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Alles – außer Liebe?

1. KAPITEL

Ein Großteil der Gäste wurde aufmerksam, als die drei Männer die Bar des Clubhauses betraten. Einige Herren, vor allem aber die Damen, spähten mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung zu den Golfern hinüber.

Und das nicht nur, weil sie reich waren. Die meisten Mitglieder des Sydney Royal Golf Clubs gehörten dem Geldadel an. Dass sich vor allem auch die Damenwelt für die drei Männer interessierte, mochte tiefere Gründe haben. Schon seit Urzeiten hatten Weibchen instinktiv kraftstrotzende Alphamännchen bevorzugt, die sie schützen und ihnen starke Nachkommen schenken konnten.

Moderne Frauen legten zwar angeblich mehr Wert auf andere Attribute eines Mannes wie ein sympathisches Wesen oder Sinn für Humor. Doch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zeigten, dass das nicht immer zutraf. Offenbar entschied auch die Größe eines Mannes darüber, wie attraktiv er für Frauen war.

Bei dem Trio, das jetzt durch den Barbereich schlenderte, handelte es sich ausnahmslos um ungewöhnlich große Männer. Und als wäre das nicht genug, sahen sie auch noch umwerfend aus, waren dunkelhaarig und, na ja, sehr, sehr reich.

Der Mann, der direkt auf die Bar zuhielt, vermutlich um die erste Runde zu bestellen, war Hugh Parkinson, der einzige Sohn und Erbe des Parkinson-Medienimperiums. Mit seinen sechsunddreißig Jahren galt er als der begehrteste Junggeselle Sydneys, ebenso als bekannter Playboy mit einer endlosen Folge von Freundinnen, von denen – man höre und staune! – keine sich je abfällig über ihn geäußert hatte. Mit seinem angeborenen Charme genoss er das Leben in vollen Zügen, liebte seine Junggesellenfreiheit und überließ das Arbeiten großzügig anderen.

Ganz anders seine beiden Golfkameraden. Beide waren verheiratet, arbeitswütig und vom Leben früher nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst worden.

Russell McClain gehörte McClain Immobilien, Sydneys angesehenste und erfolgreichste Grundstücksmaklerfirma.

Und James Logan war der Chef von Images, der dynamischsten Werbe- und Marketingagentur der Stadt.

Seit der Schulzeit waren die drei Männer beste Freunde. Sie kannten sich in- und auswendig, natürlich auch ihre Stärken und Schwächen, und gingen miteinander brüderlich durch Dick und Dünn.

Doch beim Golfspiel am Sonntagvormittag kannten sie keine Gnade. Sie spielten grundsätzlich um Geld, und es gab nur eins: gewinnen.

„Was ist heute bloß mit Hugh los?“ James setzte sich mit Russell an einen Tisch mit Blick auf das achtzehnte Grün. „So miserabel habe ich ihn noch nie Golf spielen sehen.“

„Ich schon. Während du vor deiner Hochzeit vor einigen Wochen im Ausland warst, habe ich ihn locker geschlagen.“

„Komisch.“

„Danke“, bemerkte Russell trocken.

„Ach, du weißt schon, was ich meine. Du bist ein guter Golfer, aber Hugh ist besser.“

„Kein Wunder. Er lebt ja praktisch auf dem Golfplatz.“

„Stimmt.“ Auch James war ein eingeschworener Golfer gewesen. Doch seit seiner Hochzeit im Dezember und den nachfolgenden gesellschaftlichen Verpflichtungen in der Weihnachtszeit war er nicht mehr oft dazu gekommen. „Wenn ich’s bedenke, letzte Woche war Hugh auch nicht gerade in Hochform. Hat uns nur knapp geschlagen. Woran, meinst du, könnte das liegen?“

„Keine Ahnung, was mit ihm in letzter Zeit los ist. Aber im November hatte er Probleme mit einer Frau.“

James wirkte betroffen. Mit Frauen hatte Hugh nie Probleme. Es war schon fast langweilig mitzuerleben, wie sie seinem Charme unweigerlich erlagen. Er konnte jede haben.

„Was waren das für Probleme?“, fragte er vorsichtig.

„Eine ist da wohl aus der Reihe getanzt, vermute ich.“

„Das wäre ja mal was ganz Neues. Weißt du, wer sie war?“

„Hat er nicht gesagt. Und ich habe ihn nicht danach gefragt.“

„Mm.“ Stirnrunzelnd sah James zu, wie Hugh sich mit drei Biergläsern in den Händen einen Weg auf die Terrasse bahnte.

Wieso hatte Hugh es ausnahmsweise einmal nicht geschafft, eine Frau, die ihn interessierte, ins Bett zu bekommen? Wegen seines Rufs als Frauenheld?

Nein. Dieser Ruf schreckte keine Frau ab. Er machte ihn für die Damenwelt höchstens noch aufregender.

„Tja, vielleicht habe ich das auch falsch verstanden“, räumte Russell ein. „Möglicherweise hatte er einfach nur eine kurze Nacht hinter sich, weil die neuste Flamme ihn auf Trab gehalten hat. Vielleicht sogar die geheimnisvolle Unbekannte selbst. Wir wissen beide, dass keine Frau Hughs blauen Augen widerstehen kann, wenn er erst mal seinen Charme aufgedreht hat – außer meiner Nicole und deiner Megan natürlich.“

„Komm schon, so unwiderstehlich ist er nun auch wieder nicht.“ Dennoch musste James sich eingestehen, dass sein Freund ein wahrer Ladykiller war.

„Hoffentlich hast du dran gedacht, dass ich ein Lightbier wollte“, erinnerte er Hugh, der die drei Gläser auf den Tisch stellte. „Ich muss heute Nachmittag arbeiten.“

„Ich auch“, erklärte James.

Hugh verzog das Gesicht und setzte sich. „Dann sind wir drei, die arbeiten müssen.“

„Machst du Witze?“, staunte James. „Du und arbeiten? Was ist passiert? Jemand gestorben?“

„Nicht ganz. Aber fast.“ Hugh hob sein Glas und tat einen langen, durstigen Zug, ehe er berichtete: „Dad ist mit seiner fünften Frau in den zweiten Flitterwochen auf Reisen, und ich habe das Ruder übernommen.“

„Sollten wir da nicht schleunigst unsere Parkinson-Aktien abstoßen?“, zog James ihn auf.

Hugh zuckte die Schultern. „Würde ich nicht sagen. Niemand trifft schlechtere Geschäftsentscheidungen als der gute Dad, wenn die Liebe ihn wieder mal gepackt hat. Wer weiß, wenn er auf den Boden der Tatsachen zurückfindet und wieder die Führung übernehmen will, habe ich vielleicht einige von den Milliarden wieder reingeholt, die er im Liebeswahn verbraten hat. Vielleicht hast du’s schon vergessen, Jimmy-Boy, aber ich war Internatssprecher und habe in Betriebswirtschaft und Gesellschaftsrecht mit Glanz und Gloria abgeschlossen.“

„Jetzt wissen wir wenigstens, warum du beim Golf nicht bei der Sache warst“, bemerkte Russell gespielt erleichtert. „Und wann war die große Übergabe?“

„Letztes Wochenende.“

„Kein Wunder, dass du so mitgenommen aussiehst. Ich wette, du hast seit Ewigkeiten keinen vollen Tag mehr gearbeitet.“

„Eine Weile ist’s sicher schon her“, gab Hugh zu. Er dachte nicht daran, seinen Freunden anzuvertrauen, dass er in den Wochen vor Weihnachten praktisch jeden Tag in der Firma gewesen war und wie ein Verrückter geschuftet hatte.

Und der Grund für seine plötzliche, völlig untypische Arbeitswut war noch verrückter: seine persönliche Assistentin.

Als er Kathryn Hart vor Monaten eingestellt hatte, konnte Hugh nicht ahnen, dass er sie eines Tages so unerhört sexy finden würde.

Sie war nicht schön im klassischen Sinn, ihre Züge waren etwas zu flächig, die Wangenknochen zu hoch und die Lippen etwas zu breit. Beim Bewerbungsgespräch hatte er übersehen, wie kurvenreich ihre Figur war, ihn hatten einfach nur ihre hochkarätigen Bewerbungsunterlagen beeindruckt.

Aber natürlich war er damals unter Zeitdruck gewesen. Die Entscheidung seines Vaters, ihm die Leitung der Verlagssparte von Parkinson zu übertragen, hatte ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Eigentlich hatte er gar nicht vorgehabt, irgendetwas zu übernehmen, jedenfalls nicht, solange sein Vater lebte. Und obwohl Richard – Dickie – Parkinson im Lauf der Jahre gewissenhaft dafür gesorgt hatte, dass sein Sohn und Erbe grundlegende Einblicke in alle Betriebsbereiche seines diversifizierten Imperiums erhielt, war er nicht der Typ, der die Regentschaft so leicht abgab.

Überraschenderweise hatte die unerwartete Machtübergabe bei Hugh alles andere als Begeisterung ausgelöst.

Und da er nicht daran dachte, sich von seinem gewohnten unbeschwerten Leben zu verabschieden, hatte er sich prompt nach einer persönlichen Assistentin mit überragender Erfahrung im Verlagsgeschäft umgesehen – einer absolut tüchtigen, selbstständig arbeitenden Kraft, die für ihn einspringen konnte, wenn er nicht in der Firma war. Da war ihm Kathryn Hart als ideale Besetzung erschienen … eine sachlich kühle Person, die nicht mit ihm zu flirten versuchte wie andere Kandidatinnen.

Wie hätte er auch ahnen können, dass Miss Supertüchtig ihn buchstäblich unter Druck setzen würde, die Verantwortung auch zu übernehmen, die sein Vater ihm übertragen hatte, oder dass er sie zunehmend sexy finden würde, sie mit jedem Tag mehr begehrte?

Damit wurde die Situation immer vertrackter. Er konnte nichts dagegen tun, dass er tiefere Gefühle für sie zu entwickeln begann. Und warum nicht? Weil Kathryn schon verlobt war. Schlimmer noch – in Kürze wollte sie heiraten.

Obwohl die meisten Hugh für selbstbezogen und leichtlebig hielten, war er in Wirklichkeit empfindsam und rücksichtsvoll, stets darauf bedacht, die Gefühle anderer nicht zu verletzen. Und einem anderen die Frau wegzunehmen kam für ihn nicht infrage. Für ihn stand Sex ganz oben auf der Liste der wichtigen Dinge im Leben – aber nur, solange sich daraus keine Komplikationen entwickelten.

Wäre Kathryn frei gewesen, hätte Hugh einfach versucht, sie zu verführen, sodass die tägliche Arbeit in der Firma für ihn zum spannenden erotischen Dauerlauf geworden wäre. So jedoch durfte er sich nicht einmal anmerken lassen, dass er seine persönliche Assistentin begehrte. Und das war er nicht gewöhnt. Er hatte jedes Interesse an anderen Frauen verloren, fand sie inzwischen richtig langweilig. Im Moment faszinierte ihn nur eine einzige.

Und ausgerechnet sie konnte er nicht haben. Das war ihm noch nie passiert.

„Bist du jetzt ins Penthouse deines Dad übergesiedelt?“, fragte James.

Hugh schüttelte den Kopf. „Er hat es mir angeboten, aber ich wollte nicht. Mein eigenes Apartment in Bondi ist mir lieber.“

Ohne die Hilfe seines Vaters hatte er es vor Jahren von einem Vermögen gekauft, das er an der Börse verdient hatte. Das Geld für die Aktien hatte er sich als Student in den Sommerferien mit Obstpflücken verdient, während seine Freunde glaubten, er würde in Europa Ski laufen. Er hatte sich kreuz und quer durch Australien gejobbt, um sich zu beweisen, dass er das Geld seines Vaters nicht brauchte und ebenso hart arbeiten konnte wie andere.

Eine Sache des männlichen Stolzes.

Sein kürzlich neu eingerichtetes, inzwischen sehr wertvolles Apartment mit Blick auf den Bondi Beach lag nur wenige hundert Meter von der Felsenbucht entfernt, wo er morgens bei jedem Wetter schwamm. Sein Apartment war ein ideales Junggesellennest, nicht zu groß, aber es bot alles, was ein Single sich wünschen konnte.

In dem viel zu weitläufigen, luxuriösen und eher seelenlosen Penthouse seines Vaters zu wohnen reizte ihn nicht, obwohl es sich in der Stadt direkt über den Büroetagen von Parkinson Media befand.

„Aber dann müsstest du nicht täglich in die Stadt fahren und würdest nie zu spät kommen“, gab James zu bedenken. „Das würde auch deiner persönlichen Assistentin gefallen, die dich ständig anruft. Wie heißt die Sklaventreiberin noch?“

„Kathryn.“ Die Vorstellung, nie zu spät zu kommen, ließ Hugh schaudern. Zu spät zu kommen war das einzige Machtmittel, das er bei der kleinen Hexe ausspielen konnte.

Pünktlichkeit war Kathryns Tick, und er wusste, dass es sie auf die Palme brachte, wenn er zu spät kam.

Oje, da fiel ihm ein …

Hugh blickte auf die Uhr. Fast Mittag. Für den Nachmittag war eine Vorstandssitzung angesetzt. Zu der durfte er auf keinen Fall zu spät kommen. Das wäre den anderen Direktoren gegenüber unhöflich und passte nicht zum Firmenchef, auch wenn er die Rolle nur vorübergehend spielte. Er musste einen guten Eindruck machen.

Nur gut, dass er in weiser Voraussicht einige Sachen ins Penthouse seines Vaters geschafft hatte, sodass er sich dort notfalls duschen und umziehen konnte. Im saloppen Golfoutfit durfte er sich bei der Sitzung nicht präsentieren.

„Tut mir leid, Jungs, aber ich kann nicht bleiben.“ Hugh trank den Rest seines Biers in einem Zug aus. „Muss am Nachmittag an einer wichtigen Sitzung teilnehmen.“

Einfach göttlich, die verdutzten Gesichter seiner Freunde!

Hughs Lächeln verschwand, als er bei seinem Wagen ankam. Mit grimmiger Miene glitt er hinters Lenkrad seines Sportflitzers und startete den Motor.

In einer guten Viertelstunde würde er im Zentrum von Sydney, in knapp zwanzig Minuten in der Höhle der Löwin sein.

Widerstreitende Gefühle kämpften in ihm, er beschleunigte das Tempo des Ferrari. Er begehrte Kathryn, fühlte sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen, doch der Verstand sagte ihm, dass er so nicht weitermachen konnte. Eines Tages würde er sonst noch eine Klage wegen sexueller Belästigung am Hals haben.

War es nicht vernünftiger, die Frau loszuwerden?

Aber wie?

Wiederholt hatte Hugh sich den Kopf darüber zerbrochen, nach einem Vorwand gesucht, Kathryn ein für alle Mal aus seinem Leben zu verbannen. Doch sie war unerhört tüchtig und gewissenhaft, machte einfach keine Fehler, kam nie zu spät oder ging zu früh. Sie war die ideale persönliche Assistentin.

Es hatte sie nicht im Geringsten beeindruckt, dass er vorübergehend zum Chef von Parkinson Media aufgestiegen war. Ohne mit der Wimper zu zucken, war Kathryn in die Rolle der Vorstandsassistentin geschlüpft, nachdem die tüchtige Sekretärin seines Vaters ihren wohlverdienten Urlaub genommen hatte, während ihr Chef durch die Weltgeschichte gondelte.

Nun blieb Hugh nur die Hoffnung, dass Kathryn in fünf Wochen heiratete …

Nicht, dass sie vorhatte, längere Flitterwochen einzulegen. Den Gefallen tat sie ihm nicht. Miss Arbeitswut wollte an einem Freitagabend im kleinen Kreis den Bund fürs Leben schließen, anschließend zwei Tage in einem Stadthotel flittern und Montag früh wieder pünktlich im Büro antreten!

Aber vielleicht wurde Kathryn bald Mutter. Er wusste, dass sie auf dreißig zuging, ein Alter, in dem Frauen bewusst wurde, dass ihre biologische Uhr tickte. Da war doch wohl anzunehmen, dass sie schleunigst ein Baby bekommen wollte. Beim Kaffee hatte sie kürzlich angedeutet, sich zwei Kinder zu wünschen, erst einen Jungen, dann ein Mädchen.

Der Himmel wusste, wie sie das anstellen wollte! Doch wenn jemand es schaffte, dann Kathryn. Sie schien ihr ganzes Leben genau geplant zu haben.

Dennoch würde eine Schwangerschaft seine Probleme noch nicht endgültig lösen. Bestimmt würde Kathryn bis zur Geburt des Babys arbeiten. Sie war der Typ dafür!

Hugh presste die Lippen zusammen. Konnte er das noch mindestens ein Jahr durchstehen?

Ihm würde wohl nichts anderes übrig bleiben.

Doch eins konnte er dann tun: Kathryn einen großzügigen Mutterschaftsurlaub anbieten. Sechs Monate bei vollem Gehalt. Notfalls sogar zwölf.

Nein, das wäre wohl zu schwer zu erklären. Sechs Monate, mit mehr würde er nicht durchkommen. Hoffentlich war Kathryn dann so vernarrt in ihren kleinen Sohn – wenn es einer wurde –, dass sie zu arbeiten aufhörte.

Das wäre die Lösung seiner Probleme!

Bis dahin musste er andere Möglichkeiten finden, mit der Situation fertig zu werden. Und sich Kathryn aus dem Kopf schlagen.

Am besten, er suchte sich eine neue Freundin, eine scharfe Kleine. Kandidatinnen gab es genug. Wenn er sich für eine üppige Brünette entschied, konnte er sich vormachen, sie wäre Kathryn.

Das Geschäftszentrum von Sydney kam in Sicht, und Hughs Magen verkrampfte sich. Hoffentlich trug sie heute nicht wieder das verteufelt knappe schwarze Kostüm, das er ihr am liebsten vom Leib gerissen hätte, als sie darin in sein Büro kam …

Das Glück war ihm nicht hold, musste Hugh erkennen, als er die Räumlichkeiten betrat, die für ihn schon vor Jahren zur „Höhle des Löwen“ geworden waren. Damals war sein Vater der Löwe, weil er alle anbrüllte. Jetzt herrschte dort eine Löwin!

Kathryn brüllte zwar nicht, aber sie konnte einem genauso zusetzen.

Hugh versuchte, gelassen zu bleiben, als sie bedeutsam auf die Uhr und dann auf seinen Golfaufzug blickte.

„So wollen Sie doch hoffentlich nicht in die Vorstandssitzung gehen?“, bemerkte sie kühl.

Hugh warf ihr einen amüsierten Blick zu. „Kathryn, nicht einmal ich würde es wagen, mir so etwas herauszunehmen. Ich gehe kurz in Dads Penthouse und ziehe mich um. Wegen der Vorstandssitzung habe ich am Sonntag einige Anzüge herübergeschafft“, setzte er hinzu, ehe sie ihn fragen konnte, was er anziehen wolle.

„Mitdenken ist alles.“ Er genoss es, den überraschten Ausdruck in ihren sonst so kühlen grauen Augen zu sehen. „Würden Sie mir inzwischen einen Kaffee und ein Clubsandwich bestellen? Sie wissen ja, was ich mag. Es soll in …“, er blickte auf seine Rolex, „zwanzig Minuten hier sein“, erklärte er.

Nur gut, dass er zum Penthouse seines Vaters mit dem Privataufzug hinauffahren konnte, sonst hätte er nochmals an seiner gestrengen Assistentin vorbeigemusst.

2. KAPITEL

Kathryn zählte bis zehn, um sich zu beruhigen, ehe sie zum Hörer griff und den Snack bestellte.

Meine Güte! Sollte ein Mann es je schaffen, sie auf achtzig zu bringen, dann Hugh Parkinson!

Anfangs hatte sie gezögert, sich bei ihm um den Posten als persönliche Assistentin zu bewerben. Von Männern, die mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund geboren waren, hielt sie absolut nichts. Und für so einen zu arbeiten reizte sie noch weniger. Einer ihrer früheren Chefs war reich geboren und im zarten Alter von vierundzwanzig von seinem liebenden Großvater mit einem Zeitungsverlag beglückt worden. Der Kerl war stinkfaul gewesen.

Dennoch hatte Kathryn dort viel gelernt, weil sie für ihn praktisch die ganze Arbeit machen musste. Dabei hatte sie auch erfahren müssen, dass junge reiche Schnösel oft versuchten, ihren weiblichen Angestellten zu nahe zu treten. Nachdem sie die Stelle gekündigt hatte, war sie in der Wahl ihrer Chefs sehr viel vorsichtiger geworden. Gut aussehende Playboys, die mehr Geld als Moral besaßen, kamen für sie nicht mehr infrage. Da war es nur verständlich, dass sie gezögert hatte, für den reichsten, angeblich bestaussehenden Playboy von Sydney zu arbeiten.

Aber das stolze Gehalt, das Hugh Parkinson geboten hatte, war dann doch zu verlockend gewesen, und sie hatte sich beworben.

Eins musste Kathryn ihm lassen: Er hatte das Einstellungsgespräch unerwartet geschäftsmäßig geführt. Im Stillen hatte Kathryn sich eingestehen müssen, dass sie beeindruckt war. Richtig geschmeichelt hatte sie sich gefühlt, als Hugh Parkinson ihr nach dem zwanzigminütigen Kreuzverhör eröffnete, sie sei genau das, was er suche, und sie auf der Stelle einstellte. Taktischerweise hatte sie sich für das Bewerbungsgespräch bewusst unauffällig hergerichtet: wenig Make-up, das Haar zur Nackenrolle gewunden, kaum Schmuck, dunkelblaues Nadelstreifenkostüm, das etwas locker saß, seit sie regelmäßig ins Fitnesscenter ging.

Vorher hatte sie sich überlegt, dass die meisten Bewerberinnen sich besonders schick oder sogar sexy zurechtmachen würden, in der Hoffnung, den Frauenheld Hugh Parkinson zu beeindrucken und die Stelle zu bekommen.

Nachdem er jedoch nicht einmal versucht hatte, mit ihr zu flirten, war Kathryn zu dem Schluss gekommen, dass die Boulevardblätter ihm möglicherweise Unrecht taten. Er war kein Playboy, hatte sie an jenem Tag entschieden, sondern ein ernsthafter Geschäftsmann, der durch sein Junggesellendasein und sein fabelhaftes Aussehen unschuldig zur Zielscheibe reißerischer Storys über sein Liebesleben geworden war.

Erst später, etwa einen Monat nachdem Kathryn die Stelle angetreten hatte, sollte sie entdecken, wie gewaltig sie sich geirrt hatte. Hugh Parkinson war tatsächlich so, wie er in den Gazetten dargestellt wurde – und genauso arbeitsscheu wie ihr früherer Chef. Hugh wollte keine Assistentin, sondern eine Stellvertreterin, die ihm die ganze Arbeit abnahm, während er sich bei stundenlangen Lunchpausen, beim Golf und mit immer neuen Damen amüsierte, die das Büro mit Anrufen bombardierten und ihm nachjagten.

Nein, das sollte ihr kein zweites Mal passieren! Taktvoll, aber unmissverständlich hatte Kathryn dem guten Hugh klargemacht, dass die Redakteure der zahlreichen Zeitschriften von Parkinson – jedenfalls diejenigen, für die er verantwortlich sei – nicht mit seiner Assistentin verhandeln wollten. Sie wollten mit ihm – ihrem Chef – sprechen, ihm Vorschläge machen und erwarteten, dass er die zahlreichen, täglich anfallenden Entscheidungen selbst traf.

Als er anfangs nur gelegentlich im Verlag erschienen war, hatte sie ihn ständig zu Hause angerufen und an seine Verpflichtungen erinnert, bis er es offenbar einfacher gefunden hatte, täglich wenigstens einige Stunden im Büro zu verbringen.

Darüber hätte Kathryn glücklich sein müssen.

Doch sie war es nicht.

Sie hätte nicht sagen können, warum, aber Hughs ständige Anwesenheit begann sie zu nerven.

Genau wie Daryls ewige Eifersucht.

„Kein Mann möchte, dass seine Freundin für einen Milliardär arbeitet“, hatte Daryl sich beklagt, kurz nachdem sie die Stelle angetreten hatte. „Schon gar nicht, wenn er einen Ruf hat wie Hugh Parkinson. Was machst du, wenn er Annäherungsversuche unternimmt? Oder dich auffordert, ihn zu einer Konferenz oder so etwas zu begleiten?“

Daraufhin hatte sie Daryl zu beruhigen versucht, ihm erklärt, seine Befürchtungen seien absurd, sie liebe ihn, nur ihn, und würde sich von einem Playboy wie Hugh Parkinson nie den Kopf verdrehen lassen.

Das solle sie ihm beweisen, hatte Daryl gefordert, indem sie ihn heiratete.

Doch davor war Kathryn zurückgeschreckt. Sicher, irgendwann wollte sie heiraten, aber insgeheim fürchtete sie sich vor einer endgültigen Bindung. Im Laufe der Jahre hatte sie sich zu oft in den Falschen verliebt.

Dann waren jedoch zwei Dinge geschehen, die sie dazu bewogen hatten, es sich anders zu überlegen. Erst war ihre Freundin Valerie dem Krebs erlegen, gegen den sie jahrelang gekämpft hatte. Und obwohl ihr Tod nicht unerwartet gekommen war, hatte er Kathryn sehr mitgenommen. Dann hatte sie kurz nach Valeries Beerdigung ein Schreiben von deren Anwalt erhalten, der Kathryn mitteilte, seine Mandantin habe ihrer besten Freundin das Strandhaus vermacht, vorausgesetzt, sie heirate vor ihrem dreißigsten Geburtstag. Sollte sie am fraglichen Tag noch ledig sein – der nur noch wenige Monate entfernt war –, solle das Haus verkauft werden und der Erlös an die Krebsforschung gehen.

Anfangs hatte Kathryn es als Erpressung empfunden, dass ihre Freundin sie auf diese Weise zur Ehe zwingen wollte. Doch dann war sie Valerie dankbar gewesen, weil ihr auf diese Weise eine Entscheidung abverlangt wurde.

Na gut. Daryl war nicht vollkommen, aber sie selbst schließlich auch nicht. Wenn sie wartete, bis der Mann ihres Lebens daherkam, würde sie möglicherweise als alte Jungfer enden.

Seltsamerweise hatte Daryl sich anfangs nicht sonderlich begeistert gezeigt, als Kathryn seinen Antrag annahm. Sie liebe ihn nicht wirklich, hatte er ihr vorgehalten, wolle ihn nur heiraten, um das Haus in Pearl Beach zu erben, das viele Millionen wert sei. Doch sie hatte ihm versichert, das Strandhaus nie zu verkaufen, weil es für sie mit so vielen lieben Erinnerungen verbunden sei.

Nachdem Kathryn sich entschieden hatte, ihn zu heiraten, fing sie prompt an, gemeinsame Zukunftspläne zu schmieden. Natürlich hatte sie den Ring ausgesucht – Daryl hätte bestimmt einen zu teuren gewählt. Systematisch begann sie, die Hochzeit zu planen: eine kleine, nicht zu teure Trauung mit anschließendem Empfang für nur zehn Gäste, danach würde sie mit Daryl zwei Tage in einem Stadthotel flittern, weil das nicht viel kostete.

Als er das geizig fand, hatte sie ihm erklärt, sie wolle ihr schwer verdientes Gespartes nicht für eine Feier und eine Hochzeitsreise vergeuden, die im Nu vorbei seien. Sie brauchten jeden Cent für die Anzahlung eines Hauses.

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