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Allein deine Schuld

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Kapitel 34
  41. Kapitel 35
  42. Kapitel 36
  43. Kapitel 37
  44. Kapitel 38
  45. Kapitel 39
  46. Kapitel 40
  47. Kapitel 41
  48. Kapitel 42
  49. Kapitel 43
  50. Kapitel 44
  51. Kapitel 45
  52. Kapitel 46
  53. Kapitel 47
  54. Kapitel 48
  55. Kapitel 49
  56. Kapitel 50
  57. Kapitel 51
  58. Kapitel 52
  59. Kapitel 53
  60. Kapitel 54
  61. Kapitel 55
  62. Kapitel 56
  63. Kapitel 57
  64. Kapitel 58
  65. Kapitel 59
  66. Kapitel 60
  67. Kapitel 61
  68. Kapitel 62
  69. Kapitel 63
  70. Kapitel 64

Über dieses Buch

Sozialarbeiterin Suzanne Walker widmet ihr gesamtes Leben dem Schutz missbrauchter Kinder. Für sie ist es nicht nur ein Job – es ist ihre Berufung. Doch plötzlich wird einer ihrer Schützlinge tot aufgefunden und kurz darauf ihre Tochter entführt. Suzannes Welt stürzt in sich zusammen. Doch was ist an jenem Tag wirklich geschehen? Suzanne versucht mit aller Macht, ihre Tochter zu finden. Detective Sergeant Anthony Clarke nimmt sich des Falls an und setzt die Hinweise nach und nach zu einem schrecklichen Bild zusammen. Im Laufe der Ermittlungen wird schnell klar: Egal wer du bist, die Vergangenheit holt dich immer ein.

Über die Autorin

J.C. Lewin liebte schon als Kind das Schreiben, begann aber erst 2014, sich damit ernsthafter zu beschäftigen. In diesem Jahr begann sie nach einem langjährigen Job als Sozialarbeiterin ein Studium im Fach »Kreatives Schreiben« in London. Ihr Debütroman gewann 2015 die Janklow & Nesbit debut competition. Mittlerweile leitet Lewin ein Pflegeheim bei Tag und arbeitet als Autorin in der Nacht.

Prolog

Sie würde sterben. Das wusste sie.

Ihr Gesicht pulsierte von den Schlägen, die auf sie niedergeprasselt waren, ihr Kopf dröhnte, und ihr Magen verkrampfte sich vor Schmerz, während ihre Organe darum kämpften, weiter zu funktionieren. Sie waren dabei, den Kampf zu verlieren.

Lauf einfach weg! Immer wieder hatte sie es sich gesagt. Man kann ihr nicht trauen! Aber sie hatte sich an den Fetzen Hoffnung geklammert, dass alles besser werden würde. Schließlich war es nicht immer so gewesen.

Es hatte eine Zeit gegeben, da sie willkommen war. Geliebt sogar. Aber das Leben war hart geworden, und alles hatte sich verändert. Hatte sie beide verändert. Es gab Momente, so flüchtig sie auch waren, in denen sie die Frau war, die sie einmal gewesen war. Dann drückte sie ihre Hand und sagte ihr, sie sei ein liebes Kind. Dass sie stolz auf sie sei. In solchen seltenen Augenblicken konnte man sich nur schwer vorstellen, dass sich dieselben Hände zu Fäusten ballten. Sie prügelten, bis auf ihrer Haut rote Flecken zu hässlichen knallroten Schwielen aufblühten. Sie bettelte sie an aufzuhören.

Sie wusste, dass sie sie eigentlich nicht mehr lieben sollte, und doch tat sie es. Würde sie immer lieben.

Es ist so weit, dachte sie, während sie nach Luft ringend die Augen schloss. Es lag eine gewisse Poesie darin, dass der Mensch, der einen in diese Welt gebracht hatte, einen nun daraus entfernte.

Kapitel 1

Sie war tot. Das wusste ich schon.

Und da war sie, und das Bild mit ihrem frischen Gesicht überall in den East Anglian Nachrichten bestätigte, dass niemand dieses traurige Lächeln je wieder sehen würde. Ich hatte die Verantwortung für sie gehabt. Meinem Schutz war sie anvertraut gewesen.

Ich stand mitten im Wohnzimmer und starrte auf den Bildschirm, während ein überwältigendes Gefühl der Hilflosigkeit über mich hinwegschwappte. Ich hatte gewusst, dass es heute in den Nachrichten sein würde – die ganze Nacht hatte ich wachgelegen und mich davor gefürchtet – aber ihr Gesicht hier in meinem Wohnzimmer zu sehen, erwischte mich irgendwie kalt. Im Fernseher lief eine Präsentation ihres Lebens ab. Skurrile Bilder von ihrem Facebook-Konto. Instagramfotos, auf denen sie in Schuluniform posierte. Selfies mit Freunden in Norwich. Alles Lügen. Emma Beale hatte kein schönes Leben gehabt.

Ich schaute mich in meinem eigenen behaglichen Leben um, einem Leben, das ich oft für selbstverständlich hielt. Meine Blicke wanderten von dem Haufen nicht zueinanderpassender Schuhe und Stiefel auf dem Fußboden zu der Kerze mit dem Kirsch-Vanille-Duft auf dem Second-Hand-Couchtisch, zu dem cremefarbenen Sofa, auf dem ich mich am Feierabend mit einem Glas billigem Wein zusammenrollte. Es war nicht das tollste Haus der Welt – ein gewöhnliches einstöckiges Reihenhaus in Norwich – aber es gehörte uns. Teigan und ich hatten alles, was wir brauchten. Sie war geborgen und wurde geliebt. Und das war etwas, was Emma nie gehabt hatte.

Ich sah zu den gerahmten Fotos auf dem Kaminsims. Mutter und Tochter. Mein Lieblingsbild war das von uns in den Ferien auf den Kanaren, auf dem wir mit einem Eis in der Hand grinsen wie Honigkuchenpferde. Teigan musste damals zehn gewesen sein – bevor sie ein Teenager wurde und beschloss, dass es ätzend war, auf einem Bild mit Mum zu lächeln. Ich dachte wieder an Emma. Sie hatte nie einen Fuß in einen Flughafen gesetzt, geschweige denn in einen Flieger auf die Kanaren. Und jetzt würde sie es auch nie tun.

Ein vertrauter Zweifel fing an, an mir zu nagen, als die unvermeidlichen Fragen auf mich einstürmten. Hätte ich sie retten können? Ich tigerte im Zimmer herum und ging die Liste verpasster Anrufe von vor zwei Tagen durch.

 

  • 11:10 Unbeantworteter Anruf von Emma Beale.
  • 11:45 Unbeantworteter Anruf von Emma Beale.
  • 11:55 Unbeantworteter Anruf von Emma Beale.
  • 12:01 Unbeantworteter Anruf von Emma Beale.
  • 12:02 SMS von Emma Beale: Bitte rufen Sie mich an. Ich muss mit Ihnen reden.

Hätte ich sie da nur angerufen. Hätte ich nur gewusst, was passieren würde.

Ich zuckte zusammen, als mein Handy in meiner Hand vibrierte. Hilary Andrews. Ich hätte es wissen müssen. Ein Anruf von der Chefin vor acht Uhr morgens bedeutete, dass sich die Sache von schlecht zu schlechter entwickelte.

»Hallo. Ich hab’s gesehen.« Ich hielt inne, als der Kloß in meiner Kehle fester wurde. »Es tut mir so furchtbar leid.«

»Ich habe dir gestern schon gesagt, dass es nicht deine Schuld ist, dass die Mutter eine Kriminelle ist.«

»Aber ich hätte sie früher da rausholen müssen. Ich habe gewusst, dass das passieren würde. Ich hab’s gewusst.«

»Nein, das hast du nicht. Und sag solche Sachen bloß nicht vor dem Untersuchungsausschuss – die werden sich die Finger lecken.«

»Aber …«

»Es ist nicht deine Schuld, Suzanne. Wenn ich mich recht erinnere, hast du im Gegenteil etwa vor zwei Monaten den Wunsch geäußert, Emma aus dem familiären Umfeld herauszuholen.«

»Ja, aber es ist nicht passiert.«

»Nun, das hattest du nicht zu entscheiden. Du weißt besser als irgendjemand sonst, dass, wenn die oben sagen, es gebe nicht genug Beweise, die Sache gelaufen ist.«

Das stimmte. Niemand konnte einem besser einen Knüppel zwischen die Beine werfen als ein Vorgesetzter, der sagte, die Schwelle sei noch nicht erreicht. Mir fiel blitzartig der Tag wieder ein, an dem ich aus dem Büro gestürmt war. Monate harter Arbeit, und wofür? Ich hatte mir geschworen, dass ich weitere Gutachten schreiben, genügend Indizien sammeln würde, um Emma da herauszuholen. Doch ehe ich mich versah, hatten meine anderen Fälle Vorrang gehabt, und Emma war auf der Prioritätenliste nach unten gerutscht. Die vergessenen Kinder.

»Ich hätte mehr tun müssen.« Meine Stimme kam erstickt heraus, während ich gegen die Tränen ankämpfte. Das Bild von Emmas mattem Gesicht beim letzten Mal, als ich sie gesehen hatte, kam mir erneut in den Sinn. Sie wandte sich vom Auto ab, nachdem ich sie zu Hause abgesetzt hatte, und wappnete sich für die nächste Runde emotionaler Misshandlungen.

Ich hörte, wie Hilary am anderen Ende einen Seufzer ausstieß. Mit Gefühlen hatte sie es noch nie gehabt, die gute Hilary.

»Du musst dich bei der Falluntersuchung zusammenreißen. Ich werde auch mit dem Ausschuss sprechen, damit du nicht allein stehst.« Sie hielt inne. »Wann wirst du hier sein?«

Ich räusperte mich. »Bald. In zwanzig Minuten.«

»Gut. Der Untersuchungsausschuss kommt um neun.«

»Okay. Kannst du die Zentrale bitten, mein Interview zur Walker-Stiftung heute abzusagen?«

»Ach, herrje, ist das heute?«

»Heute Nachmittag. Aber wir sagen’s ab, ja?« Ich quetschte das Handy in meinen Fingern. »Das schaffe ich heute nicht. Nicht nach der Sache.«

»Suzanne, ist dir klar, wie viel dieser ganze PR-Quatsch gekostet hat?« Hilarys Stimme klang streng und autoritär wie die einer alten Schullehrerin. »Das können wir auf keinen Fall absagen. Wenn es erst am Nachmittag ist, gut. Du kannst nach dem Untersuchungsausschuss hingehen.«

»Ist das nicht ziemlich unsensibel?«

Bei meiner Andeutung ging Hilary an die Decke. »Vor allem mal war das deine Scheiß-Idee, Suzanne. Du bist diejenige, die mit dem Jugendamt von Norfolk dafür zusammenkommen wollte. Und da Norfolk ebenfalls eine Menge Mittel dafür aufgewendet hat, werden wir nicht absagen. In Ordnung?«

Ich fiel aufs Sofa zurück und ließ geschlagen die Schultern hängen. Ich wusste sehr wohl, dass man es sich gut aussuchen musste, wann man sich mit Hilary anlegte. »Okay … solange die Sache sensibel behandelt wird.« Ich legte auf und schaute wieder zum Bildschirm. Man konnte sehen, dass Wahlen bevorstanden. Emma Beales Tod würde bald von all den Politikern und ihren Machtkämpfen verdrängt werden. Für die meisten würde sie zu einer schwachen Erinnerung, zum Nichts verblassen. Doch für mich würde sie immer jemand sein, bei der ich versagt hatte.

»MUM!«

Teigans aufgeregte Stimme riss mich aus meinen düsteren Gedanken, als sie die Treppe herunter und fuchsteufelswild ins Zimmer getrampelt kam.

»Mum, was hast du mit meinem roten Schal gemacht?« Eine Hand in die Hüfte gestemmt, ihr Handy in der regenbogenfarbenen Hülle in der anderen, stand sie da. Ihre langen dunklen Haare fielen nach vorn und verdeckten ihr halbes Gesicht.

»Welchem Schal?« Ich sprach so deutlich, wie ich konnte, und versuchte die unterdrückten Tränen in meiner Stimme nicht zu verraten.

»Meinem roten! Mit den Schmetterlingen.«

»Ich habe überhaupt nichts damit gemacht.«

Schnaufend verschränkte sie die Arme übereinander. »Das machst du immer. Du räumst Sachen dorthin, wo sie deiner Meinung nach hingehören, und dann vergisst du total, dass du irgendwas damit gemacht hast.«

Vor Entrüstung liefen meine Wangen rot an. Wenn die nur wüsste. Teigan betrachtete den Ausdruck auf meinem Gesicht, hielt inne und ließ die Arme sinken, als meine pampige Teenager-Teigan dem warmherzigen Mädchen darunter Platz machte.

»Mum? Ist irgendwas?«

»Ach, nichts. Nur … die Arbeit.«

Teigan nickte. »Hat es was mit dieser Emma zu tun, die heute Morgen im Fernsehen war? War das eine von deinen?«

Bei der Erinnerung, dass Emma meinem Schutz anvertraut gewesen war, ließ ich den Kopf hängen. »Ja. War sie.«

»Das tut mir leid, Mum.« Sie kam herangeschlurft und umarmte mich, wobei ihre langen Haare an meinem Arm kitzelten. Ich blinzelte die Tränen zurück und zwang mich nicht zu weinen.

»Danke, mein Schatz.” Ich strich ihr die Haare hinter die Ohren, als wir uns voneinander lösten. »Versuch’s mal in dem Schrank unter der Treppe – ich meine, ich hätte den Schal dort gesehen.«

»Aha, du hast ihn also doch weggeräumt.« Sie grinste triumphierend.

»Einigen wir uns darauf, dass wir uns da nicht einigen können.«

Ich ging durch das mittlere Zimmer – das zum allgemeinen Abstellraum verwandelte Esszimmer – und entdeckte zwei Ladungen von Teigans Wäsche auf dem Wäscheständer in der Ecke.

»Ich habe dich gestern Abend gebeten die wegzuräumen, Teigan.«

»Was?« Sie schaute kurz von ihrem Handy hoch, das nun, da ihr Schal gefunden war, wieder ihre volle Aufmerksamkeit beanspruchte. »Ach, ja. Habe ich vergessen.«

Natürlich. Ich hatte versucht, ihr einige Grundlagen beizubringen, haushaltsmäßig. In ihrem Alter war ich schon gut im Waschen, Bügeln, Saubermachen und Kochen gewesen. Hatte ich auch sein müssen. Bisher war es schon ein Kampf gewesen, ihr zu zeigen, wie man eine Waschmaschine bedient. »Na schön, könntest du sie jetzt bitte wegräumen?«

»Gleich«, murmelte sie, ohne den Blick von ihrem Handydisplay zu wenden.

»Sofort, bitte.«

Schwer seufzend verdrehte sie die Augen.

Ich ging in die Küche, um mir für die Arbeit mein Mittagessen zu machen – es stank immer noch nach dem Fisch von gestern Abend. Die einst fröhliche gelbe Farbe sah matt und schmuddelig aus. Mein Blick wanderte zu den Flugblättern für das Norfolk & Norwich Festival, die ich auf dem Kühlschrank gesammelt hatte. Es stand kurz bevor. Der Mai war immer wieder so schnell da. Ich verzog das Gesicht, als ich ans letzte Jahr dachte. Wir hatten es geschafft, zwei der höchst begehrten Spiegelzelt-Tickets für den 20er-Jahre-Abend zu ergattern, und am Ende hatte ich Teigan in letzter Minute wegen eines Notfalls auf der Arbeit enttäuschen müssen. Ich hatte ihr damals versprochen, dass wir es dieses Jahr schaffen würden. Keine Notfälle.

»Teig, könntest du heute Abend die Veranstaltungen ankreuzen, zu denen du beim N&N gehen willst? Ich schaue dann, für welche wir vorbestellen müssen.«

»Mmm.«

»Na los, sonst verpassen wir die ganzen guten Sachen. Sieht so aus, als würden sie wieder den 20er-Jahre-Abend machen – hast du da noch Lust drauf?«

Teigan, die nach wie vor an ihrem Handy klebte, machte sich auf den Weg durch die Küche.

»Pass auf die …«

Sie übersah die Stufe in die Küche und stolperte, wobei sie sich zwar in der Tür abfing, aber ihr geliebtes Handy fallen ließ. Es rutschte über den Küchenboden, und sie bückte sich, um es aufzufangen. Ich zuckte zusammen.

»Verdammt! Das Display ist gesplittert!« Sie stampfte mit den Füßen, genau wie sie es mit drei Jahren – dem Jahr der Wutanfälle – getan hatte.

»Ach, Teigan, wirklich. Du hast es erst wie lange, seit zehn Tagen?«

»Ist doch nicht meine Schuld. Du hast doch gesagt, ich soll herkommen.«

»Na, vielleicht hätte es ja geholfen, wenn du gesehen hättest, wo du hingehst, oder?« Ich zog die Augenbrauen auf eine »Gib bloß nicht mir die Schuld«-Art hoch, bevor ich weich wurde. Sie sah aus, als würde sie gleich losheulen. »Hör zu, da ist so ein Laden in der Castle Mall, der Displays repariert. Wir bringen’s am Wochenende hin und lassen es machen, okay?«

Ich überließ sie ihrer Trauer um das Handy und öffnete den Kühlschrank. Es war kaum noch etwas zum Essen übrig – ich nahm mir vor, am Wochenende einzukaufen. Allerdings wusste ich schon jetzt, dass der größte Teil des Wochenendes dafür draufgehen würde, noch mal die Fallgeschichte von Emma Beale durchzusehen, um nach Dingen zu suchen, die ich übersehen haben könnte, und mich damit herumzuquälen. Ich schnappte mir ein paar Hühnchenreste und die offene Packung mit schlaffen Rucolablättern. Ein bescheidenes Mahl. Es würde genügen müssen.

»Wieso hast du dich heute so schick angezogen?«, fragte Teigan, während sie sich den roten Schal um den Hals wickelte und ihre langen Haare anhob, wobei ein paar verstreute Pickel auf ihrer Wange sichtbar wurden. Mir wurde leichter zumute – nach meiner Kleidung zu fragen war ihre Art, sich zu entschuldigen.

Wirkte ich schick? Ich hatte es auf intelligent, aber bodenständig angelegt. Professionell, aber zugänglich. Ich hatte ein Kostüm angezogen, obwohl ich mit meiner winzigen Figur immer etwas doof aussah – wie ein Kind, das versucht, sich fein zu machen. »Ich habe heute eine wichtige Sitzung, eine Falluntersuchung. Wegen Emma.«

»Aha.«

Ich fummelte mit meiner Bluse herum, steckte sie in den Rock und bemerkte die große Lücke zwischen dem Bund und meinem Bauch. Anscheinend hatte ich es in letzter Zeit übertrieben. Oder untertrieben, gewissermaßen.

Ich drückte mich dichter an den Kühlschrank, als Teigan sich durch den begrenzten Spalt zwischen meinem Rücken und der Arbeitsfläche zwängte. Sie nahm das iPad von dem Haufen Rechnungen, trug es ins mittlere Zimmer und zog einen Stuhl an dem unbenutzten Esstisch heraus.

Ich tröpfelte etwas Zitronendressing auf meinen Salat und drückte den Deckel darauf. 8 Uhr 25. Ich musste los. Mir stand ein stressiger Tag auf der Arbeit bevor.

»Vergiss nicht, Tonks zu füttern.«

»Mum, was ist das, verdammt noch mal?«

»Teigan – nicht fluchen!«

Sie beachtete mich nicht und streckte mir das iPad ins Gesicht – auf dem ein Tab zu sehen war, den ich dummerweise geöffnet gelassen hatte. »Wieso suchst du nach Häusern in der Pampa?«

Ich stöhnte. »Na schön, jetzt nicht – wir können später drüber reden.«

»Garboldisham? Harleston?« Mit einem Blick, aus dem pure Panik sprach, scrollte sie durch die Listen. »Um Gottes willen, wir ziehen doch nicht etwa aus der Stadt, oder?«

»Ich habe nur ein bisschen herumgesucht, weiter nichts. Das sind hübsche Dörfer, wo man eine Menge mehr für sein Geld bekommt, und, ehrlich gesagt, hätte ich gern eine Küche, in der wir uns beide bewegen können.« Ich hörte die wachsende Frustration in meiner Stimme. Dafür hatte ich jetzt keine Zeit.

»Aber wir hatten das Geld. Wir hätten ein größeres Haus haben können, genau hier in Norwich, aber du wolltest ja unbedingt die Heilige Teresa damit spielen!«

»Es heißt Mutter Teresa, Teigan. Und es war meine Entscheidung. Dieses Geld war …« Ich verstummte, als mich die Erinnerungen einholten. Die gemischten Gefühle. Das Schuldbewusstsein. »Es wäre nicht richtig gewesen, wenn ich es ausgegeben hätte.«

»Also, mich zu zwingen, von meinen Freunden wegzuziehen, ist auch nicht richtig.« Ihre Augen waren schreckgeweitet, ihre Wangen rot. »Was ist mit der Schule? Was ist mit meinem Leben?«

»Teigan. Beruhig dich doch. Du würdest trotzdem auf derselben Schule bleiben. Ich würde dich fahren, und du müsstest nicht mehr laufen. Ich finde einfach, es ist Zeit daran zu denken, aus der Stadt in ein hübscheres Haus zu ziehen.«

Teigan wischte meine Plattitüden beiseite und fing an herumzutigern. »Du willst nur umziehen, weil hier alle deine Fälle sind und alle Familien dich hassen«, schrie sie. »Dir ist egal, was ich will. Ich habe keine Lust, die Verrückte zu sein, die jeden Tag von ihrer Mum zur Schule gefahren wird, als sei sie noch in der Grundschule. Dann will niemand mehr mit mir zu tun haben.«

»Teigan …«, entgegnete ich, aber sie fiel mir ins Wort.

»Und selbst wenn sie’s wollen, dann können sie’s nicht, weil ich gleich nach der Schule wie ’n kleines Kind abgeholt werden muss.«

»Teigan«, versuchte ich es wieder, »wir können später darüber reden. Im Augenblick muss ich zur Arbeit.«

»Du musst immer zur Arbeit.« In ihren Augen standen jetzt Tränen, und ihre Stimme erstickte vor hinuntergeschluckten Gefühlen. »Du machst dir immer nur Sorgen, dass du deine Fürsorgekinder im Stich lässt, aber was ist mit mir? Um die kümmerst du dich mehr als um mich.«

Von der Anschuldigung vor den Kopf geschlagen, erstarrte ich. Der verletzte Blick meiner Tochter spiegelte meinen eigenen. Bilder von Emmas Fall stürmten auf mich ein – ihr trauriges Lächeln, der fürchterliche Zustand der Wohnung, die Blutergüsse im Gesicht, die selbst zugefügten Schnitte auf Armen und Schenkeln. Die schwierigen Gespräche mit ihrer Mutter, gefolgt von den angespannten Debatten mit Hilary darüber, was zu tun sei. Die Angst, die ich in Emmas Augen sah, als ihre Mutter an diesem Tag über sie hergefallen war.

Teigans Anklagen waren zu einem Hintergrundgeräusch verblasst. Meine Gedanken schweiften ab, ein Nebel aus Stress und Erinnerungen, an die ich nicht denken wollte. Die Worte des Nachrichtensprechers, die mich verfolgten:

»Emma Beale, die tragisch von denen im Stich gelassen wurde, die sie eigentlich beschützen sollten.«

Ließ ich etwa meine eigene Tochter im Stich? Mein Herz raste, mir schwirrte der Kopf. Je mehr ich versuchte mich zu konzentrieren, desto weniger gelang es mir.

Dann war da nichts mehr.

Kapitel 2

Erst als ich an der Ampel vor dem Fußballstadion anhielt, merkte ich, dass ich das Haus verlassen hatte. Mit gerunzelter Stirn versuchte ich mich an die Ereignisse der vergangenen halben Stunde zu erinnern. Ich blickte auf die Uhr am Armaturenbrett meines alten Peugeot. Seit dem Streit war fast eine Stunde vergangen. Wo war nur die Zeit geblieben? Während ich darauf wartete, dass die Ampel umsprang, tippte ich mit dem Fuß leicht auf die Kupplung. Vor dem Stadion stand der Warnhinweis. Die Canaries hatten am Samstag ein Heimspiel. Na toll, da würde es wieder ein Verkehrschaos in der Stadt geben. Während ich die Leuchttafel las, schwirrten mir Teigans Anschuldigungen im vernebelten Kopf herum.

Du machst dir immer nur Sorgen, dass du deine Fürsorgekinder im Stich lässt, aber was ist mit mir? Um die kümmerst du dich mehr als um mich.

War es so? Ich konnte es nicht ertragen, wenn sie über Emma redete – ich konnte es nicht mehr hören. Ich hatte alles ausgeblendet … und dann? Mein Herz flatterte schmerzhaft, als ich daran dachte, was anschließend passiert war.

Als die Ampel grün wurde, trat ich das Gas durch und versuchte mir die Tatsachen klarzumachen. Ich war gestresst. Sie war wütend. Wir hatten gestritten. War sie dann zur Schule gegangen? Oder war ich zuerst gegangen? Ich hoffte, dass sie das Haus abgeschlossen hatte – das Letzte, was ich wollte, war, in ein ausgeraubtes Haus heimzukommen. Ich reihte mich in die Schlange für die nächste Ampelrunde ein und beneidete die Leute in Anzügen ein wenig, die zu Fuß den Hügel runter zu Arbeit gingen. Zu Fuß zur Arbeit gehen können, was für ein Luxus. Die Sonne schien durch die leichten, flauschigen Wolken – ein erstaunlich schöner Tag für April. Zur Mittagszeit würden städtische Arbeiter um den Norwich Market herumwimmeln und auf den Stufen vor dem Rathaus Kaffee trinken und Gebäck mampfen. Ich beneidete sie um ihren Achtstundentag mit festgelegter Mittagspause. Mein Auto roch immer noch nach Thunfisch, nachdem ich am Vortag zwischen den Hausbesuchen meinen Salat hinuntergeschlungen hatte.

Teigan musste wohl zuerst gegangen sein. Wahrscheinlich war sie hinausgestürmt und hatte den Kater mir überlassen. Hatte ich ihn gefüttert? Ja. Ich erinnerte mich, dass er sich dankbar an meinem Bein gerieben hatte. Oder war das gestern gewesen? Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. Nicht einmal die Tage waren mehr zu unterscheiden. Das passierte immer öfter. Und zwar seit jenem Fall vor zwei Jahren. Die Brüder. Es war, als hätte das Trauma nach alldem einen Teil von mir zerstört und mein Gedächtnis anfällig für Ausfälle gemacht, besonders unter Stress. Letzte Woche war ich nach einem harten Tag in den Supermarkt gegangen und hatte nicht nur keine Ahnung, was ich einkaufen wollte, sondern konnte mich auch nicht erinnern, das Haus verlassen zu haben. Trotzdem war ich noch gar nicht mal so schlecht dran. Der Stress der Sozialarbeit hatte anderen noch Schlimmeres zugefügt.

Eine seltene Entdeckung riss mich aus meinen Selbstvorwürfen – eine Parklücke. Vielleicht war das der Anfang von einem bisschen Glück. Ich parkte ein und dachte daran, Teigan eine SMS zu schicken. Ich hasste es, mit ihr zu streiten, und ich hasste es noch mehr, Dinge unerledigt zu lassen. Ich kramte in meiner Tasche nach meinem Handy und fand verschiedene Gegenstände – Notizbücher, Lesebrille, Dienstmarke, Portemonnaie. Aber kein Handy.

Verdammt. Ich hatte es wieder zu Hause gelassen. Ich würde ihr von meinem Diensthandy schreiben müssen, das hoffentlich in meinem Spind lag. Hilary würde es nicht schätzen, wenn ich wieder eines verloren hätte. Seufzend ließ ich die Türklinke los. Es war an der Zeit, mich dem Tag zu stellen, der vor mir lag.

Das Großraumbüro war bis zum Platzen voll mit einem Meer ausgepowerten Personals, das die Tage bis zum Freitag zählte. Es gab die übliche Bürohektik, das pausenlose Klingeln der Telefone mit dem vielfachen Echo Jugendamt Norfolk, wie kann ich Ihnen helfen? überall im Raum. Schon konnte ich Bruchstücke von Gesprächen hören, bei denen es um Emma ging.

»Ich weiß, schon wieder ein totes Kind. Bei diesem Tempo kommen wir noch in die Sondermaßnahmen.«

»Die Sache ist die, dass der Fall schon vor Monaten vors Sozialgericht hätte kommen müssen – es war unvermeidlich.«

»Ich schaue mich nach Stellen in Suffolk um, Kumpel. Wir werden garantiert bald privatisiert, vor allem nachdem dieser Emma-Beale-Fall in den Nachrichten war.«

Ich ließ den Kopf hängen. Jeder im Raum wusste, dass ich die für Emma verantwortliche Sozialarbeiterin war. Ich betete, dass alle meine Körpersprache lesen und so tun würden, als würden sie mich nicht sehen. Sozialarbeiter sollten schließlich gut im Lesen von Körpersprache sein.

»Hi, Suzanne. Wie geht’s?«

Ich hob den Kopf. Es war Lauren – die süße, reizende Familienberaterin Lauren. Sie war Anfang zwanzig. Ein blondes, hübsches Ding mit himmelblauen Augen. Sie musste die Neuigkeit gehört haben – so wie alle anderen –, denn sie sprach in diesem ganz leicht fürsorglichen Ton und legte den Kopf zur Seite, wie um zu sagen: »Du Ärmste

»Ja, alles okay. Danke. Und dir?«

»Ach, mit geht’s gut. Lust auf eine Tasse Tee? Ich mache dir eine.« Lauren drückte mir sanft die Schulter und ging weiter, um Wasser aufzusetzen. Sie war erst seit ein paar Monaten im Team, hatte sich aber rasch als das Tee-Girl etabliert. Wann immer jemand eine schwierige Sitzung hatte oder gerade von einem Hausbesuch bei einer Familie zurückkam, die bei allen als schwierig bekannt war – stand sie mit einem Tee bereit.

Ich schmiss mich hinter den einzigen freien Schreibtisch – den bei den stinkenden Klos. Scheiß flexible Arbeitsplätze. Trotzdem, wenigstens hatte ich einen Tisch ergattert. Ich holte tief Luft und versuchte mich daran zu erinnern, positiv zu bleiben. Ich war hier, um meine Arbeit zu machen, und ich machte sie, so gut ich konnte. Im Kopf hörte ich die Stimme meiner Mutter mit ihrem Lieblingsspruch, damals, als ich ein kleines Mädchen war. »Schau immer in die Sonne, meine kleine Blume. Nur so kannst du blühen Es war zwanzig Jahre her, dass ich die Stimme meiner Mutter in Wirklichkeit gehört hatte.

»Hier, bitte schön, Suzanne.«

Ich schaute hoch und sah, dass mir ein Becher Tee in einem »Ruhe bewahren und weitermachen«-Becher zusammen mit zwei Vanilleplätzchen angeboten wurde. »Oh, vielen Dank. Die Plätzchen lass ich aber lieber liegen.«

»Nein, nein, nimm sie – der Zucker wird dir guttun.«

Ich lächelte müde und wusste, dass ich sie nicht anrühren würde. »Vielen Dank.«

»Endlich – da bist du ja«, ertönte Hilarys vertraute Stimme. »Sie warten schon auf dich. Der Untersuchungsausschuss hat um neun angefangen. Wieso hast du so lange gebraucht?«

Gute Frage. »Tut mir leid. Ich musste noch was für Teigan regeln, bevor sie in die Schule ging. Und dann, du weißt ja, der Verkehr.«

»Okay, geh da rein. Ich habe schon mit ihnen gesprochen, und jetzt bist du an der Reihe. Denk dran, es war nicht deine Schuld. Du konntest nicht wissen, dass das passieren würde. Sei stark.«

Ich nickte. Doch ich hatte mich noch nie im Leben weniger stark gefühlt.

Zu dritt saßen sie nebeneinander auf der anderen Seite des Tischs wie eine Art Schiedsgericht oder eine Gruppe besonders harter Verhörspezialisten. Ich trommelte mit den Fingern auf meinem Knie im Versuch, die Nervosität aus meinem Körper zu klopfen. In dem Raum war es trotz der relativen Wärme draußen kalt – in den Büros im Carrow House war es stets entweder eiskalt oder tropisch heiß.

Der Silberhaarige in der Mitte sprach als Erster. »Also, Sie waren seit achtzehn Monaten die verantwortliche Sozialarbeiterin für Emma Beale – trifft das zu, Mrs Walker?«

»Es heißt Ms Walker. Und ja. Seit achtzehn Monaten.«

»Können Sie uns einen knappen Überblick über den Fall während dieser Zeit verschaffen, Ms Walker?« Er schien das höchstrangige Ausschussmitglied zu sein und stammte offensichtlich nicht aus Norfolk. Seinem Akzent nach war er wahrscheinlich aus London angereist.

»Ja. Nach einer anfänglichen Einschätzung kam ich zu dem Schluss, dass eine Kindesschutz-Konferenz für Emma stattfinden sollte. Das Ergebnis war, dass sie tatsächlich gemäß Kindergesetz Abteilung 47, Kindesschutzmaßnahmen, zugewiesen wurde.« Ich holte Luft und ermahnte mich, nicht so schnell zu reden.

»Und die Überprüfungen fanden innerhalb der vorgeschriebenen Fristen statt?«

»Ja. Die Prüfungskonferenzen fanden alle sechs Monate statt, und die Kerngruppensitzungen alle sechs Wochen.«

»Nun ja«, mischte sich die blonde Frau ein, »sie fanden nicht immer fristgerecht statt, wie es aufgrund der Aufzeichnungen hier aussieht. Des Öfteren lagen sieben oder acht Wochen dazwischen. Einmal, im letzten Sommer, lag eine Lücke von zehn Wochen zwischen den Kerngruppen.«

Ich bohrte die Fingernägel in meine Handfläche, um meine Nerven zu beruhigen. Jeder wusste, dass die Sitzungen manchmal nicht nach Plan stattfanden – das lag in der Natur der Arbeit. »Ja, ich glaube, das lag an den Sommerferien, in denen Lehrer und andere daran gebundene Berufstätige wie Beratungslehrer nicht teilnehmen konnten.«

»Hm, Sie hätten trotzdem eine kleine Kerngruppensitzung mit der Familie und dem medizinischen Personal durchführen können.«

»Nun«, ich stockte, »bei allem schuldigen Respekt, an diesem Fall war keine Hebamme und keine Früherziehungspädagogin beteiligt, und wir wissen ja alle, dass praktische Ärzte nie zu Kerngruppen kommen, ich wäre also buchstäblich mit der Familie allein gewesen.«

Die blonde Frau blickte mich finster an. »Es ist hier nicht an der Zeit, sarkastisch zu werden, Ms Walker. Ein Kind ist tot. Ein Kind, für das Sie verantwortlich waren.«

Ich sank auf meinem Stuhl zusammen und senkte den Blick, während mich plötzlich der Wunsch packte mich zu übergeben.

Der Silberhaarige nutzte die Gelegenheit, das Wort zu ergreifen. »Ich sehe hier, dass mehrere Anrufe der jungen Emma am Dienstag, dem Morgen ihres Todes, eingingen. Einer um zwanzig nach neun im Büro, bei dem sie nach Ihnen fragte; ein anderer um elf und vier weitere Anrufe, die zwischen elf und zwölf auf Ihrem Diensthandy eingingen. Ist das richtig?«

Sein Blick ruhte auf mir, forderte mich heraus, ihn anzusehen. Aber ich konnte nicht. Ich schluckte die Galle hinunter, die in meiner Kehle aufstieg. »Ja, das ist richtig.«

»Wieso also, wenn ich fragen darf, blieben alle diese Anrufe unbeantwortet? Die Sekretärin, die die beiden ersten Anrufe annahm, hat in ihrem Protokoll festgehalten, dass sich Emma verstört anhörte. Hätte sie das nicht unbedingt an die Spitze Ihrer Prioritätenliste setzen müssen?«

Ich wurde von Schuldgefühlen überschwemmt. Natürlich hatten sie von den Anrufen gewusst – ich war naiv gewesen, zu denken, dass das nicht aufs Tapet käme. Wusste Hilary davon? Sie hatte nichts erwähnt. Ich saß völlig reglos auf meinem Stuhl, und der Kloß in meiner Kehle hinderte mich am Sprechen.

»Ms Walker?” Die blonde Frau beugte sich vor und verschränkte die Hände. »Beantworten Sie bitte die Frage.«

Ich presste erneut den Fingernagel mit einem solchen Druck in die Handfläche, dass er die Haut durchbohrte. Der Schmerz wirkte einen Moment lang erleichternd.

»An dem Morgen war sehr viel los, und Emma hatte die Neigung, oft anzurufen.« Meine Stimme klang so schuldbewusst, dass ich mich innerlich krümmte.

»Das hat die Sozialarbeit nun mal an sich, Ms Walker. Aber das beantwortet nicht die Frage. Warum haben Sie nicht einen einzigen von Emmas Anrufen beantwortet, obwohl Sie wussten, dass sie verstört war?«

Ich konnte dem Ausschuss nicht länger in die Augen sehen, das Gefühl der Verzweiflung zog meinen Kopf nach unten. Um Himmels willen, was hatte ich getan? Wenn ich die Anrufe beantwortet hätte – wäre Emma dann noch da? Ein Teil von mir hätte mein Versagen am liebsten einfach zugegeben und aufgegeben, doch ein anderer kleiner Teil wusste, dass ich mich verteidigen musste. In Gedanken kehrte ich zurück zum vorgestrigen Tag, der mir schon vorkam, als läge er eine Ewigkeit zurück. Ich hatte an diesem Tag Dienst gehabt und gerade erfahren, dass ich an einer Jugendamt-Prüfungssitzung teilnehmen musste.

»Die Greenwoods? Ich habe von der Familie noch nie gehört«, hatte ich, aufgebracht über die unwillkommene Neuigkeit, zu Hilary gesagt.

»Ja, na ja, die stehen auf der Liste der nicht zugewiesenen Fälle. Terri war auf der ersten Sitzung vor sechs Monaten, jemand, der Dienst hatte – Sandra war’s, glaube ich – hat vor zwei Monaten bei Ihnen vorbeigeschaut, aber seitdem war niemand mehr dort.« Hilary zuckte die Achseln angesichts meiner entsetzten Miene.

»Nun ja, so etwas passiert, wenn man eine Liste mit nicht zugewiesenen Fällen hat. Reines Krisenmanagement. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendwelche Freiwilligen zusätzlich Fälle übernommen hätten.«

»Ist der Bericht geschrieben?«, fragte ich in der Hoffnung auf wenigstens eine kleine gute Nachricht.

»Leider nein. Das ist dein Job heute Morgen.«

»Du meine Güte, der soll doch achtundvierzig Stunden im Voraus an die Familie und den Vorsitzenden rausgehen.«

»Tja, nun denn, du legst am besten los. Vielleicht können wir ihn ja wenigsten zwei Stunden im Voraus verteilen.«

In diesem Augenblick hatte die Mitarbeiterin in der Zentrale die erste Telefonnachricht von Emma durchgegeben. Ich hatte einen Blick darauf geworfen und wollte sie anrufen, aber da fiel mir ein, dass das ein langes Gespräch werden könnte. Deshalb beschloss ich, den Bericht für die Greenwoods vorzuziehen und später auf Emma zurückzukommen.

»Als die zweite Nachricht durchkam, war ich damit beschäftigt, den Bericht an den Vorsitzenden abzuschicken und eine Mutter abzufertigen, die ins Büro gekommen war und unbedingt Nahrungsmittelgutscheine brauchte«, berichtete ich dem Prüfungsausschuss vor mir. »Als mein Handy klingelte, saß ich auf dem Weg zu der Sitzung im Auto.«

»Und was war, nachdem die Sitzung zu Ende war? Wieso haben Sie sie dann nicht zurückgerufen?« Die blonde Frau schaute mich mit Adleraugen an.

Mein Magen zog sich zusammen. »Die Sitzung war erst um halb fünf zu Ende. Ich hatte inzwischen mehrere Anrufe erhalten, die im Zusammenhang mit anderen Dienstverpflichtungen standen. Ich habe stattdessen diese weiterbearbeitet. Um Emmas Angelegenheiten wollte ich mich als Erstes am nächsten Tag kümmern.«

»Nur dass Sie das nicht mehr konnten, nicht wahr? Denn da war sie bereits tot.« Die Blonde schüttelte angewidert den Kopf. »Sie stieß einen Hilferuf aus, der nicht beantwortet wurde, und jetzt ist es zu spät.«

Ich saß sprachlos da, während Tränen in mir aufstiegen. Die nackte Wahrheit starrte mir ins Gesicht. Ich hätte etwas unternehmen können, wenn ich diese Anrufe beantwortet hätte, wenn ich da gewesen wäre. Ich hätte sie retten können. Emma Beale war meinetwegen tot.

Kapitel 3

Die Blätter zitterten in meiner Hand. Ich blätterte zum achten Mal die Seiten meiner Rede durch. Sprech ich alle wichtigen Punkte an? Erinnere ich mich noch an alles? Oh Gott, wieso konnten wir das heute nicht absagen? Ich schloss die Augen und atmete tief durch.

Die Frau, die das Make-up für mein Fernsehdebüt machte, verdrehte die Augen über den Zustand meiner Augenbrauen und holte seltsame Utensilien aus den Schubladen, um das Problem in Angriff zu nehmen. Ließ sie sich tatsächlich von ein paar abstehenden Augenbrauenhärchen stressen? Echte Luxusprobleme. Ich versuchte mich im Studio umzuschauen, ohne den Kopf allzu sehr zu bewegen. Die zickige Visagistin hatte mich schon zweimal ermahnt, stillzusitzen. Die Decken waren hoch – wenig verwunderlich, wenn man bedachte, dass wir uns eigentlich in einem großen Lagerhaus abseits der Dereham Road befanden. Sie waren mit künstlicher Beleuchtung ausgestattet – der Sorte, von der man Kopfweh bekommt, wenn man zu lange hineinsieht. Die Visagistin zerrte meinen Kopf zurück nach hinten, damit er wieder auf einer Höhe mit dem Spiegel war. Rundherum war er mit kleinen LED-Lichtern besetzt, und auf dem Schminktisch lagen diverse Bürsten und Puderdosen verstreut. Ich roch nur noch Parfüm, Haarspray und die staubige Hitze verschiedener elektrischer Schminkgeräte. Es war Welten entfernt von den schäbigen Büros im Carrow House, die immer nur nach eingekochtem Kaffee und dem aufdringlichen Toiletten-Aroma stanken.

Ich tat mein Möglichstes, um Emma aus meinen Gedanken zu verdrängen. Ich konnte sie nicht ertragen. Der Untersuchungsausschuss war ein Albtraum gewesen. Jetzt, wo Emmas Fall in den Nachrichten war, würde er mir wochenlang um die Ohren gehauen werden. Mein Versagen, das Emma Beale das Leben gekostet hatte. Ich zwang mich, nicht an sie zu denken, und landete dafür bei der morgendlichen Auseinandersetzung mit Teigan. Ich fummelte an meinem Handy herum, das ich für Notfälle in meinem Schoß hatte liegen lassen, und fing an, eine SMS zu schreiben.

Hi, Teigan, ich bin’s, vom Diensthandy. Habe mein eigenes zu Hause liegen lassen. Tut mir echt leid wegen heute Morgen. Ich stehe arbeitsmäßig voll im Stress. Hoffe, die Schule läuft okay. Bis später. Habe dich lieb XX.

Ich drückte auf »Senden« und spürte, wie sich Erleichterung in mir breitmachte. Teigan war ein liebes Mädchen, trotz ihrer gelegentlichen Teenager-Ausraster. Sie wusste, dass die Arbeit stressig war, und würde es verstehen. Vielleicht würde sie sogar zurückschreiben und sagen, dass sie mich auch lieb hatte. Ich starrte auf das Display wie ein kleines Mädchen, das auf eine Antwort von ihrem Schwarm wartet. Das Handy summte, und mein Herz machte einen Satz. Aber es war nicht die Antwort, die ich mir wünschte. Es war nicht einmal eine Antwort.

Nachricht konnte nicht abgeschickt werden.

Ich drückte den »Senden«-Button erneut und warf dem Handy einen finsteren Blick zu, als dieselbe automatisierte Nachricht erschien. »Haben Sie hier drinnen Probleme mit der Verbindung?«, fragte ich die Visagistin.

»Manchmal.«

Ich seufzte. Ich würde es später wieder versuchen müssen.

»Suzanne, da bist du ja, meine Süße.« Die aufdringliche Stimme gehörte Annie, der Publicity-Frau, die wir auf Drängen des Jugendamts von Norfolk für die Wohltätigkeitsveranstaltung hatten engagieren müssen. Glamourös wie immer kam sie in burgunderroten Pumps und Bleistiftrock herübergestakst. Ihre Haare waren in dem beneidenswerten Stil frisiert, der, scheinbar ohne Aufwand, atemberaubend wirkte, als sei sie gerade aus dem Bett gerollt, habe es ein bisschen verwuschelt, und trotzdem sei jedes einzelne Haar an die richtige Stelle gefallen.

»Ach, hey, Annie. Tut mir leid, ich habe mich seit einer Ewigkeit nicht mehr schön machen lassen.« Ich zog ein Gesicht, das meinen Überdruss betonte, und registrierte die Missbilligung der Visagistin. »Aber sie macht ihre Arbeit hervorragend«, fügte ich hastig hinzu.

»Sie werden fabelhaft aussehen. Es ist die Sache wert. Das Publikum spricht auf attraktive Menschen besser an, das ist erwiesen«, sagte Annie. Die Stylistin nickte bestätigend.

»Ja, aber ich spreche über die sexuelle Ausbeutung von Kindern, nicht über die neueste Ausgabe der Vogue

»Ein Grund mehr, auf die Öffentlichkeit attraktiv zu wirken. Kommen Sie, es ist kein Geheimnis, dass Sozialarbeiter nicht gerade beliebt sind. Sie möchten für ihre Wohltätigkeitsstiftung werben? Dann brauchen Sie ein Publikum, das Ihnen zuhört.«

Mein Kopf wurde wieder in Position gezerrt.

»Verzeihung.« Ich kam mir vor wie ein Kind, das nicht stillsitzen kann.

Die Stylistin bürstete grob durch meine dunklen, leicht glanzlosen Haare, wobei sie sich sichtlich keine Mühe gab, meiner Kopfhaut Schmerzen zu ersparen. Ich hätte mich nicht darüber beschweren dürfen, wie lange es dauerte. Mein Wohlbefinden war inzwischen das Letzte, worum es ihr ging.

»Wie alt sind Sie?«, fragte die Stylistin, wobei sie mein Gesicht begutachtete.

»Dreiunddreißig.«

Mit abfälliger Miene murmelte sie etwas, dass meine Haut in viel besserem Zustand sein müsste.

»Ich hatte mit neunzehn ein Baby«, sagte ich in der Hoffnung, das würde erklären, wieso ich so wenig auf mich achtete.

»Ich verstehe.« Sie nickte »Sie brauchen eine Anti-Falten-Creme.«

Ich machte ein ›Daumen hoch‹ und wandte mich wieder an die ungeduldig wirkende Annie.

»Also.« Annie zog sich einen Hocker herbei. »Zuerst kommen die beiden Moderatoren – ein Mann, eine Frau – und dann läuft es im Grunde ›Sie‹ gegen die ›Anti-Sie‹. Sie ist ein ziemliches Ekel, machen Sie sich daher auf einiges gefasst. Im Grunde ist sie damit berühmt geworden, dass sie das Arschloch spielt. Wenn etwas politisch unkorrekt ist oder einen Aufschrei provoziert, sagt sie es. Im letzten Monat hat sie gesagt, Dicke würden es verdienen, Krebs zu bekommen.«

»Na, das hört sich ja wirklich nach Spaß an.«

»Genau. Sie können also drauf wetten, dass sie die Haltung vertritt ›Junge promiske Mädchen haben’s sich selbst zuzuschreiben‹.«

»Wunderbar. Wer ist sie?« Ich verzog das Gesicht, als meine Haare zwischen die heißen Platten eines Glätteisens gezerrt wurden.

Annie hielt einen Moment inne, als wollte sie sich für meine Reaktion wappnen. »Nancy Thompson.«

»Nancy Thompson? Machen Sie Witze?« Nancy war allgemein als Schreckschraube bekannt. Hätte ich gewusst, dass ich gegen sie antreten sollte, hätte ich mich nie auf diese Sache eingelassen.

»Nur die Ruhe – Sie kriegen das hin. Wenn überhaupt, dann wird es sich zu Ihren Gunsten auswirken.«

»Wie denn?«

»Weil die Leute sie noch mehr hassen als Sozialarbeiter.«

Punkt für sie, wahrscheinlich. Ich fing an, auf meinem Stuhl herumzurutschen und den Lack von meinen Fingernägeln zu kratzen, aber die Stylistin schlug meine Hand weg.

Annie machte weiter, entweder scherte meine Panik sie nicht, oder sie ignorierte sie einfach. Vermutlich Letzteres. »Man wird Sie wahrscheinlich auch über Ihre allgemeinen Erfahrungen als Sozialarbeiterin im Kinderschutz ausfragen, Sie sollten daher sichergehen, dass Sie wissen, worüber Sie reden wollen und was nicht infrage kommt.«

»Es gibt so etwas wie Vertraulichkeit, Annie. Das kommt ganz gewiss alles nicht infrage.«

»Na ja, bei laufenden Fällen natürlich nicht, aber Sie wissen ja. Irgendwelche alten Fallstudien, die Sie als Argument einbringen können, werden hilfreich sein. Die Leute mögen einen Hauch wahres Leben.«

In Gedanken ging ich hastig alle Kinder durch, mit denen ich im Lauf der Jahre zu tun gehabt hatte, wobei ich bei einigen länger verweilte als bei anderen. Manche blieben einfach hängen.

Besonders er.

Die traumatische Erinnerung bohrte sich in meine Gedanken, wie so oft. Sein Körper auf dem Boden, leblos in einer Pfütze aus Blut. Sein großer Bruder, der weinend über ihm kauerte und von dessen Handgelenken ebenfalls Blut tropfte.

Ich schüttelte das Bild ab, während die Wortverbindung durch meinen Kopf hallte.

Was denken Sie, wenn ich Brüder erwähne?

Selbstmord.

»Suzanne, hören Sie mir zu?«

Benommen vom Schock der Erinnerung, wandte ich meine Aufmerksamkeit mit Mühe wieder Annie zu.

»Ich glaube, sie werden auch Leute auffordern, Fragen über Twitter zu stellen, Sie müssen sich also auch auf Geschützfeuer von Seiten des Publikums gefasst machen.«

»Oh mein Gott, wirklich?« Das hörte sich ja von Sekunde zu Sekunde schlimmer an. »Annie, wie lange wird das alles dauern? Ich muss heute Nachmittag wieder ins Büro.«

»Es dauert, solange es dauert. Diese Werbung ist wichtig, Suzanne. Ich dachte, Sie würden die Sache ernst nehmen.«

»Das tue ich …«

»Okay, dann geben Sie sich Mühe.«

»Annie.« Ich senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Unter meinen Fällen befindet sich ein totes Kind.«

»Ach, richtig, tut mir leid zu hören. Ich habe in den Nachrichten heute von dem armen Mädchen gehört. Mir war nicht klar, dass sie eine von Ihren war.« Ein unwilliger Ausdruck erschien kurz auf ihrem Gesicht. Vielleicht überlegte sie es sich plötzlich, ob sie mich in der Sendung haben wollte. Im Stillen hoffte ich, das Ganze würde abgesagt werden.

»Hören Sie«, fuhr sie fort. »Die Sache geht um halb vier live auf Sendung, und um vier sollten Sie fertig sein, da dann die tägliche Kochshow kommt. Sie sollten also spätestens um halb fünf hier raus sein. Denken Sie nur immer dran, weshalb Sie hier sind, okay?«

Ich holte tief Luft. Natürlich würde ich daran denken, weshalb ich hier war. Unsere Arbeit war wichtig. Ich hätte mir nur gewünscht, jemand anders könnte diesen affigen Werbekram machen. Das war genau der Grund gewesen, weshalb ich mit der Idee zur Bezirksverwaltung von Norfolk gegangen war – damit die den ganzen Kram erledigten. Ich wollte nur das Geld zur Verfügung stellen, um ihn ans Laufen zu bringen. Alle hatten mich für verrückt gehalten, dass ich das Geld aus den Prämienanleihen dafür verwendete. Doch für mich gab es keine andere Möglichkeit. Es war ein totaler Schock für mich gewesen, als ich von meinem großen Gewinn erfahren hatte, und der noch größere Schock war die Entdeckung gewesen, dass mein Vater die Anleihen eingerichtet hatte, nachdem meine Mutter gestorben war. Es war wahrscheinlich das Fürsorglichste, was er je für mich gemacht hatte. Und ich wusste besser als jeder andere, dass ich es nicht verdient hatte.

Die Visagistin gab mir zu verstehen, dass sie fertig war, als sei ich ein Kunstwerk, an das sie Stunden ihres Könnens gewandt hatte. Ich schaute zurück in den Spiegel und erkannte hinter der dicken Schminke, der Masse von Haarspray und den perfekt gestylten Augenbrauen mich selbst kaum wieder.

»Ach, Suzanne?« Annie beugte sich herunter, sodass ihr Mund auf der Höhe meines Ohrs war. »Achten Sie darauf, den Tod des Kindes unter Ihren Fällen nicht zu erwähnen. Das würde Sie dem Publikum nicht besonders liebenswert erscheinen lassen.«

Und ob, ohne Scheiß.

Kapitel 4

»Sitzen Sie aufrecht«, hatte Annie gesagt. Meines üblichen Fläzens bewusst, korrigierte ich meine Haltung. Es waren Menschen im Publikum, aber ich konnte sie im Schein der Lampen und Kameras kaum sehen. Ich konzentrierte mich auf Natasha Rylands, die Interviewerin. Ich folgte ihr auf Instagram, doch in Wirklichkeit war sie noch schöner.

»Für unsere Zuschauer, die es nicht wissen: Prämienanleihen können für Personen jedes Alters eingerichtet werden. Es ist wie in der Lotterie, wenn Ihre Zahlen kommen, gewinnen Sie. Ich muss sagen, Ms Walker, dass die meisten Leute, die eine bedeutende Geldsumme mit Prämienanleihen gewinnen, sich ein Heim kaufen, ein Ferienhaus, auf eine tolle Urlaubsreise gehen. Sie jedoch, Sie haben alles in die Gründung der Walker-Stiftung gesteckt.«

Ich nickte schüchtern und wusste nicht, was ich sagen sollte.

»Das ist bewundernswert uneigennützig von Ihnen«, sagte Evan Michaels, der Interviewer. Seine Haare waren grauer, als ich erwartet hatte. Das Fernsehteam erzeugte mit den Kameras ein paar ganz schön raffinierte Effekte.

»Oh nein, nein.« Ich schüttelte verlegen den Kopf. »So ein Geld bekommt man nur einmal im Leben, wenn überhaupt, und ich hatte schon immer daran gedacht, eine Stiftung zu gründen. Also konnte ich diese Gelegenheit nicht vorüberziehen lassen.« Ich biss mir auf die Innenseite der Lippe, um nicht die Wahrheit zu sagen. Dass ich das Geld nie hätte annehmen können. Nicht nach allem, was passiert war.

»Also wieso nun ausgerechnet sexuelle Ausbeutung von Kindern?«, hakte Evan nach.

Bereit, meine im Voraus geprobte Antwort zu geben, richtete ich mich wieder auf. »Die sexuelle Ausbeutung von Kindern ist ein wachsendes Problem, ob wir es uns eingestehen oder nicht. Im vergangenen Jahr schwebten laut Erhebungen beinahe siebzehntausend Kinder in großer Gefahr, ihrer Kindheit beraubt zu werden, missbraucht zu werden.« Meine Stimme schwankte. Ich hatte zwar wenigstens meine Worte richtig behalten, aber sie kamen unzusammenhängend und holprig heraus. Ich wünschte mir, es wäre nicht live, damit ein intelligentes Mitglied des Produktionsteams etwaige falsch ausgesprochenen Wörter oder Stockungen herausschneiden könnte.

Ich rutschte auf dem Ledersofa herum, dessen Material an den Stellen klebte, wo der Bleistiftrock die Beine nicht bedeckte. Gott, war das heiß. Wieso mussten sie unbedingt so viele Scheinwerfer auf mich richten? Ich hoffte, die Kameras würden die Schweißperlen nicht auffangen, die sich auf meiner Stirn sammelten.

»Zahlen beiseite, Ms Walker, was war der schwierigste Fall, mit dem Sie auf diesem Gebiet persönlich zu tun hatten?« Evan war eindeutig attraktiv. Er hatte ein freundliches Lächeln und blaue Augen, die schön mit seinen graumelierten Haaren kontrastierten. Er war der Typ von Mann, der so vertrauenswürdig aussah, dass man ihm ohne Weiteres seine Geheimnisse anvertraut hätte, wenn auch gewaltig mehr nötig gewesen wäre als nur ein hübsches Gesicht, damit ich meine ausplaudern würde.

Natasha war schätzungsweise etwa zwanzig Jahre jünger. Sie sah atemberaubend aus, ihre großen Augen waren mit teurem Mascara und Eyeliner geschminkt, ihre Lippen schimmerten unter Lipgloss. Zweifellos hatte sie heute Morgen nicht zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten bei der Visagistin benötigt.

Ich wusste, was Annie zum Erzählen persönlicher Geschichten gesagt hatte, aber ich konnte es nicht. Um der Familien willen musste ich meine Geschichten so allgemein und exemplarisch wie möglich halten. Ich räusperte mich, um mich auf meine Antwort vorzubereiten.

»Nun, zu den klassischen Langzeiteffekten sexuellen Missbrauchs gehört ein stark gesteigertes Risiko seelischer Probleme, besonders im Bereich der Kontrollfunktionen. Es kommt zum Bespiel vor, dass Kinder, die so etwas erlebt haben, in ihrer Jugend an Essstörungen leiden, da Essen eines der wenigen Dinge ist, über die sie die Kontrolle haben. Oder sie können eine Zwangsstörung oder Ängste bezüglich Sauberkeit entwickeln; so erlebt man oft, dass Opfer sexuellen Missbrauchs das zwanghafte Bedürfnis haben, sich sauber zu fühlen, innerlich ...

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