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Alles auf Rot: Der 1. FC Union Berlin

Über Jan Böttcher

Jan Böttcher, 1973 in Lüneburg geboren, war zunächst als Songtexter und Sänger mit der Berliner Band Herr Nilsson zu hören. Seit 2003 hat er vier Romane veröffentlicht. Die beiden jüngsten standen an der Spitze der SWR-Bestenliste.
Bei Aufbau erscheint 2018 sein neuer Roman »Das Kaff«. Jan Böttcher lebt in Berlin.
Weitere Informationen unter: www.ypsilon-roman.de und www.janboettcher.com.

Frank Willmann, geboren 1963 in Weimar. 1984 Ausreise nach Westberlin. Schriftsteller, Publizist. Coach der Autorennationalmannschaft. Zuletzt erschienen: »Mauerkrieger« (2013) und »Kassiber aus der Gummizelle – Geschichten vom Fußball« (2015). Herausgeber der Reihe »Fußballfibel – Bibliothek des Deutschen Fußballs«. Frank Willmann lebt in Berlin.

Marcus Gruber, geboren 1985 in Sachsen. Lebt und arbeitet als Illustrator und Dozent in Berlin.
Mehr Informationen zum Illustrator unter www.marcus-gruber.com

Informationen zum Buch

Zusammen sind wir weniger allein

25.000 Menschen, die gemeinsam Weihnachtslieder singen, ein Stadion, das von den Fans finanziert wurde, eine Hymne von Nina Hagen, ein Platz, auf den man im Sommer sein Sofa stellen kann, um WM zu schauen. Die Fußballkultur des 1. FC Union Berlin ist einzigartig und die Saison 16/17 die spannendste der Vereinsgeschichte. Hier wird alles erstmals umfassend erzählt: von den besten deutschen Autoren.

»Alles auf Rot« erzählt die Faszination eines Heimspiels mit allen Facetten, aufgeschrieben u. a. von Hertha-Fan Thomas Brussig, Ruhrpottjunge Christoph Biermann, Alltagsphilosoph Wolfram Eilenberger und Last-Minute-Union-Fan Sönke Wortmann. Tiefgang bekommt das Buch durch die stärksten Geschichten der Clubhistorie und wichtigsten Institutionen abseits des Platzes. Journalist Ingo Petz macht einen Rundgang und erzählt en passant die einzigartige Geschichte des Stadionausbaus. Michael Kröchert beschreibt das magische Gefühl beim Weihnachtssingen. Drehbuchautor Torsten Schulz lässt die Legende der 68er-Mannschaft neu aufleben, und Andreas Merkel erweckt den Mythos Wolfgang Matthies neu. »Alles auf Rot« ist ein Denkmal für alle Fans. Und eine mitreißende Empfehlung an alle, es zu werden.

Mit den Erstligaautoren Benedict Wells, Ronja von Rönne, Christoph Biermann, Moritz Rinke, Thomas Brussig, Wolfram Eilenberger, Annett Gröschner, Sönke Wortmann, Jochen Schmidt, Torsten Schulz, Lucas Vogelsang u. v. m.

Der 1. FC Union Berlin

ALLES AUF ROT

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Herausgegeben von Frank Willmann und Jan Böttcher

Mit Illustrationen von Marcus Gruber

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EISERN VEREINT

ANSTOSS — Jan Böttcher

ENDE DER ROMANTIK — Stefanie Fiebrig

WERNER LÄSST SIE ZIEHEN — Nikita Afanasjew

DER PRÄSIDENT — Ein Interview mit Dirk Zingler — Norbert Kron

UNION VON OBEN — Jochen Schmidt

HINTERM OSTKREUZ — Chris Deutschländer

ZINNOBER UND KADMIUM — Manuela Thieme

GEGENGERADE — Torsten Schlüter

MENSCH HARRY — Ein Interview mit Harald Layenberger — Frank Willmann

DIE GEGENWARTSSCHRUMPFUNG — Christoph Biermann

ALLES ANDERE ALS EINE KOMFORTZONE — Imran Ayata

DER TRAINER — Thomas Klupp

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DAS KLEINE MOTORRAD UND ANDERE LEGENDEN

JIMMY — Torsten Schulz

DIE SCHLOSSER VON SEKTOR 3 — Annett Gröschner

SKRZYBSKI — Sönke Wortmann

TUSCHE — Marius Hulpe

DER KLEINE — Johannes Ehrmann

NIKA — Victor Witte

DER CHRONIST — Michael Wolf

UNION AIR BERLIN — Wolfram Eilenberger

EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE AUS KÖPENICK — Michael Kröchert

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LIVE AUS DER ALTEN FÖRSTEREI

DIE SCHWEIGENDE MEHRHEIT — Philipp Reinartz

DRESDEN UND ANDERE SPIELTAGSGEDICHTE — Jan Böttcher

AN DER SCHWELLE — Benedict Wells

DIT BRAUCH ICK — Gunnar Leue

DIE ALTE, ALTE, ALTE FÖRSTEREI — Ingo Petz

IM CHOR DER MEUTE — Christoph Nussbaumeder

DIE WAHRHEIT ÜBER POLTER — Moritz Rinke

DEM TORWART SEIN BIER — Andreas Merkel

ICH WAR EINMAL EIN EISERNES MÄDCHEN — Ronja von Rönne

IN DER JUKEBOX — Florian Werner

KNEIPE, UNION — Lucas Vogelsang

KEINE PFEIFEN — Thomas Brussig

TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN — Uli Hannemann

SCHRIFTLICHE VIDEOANALYSE — Daniel Roßbach

JAN BÖTTCHER
ANSTOSS

1

Ein kalter Februarmorgen 2017, ich rolle mit der S3 vom Berliner Ostkreuz in Richtung Köpenick. Mit der Straßenbahn geht es in den alten Ortsteil, zwischen den Wassern von Dahme, Spree und Müggelspree liegt die Freiheit 15, eine Restauration, in der wir uns mit den Verantwortlichen des Vereins treffen. Mit am Tisch sitzt auch Jochen Lesching, der seine Union-Karriere als Stadionheftmacher begann, später den Wirtschaftsrat mitgegründet hat und heute als Vorstandsvorsitzender der Union-Stiftung tätig ist. Wir haben uns bei Kaffee und Schrippen schon eine Weile angeregt über die Zukunft dieses Buches unterhalten, als Lesching sagt:

»Wir haben mittlerweile das Selbstverständnis: Union ist der Gesellschaft ein Stück voraus. Und womöglich können wir ihr etwas zurückgeben, was sie im Karussell des Kommerzes nicht mehr abbildet.«

Das Statement ließ mich seitdem nicht mehr los. Wohl auch, weil es sich mit einem Verdacht deckte, der mich nach einem halben Jahr persönlicher Annäherung an diesen Verein bereits beschlichen hatte. Etwas war anders im Staate Köpenick. Etwas wurde Eisern gerufen, war aber aus menschlicher Wärme gemacht. Etwas war laut, kam aber erstaunlicherweise gar nicht aus den Lautsprecherboxen. Etwas war offen und im Prozess – unbefestigt also wie der Waldweg hinter dem Stadion.

2

Die Verwirrung hatte gleich bei meinem ersten Stadionbesuch im Sommer begonnen. Ein Montagabend, Dynamo Dresden war zu Gast, mein Mitherausgeber sprach von einem Hochsicherheitsspiel, ich war sehr aufgeregt und freute mich auf das Ostduell. Aber dann trat der Presse- und Stadionsprecher Christian Arbeit auf den Rasen und verabschiedete die langjährige Vereinsbeauftragte für Menschen mit Handicap, Janine Jänicke, die mit 47 Jahren bei einem Motorradunfall tragisch ums Leben gekommen war. Ihr Bild auf der Leinwand, seine Trauerrede, statt Schweigeminute frenetischer Applaus, und selbst neben uns flossen die Tränen – auf der Pressetribüne.

Was ist ein Verein? Ein Verein ist einer, der die Menschen in sich aufnimmt, der niemanden alleine lässt, schrieb ich noch während des Fussballspiels angerührt in mein Stadionheft. Woraus zieht er seine Identität und seine Energie im Alltag? Er will ja eine Familie sein, also muss er Rückschläge hinnehmen und weitermachen, er muss die Toten in sich aufnehmen wie die Lebenden, die Siege wie die Niederlagen. Union lag derweil gegen Dynamo zurück, drehte das Spiel und führte, spielte schließlich unentschieden. Es war an diesem Abend nicht wichtig, ich war völlig durcheinander. Am Biergarten auf der Waldseite kondolierten Hunderte von Fans. Später übernahm der beim Unfall schwerverletzte Ehemann der Verstorbenen ihren Posten im Verein.

Immer wieder während der Saison sagte ich mir: Du fährst da jetzt als schreibender Fußballer hin. Weil du es liebst, wenn die Mannschaft gewinnt. Weil sie diese Erfolgsserie gestartet hat und vor Selbstbewusstsein strotzt. Weil sie derzeit so gut presst, dass der Gegner den zweiten Ball schon verloren gibt, wenn der erste noch gar nicht gespielt ist. Es macht richtig Spaß, dieser Mannschaft zuzusehen. Jetzt ist sie sogar Tabellenführer, ist das zu fassen!?

Das alles redete ich mir ein, obwohl ich längst verstanden hatte, dass mir jeder Spieltag weit mehr zu bieten hatte als neunzig Minuten Fußball. Ich hätte schon taub und blind sein müssen, um die Anfahrt durch Berlin nicht bereits zum Erlebnis 1. FC Union zu zählen. Egal wie früh ich auch aufbrach, überall in der S-Bahn unterhielten sich Fangrüppchen über ihre kleine Familie, über Arbeit, Urlaubspläne und Auswärtsspiele. Redselige Menschen, mit denen jeder schnell ins Gespräch fand. Als sich der Berliner Zugführer nach einer Minute Stillstand am S-Bahnhof Karlshorst zu einem »Ma die Tür freimachen, sonst jeht’s nisch weita« aufraffte, klang seine Stoffeligkeit wie aus einer fernen Welt. Und mir ging Leschings Satz wieder durch den Kopf: Vielleicht war diese rot-weiße Menge gar nicht der Querschnitt der Berliner Gesellschaft, sondern sie lebte in ihrer Verbundenheit zu Union ein glücklicheres Dasein.

3

In Zeiten des drohenden Konkurses oder Lizenzentzugs haben Widerständigkeit und Kampfbereitschaft den 1. FC Union Berlin am Leben erhalten, fast immer von innen, auch durch Initiativen aus der Fanszene. Die jüngste Vereinsgeschichte hat aber auch Aktionen zu bieten, die weit über die Stadt Berlin hinaus für Furore sorgten und die heute jeder Fußballinteressierte mit dem 1. FC Union verbindet: der von den Fans und Mitgliedern in Eigenregie durchgeführte Stadionausbau der Jahre 2008–2009, und das berühmte Weihnachtssingen, das alljährlich aus 20 000 Kehlen im Stadion An der Alten Försterei zu hören ist. Beide haben ihren festen Platz auch in »Alles auf Rot«.