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Paderborn im Sommer 1943

Liebe Pauline,

nun ist es nicht mehr lange, bis mein zweites Kind kommt. Ich mache mir solche Sorgen, was ist wenn genau dann die Tommies kommen? Ich habe Angst, daß es einen Luftangriff auf Paderborn gibt, wenn ich in den Wehen liege.

Ist es bei Euch in Emsdetten auch so unerträglich heiß?

Ich hoffe es geht alles gut,

deine Magda

Es ging alles gut. Am Sommeranfang 1943 erblickte ich das Licht der Welt in der Landesfrauenklinik am Busdorfwall. An dem Tag sind keine Tommies gekommen und Luftangriffe gab es auch nicht. Einige Tage später holte mein Vater, Mutti und mich nach Hause. Er benutze hierfür natürlich unser einziges Auto, ein Tempo Dreirad mit Pritsche. Diese Fahrt hatte für Vati noch eine ordentliche Rüge zur Folge. Auf der folgenden jährlichen Gärtnerversammlung wurde er zurecht gewiesen: „Wie kann man nur für eine private Fahrt Benzin verbrauchen! Der Endsieg ist das Ziel und nur dafür dürfen unsere knappen Mittel verwendet werden!“ Mein Vater stand auf, ganz ruhig, lächelte und meinte: „Wenn ich mich nach der Kriegs- maschinerie gerichtet hätte, wäre mir ja nur noch eine Schubkarre geblieben! Und das für den Weg quer durch die Stadt. Na ja, das sieht man selten: Mutter und Kind in der Karre geschoben vom Vater mit einer Hand!“ Damit war das Thema erledigt und niemand erwähnte es noch einmal.

Nun kam ich also das erste Mal zu Hause an. Unsere Gärtnerei am Bischofsteich 14 wird mir immer wohl in Erinnerung bleiben. An der Straße stand ein großes Schild:

Gärtnerei Drewes

gegründet 1888

-Weg 50 Meter!!

Dieses Schild aus Metall, ich könnte es heute noch malen, war ein Stück meiner Kindheit. Nur noch 50 Meter und du bist in Sicherheit, egal vor was, egal vor wem.

Unser Gärtnerhaus war groß und lag von der Straße ein ganzes Stück zurück. Im Haus gab es eine große Holztreppe mit einem wunderschönem, gedrechselten Geländer, welches stets glänzte. Vor dem Haus standen zwei Gewächshäuser und mehrere Reihen Frühbeetkästen. Das ganze Grundstück war eingezäunt. Im Freiland gab es Blumen, Gemüse und Baumreihen mit Äpfeln, Birnen und Kirschen. Im Haus war zu bestimmten Zeiten immer wieder das Radio eingeschaltet. Für Nachrichten und Informationen war dieses Gerät lebenswichtig. Diese Durchsagen hatten oberste Priorität! Sobald es erklang, verstummten sofort alle. An eine ganz besonders schreiende, schrille Stimme kann ich mich erinnern. Später wusste ich – dies war die Stimme von Hitler.

Mein Vater hatte zu Beginn des Krieges einen Erdbunker geschaufelt, und zwar in der Nähe des Kompostes. Leider war aber der Kompost wiederum in der Nähe der Paderborner Stadtwerke, der Koks- und Gasanstalt, sowie den Gebäuden des Elektrizitätswerkes PESAG. Diese Ziele wurden natürlich immer wieder von den Bombern mit ihrer zerstörerischen Fracht angeflogen. So hatten wir oft Brandbomben und umher fliegende Splitter im Kompost. Deswegen baute mein Vater den vorhandenen Tiefkeller aus. Die Wände wurden mit viel Beton verstärkt. Mit nur der linken Hand schalte er also ein und aus. Ein Helfer zum Tragen war dabei, denn alles an Materialien musste die furchtbar steile Treppe hinunter. Diese hatte nur ein Geländer, leider treppab auf der rechten Seite, so musste mein Vater stets besonders aufpassen, denn ihm fehlte seit dem ersten Weltkrieg die rechte Hand. Es muss sehr mühselig gewesen sein, aber die Zeit drängte!

Dieser Tiefkeller war also unser eigener Bunker. Hier befand sich auch die gesamte Wasserversorgung für die Gärtnerei und das Haus. Es war immer kalt und nass. Der große Wasserbehälter war angsteinflößend. Dennoch fühlen wir uns dort sicher, sobald die schwere Eisentür verschlossen wurde. Wenn der Alarm losging und das war wirklich oft, flüchteten wir alle in unseren Bunker. Dort saßen wir dann auf Holzbänken: mein Vater, meine Mutter, mein Großvater, sowie das Hausmädchen Hanni und wir kleinen Mädchen, also meine Schwester Christel und ich. Mein Vater spielte Mundharmonika, damit wir die Tiefflieger nicht hörten. Man hörte sie natürlich trotzdem noch, aber gedämpfter, schwächer, weiter weg. Wenn die Bomber Treffer in der Nähe landeten, dröhnte und zitterte der ganze Boden. Diese Erinnerung ist mir auch heute noch so nah, als wäre es gestern gewesen. Wenn dann die lang ersehnte Entwarnung kam, fühlte man eine immense Erleichterung, wie ein neues Leben, ein neuer Anfang.

Nach einiger Zeit wurde verfügt, dass unser Bunker nicht mehr sicher genug sei. Die Luftangriffe wurden immer massiver. Wir mussten nun also bei Alarm in einen großen Gemeinschaftsbunker fliehen. Ertönte der erste Alarm war unsere Routine nun folgendermaßen: unsere Hanni und meine Mutter trugen einen bereits bepackten großen Wäschekorb, welcher zwei Henkel hatte. Hanni trug auch mich auf dem Arm, meine Mutter, schwanger mit meinem kleinen Bruder, nahm Christel an die Hand. Mein Vater rannte schnell um uns das mittlere Gartentor zur Straße aufzuschließen. Dort hindurch liefen wir über den Bischofsteich, dann geradeaus über den Schulhof in die Berufsschule mit ihrem grünen Türmchen. Am Eingang zum Bunker drängten sich viele Menschen, um in diese Sicherheit zu gelangen. Immer wieder saßen wir auf den langen, langen Holzbänken. Jeder hielt sich an irgendetwas fest, an Bündeln und Kindern. Es wurde laut gebetet, wenn die Bomber sich näherten, am häufigsten den Rosenkranz. In den riesigen Räumen war es stockdunkel, nur hin und wieder brannten einzelne Kerzen. Leuchtete die Flamme ruhig, blieb es still. Flackerte die Kerze, waren in der Nähe Bombeneinschläge. Den grauenhaften Lärm der Bomber kenne ich, die Todesangst der Menschen im Keller kenne ich auch.

Mein Vater ging mit unserem betagten Großvater weiterhin in unseren eigenen Bunker, obwohl es verboten war. Mein Opa mit seinen kleinen Schritten und einem Gehstock wollte partout nicht woanders hin und alleine lassen wollte Vati ihn auf keinen Fall. Wie die beiden diese steile Treppe mit Angst und Hetze immer geschafft haben, eine wahrhaft große Leistung.

So ging es viele Monate weiter, bis die Kriegslage noch bedrohlicher wurde und alle Menschen die Stadt verlassen mussten. Wir wurden evakuiert. Unsere Familie kam nach Sande zum großen Bauernhof W.. Der Bauer hatte schon so viele Familien aufgenommen, das der ganze Hof über voll mit Menschen war. Aber da unsere Familie dem Bauern nochmals das Herz rührte, räumte er seine geräumige Garage leer und quartierte uns dort ein. Ich kann mich genau an diesen Hof in Sande erinnern. Vor dem langgestrecktem großen Bauernhaus war eine hohe, lange Steinkante, breit wie ein Podest. Überall waren Leute mit Kindern. Zu viele um sich ihre Namen oder Gesichter zu merken. Nachts war mein Vater bei uns. Tagsüber erledigte er die wichtigsten Arbeiten in der Gärtnerei am Bischofsteich.

Inzwischen waren wir Kinder zu dritt. Mein kleiner Bruder Bernfried wurde am Anfang 1945 in der Landesfrauenklinik geboren. Meine Mutter kam gebürtig von einem Bauernhof im Münsterland und konnte sich so bei einigen Arbeiten auf dem Hof nützlich machen. Sie half beim Kühe Melken und bekam dafür etwas Milch für uns.

Eines Tages bei schönem Wetter spielten Christel und ich im Hof, wir waren ja mittlerweile schon die Großen. Andere ältere Kinder, die auch auf dem Hof einquartiert waren hatten so lange gebettelt, bis Mutti ihnen erlaubt hatte mit Bernfried im Kinderwagen etwas spazieren zu fahren. Mutti half währenddessen beim Melken. Einige Zeit verging bis wir einen verzweifelten Aufschrei von Mutti hörten, schnell rannten wir zu ihr, es musste etwas schreckliches passiert sein. Die Kinder hatten sich einen bösen Spaß daraus gemacht den ganzen tiefen Kinderwagen mit schwarzem Sennesand zu füllen. In ihrer kindlichen Dummheit hatten sie sogar den kleinen Bernfried unten drin liegen lassen. Unter Tränen halfen wir schnell den Sand raus zu buddeln. Weinend hielt meine Mutter meinen Bruder hoch, er atmete noch – Gott sei Dank. Das war Rettung in letzter Sekunde. Mehrere Tage war in allen Gängen und Öffnungen des Babys noch Sand zu finden. Ein großer Schock für uns alle!

Meine nächste Kriegserinnerung sind die langen Wege von Sande nach Paderborn zur Panzerkaserne an der Driburger Straße. Meine Mutter war gelernte Köchin und bevor sie Vati geheiratet hatte, arbeitete sie früher dort im Offizierskasino. Die Familie dort legte große Stücke auf meine Mutter und man half sich wie selbstverständlich gegenseitig. Montags gingen wir immer zu Fuß dorthin. Mutti schob den Kinderwagen in welchem Bernfried lag. Christel und ich durften abwechselnd auf einem Brettchen vorne auf dem Wagen sitzen. Sonst mussten wir tapfer laufen – die ganze Strecke. Da Mutti dort bei der großen Wäsche der Familie T. half, durfte sie auch unsere Kinderwäsche mitbringen. Wir bekamen für unsere Hilfe auch Lebensmittel. Das war auch gut so, denn es gab viele hungrige Mäuler. Die Familie T. hatte auch ein großes Hotel mit Restaurant in der Westernstraße. Diese langen Märsche von Sande, Lippesee bis Driburger Straße, Paderborn haben mich irgendwie geprägt. Wenn man nicht mehr gehen kann, zählt man erst bis sieben, dann noch bis vier. Danach dann bis zwei und tatsächlich man kommt irgendwann an.

Also fuhr mein Vater täglich zur Gärtnerei am Bischofsteich. Er hätte uns also auch zur Panzerkaserne bringen können, aber meine Eltern trauten sich dies nicht, denn überall gab es Kontrollposten. Und wären sie erwischt worden, wäre unser Tempo beschlagnahmt worden, das konnten sie nicht riskieren.

Für die Fahrt zur Gärtnerei nahm er sozusagen Schleichwege, kleinere Wege, statt größerer Straße - wo es eben ging. Außer der täglichen gärtnerischen Arbeit wie gießen, lüften, schattieren und dergleichen, nahm er täglich das Essen für Opa mit. Denn dieser wollte immer noch nicht den Bischofsteich verlassen. Mittags aßen sie also zusammen. Abends schlich sich Vati per Dreirad wieder zurück nach Sande. Er brachte bei den Rückfahrten immer mal wieder wichtige Sachen von zu Hause mit, Sachen wie kleinere Möbelstücke, Kleidung und Hausrat.

Diese Fahrten fielen irgendwann einigen Lagerinsassen in der Senne auf. Sie mussten die täglichen Fahrten öfter beobachtet haben. Auf der Bielefelder Straße in Höhe der Versorgungskasernen nahm Vati eines Tages, hilfsbereit und an nichts Böses denkend, zwei russische Anhalter mit. Sie wollten angeblich auch nach Paderborn. Einer stieg zu meinem Vater, der andere auf die Ladefläche. Nach kurzer Fahrt hielt der vordere Vati eine Pistole auf die Brust und zwang ihn das Fahrzeug zu stoppen. Sogleich sprang der andere Russe von der Ladefläche runter und kam an die Fahrertür. „Wagen her – schnell – schnell!“ Vati wusste das jeglicher Widerstand zwecklos war, er konnte sich nicht wehren, stieg aus und musste mit ansehen, wie die beiden davon fuhren. Wenigstens war ihm nichts passiert, aber der Schreck dieses Überfalls hatte ihm schwer zugesetzt. Er ging zu Fuß nach Sande zurück. An diesem Tag bekam Opa kein Essen.

Meine Mutter erzählte uns Kindern später einmal, das sie an jenem Tag Vati das erste Mal weinen gesehen hatte. Vor uns Kindern konnte er damals verbergen, wie geschockt und niedergeschlagen er war.

Am nächsten Tag lieh sich mein Vater ein Fahrrad vom Bauern. Die Radfahrten nach Paderborn waren sicherlich mühselig mit der einen Hand. Aber nun konnte er noch andere Wege nehmen und manche Straßen ganz meiden. So ging es einige Zeit gut, bis Vati eines abends erst spät in der Nacht zurück kam. Er sah erbärmlich aus, grau, labil und alt, obwohl er erst 45 Jahre war. Man hatte ihm unterwegs nun auch das Fahrrad geraubt. Von da an musste er diese Entfernungen täglich zu Fuß zurücklegen. Ich bewundere diese Leistung sehr.

Dann kam eines Tages der Nachmittag des großen Angriffs auf Paderborn. Mein Vater war zufällig bereits von seiner Tagestour zurück und wir waren sozusagen alle in Sicherheit. Eine unendlich lange Zeit wurde die Stadt im wahrsten Sinne des Wortes – zerbombt! Es war so unwirklich, manchmal war der Himmel schwarz von Flugzeugen und man konnte beobachten wie ungefähr in Höhe des Nesthauser Sees und weiter stadtwärts die Bomben ausklinkten, einfach grausam, unfassbar. Ein Inferno der Flammen von riesigen Ausmaßen. Wir standen auf einem kleinen Sandhügel, mein Vater und ich, Hand in Hand in Sicherheit nur durch die Entfernung zu Paderborn. Nach vielen langen Stunden, als es anfing Dunkel zu werden, wurde es endlich ruhiger, aber der ganze Horizont leuchtete in voller Breite wie ein glühend rotes Höllenfeuer. Auf dem Bauernhof schrien und weinten die Leute: „Paderborn brennt!“ Dieses lichterlohe Bild hat sich bei mir wortwörtlich eingebrannt, obwohl ich erst zwei Jahre alt war. Ein Erlebnis welches ich mit allen gravierenden Eindrücken nie vergessen werde.

Am nächsten Morgen, die Stadt brannte immer noch, war mein Vater nicht mehr zu halten. Er musste sehen, was mit seinem Vater und der ganzen Gärtnerei passiert war!

Wie mir mein Vater später erzähle, hat er sich vorsichtig in Richtung Bischofsteich geschlichen. An den Fischteichen und dem Schützenplatz vorbei. Dort erkannte er schon Teile von unseren Frühbeetfenstern die umher lagen. Durch die Druckwellen waren einige tatsächlich so weit geflogen. Kein gutes Zeichen, es graute ihm vor dem was ihn zu Hause erwartete. In den Wegen beim Greitelerweg und Schützenweg lagen überall Leichen. Viele Menschen hatten in ihren Lauben und Gartenhäuschen Schutz gesucht – vergebens. Er malte sich schon Schreckliches aus, bei allem was er unterwegs sah.

Der schlimmste Tag in seinem Leben. Bei uns am Bischofsteich stand kein Stein mehr auf dem anderen! Alle Frühbeete, Treibhäuser, die Betriebsgebäude und das Wohnhaus waren buchstäblich vom Erdboden verschwunden. Die Kellertreppe zum Bunker total verschüttet, kein Durchkommen, überall Schuttberge, Geröll und Asche! Von einer Seite konnte mein Vater in den Bunker hineinsehen. Alle Wände und die Decke waren kaputt, nur die Ecke wo Opas Stammplatz war stand noch. Sein Stuhl war auch noch heile, aber Opa war nicht zu sehen. Wo konnte er nur sein? Vati suchte verzweifelt im Geröll, hier war Opa nicht. Er schritt alles ab, keine Spur. Zuletzt ging Vati nach einigen Grübeleien Richtung Stadtheide, denn dort wohnten Verwandte. Und tatsächlich war Opa nach dem Angriff, über die Schuttberge geklettert und tapfer Schritt für Schritt bis zum Dr.-Rörig-Damm gegangen. Gott sei Dank!

Er wurde von den Verwandten sofort herzlich aufgenommen und konnte dort auch einige Monate unterkommen. Aber was muss dies für eine Tortour für einen 84 Jährigen gewesen sein, sich durch die Trümmer seines Lebenswerkes zu kämpfen.

Mutti und wir Kinder blieben zunächst noch in Sande auf dem Bauernhof. Dort geschahen noch seltsame Dinge. Es war unheimlich, fast jede Nacht schlichen unbekannte Gestalten um die Häuser und stahlen alles was nicht niet- und nagelfest war, das man in irgendeiner Weise gebrauchen konnte. Dadurch ging überall eine neue große Angst umher. Meine Mutter hatte alle Strümpfe von uns gewaschen und auf eine provisorische Wäscheleine an der Garagenwand gehangen. Nachts kamen die Diebe und nahmen von jedem Paar nur einen mit. Mutti war entsetzt! Wie konnte man ungleiche Strümpfe anziehen? Wir Kinder fanden es lustig, aber Mutti jammerte: „Hätten die Diebe doch einige Paare genommen, so hätten wir noch etwas!“ Selbst dieses, im Grunde kleine Übel, konnte sie schon nicht mehr ertragen, die Nerven lagen blank, der Krieg zehrte an uns allen.

Als uns der Bauer damals die Garage leergeräumt hatte, um uns eine Bleibe zu verschaffen, hatten Kleingeräte und Werkzeuge Platz im nebenstehenden Schuppen gefunden. Und der Mercedes der Familie wurde hinter Büschen auf dem Hof versteckt. Eines Morgens traute der Bauer seinen Augen nicht. Zwar leuchtete das Auto noch durch die Büsche, aber alle vier Räder, samt Reifen waren gestohlen worden. Der Wagen war nun aufgebockt mit Bohlen vom Hof. Viele kleinere und größere Vorkommnisse wie diese interessierten damals niemanden, es traf immer nur den einzelnen.

Einmal, ich war noch in Windeln, spielte ich mal wieder im schwarzen Sennesand. Wenn die Flugzeuge mit Bomben kamen, machte ich mir stets in die Hosen, auch wenn sie nur vorbei flogen. Man erzählte sich, dass sie nun Angriffe auf Kassel flogen. Paderborn war ja bereits total zerstört. Ich schrie: „Mama die Hu-His kommen!“

Jetzt hatten wir keine Angst mehr vor den Tommies, das waren jetzt Freunde, sowie die Amerikaner. Auf der Suche nach bestimmten Personen kamen immer wieder Amerikaner auch auf dem Bauernhof vorbei. Stets schenkten sie uns Kindern Schokolade und ein Lächeln. Oft waren bei den Soldaten auch Schwarze, nur das Weiße in den Augen und die weißen Zähne leuchteten, davor hatte ich damals zunächst Angst und musste vor Schreck schreien. Der Soldat nahm mich hoch über seinen Kopf, damit ich lachte, doch ich heulte weiter. Meine Mutter kam ängstlich angerannt, beobachtete die Situation, sagte aber nichts. Meine Mutter hatte eine Art Schockstarre, blieb regungslos. Sie hatte sich wohl schon das Schlimmste im Kopf ausgemalt. Was wenn dieser Mann mich einfach mitnimmt? Aber mir passierte natürlich nichts. Der Soldat setzte mich einfach wieder in den Sand.

Vati blieb wegen der Plünderungen, welche auch in der Stadt an der Tagesordnung waren, ganz am Bischofsteich. Hin und wieder kam er zu uns nach Sande, ganz kurz nur, um etwas Essen zu holen, dann ging er wieder zu Fuß nach Hause. Jetzt führten die Wege über Schutt und Erdhügel mit Steinen, Holz und Splittern. Vati hatte sich eine kleine Zufluchtsstätte aus Türen gezimmert, damit er nachts beim Schlafen wenigstens etwas Schutz hatte.

Er hatte damit zu tun aus unserem Schutt alles zu bergen, was noch verwendet werden konnte. Auf diese Fundstücke musste er wie ein Luchs aufpassen. Mein Vater war ausdauernd, zäh und hart gegen sich selbst. Diese Gabe bewies sich wieder einmal als überlebenswichtig.

Eines Tages war der Krieg endlich vorbei. Es wurde alles in allem wieder etwas ruhiger und man konnte es vorsichtig wagen, nach vorne zu schauen und Pläne für den Neuanfang zu schmieden.

Die Geschwister meiner Mutter lebten alle auf dem Land. Keine Familie aus der Verwandtschaft war vom Krieg so direkt betroffen, wie wir in Paderborn. Mittlerweile funktionierte auch die Post wieder, so konnten meine Eltern um Hilfe bitten. Gemeinsam wurde eine Lösung für den Wiederaufbau gefunden: Meine Schwester Christel und ich, wurden auf´s Land geschickt, erst mal für drei Jahre. Wir kamen zu Schwestern von Mutti und ihren Familien ins Münsterland. Das war unser ganz großes Glück, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich wohnte bei Tante Toni und Onkel Bernhard in Rinkerode. Ein großes Baugeschäft nannten sie ihr eigen und waren glücklich seit 1920 verheiratet. Sie hatten erwachsenen Söhne Franz und Josef, jedoch der älteste, Bernhard Junior galt seit dem großen Russlandfeldzug als vermisst.

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