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Alle lieben Bob – Neue Geschichten vom Streuner

Über den Autor

James Bowen ist Straßenmusiker und lebt in London. Er fand Bob, den Streuner, im Frühling 2007. Seitdem sind die beiden Freunde unzertrennlich.

Neuigkeiten, Geschichten und Fotos über James und Bob findet ihr unter:

www.luebbe.de oder auf Bobs deutscher Facebook-Seite Bob, der Streuner oder auf James’ internationaler Facebook-Seite James Bowen & Streetcat Bob. Außerdem könnt ihr den beiden auf Twitter folgen: www.twitter.com/streetcatbob

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Garry, meinen Mentor und Lehrer, Mary, meinen Engel von der Angel Station, und für Rowena und Kerry, die mir eine Chance gaben. Ich liebe sie alle sehr. Mein besonderer Dank gilt meiner Kitty Belle, die aus meinem und Bobs Leben nicht wegzudenken ist.

Wenn du eine Katze um dich hast, fühlst du dich gleich weniger allein.

Louis Camuti

Paw.tif

Könnte man Menschen mit Katzen kreuzen, würde dies die Menschen veredeln, aber die Katzen herabsetzen.

Mark Twain

CAT.tif

Kapitel 1

Ein schlechter Tag

Es war einer dieser Tage, an denen alles schiefläuft. Meine Pechsträhne begann schon vor dem Aufstehen: Ich hatte verschlafen, weil der Wecker nicht klingelte.

»Bob«, rief ich entsetzt, »wir kommen zu spät!«

Bob sah mich mit seinen großen grünen Augen gelassen an.

»Beruhig dich, James«, schien er zu sagen. »Wir haben alles im Griff.«

Schnell suchte ich alles zusammen, was wir für die Arbeit brauchten, und wickelte Bob einen besonders dicken Schal um den Hals, um ihn vor der Kälte zu schützen. Dann verließen wir im Laufschritt meine Wohnung in Tottenham, einem Stadtteil in Nordlondon, um den Bus nach Islington zu erreichen, wo ich die Obdachlosenzeitschrift The Big Issue verkaufte. Bob lief an der Leine neben mir her. In letzter Sekunde erreichten wir den Bus.

»Geschafft«, keuchte ich erleichtert.

Aber schon nach etwa fünf Minuten Fahrzeit passierte die nächste Panne.

Bob saß, wie immer, neben mir am Fenster und döste vor sich hin, bis er auf einmal ruckartig den Kopf hob und sich argwöhnisch umsah.

Das hieß so viel wie: »Hier stimmt was nicht.«

In den zwei Jahren, die ich ihn nun schon kannte, hatte er sich noch nie geirrt. Auch nicht an diesem Tag. Nach wenigen Sekunden füllte sich der Bus mit beißendem Rauchgeruch.

»Die Fahrt ist hier zu Ende«, rief die aufgeregte Stimme des Busfahrers über den Lautsprecher. »Alle aussteigen! Aber schnell, bitte!«

Der Bus war ziemlich voll, und auch wenn es nicht mit der Evakuierung der Titanic vergleichbar war, so schubsten und schoben doch alle auf einmal zu den Ausgängen. Ich verließ mich lieber auf Bob, der es nicht sonderlich eilig hatte. Wir blieben sitzen, bis das Gedränge vorbei war, und stiegen als Letzte aus. Es war eine gute Entscheidung gewesen. Im Bus hatte es zwar ziemlich gestunken, aber zumindest war es warm.

Wir standen genau gegenüber einer Großbaustelle. Durch die Lücke zwischen den anderen Gebäuden pfiffen uns eisige Windböen um die Ohren. Ich war sehr froh, dass ich Bob heute Morgen den extradicken Schal umgebunden hatte.

Ein paar Minuten später informierte uns der Busfahrer: »Es war nur ein überhitzter Motor. Aber wir müssen auf einen Mechaniker warten, der das Problem beheben kann.«

Also standen wir mit den anderen Fahrgästen eine halbe Stunde zitternd und frierend am Straßenrand und warteten auf den Ersatzbus.

Als Bob und ich endlich an unserer Haltestelle in Islington Green ausstiegen, waren wir geschlagene neunzig Minuten unterwegs gewesen. Jetzt waren wir tatsächlich viel zu spät dran. Wir hatten die Mittagspause der Geschäftsleute verpasst, eine lukrative Zeit für den Verkauf der Big Issue.

Auf den letzten fünf Minuten Fußweg bis zum U-Bahnhof Angel Station wurden wir leider noch weiter aufgehalten – wie immer, wenn ich mit Bob unterwegs war. Manchmal lief er neben mir her an der Leine, aber meistens thronte er auf meinen Schultern. Da hatte er den besten Ausblick, wie ein kleiner Pirat aus dem Aussichtskorb vom höchsten Mast seines Schiffes. Wir beide waren kein alltäglicher Anblick, deshalb mussten wir immer wieder stehen bleiben, weil jemand Bob streicheln oder ein Foto von uns schießen wollte. Normalerweise störte mich das kein bisschen. Ich wusste ja, dass Bob gern im Mittelpunkt stand.

Die Erste, die uns an diesem Tag anhielt, war eine kleine Frau mit russischem Akzent.

»Oh, koschka, so ein Hübscher!«, säuselte sie bei Bobs Anblick.

Ich blieb stehen, damit sie Bob gebührend bewundern konnte, aber sie streckte gleich die Hand aus und wollte ihn an der Nase berühren. Das war ein schwerer Fehler.

Bob reagierte instinktiv. Er wehrte ihre Hand mit einem blitzschnellen Pfotenhieb ab und gab ein empörtes »Miiiiiauuuu« von sich. Zum Glück hatte er seine Krallen nicht ausgefahren, die Frau war aber dennoch so verschreckt, dass es eine Zeit lang dauerte, bis ich sie beruhigt hatte.

»So etwas sollten Sie nie tun, wenn Sie ein Tier nicht kennen«, erklärte ich ihr in ruhigem, höflichem Ton. »Wie würden Sie denn reagieren, wenn Ihnen ein Fremder zur Begrüßung gleich ins Gesicht fassen würde? Sie haben Glück, dass er Sie nicht gekratzt hat!«

»Ich wollte ihn doch nicht ärgern«, bedauerte sie. »Es tut mir so leid, soooo leid!«

Sie war ziemlich niedergeschlagen. »Los, ihr beide, vertragt euch«, versuchte ich zu vermitteln.

Erst nach gutem Zureden erlaubte Bob ihr, ihm langsam und vorsichtig den Rücken zu streicheln. Die Frau hörte gar nicht mehr auf, sich bei Bob zu entschuldigen, und war nicht so leicht wieder loszuwerden.

Als wir endlich an der U-Bahn-Station ankamen, legte ich, wie üblich, meinen Rucksack für Bob als weiche Unterlage auf den Boden und drapierte die Big-Issue-Zeitschriften um ihn herum. Ich musste heute mindestens zwei Dutzend davon verkaufen, denn wie immer brauchte ich das Geld dringend.

Doch bevor ich auch nur ein einziges Magazin verkauft hatte, platzten die dunklen Wolken über uns auf, und es begann zu schütten. Wir retteten uns schnellstmöglich in eine überdachte Unterführung zwischen einer Bank und einem Bürogebäude.

Bob hasste Regen, besonders bei Kälte. An diesem Tag schien ihn der Regen schrumpfen zu lassen. Auch sein Fell, das sonst hell wie Orangenmarmelade leuchtete, bekam einen traurigen Graustich. Kein Wunder, dass er den Leuten weniger auffiel und kaum einer seinetwegen stehen blieb. Und ich demnach viel weniger Zeitschriften verkaufte als geplant.

Bob zeigte mir unmissverständlich, dass er keine Lust hatte, bei diesem Wetter noch länger auf der Straße herumzuhängen. Er bombardierte mich mit vernichtenden Blicken und rollte sich ein wie ein rotpelziger Igel.

»Ich verstehe schon, Bob«, sagte ich seufzend. »Aber das Wochenende steht vor der Tür, und ich muss noch Geld verdienen, um für uns einzukaufen. Mein Zeitschriftenstapel ist noch genauso hoch wie bei unserer Ankunft. Wir müssen unbedingt noch ein paar verkaufen!«

CAT.tif

Kapitel 2

Der Nachtwächter

Das Wetter wurde nicht besser. Am späten Nachmittag tauchte dann auch noch ein junger Polizist in Uniform auf.

»Haben Sie eine Lizenz, um hier Zeitschriften zu verkaufen?«, wollte er wissen.

»Aber natürlich, Officer«, erwiderte ich höflich. »Ich habe einen Ausweis mit registrierter Verkäufernummer, und solange ich kein öffentliches Ärgernis errege, darf ich hier von morgens bis abends meine Zeitschriften anbieten.«

Das schien ihn jedoch nicht zu beeindrucken. »Leeren Sie Ihre Taschen aus«, befahl er mir. »Wollen wir doch mal sehen, was wir da finden.«

Keine Ahnung, warum er mich durchsuchen wollte, jedenfalls fand er nichts von dem, was er sich wohl erhofft hatte.

Zu guter Letzt nahm er Bob ins Visier: »Ist das Ihre Katze?«

»Ja, der gehört zu mir«, sagte ich. »Er ist vorschriftsmäßig auf mich angemeldet und gechipt.«

Der Officer versuchte nicht einmal mehr, seine schlechte Laune zu verbergen, aber ihm blieb nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge weiterzugehen.

Am frühen Abend gab ich auf. Ich fühlte mich ausgelaugt. Mit Müh und Not hatte ich gerade mal zehn Zeitschriften verkauft und nur einen Bruchteil meiner üblichen Tageseinnahmen erreicht. Ich habe lange genug von Dosenbohnen zum Sonderpreis und Brot vom Vortag gelebt, um zu wissen, dass ich nicht verhungern würde. Ich hatte noch genug Geld, um ein bis zwei Dosen Katzenfutter für Bob zu kaufen und um die Gas- und Stromuhren in der Wohnung mit Kleingeld zu füttern, damit wir es warm hatten. Aber ich hätte es mir so gerne erspart, am Wochenende zu arbeiten. Der Wetterbericht hatte weiterhin Regen angekündigt, und ich war müde und erschöpft.

Auf der Heimfahrt im Bus wurden mir die Glieder schwer, und mir war abwechselnd heiß und kalt. Ein sicheres Zeichen, dass eine Grippe im Anmarsch war.

Na toll, das hat mir gerade noch gefehlt, dachte ich und kuschelte mich tiefer in meinen Sitz, um ein Nickerchen zu machen.

Der Himmel war inzwischen tintenschwarz, und die Straßenlaternen waren bereits an. Bob fand London bei Nacht faszinierend. Während ich immer wieder einnickte und hochschreckte, starrte Bob neben mir wie gebannt aus dem Busfenster, völlig versunken in seiner eigenen Welt.

Kurz nach der Haltestelle Newington Green war ich fest eingeschlafen. Ein leichtes Tappen am Oberschenkel und das Kitzeln von Schnurrbarthaaren an meiner Wange holten mich aus dem Tiefschlaf. Als ich die Augen öffnete, schwebte Bobs Gesicht genau vor meinem, während er mit seinen Vorderpfoten mein Knie bearbeitete.

»Was ist denn?«, fragte ich leicht genervt.

Bob machte eine Bewegung, als wollte er vom Sitz springen. Dabei warf er mir beunruhigte Blicke zu.

»Kommst du jetzt, oder nicht?«, schien er zu fragen.

Erst als ich aus dem Fenster sah, begriff ich, wo wir waren – kurz vor unserer Haltestelle! Ich schnappte meinen Rucksack und konnte gerade noch rechtzeitig den Halteknopf drücken. Ohne meinen kleinen Nachtwächter hätte ich auch noch den Ausstieg verpasst.

Auf dem Heimweg holte ich mir in der Apotheke ein paar billige Grippetabletten. Im nächsten Laden kaufte ich ein paar Katzensnacks für Bob und einen Beutel seines Lieblingsmenüs, Hühnchen in Soße. Irgendwie musste ich mich ja bei ihm bedanken. Wir hatten einen grauenhaften Tag hinter uns und Grund genug für eine Runde Selbstmitleid. Aber als ich endlich in meiner warmen, kleinen Wohnung saß, sah die Welt schon wieder ganz anders aus.

»Ich habe wirklich keinen Grund zum Jammern, stimmt’s, Bob?«, sagte ich zu ihm, während er genüsslich sein Futter verschlang. »Wenn ich unsere Haltestelle verschlafen hätte, wären wir jetzt immer noch da draußen unterwegs.«

Es regnete inzwischen ziemlich heftig, da hätte ich mir bestimmt etwas viel Schlimmeres eingefangen als nur eine leichte Grippe. Ich hatte Glück gehabt – in mehr als nur einem Sinn.

Es gibt ein altes Sprichwort, das sagt: Es ist schöner, sich an Dingen zu erfreuen, die man erreicht hat, als über alles zu jammern, was man nicht besitzt.

Nach dem Abendessen saß ich eingekuschelt in eine warme Decke auf dem Sofa und schlürfte heißen Tee. Bob schlummerte zufrieden auf seinem Lieblingsplatz an der Heizung. Er hatte all die Probleme des vergangenen Tages längst vergessen und war gerade einfach nur ein sehr zufriedener Kater.

»Ich sollte die Welt genauso sehen wie Bob«, sagte ich mir. Immerhin gab es so vieles, wofür ich genau in diesem Moment dankbar sein konnte. Nicht zuletzt für Bob.

Vor etwas über zwei Jahren hatte ich Bob verletzt auf einer Fußmatte im Erdgeschoss meines Mietshauses gefunden. Als ich ihn im düsteren Hausflur entdeckte, sah er aus, als wäre er von einem anderen Tier angegriffen worden. Sein Körper war übersät von Kampfspuren.

Anfangs dachte ich, er würde einem Nachbarn gehören. Aber als er mehrere Tage an derselben Stelle hockte, nahm ich ihn mit nach oben in meine Wohnung und pflegte ihn gesund. Ich gab mein letztes Geld für seine Medikamente aus, aber das war er mir wert. Er hatte mein Herz im Sturm erobert.

Bob war ganz offensichtlich ein Streuner, also ging ich davon aus, dass er sich aus dem Staub machen würde, sobald es ihm besser ging. Aber er wich mir nicht mehr von der Seite. Immer wieder brachte ich ihn nach unten vor die Tür und ließ ihn frei, aber entweder lief er mir hinterher oder er tauchte abends im Hausflur wieder auf, um die Nacht bei mir zu verbringen.

Man sagt, dass Katzen sich ihren Menschen aussuchen und nicht umgekehrt. Dass sich Bob für mich entschieden hatte, wurde mir endgültig klar, als er mir eines Tages bis zur Bushaltestelle folgte. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als ihn zu verscheuchen. Als er in der Menschenmenge verschwand, dachte ich, es wäre das letzte Mal, dass ich ihn gesehen hatte. Aber gerade als der Bus losfahren wollte, tauchte Bob wie ein orangefarbener Pfeil aus dem Nichts wieder auf, sprang in den Bus und fläzte sich wie selbstverständlich auf den Sitz neben mir. Und das war’s dann.

Bob und ich waren Seelenverwandte. Wir halfen uns gegenseitig, unsere schwierige Vergangenheit zu verarbeiten und hinter uns zu lassen. Bob bekam von mir Zuwendung, Futter und ein Dach über dem Kopf, dafür schenkte er mir Hoffnung und gab mir einen Grund, morgens aufzustehen. Er bereicherte mein Leben mit Vertrauen, Liebe und Spaß, aber auch mit einem Verantwortungsgefühl, das ich bisher nicht gekannt hatte. Durch ihn steckte ich mir wieder Ziele und sah die Welt mit anderen Augen.

Über zehn Jahre war ich obdachlos und drogenabhängig gewesen, taumelte ziellos und unbeachtet durch die Straßen von London.

Als Obdachloser war ich unsichtbar. Ich wusste nicht mehr, wie ich mich meinen Mitmenschen gegenüber verhalten sollte. Für die Gesellschaft war ich tot. Aber mit Bobs Hilfe erwachte ich langsam wieder zum Leben. Ich nahm zwar noch Medikamente, aber ich konnte Licht am Ende des Tunnels sehen, und ich hoffte, komplett clean zu werden.

Es war nicht leicht. Das ist es nie, wenn man eine Sucht oder eine blöde Angewohnheit aufgeben will. Meine Arbeit auf der Straße war dabei nicht gerade hilfreich. Hinter jeder Ecke lauerte neuer Ärger, und irgendwie schien ich Probleme anzuziehen wie ein Magnet. Ich sehnte mich danach, dieses Leben hinter mir zu lassen. Noch hatte ich keine Ahnung, wie, aber mit Bob an meiner Seite war ich wild entschlossen, es zu versuchen.

Für die meisten Menschen habe ich nichts erreicht im Leben. Ich hatte nie genug Geld, konnte weder ein beeindruckendes Heim noch ein Auto vorweisen. Aber ich hatte meine kleine Wohnung und meinen Job als Big-Issue-Verkäufer. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich eine Perspektive – und Bob. Auf seine Freundschaft konnte ich mich verlassen.

Ich stand auf, um früh ins Bett zu gehen. Vor dem schlafenden Bob blieb ich kurz stehen und kraulte seinen Nacken.

»Wo wäre ich bloß ohne dich, mein kleiner Freund?«

1.tif

CAT.tif

Kapitel 3

Neue Kunststücke

Manche Leute brauchen das Radio, um morgens wach zu werden, andere ihre Morgengymnastik oder eine Tasse Tee oder Kaffee. Bob und ich brauchen Zeit zum Spielen.

Sobald ich wach werde, rappelt sich Bob aus seinem Körbchen im Schlafzimmer auf, schlendert gemächlich zu mir herüber und starrt mich erwartungsvoll an. Dann gibt er aufmunternde Laute von sich, die sich wie ein Klingelton anhören: »Brrr, brrr.«

Wenn ich ihn dann noch nicht beachte, wechselt er die Tonart. Aus »miau« wird ein trauriges Flehen: »Uuuuwäääääh. Uuuuwäääääh!«

Manchmal stützt er sich dabei mit den Vorderpfoten auf der Matratze ab, sodass er mir direkt ins Gesicht sehen kann. Dann tippt er mir eine Pfote sanft ins Gesicht.

»Hallo! Wie lange willst du mich noch ignorieren?«, soll das heißen. »Ich bin schon ewig wach und habe einen Mordshunger, also wo bleibt mein Frühstück?«

Wenn ich dann immer noch nicht in die Gänge komme, fährt er die Charmeoffensive auf. Dabei ahmt er perfekt den Gestiefelten Kater aus den Shrek-Filmen nach und starrt mich mit seinen großen leuchtendgrünen Augen hingebungsvoll an. Dabei sieht er so herzerweichend süß und absolut unwiderstehlich aus, dass er mir damit immer ein Lächeln entlockt. Und alles kriegt, was er haben will.

In meinem Nachtschränkchen neben dem Bett bewahre ich immer eine Tüte von Bobs Lieblingsknabbereien auf. Manchmal, wenn ich noch müde bin, springt er zu mir aufs Bett zum Kuscheln und um die ersten Häppchen abzustauben. Aber meistens werfe ich eins nach dem anderen auf den Teppich, damit er ihnen nachjagen kann. Mal fängt er sie im Flug ab wie ein Kricket- oder Baseballspieler. Dabei springt er hoch in die Luft und angelt sich die kleinen Kügelchen mit der Pfote. Manchmal fängt er sie sogar direkt aus der Luft mit dem Maul auf. Es macht richtig Spaß, ihm dabei zuzusehen, und dieses Morgenritual ist der perfekte Wachmacher für uns beide.

Aber er kann sich auch allein beschäftigen. Wie an jenem heißen Sommermorgen, als er sich in einer schattigen Ecke im Schlafzimmer zusammengerollt hatte und schlief. Oder zumindest sah es so aus.

Doch urplötzlich schoss er hoch und sprang auf mein Bett. Er federte sich von der Matratze ab, als wäre sie ein Trampolin, prallte dann mit allen vier Pfoten an der Wand hoch über meinem Kopf ab und landete wieder auf dem Bett.

»Verdammt, Bob …?«, entfuhr es mir völlig überrumpelt. Aber dann bemerkte ich den kleinen Tausendfüßler, der auf meiner Bettdecke lag. Bob machte sich mit entschlossenem Blick bereit, ihn zwischen seinen Zähnen zu zermalmen.

»Oh nein, mein Lieber, das wirst du nicht tun!«, warnte ich. Schließlich wusste ich, dass Insekten für Katzen giftig sein konnten. »Du hast keine Ahnung, wo das kleine Ding herkommt.«

Er warf mir einen verächtlichen Blick zu: »Spielverderber!«

Bobs Schnelligkeit, Kraft und Beweglichkeit haben mich schon immer beeindruckt. Jemand hat mal gesagt, Bob müsse von einem Luchs oder einer anderen Wildkatze abstammen, aber leider weiß ich so gut wie gar nichts über Bobs Vergangenheit. Ich kenne weder sein genaues Alter noch weiß ich, wie er gelebt oder überlebt hat, bevor wir uns trafen. Nur ein DNA-Test könnte Auskunft über seine Herkunft geben. Aber wozu? Bob ist Bob, und mehr brauche ich nicht zu wissen.

Aber ich war nicht der Einzige, der dem unwiderstehlichen Charme von Bob verfallen war.

Im Frühjahr 2009 waren wir bereits über ein Jahr als Verkäufer der Big Issue unterwegs. Bob hatte sich an unserem Standort an der Angel Station in Islington einen kleinen, aber sehr treuen Stamm von Bewunderern aufgebaut.

Soviel ich wusste, war ich der einzige Big-Issue-Verkäufer mit Katze in ganz London. Aber auch wenn es ein zweites Paar gegeben hätte, die andere Katze hätte Bob mit Sicherheit nicht das Wasser reichen können – vor allem, wenn es darum ging, die Kunden magisch anzuziehen und zu begeistern.

In der ersten Zeit, als Bob und ich uns gerade kennengelernt hatten, war ich mit ihm noch als Straßenmusiker mit Gitarre in Covent Garden unterwegs. Damals saß er meist reglos da wie ein kleiner Buddha und beobachtete gelassen das geschäftige Treiben um ihn herum. Die Passanten fanden ihn entzückend. Sie blieben stehen, um ihn zu streicheln und mit ihm zu reden.

»Erzählen Sie mal!«, forderten mich viele auf. »Wie haben Sie sich gefunden?«

Wenn sie unsere Geschichte gehört hatten, gingen sie weiter und das war’s.

Aber seit wir die Big Issue verkauften, haben wir ein paar Kunststücke entwickelt. Bob liebte es, zu spielen, weshalb ich immer ein paar Spielsachen für ihn dabeihatte. Die warf er dann herum und jagte ihnen hinterher. Sein Lieblingsspielzeug war eine kleine graue Maus, die früher mit Katzenminze gefüllt war.

Die Füllung war schon lange verloren gegangen. Die Nähte waren aufgeplatzt, und von dem grauen Mäuschen war inzwischen nur noch ein zerfledderter, dunkelgrauer Lappen übrig. Bob hatte eine Menge Spielzeug, aber mit seiner »Schmuddelmaus«, wie ich sie nannte, spielte er immer noch am liebsten.

Er trug sie im Maul herum und schüttelte sie kämpferisch. Manchmal wirbelte er sie am Schwanz herum, sodass sie weit wegflog, sobald er losließ. Dann hechtete er mit einem Satz hinterher und das Spiel ging wieder von vorne los. Bob war ein begeisterter Mäusejäger und scheinbar war das sein Training für den Ernstfall. Mit dieser »Nummer« zog er viel Aufmerksamkeit auf sich. Es gab eilige Passanten, die stehen blieben und ihm bis zu zehn Minuten lang wie hypnotisiert beim Spielen zusahen.

Wenn ich Zeit hatte, spielte ich mit. Anfangs übten wir Händeschütteln. Ich streckte ihm meine Hand entgegen und er mir seine Pfote, um sie festzuhalten. Es war nur eines von vielen Spielen, die wir immer zu Hause machten, aber unsere Zuschauer waren ganz aus dem Häuschen. Wenn ich für jedes »Oh, wie süß!« oder »Wow, das ist ja unglaublich!« – meistens von Frauen ausgesprochen – ein Pfund bekommen hätte, wäre ich schon ein reicher Mann.

Meine Spiele mit Bob waren viel mehr als nur ein Unterhaltungsfaktor für die vorüberziehenden Menschenmassen. Für mich war es ein schöner Zeitvertreib, der mich an kalten Tagen warm hielt und den eintönigen Arbeitsalltag lustiger machte. Natürlich verkaufte ich dadurch auch mehr Zeitungen – aber das war nur ein weiterer Segen, den Bob mit sich brachte.

Mit der Zeit bauten wir unser Kunststückchen weiter aus.

Bob war verrückt nach seinen Katzensnacks. Wenn ich ein Kügelchen hoch über seinen Kopf hielt, stellte er sich auf die Hinterbeine, um es mir aus der Hand zu angeln. Dabei legte er zuerst die Vorderpfoten um mein Handgelenk, um sich festzuhalten, ließ dann mit einer Pfote los und fischte es mir so aus der Hand.

Unsere Kunden waren begeistert. Also arbeiteten wir weiter an diesem Kunststück. Bobs Griff mit den Pfoten um mein Handgelenk war fest wie ein Schraubstock. Wenn ich meinen Arm langsam und vorsichtig hochhob, blieb er ein paar Zentimeter über dem Boden an meinem Handgelenk hängen. Ein paar Sekunden klammerte er sich immer an mir fest. Dann ließ er entweder los oder ich senkte ihn langsam wieder auf den Boden. Dabei achtete ich natürlich auf eine weiche Landung – möglichst auf meinem Rucksack.

Je besser unsere »Show« wurde, desto mehr Zuschauer blieben stehen und belohnten uns – und das nicht nur, indem sie die Big Issue kauften.

Seit Bob mit mir unterwegs war, haben wir viele nette Menschen kennengelernt, die uns mit Katzensnacks und Futter unterstützten. Im Winter bekamen wir sogar wärmende Kleidungsstücke für Bob geschenkt; vieles davon war handgestrickt oder liebevoll genäht. Bob hatte inzwischen so viele Schals in allen Farben und Mustern, dass ich kaum noch wusste, wohin damit. Manchmal war all die Liebe, Zuneigung und Unterstützung, die uns Fremde entgegenbrachten, wirklich überwältigend.

Wachsam blieb ich trotzdem, denn Neider würde es immer geben …

CAT.tif

Kapitel 4

Eine schwierige Kundin

Es war Freitagabend, mitten im Feierabendgetümmel. Die Masse der Pendler, die an den Eingängen der Angel Station hinein- und hinausdrängten, wurde von Minute zu Minute dichter. Bob ließ das Gewühl um ihn herum völlig kalt. Er lag auf meinem Rucksack und starrte gedankenverloren vor sich hin. Nur an seiner Schwanzspitze, die sich wie in Zeitlupe hin und her bewegte, konnte man erkennen, dass er keine Statue war.

Plötzlich bemerkte ich eine Frau, die in unserer Nähe stehen geblieben war und Bob wie gebannt anstarrte.

So wie sie den Kopf schüttelte und missbilligend vor sich hinmurmelte, passte ihr offensichtlich etwas nicht in den Kram. Ich versuchte, sie nicht weiter zu beachten, denn es war viel wichtiger, meine letzten Zeitschriften noch vor dem Wochenende loszuwerden. Leider sah sie das anders.

»Junger Mann. Sehen Sie nicht, dass sich die Katze hier unwohl fühlt?«, sprach sie mich an und kam auf uns zu.

Sie sah aus wie eine Schuldirektorin: Sie war um die vierzig Jahre alt, sprach dieses nasale, überbetonte Englisch und trug ein altmodisches Tweedkostüm.

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