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Allein gegen die Seelenfänger

Über die Autoren

Lea Saskia Laasner, 1980 in Winterthur geboren, lebte von 1992 bis 2001 in der Sekte »Die Licht-Oase«. Seit ihrer Flucht wohnt sie wieder in der Schweiz und hat dort nicht nur eine Ausbildung und ein Psychologiestudium erfolgreich abgeschlossen, sondern auch eine eigene Familie gegründet, die ihr Glück perfekt macht.

Hugo Stamm, 1949 in Schaffhausen geboren, ist Redakteur beim Züricher »Tages-Anzeiger«. Er befasst sich seit 40 Jahren mit Sektenfragen und hat zahlreiche Bücher geschrieben. Er gilt als einer der profundesten Sektenexperten.

Lea Saskia Laasner

Allein gegen die Seelenfänger

Meine Kindheit in der Psychosekte

Aufgezeichnet von Hugo Stamm

BASTEI ENTERTAINMENT

Flucht

Ich erwachte mit einem beklemmenden Gefühl und schwerem Kopf. Jeden Morgen hoffte ich, dass alles nur ein Albtraum sei. Dass ich mit einem erleichterten Seufzer feststellen würde, dass all die Ängste und Schmerzen lediglich Gefühlsfetzen aus einer fernen Welt waren. Unerklärlich und unergründlich. Doch dann grinste mich unerbittlich die hässliche Fratze wieder an, die mein Schicksal war.

Es hatte mich angesprungen, damals, als ich gerade dreizehn Jahre war. Ich kann mich nicht erinnern, etwas verbrochen zu haben und nun bestraft werden zu müssen. Ich war ein ganz normales Mädchen, das in einer unauffälligen Familie in einem gewöhnlichen Dorf in der Schweiz aufwuchs. Voller Hoffnungen, Träume und Sehnsüchte. Wie wohl alle Mädchen in diesem Alter, die auf die Sonnenseite des Lebens gefallen waren. Nichts deutete darauf hin, dass ich dereinst auf die Schattenseite gestoßen würde. Ich trug weder ein besonderes Mal auf der Stirn, noch war meine Seele besonders schwarz.

Esoteriker würden in meinem Fall wohl sagen, ich sei karmisch belastet und habe in einem früheren Leben schwere Schuld auf mich geladen. Du hast gehurt, gestohlen, betrogen, gefoltert oder gemordet, wäre vielleicht ihre Diagnose. Die Menschen in meiner Umgebung glaubten an solche Konzepte. Ich hingegen zweifelte. Wie kann ich mich für etwas aus einem früheren Leben verantwortlich fühlen, an das ich mich nicht mal erinnere?

Heute, elf Jahre später, weiß ich, dass das Schicksal keine Rücksicht nimmt. Auf niemanden. Es fällt dich an wie Krebs. Einfach so. Ohne Vorwarnung und Begründung.

Neben mir lag Benno und atmete tief. Die Decke über seinem schweren Körper hob und senkte sich im Rhythmus seines Atems. Dieser Mann war Teil meines Schicksals. Oder war er mein Schicksal? Wenigstens sieht man bei älteren Männern im Liegen das Doppelkinn nicht so, registrierte ich sachlich.

Ich drehte mich noch einmal um, wollte weiterschlafen. Der Schlaf war mein einziger Verbündeter, wenn er nicht gerade einen Pakt mit einem Albtraum einging. Er legte sich wie ein sanfter Schleier über meine Seele und deckte den Schmerz zu. Wie oft hatte ich mir gewünscht, dass die Nacht endlos wäre. Dass sie alles auslöschen würde, was mich an dieses Leben erinnerte. Ich sehnte mich danach, eines Morgens aufzuwachen und erleichtert festzustellen, dass ich alles vergessen hatte, was in den vergangenen neun Jahren geschehen war. Ich, irgendeine junge Frau, voller Zuversicht und Lebensfreude.

Irgendetwas trieb mich aus dem Bett. Im Bad stand bereits Janet, unser Medium, vor dem Spiegel. Muss das sein, seufzte ich innerlich. Sie war besser in den Tag gestartet als ich. Ich spürte ihre Tagesform immer sofort. Ein Blick in ihr Gesicht reichte. Oft war sie fürchterlich griesgrämig. Dann zeichneten sich deutlich Krähenfüße um ihre Augen ab und sie wirkte zehn Jahre älter. Sie hasste jede einzelne Falte in ihrem Gesicht.

Wenn sie schlecht drauf war, war für mich der Tag meist gelaufen. Ihre Dominanz erdrückte jeden. Zu meiner Überraschung war sie an diesem Morgen aber sehr gut gelaunt. Offenbar war sie noch beseelt vom Vorabend, als unser Geistwesen Ramtha durch sie gesprochen hatte. Die Botschaft, dass wir mit unserem geistigen Aufstieg im Fahrplan lägen, hatte sie offensichtlich beschwingt.

Wenn Janet in Form war, drängten ihre Gedanken ungefiltert und mit aller Wucht nach außen. »Es könnte alles so wunderbar sein, wenn du endlich erkennen würdest, dass du dein Glück, ja deine Erfüllung an der Seite von Benno findest. Du kannst nur wachsen, wenn du dich noch mehr öffnest, dich Benno völlig anvertraust, dich ihm hingibst. Er weiß am besten, was für dich gut ist, was dir hilft, geistig zu wachsen. Du weißt ja, dass er alles für dich tut, um dich zu fördern und dich glücklich zu machen. Dann findest du auch wieder deine Bestimmung in unserer Familie«, verkündete sie. »Warum kannst du dich nicht an seine Seite stellen? Spürst du denn nicht, dass du superprivilegiert bist? Die Frauen in unserer Großfamilie würden alles geben, um deine Position einnehmen zu dürfen.«

Bitte, bitte nicht, stöhnte ich in mich hinein. Nicht schon wieder. Nicht vor dem Frühstück. Ihre geistigen Belehrungen schlugen mir auf den Magen. Immer wenn sie in die Rolle des Mediums schlüpfte und sich berufen fühlte, meine Seele mit ihren übersinnlichen wie irdischen Weisheiten zu massieren, hätte ich sie am liebsten geschüttelt. Sie blühte dann förmlich auf. Sie war nicht mehr Janet mit den Krähenfüßen und dem kritischen Blick auf ihre Figur. Als Medium Janet schwebte sie in höheren Sphären. Dann entwarf sie fantastische Entwürfe der idealen Welt. Sie liebte es, in die staunenden und dankbaren Augen der Familienmitglieder zu schauen. Und sie vergaß den Ärger mit mir.

Als ich sie jetzt so im Spiegel betrachtete, tat sie mir fast leid. Sie redete sich warm und schwärmte mir von den Vorzügen meiner jugendlichen Unschuld im spirituellen wie irdischen Sinne vor. Ich hörte ihr kaum zu. Eigentlich war ich sehr gewissenhaft und glaubte an unser Projekt, doch ich hatte ihre Belehrungen gründlich satt. Ihre Argumente kannte ich mittlerweile auswendig.

Zu allem Elend war ich eines ihrer Lieblingsopfer. Während die meisten Mitglieder unserer spirituellen Großfamilie danach lechzten, persönliche Unterweisungen von Janet zu erhalten, beglückte sie mich viel intensiver damit, als mir lieb war.

Janet und ich hatten eine spezielle Beziehung. Es gab Momente, in denen sie mich wohl am liebsten erdrosselt oder auf den Mond geschossen hätte. Und umgekehrt. Ich war aber viel zu eingeschüchtert, um mich auch nur annähernd gegen sie zu wehren. Ihre suggestiven Moralpredigten verfehlten ihre Wirkung selten. Neun Jahre lang war ich ihrem Einfluss und ihren Manipulationen ausgesetzt. Der zerstörerische Prozess begann, als ich dreizehn war. Während andere auch mal in Deckung gehen konnten, stand ich stets im Brennpunkt. Dabei stehe ich eigentlich nicht sonderlich gern im Mittelpunkt und beobachte das Geschehen lieber aus der Distanz.

Der Grund für mein Verhängnis lag darin, dass ich jung und attraktiv war. Und schon bald in der Gunst jenes Mannes stand, der der Lebenspartner unseres Mediums war.

Rückblickend muss ich zugeben, dass Janet nicht zu beneiden war. Sie hatte es nicht leicht. Mit mir nicht, mit Benno nicht und vor allem mit sich selbst. Gleichzeitig Mensch und Medium zu sein, funktioniert nicht. Niemand kann ungestraft in zwei Welten leben und zwei Seelen in seiner Brust bedienen. Vor allem, wenn man so eitel und fahrig ist wie Janet. Doch damals war mir das alles noch nicht klar. Damals war ich viel zu jung und gefangen in unserem System.

Janet hatte wirklich ein Geschenk an mir. Als Medium musste sie mich spirituell fördern, aber auch dafür sorgen, dass ich meine weiblichen Qualitäten entwickelte. So wollte es Benno. Und genau davor hatte sie Angst: dass ich eine schöne, selbstbewusste Frau werden könnte. Eine Frau, die ihr den Rang abläuft und sie in den Schatten stellt. Nicht im spirituellen Sinn, sondern im weltlichen. Und oft schien ihr das Hemd näher als die Erleuchtung. Vor allem dann, wenn die Eifersucht sie rasend machte.

Eigentlich müsste sie mich hassen, dachte ich, als ich ihr Gesicht im Spiegel betrachtete. Vielleicht tut sie es auch. Nicht als Medium, aber als Frau. Als spirituelle Führerin bedachte sie mich mit einer überbordenden Liebe, die mich fast erdrückte, doch als selbstverliebte, ältere Frau hätte sie mich wahrscheinlich erwürgen können.

Ich trat ungeduldig von einem Bein auf das andere. Janet zupfte von Zeit zu Zeit an einer Haarsträhne oder strich sich über die Wangen. Wenn sie mir eine besonders wichtige Erkenntnis mitteilte, drehte sie sich um und bearbeitete mich wie ein Dirigent sein Orchester. Sie behauptete zwar von sich, hellsichtig, hellfühlig und hellhörig zu sein, doch meine stillen Flüche blieben ihr stets verborgen.

Manchmal empfand ich mich als gemein. Sie gab sich schließlich eine Heidenmühe. Doch ich konnte meine Gefühle nicht unterdrücken und Verständnis für sie aufbringen. Ich hatte sie schließlich nicht gebeten, unser Medium zu sein.

Dass sie nun schon am frühen Morgen glaubte, ihr schweres Amt ausüben zu müssen, nervte mich ungemein. Und ausgerechnet heute. Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen, überlegte ich. In Gedanken war ich schon weit weg. Meine Unruhe machte ihre Belehrungen zur Tortur. Jetzt nur nicht aufbrausen, sonst findet sie immer neue Gründe, mich mit ihren geistigen Ergüssen zu traktieren, redete ich mir zu. Wie kann man nur pausenlos den gleichen Quark erzählen. Sie müsste doch allmählich erkennen, dass wir von den hochtrabenden Idealen noch so gut wie gar nichts verwirklicht haben.

Janet streute auffallend viele Komplimente ein, die mir früher, als mich ihre Worte noch beeindruckten, geschmeichelt haben. Doch Janet wollte nicht wahrhaben oder nicht wahrnehmen, dass ich kein Kind mehr war. Ich war nicht mehr die gefügige Jugendliche, die ehrfürchtig zu ihr und Benno aufblickte. Ich hatte zu viel erlebt in unserem Häuschen, in dem die Führungs-crew wohnte. Vor allem im Schlafzimmer. Die hehren Ideale verdampften, wenn sich Bennos irdische Bedürfnisse regten. Dann sah ich in menschliche Abgründe, die unseren spirituellen Zielen Hohn lachten.

Das kümmerte Janet nicht. Sie entwarf in unserem kleinen Bad Visionen, die allein sie begeisterten. »Du hast dir durch deine besondere Entwicklung in unserem spirituellen Projekt einen kindlichen Aspekt bewahrt, der göttlich ist«, erklärte sie mit leuchtenden Augen. »Ein Teil deiner Unschuld ist in der geheimnisvollen Beziehung zu Benno auf wundersame Weise erhalten geblieben.«

Janet glaubte, den Schlüssel für mein Verhalten gefunden zu haben. »Du wirst erleben, dass alles wieder gut wird. So wie früher.« Als ich noch die strebsame, vorbildliche kleine Lea war, fügte ich in Gedanken an, die unserem geistigen Führer stets zu Diensten war.

Janet, Sucherin der ewigen Jugend, versuchte unter Aufbietung sämtlicher Überzeugungskraft, mich wieder auf den rechten Pfad zu bringen. Dabei interessierte es sie nicht, welche Bedürfnisse ich eigentlich hatte. Niemand fragte mich nach meinen Wünschen und Sehnsüchten. Benno schon gar nicht, obwohl er vorgab, alles für mein irdisches wie übersinnliches Wohl zu tun. Und die anderen, etwa drei Dutzend gewöhnlichen Mitglieder waren ebenfalls im Hamsterrad gefangen und damit beschäftigt, den unerfüllbaren Ansprüchen von Janet und Benno zu genügen. Das galt auch für meine Eltern, die in ihrer Verblendung nicht wahrnahmen, wie sehr ich in all den Jahren drangsaliert und psychisch manipuliert wurde.

Jahrelang hatte ich nicht gewusst, was gespielt wurde. Jahrelang hatte ich mich bemüht, den Ansprüchen gerecht zu werden. Ich tat alles mit Hingabe, für ein bisschen Anerkennung und Liebe. Und merkte nicht, welchen Preis ich dafür bezahlte. Als Belohnung gab es spirituelle Erkenntnisse als Dauerberieselung.

Für dieses »große Geschenk« war ich allen Mitgliedern unserer Großfamilie dankbar. Vor allem Benno und Janet. Sie hatten mich aufgenommen in ihr spirituelles Projekt der Auserwählten. Sie hatten mir den Weg in die höheren Sphären gewiesen, die Unsterblichkeit verhießen. Ich gehörte als Jugendliche zur Führungscrew. Und ich drückte meine Dankbarkeit mit Anpassung und Gehorsam aus. Das war ich ihnen schuldig. Zumindest glaubte ich das lange Zeit.

Ich brauchte Jahre, bis ich halbwegs kapierte, was gespielt wurde. Und nochmals Jahre, bis ich begriff, was dies für meine Seele bedeutete. Und weitere Jahre, bis ich es wagte, meinen Gefühlen zu vertrauen.

Janet schaffte es auf ihre unnachahmlich theatralische Weise, unser Bad in die höheren Sphären zu verlegen. So bildete es zusammen mit dem spartanisch eingerichteten Schlafzimmer, das ich mit Benno teilte, das Refugium unserer Führergruppe auf der Maya-Ranch im zentralamerikanischen Kleinstaat Belize. Oft zwängten sich ein Dutzend Mitglieder in den engen Raum. Benno thronte meist nackt auf unserem Doppelbett, umgeben von den andächtig lauschenden Männern und Frauen, die verteilt auf der Bettkante und auf dem Boden saßen. Außer einem Teppich und einem Kasten gab es praktisch nichts im Zimmer. Schließlich mussten wir uns von allen Bindungen befreien.

Janet referierte weiter über meine jugendliche Unschuld. »Du verkörperst in idealer Weise die Verbindung zwischen dieser Unschuld und der Erfahrenheit und Weisheit der Erwachsenen«, schwärmte sie. »Du musst uns Erwachsenen helfen, das Kind in uns wieder zu entdecken. Uns vorleben, wie man spontan ist, lacht, tanzt, singt.«

Mir wurde heiß. Noch ein Wort, und ich würde die Beherrschung verlieren. Ich konnte es nicht mehr hören, dieses salbungsvolle Gerede über höhere Bestimmungen.

Am liebsten hätte ich mir die Ohren zugehalten und wäre nach draußen gerannt. Nein, das bin ich nicht, schrie es in mir. Das hat nichts mit mir zu tun.

Plötzlich begann sich etwas aufzubäumen in mir. Mit einer Kraft, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Ich wusste: Jetzt oder nie. Die Entscheidung, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich musste fliehen.

Mir war, als explodierte die Energie, die ich jahrelang unterdrückt hatte. Die Lähmung, weil ich oft depressiv war und über Selbstmord nachdachte, war wie weggeblasen. Ich war hellwach. Ich schaute in den Spiegel und entdeckte eine ungewohnte Entschlossenheit in meinem Gesicht. Janets Worte erreichten mich schon nicht mehr. Mein Körper spannte sich. Ich war elektrisiert und malte mir in Gedanken bereits die Flucht aus. Ich nickte mechanisch, um bei Janet keinen Argwohn zu wecken. Bring es hinter dich, dachte ich, ich will hier raus.

Ich weiß nicht mehr, wie lange Janet an diesem Morgen noch versuchte, mich mit Worten einzuwickeln. Jedenfalls ergriff ich die erste Gelegenheit, um mich aus ihrer geistigen Umklammerung zu lösen und einen ruhigen Ort aufzusuchen. Ich musste meine Aufregung zügeln, um klare Gedanken fassen zu können. Doch ich konnte mich nur schwer konzentrieren. Tausend Dinge schossen mir durch den Kopf. Und alle kreisten um das eine Wort: Freiheit!

Ich sah mich bereits Hand in Hand mit Eddie durch die Gassen von Belize City schlendern. Dann umarmte ich ihn in Gedanken und ließ ihn nicht mehr los. Ich hielt ihn fest und genoss seine Nähe. Und spürte seine Wärme. Meine Knie begannen zu zittern. Dann weinte ich. Tränen eines neun Jahre währenden Albtraums. Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten. Eddie hielt mich fest und legte mich sanft auf eine Wiese. Langsam, langsam, mahnte ich mich, noch bist du hier gefangen.

Eddie ist ein einheimischer Polizist, der uns gelegentlich auf der Ranch besuchte. Er verliebte sich in mich, was Benno nicht verborgen blieb. Ich versank bald in den dunklen Augen des hübschen Mannes, der auf mich so natürlich wirkte und immer fröhlich war. Heimlich warfen wir uns verliebte Blicke zu. Er spürte, dass wir eine seltsame Truppe waren und ich mich nicht wohlfühlte. Deshalb signalisierte er mir, dass er mir gern helfen würde. Er konnte aber nicht einschätzen, wie dramatisch die Situation für mich war.

Ich war wie in Trance. Woher kam plötzlich diese Kraft? Zwei Stunden zuvor war ich noch apathisch, gelähmt vor Ohnmacht gewesen. Und nun brodelte es in mir, dass ich mich zusammenreißen musste, um nicht kopflos wegzurennen. Ich hätte es laut hinausschreien können: Es ist vorbei. Aus. Ihr habt ausgespielt. Ich unterziehe mich nicht mehr euren kranken Ritualen. Ich werde bald frei sein, frei, frei, frei.

Als ich mich etwas beruhigt hatte, ging ich hinüber zum Hauptquartier unserer Ranch. Heiner saß vertieft über seiner Einkaufsliste. Ich verdeckte mit meinem Körper Sibylles Handy, das im Ladegerät steckte, und ließ es in meiner Hosentasche verschwinden. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Heiner schaute mich verwundert an. »Was suchst denn du um diese Zeit hier?«, fragte er. »Benno vermisst eine Mail. Ich schaue nach, ob ich sie hier liegen gelassen habe«, log ich und schob suchend einige Papiere zur Seite. Meine Antwort schien ihn zu befriedigen, er wandte sich wieder seiner Liste zu.

Vorsichtig huschte ich aus dem Haus. Ruhig bleiben, redete ich mir zu. Die Sonne blendete mich. Ich liebte die tropische Atmosphäre, die üppige Vegetation, und sog normalerweise die intensiven Gerüche tief in mich ein. Doch heute waren meine Sinne nach innen gerichtet. Ich spürte nur noch die Aufregung, die mir den Schweiß aus allen Poren trieb.

Demonstrativ schaute ich mich um, als würde ich jemanden suchen. Glücklicherweise entdeckte ich niemanden. Unbemerkt erreichte ich das nahe Wäldchen und kauerte mich hinter einen Baum. Ein Blick auf das Display zeigte, dass der Empfang gut war. Mit zittrigen Fingern wählte ich Eddies Handynummer.

»Ich bin’s, Lea. Morgen fährt Benno weg. Ich will flüchten. Kannst du mich irgendwo unterbringen?«, überfiel ich Eddie. Ungeduldig wartete ich auf seine Antwort. Stille. Er schien zu überlegen. Bitte, bitte, flehte ich in Gedanken und hielt sein langes Schweigen kaum aus.

Eddie schien überrumpelt. Ich hatte ihn auch nicht vorwarnen können. Er konnte sich wohl nur schwer vorstellen, dass ich Hals über Kopf die Maya-Ranch, die Gruppe, meine Eltern und Benno verlassen wollte. Und auch sonst alles, was mir vertraut war. Meine geliebten Pferde, Zorro, den drolligen Waschbär. Und natürlich meinen Bruder Kai.

Die Ranch war mein Lebensraum. Hier hatten wir uns sieben Jahre lang eingesetzt, um das irdische und übersinnliche Paradies zu erschaffen. Die ideale Welt sollte es werden. Ein Gegenprojekt zur materialistischen Welt »dort draußen«. Wir strebten mit unserer Großfamilie eine perfekte Synthese von spiritueller Entwicklung und ökologischer Lebensweise an. Dafür schufteten wir sieben Tage pro Woche. »Arbeit macht frei«, raunten wir uns in sträflicher Dummheit zu. Wir glaubten an unser spirituelles Experiment, an unseren hehren Auftrag, uns und die Menschheit ins höhere Licht zu führen.

In der tropischen Idylle bauten wir eine Arche für uns und unsere Tiere, um ungestört unser Projekt vorantreiben zu können. Wir stampften alles aus dem Boden, was wir zum Leben brauchten. Im Einklang mit der Natur. Und mithilfe vieler deutscher Firmen, die uns in dem Glauben unterstützten, wir seien ein Hilfswerk. Auch belizische Behörden und Politiker halfen uns, bis hinauf zum Premierminister. Sie alle haben wir getäuscht im Wahn, die Menschheit retten zu müssen.

Endlich kam die erlösende Antwort: »Ich werde eine Lösung finden.« »Danke«, hauchte ich ins Handy. »Du bist meine Rettung.« Ich konnte vor Nervosität kaum sprechen. »Kannst du mich morgen Mittag um zwölf Uhr am Ende der Landebahn unserer Ranch abholen?«

»Ich werde da sein«, sagte Eddie. Ich hätte gern länger mit ihm gesprochen, doch das Risiko, erwischt zu werden, war zu groß. Ich beendete das Gespräch.

Mir lief es heiß und kalt den Rücken hinunter. Mit der Erleichterung schienen mich die Kräfte zu verlassen. Was sollte aus mir werden, würde mir die Flucht gelingen?

Ich ging zurück zum Hauptquartier, die Luft war rein. Heiner brütete immer noch über seiner Einkaufsliste. Versuchte er wieder einmal, ein paar Posten zu streichen, um die Kosten weiter zu senken? Er schaute kurz auf, als ich eintrat. Ohne seine Frage abzuwarten, sagte ich: »Ich muss Benno die verschwundene Mail noch einmal ausdrucken.« Damit gab sich Heiner zufrieden. Erleichtert stellte ich fest, dass er das Fehlen des Handys nicht bemerkt hatte. Während ich die Mail aus dem Drucker nahm, beugte ich mich über die Ladestation und legte das Telefon zurück.

Ich war vierzehn Jahre alt, als wir die riesige Ranch gekauft haben. Der reale Aufbau der Ranch war für mich weit mehr Motivation als die Suche nach der spirituellen Erlösung. Unser Besitz erstreckte sich über fast fünfundzwanzig Quadratkilometer und zog sich über sanfte Hügel, die mit tropischen Wäldern und Weiden überzogen waren. Wir bebauten eine Orangenplantage und züchteten heimische Pflanzen. Auf Wiesen weideten sechshundert Rinder. Wir züchteten Pferde, für die ich zuständig war. Wenn ich mit Kai, meinem Bruder, und unserem einheimischen Vorarbeiter ausritt, um die Herden zu kontrollieren, deckten sich meine Vorstellungen weitgehend mit der Realität. Wir machten an einem Bach, der über Felsen sprudelte, Rast oder legten uns am Ufer eines unserer Seen ins Gras und bestaunten die riesigen Wolken. Doch mit der Zeit verlor ich den Blick für die Schönheit der Landschaft. Ich rutschte immer tiefer in ein schwarzes Loch.

Meine Liebe galt den Tieren. Bei den Pferden wusste ich, woran ich war. Sie knüpften ihre Zuneigung nicht an Bedingungen. Sie wuchsen mir ans Herz, und oft suchte ich stummen Trost bei ihnen. Ich half Fohlen auf die Welt, zog einen jungen Waschbären auf, pflegte eine Wildkatze und gab einem Rehkitz die Flasche. Sie halfen mir oft über düstere Stimmungen hinweg, die Schatten auf meiner Seele vermochten sie aber nicht zu vertreiben.

Ich setzte meine ganze Hoffnung in Eddie. Verliebtheit und Verzweiflung gaben mir nun den Mut, den Sprung ins Ungewisse zu wagen. Eigentlich verrückt. Ich kannte Eddie ja kaum. Heimlich warfen wir uns Blicke zu. Denn ich stand permanent unter Beobachtung. Seine dunklen Augen hatten etwas Magisches. Seine unkomplizierte Art war anziehend. Und er strahlte Lebensfreude aus.

Was für ein Kontrast zu unserer Gruppe. Wir taten nichts ohne Absicht. Alles, wirklich alles hatte eine spirituelle Bedeutung. Ich hatte Eddie bei seinem ersten Besuch wie einen Außerirdischen angestarrt. Er strotzte vor Selbstvertrauen. Wir hingegen waren stets kontrolliert, damit wir kein übersinnliches Signal übersahen und keinen Impuls verpassten. Wir lachten zwar auch und gaben uns extrem fröhlich. Doch es war ein künstliches, bemühtes Lachen, eine gewollte Fröhlichkeit.

Bei Eddie hingegen spürte ich sofort, dass er mit sich und der Welt im Einklang war. Er war ungemein attraktiv. Dass er Polizist war, erhöhte mein Vertrauen. Anfänglich war ich skeptisch. Was bedeutet es schon bei einem feurigen Belizer, wenn er mir schöne Augen macht, fragte ich mich, wenn meine Fantasie davonzugaloppieren drohte. Mit der Zeit verstand ich, dass es mehr als ein unverbindliches Flirten war. Das zeigte mir sein Blick. Er nahm viel Mühe auf sich, um mich gelegentlich zu sehen. Seine Sensibilität zeigte sich auch darin, dass er Rücksicht auf mich nahm und mich nicht mit forschem Verhalten in eine schwierige Situation brachte.

Und dann waren da noch die paar Mails, die wir uns später heimlich geschrieben hatten. Eddie hatte mir seine Adresse zugesteckt. Es gelang mir einige Male, ihm kurze Botschaften zu übermitteln. In seinen Antworten erklärte er mir, dass er mich liebe. Trotzdem bewahrte ich anfänglich eine gewisse Zurückhaltung. Mir war bewusst, dass ich nun auf einen Mann angewiesen war, den ich kaum kannte. Aber instinktiv meinte ich mich auf ihn verlassen zu können.

Ich packte einige wenige Kleidungsstücke in eine Tasche und einen Rucksack. Viel besaß ich ohnehin nicht, denn persönlicher Besitz galt in unserer Großfamilie als Ausdruck materieller Bindung. Es fiel mir nicht schwer, mich von den restlichen Klamotten zu trennen. Ich wollte alles hinter mir lassen.

Das Gepäck versteckte ich im Kleiderschrank. Für einen Moment fragte ich mich, was hier wohl los wäre, wenn meine Vorbereitungen entdeckt würden.

Ich hatte bereits einen Vorgeschmack davon erhalten. Etwa vor drei Monaten. Damals hatte ich es gewagt, vorsichtig kundzutun, dass ich die Gruppe verlassen möchte.

Benno war sofort alarmiert. Ihm war nicht entgangen, dass ich mich verändert hatte und immer verschlossener wurde. Obwohl ich ihm nach wie vor Zuneigung vorspielte, schien er zu ahnen, dass er mich anwiderte. Doch vollends die Fassung verlor er, als er entdeckte, dass ich mich in einen einheimischen Angestellten verliebt hatte. Er, der sonst so souveräne Benno, geriet außer sich.

Als unser geistiger Führer gab er sich stets alle Mühe, selbstsicher und überlegen zu wirken. Ich glaubte sogar über Jahre hinweg, dass er beliebig in unseren Gedanken lesen könne. Instinktiv traf er unsere Schwachstellen und setzte uns nach wenigen Zügen schachmatt. Wenn das Chaos in unserer Gruppe ausbrach, er verlor nie den Überblick. Dann waren alle Augen ehrfürchtig auf ihn gerichtet, und wir warteten auf seine erlösenden Worte. Selbst die schlimmsten Stürme waren für ihn bloß spirituelle Prüfungen.

Heute ist mir klar, was ihn zur schieren Verzweiflung trieb. Ich hatte es gewagt, ihm die Macht über mich zu entziehen. Und gleichzeitig kündigte ich ihm die Liebe. Das war ungeheuerlich. Ein Supergau. Ausgelöst ausgerechnet von der jungen Frau, die er am ausgiebigsten konditioniert hatte.

Damals sah Benno rot. Bedrohlich richtete er sich vor mir auf und zog seine geladene Pistole aus dem Hosenbund. Ich war wie gelähmt. Langsam hob er die Pistole an. »Ich erschieße mich, wenn du mich verlässt«, sagte er mit bebender Stimme und steckte den Lauf seiner Beretta in den Mund. Seine Augen flackerten.

Ich starrte ihn entgeistert an. Mir war bewusst, dass er zu extremen Reaktionen neigte. Letztlich war er ein Grenzgänger, und ich traute ihm alles zu. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass er sich eine solche Blöße geben würde.

Eine kleine Bewegung und die Katastrophe ist perfekt, schoss es mir durch den Kopf. Ich wäre schuld an seinem Tod. Verantwortlich für das Schicksal unserer Großfamilie, die sich für die gesamte Menschheit verantwortlich fühlt.

Ich hielt den Druck nicht mehr aus und fiel innerlich zusammen. Benno spürte meine Angst, er sah sie in meinen Augen. Ich wollte ihn beruhigen, doch ich brachte kein Wort hervor. Mein flehender Blick verfehlte dennoch seine Wirkung nicht. Zögerlich nahm Benno die Pistole aus dem Mund. Mit weicher Stimme und einem verzweifelten Gesichtsausdruck bat er mich, ihn nicht zu verlassen. Unter Tränen versprach er, mir sein Leben und all seine Liebe zu schenken. Er sei bereit, alles, was er habe, in meine Hände zu legen. Seine ganze Erfahrung und all sein übersinnliches Wissen, alles.

Ich blieb stumm, nickte. Er hatte es wieder einmal geschafft. Langsam erholte ich mich etwas von dem Schock. Ich fühlte mich ohnmächtig, restlos ausgeliefert. Benno war 25 Jahre älter als ich, und er kannte mich bis in den letzten Winkel meiner Persönlichkeit. Virtuos verstand er auf der Klaviatur zu spielen, die uns zu hilflosen und willfährigen Wesen machte. Darin war er ein wahrer Meister. Er fand immer die richtige Strategie, um uns zu überrumpeln und einzuschüchtern. Auch diesmal hatte er gespürt, dass es mehr brauchte, um mich zu disziplinieren.

Das Schlimmste für mich war, dass Benno wie ein angeschossenes Wild reagierte: panisch. Er kannte nun meine geheimen Wünsche, meine Sehnsucht nach Freiheit. Sein Misstrauen machte mir das Leben erst recht zur Hölle.

Ich tat alles, um mich aus seiner Umklammerung zu befreien. Es gab nur ein Mittel dafür: Ich musste ihm Gefühle vortäuschen. Davon konnte er im Zustand der akuten Eifersucht nicht genug bekommen. Ich hatte längst gelernt, ihm zu dienen, überall und jederzeit. Es war eine Tortur.

Die Erinnerung an jene dramatische Szene holte mich wieder ein, als ich die Flucht vorbereitete. Ich musste also auf der Hut sein. Das machte mir auch eine andere Szene deutlich. Dominik hatte mich neulich beim Abendessen gefragt, ob ich ihm die Haare schneiden würde. Er war einer der jungen deutschen Zivildienstleistenden, die bei uns auf der Ranch Frondienst verrichteten. Normalerweise kümmerte sich meine Mutter um solche Dinge, aber sie war vorübergehend in Deutschland. Um Bennos Eifersucht nicht unnötig herauszufordern, warnte ich ihn vor.

Er schaute mich prüfend an und als es so weit war, wollte er mich nicht gehen lassen. Ob ich wirklich Dominik die Haare schneiden müsse oder nur einen Vorwand suche, um mich heimlich mit einem einheimischen Mann zu treffen, fragte er mich. Bitte nicht schon wieder, stöhnte ich innerlich auf, ließ mir aber nichts anmerken. Ich hasste es, für alles Rechenschaft ablegen und Notlügen erfinden zu müssen.

Da Dominik nicht zu unserer Gruppe gehörte, ließ er mich schließlich gehen. Er wollte nicht, dass der Zivi Einblick in unser Gruppenleben erhielt.

Nachdem ich Dominik die Haare geschnitten hatte, kehrte ich sofort zu Benno zurück. Je näher ich dem Haus kam, desto größer wurde meine Anspannung. Das Schlafzimmer war verdunkelt. Benno saß auf dem Bett, neben ihm lag Janet. Es herrschte eine düstere Stimmung. Benno blickte mich finster an.

»Lea, du musst jetzt durch die Hölle«, eröffnete er mir. Mir schnürte es den Hals zu. Ich rang mit der Fassung und redete mir selbst beruhigend zu: »Nur nicht die Nerven verlieren. Du musst da irgendwie durch.« Benno sagte: »Janet hat dir eine wichtige Botschaft mitzuteilen!«

Feigling, dachte ich. Immer schickst du unser Medium vor. Dann kannst du dich zurückziehen, die Situation beobachten und im rechten Moment zuschlagen. Doch diesmal wird dir dies nicht gelingen.

Janet holte weit aus, und ein Wortschwall prasselte auf mich nieder. Wie immer waren ihre moralischen Belehrungen mit übersinnlichen Argumenten gespickt. Ihre Worte erreichten mich nicht. Das abgehobene Geschwätz vom geistigen Wachstum und meiner wichtigen Funktion verdeutlichte mir erneut, dass ich aus dieser Scheinwelt ausbrechen und so schnell wie möglich flüchten musste. Benno starrte vor sich hin und hob von Zeit zu Zeit seinen gequälten Blick. Auf die Art prüfte er, ob Janets Worte bei mir Wirkung zeigten.

Janet kam endlich zur Sache. »Es geht um Benno und dich. Du musst dir bewusst werden, dass ihr in einer ganz speziellen Beziehung lebt. Eure Verbindung ist etwas Besonderes. Nicht nur für euch, sondern für die ganze Familie und unser spirituelles Experiment. Benno ist der Hüter des Experimentes und du die Trägerin der Magie. Eure Beziehung weist uns allen den Pfad zu den höheren Ebenen«, verkündete Janet.

Sie war in ihrem Element. Mit pathetischen Worten beschwor sie mich, zu Benno zu halten und meine Aufgabe in Demut zu erfüllen. Ich hörte ihr scheinbar geduldig zu, doch innerlich kochte ich. Nur nicht widersprechen oder aufbegehren, sonst dreht Benno wieder vollends durch, redete ich mir zu.

Ich wusste, wie ich in die Situation eingreifen konnte. Es kostete mich viel Überwindung, aber ich ging langsam auf Benno zu und schaute ihm dabei tief in die Augen. Mein demütiger Blick wirkte überzeugend. Seine Miene hellte sich leicht auf. Während ich sein Gesicht streichelte, spürte ich, wie seine Anspannung nachließ. Trotzdem war ich überrascht, wie schnell sich Benno zufriedengab. Er hatte sich offensichtlich sehr nach der erlösenden Geste gesehnt.

Die groteske Szene machte mir bewusst, wie stark Benno emotional von mir abhängig war. Unser geistiger Führer, der von sich behauptete, sich weitgehend von den irdischen Bindungen gelöst zu haben, hatte panische Angst, mich zu verlieren. Plötzlich zitterte der Mann, der mein Vater hätte sein können, vor mir. Dabei hatte ich ihn jahrelang als geistige und spirituelle Autorität verehrt. Und nun bettelte er um meine Liebe. Nein, er wollte sie erzwingen. Ausgerechnet der große spirituelle Leader, für den das Loslassen alles war, reagierte hilflos. Seine Schwäche machte mir Mut.

Das gab mir die Energie, die Versöhnungsszene erfolgreich zu Ende zu spielen. Bald war unser kleines Schlafzimmer von einer Atmosphäre der Erleichterung und Harmonie erfüllt. Unser Medium war sichtlich aufgekratzt. Sie glaubte, mich mit ihren mahnenden Worten zu Benno zurückgeführt und ihm einen großen Dienst erwiesen zu haben.

Ich ahnte, dass die Sache für Benno noch nicht abgeschlossen war. Er verlangte den Beweis im Bett. Ich hätte es wissen müssen. Oft genug hatte ich erlebt, dass erst der Orgasmus die letzten Reste eines Konflikts oder seiner Eifersucht hinwegspülen konnte. Ich sollte bis tief in mich hinein erfahren, wem ich gehörte, wem ich zu gehören hatte. Und er wollte erleben, dass ich mich ihm bedingungslos hingab.

Benno hauchte mir ins Ohr, unsere Vereinigung sei ein Zeichen unserer seelischen Verschmelzung. Ich kannte dieses Argument. Er hatte es am Anfang unserer Beziehung immer wieder bemüht. »Sex ist die intensivste Weise, wie zwei Wesen miteinander eins werden können«, sagte er damals. Der Liebesschwur musste als übersinnliche Begründung für die »höhere Notwendigkeit« herhalten, warum er mit einem dreizehnjährigen Mädchen schlief.

Ich ließ es über mich ergehen und spielte mit, so gut es ging. Ich kannte Benno und wusste genau, wie ich mich verhalten musste, ohne seinen Argwohn zu wecken. Er bemühte sich redlich, einfühlsam zu sein. Trotzdem flüchtete ich in Gedanken. Ich hatte gelernt, die Rolle der Geliebten zu spielen und ihm Gefühle vorzutäuschen. So überließ ich ihm meinen Körper.

Trotz meiner Routine achtete ich besonders darauf, aufmerksam und konzentriert zu wirken. Wenn er sich in seiner Männlichkeit verletzt fühlte, musste ich ihm Leidenschaft demonstrieren. Er hatte mir oft genug vorgeworfen, ich sei trotz meiner Jugend nicht sehr leidenschaftlich. Heute durfte ich mir keine Unachtsamkeit leisten.

Mir war klar, dass ich vor allem den Abgang überzeugend spielen musste. Ich wartete nicht allzu lange und legte mich akustisch ins Zeug. Ich spürte bald, dass meine Rechnung aufgegangen war. Im Geist war ich schon weit weg, als ich Benno mechanisch streichelte.

Am nächsten Tag ging ich nach dem Aufstehen sofort zu meinen Pferden. Zum letzten Mal nahm ich den Weg, den ich so geliebt hatte. Er führte vorbei an den Schlafhäuschen, die wegen ihrer spitzen Form und der steilen, fast bis zum Boden reichenden Dächer wie große As in der Landschaft standen. Der Weg mündete in unseren Kräuterheilpfad. Der Duft der jungen Gewürze und Kräuter, die unser knorriger Maya Felice liebevoll hegte, bildete einen angenehmen Kontrast zur schwülen Tropenluft.

Henry lenkte mit einem durchdringenden Grunzlaut meine Aufmerksamkeit auf sich. Henry war ein junger Rehbock, der mich immer schon von Weitem entdeckte. Zusammen mit Lisa, dem kleinen Rehkitz, kam er angerannt und begrüßte mich stürmisch. Ich hatte die beiden aufgezogen, Lisa sogar mit der Flasche aufgepäppelt. Sie hofften, von mir einen Leckerbissen zu erhalten. Ich schaute wehmütig auf die beiden und kraulte Henry zwischen den Hörnern. Es wird der letzte Besuch sein, dachte ich. Als ahnte er den Abschied, konnte der kleine Rehbock nicht genug Zuwendung bekommen.

Ich riss mich von den beiden herzigen Geschöpfen los und ging an unserem Gemüsegarten vorbei zum Stall. Die Pferde erwarteten mich bereits und standen am Weidegatter. Auch die Kinder, die mir am Wochenende halfen, die Pferde zu striegeln, hatten sich schon eingefunden. Ich neckte sie wie üblich, bevor wir uns an die Arbeit machten.

Ich bereitete das Futter vor, während die Pferde in den Stall drängten. Wenn ich sie in all den Jahren nicht gehabt hätte! Mittlerweile waren es um die fünfzig Wallache, Hengste und Stuten. Sie waren meine Ersatzfamilie, ihnen konnte ich Liebe geben, ohne enttäuscht zu werden. Wann immer ich sie von der Weide holte, um sie zu füttern und zu striegeln, zeigten sie mir ihre Zuneigung.

Obwohl ich sie vermutlich das letzte Mal versorgte, überfiel mich keine allzu große Wehmut. Ich war gedanklich zu sehr mit der bevorstehenden Flucht beschäftigt.

Wie unter Zwang schaute ich immer wieder auf die Uhr. Krampfhaft versuchte ich, meine Arbeit ordentlich zu erledigen und ja nicht aufzufallen. Ich hatte das Gefühl, dass mir mein Fluchtplan auf der Stirn geschrieben stand. Ich striegelte die Pferde. Jedes hatte zwar einen besonderen Platz in meinem Herzen, doch ich brachte die Energie nicht auf, mich von jedem einzeln zu verabschieden. Als ich meinen Liebling Braveheart striegelte, wurde mir doch schwer ums Herz. Ich hatte den jungen Hengst mit viel Liebe und Geduld aufgezogen und streichelte zum Abschied seine Nüstern. Der Wildfang, der sonst recht scheu war, ließ sich von mir ausgiebig kraulen.

Die Flucht ging ich in Gedanken immer wieder durch. Habe ich nichts vergessen? Alle Gefahren berücksichtigt? Was mache ich, wenn Eddie mich sitzen lässt?

Meine Flucht würde auf der Ranch wie eine Bombe einschlagen und das Experiment gefährden, davon war ich überzeugt. Die Geliebte unseres geistigen Führers, die Hoffnungsträgerin der Familie schleicht sich einfach davon! Ich wagte nicht, mir vorzustellen, wie Benno und Janet reagieren würden. Und meine Eltern? An sie dachte ich kaum. Wir hatten schließlich lernen müssen, Bindungen zu überwinden. Auch zu Familienmitgliedern.

Meine Flucht würde wenigstens Einzelnen die Augen öffnen, so hoffte ich. Ich war sicher, dass mein Vater darunter leiden und sich Vorwürfe machen würde. Ob ich mit meiner Tat aber meine Mutter würde aufrütteln können, bezweifelte ich. Sie hatte sich zu tief in diese Scheinwelt verstrickt und sich zu sehr dem übersinnlichen Projekt verschrieben.

Dann flog mir ein Gedanke zu, der mir guttat: Sie werden Angst haben. Angst vor mir. Vor allem Benno. Ich bin sonst alles andere als schadenfroh, aber ich gebe zu, ein gewisses Gefühl der Rache wirkte wohltuend. Jahrelang hatte ich die Psycho-Torturen erduldet, Bennos dicken Körper auf mir ertragen, die Isolation vom Rest der Welt. Ich hatte gelitten, psychisch und körperlich, war einsam in der Großfamilie. Und nun fühlte ich mich stark bei dem Gedanken, dass der allmächtige und unerschütterliche Benno ein bisschen der Angst ausgesetzt wäre, mit der ich so lange leben musste. Ich hoffte sogar, dass die Angst in Panik umschlagen würde. Vielleicht würde er sofort aus Belize fliehen, überlegte ich. Mit dem nächsten Flugzeug nach Deutschland. Vielleicht wäre es ihm auch zu riskant, in seine Heimat zu gehen. Vielleicht würde er in einem südamerikanischen Land untertauchen. Halt, halt, ermahnte ich mich. Ich bin ja schon zufrieden, wenn er sich vor mir, seiner »kleinen Lea«, fürchtet. Und sich Gedanken machen muss, ob er auf der Ranch noch sicher ist. Ob vielleicht schon bald ein polizeilicher Stoßtrupp auftauchen und eine Razzia durchführen wird. Und ihn in Handschellen abführt.

Machte ich mir falsche Hoffnungen? Ich war mir zumindest sicher, dass seine Fantasie solche Szenarien produzieren würde. Ich stellte mir Benno vor ohne seinen spirituellen Habitus. Ohne die vorgetäuschte mystische Aura. Nackt und ungeschützt. Er gab ein trostloses Bild ab. Vor mir stand ein ungelenker, korpulenter Mann ohne Ausstrahlung und Charme. Ein einsamer Führer, der sich wie ein Blinder durch einen Wald tastet und aus dem Stolpern nicht herauskommt.

Es muss gegen halb elf gewesen sein, als ich zu dem kleinen Haus zurückkam, in dem ich die letzten Jahre verbracht hatte. Benno stand auf der Veranda, vertieft in ein Gespräch mit Jochen, seinem besten Freund in unserer Großfamilie.

Ich begrüßte Benno überschwänglich und nahm ihn in die Arme. Dankbar schaute er mir in die Augen. Er war erstaunlich gelassen und wirkte ungewöhnlich sentimental. Gut so, dachte ich und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.

Und nun bist du schön artig und gehst als stolzer Pilot und glücklicher Liebhaber zum Hangar, befahl ich ihm in Gedanken. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass er eigentlich schon hätte starten müssen. Vermutlich hatte er auf mich gewartet, um sich von mir zu verabschieden. Mein Puls schnellte hoch. Ich hätte ihn am liebsten gefragt, wann er aufbrechen wolle, doch ich zügelte mich.

Als er endlich schwerfälligen Schrittes zu seinem geliebten Flugzeug marschierte, lief ein ganzer Film vor meinem inneren Auge ab. Ich atmete erleichtert auf. Eine weitere Hürde meiner Flucht schien genommen. Ich zählte die Sekunden, um meine Unruhe zu bändigen. Dann erklang das erlösende Geräusch. Der Motor der Cessna heulte auf. Das Flugzeug raste über die Startbahn und hob ab. Ich schaute Benno triumphierend nach. Bye-bye, auf Nimmerwiedersehen! Hoffentlich die letzte Spur von dir, rief ich ihm in Gedanken nach, als seine Maschine am Horizont verschwand.

Ich lag gut im Zeitplan und ging ins Haus, um nach Zorro zu sehen. Der kleine Waschbär war mein Baby, das ich mit der Flasche aufzog. Der Abschied von ihm war am schmerzvollsten. Doch die kleine pelzige Kreatur schien meine Flucht zu ahnen und mir im letzten Moment einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen. Ich war schließlich seine Mutter, und wenn er nicht gerade schlief, hing er mir am Rockzipfel.

Als ich ins Haus kam, ließ das Zimmermädchen für Janet das Badewasser ein. Für unser Medium ein heiliges Ritual. Zorro tobte sich in ihrem Zimmer aus und hüpfte wild umher. Sie musste über seine Streiche lachen.

Plötzlich rief Janet: »Lea, schau mal, was Zorro wieder anstellt.« Unbemerkt hatte sich der kleine Gauner ins Bad geschlichen und planschte wild in der frisch gefüllten Badewanne.

Janets Stimmung schlug schlagartig um. Ihr platzte der Kragen, und sie war sauer auf mich. Ausgerechnet jetzt! Ich wurde nervös, denn ich hätte mich langsam aufmachen müssen. Doch Janet sprach pausenlos auf mich ein. Zum letzten Mal kannst du dich aufplustern und mich wie ein kleines Mädchen abkanzeln, stöhnte ich innerlich.

Janet ließ das verschmutzte Badewasser aus und beruhigte sich allmählich. Ihre Worte wurden versöhnlicher. Sie lud mich zum Frühstück ein. Ausgerechnet jetzt. Ich stimmte widerwillig zu. Angespannt ging ich mit ihr und Zorro im Schlepptau zum Küchengebäude. Unser Küchenchef Norbert hatte das Frühstück bereits vorbereitet. Er kannte die Gewohnheiten unseres Mediums.

Nachdem ich ein paarmal an meinem Kaffee genippt hatte, behauptete ich, auf die Toilette zu müssen, und stand schnell auf. Zorro war zum Glück müde nach den wilden Spielen und hatte sich verkrochen.

Als ich außer Sichtweite war, rannte ich in mein Zimmer. Ich riss die Schranktür auf, packte Tasche und Rucksack und schaute vorsichtig aus dem Fenster. Niemand war zu sehen. Ich hastete in Richtung Wäldchen. Als ich Schritte auf dem Kiesweg hörte, hielt ich intuitiv inne. Es war Carmen, die einen Wäschekorb ins Haus trug. Mein Herz schlug bis zum Hals. Hätte sie den Kopf in meine Richtung gedreht, wäre meine Flucht beendet gewesen. Vor Aufregung fing ich an zu stolpern. Die Tasche war doch ziemlich schwer.

Ich mobilisierte alle Kräfte und rannte weiter zur Landebahn. Von Zeit zu Zeit blickte ich mich ängstlich um. Hatte Janet mein Verschwinden bereits bemerkt? Wurde schon Alarm geschlagen?

Als ich das Rollfeld erreicht hatte, schaute ich angestrengt zum Ende der Landebahn. Ich entdeckte ein Auto, das hin und her fuhr. Hoffentlich ist es Eddie, dachte ich. Obwohl ich schon außer Atem war, gönnte ich mir keine Pause. Ich wagte auch nicht mehr zurückzuschauen. Als sei mir unser Geistwesen Ramtha im Nacken, hetzte ich weiter. Nach einer Weile stoppte das Auto. Der Fahrer hatte mich entdeckt. Es musste Eddie sein! Ein Glücksgefühl durchströmte mich. Ein überwältigendes Gefühl der Freude, ja Euphorie überfiel mich. Ich war frei! Ich glaubte zu träumen. Als hätte ich die Schwerkraft überwunden, so leicht fühlte ich mich trotz meines Gepäcks. Der Albtraum war vorbei. Auch wenn Janet inzwischen meine Flucht entdeckt haben sollte, konnte mir nichts mehr passieren. Eddie war schließlich Polizist und würde nicht zulassen, dass sie mich gewaltsam auf die Ranch zurückholten.

Als ich den Zaun am Ende der Landebahn erreicht hatte, eilte mir Eddie entgegen. Ich warf das Gepäck über den Zaun und kletterte darüber. Schnell stiegen wir ins Auto, Eddie begrüßte mich mit einem Kuss und fuhr los.

Ich konnte es kaum fassen. Mein Fluchtplan war aufgegangen. Ich hatte es geschafft! Benno war in der Luft und hatte keine Ahnung, was hier unten auf der Erde passierte. Er hätte wohl seine Maschine nach unten gezogen und sie mit Vollgas in den Boden gerammt. Dass ich in die Arme eines Belizers geflüchtet bin, wird ihn zur Weißglut treiben, dachte ich. In die Arme eines schwarzen Einheimischen, über die er immer herablassend gesprochen hatte. Sie seien niederfrequent, hatte er behauptet. Das hieß: Sie haben niedrige Schwingungen, sind geistig und spirituell zurückgeblieben. Aber sie sind lieb, offen und hilfsbereit, fügte ich nun in Gedanken hinzu. Eddie drückte fest meine Hand.

Kaum waren wir losgefahren, zuckte ich zusammen. Ein Auto unserer Ranch kam uns entgegen. Kai, mein Bruder, saß am Steuer. Ich duckte mich und sah gerade noch, dass er in ein Gespräch mit seinem Mitfahrer vertieft war. Das war knapp, atmete ich auf. Ich bedauerte nun doch, dass ich mich nicht von ihm hatte verabschieden können. Doch ich wusste, dass er mich auch nicht verstanden hätte. Wahrscheinlich hätte er mich aus lauter Loyalität der Gruppe und Benno gegenüber verpfiffen.

Glückliche Familie

Alles hatte damit begonnen, dass meine Mutter Lisa spirituelle Interessen entwickelte. Ich war noch ein Kind, wuchs in einem Dorf in der Schweiz auf und erlebte dank meiner Eltern eine schöne, harmonische Kindheit. Viel dazu beigetragen hat auch mein Bruder Kai, der ein Jahr älter ist als ich und mit dem ich mich sehr verstand. Der damals ländliche Ort war für uns ein überschaubarer Flecken. Wir kannten alle Leute in der näheren und weiteren Umgebung. Unser Doppeleinfamilienhaus stand im Zentrum, unweit der kleinen Bäckerei. Unser direkter Nachbar war Bauer Heiri, der Schafe züchtete und im Sommer als Hirte arbeitete. Wir nannten ihn nur beim Vornamen. Der große Treffpunkt war der Spielplatz des Kindergartens in unserer Nähe, hier traf sich die halbe Dorfjugend. Wir waren stolz auf unser Dorf, in dem der soziale Zusammenhalt funktionierte.

Mein Bruder und ich waren überzeugt, die besten Eltern zu haben. Wir galten aber auch als eine vorbildliche Familie. Andres, mein Vater, war ein angesehener Architekt. Er hatte sein eigenes Büro im Dorf, nur wenige Schritte von unserem großzügigen Zuhause entfernt. Meine Mutter kümmerte sich liebevoll um uns. Ihre kreative Ader war für uns ein Geschenk, sie bastelte viel mit uns. Zu unserem Haushalt gehörten auch drei Katzen, mehrere Schildkröten, Enten und Hühner, die unseren Garten bevölkerten.

Und da waren natürlich noch die Eltern meiner Mutter, mit denen wir Wand an Wand wohnten. Wir gingen bei ihnen ein und aus, als gäbe es keine Mauer zwischen unseren Häusern.

Bei uns fühlten sich auch die Nachbarskinder wohl, in unserem Haus war immer etwas los. Meine Mutter duldete die Rasselbande klaglos. Ein beliebtes Refugium war der große Wintergarten, den unser Vater nach ökologischen Prinzipien gebaut hatte. Die großen Fenster sorgten für viel Licht, der gekachelte Boden und das viele Holz in der Stube für eine gemütliche Atmosphäre. Wir lebten in einem Musterhaus, das mein Vater entworfen hatte und das im Magazin »Schöner Wohnen« vorgestellt worden war.

Kai habe ich von klein auf angehimmelt, er war eigentlich immer mein Held. Wir haben selten gezankt. 1991, als ich elf war, ergänzten zwei Cousins unsere Familie, da ihre Mutter alleinerziehend war und sich auf den Beruf konzentrieren musste. Reto und Ben waren wie Brüder für mich. Wir bildeten rasch ein unzertrennliches Kleeblatt. Unsere Abenteuerlust war kaum zu bremsen. Nichts kündigte an, dass unsere Familienidylle einst abrupt gestört werden könnte.

Meine Mutter war die starke Person in unserer Familie. Sie sprühte vor Energie und wusste genau, was sie wollte. Ich erlebte sie fast nur als fröhliche Person, die überall beliebt war und als vorbildliche, liebevolle Mutter galt. Sie ließ Kai und mir viel Freiraum und unterstützte uns immer in unserer Entwicklung.

Ihr Temperament stand im Kontrast zur ruhigen Wesensart unseres Vaters. Er war sanft, zurückhaltend, oft etwas unentschieden. Auch lehnte er sich gern an sie an, die das Heft fest in der Hand hielt. Sie ergänzten sich gut, die Rollenteilung klappte lange Zeit. Allerdings beanspruchte sie immer mehr Raum und beklagte sich mit der Zeit darüber, dass er sich nicht stärker einbrachte.

Lange lief alles sehr harmonisch. Als ich etwa acht Jahre alt war, begannen sich die Dinge zu ändern. Meine Mutter beschäftigte sich zunehmend mit Spiritualität. Das Familienleben schien sie nicht mehr auszufüllen, sie suchte nach einer neuen Aufgabe und einem neuen Lebensinhalt. Ihr Interesse an Esoterik wurde, soweit ich mich erinnere, bei einem Yogakurs geweckt. Sie konzentrierte sich immer mehr auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Das führte zu Spannungen mit meinem Vater. Er spürte, dass sie unzufrieden war und ihr Heil in höheren Sphären suchte.

Im Frühjahr 1992 spitzte sich die Situation zu. Mein Vater konnte es meiner Mutter nicht mehr recht machen.

Als ich eines Tages von der Schule nach Hause kam, saßen zu meiner Überraschung mein Vater und meine Tante im Wohnzimmer. Ich spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. »Wo ist Mama?«, fragte ich aufgeregt. »Sie fühlt sich nicht wohl«, antwortete mein Vater, »sie liegt im Yogazimmer.« »Darf ich zu ihr?« Die Tante nickte. Sie riet mir aber, mich ruhig zu verhalten. Ich war verunsichert.

Meine Mutter lag auf einer Matte. Ich legte mich zu ihr und schaute sie sorgenvoll an. Mir kamen die Tränen. »Was hast du?« Sie deutete auf ihren Bauch, der stark gebläht war. Sie erklärte mir die Symptome, kannte den Grund der heftigen Schmerzen aber nicht. Jedenfalls konnte sie nicht essen. Trotzdem wollte sie keinen Arzt aufsuchen. Seit sie sich mit esoterischen Fragen beschäftigte, misstraute sie den Medizinern und wollte sich selbst heilen. Sie glaubte, dass Medikamente Gift seien und die Selbstheilungskräfte schwächen würden. Der Schulmedizin warf sie vor, nicht den Patienten zu heilen, sondern nur den Körper zu reparieren.

Wir hatten inzwischen akzeptiert, dass sie nur ihren eigenen Heilkräften und alternativen Heilmethoden vertraute. Es wäre nutzlos gewesen, sie zu drängen, einen Arzt zu konsultieren. So litt ich mit ihr und hoffte, die Schmerzen würden bald abklingen.

Am anderen Tag trieb sie ein spiritueller Impuls in den Wald. Meine Mutter glaubte, dass dort die Schwingungen intensiver seien und die Erdkräfte die Heilung fördern würden.

Andres und ich brachten Lisa an eine schöne Stelle in der Nähe eines Bachs. Ich war sehr betrübt und hatte Angst um meine Mutter. Sie krümmte sich vor Schmerzen. Die Situation schien ernst zu sein. Seit Tagen hatte sie nicht gegessen. Wir legten eine Yogamatte auf den moosbewachsenen Boden, meine Mutter kuschelte sich in ihren Schlafsack. Zum Glück herrschte mildes Frühlingswetter.

Es tat mir weh, meine kranke Mutter allein im Wald zurückzulassen. Was macht sie, wenn sich die Situation zuspitzt? Hat sie dann noch die Kraft für den Heimweg? Lisa versicherte uns, dass dies der richtige Ort für sie sei, um neue Energien zu schöpfen. Hier fühle sie sich geborgen. Wir legten ihr eine Flasche Wasser neben die Matte und hofften, dass sie zumindest etwas Flüssigkeit zu sich nehmen würde. Doch sie meinte, sie vertrage auch kein Wasser. Ich weinte, als ich mich von ihr verabschiedete. Auch ihr kamen die Tränen.

Wir hofften, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Uns blieb nichts anderes übrig, als sie dabei zu unterstützen. Meine Mutter konnte sehr stur sein, und sie setzte ihren Willen stets durch. Ich war so mitgenommen, dass ich unmöglich in die Schule gehen konnte. Ich befürchtete, meine Mutter könnte sterben.

Als ich Lisa am nächsten Tag im Wald besuchte, ging es ihr kaum besser. Sie hatte immer noch Bauchkrämpfe, doch sie wirkte etwas zuversichtlicher. Mit dünner Stimme erzählte sie mir von ihren Wahrnehmungen und Erfahrungen. Ihre Schilderungen berührten mich. Ramtha, ein aufgestiegener Meister, der nur noch in geistiger Form existiere, sei ständig anwesend, sagte sie mir. Er habe ihr das besondere Licht gezeigt, das sie nun überall in der Natur entdecke. Lisa hatte ein paar Bücher über den Herrn der Winde, wie sich Ramtha bezeichnete, gelesen und war glücklich, ihn hier draußen erleben zu dürfen.

Sie hatte meinem Bruder Kai und mir früher schon von Ramtha erzählt. Und vom amerikanischen Medium Judy Z. Knight, das die Fähigkeit habe, Kontakt zu dem Geistwesen aufzunehmen. Das Medium stelle seinen Körper zur Verfügung und nehme Strapazen in Kauf, um uns Menschen die Weisheiten Ramthas zu vermitteln, der vor 35 000 Jahren auf der Erde gelebt habe. Sein Ziel sei es, uns spirituell anzuleiten, damit wir den Aufstieg ins Licht und in die höheren Sphären schaffen würden.

Ramtha prophezeite eine baldige Wendezeit, hatte uns Lisa erklärt. Einen von Katastrophen begleiteten Umbruch, vergleichbar mit der biblischen Apokalypse. Nun war mir klar, weshalb unsere Vorratskammer prall gefüllt war. Und weshalb Andres Gold gekauft hatte. Ramtha hatte prophezeit, Geld werde bald an Wert verlieren.

Als Lisa mir das erste Mal von der Wendezeit berichtete, war ich zunächst verängstigt. Bald aber betrachtete ich die Welt mit anderen Augen, und ich war auch ein wenig stolz. War unsere Familie doch in das geheime Wissen der kommenden Veränderungen eingeweiht? Ich fühlte mich irgendwie auserwählt. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr faszinierte mich der Gedanke an die Wendezeit. Ich konnte kaum mehr an etwas anderes denken und malte mir aus, was auf die Menschheit zukommen würde.

Ich besuchte Lisa fast jeden Tag. Ihr Kraftort im Wald lag etwa zehn Minuten von unserem Haus entfernt. Der Weg führte an einer schönen Wiese vorbei, die übersät war mit Blumen, die in allen Farben blühten.

Lisa hatte viele Zeichen der anstehenden großen Veränderung erlebt, wie sie mir beim nächsten Besuch mitteilte. Obwohl sie sehr schwach war, schien sie von den geistigen Erlebnissen überwältigt zu sein. Für sie bestand kein Zweifel, dass sie dem von Ramtha prophezeiten übersinnlichen Licht sehr nah gekommen war. Ja, sie glaubte, selbst ein Teil der geheimnisvollen Energie geworden zu sein und den Aufstieg in die kosmische Dimension zu schaffen. Es klang so, als würde sie sich bald verabschieden. Für immer.

Ich war zutiefst betrübt, denn ich befürchtete, meine Mutter nie wieder zu sehen. Tag um Tag verging, Lisa kam nicht heim. Ich fand mich allmählich mit der Vorstellung ab, dass sie in dieses mysteriöse Licht eingehen würde. Der Gedanke löste eine lähmende Leere in mir aus. Andres versuchte in der Gegenwart von uns Kindern seine Angst und Trauer zu verstecken und für uns da zu sein.

Als ich acht Tage später in meiner Hängematte im Wohnzimmer lag und gedankenverloren aus dem Fenster schaute, traute ich meinen Augen nicht. Lisa kam auf schwachen Beinen durch den Garten auf das Haus zu. Ich rannte ihr entgegen. Sie war wieder da! Alle Ängste, wie ein Leben ohne meine Mutter sein würde, waren verflogen.

Lisa und ich fielen uns um den Hals. Ich weinte vor Freude. Dann bemerkte ich, dass sie sich kaum aufrecht halten konnte. Sie konnte noch nicht einmal sprechen. Sie brauchte Stift und Papier, um sich mitzuteilen. Deshalb kann ich mich auch genau an meine erste Frage erinnern: »Lisa, kannst du wieder trinken und essen?« Als ich ihre Antwort las, jauchzte ich auf. »Ich will es probieren«, stand da. Ihre zittrige Handschrift zeigte mir auch, wie schwach sie war. Doch sie strahlte eine solche Wärme und Herzlichkeit aus, dass ich Mut schöpfte. Sie brauche viel Ruhe, schrieb sie, und dass die Bauchschmerzen zwar noch nicht ganz abgeklungen seien, es ihr aber besser gehe.

Als Andres am Abend an mein Bett kam, um mir eine gute Nacht zu wünschen, wirkte er sehr erleichtert. Er sei so dankbar, dass Lisa wieder bei uns sei, sagte er. Deshalb müssten wir akzeptieren, dass sie sich nun viel zurückziehen werde, um zu meditieren. Ich war immer noch so bewegt von ihrer unerwarteten Heimkehr, dass mir alles lieber war als die dauernde Angst um sie.

Unser Alltag pendelte sich mit der Zeit wieder ein. Lisa meditierte zwar oft, aber nicht den ganzen Tag.

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