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Alles, was ich will bist du

1. KAPITEL

Als Rocco de Marco sich umschaute, durchströmte ihn tiefe Befriedigung. Er befand sich in einem wunderschönen Raum in einem weltbekannten Museum, mitten im Herzen der Weltstadt London. Das Design stammte von einem berühmten französischen Art-déco-Künstler. Aus der ganzen Welt reisten Kunstliebhaber an, um die atemberaubenden Buntglasfenster zu bewundern.

Die heute hier versammelten Menschen waren nicht weniger exklusiv: hochrangige Politiker, bekannte Intellektuelle, Filmstars und steinreiche Sponsoren, die den Börsenmarkt mit einem Fingerschnippen oder dem Heben einer Augenbraue kontrollierten.

Er gehörte zur letzten Kategorie. Mit zweiunddreißig Jahren hatte er es bis ganz an die Spitze geschafft. Allgemein wurde ehrfürchtig spekuliert, wie er in dieser kurzen Zeit in eine so unerreichbare Position gelangen konnte.

In diesem Augenblick fing er quer durch den Raum den Blick einer eleganten, aristokratischen Blondine auf. Ihr glänzendes Haar trug sie im Nacken zu einem klassischen Knoten aufgesteckt. Als er sie anschaute, erwärmte sich der hochmütige Ausdruck ihrer blauen Augen. Rocco bemerkte, dass auf ihren sorgfältig geschminkten Wangen nicht der kleinste Hauch echter Farbe zu sehen war. Von Kopf bis Fuß trug sie schimmerndes Schwarz. Er wusste genau, dass sie härter war, als die Diamanten an ihrem Hals und ihren Ohren. In einer kleinen, aber vielsagenden Geste lächelte sie ihm zu und hob ihr Glas.

Triumph durchfuhr Rocco, als er ihr ebenfalls zuprostete. Die Aussicht, eine Frau von so makelloser Geburt zu umwerben, machte ihn an. Dies war der Augenblick! Endlich hatte er alles erreicht, wofür er so lange und so hart gekämpft hatte. Er hatte nie gewagt, sich vorzustellen, dass er jemals eine derartige Position erlangen würde – Gastgeber für eine erlesene Schar wie die hier Anwesenden. Und bald würde er ganz und gar zu ihrem Kreis gehören.

Er war in den Elendsvierteln einer italienischen Stadt aufgewachsen. Damals war er kaum mehr gewesen als ein Straßenkind. Ohne jeden Ausweg. Aber jetzt hatte er endlich die Schande seiner Kindheit weit hinter sich gelassen.

Sein eigener Vater hatte ihn angespuckt, und er musste mit ansehen, wie seine Halbschwestern ohne einen einzigen Blick an ihm vorübergingen. Aber er hatte sich aus dem Elend bis ganz nach oben gekämpft, mit Mut und Entschlossenheit und seinem mittlerweile schon berüchtigten Verstand. Bis heute kannte niemand hier seine Vergangenheit.

Rocco stellte sein leeres Glas auf das Tablett eines Kellners und lehnte ein frisches ab.

Er musste all seine Sinne beisammenhalten, dieser Leitspruch gehörte mittlerweile zu ihm, als wäre er in seine Haut tätowiert. Für eine Sekunde dachte er zurück an die grobe Tätowierung, die er jahrelang getragen hatte. Seine Haut prickelte bei der unangenehmen Erinnerung. Direkt nach seiner Ankunft in London vor fünfzehn Jahren hatte er das verräterische Tattoo entfernen lassen.

Mit einem Schulterzucken schüttelte er seine Gedanken ab. Jetzt würde er allen hier zeigen, dass Miss Honora Winthrop ihm gehörte. Für einen winzigen Moment hatte er plötzlich das Gefühl zu ersticken, aber er kämpfte es rasch nieder.

Er war genau dort, wo er sein wollte. Für diesen Platz habe ich hart gekämpft, sagte er sich ärgerlich. Woher kam jetzt plötzlich das Bedürfnis, sich einfach umzudrehen und wegzulaufen?

Während er sich wieder sammelte, fiel sein Blick auf eine einsame Gestalt. Eine weibliche Gestalt. Sie war nicht halb so glamourös und verführerisch wie die anderen Frauen im Raum. Ihr Kleid saß schlecht, das Haar war ein langes, wildes, leuchtend rotes Gewirr und verlieh ihr etwas Ungezähmtes, das irgendetwas tief in ihm ansprach.

Rocco vergaß, was er eigentlich vorgehabt hatte. Er konnte seine Augen nicht von der seltsamen Fremden lösen.

Bevor er selbst begriffen hatte, was er tat, bewegte er sich in ihre Richtung …

Gracie O’Brian versuchte, ganz ungezwungen und selbstsicher auszusehen, so als wäre sie ständiger Gast auf Londons glamourösesten Partys.

In Wahrheit war sie es allerdings mehr gewohnt zu kellnern, und zwar an weitaus weniger vornehmen Orten. An Orten, wo Männer sie wie selbstverständlich ins Hinterteil zwickten und ihr unhöfliche Bemerkungen über ihre zu klein geratene Oberweite zuriefen.

Ein hart erarbeiteter, aber mäßiger Universitätsabschluss in Kunstwissenschaften ist in der heutigen Berufswelt nichts mehr wert, dachte sie bitter. Sie hatte einen Traum. Aber um diesen Traum zu verwirklichen, musste sie essen und überleben.

Innerlich schüttelte sie den Kopf über ihre ganz untypischen Grübeleien. Mit niederen Arbeiten kam sie zurecht. Womit sie aber nicht zurechtkam, war das hier. Mit beiden Händen presste sie ihre Handtasche vor den Bauch. Wo war Steven? Gracie spürte, wie die viel zu vertraute Besorgnis um ihren Bruder in ihr aufstieg. Nur um ihm einen Gefallen zu tun, war sie heute Abend überhaupt mitgekommen.

Sie atmete tief durch und versuchte, sich zu entspannen. Diese Wohltätigkeitsveranstaltung seiner Firma stellte einen Wendepunkt in Stevens Leben dar. Wahrscheinlich war er nur darum in der letzten Zeit so angespannt und schlecht gelaunt gewesen.

Sie waren jetzt beide vierundzwanzig, und sie musste endlich aufhören, sich ständig Sorgen um ihn zu machen. Nur weil sie von klein auf diese Rolle übernommen hatte, konnte sie sich nicht ewig für ihn verantwortlich fühlen. Noch immer trug sie Narben von den Kämpfen, bei denen sie ihren jüngeren Bruder vor stärkeren Gegnern beschützt hatte – jünger um zwanzig heikle Minuten, in denen sein Leben auf dem Spiel gestanden hatte.

Bevor ihre Mutter sie verlassen hatte, war kaum ein Tag vergangen, an dem sie Gracie nicht vorgeworfen hatte, dass ihr Bruder bei der Geburt fast gestorben war, während sie die Dreistigkeit besessen hatte, von der ersten Minute an mit aller Kraft zu wachsen und zu gedeihen.

Sie glaubte wieder, die Abschiedsworte ihrer Mutter zu hören: Wenn ich könnte, würde ich ihn mit mir nehmen und nur dich zurücklassen. Er ist der Einzige, den ich je wollte. Aber er hängt zu sehr an dir, und ein jammerndes Gör kann ich nicht gebrauchen.

Gracie drängte ihre Erinnerung zurück. Wieso musste sie ausgerechnet jetzt wieder daran denken?

Sie seufzte erleichtert, als sie endlich ihren Bruder am anderen Ende des Raums entdeckte. Als sie ihn anschaute, schwoll ihr Herz vor Liebe zu ihm an. Seitdem sie klein waren, hatten sie immer aufeinander aufgepasst. Ganz egal, was auch passiert war. Selbst Gracies Kraft hatte zwar nicht ausgereicht, um Steven vor einigen dunklen Jahren zu bewahren, aber jetzt war er endlich wieder auf dem richtigen Weg.

Sie dachte an Stevens flehentliche Bitte, sie heute Abend zu begleiten: Bitte komm mit, Gracie! Ich brauche dich wirklich dort an meiner Seite. Alle werden ihre Frauen mitbringen, und ich muss in diese Gesellschaft hineinpassen. Weißt du, wie schwierig es ist, einen Job bei De Marco International zu bekommen?

Er hatte so lange von dem gottgleichen Rocco de Marco geschwärmt, dass Gracie schließlich nachgab – allein schon, um seine Loblieder zu stoppen. Aber auch, weil sie gesehen hatte, wie aufgewühlt Steven war. Sie wusste, mit welcher Ausdauer er für eine Chance wie diese gearbeitet hatte. Unzählige Stunden hatte er im Gefängnis gelernt und sein Abitur nachgeholt, damit er direkt nach seiner Entlassung mit dem Studium beginnen konnte.

Gracie hatte lange gefürchtet, dass er zurück in die Drogensucht fallen würde, aber das war nicht passiert. Und jetzt wurden endlich seine einzigartige Begabung und sein scharfer Verstand gewürdigt.

Sie sah, dass er mit einem anderen Mann sprach. Niemand, der sie anschaute, würde vermuten, dass Steven und sie verwandt waren. Ihr Bruder war groß und dünn wie eine Bohnenstange. Gracie dagegen kam gerade mal auf einen Meter fünfundsechzig, und sie wünschte sich sehnsüchtig ein paar Rundungen anstelle ihrer fast knabenhaften Figur. Steven war blond, blass und blauäugig, sie dagegen rothaarig, sommersprossig und braunäugig wie ihr irischer Vater. Ein Grund mehr, warum ihre Mutter sie gehasst hatte.

Gracie schnitt eine Grimasse, als ihr Kleid noch einen Zentimeter tiefer rutschte und noch etwas mehr von ihrem nicht sehr beeindruckenden Dekolleté entblößte. Sie hatte das Kleid in einem Secondhandshop entdeckt und gekauft, ohne es anzuprobieren.

„Großer Fehler“, murmelte sie vor sich hin. Das Kleid war mindestens zwei Nummern zu groß und hing ihr um die Füße wie das Kleid ihrer Großmutter, wenn sie als Kind Verkleiden gespielt hatte.

Steven schien sich sehr angeregt zu unterhalten. Er würde wohl nicht so bald zu ihr zurückkommen. Gracie seufzte, wandte der Menge den Rücken zu und raffte ihr Kleid wieder hoch. Dabei entdeckte sie das üppige Buffet. Der Tisch bog sich unter all den köstlichen Häppchen. Plötzlich kam Gracie eine großartige Idee.

Einige Minuten später war sie ganz in ihre Aufgabe vertieft. Sie erstarrte, als sie dicht hinter sich eine tiefe Stimme mit einem sexy Akzent hörte: „Keine Angst, das Essen wird so schnell nicht verschwinden. Die meisten Leute hier im Raum haben seit Jahren nicht gegessen.“

Gracie errötete ertappt. Ihre Finger klammerten sich um das Häppchen, das sie gerade in eine Serviette gewickelt hatte, um es in ihrer Tasche verschwinden zu lassen – zusammen mit drei anderen, die sie schon sorgfältig verpackt hatte.

Sie schaute nach links, wo die Stimme hergekommen war, und sah auf eine breite schneeweiße Hemdbrust. Dann ließ sie die Augen höher wandern, vorbei an einer schwarzen Fliege, hinauf zu einem männlichen Gesicht, wie sie es in ihrem Leben beeindruckender und hinreißender noch nie gesehen hatte. Die dunklen Augen des Fremden glitzerten, als würde er sich köstlich amüsieren.

Das Cocktailhäppchen fiel unbemerkt in ihre offene Tasche. Vollkommen fassungslos stand Gracie einfach nur da und starrte ihn an. Seine wilde Schönheit war so überwältigend, dass sie den lächerlichen Impuls verspürte, sich zu verbeugen. Dabei war sie ganz und gar kein unterwürfiger Mensch. Aus jeder unverschämt männlichen Zelle verströmte dieser Mann Sex.

„Ich …“ Sie konnte nicht einmal mehr sprechen.

Er hob eine Augenbrauche. „Sie …?“

Seine Mundwinkel zuckten. Das machte es nur noch schlimmer, denn jetzt zogen seine vollen markanten Lippen Gracies Aufmerksamkeit auf sich. Dieser Mund war so sinnlich, als wäre sein einziger Zweck küssen und nur küssen. Alles andere wäre Verschwendung.

Gracies Wangen glühten. Sie war es nicht gewohnt, darüber nachzudenken, Männer zu küssen, erst recht nicht Sekunden nach ihrer ersten Begegnung. Sie zwang ihren Blick zurück zu seinen dunklen Augen. Sie waren so schwarz wie sein dichtes Haar. Wie groß und fast beängstigend breitschultrig dieser Mann war! Alles an ihm war hinreißend. Eine Locke fiel ihm in die Stirn und gab ihm etwas Diabolisches, aber das unterstrich nur noch seine markanten, leicht arroganten Gesichtszüge.

„Das Essen ist nicht für mich …“, brachte Gracie schließlich heraus. „Es ist für …“ Verzweifelt suchte sie nach einer einleuchtenden Erklärung.

Was würde Steven sagen, wenn man sie für ihren Ausrutscher hinauswerfen würde? „Gehören Sie zum Sicherheitsdienst?“, fragte sie misstrauisch.

Kaum ausgesprochen, hätte sie ihre Worte am liebsten zurückgenommen. Dieser Mann war ganz bestimmt kein Angestellter.

Der Fremde warf den Kopf zurück und brach in heiseres Gelächter aus.

Vor Verlegenheit wäre Gracie am liebsten im Boden versunken. „Sie brauchen nicht gleich vor Lachen zu brüllen“, erwiderte sie scharf. „Woher soll ich denn wissen, wer Sie sind?“

Der Mann hörte auf zu lachen, aber seine Augen funkelten immer noch frech.

Während sie ihn anstarrte, wuchs Gracies Zorn. Noch nie hatte ein Mann so eine Wirkung auf sie gehabt. Ihre Haut fühlte sich eigenartig empfindsam an. Trotz der Wärme im Raum, hatte sie plötzlich eine Gänsehaut am ganzen Körper. All ihre Sinne waren erwacht. Sie konnte ihren eigenen Herzschlag fühlen, und ihr war heiß, als würde ihr Inneres ganz langsam in Brand gesteckt.

„Sie wissen nicht, wer ich bin?“, fragte der Mann gedehnt. Unverhüllte Ungläubigkeit lag auf seinem perfekten Gesicht.

Nein, korrigierte Gracie sich. Nicht perfekt. Seine Nase sah leicht schief aus, als wäre sie einmal gebrochen gewesen. Und auf einer Wange erkannte sie winzige Narben. Auf der anderen Seite zog sich eine blasse Narbe vom Kinn bis zur Schläfe hinauf.

Sie erschauerte leicht, als würde sie irgendetwas an diesem Fremden auf einer ganz tiefen, primitiven Ebene wiedererkennen. Als hätten sie irgendetwas gemeinsam. Was absolut lächerlich war. Das Einzige, was sie mit diesem Mann teilte, war die Luft, die sie gerade atmeten.

Trotzig reckte sie ihr Kinn. „Nun, ich bin keine Hellseherin, und Sie tragen kein Namensschild. Wie in aller Welt könnte ich also wissen, wer Sie sind?“

Er presste seine hinreißenden Lippen zusammen, als versuchte er, ein Lachen zurückzuhalten. Wut schoss in Gracie hoch wie eine Stichflamme. Sie musste den Impuls unterdrücken, ihm eine Ohrfeige zu verpassen. Unglücklicherweise passte ihr Temperament ganz genau zu ihrer Haarfarbe.

„Also, wer sind Sie denn so Wichtiges, dass jeder Sie kennen sollte?“

Er schüttelte den Kopf. Mit einem Schlag war jede Spur von Belustigung verschwunden.

Wieder erschauerte Gracie, aber diesmal, weil sie spürte, dass hinter seinem lässigen Charme etwas weitaus weniger Wohlwollendes lauerte – etwas Dunkles und Berechnendes.

„Warum sagen Sie mir nicht, wer Sie sind?“, fragte er.

Gracie öffnete ihren Mund. In dem Moment tauchte ein Mann auf und schob sich zwischen sie. Er beachtete Gracie nicht, so als wäre sie vollkommen unwichtig – was sie auch war. Daran musste sie nicht erst erinnert werden. Aber auch, als wäre er es gewohnt, sich zwischen den Fremden und Frauen zu schieben – was sie äußerst ärgerlich fand.

„Mr de Marco, alle warten auf Ihre Rede.“

Gracie schnappte schockiert nach Luft. Dieser Mann war Rocco de Marco?

Nach Stevens Schwärmereien von seinen enormen Erfolgen, hatte sie angenommen, dass er weitaus älter war. Und höchstwahrscheinlich klein und dick, mit Zigarre. Jedenfalls ganz bestimmt nicht dieser dynamische, kraftstrotzende junge Mann. Gracie schätzte ihn auf höchstens Anfang dreißig.

Der unterwürfige Mann verschwand wieder. Rocco de Marco trat näher zu ihr und streckte seine Hand aus. Gracie hatte sich immer noch nicht von ihrem Schock erholt. Langsam hob sie ihre Hand und ließ zu, dass er sie nahm. Ohne ihren Blick loszulassen, beugte er sich hinunter und presste einen Kuss auf ihren schmalen, blassen, sommersprossigen Handrücken.

Gracie glaubte, unter seiner Berührung zu verglühen. Dennoch zuckte sie bei dem Gedanken zusammen, wie rau sich ihre abgearbeiteten Hände anfühlen mussten.

Er richtete sich auf und ließ ihre Hand los. „Rühren Sie sich nicht von der Stelle, versprechen Sie mir das? Sie haben mir immer noch nicht gesagt, wer Sie sind.“

Nach einem letzten sengend heißen Blick drehte er sich um und mischte sich ins Gedränge. Erst jetzt konnte Gracie wieder freier atmen. Unwillkürlich sah sie ihm nach. Er überragte die meisten Anwesenden. Selbst von hinten wirkte er atemberaubend männlich. Vor ihm teilte sich die Menge wie das Rote Meer und gab den Blick auf breite Schultern, schmale Hüften und lange Beine frei. Körperliche Perfektion.

Das war also Rocco de Marco! Der legendäre Finanzier und Geschäftsmann. Manche Leute behaupteten sogar, er wäre ein Genie.

Gracie blickte sich panisch nach Steven um. Sie entdeckte ihn zwischen den Gästen, aber er beachtete sie gar nicht, sondern sah ganz hingerissen zu Rocco de Marco hinüber.

Gracie wusste zwar nicht, warum es so wichtig war, aber sie war sich absolut sicher, dass sie unbedingt von hier verschwinden musste. Auf keinen Fall konnte sie diesem Mann noch einmal unter die Augen treten. Bei dem Gedanken an ihre gesammelten Entgleisungen stöhnte sie leise auf. Der mächtigste Mann im ganzen Raum hatte gesehen, wie sie Häppchen vom Buffet eingesteckt hatte!

Außer ihr gab es nicht einen einzigen Menschen hier im Saal, der Rocco de Marco nicht erkannt hätte. Sie sah die funkelnden Juwelen der anderen Frauen. Diese Diamanten waren echt, nicht billige Glaskugeln wie Gracies Schmuck. Sie gehörte nicht hierher.

Wenn Rocco de Marco erfuhr, dass sie Stevens Schwester war, würde ihr Bruder vielleicht sogar ihretwegen Schwierigkeiten bekommen. Gracie konnte nur eines tun. Flüchten.

Rocco de Marco verzog verächtlich die Lippen, als er den Zeitungsartikel las. Doch dann betrachtete er zufrieden das Bild von sich und Honora Winthrop. Er hatte den Arm um die eisige blonde Schönheit gelegt, und sie sah lächelnd zu ihm auf. Das Foto stammte von seiner Wohltätigkeitsveranstaltung in London vor einer Woche.

Er lächelte kalt. Miss Winthrop hatte alles versucht, um ihn ins Bett zu bekommen.

Aber bisher hatte er ihren Verführungskünsten widerstanden. Er wollte sie nicht aus Liebe zu seiner Frau machen, sondern um endgültig in die feine Gesellschaft aufzusteigen. Dazu brauchte er einen klaren Kopf. Er konnte sich nicht leisten, dass Sex seinen Verstand vernebelte. Als er sich eingestehen musste, wie leicht ihm der Verzicht gefallen war, verschwand sein Lächeln.

Wie zum Hohn schob sich das Bild einer kleinen, feurigen Rothaarigen vor seine Augen. So lebhaft, dass es ihn nicht länger in seinem Schreibtischstuhl hielt. Er sprang auf und ging zum Fenster, doch er beachtete den atemberaubenden Blick über London genauso wenig wie die Papiere, die bei seiner hastigen Bewegung zu Boden geflattert waren.

Mit aller Kraft versuchte er, das Bild zu verdrängen. Und die äußerst unangenehme Erinnerung daran, dass er nach seiner Rede nicht direkt zu Honora Winthrop gegangen war, sondern nach der namenlosen Fremden gesucht hatte – nur um festzustellen, dass sie verschwunden war.

Immer noch konnte er den Schock und die Überraschung spüren.

Niemand – und schon gar keine Frau – ließ ihn einfach stehen.

In den fünfzehn Jahren seit er Italien verlassen hatte, war er noch nie einen Schritt von seinen sorgfältig ausgearbeiteten Plänen abgewichen – auch nicht für eine schöne Frau.

Dabei war sie nicht einmal besonders schön gewesen. Aber vom ersten Blick an, hatte er in seinem tiefsten Inneren diese unwiderstehliche Anziehung gespürt. Den ganzen Abend lang hatte er sich immer wieder suchend nach ihr umgesehen.

Wieso musste er immer noch an die wenigen Sekunden denken? Es war nicht mehr als eine bedeutungslose Begegnung gewesen. Er würde sich seinen Platz in der feinen Gesellschaft erobern, weit weg von seiner dunklen Vergangenheit. Dabei konnte er sich solche albernen Gefühle nicht leisten.

In einer für ihn untypischen Geste, rieb Rocco sich müde den Nacken. Seine Grübeleien waren bestimmt nur auf die Sicherheitsverletzung in seiner Firma zurückzuführen. Zum Glück war das Leck rasch entdeckt und beseitigt worden, aber der Vorfall hatte Rocco vor Augen geführt, wie gefährlich selbstzufrieden und nachlässig er wurde.

Er hatte Steven Murray vor einem Monat aus einem Impuls heraus angeheuert – ganz unüblich für Rocco. Aber der junge Mann strahlte so viel Talent, Intelligenz und echte Begeisterung aus, dass Rocco plötzlich eine Art Verbundenheit fühlte. Also gab er ihm trotz des beunruhigend vagen Lebenslaufs eine Chance.

Und war damit belohnt worden, dass genau dieser junge Mann in der vergangenen Woche eine Million Euro von De Marco International auf ein unauffindbares Konto gebucht hatte und verschwunden war.

Rocco konnte sich nicht leisten, auch nur für eine Sekunde unachtsam zu sein. Jetzt hofierten ihn die Menschen und drängten sich darum, mit ihm zusammenzuarbeiten. Sie umwarben und feierten ihn, weil er reich und mächtig war. Aber sobald er auch nur die geringste Schwäche zeigte, würden sie sich ohne zu zögern von ihm abwenden. Auch Honora Winthrop würde ihm dann nur noch einen verächtlichen Blick schenken. Um seine Position dauerhaft zu sichern, musste er selbst ein Mitglied der feinen Gesellschaft werden.

So lange hatte er alles perfekt unter Kontrolle gehabt, und plötzlich sprach er wahllos Frauen in schlecht sitzenden Kleidern an und stellte Leute aus einem Bauchgefühl heraus ein. Wenn er so weitermachte, gefährdete er alles, wofür er so hart gearbeitet hatte.

Er musste auf der Hut sein! Schon jetzt waren einige Leute neugierig auf seine Vergangenheit geworden. Er durfte ihnen keinen Grund geben, noch gründlicher nachzuforschen.

Jetzt war seine wichtigste Aufgabe, Steven Murray zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Er würde nicht eher ruhen, bis er ihn aufgespürt hatte.

Und bestraft haben würde.

Rocco schüttelte den Kopf über seine düsteren Gedanken. Er wendete sich vom Fenster ab und griff nach seiner Jacke, um nach Hause zu gehen. Draußen legte sich die Dämmerung über die Stadt, und alle anderen Büros im Gebäude waren schon leer. Normalerweise war dies Roccos liebste Arbeitszeit – wenn alle anderen gegangen waren.

Er mochte die Stille. Sie beruhigte ihn. Sie war Welten entfernt von dem unaufhörlichen Lärm, der seine Kindheit und Jugend begleitet hatte.

Rocco war schon an der Tür, als sein Telefon schellte. Er ging zurück und hob ab. Während er den Worten des Anrufers lauschte, spannte sich sein gesamter Körper an. „Schicken Sie sie rauf!“

Jemand war gekommen und hatte nach Steven Murray gefragt! Er eilte zum Fahrstuhl und sah ungeduldig zu, wie die Nummern den Aufstieg der Kabine anzeigten.

Der Lift hielt an. Für einen Sekundenbruchteil spürte Rocco eine seltsame Vorahnung.

Dann öffneten sich die Türen und gaben den Blick auf eine zierliche Frau in einem grauen T-Shirt und verblichenen Jeans frei. Um die Taille hatte sie eine Strickjacke geschlungen.

Sie war schlank und anmutig, ihre kleinen Brüste drängten sich gegen das dünne Oberteil. Ihr schweres rotes Haar fiel über eine Schulter nach vorn und reichte fast bis zu diesen kecken Brüsten. Ihr Gesicht war blass und herzförmig, die Augen braun und riesengroß, gefleckt mit grünen und goldenen Sprenkeln.

Rocco streckte die Hände aus und umklammerte ihre Oberarme, fast als müsste er sie berühren, bevor er irgendetwas anderes tun konnte.

Ungläubig stieß er die Luft aus. „Sie!“

2. KAPITEL

„Sie!“, wiederholte Gracie schwach. „Was tun Sie denn hier?“

Rocco de Marco zog sie aus dem Fahrstuhl. Ihr Herz raste. Vor Entsetzen konnte sie kaum atmen.

„Mir gehört dieses Gebäude“, stieß er aus. Seine Hände hielten ihre Arme wie Schraubstöcke. „Ich denke, die passendere Frage ist: Wieso sind Sie hier und fragen nach Steven Murray?“

Roccos Anblick ließ das Adrenalin durch ihre Adern schießen. Offensichtlich hatte auch er sie wiedererkannt. Aber das war kein Trost. Ein Blick in sein Gesicht sagte ihr, dass Steven weit weg war. Und in großen Schwierigkeiten steckte.

Sie brachte kein Wort heraus. Zum zweiten Mal in dieser Woche konnte sie nur in das faszinierendste, attraktivste Gesicht starren, das sie je in ihrem Leben gesehen hatte.

Sein Griff wurde fester. „Warum sind Sie hier?“

Gracie schüttelte den Kopf, als könnte sie so ihr Gehirn wieder in Gang bringen. „Ich … ich dachte nur, er wäre vielleicht in seinem Büro. Ich habe nach ihm gesucht.“

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