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Alles Neiße, Oder?

INHALT

  1. Es war einmal ein Land, das »Drüben« hieß
  2. Schwein gehabt
  3. Der Hahn ist tot
  4. Bessere Zeiten
  5. Ente sei Dank
  6. Den oder keinen
  7. Von einfachen Wahrheiten
  8. Heiliger Bimbam – offiziell erwachsen
  9. Regeln, die die Welt nicht braucht
  10. Meine abgeschottete Welt
  11. Ich bin so frei
  12. Der mit dem Grill tanzt
  13. Aktion Bummiflocke
  14. Das Rote Kloster
  15. Betteln und Hausieren verboten
  16. Zur Feier des Tages kein Schnitzel
  17. Bis zum Schwarzen Meer und zurück
  18. Die Entscheidung
  19. Großes Theater in der Republik
  20. Tschüss DDR
  21. Golden Eagle im Westen
  22. Nachwort
  23. Danke

ES WAR EINMAL EIN LAND,
DAS »DRÜBEN« HIESS

Nelke

Ein Prolog

Viel länger noch als dem Fernsehen bin ich einem Theater treu, das sich auf die Aufführung von Märchen spezialisiert hat. Als wir es Mitte der Achtzigerjahre gründeten, lebte ich noch drüben. In Leipzig, in der DDR. Drüben, das wurde mir später bewusst, war eigentlich beides: Man meinte damit immer die andere Seite Deutschlands, die nämlich, wo man nicht war. Wenn der Leipziger sagte: »Ich geh nach drüben« oder besser »Isch moach nübbor«, wollte er in den verheißungsvoll gelobten Westen. Und wenn der Kölner den guten Kaffee ins Paket legte, tat er das für die Verwandten im Osten, denn: »Die da drüben haben ja nix.«

Heute gibt es »Drüben« nicht mehr. Die Mauer ist weg. Wenn ich durch Berlin laufe, fällt es mir schwer, ihren Verlauf genau nachzuvollziehen. Allenfalls anhand der Pflastersteine, die ihn dezent markieren.

Ich war eine der knapp siebzehn Millionen zwischen der Mauer und den beiden Grenzflüssen zu Polen. Alles Neiße, Oder? Nein, es war dort weder alles »nice« noch alles scheiße, aber anders und ganz bestimmt sehr verschieden. Ich war achtundzwanzig, also genauso alt wie der sogenannte antifaschistische Schutzwall noch werden sollte, als ich dieses Land mit einem genehmigten Ausreiseantrag verließ – ein Jahr vor der Wende. Zu dieser Zeit dachte ich, hier wird sich nie etwas ändern, in diesem sonderbaren Staat. Vieles war so abstrus und kommt mir mit den Jahren immer unwirklicher vor. Vor allem manche Strukturen der DDR-Diktatur. Wenn das, was in den vierzig Jahren passierte, nicht so erschreckend real gewesen wäre, könnte man fast glauben, es sei ein Märchen gewesen. Daher möchte ich – bevor ich meine eigene Geschichte beginne – erst von einem Land aus längst vergangener Zeit erzählen:

Es war einmal ein »real existierendes sozialistisches« Wunderland, aus dem es nur Schönes zu vermelden gab. Dafür sorgte ein König. Der war nicht sehr groß von Wuchs, eher etwas mickrig und dünn. Das galt auch für seine Stimme. Bei seinen energischen Reden überschlug sie sich oft und brach dann mitten im Wort ab, sodass er das Ende vernuschelte. Damit ihn das Volk trotzdem ernst nahm, beauftragte er seine Lakaien, in jede öffentliche Stube ein Bild von ihm zu hängen, auf dem er durch seine Brille sehr streng auf den Betrachter herabsah. Anstatt einer Krone und eines Zepters trug er ein ovales Abzeichen mit roter Fahne und Händedruck an seiner linken Brust. Das war das Symbol seiner Partei, zu deren Anführer er sich Jahr für Jahr einstimmig wählen ließ.

Die Partei verlieh ihm viel Macht, denn sie hatte sich alle guten Geschichten für eine bessere Welt auf ihre Fahnen geschrieben. Aber was davon übrig blieb, waren nur Parolen wie »Vorwärts zum Sieg des Sozialismus!« oder »Alles zum Wohle des Volkes!«, die als Spruchbänder über Ruinen und abgeblätterten Fassaden hingen.

Beim Volk kam das nicht besonders gut an. »Was soll das? So verliert ihr jeden Bezug zum Leben«, fürchtete es.

»Macht nix!«, sagte die Partei. Sie behauptete fortan einfach, dass sie immer recht habe, und ließ ein Lied komponieren, das vom königlichen Hofstaat gerne gesungen wurde und dessen Refrain ein richtiger Ohrwurm war: »Die Partei, die Partei, die hat immer recht, und Genossen, es bleibe dabei …«1

Diese Sturheit und Rechthaberei bescherte den Menschen im Wunderland viel Unrecht. Nur durften sie darüber nicht sprechen. Zur Kontrolle hatte der König eine Garde von Kobolden ausgesetzt, die überall lauerten und mit ihren Riesenlauschern selbst durch Wände und Leitungen hindurch alles hörten. Die Kobolde verpetzten dann diejenigen, die anders dachten und dies sogar laut zu tun wagten. Ihnen drohten harte Strafen.

Manche hatten auf all das keine Lust mehr und packten ihre Siebensachen. Da wurden König und Kobolde böse und bauten über Nacht eine Mauer um das Land. Die galt als unüberwindbar, denn sie hatte nicht nur Dornen, sondern wurde auch durch Minen, Selbstschussanlagen und Wachen mit Schießbefehl gesichert. Das Volk war entsetzt. Doch der König, ein gerissenes Kerlchen, erklärte, dies sei keine Mauer – denn »niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!«2 –, sondern ein »antifaschistischer Schutzwall«, der seine Menschen vor bösen Feinden schützen werde.

Feinde? Nein, die konnte das Volk nicht gebrauchen. Es hatte einen furchtbaren Krieg hinter sich und musste zusehen, dass es satt wurde und wieder ein ordentliches Dach über den Kopf bekam. Deshalb begannen viele daran zu glauben, dass alles in Ordnung war, und machten es sich lieber in ihrer Datsche gemütlich und schenkten sich noch ein Glas Rotkäppchensekt ein, anstatt weiter zu grübeln.

Damit keiner mehr eine dumme Frage stellte, ließ der König den Menschen eine Schere in den Kopf pflanzen. Das tat nicht weh, es passierte still und leise, ohne OP-Termin. Flupp, war sie drin. In der Regel geschah dies schon im Kindergarten in den Tagen vor dem 1. Mai. Die Kleinen übermannte dann plötzlich wilder Eifer, Mainelken aus rotem Krepppapier zu basteln, mit denen sie den Staatsoberen auf der Bühne zuwinken durften, während sie zu Trommel und Fanfare freudig vorbeimarschierten. Später, in der Schule, wollten sie unbedingt »Junger Pionier« werden, »fröhlich sein und singen, stolz das blaue Halstuch tragen«.3 Sie sammelten Gläser, Flaschen und Altpapier für den Weltfrieden, während sich der König im Kalten Krieg mit den Nachbarstaaten austobte.

In seinem Reich glaubte er jetzt alles im Griff zu haben. Die Kobolde waren sehr fleißig, kontrollierten und krochen selbst in die kleinsten Schlupfwinkel hinein. Sie wählten sogar die Filme für ihre Untertanen aus, und auch die Musik. Gegen »gepflegte Beatmusik«4 hatte der König nichts, aber es gab einige Bands, die ihm zu viel von Freiheit und dergleichem sangen.

Seine einzige Schwäche war seine Kritikallergie. Deshalb durften nur Berichte über Verschönerung, Vergrößerung oder Verbesserung an die Öffentlichkeit. Er liebte die Worte mit einem »ung« am Ende so sehr, dass er sie in seinen Reden geradezu hinunterschluckte. Das wirkliche Leben interessierte den König nicht, und so engagierte er viele Märchenerzähler, die nur frohe Botschaften mit vielen »ungs« verkündeten.

Mit der Zeit aber begann sich der Wind, der durch das Wunderland wehte, zu drehen. Er kam mehr und mehr aus dem Westen und brachte Wellen mit, die über den ungeteilten Himmel in die Fernseh- und Radiogeräte der Arbeiter und Bauern flimmerten. Darin erfuhren die Menschen mehr über sich, als sie geahnt hatten, und sie fingen an, sich über die frohen Botschaften aus den eigenen Medien lustig zu machen. Aber nach außen hin machten fast alle weiter mit. Und darüber machten sich dann wieder fast alle lustig. So hatten die Untertanen eine Menge zu lachen. Manchmal, wenn sie nicht guter Dinge waren, übermannte sie auch die Wut.

Den Kobolden mit den großen Ohren blieb dies nicht verborgen. Sie wussten um die Kraft des Humors, und so liefen sie zum König, um Bericht zu erstatten.

Der aber hatte seinen eigenen Humor und reimte: »Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!«5

»Ja, ja, natürlich Majestät, natürlich«, nickten die Kobolde, »wir wollten es nur mal gesagt haben.«

»Wenn es unbedingt sein muss«, antwortete der König, »dann bauen wir eben eine Mauer, also ich meine einen Schutzwall, der bis in den Himmel reicht!«

»Äh … gute Idee, Majestät, gute Idee. Nur … äh … das geht leider nicht.«

»Wiewiewiewieso?« Die Stimme des Königs überschlug sich. Er wurde puterrot im Gesicht. »Alles geht im Sozialismus!«

»Richtig Majestät, richtig! Aber eine höhere Mauer … äh Schutzwall … das geht nicht, weil … wir haben Materialprobleme. Der Zement ist alle.«

»Ärch!« Der König verdrehte die Augen und japste nach Luft, denn mit Problemen konnte er nichts anfangen. »Dann müssen wir den Kapitalismus eben überholen, ohne ihn einzuholen!«, stieß er mit letzter Kraft hervor.

Der Hofstaat applaudierte. »Oh, Majestät! Majestät haben Ideen! Das wird der neue Parteitagsspruch!«

»Überholen ohne einzuholen!«6 Das verstand wirklich niemand mehr. Landesweit mussten deshalb die Nähte für die Scheren in den Köpfen überprüft werden. Doch leider war das Nähgarn von keiner besonders guten Qualität. Wurde es überspannt, riss es, und die Schere fiel raus.

Diejenigen, denen das passierte, sahen plötzlich die Wahrheit glasklar vor sich: Sie lebten in einem Königreich, das mehr Schein als Sein war. Viele waren so schockiert, dass sie sich freiwillig den Kobolden stellten und sich aus dem Land jagen ließen. Einige schrieben Briefe an den König oder reisten in andere Königreiche, um von dort über die Grenze zu fliehen.

Die Kobolde rannten verstört zu ihrem Gebieter: »Majestät, Majestät, wir haben wieder ein Problem. Uns laufen die Leute davon! Was machen wir denn jetzt?«

»Probleme, Probleme! Könnt ihr euch nicht mal was anderes einfallen lassen!«, schimpfte er und spürte, wie seine Luft knapper wurde. »Ärch! Wenn das so weitergeht, werde ich euch alle entlassen!«

»Oh nein, Majestät, was soll denn dann aus uns werden, wir tun doch alles …«

»Ruhe!«, unterbrach der König ihr Gejammer. »Ich habe eine Idee.«

Die Kobolde atmeten auf: »Wir sind ganz Ohr.«

»Ich werde den König des Nachbarlandes, meinen besten Freund und großen Bruder, um Rat fragen.«

Gesagt, getan. Der große Bruder kam und brachte zwei Gastgeschenke mit. Das eine nannte er Glasnost und das andere Perestroika. Offenheit und Umbau.

Doch diese Worte hatte der alte König noch nie gehört, deshalb konnte er auch mit ihren Inhalten nichts anfangen. Er war so verwirrt, dass er nicht einmal mehr schimpfen konnte. Verbittert zog er sich in sein Märchenschloss zurück.

Die Menschen aber hörten davon. Ihnen gefielen diese Geschenke. Sie gingen auf die Straße und riefen zu Tausenden: »Wir brauchen Freiheit«, »Demokratie – jetzt oder nie!« und »Wir sind das Volk!«

Mit diesen Schlachtrufen verloren die Kobolde ihre Zauberkraft. »Wwwas wwird ddenn das jetzt?«, stotterten sie.

Das Volk nahm allen Mut zusammen, stürzte die Mauer um und zwang den greisen König, endlich die Herrschaft abzugeben.

Die Kobolde hätten sich gern in Luft aufgelöst. Oder wenigstens all die Schriftrollen, die sie mit den Geheimnissen der Untertanen vollgepinselt hatten. Da beides nicht möglich war, versuchten sich viele unbemerkt unter das Volk zu mischen. Ihr Anführer versuchte sich zu retten, indem er stammelte: »Ich liebe … ich liebe doch alle … alle Menschen … na, ich liebe doch … ich setzte mich doch dafür ein.«7

Darüber mussten selbst einige Kobolde lachen.

Von einem auf den anderen Tag gab es das Wunderland nicht mehr. Die Menschen bekamen, was sie wollten: Freiheit, Demokratie und RTL. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wundern sie sich noch heute ...

Abb. 1

Märchen erzählen gehörte dazu. Weil die Bühnendeko immer ähnlich originell aussah, ist der Anlass hier nur noch schwer zu rekonstruieren. Das Selbstgestrickte passt in die Herbst/Winter-Saison, deshalb tippe ich auf den Tag der Republik, das Erntedankfest oder die Jahresendfeier, zu Deutsch: Weihnachten.

Das ist natürlich nur ein Märchen. Aber es kommt der Wahrheit schon ziemlich nahe. In diesem Buch erzähle ich Ihnen, wie es für mich wirklich gewesen ist: vom ganz normalen Alltag, von schrägen, lustigen und manchmal auch erschreckenden Erlebnissen, aber vor allem von den Menschen, die mir dort begegnet sind. Es sind meine Geschichten aus dem Osten.

SCHWEIN GEHABT

Nelke

Die DDR war natürlich kein Märchenland, sondern ziemlich real, und jeder, der dort gelebt hat, kann seine eigene Geschichte erzählen. Meine begann zu der Zeit, als Walter Ulbricht und Erich Honecker schon heimlich von der Mauer träumten und die ersten fabrikneuen Autos der Marke Trabant P50 über die holprigen Straßen tuckerten. Die VEB Chemiefaserkombinate hatten eine Kunstfaser entwickelt, die sie in Anlehnung an den Namen ihres Standortes Dederon tauften, und die dafür sorgte, dass seitdem alle weiblichen Erwachsenen meiner Umgebung in geblümten Kittelschürzen steckten.

Meine Familie mütterlicherseits hatte sich nach der Flucht aus Ostpreußen im östlichen Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt und versuchte in der kleinen Gemeinde Plötz heimisch zu werden. Opa hatte sich von seinem Nachbarn Theo gerade einen ausgedienten Pflugkarren besorgt. Und Oma war stolz, dass ihre Älteste so einen ordentlichen Abschluss als Lebensmittel-Fachverkäuferin hingelegt hatte und damit eine gesicherte Anstellung im Dorf konsum antreten konnte. Doch schon bald interessierte sich ihre Tochter nicht nur für Wurstaufschnitt und das Einräumen von Mehl und Zucker ins Verkaufsregal, sondern auch für einen jungen Mann aus dem Nachbarort, der sie beim Tanzen im Dorfgasthof wild über das Parkett gewirbelt hatte.

Die beiden waren sich ihrer Liebe schnell sicher, gaben sich nach kurzer Zeit das Jawort und zogen zu Oma und Opa ins Stübchen unter dem Dach.

Meine Mutter trug zu dieser Zeit am liebsten knielange Kleider mit Glockenrock, die Taille betont dünn und die Haare hochgesteckt wie Audrey Hepburn – nur blond. Mein Vater frisierte sich eine Haartolle wie der King of Rock ’n’ Roll, hatte aber im Unterschied zu diesem, wie meine Mutter, helles Haar.

Eines Morgens beim gemeinsamen Frühstück in der bäuerlichen Wohnküche fiel meinem Opa etwas auf.

»Willst du mit dem Bauch die Tischplatte wegschieben, oder was wird das jetzt?«, fragte er seine Tochter und beäugte kritisch ihre anwachsende Körpermitte. Alle grinsten.

»Franzchen, Franzchen.« Oma schüttelte leicht den Kopf.

»Ach so, stimmt, bald noch ein Esser mehr!«, sagte er und lachte. Ich war, wie man so schön sagt, unterwegs.

Kurz vor meiner Geburt hatte die Familie dann die Idee, eines der im Sommer ausgiebig mit Kartoffeln und Schrot gemästeten Schweine zu schlachten. So ein Schlachtfest auf dem Land ist ein Gelage, bei dem alles, was Beine hat und auch nur im entferntesten Sinne dazugehört, dabei ist. Dabei sein muss, denn solche gemeinsamen Aktionen sind aufregender als Weihnachten und Ostern zusammen. Man hat etwas zu tun, und trotzdem ist es ein Fest.

»Wir schlachten!«, rief mein Opa über den Hof, um auch den Nachbarn Bescheid zu geben. »Wochenende!« Auf unnötige Satzteile verzichtet der männliche Norddeutsche gern.

Diese Information reichte aus, damit sich die Sippe, Freunde und Bekannte an einem grauen Sonntagmorgen bei uns zusammenfanden. Zum einen in Erwartung auf das, was sich an Fleisch und Wurst alles mit nach Hause schleppen ließ, und zum anderen neugierig auf das, was meine Mutter seit gut neun Monaten mit sich herumschleppte.

»Is ja schon über«, sagte Omas Schwester Liesel zu meiner Mutter und beäugte deren Bauch ganz genau. Sie hatte recht: Seit ein paar Tagen hätte ich da sein müssen und als Stimmungskanone das Schlachtfest aufmischen sollen. So war es geplant. Ich machte es aber weiterhin spannend. Zur Frage, ob es ein Peter oder eine Petra werden würde, schloss man sogar Wetten ab.

»Aus Langeweile«, spielte Tante Liesel diesen Umstand in späteren Erzählungen herunter. Klar, sie hatte die Wette ja auch verloren.

Die ersten Strampler und Jäckchen warteten in neutralem Weiß in dem bereits seit Tagen gepackten Koffer. Ich genoss noch ein bisschen die Wärme im Bauch meiner Mutter, denn draußen sollte es jetzt kalt werden. Der Frost war bereits im Anmarsch, und den Schnee konnte mein Vater angeblich »schon riechen«.

Zum Schlachten hatte mein Opa den Eber Bruno ausgewählt. Bruno war das rosigste und fetteste unter den acht Schweinen aus dem Stall.

Mein Opa, mit seinen dunklen Brauen und Haaren und der sonnengegerbten Haut, glich vom Typ eher einem Andalusier als einem Ostpreußen. Er hatte ein ausgeprägtes ästhetisches Empfinden und klopfte Bruno auf den prallen Arsch. »Jo, du bist der Schönste, ne! Du kommst uf ’n Tisch!«

So wurde Bruno zu Wochenbeginn schon mal in einen kleinen Verschlag zum Fasten verbannt. Nicht wegen des In-sich-Gehens und Abschiednehmens, sondern schlicht zur Darmentleerung. Wurst im Naturdarm, noch dazu in dem des Schweins, das ist schließlich eine Delikatesse!

Mein Vater, Opa, Onkel Herbert und Nachbar Theo stießen in der Küche gut gelaunt mit ein paar Gläsern »selbst Aufgesetztem« an, bevor sie Bruno mit einigen Streicheleinheiten, aber bis an die Zähne bewaffnet mit Jagdgewehrkolben, Strick und Messer zum Schafott in den Vorgarten führten.

»Dat is nix für Frauen«, sagte Onkel Herbert und ließ die Haustür hinter sich zuknallen, damit sie ihre Ruhe hatten. Es reichte, wenn das Tier quiekte, da wollten sie nicht noch hören, wie das Weibsvolk die Schnapsrunden mitzählte.

Während die Männer Brunos Todesstoß fachgerecht vorbereiteten, waren meine weiblichen Verwandten mit ihrer Zwangsevakuierung in die warme Küche mehr als zufrieden. Sie schoben noch ein paar Holzscheite in den gusseisernen Ofen, genehmigten sich ein Likörchen und schwatzten über Gott und die Welt. Norddeutsche Frauen sind keinesfalls so wortkarg wie ihre Männer, vor allem dann nicht, wenn sie unter sich sind. Nebenbei holten sie Schüsseln, Töpfe und Gläser aus den Schränken, stellten den Fleischwolf auf und legten Messer, Gabeln, Löffel und Tüten voller Gewürze bereit: Majoran, Thymian, Lorbeer, Piment und Nelken würden bald ihr volles Aroma im Haus entfalten.

Plötzlich drang Brunos Quieken durch die geschlossenen Fenster und Türen, durch Holz und Stein und Mark und Bein und direkt an meine zwar noch im Fruchtwasser befindlichen, aber anscheinend bereits funktionstüchtigen Ohren, sodass ich aufschreckte und einen Salto schlug, was meine Mutter eine tausendstel Sekunde später zu einem Schrei veranlasste.

»Kindchen, geht’s los?«, fragte Oma besorgt. »Aber doch nicht jetzt!«

Tante Liesel wollte sogleich auf das bevorstehende Ereignis anstoßen. Sie goss nach. »Sach ich doch! Dat Kind kommt heute noch. Dat hab ich im Urin. Darauf Prost!«

»Nein, nein, das kommt nur vom Bücken«, sagte meine Mutter, die sich das Schlachtfest auf keinen Fall entgehen lassen wollte, und biss die Zähne zusammen.

Am Nachmittag zerlegte sie mit den anderen Frauen rosa Koteletts, half Bratenstücke zu portionieren, drehte saftiges Fleisch durch den Wolf, formte Hack, säuberte den Darm, um Fleisch, Blut und Leber hineinzupressen. Kurzum, es wurde alles, aber auch wirklich alles, was an so einem Schwein dran ist, in Wurst und Fleischportionen verwandelt, in Gläser gequetscht, gekocht, gebraten oder geliert. Der Winter konnte kommen. Und ich auch.

Es qualmte aus gusseisernen Töpfen und Pfannen, die Frauen schwitzten, und die Fenster waren mit Dunst beschlagen. Es roch im ganzen Haus nach Fleisch und scharfem Gewürz.

»Wenn es dat abkann«, sagte Tante Liesel und meinte mich, »wird’s garantiert ein Junge.«

Von wegen!

Bruno war fast vollständig verarbeitet. Schweineblut tropfte auf den Fußboden und schlängelte sich als kleiner roter Bach am Tischbein vorbei, streifte den Haufen mit den Knochen und abrasierten Borsten, um sich in Richtung Schrank zu bewegen. Dazwischen hatten sich schmutzige Pfützen aus getautem Schnee angesammelt, den die Männer mit ihren Stiefeln hereinbrachten.

»Schön«, sagte meine Mutter und sah sich um. »Ich mach noch sauber, dann ist das Gröbste geschafft.« Sie holte einen Eimer Wasser und einen Feudel, kniete sich, so gut es ging, hin und besah sich den Schlamassel. Dann wurde sie auf einmal blass.

»Nee!«, rief sie und stöhnte auf.

»Wie nee?«, fragte Oma.

Ein Blick genügte, um zu verstehen, dass ihre Tochter, der bereits Schweißperlen auf der Stirn standen, nach der Arbeit doch nicht mitfeiern würde. Ich hatte genug. Ich wollte raus. Dieser Sauerei beizuwohnen schien mir so unmittelbar vor dem Start ins wirkliche Leben nicht angemessen.

Draußen begann es zu schneien. Dunkel war es auch schon. Wie sollten wir jetzt in die benachbarte Stadt kommen, wo das Krankenhaus war? Meinem Vater war klar, dass er die Sache in die Hand nehmen musste. Er rannte zu Familie Heiner, die die Poststelle verwaltete und damit auch das einzige Telefon im Dorf besaß. Es stand auf ihrer Eichen-Anrichte im Wohnzimmer, und mit dem Abheben des Hörers drückte Frau Heiner auf die große Stoppuhr. Fasse dich kurz!, stand auf dem grünen Gehäuse. Doch mein Vater brauchte einige Zeit, um den Taxifahrer zu überreden, seine hochschwangere Frau abzuholen. Dieser hatte bereits Feierabend gemacht und wollte bei dem schlechten Wetter nicht mehr raus. So bot meine Geburt den Anlass für das erste Tauschgeschäft meines Vaters: Ein Filet aus Brunos Hüfte beflügelte die Motivation des Chauffeurs. Ich habe es also einem Schwein zu verdanken, dass ich nicht in der Küche zur Welt kam!

In einem russischen Wolga wurden wir wenig später acht Kilometer über eine abenteuerliche Pflastersteinstraße mit vielen Schlaglöchern bis zur Poliklinik geschaukelt. Ich ließ meine Mutter noch ein wenig entspannen, um mich dann pünktlich zu Werktagsbeginn ins Licht zu drängen.

Draußen schneite es weiter. Unaufhörlich. Ganz Mecklenburg versank unter meterhohen Schneewehen. Ein Durchkommen wäre nun nicht mehr möglich gewesen.

Glück gehabt! Es war mir gelungen, unter Leuchtstoffröhren und der ordnungsgemäßen Beobachtung einer staatlich-sozialistisch ausgebildeten Hebamme auf dem frisch gestärkten Leinen einer Poliklinik ins Leben zu starten. Der Prachtbau war angemessen, fand ich – immerhin die schönste Villa im Ort, die enteignet worden war, um als Klinik genutzt zu werden.

Mit Jarmen als meinem Geburtsort war vorbestimmt, dass ich nicht im Wirtschaftswunderland, sondern nur im Wunderland groß werden würde, mit Ulbricht, Stoph und Honecker statt mit Adenauer, Schmidt und Kohl. Ich würde nicht mit Heidi, Wickie oder Sindbad aufwachsen, sondern mit Pittiplatsch, Schnatterinchen und Professor Flimmrich. Statt den ersten Joint zu rauchen, würde ich so tun, als drehte ich an meinem Klassenbewusstsein – auch was zum Verblöden. Ich würde Russisch lernen statt Englisch. Wisent-Jeans tragen und keine Levi’s. Im Trabant über Land fahren statt mit dem Golf durch die Welt. Nackt über den Ostseestrand laufen statt zur Überbevölkerung auf den Mittelmeerinseln beizutragen. Von der Aufrüstung des Warschauer Paktes mit SS-20-Raketen aus der Aktuellen Kamera erfahren, statt auf die Straße gehen zu können wie ein paar Hundert Kilometer weiter westlich die Demonstranten, die mit Sprüchen wie »Hopp, hopp, hopp – Atomraketen stopp!« gegen Pershing II auf begehrten. Ich würde viertel zehn sagen und Viertel nach neun meinen.

Um mal was vorwegzunehmen: Mir ist nicht, wie manch anderem in diesem Unrechtsstaat, Erschütterndes passiert. Da habe ich Schwein gehabt.

Übrigens auch mit meiner Familie. Die kann man sich bekanntlich nicht aussuchen.

Ich bin eine im Zeichen des Schweins Geborene! In jeder Hinsicht. Nur das mit dem Horoskop war mir damals noch nicht klar, denn astrologische Bestimmungen spielten in Ostdeutschland keine Rolle, nicht mal chinesische.

Abb. 2

Unverkäufliche Matrjoschkapuppe im Jahr 1960 auf einer Wiese in Mecklenburg-Vorpommern. Um zum Kern zu kommen, musste ich erst einmal sämtliche Schalen abwerfen. Und das dauerte eine Weile.

DER HAHN IST TOT