Abby schluckte und überlegte angestrengt, was sie sagen sollte. Doch bevor ihr etwas einfiel, hatte Bo bereits kehrtgemacht. Fluchend krachte er gegen einen Stuhl. Hastig räumte er ihn aus dem Weg und stürzte ins Freie.

Die Tür fiel knallend hinter ihm zu. Kurz darauf waren das Aufheulen eines Motors und das Knirschen von Kies unter quietschenden Reifen zu hören. Shorty sah durchs Fenster zu, wie der Staub sich langsam legte, kratzte sich am Kopf und ließ sich dann auf einem der mit rotem Kunstleder bezogenen Barhocker nieder.

„Verdammter Idiot“, brummte er. „Wo der Doc ihm ausdrücklich verboten hat, Auto zu fahren.“ Er zuckte mit den Schultern. „Schätze, ich hätte ihn vorwarnen sollen, dass du wahrscheinlich heute hier sein würdest.“

Abby schenkte ihm einen Kaffee ein. Ein Teil des dunklen Gebräus landete sogar dort, wo er hingehörte. Unauffällig tupfte sie die Lache weg, die sich um den großen weißen Becher gebildet hatte, bevor sie ihn Shorty reichte.

Er sah mit hochgezogenen Augenbrauen kurz den halbvollen Becher an, dann Abby.

„Na, du machst mir Spaß.“

„Oh. Warte, ich gieß dir noch ein bisschen da…“

„Ach was, zu viel Kaffee ist sowieso nicht gut für meine alte Pumpe. Ich meine, weil du gar nichts sagst. Hat dir wohl die Sprache verschlagen?“

Abby schluckte mühsam den Kloß in ihrem Hals hinunter und räusperte sich. Sie wusste genau, worauf der Rancher anspielte. Warum waren alle so erpicht darauf, über Bo zu reden? Gab es kein anderes Thema mehr in dieser Stadt?

„Was sollte ich denn deiner Meinung nach sagen?“, fragte sie.

„Jetzt tu doch nicht so, als ob dir nicht aufgefallen ist, wie er aussieht.“

„Ach ja? Er ist doch rausgeschossen wie ein geölter Blitz, bevor ich ihn überhaupt richtig sehen konnte.“

Shorty seufzte. „Ja, war alles ziemlich viel für ihn in letzter Zeit. Ich hab ihn erst mal bei mir aufgenommen, wenigstens so lange, bis er wieder einigermaßen auf dem Damm ist. Hat im Februar beim Rodeo einen üblen Zusammenstoß mit einem wilden Bullen gehabt. Bo kann von Glück sagen, dass er da lebendig rausgekommen ist. Bloß mit den Blicken der Leute kommt er noch nicht klar. Hast du die Narben nicht gesehen?“

Abby hielt die Luft an.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Alles, was ich will" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen