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Alles ist ewig

Kirsten Miller

Alles ist
ewig

Übersetzung aus dem
amerikanischen Englisch von
Jessika Komina
und Sandra Knuffinke

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BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

Haven Moore sah auf die Uhr und wandte sich dann wieder um in Richtung Stadt. Es war noch genug Zeit, um vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein, aber sie ging trotzdem ein bisschen zügiger. Sie wollte nicht allein mit den Toten hier zurückbleiben, wenn die Sonne erst einmal hinter den Bäumen verschwunden sein würde.

Haven hatte nicht damit gerechnet, dass die Appia Antica so menschenleer sein würde. Sonst hätte sie sich einen anderen Ort für ihren Spaziergang ausgesucht. Im Sommer wimmelte es auf dieser berühmten Straße am Stadtrand von Rom nur so von Touristen, die die alten Grabmäler besichtigten. Doch an diesem kalten Februarnachmittag war Haven nur ein paar vereinzelten hartgesottenen Reisenden in Fleecejacken und Wanderstiefeln begegnet. Volle drei Stunden war sie mit ihren Gedanken allein gewesen. Das hatte sie nicht gewollt. Denn im Augenblick waren sie eher gefährliche Gesellschaft.

Der Wind frischte auf, fuhr durch Havens schwarze Locken und zerzauste sie. Sie griff nach den Strähnen, die ihr in die blaugrauen Augen geweht worden waren, und strich sie sich hinters Ohr. Ein Stück vor ihr auf einer kleinen Anhöhe am Straßenrand stand ein Mausoleum, dessen Anblick ihr wohlbekannt war. Mit seiner hohen runden Form ähnelte es eher einem Schlosstürmchen, das aus dem Hügel hervorragte. Haven stellte sich gern vor, dass darunter ein riesiger Palast begraben lag. Wie jedes Mal blieb sie stehen und spähte zu dem gruseligen Kranz aus in den Stein gehauenen Bullenschädeln hinauf, der die Mauer zierte. Ein Stück weiter unten verkündete ein schlichtes Schild, dass es sich bei dem Bau um die Ruhestätte von Caecilia Metella handelte. Caecilias Grab war das berühmteste an der ganzen Via Appia, und trotzdem wusste man kaum etwas über das Leben dieser Frau. Sie musste jedenfalls sehr verehrt worden sein, wenn man ein solches Monument für sie errichtet hatte. Vielleicht war sie schön gewesen oder besonders geistreich oder weise. Was auch immer ihre Geschichte gewesen sein mochte, sie war längst vergessen. Zweitausend Jahre nach ihrem Tod war Caecilia Metella nichts als eine weitere Seele, verloren in der Zeit.

Haven, die plötzlich fröstelte, zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu und lief an der Grabstätte vorbei. Am Horizont erschien ein fahlweißes Auto wie der Geist eines New Yorker Taxis. Der Wagen hielt am Straßenrand und zwei Mädchen stiegen aus, die ein drittes vom Rücksitz zogen. Die Gruppe steuerte das Grabmal an, und Haven schätzte, dass die drei etwa sechzehn oder siebzehn sein mussten – nur ein paar Jahre jünger als sie selbst. Alle trugen sie Jeans und identische blaue Sweatshirts, auf die in Weiß die Buchstaben HH gestickt waren. Amerikanische Highschool-Schülerinnen, dachte Haven. Überprivilegierte Gören, die man nach Rom geschickt hatte, damit sie dort ein wenig Kultur tanken konnten. Haven hatte schon einige von dieser Sorte auf der Piazza unterhalb ihrer Wohnung gesehen, wo sie billigen Wein schlürften, um sich anschließend in den Springbrunnenbecken vor aller Augen lächerlich zu machen. Manchmal beneidete sie sie um ihre Unbeschwertheit. Haven war sich darüber bewusst, dass sie selbst ein bisschen zu schnell erwachsen geworden war.

Die drei waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie Haven nicht bemerkten, als sie aneinander vorbeiliefen. Doch sie waren nicht die unbekümmerten Jugendlichen, für die Haven sie gehalten hatte. Das Mädchen in der Mitte wirkte blass und elend. Es hielt den Blick gesenkt und ließ sich von seinen Begleiterinnen die Straße entlangführen.

»Das war gemein von euch, mich so auszutricksen«, wimmerte sie.

»Du wirst uns noch dankbar sein«, hörte Haven eins der Mädchen antworten. »Wie kannst du schon dreimal in Rom gewesen sein, ohne auch nur ein einziges Mal dein Grab zu besuchen?«

Haven blieb stehen.

»Ich hab es euch doch schon erklärt. Ich wusste gar nicht, dass es hier ist«, entgegnete das Mädchen in der Mitte mit heiserer Stimme. »Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich nie hergekommen.«

»Aber du hast doch schon vor Monaten von den Gräbern erfahren. Warum hast du nicht wenigstens mal online nach Bildern gesucht? Warst du denn kein bisschen neugierig?«

Diesmal antwortete das Mädchen nicht. Haven warf einen Blick über die Schulter und sah, dass es den Kopf schüttelte.

»Na ja, jetzt bist du ja hier. Guck doch mal.«

Die drei Mädchen blieben stehen.

»Nun guck schon, Caroline!«

Es dauerte einen Moment, bis Caroline schließlich den Kopf hob. Haven konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber sie hörte ihr Schluchzen.

»Ach, jetzt wein doch nicht«, tröstete eine ihrer Freundinnen sie. Sie schien überrascht über Carolines heftige Reaktion. »Dein Mann muss dich unglaublich geliebt haben, wenn er so etwas für dich gebaut hat. Das Grabmal gilt als eines der schönsten von ganz Rom.«

»Ihr kapiert das einfach nicht. Wenn er mich geliebt hätte, dann hätte er mich wiedergefunden«, versuchte Caroline zu erklären. »Ich hab überall nach ihm gesucht. Ich bin ganz sicher, dass er wieder da ist. Er sucht bloß einfach nicht nach mir

Haven war kurz davor, zu den Mädchen hinüberzugehen, als nun die Dritte etwas sagte. Ihre Stimme klang noch immer völlig unbeschwert. Sie schien überhaupt nicht zu begreifen, was ihre Freundin gerade gesagt hatte.

»Ach komm, Caroline. Merkst du denn nicht, wie albern das alles klingt? Kaum zu glauben, dass du noch nicht mal hergekommen wärst, wenn Adam es nicht vorgeschlagen hätte.«

Der Name verschlug Haven den Atem. Mit hämmerndem Herzen und glühenden Wangen wandte sie sich ab und stolperte zurück in Richtung der Innenstadt von Rom.

KAPITEL 1

Der Zug nach Florenz fährt in einer Stunde.« Iain stand im Türrahmen und musterte sie besorgt. »Meinst du nicht, du solltest langsam mal mit dem Packen anfangen?« Seine Taschen warteten bereits fertig im Flur.

»Brauche ich denn überhaupt was zum Anziehen?«, versuchte Haven zu scherzen. Sie nahm einen kleinen Schluck Kaffee und warf einen Blick vom Balkon auf die Piazza Navona. Das Wasser der drei Springbrunnen auf dem Platz glitzerte in der Morgensonne, und die Cafés begannen sich langsam zu füllen. Haven hatte immer gerne die Touristen beobachtet, wie sie mit ihren Stadtplänen, Kameras und quengeligen Kindern über die Piazza irrten. Seit einiger Zeit aber kam sie sich eher vor wie ein Wachposten, immer nach jemandem Ausschau haltend, der eine Bedrohung für ihr gerade gefundenes Glück sein könnte. »Ich dachte, wir fahren in den Urlaub

»Mit der Einstellung machst du dich in dem Hotel bestimmt sehr beliebt.« Iain zwinkerte ihr zu. »Und jetzt Schluss mit der Trödelei, oder wir verpassen den Zug.«

»Und was ist, wenn ich vielleicht auf einmal gar keine Lust mehr habe?« Haven bemühte sich, ihre Stimme locker klingen zu lassen, aber es schlich sich trotzdem ein kleines Zittern hinein. Als sie vom Balkon ins Wohnzimmer trat, hielt Iain sie fest. Er zog sie in seine Arme, und sie hörte seinen Herzschlag, langsam und gleichmäßig.

»Es wird bestimmt schön«, versprach er und vergrub sein Gesicht in ihrem wirren schwarzen Haar. »Diese Reise wirst du dein Leben lang nicht mehr vergessen.«

Widerstrebend ging Haven in den Flur und öffnete zum ersten Mal seit Monaten die Tür des Wandschranks. Darin befanden sich all die Kleider, mit denen sie nicht ganz zufrieden gewesen war, nachdem sie sie fertig genäht hatte. Deren Stoff verblichen oder ausgefranst war. Und ihre Koffer, die zu ihrem Gepäck gehört hatten, als Iain und sie nach Rom gezogen waren, jeder einzelne mit einer dünnen Staubschicht überzogen. Havens Arme hingen reglos an ihren Seiten herunter. Sie hatte Angst, einen Zauber zu brechen, wenn sie die Koffer nun berührte. Die Monate in Rom waren magisch gewesen – das war das einzige Wort, das ihr dafür passend erschien. Nachdem sie in Snope City, Tennessee, immer nur eine Außenseiterin gewesen war, hatte sie sich hier endlich das Leben aufgebaut, das sie sich schon immer gewünscht hatte. Mit gerade einmal neunzehn Jahren führte sie eine erfolgreiche Modeboutique an der Via dei Condotti und lebte in einem sonnendurchfluteten Appartement oberhalb einer der schönsten Piazzas der ganzen Stadt.

Seit fast einem Jahr kehrte sie jeden Abend in eine leere Wohnung zurück. Dann öffnete sie als Erstes, egal, wie das Wetter war, die Balkontüren und wartete auf das schönste Geräusch, das sie sich nur vorstellen konnte. Es dauerte nie lange, bis ihre Ohren schließlich die Klänge der Melodie vernahmen, die Iain immer vor sich hin pfiff, wenn er die Piazza überquerte. Es war ein altes Lied ohne Namen und seine Art, sie wissen zu lassen, dass sie bald wieder vereint sein würden.

Nur Minuten später kam Iain durch die Tür gestürmt, die Arme voller Tüten mit Leckereien, die er auf den vielen Märkten Roms gekauft hatte. Manchmal ließ er die Sachen einfach zu Boden fallen, wenn Haven auf ihn zukam, um ihn zu begrüßen. Die Eier zerbrachen, und das Abendessen kam nicht vor neun auf den Tisch. Später am Abend, wenn ihr Hunger gestillt war, verließen sie manchmal die Wohnung und spazierten Hand in Hand durch die leeren Straßen, während Iain Haven flüsternd Geschichten aus ihren zahlreichen gemeinsamen Leben erzählte.

Haven hatte gehofft, dass es bis in alle Ewigkeit so weitergehen würde. Jetzt aber machten Iain und sie sich dafür bereit, Rom zu verlassen, und es kam ihr vor, als neigte ihr goldenes Jahr sich nun dem Ende zu. Schon seit über einer Woche hatte Haven das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Angefangen hatte alles mit einer schwarz gekleideten Gestalt auf dem Platz unterhalb ihres Balkons. Sie hatte den Mann nicht gut erkennen können. Es hätte jeder sein können. Und genau das machte ihr Sorgen. Seither kam es ihr vor, als habe die Stadt Geheimnisse vor ihr. Die Tage wurden dunkler, das Wetter kälter. Haven hatte ständig das Gefühl, beobachtet zu werden, und jedes Mal, wenn sie um eine Ecke bog, hielt sie den Atem an, aus Angst, dass dort die schwarz gekleidete Gestalt auf sie wartete.

Am Anfang hatte sie ihre Sorgen für sich behalten. Doch nach der Begegnung mit den drei Mädchen auf der Appia Antica wusste Haven, dass sie und Iain schnell handeln mussten. Die Gefahr war real, keine Einbildung. Wenn sie in Rom blieben, riskierten sie, entdeckt zu werden. Iain meinte, sie mache sich zu viele Gedanken, schlug aber bereitwillig eine Reise nach Norden vor, in die Toskana. In Florenz gebe es etwas, das Haven sicher gern sehen würde, sagte er.

Haven packte einen der staubigen Koffer beim Griff und zerrte ihn in die Diele. Dabei kippte ein Beutel mit Stoffresten um und sein Inhalt verteilte sich über den Schrankboden. Haven stöhnte und hockte sich hin, um alles wieder einzusammeln. Ihre Finger streiften eine Leinwand auf der Rückseite des Schranks. Sie hatte ganz vergessen, dass sie dort war. Das Gemälde hatte ihnen eine der wenigen Personen zum Einzug geschenkt, die nicht zu ihrer Familie gehörten und trotzdem wussten, wo Iain und sie zu finden waren. Haven schob einen dicken Mantel zur Seite und spähte zwischen den Stapeln ihrer Habseligkeiten hindurch. Von Nahem sah das Bild aus wie ein einziger wilder Farbstrudel. Erst als sie sich ein Stück zurücklehnte, traten aus dem Chaos Formen hervor.

Das Gemälde war Teil einer riesigen Serie. Ein paar weitere Stücke daraus hingen im dritten Stock eines heruntergekommenen Hauses in der Nähe der Brooklyn Bridge. Die übrigen Arbeiten – mehrere hundert Bilder – moderten in einem Lagerhaus in Queens vor sich hin. Kein Kunstsammler, wie morbide sein Geschmack auch sein mochte, hätte sie je ausgestellt. Jede Leinwand zeigte eine tragische Szene aus der Vergangenheit, die zusammengenommen einen ganzen Katalog großer und kleiner Katastrophen bildeten. Schiffbrüche und Brände, Verrat und gebrochene Herzen – alle verursacht von ein und derselben geheimnisvollen Gestalt, die auf jedem Gemälde in irgendeinem verborgenen Winkel zu finden war. Aber nur, wenn man wusste, wonach man suchte.

An dem Tag, als das Bild geliefert worden war, hatte Haven ungeduldig das Packpapier aufgerissen, um zu sehen, was sich darunter verbarg. Die Künstlerin Marta Vega war eine alte Freundin von Iain. Sie war jahrelang von entsetzlichen Visionen aus der Vergangenheit heimgesucht worden, die ihre Bilder inspiriert und erst aufgehört hatten, nachdem sie aus New York geflohen war und sich in Paris niedergelassen hatte. Dort hatte sie eine neue Serie angefangen, die ihren nun etwas hoffnungsvolleren Blick auf die Zukunft widerspiegelte. Haven hatte damit gerechnet, ein Bild aus dieser Reihe unter dem braunen Papier zu finden. Stattdessen hielt sie ein düsteres Gemälde in den Händen, auf dem ein leuchtend gelber Haftnotizzettel klebte. Das hier war das Letzte, stand darauf. Ich weiß, dass es für Euch ist. Iain hatte nur einen kurzen Blick darauf geworfen und das Bild sofort in den Schrank verbannt, verborgen hinter Mänteln und Kleidern. Haven hörte später, wie er mit Marta telefonierte, die Stimme zu einem wütenden Flüstern gesenkt. Er schimpfte, dass sie ihnen das Bild nie hätte schicken dürfen. So etwas sei das Letzte, was Haven im Moment gebrauchen konnte, und er hoffe, dass sie es sich nicht zu genau angesehen hatte. Irgendwann würden sie sich ihren Dämonen stellen müssen, das sei ihm klar, aber im Moment wolle er nicht, dass Haven sich zu sehr sorgte.

Doch Haven hatte das Bild gesehen, und es hatte einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Noch Tage danach hatte sie kaum an etwas anderes denken können. Auf dem Gemälde waren zwei Leute zu sehen – ein junger Mann und eine junge Frau –, umringt von einer wütenden Menschenmenge. Die Gesichter waren unscharf, aber Haven erkannte die schwarze Haarmähne der jungen Frau als ihre eigene. Und sie wusste, das dies das einzige von Marta Vegas Bildern war, das nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zeigte.

Nun betrachtete Haven das Gemälde zum ersten Mal seit diesem Tag wieder genauer und suchte nach der winzigen schwarzen Gestalt, die auf jedem von Martas Werken auftauchte. Diesmal fand sie sie nicht, was sie jedoch kein bisschen beruhigte. Vielmehr kam es ihr so vor, als sei die Figur aus der Leinwand heraus- und in ihr Leben getreten. Er war irgendwo dort draußen. Der Mann auf dem Bild – die Gestalt in Schwarz – verfolgte Haven schon seit Jahrhunderten.

»Haven«, hörte sie Iain rufen, und seine Stimme klang ein wenig besorgt. »Was machst du denn da?«

Haven schob das Bild zurück in den Schrank. »Bin in zehn Minuten fertig«, antwortete sie und überging seine Frage. »Sag dem Fahrer, er soll sobald wie möglich kommen.«

KAPITEL 2

Haven hatte das alles schon einmal gesehen. Als sie am Ufer des Arno entlangspazierten, wurde das Gefühl, dies schon unzählige Male zuvor getan zu haben, beinahe übermächtig. Die meisten Leute hätten es wahrscheinlich mit einem Schulterzucken als Déjà-vu abgetan. Aber Haven wusste es besser. Wenn sie das Gefühl hatte, schon einmal in Florenz gewesen zu sein, dann konnte sie mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass es auch so war. Nur eben nicht in diesem Leben.

Havens behandschuhte Finger klammerten sich um Iains Arm. »Ich bin schon einmal hier gewesen.« Ein Stück vor ihnen spannte sich eine Brücke über die schmalste Stelle des Flusses. Auf beiden Seiten entlang der Brücke ragten verwahrlost wirkende Häuschen – orange- und safranfarben – über den Rand hinaus, sodass sie geradezu über dem Arno zu schweben schienen. Um einen der Pfeiler paddelten gerade zwei fette Bisamratten durch das eisige graue Wasser. »Ich habe gesehen, wie der Fluss diese Brücke fortgerissen hat. Ich muss sehr jung gewesen sein, als das passiert ist, aber ich erinnere mich ganz deutlich daran. Und dann habe ich zugesehen, wie sie wieder aufgebaut wurde.«

Iains Atem blieb als Wolke in der Luft stehen, als er lachte. »Ich hab mich schon gefragt, wann du es wohl merken würdest.« Iain konnte sich sehr viel klarer an die Vergangenheit erinnern als Haven – sehr viel klarer als jeder andere. »Das ist der Ponte Vecchio. Die Brücke wurde im Jahr 1333 von einer Flutwelle zerstört. 1345 haben sie sie wieder aufgebaut.«

»Waren wir hier?«, wollte Haven wissen. »Im Jahr 1345?«

»Du warst hier«, erwiderte Iain. »Ich bin im Jahr zuvor im Alter von sechzehn gestorben.«

Haven zuckte noch immer unmerklich zusammen, wenn Iain erwähnte, wie einer von ihnen gestorben war, auch wenn das alles schon Hunderte von Jahren zurücklag.

»Ich bin auf dem Weg nach Rom vom Pferd gefallen. Hab mir das Genick gebrochen. Aber eine Menge Leute würden wohl behaupten, dass ich ziemliches Glück hatte. Drei Jahre später hat nämlich etwas anderes die halbe Bevölkerung von Florenz dahingerafft – etwas, das viel schlimmer ist, als sich den Hals zu brechen.«

»Was könnte denn schlimmer sein, als sich den Hals zu brechen?«

»Der schwarze Tod.« Iain nahm Havens Hand und zog sie mit sich, weg vom Fluss bis zu den hohen grauen Säulen der Uffiziengalerie. Die Wintersonne verlor langsam ihre Kraft, und auf dem Innenhof des Museums war es eisig kalt. Hier und da schimmerten Eisflächen, die sich blitzschnell über das Pflaster auszubreiten und zu vervielfältigen schienen. Eine spanische Touristengruppe bibberte in ihren Daunenparkas. Die Frauen darunter starrten Iain an, als wäre eine der Statuen aus dem Museum plötzlich zum Leben erwacht. Ein paar von ihnen zeigten auf ihn und tuschelten. Iain merkte nichts davon – das tat er fast nie –, aber Haven lächelte und schmiegte sich noch enger an ihren gut aussehenden Freund.

Als das Paar die Piazza della Signoria erreichte, blieb Haven wie angewurzelt stehen. Der Platz war verlassen, bis auf einen Mann in einer schwarzen Robe, die so lang war, dass sie hinter ihm über den Boden schleifte. Unter einem breitkrempigen Lederhut trug er eine grauenerregende Maske mit einem langen weißen Schnabel. Seine Augen waren hinter einer rotglasigen Brille verborgen. Er sah aus wie ein Ungeheuer aus den Tiefen der Hölle. Aber Haven kannte diesen Aufzug – es war die Schutzkleidung eines mittelalterlichen Pestarztes. Sie sah, wie sich der Mann über einen reglosen Körper auf dem Kopfsteinpflaster beugte und ihn mit seinem Stab anstupste. Dann hob er den Kopf und blickte Haven direkt an. Sein Gesicht war hinter der Maske verborgen, aber sie konnte sein Missfallen spüren. Sie war es, die auf diesem Platz nichts verloren hatte. Haven blinzelte, und die Szene verschwand.

»Komm. Ich will dir noch etwas zeigen, bevor es dunkel wird«, drängte Iain, und Haven wurde klar, dass er nichts Ungewöhnliches gesehen hatte.

Achtzehn Monate waren vergangen, seit Haven die Ursache für die seltsamen Visionen erfahren hatte, die sie manchmal überkamen. Es handelte sich dabei nicht um Halluzinationen oder sonstige Einbildungen. Heute wusste sie, dass es Erinnerungen waren – Szenen aus ihren früheren Leben. Der Arzt mit der schrecklichen Maske gehörte nicht ins einundzwanzigste Jahrhundert, aber er war einst genauso real gewesen wie der junge Mann, dessen Hand sie hielt.

Die Visionen hatten angefangen, als sie noch ein kleines Kind gewesen war. Über Jahre hinweg war Haven immer wieder in Ohnmacht gefallen und hatte sich in einem anderen Leben wiedergefunden – dem Leben einer schönen jungen Frau namens Constance, die bei einem Feuer umgekommen war. Havens unkontrollierbare »Anfälle« hatten den meisten Menschen um sie herum Angst eingejagt. Sie waren überzeugt, dass das Mädchen krank oder geistesgestört sein musste. Nur Havens Vater hegte den Verdacht, dass seine Tochter jedes Mal, wenn sie bewusstlos wurde, in die Vergangenheit reiste. Als er unerwartet starb, nahm er dieses Geheimnis mit ins Grab, wo es für beinahe zehn Jahre auch geblieben war.

Kurz nach ihrem siebzehnten Geburtstag kehrten Havens Visionen zurück, und erst dann erfuhr sie die Wahrheit darüber. Die Trugbilder von der schönen jungen Frau waren Erinnerungen an eins der vielen Leben, die Haven schon gelebt hatte. Um mehr über Constances frühen Tod zu erfahren, floh Haven aus ihrer Heimatstadt in Tennessee und reiste heimlich nach New York. Dort traf sie schließlich ihre Mörderin, ihre große Liebe und die dunkle Gestalt, die sie seit mehr als zwei Jahrtausenden über alle Ozeane und Kontinente der Welt verfolgte.

Doch auch nachdem das Rätsel um Constances Tod gelöst war, hatten die Visionen nicht aufgehört. Haven wurde zwar nur noch selten ohnmächtig, aber wenn sie schlief, reiste sie immer noch oft an ferne Orte und in die entlegensten Länder. In der Dunkelheit wirkten ihre Träume real, doch wenn der Morgen graute, verblassten sie fast immer. An den meisten Tagen, im hellen Sonnenschein, blieb Haven von ihren Erinnerungen an frühere Leben verschont. Aber schon ein vertrauter Geruch, der Klang eines lang vergessenen Namens, das Gefühl von Iains Atem auf ihrer Haut konnte dazu führen, dass Havens Vergangenheiten mit der Gegenwart verschmolzen. Dann war sie plötzlich verrückt vor Liebe zu einem Mann, dessen leicht schiefes Lächeln so sehr Iains glich. Oder überwältigt von einer machtvollen Mischung aus alten Ängsten und Begierden, die sie noch immer nicht recht verstand.

»Erinnert dich dieser Palazzo an irgendetwas?« Iain ließ Havens Hand los und deutete auf eine Villa am anderen Ende eines kleinen, engen Platzes. Haven blickte ihn an, bevor sie seinem ausgestreckten Finger folgte. Noch immer verspürte sie jedes Mal ein Kribbeln, wenn sie ihm in die Augen sah. Selbst jetzt, das wellige braune Haar unter einer Wollmütze versteckt, die Nase von der bitteren Kälte gerötet, wirkte er beinahe zu schön für einen Sterblichen. Einen Moment lang hätte ihr früheres Leben in Florenz ihr nicht gleichgültiger sein können. Wenn sie es nicht mit Iain hatte teilen können, konnte es kein gutes gewesen sein.

Widerstrebend wandte sie sich dem Gebäude zu, auf das er deutete. Es wirkte mehr wie eine Festung als eine Villa. Das unterste Stockwerk war aus riesigen Steinquadern gebaut, und unter drei voneinander getrennten Torbögen befand sich je eine hohe Eisentür, so groß, dass ein Riese hätte hindurchgehen können. Alle drei waren fest verriegelt, doch Haven wusste, dass sich dahinter ein Innenhof verbarg. Und sie wusste, dass die Treppe, die zu den Wohnräumen im zweiten und dritten Stock hinaufführte, hochgezogen werden konnte, für den Fall, dass das Haus angegriffen wurde. Das Gebäude war in gefährlichen Zeiten errichtet worden, und die wohlhabenderen Menschen hatten sich einiges einfallen lassen, um ihr Hab und Gut zu schützen.

Havens Lider flatterten. Sie spürte, wie ihre Beine sich bewegten und gegen den schweren Stoff der Röcke ankämpften, die sie umgaben. Die Wände rings um sie waren in leuchtenden Rot- und Goldtönen gestrichen. Die hölzernen Bodendielen quietschten protestierend, als sie zum offenen Fenster rannte. Sie war nicht groß genug, um hinauszusehen, darum stemmte sie sich auf das Fensterbrett und blickte auf den Platz hinunter, während ihr zierlicher Körper gefährlich weit über den Sims hing.

Ein Junge rannte vom Hof. Seine blaue Tunika und die roten Strümpfe sahen aus, als wären sie zwei Nummern zu groß für ihn. »Lauf! Lauf!«, schrie sie dem Jungen nach und lachte dabei so heftig, dass ihr die Tränen in die Augen traten. »Lass dich nicht von ihnen erwischen!« Die Worte klangen fremd in Havens Ohren, dennoch hatte sie keine Schwierigkeiten, die Sprache zu verstehen.

»Beatrice!« Hinter ihr ertönte eine scharfe Frauenstimme. »Komm sofort da runter! Was hat dein Bruder denn nun wieder angestellt?«

»Ich habe hier gewohnt«, murmelte Haven, nachdem vor ihren Augen wieder das einundzwanzigste Jahrhundert Form angenommen hatte. »Mein Name war Beatrice und ich hatte einen Bruder.«

»Dann hast du ihn gesehen?«, fragte Iain mit einem erwartungsvollen Lächeln. »Hast du ihn erkannt?«

»Erkannt? Ich konnte ihn nicht genau sehen. Nur, wie er weggerannt ist.« Haven hielt inne. »Moment mal, soll das etwa heißen …«

Iain verschränkte die Arme vor der Brust wie ein aufgeblasener Professor und begann mit einem Vortrag, der sich gut in jeder Geschichtsstunde gemacht hätte. »Der Palazzo, den Sie hier sehen, wurde 1329 von Gherardo Vettori, einem wohlhabenden Weinhändler, gekauft. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit nun bitte auf das Wappen der Vettori-Familie über der Tür richten würden. Die drei eher unheilvoll wirkenden Delfine darauf tragen Trauben im Maul …«

»Lass den Quatsch und hör auf mich zu ärgern!«, schimpfte Haven, denn sie wusste, dass sie ihn nur ermutigen würde, auf diese Weise weiterzureden, wenn sie jetzt lachte. »Willst du mir etwa erzählen, dass mein Bruder in diesem Leben …« Sie konnte den Satz nicht zu Ende bringen.

»Trotz beeindruckender Manneskraft und einer Schwäche für schöne Frauen setzte Gherardo Vettori nur zwei Kinder in die Welt. Eins von ihnen warst du. Dein Freund Beau das andere. Sein Name war damals Piero Vettori und er war ein Strolch, wie er im Buche steht.«

Einen Moment lang fand Haven keine Worte. Sie hatte schon vor einiger Zeit erfahren, dass Beau Decker, ihr bester Freund aus Tennessee, in einem früheren Leben einmal ihr Bruder gewesen war. Aber sie hatte nicht erwartet, eines Tages vor dem Haus zu stehen, in dem sie siebenhundert Jahre zuvor gestritten, gespielt und einander getröstet hatten.

»Ich wollte dich schon hierherbringen, seit wir in Italien sind«, erklärte Iain. »Es sollte eine Überraschung sein.«

»Dann kanntest du Beatrices Bruder?«

»Ich war mit Piero befreundet, bevor ich starb. Und ich war unsterblich in seine kleine Schwester verliebt. Darüber war er nicht besonders glücklich.«

Haven dachte an den Jungen in der viel zu großen Tunika und an die Liebe, die seine jüngere Schwester zu ihm verspürt hatte. Beatrice Vettori hatte Piero vergöttert. In Havens Vision konnte er nicht älter als dreizehn Jahre gewesen sein, aber seine Schwester hätte vor jedem, der bereit war zuzuhören, damit geprahlt, wie tapfer und klug er war. Sie wusste noch andere Dinge über ihren Bruder, Geheimnisse, die nur sie beide miteinander teilten.

»Ich wünschte, ich hätte mehr sehen können«, sagte Haven traurig. »Ich wünschte, ich hätte dich sehen können. Warum müssen meine Visionen immer so willkürlich sein?«

»Eines Tages wirst du vielleicht alles sehen, wer weiß?«, tröstete Iain sie. »Und dann bist du diejenige, die mir Geschichten erzählt.«

»Vielleicht«, erwiderte Haven, obwohl sie nicht daran glaubte, dass so etwas je passieren würde. Nur mit viel Mühe konnte sie sich ein paar vereinzelte Bruchstücke aus den vielen Leben ins Gedächtnis rufen, doch die meisten Erinnerungen schwebten noch immer verloren durch die Zeit. Sie hätte sich noch mehr anstrengen können, um sie heraufzubeschwören, aber sie hatte den Verdacht, dass es Dinge gab, an die sie sich lieber nicht erinnern wollte. Iains Erinnerungen dagegen waren perfekt erhalten. Von allen Menschen, die wieder und wieder auf die Erde zurückkehrten, war Iain der einzige, der sich an jedes einzelne seiner früheren Leben erinnern konnte. Und diese Fähigkeit machte ihn zu einer Bedrohung für alle, die Böses im Schilde führten – ganz besonders für den Mann in Schwarz.

»Ich sollte ein Foto von dem Palazzo machen, für Beau«, sagte Haven.

»Ja, gleich. Aber zuerst muss ich noch etwas erledigen. Dieses vergangene Leben ist der Grund, warum ich Florenz vorgeschlagen habe, als du gesagt hast, dass du Rom für eine Weile verlassen willst. Jetzt kann ich endlich nachholen, was ich damals nicht mehr geschafft habe, bevor ich von diesem verdammten Gaul gefallen bin.«

»Was denn?«, fragte Haven.

Iain zog seine Handschuhe aus und steckte sie sich in die Manteltaschen. Dann nahm er behutsam Havens Gesicht in seine Hände. Ihre Augen schlossen sich wie von selbst, und sie spürte seinen warmen Atem auf der Haut. Als seine Lippen ihre berührten, schien die Zeit stillzustehen. Sie schob ihre Hand zwischen den Knöpfen seines Mantels hindurch, bis ihre Finger auf seiner Brust lagen. Das tat sie hin und wieder – einfach, um sich davon zu überzeugen, dass er real war.

Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so dastanden, in einer Umarmung, die siebenhundert Jahre zuvor hätte stattfinden sollen. Doch als Haven die Augen wieder öffnete, lag Florenz im Dunkeln.

KAPITEL 3

Im Restaurant wurden Haven und Iain von einer attraktiven Empfangsdame begrüßt, die ein Kleid trug, dessen Anblick wohl so manchem Gast noch stärker das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ als das Essen, das hier serviert wurde. Haven warf einen Blick auf die operierte Brust der Frau und die künstlichen Haarverlängerungen, die für ihre Löwenmähne sorgten, und grinste. Sie wusste, was als Nächstes kommen würde. Und wie erwartet schenkte die Empfangsdame ihr keinerlei Beachtung, sondern wandte sich mit einem strahlenden Lächeln an Havens gut aussehenden Begleiter. Haven hatte dieses Lächeln schon bei unzähligen Frauen beobachtet, wenn sie Iain zum ersten Mal begegneten, und es besagte in den seltensten Fällen einfach nur »Hallo«.

»Guten Abend, Signore«, gurrte die Dame auf Englisch mit einem entzückenden Akzent. »Haben Sie eine Reservierung?«

Iain zwinkerte Haven kurz zu, bevor er der Frau ein verwegenes Lächeln schenkte. »Buona sera, Signorina. Brauche ich denn eine?«

Das verführerische Lächeln der jungen Frau verwandelte sich in etwas regelrecht Unanständiges. »Heute Abend nicht«, flüsterte sie, als wäre das ein Geheimnis, das sie nur mit ihm teilen würde.

Der kurze Austausch strotzte nur so vor billigen Zweideutigkeiten. Haven biss die Zähne zusammen und versuchte, ein Kichern zu unterdrücken. Das Kolosseum selbst wäre nicht groß genug gewesen, um all die Frauen aufzunehmen, die sich Iain jede Woche zu Füßen warfen. Wenn Haven ihn in einem Geschäft kurz allein ließ, war er kurze Zeit später von Verkäuferinnen umringt, die ihn anschmachteten wie ein Rudel läufiger Hündinnen. Sogar eine Polizistin hatte Iain einmal heimlich ihre Telefonnummer zugesteckt, während sie Haven einen Strafzettel wegen Falschparkens ausstellte. Kellnerinnen überhäuften ihn mit Gratisgetränken und Extradesserts. Haven neckte Iain wegen seiner »Fans«, und noch vor einem Jahr wäre sie angesichts der Dreistigkeit dieser Empfangsdame wahrscheinlich fuchsteufelswild geworden. Heute aber, da sie wusste, was Iain durchgemacht hatte, um sie zu finden, kam es ihr vollkommen lächerlich vor, eifersüchtig zu sein. Was war schließlich so schlimm daran, wenn diese armen Dinger mit ihm flirteten? Haven wusste, dass sein Herz nur ihr gehörte.

»Darf ich Ihnen die Mäntel abnehmen?«, fragte die Frau, die Iain mit ihren Augen regelrecht begrapschte.

»Sie dürfen«, entgegnete Haven lächelnd und trat zwischen die beiden, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Als sie ihre Handschuhe abstreifte und die Mütze abnahm, hatte Haven das Gefühl, taxiert zu werden wie eine Skulptur in einem Auktionshaus. Zum Glück war das Kleid, das sie unter ihrem Mantel trug, einer ihrer eigenen Entwürfe. Es war schlicht und aus roter Seide und so gut geschnitten, dass es jeden Makel verdeckte und die Vorzüge ihrer Figur perfekt zur Geltung brachte. Zwei Männer drehten sich an ihrem Tisch in der Nähe des Eingangs um und gafften sie unverhohlen an, als sie und Iain zu ihrem Platz geführt wurden. Die Tische in dem Restaurant standen sehr eng, und während Haven sich dazwischen hindurchquetschte, wanderten unzählige Augenpaare von ihrem Kleid über ihr Gesicht bis hoch zu ihrer wilden schwarzen Mähne, bevor sie sich zurück auf die Teller vor ihnen senkten. Nur ein Mann starrte Haven weiter auf die Brust, was ihm einen diskreten, aber unmissverständlichen Stoß von Iains Ellbogen einbrachte, als sie an seinem Tisch vorbeikamen.

Es war nicht das erste Mal, dass plötzlich alle Blicke auf Haven gerichtet waren. In ihrer Kindheit und Jugend im winzigen Snope City in Tennessee war ihr immer unangenehm bewusst gewesen, dass die ganze Stadt sie beobachtete. Doch damals hatten die Leute Angst vor ihr gehabt. Einem kleinen Mädchen, das Visionen von fremden Orten hatte, konnte man nicht trauen – zumal seine eigene Großmutter unermüdlich verkündete, dass es der Teufel selbst sei, der ihr diese Visionen schicke. Jetzt aber lagen fünftausend Meilen und ein ganzes Jahr zwischen ihr und Snope City. Haven war ein völlig anderer Mensch geworden, und zum ersten Mal in ihrem Leben begann sie, die Aufmerksamkeit anderer zu genießen, wenn sie ihr zuteil wurde. Es gefiel ihr, wie die Leute sie ansahen, mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid. Gegen solche Blicke hatte sie rein gar nichts einzuwenden, und oft wählte sie ihre Kleidung so aus, dass sie sich ihrer sicher sein konnte. Auch wenn Iain und sie eigentlich unentdeckt bleiben wollten.

»Tut mir leid, dass der Laden so überfüllt ist«, flüsterte Iain Haven zu, als sie schließlich saßen. »Meine Mutter hat immer gesagt, das Essen hier ist besser als die Atmosphäre.«

»Abgesehen von deinem Fanclub finde ich die Atmosphäre gar nicht so schlecht«, entgegnete Haven und beendete ihr Blickduell mit einem Mädchen am anderen Ende des Raums, das offensichtlich von Amors Pfeil getroffen worden war. »Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es in ganz Italien einen Koch gibt, der etwas zustande bringt, das mit deinen Omeletts mithalten kann. So, und nun Schluss mit dem Smalltalk, Mr Morrow. Kommen wir zum Geschäftlichen. Du hast mich ganze drei Stunden schmoren lassen. Jetzt erzähl mir endlich mehr über Piero und Beatrice. Wie hast du sie kennengelernt? Wie waren sie?«

»Wild. Piero habe ich an meinem fünfzehnten Geburtstag kennengelernt. Da wollte er mir mit einem Stein den Schädel einschlagen.«

»Entzückend«, sagte Haven lachend. Sie liebte Beau über alles, aber jeder, der ihn kannte, wusste, dass er alles andere als ein Pazifist war.

»Ja. Piero war ein netter Kerl, aber so jähzornig, wie man sich nur vorstellen kann. Damals hat er mich beschuldigt, sein Pferd stehlen zu wollen. Er hatte es nicht angebunden, und ich bin zufällig vorbeigekommen, nachdem es dem Wagen eines Gemüsehändlers hinterhergetrottet war. Wir hatten uns schon grün und blau geprügelt, als das Pferd auf einmal wieder auftauchte, auf der Suche nach seinem Besitzer. Piero entschuldigte sich, also schlossen wir Waffenstillstand und entschieden uns, in Zukunft auf derselben Seite zu kämpfen. Ein paar Tage später lud er mich zu sich nach Hause ein, wo ich zum ersten Mal seine kleine Schwester sah, die sich mit einem Kleid für die Mutter der beiden abmühte. Wenn ich mich recht erinnere, war das die Strafe dafür, dass sie sich in der Nacht zuvor aus dem Haus geschlichen hatte. Beatrice steckte so gut wie immer in Schwierigkeiten, genauso wie Piero. Sie stachelten einander immer wieder an. Und, wie du ja mittlerweile weißt, manche Dinge ändern sich einfach nie.«

»Also war es Liebe auf den ersten Blick, als du Beatrice gesehen hast?«

Haven hatte ihn nur necken wollen, aber Iains Antwort war ernst.

»Das ist es immer. Ich musste noch nicht mal mit ihr reden. Ich wusste im selben Moment, als ich Beatrice mit der Nadel in der Hand sah, dass du es warst. Die nächsten paar Wochen über habe ich mich ständig vor dem Haus der Vettoris herumgedrückt, in der Hoffnung, einen Blick auf sie zu erhaschen. Piero hat das wahnsinnig gemacht. Er war schon immer schrecklich überfürsorglich.«

»Wie war damals dein Name?«, wollte Haven wissen.

»Ettore«, sagte Iain.

»Ettore«, wiederholte Haven und genoss das Gefühl, wie der Name ihr Herz ein winziges bisschen stolpern ließ. Haven liebte nichts mehr, als sich Geschichten über ihre vergangenen Romanzen erzählen zu lassen. Jede hatte ihren ganz besonderen Hergang und ihre einzigartigen Umstände. Und jedes Mal, wenn sie glaubte, nun alle gehört zu haben, entführte Iain sie in ein weiteres Leben in irgendeinem fernen Land. Doch die Reisen in ihre gemeinsame Vergangenheit waren nicht immer nur schön. So viele Leben sie auch glücklich miteinander verbracht hatten, es gab auch jede Menge, die für einen von ihnen zu früh geendet hatten oder in denen sie einander vergeblich gesucht hatten. Haven konnte sich an diese finsteren Zeiten nicht erinnern, und Iain sprach nur selten davon, aber sie wusste, dass die Erinnerungen daran ihm lebhaft im Gedächtnis geblieben waren.

»Hast du je die Gelegenheit bekommen, mit Beatrice zu sprechen?«, fragte Haven nun behutsamer. »Hast du ihr gesagt, was du für sie empfindest?«

»Ja, aber das war nicht ganz einfach. Beatrices Eltern waren nicht gerade die angenehmsten Menschen. Sie machten ihr das Leben schwer – und zu Piero waren sie unglaublich grausam. Du hättest Schläge bekommen, wenn sie uns zusammen gesehen hätten, darum flüsterten wir nur manchmal durch die Hecken im Hof miteinander. Beatrice hatte furchtbare Angst, dass ihr Vater sie zwingen würde, einen seiner Geschäftspartner zu heiraten. Ich versprach ihr, dass ich das nicht zulassen würde. Aber wie du weißt, habe ich nicht lange genug gelebt, um mein Versprechen zu halten.«

»Und wie ging es dann weiter mit Beatrice?«

»Ich bin nicht ganz sicher«, gab Iain zu.

Haven lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, als der Kellner sich näherte. Iain warf einen Blick in die Karte und bestellte für sie beide in fließendem Italienisch. Haven lag die ganze Zeit eine Frage auf der Zunge.

»Du bist nicht ganz sicher?«, fragte sie, als der Kellner wieder verschwunden war. Sie hatte nicht zum ersten Mal den Verdacht, dass Iain sie vielleicht vor irgendeiner unschönen Wahrheit beschützen wollte.

»Wahrscheinlich ist Beatrice an der Pest gestorben«, antwortete Iain. »So wie die meisten Einwohner von Florenz. Ich weiß nur, dass die Vettori-Familie das Haus, das wir vorhin gesehen haben, verlassen hat. Nach dem, was ich gelesen habe, hat sich dann ein Grüppchen abtrünniger Ärzte dort eingenistet, die keine Lust mehr hatten, anderen zu helfen, sondern lieber sich selbst retten wollten. Sie versteckten sich in der Villa, tranken den gesamten Wein der Vettoris und aßen ihre Vorräte auf, bevor schließlich auch sie von der Pest dahingerafft wurden. Einer dieser Ärzte hat bis zu seinem Todestag ein Tagebuch geführt, aber auch er scheint nicht gewusst zu haben, was aus den Vettoris geworden ist, nachdem sie Florenz verlassen hatten. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Familie in den Massengräbern draußen vor der Stadt gelandet.«

»Das ist ja eine schreckliche Geschichte«, sagte Haven, die es plötzlich bereute, überhaupt gefragt zu haben.

»Ja«, stimmte Iain ihr zu. »Aber mach dir nicht zu viele Gedanken darüber. Wir hatten auch so viele Happy Ends. In unserem darauf folgenden Leben waren wir Bauern in Kathmandu. Wir heirateten, als wir siebzehn waren, und lebten mehr als vierzig Jahre lang glücklich zusammen.«

»Hatten wir Kinder?«, fragte Haven ein bisschen zu laut, und ein Mann am Nebentisch warf ihr einen verwirrten Blick zu. »Hatten wir?«

»Nein, aber dafür drei ganz zauberhafte Yaks«, entgegnete Iain, als der Kellner zwei Gläser Wasser vor sie auf den Tisch stellte. »Und sechsunddreißig Nichten und Neffen.«

»Sechsunddreißig?« Haven bekam schon Kopfschmerzen, wenn sie nur daran dachte. »War das nur in unserer Familie so, oder besprangen sich damals alle wie die Karnickel?«

Iain verschluckte sich an seinem Wasser und konnte gerade noch verhindern, dass er alles über den Tisch spuckte. »Wie immer ganz die wohlerzogene Südstaatenlady.« Er lachte mit der Serviette vor dem Mund. »Im Nepal des vierzehnten Jahrhunderts gab es nun mal nicht viel anderes zu tun. Manchmal konnte es ziemlich langweilig werden, aber für mich ist es bis heute eins unserer besten gemeinsamen Leben. Manchmal wache ich immer noch morgens auf und habe plötzlich Lust auf einen Becher Yakbuttertee.« Zufrieden sah er zu, wie Haven das Gesicht verzog. »Du mochtest den auch«, behauptete er. »Irgendwann fahre ich noch mal mit dir nach Nepal, damit du dich wieder an den Geschmack gewöhnen kannst.«

»Solange ich dann keine Yaks melken muss«, witzelte Haven. »Ich halte mich nicht unbedingt für ein Prinzesschen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in diesem Leben noch innige Freundschaft mit Nutztieren schließen werde.«

»Meinst du nicht?«, zog Iain sie auf. »Ich glaube, du wärst überrascht, wenn du wüsstest, wozu du in der Lage bist.«

»Na, dann lass mal hören«, forderte Haven ihn heraus.

»Lass mich kurz nachdenken …« Iain tippte sich an die Schläfe und hob eine Augenbraue. »Mir fällt bestimmt was richtig Gruseliges ein.«

Während Haven wartete, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf eine Frau, die im hinteren Teil des Restaurants aufgestanden war. Sie ging gerade auf den Ausgang zu, in einen Pelzmantel gehüllt, den sie der Empfangsdame offenbar nicht hatte anvertrauen wollen. Haven konnte nicht erkennen, welche bedauernswerte Kreatur es gewesen war, die im Namen der Mode ihr Leben hatte lassen müssen. Der Pelz war ebenso exotisch wie die Frau selbst, die aus irgendeinem Grund nicht ganz menschlich wirkte. Als die Dame an ihnen vorbeikam, streifte der Ärmel ihres Mantels den Tisch, und Haven hielt schnell ihr Glas fest, damit es nicht umfiel. Die Frau, die über Havens abrupte Bewegung erschrak, raffte ihren Pelz vor der Brust zusammen, bevor die Berührung einer Fremden ihn entehren konnte. Ein schlichter Platinring zierte einen ihrer Finger an den eleganten Händen. Er hatte die Form einer Schlange, die sich in den eigenen Schwanz biss. Ein Ouroboros.

»Haven, ist alles in Ordnung?« Haven hörte Iains Stimme kaum über dem Hämmern ihres Herzens. Sie ließ den Blick durch das Restaurant schweifen und musterte die Gesichter der Gäste. An einem Tisch an der gegenüberliegenden Wand, unter einem Gemälde mit zwei Adligen aus der Renaissance, saßen zwei Männer in Anzügen. Sie waren zu schlicht gekleidet, um Italiener zu sein. Möglicherweise waren es Geschäftsreisende. Oder Totengräber auf Urlaub. Oder Männer, die auf der Suche nach ihr waren.

Haven winkte den Kellner heran und verlangte die Rechnung, gerade als ihr erster Gang serviert wurde.

»Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte der Kellner.

»Haven?«, schloss Iain sich ihm an.

»Ich fühle mich nicht wohl«, brachte Haven heraus, während sie in ihrer Handtasche wühlte und eine Kreditkarte zum Vorschein brachte. Als der Kellner wieder weg war, beugte sie sich über den Tisch zu Iain hinüber. Ihn zu beschützen war das Allerwichtigste. »Du musst hier raus«, flüsterte sie ihm zu. »Vielleicht haben sie noch nicht herausgefunden, wer du bist.«

»Wer denn?«, wollte Iain wissen. Haven nickte in Richtung des Tischs mit den zwei Anzugmännern.

Iain warf einen kurzen Blick hinüber und lachte dann erleichtert auf. »Die Typen da? Die sind nicht von der Ouroboros-Gesellschaft, Haven. Das sind Vertreter für Fotokopierer. Aus Cleveland. Ich habe sie reden hören, als wir an ihrem Tisch vorbeigekommen sind.«

»Bist du sicher?«, entgegnete Haven. »Aber es war jemand von der Gesellschaft hier. Die Frau mit dem Pelzmantel – sie hatte einen Ring am Finger. Einen Ouroboros-Ring. Ich hab’s genau gesehen.«

»Haven, mach dir nicht so viele Sorgen. Das war nur ein Zufall. Warum bleiben wir nicht einfach hier und genießen unser Essen? Es gibt da etwas, das …«, begann Iain.

»Nein, wir sind hier nicht sicher!«, meinte Haven beharrlich. »Ich habe es schon in Rom gespürt, und jetzt spüre ich es hier auch. Er sucht nach mir, Iain.«

»Signora, es tut mir sehr leid.« Der Kellner war wieder neben ihrem Tisch aufgetaucht. »Aber Ihre Kreditkarte wurde nicht akzeptiert.«

»Das ist unmöglich«, fauchte Haven.

»Nein, Signora«, erwiderte der Kellner, der nun von Sekunde zu Sekunde hochnäsiger klang. »Ist es nicht. Vielleicht hätte der Gentleman ja eine Karte?«

Natürlich hat er das nicht, hätte Haven am liebsten geantwortet. Dieser Gentleman wird nämlich für tot gehalten.

»Ich zahle dann bar«, sagte Iain zu ihm.

KAPITEL 4

Die Straßen von Florenz waren verlassen. Schneeflocken tanzten durch die Luft, als wollten sie einfach nicht landen, aus Angst vor der eisigen Berührung des Bodens. Der Abend war still, und die Lichter des Restaurants reichten nicht weit in der Dunkelheit. Haven sah sich um und erkannte nichts. Sie konnte sich noch nicht einmal erinnern, welchen Weg sie vom Hotel genommen hatten.

»Ich habe dem Kellner mein gesamtes Bargeld gegeben«, sagte Iain. »Für ein Taxi habe ich nichts mehr übrig.« Haven stellte zu ihrer Überraschung fest, dass er kein bisschen besorgt wirkte. Er grinste sogar, als er sich den Schal fester um den Hals zog und die Enden in den Kragen seines Mantels stopfte. »Hättest du Lust auf einen kleinen Spaziergang?«

»Ob ich Lust hätte? Iain, jetzt hör mir mal zu«, flehte Haven, deren Zähne schon zu klappern angefangen hatten. »Er muss hier irgendwo sein.« Sie rechnete jeden Moment damit, die schwarz gekleidete Gestalt um eine Ecke oder hinter einem Auto hervorkommen zu sehen. Es gab keine Nische, in der er nicht hätte lauern können. »Er ist uns von Rom aus hierher gefolgt. Wir können nicht länger hierbleiben.«

»Haven, ich verspreche es dir. Er ist nicht in Florenz. Wenn er es wäre, dann wüsste ich das. Und das mit dem Spaziergang war sowieso eine rhetorische Frage. Wenn du nicht gerade vorhast zu trampen, bleibt uns nichts anderes übrig, als zu laufen.«

»Na, dann beeilen wir uns besser.« Haven stürmte auf ihren Acht-Zentimeter-Absätzen voran.

»Haven!«, rief Iain ihr hinterher. Sie drehte sich um und sah, dass er in die entgegengesetzte Richtung zeigte. »Zu unserem Hotel geht es da lang.«

Haven biss sich hinter ihrem Kaschmirschal auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Sie war nicht verrückt. Sie wusste, was sie gesehen hatte. Der Ring der Frau – die Platinschlange, die sich in den eigenen Schwanz biss – hatte sie als Mitglied der Ouroboros-Gesellschaft zu erkennen gegeben. Der geheimen Organisation, die der Mann in Schwarz leitete. Adam Rosier. Und wo Adam die Finger im Spiel hatte, gab es keine Zufälle. Wie hatte sie nur so dumm sein können zu glauben, dass sie ihn täuschen könnte.

Viele Monate waren vergangen, seit Haven das Hauptquartier der Ouroboros-Gesellschaft zum letzten Mal betreten hatte. Doch auch wenn die Organisation nun am anderen Ende des Atlantiks lag, war sie in Havens Gedanken allgegenwärtig. Die Gesellschaft, deren Sitz ein imposantes, efeuüberwuchertes Herrenhaus am Rand des Gramercy Parks in Manhattan war, hatte sich einst der wissenschaftlichen Erforschung der Reinkarnation gewidmet. Ihr wohlmeinender Gründer war der Ansicht gewesen, dass Menschen, die mit dem Wissen aus früheren Leben geboren wurden – Menschen wie Iain Morrow und Haven Moore –, sich dem Ziel verschreiben sollten, die Welt zu verbessern. Adam Rosier hatte das alles geändert. Nachdem er die Leitung der OG übernommen hatte, hatte sie sich in eine Art fragwürdigen Club verwandelt. Noch immer strömten Menschen aus der ganzen Welt mit außergewöhnlichen Erinnerungen in das Gebäude am Gramercy Park, in der Hoffnung, dort mehr über die Leben zu erfahren, die sie einst geführt hatten. Viele von ihnen besaßen besondere Fähigkeiten, die sie sich im Laufe zahlreicher Leben angeeignet hatten. Unter ihnen waren medizinische Gelehrte und Mathematikgenies. Künstler und Schauspieler. Politiker, die das Volk zum Jubeln oder Weinen bringen konnten. Pianisten, die ihr Publikum mit ihren Fingerspitzen in den siebten Himmel versetzten.

Wer sie waren oder was ihre Fähigkeiten gewesen sein mochten, war nicht wichtig. Sobald sie in die Gesellschaft eintraten, machten sie sich zu Sklaven des dort herrschenden Systems. Alle Ewigen (wie sie sich selbst nannten) bekamen ein Konto und wurden angewiesen, wertvolle »Punkte« zu sammeln, indem sie einander halfen. Dieses System wirkte so lange völlig harmlos, bis die Mitglieder herausfanden, dass sich mit OG-Punkten alles kaufen ließ, was sie im tiefsten Innern begehrten – Ruhm, Reichtum, Drogen oder Sex. Früher oder später wurden Macht und Punkte für jedes der Mitglieder zur Besessenheit. Diejenigen, die sich weigerten, dieses Spiel mitzuspielen, bekamen Besuch von Adams »Grauen« – und wurden danach oft nie wieder gesehen. Aber nur wenige weigerten sich, und so wurde die Welt mit jedem neuen Mitglied, das die Gesellschaft anwarb, ein kleines bisschen dunkler.

Ganz nach Adam Rosiers Plan. Er war das Hauptmotiv von Marta Vegas unheimlichen Gemälden – die finstere Gestalt, die all die Tragödien auslöste. Die Frage, was er war, konnten einem wohl nur Gelehrte, Schamanen oder Priester beantworten. Tausende von Jahren war er ziellos durch die Welt gestreift und hatte dabei Verwüstung hinterlassen, Lügen verbreitet und Chaos gesät, wo immer er konnte. Doch im Jahr 1925 hatte er sich dann in Manhattan niedergelassen. Dank der Ouroboros-Gesellschaft konnte er seine finsteren Geschäfte fortführen, während er darauf wartete, dass das einzige Mädchen, das er je geliebt hatte, den Weg nach New York fand und sich das Schicksal erfüllte, das er für sie vorgesehen hatte.

Adam mochte an die niedersten Begierden der menschlichen Seele appellieren, aber er hatte selbst eine Schwäche. Haven Moore. Vor zweitausend Jahren waren die beiden einmal verheiratet gewesen, aber Adams Furcht, sie zu verlieren, hatte ihn dazu getrieben, sie einzusperren. Mithilfe eines Dieners, in dem sie ihren Seelenverwandten finden sollte, entkam sie schließlich aus der Gefangenschaft, aber Adam hatte sich geweigert, sie kampflos aufzugeben. Stattdessen war er Haven durch unzählige Leben gefolgt, und es gab nur wenige Verbrechen, die er nicht ihretwegen begangen hatte.

In diesem Leben hatte Adam Haven ausfindig gemacht, als sie noch zu jung war, um vor ihm zu fliehen. Er hatte sie seit ihrem neunten Lebensjahr beobachtet, hatte sie beschützt und geduldig gewartet, dass sie volljährig wurde. Doch trotz all seiner Mühen hatten Haven und Iain auch diesmal zueinandergefunden. Um in Frieden miteinander leben zu können, hatten sie den Mann in Schwarz austricksen müssen. Haven hatte Adam davon überzeugt, dass sie ihren Seelenverwandten nicht mehr liebte, und Iain hatte seinen eigenen Tod inszeniert. In dem Glauben, er habe seinen Widersacher besiegt, versprach Adam Haven ein Leben in Freiheit. Er würde geduldig abwarten, bis sie wiedergeboren wurde, und sie dann wieder zu seiner Frau nehmen.

Dieses Versprechen hatte Adam ihr nur gegeben, weil er seinen Rivalen für tot hielt – und weil er glaubte, dass die Liebe, die Haven und Iain wieder und wieder zueinandergeführt hatte, endlich zerstört sei. Wenn Adam nun herausfand, dass Iain noch am Leben war – wenn er herausfand, dass sie sich noch immer liebten und gemeinsam in Italien lebten –, wären die Folgen unabsehbar. Vor Iains »Tod« hatte Adam ihm den Mord an einem Musiker namens Jeremy Johns angehängt. Ein Anruf bei der Polizei und Iain würde sich vielleicht lebenslänglich hinter Gittern wiederfinden. Aber wenn Adam Rosier sich wirklich in Florenz aufhielt, war eine Verhaftung ihre geringste Sorge. Falls Iain jedoch sterben sollte, konnte niemand sagen, wie lange es dauern würde, bis er und Haven sich wiederfänden. Schon ein Jahr ohne ihn wäre furchtbar. Ein ganzes Jahrhundert wäre eine Tortur.

Darum war Haven überrascht darüber, Iain reden zu hören, als wäre Adam keine Bedrohung mehr für sie. Als könnte ein Ozean ihn von ihr fernhalten. Haven wusste, dass sie ihm nicht endgültig entkommen waren. Adam selbst mochte zwar in New York geblieben sein, aber ein Teil von ihm folgte Haven, wohin auch immer sie ging. Oft erschien er in ihren Träumen von der Vergangenheit. Haven konnte sich selten an Einzelheiten erinnern, doch eine schreckliche Tatsache konnte sie nicht verdrängen. Es waren nicht immer böse Träume.

Die Angst hatte ihre Sinne geschärft, und so hörte Haven das Motorengeräusch der Vespa lange, bevor der Scheinwerfer zu sehen war. Der Roller tauchte an der Kreuzung ein Stück vor ihnen auf und blieb ein bisschen zu lange vor dem Stoppschild stehen, ehe er schließlich in ihre Richtung kam. Haven und Iain blinzelten in dem grellen Licht und blieben stehen, um das Fahrzeug vorbeizulassen. Als die Vespa vorbeiknatterte, konnte Haven nur mit Mühe einen Fluchtimpuls unterdrücken. Das letzte Mal, als Iain und sie dem Tod ins Auge geblickt hatten, war er in Form von zwei OG-Mitgliedern auf einem Motorrad herangerast gekommen. Aber die Person auf der Vespa war keiner von Adams Grauen – es war ein junges Mädchen mit einem langen braunen Mantel und Motorradstiefeln. Sie trug keinen Helm oder irgendeine andere Kopfbedeckung, und die Schneeflocken funkelten in ihrem blonden Haar wie Diamantenstaub. Die Vespa wurde langsamer, und das Mädchen warf Haven einen langen Blick zu. Für Iain schien sie sich nicht zu interessieren. Selbst in dieser Finsternis kam Haven irgendetwas an dem Mädchen bekannt vor. Sie wusste, dass sie sich irgendwann in der Vergangenheit begegnet sein mussten, und das Grinsen im Gesicht der anderen verhieß, dass auch sie sich dessen bewusst war.

Ein paar Straßen weiter konnten sie den Motor der Vespa noch immer hören. Das Knattern brachte Haven dazu weiterzulaufen, obwohl sie vor Kälte kein Gefühl mehr in den Füßen hatte. Sie stellte sich vor, wie das Mädchen auf dem Roller irgendwo in der Nähe um die Häuserblocks kreiste, wie ein Raubtier, das den richtigen Moment abwartet, um sich auf seine Beute zu stürzen. Nicht einmal als im Schneegestöber vor ihnen endlich die Lichter ihres Hotels auftauchten, gestattete Haven es sich, Erleichterung zu verspüren. Es bestand immer noch die Chance, dass sie es trotzdem nicht bis in die Lobby schaffen würde – dass sie wie ein Kaninchen kurz vor dem sicheren Bau geschnappt werden würde. Das Mädchen auf dem Roller verfolgte sie. Da war Haven sich sicher.

Als sie endlich in der Lobby angelangt waren, fuhr Haven herum und spähte nach draußen, die Nase fast an die Glastür gepresst.

»Ist da draußen irgendwas?« Iain, der sich allmählich auch Sorgen zu machen schien, legte ihr die Hand auf die Schulter und blickte hinaus in die Dunkelheit.

»Pssst«, machte Haven. Die Straßen waren verlassen und nichts bewegte sich in den Schatten. Ein paar Häuserblocks weiter flackerte ein winziges Licht auf. Zuerst dachte sie, es sei vielleicht die Vespa, die sie noch immer verfolgte, aber als das Licht sich über eine Minute lang nicht bewegte, atmete sie auf. Havens Angst ließ ein wenig nach und verwandelte sich in das Verlangen nach einer langen, heißen Dusche. Sie ließ zu, dass Iain sie bei der Hand nahm, und sie machten sich auf den Weg durch die Lobby.

»Entschuldigen Sie, Miss Moore.« Eine streng aussehende Rezeptionistin trat ihnen in den Weg, kurz bevor sie die Aufzüge erreicht hatten. Trotz ihrer geringen Größe bildete sie ein unüberwindbares Hindernis. »Könnte ich Sie kurz sprechen?«

»Wir sind ein bisschen in Eile«, erwiderte Haven müde, doch als sie versuchte, einen Schritt an der Frau vorbeizumachen, musste sie feststellen, dass ihr Weg schon wieder versperrt war.

»Es dauert nur einen Moment.« Die Frau deutete auf eine offene Bürotür. Widerwillig folgten Haven und Iain ihr hinein.

»Ja?«, fragte Haven, die sich wie ein unartiges Kind vorkam, das ins Büro des Schuldirektors gerufen worden war.

»Es gibt ein Problem mit Ihrer Kreditkarte. Das Hotel ist angewiesen worden, keine Abbuchungen mehr vorzunehmen.«

»Angewiesen worden? Von wem?«, wollte Haven wissen. Sie spürte, wie sich dunkelrote Flecken auf ihrem Gesicht und ihrer Brust ausbreiteten.

»Von der Kreditkartengesellschaft. Würden Sie Ihre Rechnung dann lieber bar bezahlen oder möchten Sie früher auschecken?« Die Frau ließ keinen Zweifel daran, welche der beiden Möglichkeiten sie bevorzugte.

»Wir zahlen bar«, sagte Iain zum zweiten Mal an diesem Abend. »Ich hatte einen Umschlag im Hotelsafe platzieren lassen. Wären Sie wohl so nett, ihn zu holen?«

»Selbstverständlich«, erwiderte die Frau knapp.

»Glaubst du mir jetzt endlich?«, fragte Haven, sobald sie und Iain allein im Büro waren. »Irgendjemand hat meine Konten gesperrt. Das muss Adam gewesen sein. Wer sollte uns sonst so was antun?«

»Lass uns keine voreiligen Schlüsse ziehen«, entgegnete Iain, noch immer fest entschlossen, Haven zu beruhigen. »In New York ist es erst halb fünf. Wir haben also genug Zeit, das Problem zu lösen. Check als Erstes mal deine E-Mails. Vielleicht hat das Kreditkarteninstitut dir ja eine Nachricht geschickt. Das ist alles bestimmt nur ein Missverständnis.«

»Ein Missverständnis? Und wie erklärst du dir dann bitte das Mädchen auf der Vespa? Die hat uns beobachtet.«

»Wir sind in Italien, Haven«, sagte Iain. »Hast du eine Ahnung, wie viele Mädchen hier auf Vespas herumfahren?«

»In so einem Schneesturm?«

»Komm schon, Haven. Lies erst mal deine E-Mails.«

Haven kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Handy. Und tatsächlich war zwei Stunden zuvor eine E-Mail von ihrem New Yorker Anwalt angekommen. Sie überflog die Nachricht.

»Na, das erklärt natürlich einiges«, rief Haven. »Deine Mutter verklagt mich.«

»Sie tut was?« Nun begann auch Iains gelassene Fassade zu bröckeln.

»Sie behauptet, ich hätte dein Testament gefälscht.«

»Lies mal vor.«

»›Sehr geehrte Miss Moore, ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass alle Ihre Konten vorübergehend gesperrt wurden. Mrs Virginia Morrow, die Mutter Ihres verstorbenen Partners, hat Klage gegen Sie wegen Erbbetrugs erhoben. Sie hat den Verdacht geäußert, dass die Unterschrift auf Iains Testament gefälscht sein könnte. Ein Richter hier in Manhattan hat nun angeordnet, dass das Vermögen der Familie Morrow auf einem Treuhandkonto hinterlegt wird, bis die Angelegenheit geklärt ist. Außerdem hat er verfügt, dass das von Iain Morrow unterschriebene Originaldokument Mr Harold Tuckerman übermittelt werden soll, einem anerkannten Experten für Fälschungsdelikte. Bitte rufen Sie mich umgehend an. Wir müssen diese Angelegenheit sobald wie möglich persönlich besprechen.‹«

»Ich fasse es nicht«, murmelte Iain. »Ich habe der Frau in meinem Testament fünf Millionen Dollar vermacht. Ich dachte, es würde mindestens zehn Jahre dauern, bis sie das alles versoffen hat.«

»Tja, sieh es doch mal positiv«, erwiderte Haven, obwohl ihr das selbst nicht gerade leichtfiel. »Immerhin steckt nicht Adam dahinter.«

»Unterschätz meine Mutter nicht«, sagte Iain warnend. »Wenn es hart auf hart kommt, wirkt Adam Rosier neben ihr so harmlos wie der Osterhase.«

Während des vergangenen Jahrs hatte Haven Dutzende von Geschichten über Iains Vater gehört, der gestorben war, kurz bevor Iain und sie sich wiedergefunden hatten. Jerome Morrow war ein schwieriger Mensch gewesen und hatte Iain eine sehr viel kompliziertere Kindheit als nötig beschert, indem er ihn von einem Psychiater zum anderen schleppte, die seinem Sohn immer wieder neue Pillen verschrieben. Trotzdem hätte aber niemand bezweifelt, dass Jerome Morrow seinen Sohn liebte, auch wenn er seiner Liebe auf etwas eigenwillige Weise Ausdruck verlieh. Über seine Mutter sprach Iain hingegen nur selten. Wann immer die Sprache auf sie kam, wechselte er so schnell wie möglich das Thema.

»Jetzt übertreibst du aber«, widersprach Haven sanft.

»Nein.« Iain blieb hartnäckig. »Das tue ich nicht. Sie hat mich einmal so lange in ihrer Villa gefangen gehalten, bis mein Vater einwilligte, ihr mehr Unterhalt zu zahlen. Ich hab damals einen ganzen Monat von meinem sechsten Schuljahr verpasst. Glaub mir, sie würde uns beide verhungern lassen, wenn ihr das auch nur die kleinste Aussicht auf das Morrow-Vermögen verschaffen würde.«

»Na, verhungern werden wir ja wohl nicht so schnell, oder?« Haven lachte nervös. »Wir haben doch bestimmt ein bisschen Geld für Notfälle auf die Seite gelegt.«

»Ein bisschen, ja.« Iain nickte. »Aber das wird nicht für immer reichen.«

»Und dann haben wir immer noch meine Boutique. Von den Einnahmen sollten wir doch eine Zeitlang über die Runden kommen.«

Iain schüttelte den Kopf. »Die werden sie dichtmachen. Der Laden und das gesamte Material sind mit Morrow-Geld bezahlt worden. Du machst dir Sorgen«, fügte er dann hinzu, als er das Entsetzen in Havens Gesicht sah. »Das musst du nicht. Zur Not nehme ich einfach den nächsten Flieger nach New York. Da habe ich nach wie vor ein paar Kontakte und kann so versuchen, an ein bisschen Geld zu kommen, während wir gegen diese Klage ankämpfen.«

»Kontakte? Seit wann haben tote Menschen denn Kontakte?« Haven seufzte und schmiegte ihre Wange an Iains Brust. Sein Herz schlug noch immer langsam und gleichmäßig. Sie fragte sich, was wohl passieren musste, um es so zum Hämmern zu bringen wie ihr eigenes. »Ist ja auch egal. Ich will dich nur hier bei mir haben. Virginia Morrow kann uns von mir aus unser letztes Geld abknöpfen, aber ich lasse nicht zu, dass sie uns auseinanderbringt.«

Sie spürte, wie Iain ihr einen dicken Kuss auf den Hals gab. »Meine Mutter wird unser Geld nicht in die Finger bekommen, Haven. Sie wird uns nur eine Weile das Leben schwer machen. Wir waren schon früher arm. Das werden wir schon überstehen.«

»Ich weiß«, erwiderte Haven, auch wenn ihr der Gedanke, an allen Ecken und Enden sparen zu müssen, nicht sonderlich behagte. Sie überlegte bereits, wie sie ihre verhasste Großmutter in Snope City dazu bringen konnte, ihnen ein Darlehen zu geben.

»Wir müssen einfach eine Weile vorsichtig sein und dürfen fürs Erste keine großen Schecks ausstellen.«

Der letzte Satz ließ Haven zusammenfahren. Sie riss sich von Iain los und taumelte ein paar Schritte zurück. »Oh Gott!«, keuchte sie. »Ich habe einen Scheck losgeschickt, kurz bevor wir Rom verlassen haben. Der ist wahrscheinlich noch nicht mal angekommen.«

»Einen Scheck? Wofür denn?«, fragte Iain.

»Beaus Collegegebühren. Die Zahlung ist nächste Woche fällig.«

KAPITEL 5

Na, wenn das nicht Haven Jane Moore aus dem guten alten Snope City ist? Was verschafft mir dieses seltene Vergnügen?«

Havens Herz machte einen Satz, als sie Beaus gedehnten Südstaatenakzent hörte. In letzter Zeit kommunizierten sie hauptsächlich per E-Mail, und sie hatte ihn seit sechs Monaten nicht mehr gesehen – seit seinem Besuch in Rom im vergangenen Juli. Sie hätte nicht gedacht, dass er ihr dermaßen fehlen würde. Die Trennung von Beau war einer der wenigen Nachteile, die ihr neues Leben in Italien mit sich brachte. Nachdem sie ihn fast zehn Jahre lang jeden Tag gesehen hatte, konnte Haven sich einfach nur schwer daran gewöhnen, dass sie nicht einfach in das Auto ihrer Mutter springen und zu dem alten Farmhaus der Deckers fahren konnte, wann immer sie das Bedürfnis hatte, mit jemandem zu reden.

Beau war seit dem Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten, wie ein Bruder für sie, und als Haven erfahren hatte, dass er es in früheren Leben tatsächlich gewesen war, hatte sie das nicht im Mindesten überrascht. Beau kannte jede einzelne von Havens vielen Macken und liebte sie trotzdem – wie es sich für einen Bruder eben gehörte. Und so hatte Havens erste Handlung als Erbin des Morrow-Vermögens nach Iains inszeniertem Tod darin bestanden, einen Dauerauftrag für Beaus Collegegebühren einzurichten. Das war das Mindeste, was sie tun konnte, um sich bei ihm für alles zu bedanken. Ihm jetzt eröffnen zu müssen, dass das Morrow-Geld plötzlich weg war, gehörte zu den schmerzhaftesten Aufgaben in ihrem ganzen bisherigen Leben.

»Ich wünschte, das hier wäre wirklich ein Vergnügen, aber ich hab leider schlechte Neuigkeiten.« Haven bemerkte, wie ihr Tennessee-Akzent zurückkehrte, wie jedes Mal, wenn sie mit Beau sprach. »Mach dich besser auf was gefasst.«

»Oha«, erwiderte Beau. Seine Laune – ob gut oder schlecht – war meistens kaum zu beeinflussen, und so klang er noch immer unverändert fröhlich. Haven konnte hören, wie er sich in seinem Zimmer bewegte. Im Hintergrund klimperten Drahtkleiderbügel. Er packt schon seine Koffer, um wieder nach Hause zu fahren, dachte sie missmutig. »Dafür habe ich gute Neuigkeiten«, sagte er dann, »vielleicht gleicht sich ja alles wieder aus. Aber du hast angerufen, also schieß los, damit wir es hinter uns haben.«

»Es geht um deine Collegegebühren.« Haven hielt inne und überlegte verzweifelt, wie sie den Satz zu Ende bringen sollte.

»Ach so, das«, schnitt Beau ihr das Wort ab. »Ja, die Verwaltung vom Vanderbilt hat heute Morgen angerufen. Sie meinten, dein Scheck für das nächste Semester wäre nicht gedeckt gewesen. Ich hab denen schon gesagt, dass das ein Missverständnis sein muss …«

»Ist es aber nicht.«

Die geschäftigen Geräusche am anderen Ende der Leitung brachen abrupt ab. »Wie kann das denn sein? Ich hab dich noch nie irgendwas außer Nähzeug, Cappuccinos und Glättungshaarspray kaufen sehen. Hast du etwa dein ganzes Vermögen für Pailletten auf den Kopf gehauen?« Er klang noch immer nicht sonderlich besorgt.

»Meine Konten sind gesperrt worden«, versuchte Haven zu erklären. »Iains Mutter hat mich wegen Betrugs verklagt.«

»Wegen Betrugs?« Beau verschluckte sich beinahe an dem Wort. »Dich?«

»Sie behauptet, ich hätte Iains Testament gefälscht.«

»Was? Wofür hält die dich denn? Die ultimative Superschurkin?«

»Ich weiß, ich weiß. Es ist alles total hirnrissig, aber sie scheint irgendeinen Richter in New York gefunden zu haben, der ihr die Geschichte abkauft. Ich hab bis vor ein paar Minuten noch mit meinem Anwalt telefoniert. Sieht so aus, als könnte Virginia Morrow mich tatsächlich vor Gericht zerren.«

»Das klingt mir eigentlich mehr nach einer Angelegenheit, die von Frau zu Frau geklärt werden müsste.«

»Bist du verrückt?« Nicht einmal im Traum wäre Haven auf diesen Gedanken gekommen. »Die würde sofort auflegen, wenn ich sie anrufe.«

»Ich meine ja auch nicht, dass du sie anrufen sollst. Iains Mom lebt doch in Italien, oder? Warum fährst du nicht einfach mal bei ihr vorbei und versuchst, sie zur Vernunft zu bringen? Und wenn das nicht klappt, kannst du ihr immer noch eine reinhauen. Oder ihr ein dickes Bündel Geld in die Hand drücken. Darauf ist sie doch wahrscheinlich sowieso aus.«

»Vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee«, murmelte Haven nachdenklich. Virginia Moore lebte irgendwo in der Toskana, also nicht weit von Florenz entfernt. Haven hatte einmal die Adresse gesehen, als sie nach Iains inszeniertem Tod alle möglichen Papiere hatte unterschreiben müssen.

»Und hast du mal darüber nachgedacht, der guten Ms Morrow zu erzählen, dass ihr Sohn gar nicht tot ist? Das würde ihr doch einen ziemlichen Strich durch die Rechnung machen.«

Genau das hatte Haven Iain als Allererstes vorgeschlagen, aber Iain hatte die Möglichkeit vehement abgelehnt. Seine Mutter war die letzte Person, der er anvertrauen wollte, dass er noch unter den Lebenden weilte.

»Iain hält das für keine gute Idee«, gab Haven diplomatisch zurück, während sie zur anderen Seite des Hotelzimmers hinübersah, wo Iain vor einem aufgeklappten Laptop saß. Er trug noch immer denselben schicken marineblauen Anzug wie im Restaurant und ging die Dokumente durch, die Havens Anwalt geschickt hatte, auf der Suche nach einer Lösung. Normalerweise ließ sie sich nur zu gern von Iains Optimismus anstecken, aber dieses Mal hatte Haven das Gefühl, dass die Angelegenheit nicht so leicht zu klären sein würde. »Aber keine Sorge, Beau. Wir finden schon einen Weg, und dann zahlen wir auch das Geld an dein College. Es könnte nur noch ein bisschen dauern. Im Moment kann ich leider nicht viel tun.«

»Mach dir keine Gedanken. Ist schon alles in Ordnung so«, versicherte Beau ihr. »Ich hatte sowieso vor, eine kleine Auszeit zu nehmen.«

»Eine Auszeit?«, wiederholte Haven. »Wozu das denn?«

»Tja, womit wir wohl bei meiner Neuigkeit wären: Ich habe jemanden kennengelernt«, verkündete Beau.

»Das ist ja toll«, erwiderte Haven mit so viel Begeisterung, wie sie aufbringen konnte. Als einziger offizieller Schwuler Snope Citys hatte Beau in den gesamten vier Highschooljahren kein einziges Date gehabt. Diese Durststrecke hatte ein vorläufiges Ende gefunden, als er aufs College gegangen war, wo es genug Jungs gab, die einen Südstaatengentleman mit dem Aussehen eines nordischen Gotts zu schätzen wussten. Beau aber hatte ziemlich bald herausgefunden, dass der ganze Dating-Zirkus ein knallhartes Geschäft war. Im zweiten Semester war ihm fürchterlich das Herz gebrochen worden, und Haven hatte gehofft, dass er fortan ein bisschen vorsichtiger sein würde.

»Nein, so ist das nicht«, wehrte Beau ab, bevor Haven ihre Zweifel äußern konnte. »Diesmal ist es wirklich was Ernstes.«

»Das hast du bei Stephen auch gesagt«, bemerkte Haven.

»Ja, aber das hier ist was anderes. Er sagt, er kennt uns.«

Haven schnaubte. »Das heißt, er ist mal in Snope City gewesen? Das spricht aber nicht gerade für ihn, wenn du mich fragst.«

»Nein. Viel besser.« Haven konnte an Beaus Stimme hören, wie aufgeregt er war. »Er sagt, er kannte uns schon vor Snope City. Lange vor Snope City. In einem früheren Leben. Als du und ich Geschwister waren.«

Haven, der auf einmal ganz schwindelig wurde, setzte sich auf die Bettkante. »Was genau hat er denn gesagt?«

»Das wird dich umhauen, glaub mir. Er hat gesagt, mein Name wäre Piero gewesen. Er hieß Naddo. Und du Beatrice. Wir haben damals alle in Florenz gelebt, Mitte des vierzehnten Jahrhunderts. Beatrice und Piero waren wohl ziemlich reich und wohnten in so einem Palazzo mit drei riesigen Türen. Piero und Naddo haben sich kennengelernt, als sie beide sechzehn waren, und heimlich eine Affäre angefangen. Das alles hört sich unheimlich romantisch an, wenn er davon erzählt. Kniehosen und Tuniken und pompöse Villen. Treffen bei Kerzenschein …«

»Jetzt mal ganz langsam, Romeo«, unterbrach Haven ihn. »Woher weiß der Typ denn, dass ich Beatrice war? Woher will er mich überhaupt kennen?« Am anderen Ende des Zimmers sah Iain von seinem Bildschirm auf und hörte zu.

»Tut er ja gar nicht«, antwortete Beau gereizt. »Ich hab die Verbindung selbst gezogen. Er hat nur gesagt, dass Piero eine Schwester gehabt hat, die er vergötterte, obwohl alle anderen sie für eine ziemliche Nervensäge hielten. Wer bitte soll das denn sonst gewesen sein, wenn nicht du?«

Beau redete weiter, während Haven sich den Telefonhörer gegen die Brust presste. Iain blickte sie fragend an. »Sagt dir der Name Naddo irgendwas?«, flüsterte sie ihm zu.

Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Ich hab ihn nie kennengelernt«, sagte er. »Aber Piero hat andauernd von ihm geredet.«

»Hey, ich hab genau gehört, dass du gerade mit Iain geredet hast«, rief Beau, als Haven den Hörer wieder ans Ohr hob. »Was hat er gesagt? War er in dem Leben damals etwa auch dabei? Kann ich dich denn nie für mich allein haben?«

»Rate mal, wo ich gerade bin«, sagte Haven, ohne auf seine Fragen einzugehen.

»Was?«

»Rate mal, wo ich gerade bin«, wiederholte sie.

»Woher soll ich das wissen?«, schnauzte Beau. »Können wir jetzt bitte mal bei meiner Geschichte bleiben?«

»Ich bin in Florenz.«

»Du bist in Florenz

»Ich bin in Florenz. Und rate mal, was Iain mir heute gezeigt hat.«

Sie konnte hören, wie Beaus Atem am anderen Ende der Leitung sich beschleunigte. »Nein!«, flüsterte er schließlich.

»Doch. Eine Villa mit drei riesigen Toren. Genau da, wo wir beide als Bruder und Schwester gelebt haben.«

»Die steht noch?«

»Ja. Und ich habe gerade Iain gefragt, ob er sich an irgendwen namens Naddo erinnert.«

»Und?«

»Seinem Grinsen nach zu urteilen, könnte ich mir vorstellen, dass dieser Naddo-Typ jemand ist, den zu finden dir vorherbestimmt war«, erwiderte Haven.

»Oh mein Gott«, sagte Beau. Einen Augenblick schwiegen sie beide, um die Neuigkeit sacken zu lassen. »Kann das denn so einfach sein?«

»Ich weiß nicht«, gab Haven zu. »Wie bist du dem Typen eigentlich begegnet? Geht er auch auf die Vanderbilt?«

»Nein, er lebt in New York. Und er hat mich gefunden. Er hat mein Foto bei Facebook gesehen und sofort gewusst, dass ich derjenige bin, den er die ganze Zeit gesucht hat.«

»Und du? Hast du irgendwas gespürt, als du sein Foto gesehen hast?«

»Nein. Nicht so richtig«, gestand Beau. »Aber glaub mir, der Junge ist ziemlich knackig. Und du wusstest doch auch nicht, dass Iain der Richtige ist, bevor du ihn persönlich getroffen hast, und darum fliege ich morgen nach New York, um mir diesen Typen mal etwas genauer anzuschauen.«

»Ach, und wann genau hattest du vor, mir davon zu erzählen?«, fragte Haven, die ein bisschen gekränkt war. Sie selbst machte schließlich kaum einen Schritt, ohne ihren besten Freund zumindest per Mail darüber zu informieren.

»Sobald ich sicher gewesen wäre, dass er der Richtige ist«, erklärte Beau. »Ich wollte nicht unnötig die Pferde scheu machen.«

»Musst du ihn denn ausgerechnet in New York treffen?«, fragte Haven. Vielleicht litt sie ja bereits unter Verfolgungswahn, aber irgendetwas kam ihr an der Sache faul vor. »Du weißt doch, wie gefährlich das ist. Wenn Adam dich dort sieht …«

»Adam? Ich dachte, El Diablo wollte uns für die nächsten sechs oder sieben Jahrzehnte in Frieden lassen.«

»Er wollte mich in Frieden lassen. Was dich betrifft, hat er gar nichts versprochen. Und nachdem du damit gedroht hast, die Mitgliederliste der Ouroboros-Gesellschaft an die New York Times weiterzugeben …«

»Okay, okay, Haven. Ich hab’s kapiert. Aber in New York leben acht Millionen Menschen. Und Roy geht auf die Columbia. Er wohnt in Morningside Heights, verdammt noch mal«, versuchte Beau sie zu überzeugen. »Ich werde also gar nicht erst in die Nähe des Gramercy Park und der Ouroboros-Gesellschaft kommen.«

»Sein Name ist heute also Roy?« Endlich breitete sich ein Lächeln auf Havens Gesicht aus.

»Roy Bradford«, erwiderte Beau. »Hört sich an wie ein Filmstar, findest du nicht?«

»Stimmt.« Havens Lächeln war schon wieder wie weggewischt. »Du bist doch vorsichtig, oder? Ich will nicht, dass du zu enttäuscht bist, falls sich herausstellt, dass er doch nur irgendein Psychotyp ist.«

Die meisten Leute hätten wohl nicht das Gefühl gehabt, einen eins neunzig großen launischen Footballspieler derart beschützen zu müssen, aber Haven wusste, wie verletzlich Beau war. Nachdem Haven den Menschen gefunden hatte, der für sie bestimmt war, hatte er selbst ernsthaft mit der Suche nach seinem Seelenverwandten begonnen. Das einzige Problem dabei war, dass er ihn in der Hälfte aller Männer zu sehen glaubte, mit denen er sich traf. So sehr Haven sich auch das Gegenteil wünschte, sie wurde das Gefühl nicht los, dass sich Roy Bradford bloß als ein weiterer Fehlgriff entpuppen würde.

»Diesmal passe ich auf, dass meine Fantasie nicht mit mir durchgeht«, versprach Beau, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Und du sei gefälligst auch vorsichtig. Lass dich nicht von irgendwelchen alten Frauen beklauen. Geh zu dieser Virginia Morrow und zeig ihr, mit wem sie es zu tun hat.«

»Ich werde drüber nachdenken«, sagte Haven. Doch sie hatte ihren Entschluss längst gefasst.

KAPITEL 6

Die Villa thronte auf einem kleinen, dicht bewachsenen Hügel inmitten der smaragdgrünen Felder der Toskana. Von der Straße aus konnte Haven nichts als die tönernen Dachschindeln erkennen, die aussahen, als müssten sie dringend repariert werden. Als sie in die Auffahrt bog, bemerkte sie, dass eine Ecke des Hauses fast komplett unter einer ausladenden Zypresse verschwand und die Wände von Wein überwuchert waren, dessen Ranken wohl das einzige waren, was die letzten Stückchen des bröckelnden Putzes an den Ziegelsteinen darunter hielt.

Haven parkte so nah wie möglich beim Haus. Sie hatte eigentlich gehofft, diesen Besuch so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, um vor Sonnenuntergang wieder in Florenz zu sein. Iain hatte sie erzählt, dass sie einen Schaufensterbummel machen wolle, und wenn sie nicht länger als drei Stunden unterwegs wäre, würde er hoffentlich keinen Verdacht schöpfen. Jetzt aber schien es keinen Grund mehr zur Eile zu geben, denn die Villa schien unbewohnt zu sein. Haven fragte sich, wie lange Virginia Morrow wohl schon nicht mehr hier lebte. Trotzdem beschloss sie, sich durch die Weinranken einen Weg bis zur Haustür zu bahnen. Ein kalter Wind fuhr durch all das Grün, und Haven schlug ein schwacher Gestank nach verrottendem Fleisch entgegen. Sie blickte hinunter und sah, dass sie am Rand eines Swimmingpools stand. In dem eisigen, algenverseuchten Regenwasser, das sich darin gesammelt hatte, trieb ein toter Vogel. Erschrocken wäre Haven beinahe direkt zurück zum Auto gelaufen, dann aber zwang sie sich dazu, Ruhe zu bewahren. Es wäre lächerlich, den ganzen Weg bis hierher gefahren zu sein und dann nicht einmal anzuklopfen.

Als Haven schließlich vor der Haustür der Villa stand, kroch eine Katze unter einem Busch hervor und strich um ihre Knöchel. Haven beugte sich hinunter und kraulte sie hinter den Ohren. Die Rippen des armen Tiers, das hier draußen so verlassen auf einem einsamen Hügel mitten in der Toskana lebte, stachen hervor wie bei einem hungernden Schiffbrüchigen. Haven fragte sich, ob sie es mit zurück in die Stadt nehmen sollte, wo es wenigstens eine kleine Überlebenschance hätte.

»Wer ist da?«, blaffte plötzlich eine Stimme aus dem Inneren des Hauses.

Haven zuckte zusammen, und die Katze verschwand lautlos wieder im Gebüsch. »Mrs Morrow?«, fragte Haven.

»Mit Reportern rede ich nicht.«

»Ich bin keine Reporterin, aber ich würde Sie trotzdem gern kurz sprechen. Mein Name ist Haven Moore.«

Haven meinte, ein heiseres Lachen zu hören. »Ich bin beschäftigt. Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, wenden Sie sich an meinen Anwalt.«

»Ich hatte gehofft, dass das nicht nötig sein würde. Ich würde diese Angelegenheit wenn möglich gern außergerichtlich klären. Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.«

Die Frau lachte jetzt ganz offensichtlich. »Was denn für ein Angebot?«

»Das erkläre ich Ihnen, wenn Sie mich kurz reinlassen«, entgegnete Haven.

»Na, von mir aus.« Die Tür ging auf. »Dürfte unterhaltsam werden.«

Es war halb drei Uhr nachmittags, aber die Frau, die nun vor Haven stand, war noch immer im Nachthemd. Mit der rechten Hand umklammerte sie ein Kristallglas, das zur Hälfte mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt war. Scotch, schätzte Haven, dem Geruch nach zu urteilen, den der Wind zu ihr herüberwehte.

In Rom war sie eines Nachts, als sie nicht schlafen konnte und durch die Fernsehprogramme zappte, bei einer Folge von Virginias alter Kochsendung Kochen mit Raffinesse gelandet. Um Iain nicht zu wecken, hatte Haven den Ton leise gestellt und zugesehen, wie seine Mutter durch ein Fernsehstudio geisterte, das im Stil einer bescheidenen toskanischen Küche eingerichtet war. Aus der Kleidung der Gastgeberin schloss Haven, dass die Folge irgendwann in den späten Neunzigerjahren gedreht worden war, nicht lange vor Virginias spektakulärem Akt der Selbstzerstörung. Schon jetzt ließen sich Anzeichen für die nahende Katastrophe erkennen. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, und ihr Rouge war einen Tick zu grell. Sie sah aus wie eine perfekt geschminkte Leiche – als wäre sie von den Toten auferstanden, um schreckliche Rache an den Lebenden zu nehmen.

Neben Virginia Morrows schlummerndem Sohn ins Bett gekuschelt, hatte Haven sich die Sendung angesehen und überlegt, wie viele Folgen sie damals wohl noch von derjenigen entfernt war, die sich zu einem YouTube-Klassiker entwickeln sollte. Ein Kameramann, der die Launen seiner Chefin endgültig satt war, hatte der Presse Filmmaterial zugespielt, das die Fernsehköchin zeigte, wie sie – äußerst kultiviert – rohe Eier, Schweinelenden und unflätige Ausdrücke in ihr Studiopublikum schleuderte. Eine Frau war von einem Parmaschinken vorübergehend bewusstlos geschlagen worden. Wenig später, nachdem das Video es sogar in die Abendnachrichten geschafft hatte, war Virginia Morrow aus den USA geflohen. Die Leute spekulierten noch heute über die Ursache ihres öffentlichen Zusammenbruchs, und von Zeit zu Zeit versuchte immer mal wieder ein tapferer Journalist, ihr das Geheimnis zu entlocken. Am Ende aber blieb es eins der wenigen Geheimnisse im goldenen Zeitalter der Klatschpresse. Nur Haven und Iain kannten die unschöne Wahrheit. Virginia war von der Liebe ihres Lebens zerstört worden – einer Liebe, die sie auf dem Grund einer Flasche gefunden zu haben glaubte.

Und nun stand sie Haven höchstpersönlich gegenüber. Sie sah älter aus, natürlich, aber das stand ihr eigentlich recht gut. Ihre rasiermesserscharfen Züge waren ein wenig weicher geworden, und das bisschen zusätzliche Gewicht verlieh ihr hübsche Kurven. Es bestand kein Zweifel daran, dass ihr Sohn sein großartiges Aussehen ihr zu verdanken hatte. Ihr Haar war vorzeitig weiß geworden, aber es fiel ihr in eleganten Wellen über die Schultern. Mit ihrem weißen Nachthemd und der unnatürlichen Blässe wirkte sie wie ein außerordentlich glamouröses Gespenst. Wenn auch kein besonders freundliches.

»Sie sehen jünger aus, als ich gedacht hatte«, bemerkte Virginia, bevor sie ihrem Gast abrupt den Rücken zuwandte und den Flur hinunterschritt. »Kommen Sie.«

Haven hatte die Aufforderung zwar gehört, doch sie blieb wie angewurzelt in der Tür stehen. Als Virginia ihr nicht mehr die Sicht versperrte, konnte sie sehen, dass das Haus nicht viel mehr als eine Ruine war – innen genauso heruntergekommen wie außen. Und die Luft drinnen fühlte sich sogar noch kälter an. Die Villa musste mindestens zweihundert Jahre alt sein, dachte Haven. Aber nicht einmal zwei Jahrhunderte der Vernachlässigung konnten für all die Schäden verantwortlich sein, die das Haus erlitten hatte. Ihr Blick fiel auf ein Fleischbeil, das in der Wand der Eingangshalle steckte, und nun war sie sich sicher, dass zumindest ein Teil der Zerstörung durch Menschenhand entstanden war.

»Sehen Sie, wie ich hier leben muss?«

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