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Alle sieben Wellen

 

Drei Wochen später

Betreff: Hallo

Hallo.

 

Zehn Sekunden später

AW:

ACHTUNG. GEÄNDERTE E-MAIL-ADRESSE. DER EMPFÄNGER KANN SEINE POST UNTER DER GEWÄHLTEN ADRESSE NICHT MEHR AUFRUFEN. NEUE E-MAILS IM POSTEINGANG WERDEN AUTOMATISCH GELÖSCHT. FÜR RÜCKFRAGEN STEHT DER SYSTEMMANAGER GERNE ZUR VERFÜGUNG.

 

Ein halbes Jahr später

Kein Betreff

Hallo!

 

Zehn Sekunden später

AW:

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30 Sekunden später

RE:

Hört das nie auf?

 

Zehn Sekunden später

AW:

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Drei Tage später

Betreff: Rückfrage

Guten Abend, Herr Systemmanager. Wie geht’s immer? Kühler März, nicht wahr? Aber nach so einem milden Winter dürfen wir uns nicht beschweren, denke ich. Ach ja, bei der Gelegenheit: Ich habe bitte eine Rückfrage. Wir teilen uns einen gemeinsamen Bekannten. Leo Leike heißt er. Ich habe leider seine aktuelle E-Mail-Adresse verlegt. Wären Sie so nett und könnten Sie vielleicht ... Danke.

In freudiger virtueller Verbundenheit, Emmi Rothner.

 

Zehn Sekunden später

AW:

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30 Sekunden später

RE:

Darf ich leise Kritik anbringen? Sie sind wenig abwechslungsreich. Angenehmen Nachtdienst, Emmi Rothner.

 

Zehn Sekunden später

AW:

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Vier Tage später

Betreff: Nur drei Fragen

Herr Systemmanager, ein offenes Wort: Ich bin in einer Notsituation.

Ich brauche die aktuelle Adresse von Herrn »User« Leo Leike, ich brauche sie wirklich! Ich muss ihm DRINGEND drei Fragen stellen: 1.) Lebt er noch? 2.) Lebt er noch in Boston? 3.) Lebt er schon in einer neuen E-Mail-Beziehung? Wenn 1.) zutrifft, würde ich ihm 2.) nachsehen. Aber 3.) könnte ich ihm niemals verzeihen. Er darf in diesem halben Jahr fünfzehn neue Anläufe mit Marlene unternommen, darf sie täglich nach Boston haben einfliegen lassen. Er darf jede Nacht in billigen Bostoner Plüschbarbänken versumpft, jeden Morgen zwischen Betonbrüsten einer biederen blonden Bostoner Barbie-Beautybar-Behübscherin aufgewacht sein. Er darf dreimal geheiratet und jeweils dreieiige Drillinge an Land gezogen haben. Nur eines darf er nicht: ER DARF SICH IN KEINE ANDERE FRAU, DIE ER NOCH NIE GESEHEN HAT, SCHRIFTLICH VERLIEBT HABEN. Das bitte nicht! Das muss einmalig geblieben sein. Ich brauche diese Gewissheit, um halbwegs unbeschadet über die Nächte zu kommen. Bei uns bläst beharrlich der Nordwind.

Lieber Systemmanager, ich kann mir ungefähr ausmalen, was Sie mir antworten werden. Aber ich ersuche Sie dennoch: Springen Sie über Ihren Schatten und richten Sie Leo Leike, mit dem Sie garantiert in gutem Kontakt stehen, meine Botschaft aus. Und sagen Sie ihm, er kann sich ruhig einmal melden. Tun Sie’s! Danach wird es Ihnen besser gehen. So, und jetzt dürfen Sie wieder Ihr Gebet sprechen. Freundliche Grüße, Emmi Rothner.

 

Zehn Sekunden später

AW:

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Dreieinhalb Monate später

Betreff: Bitte weiterleiten

Hallo Leo, hast du neue Mieter auf Top 15? Falls du in Boston bist, warne ich dich. Wundere dich nicht über die Stromrechnung. Die haben die ganze Nacht das Licht an. Schönen Tag, schönes Leben, Emmi.

 

Zwei Minuten später

Kein Betreff

Hallo?

 

Eine Minute später

Kein Betreff

Huhu, Herr Systemmanager, wo sind Sie?

 

Eine Minute später

Kein Betreff

Muss ich mir Sorgen machen oder darf ich hoffen?

 

Elf Stunden später

Betreff: Zurück aus Boston

Liebe Emmi, dein Gespür ist verblüffend. Ich bin seit nicht einmal einer Woche wieder im Lande. Was also den Strom betrifft: den verbrauche ich selbst. Emmi, ich wünsche dir, ach, was wünsche ich dir nach so langer Zeit? Klingt wohl alles ziemlich banal. Am besten, wenn auch fünf Monate verfrüht: Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Ich hoffe, es geht dir gut, mindestens zweimal so gut wie mir. Adieu. Leo.

 

Einen Tag später

Betreff: Ratlos

Was war das? War das was? Und wenn es was war, und was es auch war, war’s das dann schon wieder? Ich kann’s nicht glauben. E.

 

Drei Tage später

Betreff: Fassungslos

Leo, Leo, was ist aus dir geworden? Was hat Boston aus dir gemacht? E.

 

Einen Tag später

Betreff: Abschließend

Lieber Leo, das Gefühl, das du mir seit fünf Tagen gibst, ist schlimmer als jedes mir von dir jemals zuvor gegebene, und du hast mir wahrlich schon schlimme Gefühle gegeben, durch dich habe ich erst erfahren, wie schlimm schlimme Gefühle wirklich sein können. (Schöne übrigens auch.) Aber dieses hier kannte ich noch nicht: Ich bin dir lästig geworden. Du kommst aus Boston zurück, aktivierst dein »Outlook«, genießt den Ausblick auf fernschriftliche Rückeroberung der Heimat. Schon langen die ersten spannenden E-Mails fehlgeleiteter Zeitungsabonnentinnen ein. Stoff für neue geistige Abenteuer mit anonymen Frauen, vielleicht ist ja gar einmal eine unverheiratete dabei. Und dann: Ach, da schreibt eine gewisse Emmi Rothner. Der Name kommt dir irgendwie bekannt vor. War das nicht diejenige, die du in geschulter virtueller Rattenfängermanier schon so gut wie ins Bett geschrieben hattest, die bereits am Sprung in deine Arme war? Doch in einem letzten Reflex ihrer Vernunftbegabung ist sie dir schicksalhaft ferngeblieben, hat dich verfehlt, ist im Taumel um Haaresbreite an dir vorbeigeschrammt. Nun, neuneinhalb Monate sind vergangen, Frust und Frau waren für dich längst vergessen. Da meldet sie sich, taucht unverhofft in deiner Mailbox auf. Du wünscht ihr – sehr lustig, Leo, wie in deinen besten Zeiten – mitten im Sommerloch frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Und tschüss! Sie hat ihre Chance gehabt. Jetzt drängen neue nach. Da stört sie, da nervt sie. Also einfach ignorieren, Leo, nicht wahr? Sie wird schon aufhören. Sie hört schon auf. Sie hört auf, versprochen!

PS: Du hoffst, dass es mir »mindestens zweimal so gut« geht wie dir? Leider, Leo, ich weiß zwar nicht, wie gut es dir geht. Aber dafür, dass es mir mindestens zweimal so gut gehen könnte, geht es mir mindestens zehnmal zu schlecht. Aber das soll dich nicht weiter bekümmern. Emmi.

PPS: Danke, dass du mir noch einmal zugehört hast. Jetzt kannst du mir wieder deinen netten Systemmanager schicken. Mit dem kann man wenigstens ungestört über das Wetter plaudern.

 

Eine Stunde später

AW:

Ich hätte nicht zurückschreiben dürfen, liebe Emmi. Jetzt habe ich dich (schon wieder) verletzt, das wollte ich nicht. DU BIST MIR NIEMALS LÄSTIG. Das weißt du. Ich müsste mir sonst selbst lästig sein, denn du bist ein Teil von mir. Ich trage dich immer mit mir herum, quer durch alle Kontinente und Gefühlslandschaften, als Wunschvorstellung, als Illusion des Vollkommenen, als höchsten Liebesbegriff. So warst du mit mir fast zehn Monate in Boston, so bist du mit mir wieder heimgekehrt.

Aber, Emmi, mein physisch lebbares Leben ist inzwischen weitergegangen, es musste weitergehen. Ich bin dabei, mir etwas aufzubauen. Ich habe in Boston jemanden kennengelernt. Es ist noch zu früh, um, du weißt schon wovon, zu sprechen. Aber wir wollen es miteinander probieren. Sie hat einen Job hier in Aussicht, sie wird vielleicht herziehen.

In dieser Horrornacht, als unser »erstes und letztes Treffen« so kläglich am Nichtzustandekommen gescheitert ist, da habe ich unsere virtuelle Beziehung auf brutale Weise abgebrochen. Du hattest, auch wenn du es bis zuletzt nicht wahrhaben wolltest, eine Entscheidung getroffen, und ich habe dir geholfen, sie zu vollziehen. Ich weiß nicht, wie du heute dastehst mit Bernhard, mit deiner Familie. Ich will es auch gar nicht wissen, denn es hat nichts mit uns beiden zu tun. Für mich war die lange Schweigepause notwendig. (Wahrscheinlich hätte ich sie nie mehr beenden dürfen.) Sie war notwendig, um unser einzigartiges Erlebnis zu konservieren, um unsere innige, vertraute, intime Nicht-Begegnung auf Lebenszeit haltbar zu machen. Wir hatten es auf die Spitze getrieben. Weiter ging es nicht. Eine Fortsetzung gibt es nicht, auch nicht, ja erst recht nicht ein Dreivierteljahr später. Bitte sieh es auch so, Emmi! Halten wir hoch, was war. Und belassen wir es dabei, sonst zerstören wir es. Dein Leo.

 

Zehn Minuten später

RE:

Leo, das war ein Glanzstück, ein Leckerbissen, du läufst binnen kurzer Zeit zu Hochform auf! – »Emmi, du bist zwar die Illusion des Vollkommenen, aber ich will nichts mehr mit dir zu tun haben.« Verstehe. Verstehe. Verstehe. Morgen mehr. Tut mir leid, das kann ich dir nicht ersparen. Gute Nacht, deine I.d.V.

 

Am nächsten Tag

Betreff: Würdiger Abschluss

Okay, ich halte hoch, was war. Ich belasse es dabei. Ich zerstöre nichts. Ich respektiere deine Haltung, lieber Ex-E-Brieffreund Leo »Weiter ging es nicht« Leike. Ich gebe mich damit zufrieden, dass du mich und »unsere Sache« schön in Erinnerung behalten willst. Für eine »Illusion des Vollkommenen« fühle ich mich selbst zwar ziemlich unvollkommen und reichlich desillusioniert, aber immerhin bin ich dein »höchster Liebesbegriff«, wenn auch offenbar von einem anderen Stern. Denn mit Cindy aus Boston – sie heißt sicher Cindy, ich habe sie vor mir, wie sie dir »I’m Cindy«, kicher, »but you can call me Cinderella«, kicher, kicher, ins Ohr flüstert –, also mit Cindy lassen sich vielleicht nicht die höchsten denkmöglichen, dafür aber irdische Begriffe von Liebe finden. Sie lassen sich finden und sie lassen sich vor allem leben. Mich trägst du – zur natürlichen Ausgewogenheit von Körper und Geist – als »Wunschvorstellung« mit dir herum, und da habe ich natürlich volles Verständnis, dass du darauf achten musst, dass ich dir nicht zu schwer werde, damit du dir keinen Wunschvorstellungsbruch hebst.

Okay, Leo, ich mache es »uns« leicht, ich mache es dir leicht, ich mache mich leicht, ich höre auf, ich ziehe mich aus deinem Leben zurück. Ich schreibe dir (bald!) keine E-Mails mehr. Ich verspreche es dir.

Darf deine »Wunschvorstellung« nur noch einen einzigen Wunsch äußern, einen allerallerallerletzten? – NUR EINE STUNDE, eine Stunde von Angesicht zu Angesicht. Glaube mir, ein besseres Konservierungsmittel für unser gemeinsam Erlebtes gibt es nicht. Denn das einzig vernünftige Ende einer innigen Nicht-Begegnung ist die Begegnung. Ich verlange nichts von dir, ich erwarte nichts von dir. Ich muss dich nur einmal in meinem Leben gesehen, gesprochen, gerochen haben. Ich muss einmal deine Lippen dabei beobachtet haben, wie sie sich zu »Emmi« formen. Ich muss einmal deine Wimpern betrachtet haben, wie sie sich vor mir verbeugen, bevor der Vorhang runtergeht.

Lieber Leo, du hast Recht, es gibt keine sinnvolle Fortsetzung für uns. Aber es gibt einen würdigen Abschluss. Ich bitte dich darum, nur noch darum! Deine Illusion des Vollkommenen.

 

Drei Stunden später

AW:

Pamela.

 

Eine Minute später

RE:

???

 

30 Sekunden später

AW:

Sie heißt nicht Cindy, sondern Pamela. Ja, ich weiß, das klingt ziemlich schlimm. Es ist immer gefährlich, wenn sich die Väter bei der Wahl der Vornamen der Töchter durchsetzen. Aber sie sieht ganz anders aus, ehrlich. Gute Nacht, Emmi. Leo.

 

40 Sekunden später

RE:

Lieber Leo, dafür mag ich dich so sehr! Bitte verzeih mir meine Untergriffe. Ich fühle mich so schwach, so, so, so schwach. Gute Nacht. Emmi.

 

KAPITEL ZWEI

 

Am nächsten Tag

Betreff: Also gut

Wir treffen uns. Leo.

 

Drei Minuten später

RE:

Ein Mann, drei Worte! Ausgezeichnete Idee, Leo. Wo?

 

Eine Stunde später

AW:

In einem Kaffeehaus.

 

Eine Minute später

RE:

Mit zehn Fluchtwegen und fünf Notausgängen.

 

Fünf Minuten später

AW:

Ich schlage vor: im Großen Messecafé Huber. So nah wie dort waren wir uns nie und nirgendwo. (Ich meine: räumlich.)

 

40 Sekunden später

RE:

Schickst du wieder deine schöne Schwester zur Emmi-Sondierung vor?

 

50 Sekunden später

AW:

Nein, diesmal gehe ich alleine, offen und direkt auf dich zu.

 

Drei Minuten später

RE:

Leo, deine an sich wesensfremde Entschlossenheit irritiert mich. Warum so plötzlich? Warum willst du mich treffen?

 

40 Sekunden später

AW:

Weil du es willst.

 

30 Sekunden später

RE:

Und weil du es hinter dir haben willst.

 

Zwei Minuten später

AW:

Weil ich will, dass du hinter dir hast zu glauben, dass ich es hinter mir haben will.

 

30 Sekunden später

RE:

Leo, weiche nicht aus. Du willst es hinter dir haben!

 

Eine Minute später

AW:

Wir wollen es beide hinter uns haben. Wir wollen es gut hinter uns bringen. Es geht um einen »würdigen Abschluss«. Deine Worte, liebe Emmi.

 

50 Sekunden später

RE:

Aber ich will nicht, dass du mich triffst, nur um es hinter dir zu haben. Ich bin nicht deine Zahnärztin!

 

Eineinhalb Minuten später

AW:

Obwohl du oft punktgenau den Nerv triffst. EMMI, BITTE!! Wir ziehen das jetzt durch. Es war dein ausdrücklicher Wunsch, und es war ein berechtigter Wunsch. Du hast uns versprochen, dass wir unser »Uns« damit nicht zerstören. Ich vertraue auf dich und dein »Uns« und mein »Uns« und unser gemeinsames »Uns«. Wir treffen uns von Angesicht zu Angesicht, für eine Stunde bei einem Kaffee! Wann hast du Zeit? Samstag? Sonntag? Mittag? Nachmittag?

 

Drei Stunden später

Kein Betreff

Kriege ich heute keine Antwort mehr, Emmi? Wenn nein, gute Nacht! (Wenn ja, gute Nacht!)

 

Eine Minute später

RE:

Leo, hast du noch ein Gefühl, wenn du mir schreibst? Ich hab nämlich so das Gefühl, dass du keines mehr hast. Und dieses Gefühl fühlt sich gar nicht gut an.

 

Zwei Minuten später

AW:

Emmi, ich habe riesige Schränke und Truhen voll Gefühle für dich in mir. Aber ich habe auch den passenden Schlüssel dafür.

 

40 Sekunden später

RE:

Kommt der Schlüssel zufällig aus Boston und heißt »Pamela«?

 

50 Sekunden später

AW:

Nein, der Schlüssel ist international und heißt »Vernunft«.

 

30 Sekunden später

RE:

Der sperrt bei dir aber nur in eine Richtung. Der sperrt nur zu. Und drinnen in den Schränken ersticken dir die Gefühle.

 

40 Sekunden später

AW:

Meine Vernunft achtet darauf, dass meine Gefühle immer genug Luft kriegen.

 

30 Sekunden später

RE:

Aber nach draußen dürfen sie nicht. Frei sind sie niemals. Leo, ich sage dir, du hast einen eingeschränkten Gefühlshaushalt. Daran solltest du arbeiten. So, ich werde mich für heute verabschieden (rät mir meine Vernunft) und werde die Worte, die du über unser bevorstehendes Treffen verloren oder nicht verloren hast, auf mich wirken lassen. Gute Nacht!

 

20 Sekunden später

AW:

Schlaf gut, Emmi!

 

Am nächsten Tag

Betreff: Zielgerade

Hallo Leo, bringen wir’s hinter uns: Ich kann am Samstag um 14 Uhr. Soll ich dir sagen, wie ich aussehe, damit du mich nicht lange suchen musst? Oder willst du von mir gefunden werden, sitzt irgendwo gelangweilt in der Masse, blätterst in einer Zeitung und wartest darauf, dass ich dich anspreche? Im Tonfall à la: »Entschuldigung, ist der Sessel noch frei? Äh, sind Sie zufällig Herr Leike mit dem verschlossenen Gefühlsschrank? Ich wäre dann also Emmi Rothner, freut mich, doch noch Ihre Bekanntschaft zu machen beziehungsweise gemacht zu haben. Und ...« – zur Zeitung schielend –, »... was gibt es sonst noch Neues in der Welt?«

 

Zwei Stunden später

Betreff: Sorry

Leo, verzeih mir bitte meine vorige E-Mail! Sie war so, so, so ... Jedenfalls war sie nicht besonders nett. Dafür hätte ich eigentlich den Systemmanager verdient.

 

Zehn Minuten später

AW:

Welchen Systemmanager?

 

50 Sekunden später

RE:

Ach, vergiss es. Das ist ein Running Gag zwischen mir und mir. Ist Samstag, 14 Uhr, für dich okay?

 

Eine Minute später

AW:

Samstag, 14 Uhr, ist gut. Hab einen angenehmen Mittwoch, liebe Emmi!

 

40 Sekunden später

RE:

Was so viel bedeutet wie: »Rechne an diesem Mittwoch mit keiner E-Mail mehr von Leo, liebe Emmi.«

 

Sieben Stunden später

Kein Betreff

Du stehst wenigstens dazu!

 

Drei Stunden später

Betreff: Nur so

Leo, brennt noch Licht bei dir? (Du musst nicht antworten. Ich hab es mich nur gefragt. Und wenn ich es mich frage, dann kann ich es eigentlich auch gleich dich fragen, oder?)

 

Drei Minuten später

AW:

Bevor du dir eine falsche Antwort gibst, Emmi: Ja, es brennt noch Licht. Gute Nacht!

 

Eine Minute später

RE:

Was machst du? Gute Nacht.

 

50 Sekunden später

AW:

Ich schreibe. Gute Nacht.

 

40 Sekunden später

RE:

Wem schreibst du? Pamela? Gute Nacht.

 

30 Sekunden später

AW:

Ich schreibe dir! Gute Nacht.

 

40 Sekunden später

RE:

Du schreibst mir? Was schreibst du mir? Gute Nacht.

 

20 Sekunden später

AW:

Gute Nacht.

 

20 Sekunden später

RE:

Ah so, klar. Gute Nacht.

 

Am nächsten Tag

Betreff: Noch zwei Tage

Lieber Leo, das ist die letzte E-Mail, die ich dir schicke, bevor du mir (zuerst) eine geschickt hast. Ich schicke sie dir nur, um dir das ausgerichtet zu haben. Solltest du nicht mehr antworten, sehen wir uns übermorgen um 14 Uhr im Messecafé. Ich werde sicher nicht mit dem Leo suchenden Irr-Blick durch das Kaffeehaus (abschieds-)lustwandeln. Ich werde an einem kleinen Tisch abseits vom Getümmel sitzen und warten, bis der Mann, der mit mir zwei Jahre schriftlich Gefühle auf- und abgebaut hat, ehe er nach Boston aufbrach und seinen eigens angefertigten Emmi-Gefühlsschrank versperrte, bis dieser Mann zu mir gefunden und Platz genommen hat, damit wir das Kopfabenteuer endlich würdevoll hinter uns bringen können. Ich ersuche dich deshalb, bemüht zu sein, mich zu erkennen. Du hast bekanntlich drei Varianten zur Auswahl. Solltest du dich nicht mehr erinnern, wie mich deine Schwester beschrieben hat, gebe ich dir gerne ein paar Stichworte. (Zuuuuuuufällig besitze ich noch deine E-Mail von damals.) Emmi eins: klein, kurze dunkle Haare (könnten in eineinhalb Jahren allerdings gewachsen sein), burschikos, »mit würdevoller Arroganz überspielte leichte Unsicherheit«, erhabener Kopf, feine Gesichtszüge, schnelle Motorik, speedig, temperamentvoll. Emmi zwei: groß, blond, vollbusig, weiblich, langsam in den Bewegungen. Emmi drei: mittelgroß, brünett, schüchtern, scheu, melancholisch. So, ich glaube, du solltest mich finden. Schreib mir zurück oder verbring jedenfalls noch zwei entspannte Tage, mein Lieber. Und pass auf deinen Schlüssel auf! Emmi.

 

Zehn Minuten später

AW:

Liebe Emmi, du hast es mir leicht gemacht, dich zu erkennen, vermutlich leichter, als du wolltest. Du hast mir endgültig verraten, dass du Emmi eins bist, was ich immer schon vermutet hatte. Willst du wissen, wodurch?

 

Eine Minute später

RE:

Natürlich! Ich liebe den aufgeregten Hobby-Psychologen in dir, Leo! Damit kann man dich vom Kreislaufstillstand ins Leben zurückholen und dich sogar im absolut gefühlsverschränkten Zustand zu E-Mails nötigen.

 

15 Minuten später

AW:

Liebe Emmi eins, zuuuuuuufällig besitze auch ich noch unsere E-Mails von damals, als wir uns ferndiagnostizierten: Bei »Emmi zwei« hast du die von meiner Schwester zugewiesenen Attribute »sehr souverän«, »selbstsicher, cool«, »beobachtet Männer perfekt beiläufig« und Merkmale wie »schlanke lange Beine« und »schönes Gesicht« unter den Tisch fallen lassen. Dir war nur noch wichtig, auf ihre langsamen Bewegungen und auf ihren großen Busen (mit einem solchen du ja schon immer auf Kriegsfuß gestanden hast, seit wir uns kennen) hinzuweisen. Man merkt also, dass du sie nicht sonderlich magst. Also bist du nicht sie. Ähnlich bei »Emmi drei«. Sie interessiert dich nicht. Du streichst ausgerechnet ihre Schüchternheit heraus, ein Wesenszug, der dir selbst vollkommen fremd sein dürfte. Und du verschweigst ihren »exotischen Teint«, ihre »mandelförmigen Augen«, ihren »verschleierten Blick«, all das, was an ihr interessant klingen könnte. Einzig bei »Emmi eins« bist du großzügig in deinen Betrachtungen, liebe Emmi eins. Dir ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass ihre kurzen dunklen Haare gewachsen sein könnten, du zitierst ihre »mit würdevoller Arroganz überspielte leichte Unsicherheit«, ihren »erhabenen Kopf« und ihr Temperament. Dabei nennst du den Begriff »speedig«, aber »hektisch« und »nervös« lässt du aus. Diese Eigenschaften magst du eben nicht so gern an dir. Also, liebe Emmi eins, ich freue mich, dich am Samstagnachmittag dunklen Haares, erhabenen Hauptes und speediger Laune am Kaffeehaustisch anzutreffen. Bis bald, Leo.

 

Zehn Minuten später

RE:

Wenn ich gewusst hätte, wie euphorisch du sein (schreiben) kannst, wenn du glaubst, etwas durchschaut zu haben, hätte ich mich mehr darum bemüht, durchschaubarer für dich zu sein, mein Lieber. Ich warne dich dennoch: Rechne lieber mit jeder Emmi. Wer weiß, wie das Leben draußen spielt, wie stark oder schwach es jenes hier drinnen widerspiegelt, wo sich Worte ihren Reim auf sich selbst machen dürfen. Im Übrigen bist stets du der von uns beiden gewesen, der mit der weiblichen Oberweite auf Kriegsfuß stand, mein Bester. Allein die Erwähnung löst bei dir offenbar ödipale Stresssituationen aus. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum du ewig auf dem »großen Busen« herumreitest, wenn ich das einmal so metaphorisch formulieren darf. Bis bald, Emmi.

 

Fünf Minuten später

AW:

Das können wir ja gerne am Kaffeehaustisch diskutieren. Es sieht ganz danach aus, dass wir über das Thema »Busen, ja, nein, groß, klein« ohnehin nicht hinauskommen werden, meine Liebe, meine Beste, meine liebe Beste.

 

Zehn Minuten später

RE:

Folgende Gesprächsthemen scheiden für unser Treffen bitte aus:

1.) Busen und sämtliche andere Körperteile. (Ich möchte nicht über Äußerlichkeiten sprechen, die sehen wir ohnehin.)

2.) »Pam« (und wie sie sich ihre Zukunft an der Seite von Leo Gefühlskasten Leike im »alten Europa« vorstellt).

3.) Wie alle privaten und Emmi-fernen Angelegenheiten von Leo Leike.

4.) Wie auch alle privaten und Leo-fernen Angelegenheiten von Emmi Rothner.

In dieser einen Stunde soll es bitte, bitte, bitte nichts anderes und niemanden anderen als uns beide geben. Schaffen wir das?

 

Acht Minuten später

AW:

Und worüber wollen wir tatsächlich reden? Viel lässt du ja nicht mehr übrig.

 

15 Minuten später

RE:

Leo, ich glaube, du kriegst es langsam wieder mit der Angst zu tun – mit deiner chronisch schlummernden Emmi-Berührungsangst. Da würdest du dich thematisch schon ganz gern an einem »großen Busen« anhalten können, stimmt’s? Worüber wir reden wollen? – Ist mir egal. Erzählen wir uns Kindheitserlebnisse. Ich werde nicht auf Form und Inhalt deiner Worte achten, nur auf die Art, wie du sie aussprichst. Leo, ich will dich reden SEHEN. Ich will dich zuhören SEHEN. Ich will dich atmen SEHEN. Ich will dich nach einer so langen Zeit enger, vertrauter, verheißungsvoller, gebremster, unaufhörlicher, abgebrochener, erfüllter, unerfüllter Virtualität endlich, ja schlussendlich, eine Stunde wirklich SEHEN. Sonst nichts.

 

Sieben Minuten später

AW:

Ich hoffe, du wirst nicht enttäuscht sein. Denn besonders aufregend SEHE ich nicht aus, weder beim Reden noch beim Zuhören und schon gar nicht beim Atmen. (Ich bin erkältet.) Aber du hast es so gewollt, du hast dir das Treffen gewünscht.

 

Drei Stunden später

Betreff: ??

Habe ich (wieder) etwas Falsches gesagt? Schönen Abend noch. Leo.

 

Am nächsten Tag

Betreff: Angst

Guten Morgen, Emmi. Ja, ich habe Angst. Ich habe Angst, dass die Bedeutung, die ich für dich hatte (und vielleicht zum Teil noch immer habe), mit einem Schlag verloren geht, wenn du mich gesehen hast. Ich glaube nämlich, meine Buchstaben lesen sich auf dem Bildschirm besser, als sich mein Gesicht ansieht, wenn es die Buchstaben spricht. Vielleicht bist du schockiert, an wen du zwei Jahre lang Gedanken und Gefühle verschwendet hast, und welcher Art sie waren. Das hatte ich gemeint, als ich dir gestern schrieb: »Aber du hast es so gewollt, du hast dir das Treffen gewünscht.«

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