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All of this is true. Ruhm kann tödlich sein.

Lygia Day Peñaflor

ALL OF
THIS
IS TRUE

RUHM
KANN TÖDLICH SEIN

Aus dem Amerikanischen von Anne Markus

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Lygia Day Peñaflor
wurde zur Autorin, als sie mit vierzehn Jahren ihre ersten Briefe an eine Freundin von einem Kreuzfahrtschiff schrieb. »All of this is true – Ruhm kann tödlich sein« wurde in elf Länder verkauft und ist Lygias zweites Buch. Sie unterrichtet Kinderstars an Film- und Fernsehsets als Privatlehrerin. Mit ihrem Ehemann lebt sie auf Long Island, wo sie gerne reitet und alte Fernsehserien in Dauerschleife schaut.

 

 

Für eine Frau macht Betrug keinen Sinn – man kann seine Leidenschaften nicht betrügen.

— Coco Chanel

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MIRI

Also, erzähl mal ein bisschen was über Fatima Ro. Gerade jetzt gibt es viele, die neugierig sind.

Okay. Aber vorher muss ich kurz etwas klarstellen, wahrscheinlich ist es das Einzige, worüber wir noch einer Meinung sind – Soleil, Penny und ich. Bevor wir Fatima Ro kennengelernt haben, waren wir oberflächlich. Uns ging es nur ums In-Sein. Sie wissen schon, was ich damit meine: Partys, Schmuck, Lifestyle. Wir waren die Initiatoren.

Initiatoren?

Wir haben Partys organisiert, bei Penny zu Hause. Scheint Ewigkeiten her zu sein. Oh Mann. [schüttelt den Kopf] Die vielen Menschen, die laute Musik … All das Geld.

Welches Geld?

Wir haben Eintritt kassiert, um die nächsten Partys zu finanzieren.

Sehr wirtschaftlich gedacht.

So sind wir. [seufzt] Wir haben uns am Orientierungstag in der siebten Klasse kennengelernt, als wir in das gleiche Team bei der Schnitzeljagd eingeteilt wurden. Die Sieger sollten den Orientierungstag im Jahr darauf leiten. Wir haben gewonnen, indem wir uns erst getrennt und dann das letzte Rätsel gemeinsam gelöst haben – das Schullogo auf dem Dach.

Ihr seid ein gutes Team.

Waren wir … bevor das alles passierte. Egal, unsere Partys waren sensationell. Die letzte, die wir auf die Beine gestellt hatten, war ein Casinoabend. Es gab Spieltische und Schoko-Pokerspielmarken. Das kann die nächsten Jahre keiner toppen.

Ziemlich beeindruckend.

[lacht] Ach bitte. Wir dachten, Selfies am Roulettetisch zu machen, sei der Stoff, aus dem das Leben ist. In Wirklichkeit langweilten wir uns zu Tode. Verstehen Sie, das fundamentale menschliche Bedürfnis nach emotionaler Nähe lässt sich nicht mit einer Sushi-Bar oder einem Top-Ten-DJ befriedigen. Fatima hat uns das klargemacht. Durch sie hat sich alles für uns verändert. Solche Ausdrücke wie »der Stoff, aus dem das Leben ist«, die habe ich von ihr. Wenn es sie nicht gäbe, hätte ich das gerade eben nicht gesagt; wahrscheinlich eher so etwas in der Richtung wie »Wir dachten, Selfies zu schießen, sei so vogue«. Jetzt aber rede ich vom »Stoff, aus dem das Leben ist«, weil uns Fatima mehr oder weniger eine ganz neue Sprache gegeben hat, eine neue Denkweise, Lebensweise. Als sie uns unter ihre Fittiche genommen hat, wurde mir ganz plötzlich klar … wurde uns allen klar, dass wir uns danach sehnten, an etwas Großem teilzuhaben. Unsere Freundschaft mit Fatima Ro – ich meine, tatsächlich zu ihrem engsten Kreis zu gehören –, das war’s.

Warst du ein Fan ihres Romans Undertow?

Definitiv. Damit hat die ganze Sache ja angefangen. Absolut. Wir alle waren Fans. Okay, wir Mädels. Egal. Jonah haben wir halt mitgeschleppt. Trotzdem, selbst er war von ihr fasziniert. Ich hab Undertow gelesen, gleich als es herauskam. Als ich entdeckte, wie jung Fatima war – sie hatte gerade erst das College abgeschlossen –, war klar, warum mich ihr Stil so fesselte. Sie verstand mich. Ich liebe Undertow, als hätte es ein Eigenleben – Leidenschaft in seiner ehrlichsten Form. Das unterscheidet beiläufiges Interesse von Leidenschaft. Dass ich das begreife, habe ich Fatima zu verdanken.

Sehen Sie, man kann sich in eine Sache genauso verlieben wie in einen Menschen. Eine Sache kann dieselben chemischen Reaktionen auslösen: Oxytocin und Vasopressin. Weiß ich von Fatima. Ihr Buch war der Beweis. Aber ich könnte durchdrehen, wenn es in den Medien einfach mit anderen Romanen verglichen wird. Undertow ist nie ein Harry-Potter-Phänomen gewesen, das muss man doch verstehen. Ich meine, niemand trägt zu Halloween Undertow-Kostüme. Es gibt in Disneyland keinen Undertow-Themenpark. Aber gerade das macht es authentisch. Wenn jemand Undertow liebt, liegt das daran, weil er es begriffen hat, und nicht, weil es eine Tom-Hanks-Verfilmung gibt und ein Happy Meal. Dieses Buch hat eher ruhigere, aufmerksamere Anhänger. Und an so etwas teilzuhaben, fühlt sich für mich auch sehr viel authentischer an.

Denken Sie mal darüber nach: Wenn Sie Undertow kennen und lieben und jemanden treffen, der Undertow kennt und liebt, ich meine wirklich kennt und liebt, sind Sie sofort auf einer Wellenlänge. [schnippt] Diese Art von Zusammengehörigkeitsgefühl gibt es nicht, sagen wir mal, bei den Tribute von Panem-Fans, denn das ist eine Fangemeinde, die einfach zu groß ist, zu kommerziell. Man könnte sagen, na klar liebst du die Tribute, alle lieben die Tribute. Was ist schon so besonders dabei, stimmt’s? Aber Fatimas Anhängerschaft ist wesentlich persönlicher. Ihr Roman verlangt einen scharfsinnigeren, äh, ähm, scharfsichtigeren Leser. Ein Undertow-Fan zu sein, geht irgendwie tiefer … Menschen, die das Buch lieben, verstehen sich. Gemeinsam wissen wir um die Bedeutung der Botschaften, der Sprache. Das ist Simpatico zwischen Undertow-Fans. Zwei schlagende Herzen im Einklang. [lacht] Ach verdammt, jetzt klinge ich schon wieder wie sie. Ich weiß. Aber dafür bin ich dankbar, für ihre Worte – Simpatico und schlagende Herzen. [lacht] Wissen Sie, warum ich eingewilligt habe, mit Ihnen zu sprechen, Nelson?

Weil du beeindruckt warst, dass wir mit unserer TV-Show bei den Einschaltquoten auf Platz 47 stehen?

Eher nicht. Ich habe eingewilligt, weil Sie tatsächlich der einzige Journalist sind, der sowohl Undertow als auch Die Lossprechung des Brady Stevenson gelesen hat. Ich habe jeden Journalisten gefragt, der mich kontaktiert hat.

Oh. Tatsächlich?

Einschaltquoten oder Emmy Awards sind mir egal oder wie berühmt ein Journalist ist oder nicht.

Danke.

Ich wollte mit jemandem sprechen, der Fatima nicht wegen ihrer Kunst vorverurteilt und der begreift, was für ein unglaubliches Glück wir hatten, ihr zu begegnen. Sie verstehen das, oder?

Ja. Das tue ich wirklich. Deswegen möchte ich ja, dass du uns in diese Seite der Geschichte einweihst, die uns niemand anderes erzählt: Wer ist die echte Fatima Ro? Niemand kannte sie so gut wie ihr. Hier hast du dein Publikum, Miri.

[lächelt] Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich das zu schätzen weiß, Nelson. Ich wusste, dass ich den Richtigen gewählt habe. Oh, entschuldigen Sie. Wie unhöflich von mir. Ich hätte Ihnen etwas zu trinken anbieten sollen. Kann ich Ihnen irgendetwas bringen?

Nein danke.

Wasser? Eistee? Wir haben einen SodaStream.

Ich bin versorgt.

Wie Sie wollen.

Kannst du erzählen, wie ihr Fatima kennengelernt habt?

Ja. Sehen Sie, unser erstes Treffen mit ihr war im Voraus geplant. Auch wenn Soleil das nie zugeben würde, als wir zu ihrer Signierstunde in die Buchhandlung gegangen sind, hatten wir – ich übertreibe nicht – uns sehr genau zurechtgelegt, wie man an sie herankommen könnte. Sie sollte uns bemerken, das war unser Ziel. Deshalb kann und werde ich nie verstehen, warum die beiden sich über das neue Buch so aufregen. Mal ganz im Ernst, Soleil und Penny sind total undankbar, wenn man bedenkt, dass wir es von Anfang an darauf abgesehen hatten, sie kennenzulernen. Es ist echt traurig, wie verbittert Soleil und Penny geworden sind. Ich sollte mit ihnen Mitleid haben, ehrlich. Menschen, denen Loyalität nichts bedeutet, tun mir leid.

Sie haben aber einen Grund, sich aufzuregen. Fatimas neues Buch handelt von euch Freundinnen und Jonah, ohne dass sie euch darüber informiert hätte. Das Buch ist wenig schmeichelhaft. Bist du denn gar nicht wütend auf sie?

Wir haben uns mit Fatima angefreundet, WEIL sie eine Schriftstellerin ist. Man kann keinen Löwen umarmen und sich wundern, wenn der einen beißt.

Aber Jonah wurde aufgrund dessen, was Fatima geschrieben hat, auf dem Parkplatz der Schule bewusstlos geschlagen und liegt jetzt im Koma.

Das war nicht ihre Schuld.

Die Polizei hat eine Ausgabe des Romans Lossprechung am Tatort gefunden. Die Täter haben es auf Jonahs Brust gelegt, während er um sein Leben kämpfte.

Das Fernsehen und Moderator Mario Lopez lieben es, auf diesem Detail herumzureiten, stimmt doch, oder? Es ist krank, wie attraktive Frauen in den Medien dargestellt werden. Entweder Opfer oder Biest, das sorgt für die heißesten Schlagzeilen. [seufzt] Hohe Einschaltquoten sind kein Problem, wenn man das Verbrechen mit einer jungen, hübschen Autorin in Verbindung bringt, richtig? Denken Sie mal drüber nach. Was flimmert jedes Mal fett über den Bildschirm, wenn über diese Geschichte berichtet wird? Fatimas Gesicht.

Da hast du recht.

Jonah wird die Hälfte der Zeit überhaupt nicht gezeigt. Attraktive Autorin bringt Jugendliche dazu, ihr schmutzige Geheimnisse anzuvertrauen! Schüler deswegen im Koma! Schalten Sie um elf ein für die ganze Geschichte. Das ist ein billiger Köder. Nicht die Wahrheit.

Was ist denn die Wahrheit?

Es gibt keinen Schuldigen. Sie haben das Buch gelesen. Kunst richtet keinen Schaden an. Kunst hilft. [schüttelt den Kopf] Wissen Sie, wir haben uns stundenlang mit Fatima über schöpferische Freiheit und künstlerischen Ausdruck unterhalten. Soleil hat auf ihrem Handy und ihrem Laptop jedes Wort von Fatima mitgeschrieben und deshalb dachte ich, sie würde dazu stehen. Ganz im Ernst, es war unmöglich, Soleil vom Mitschreiben abzuhalten. Sie war richtig besessen davon. In ihren Notizen stand nichts anderes als »Fatima dies, Fatima das«. Sie können sie ja fragen.

Es gibt kein Interview mit Soleil. Sie hat mir abgesagt. Zu niedrige Einschaltquote. Penny hat erst eingewilligt, als ich ihr sagte, dass du dabei bist.

Hm. [schweigt] Dann sollten Sie zusehen, dass Sie an Soleils Tagebuch kommen. Das würde Aufschluss darüber geben, wie verzweifelt sie Fatimas Aufmerksamkeit gebraucht hat. Ganz im Ernst, besorgen Sie sich das Tagebuch und auch ihren E-Mail-Wechsel mit Fatima.

Ich habe ein Angebot gemacht, aber sie hat es bereits ans New York Magazine verkauft.

Sie machen Witze. [greift nach ihrem Handy]

Nein. Die werden eine Serie von Online-Artikeln bringen, die übrigens heute startet. Die Öffentlichkeit ist seit Jahren fasziniert von Geschichten über Gewalt an Highschools. Fatima hat das Interesse auf ein neues Niveau gehoben, egal, welchen Anteil sie daran hat.

[surft auf ihrem Handy] Ah. Ich hab’s, direkt neben einem Artikel über Jonah und Fatima Ro. Und natürlich, ein Foto von Fatima. Nette Schlagzeile, Soleil! [lacht] Was für eine Heuchlerin!

Wie meinst du das?

Soleil hasst Fatima, weil Fatima über sie geschrieben hat, aber sie veröffentlicht Tagebucheinträge über Fatima? Das passt ja wohl nicht wirklich zusammen.

Verstehe ich.

Die kann uns mal, oder? Wenn Soleil mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit geht, werde ich mich nicht zurückhalten.

Das solltest du auch nicht. Lass es nicht zu, dass sie die öffentliche Meinung diktiert. Sie sollte nicht das letzte Wort haben.

Verdammt noch mal, nein.

Also, lass uns reden. Erzähl weiter. Was ist bei der Signierstunde passiert?

[räuspert sich] Am Abend der Signierstunde haben wir uns mit Absicht ganz hinten angestellt. Der Plan war: Wenn wir die Letzten sind, dann können wir länger mit Fatima sprechen. Vielleicht könnten wir sie sogar hinausbegleiten; wir wollten Fotos machen und sie bitten, uns auf Instagram zu folgen.

Die Idee mit dem Hintenanstellen kam von Soleil. Sie war die Schriftstellerin, wie Sie ja wissen. Wie die gesamte freie Welt inzwischen weiß. Sie war diejenige, die sich in Fatimas Leben drängen wollte. Nein, das stimmt so nicht. Soleil wollte nicht nur in Fatimas Leben sein. Sie wollte selbst Fatima sein.

Wie gesagt, die Leute wollen immer am Anfang der Schlange stehen, aber für jedes Ziel gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Also. Um ehrlich zu sein, ich hatte total Schiss davor, mit ihr zu sprechen. Ich hatte mir diesen Moment so lange vorgestellt, es fühlte sich an wie eine einmalige Chance. Ich wollte mich nicht zum Idioten machen. Haben Sie je einen berühmten Menschen getroffen, den Sie vergöttern? Ist das nicht surreal? Wenn man diese Person, von der man so lange geträumt hat, plötzlich vor sich sieht? Ich meine, in Fleisch und Blut, und er atmet und er bewegt sich und er spricht und man kann die Hand ausstrecken und ihn berühren, wenn man will?

Ich habe mal Quentin Tarantino gesehen.

Na, dann wissen Sie ja, wie das ist.

Ja natürlich.

Nun, Fatima wirkte selbstsicher und sah unheimlich gut aus. Dass sie attraktiv ist, ist ja wohl klar. Aber wenn man sie trifft, ist es eher ihre Ausstrahlung als ihr Aussehen. Sie hat diese unglaubliche Selbstbeherrschung, dass man gar nicht anders kann, als sie einfach bloß … anstarren. Was noch dazukam, als wir so vor ihr standen, und was uns den Atem raubte: Man wusste, dass Undertow ihrem Kopf entsprungen war. Ich hab keine Ahnung, wie ich das beschreiben soll. Ich dachte die ganze Zeit, Mann, sie hat diesen Roman, den ich so liebe, aus dem Nichts geschaffen; sie hat ihn frei aus dem Kopf heraus geformt und gestaltet. Und sie ist so klein. Warum mich gerade das so überrascht hat, weiß ich nicht. Ich hab sie bloß angestaunt: Wie konnten all diese Wörter und Gedanken aus ihr herauskommen? Klinge ich wie eine Geistesgestörte? [lacht]

Kein bisschen. Ich konnte nicht fassen, wie groß Tarantino war.

Echt jetzt?

Eins achtzig, locker.

Sehen Sie? Es ist überwältigend, wenn man mit so jemandem in einem Raum ist.

Tarantino lief auf der Straße vorbei. Ich bin auf dem Weg zur U-Bahn an ihm vorbeigegangen.

Wahnsinn. Okay, Fatima machte mich total nervös; ich musste ständig zur Toilette. Eine Stunde lang warteten wir in dieser Schlange. Doch als wir dran waren, zog Soleil, die das Ganze ja organisiert hatte, mich am Arm und zischte mir zu, ich solle vorgehen, was ich auch gemacht habe. Irgendjemand musste ja reagieren. Ich hatte mein Exemplar von Undertow in der Hand; ich presste das Ding an mich wie eine Schmusedecke. [lacht] [hält inne] Entschuldigen Sie bitte. [putzt sich die Nase] Allergie. [räuspert sich] Ich presste das Buch also an mich und hab dann einfach mit ihr geredet.

Worüber habt ihr gesprochen?

Komischerweise kann ich mich kaum daran erinnern, was ich gesagt habe, aber ich habe alles behalten, was sie gesagt hat. Ich muss mich wohl vorgestellt haben und wahrscheinlich habe ich meine Lieblingszeile aus Undertow zitiert und ihr erklärt, warum sie mich berührt. Ich bin mir sicher, denn ich hatte geübt. Es ist mir nicht peinlich, das zuzugeben. Wir hatten alle auswendig gelernt, was wir sagen wollten. Wir hatten darüber noch im Auto gesprochen. Wenn die anderen das jetzt abstreiten, lügen sie. Fatima hat mich angesehen und gesagt: »Es freut mich sehr, dich kennenzulernen. Du strahlst eine unglaubliche Energie aus, Miri.« Das hat sie zu mir gesagt. Stellen Sie sich vor, Tarantino hätte zu Ihnen gesagt, Sie würden eine unglaubliche Energie ausstrahlen.

Das wäre ziemlich cool gewesen.

Genauso ging es mir mit Fatima. Und sie hat mich einfach so mit meinem Namen angesprochen, als wäre nichts dabei. Es war so aufwühlend. Aber seltsamerweise hatte sie gleichzeitig auch einen beruhigenden Effekt auf mich. Das war ihre Aura. [seufzt]

Dann habe ich ihr mein Buch zum Signieren gegeben und ihr Soleil und Penny und Jonah vorgestellt. Es war mein Glück, dass ich die Erste war. Ich glaube, Fatima und ich hatten eine besondere Beziehung, weil ich die Erste war. Sie dachte, ich wäre das Alphatier, verstehen Sie?

Erinnerst du dich noch an die Gespräche zwischen Fatima und deinen Freunden?

[lacht] Jonah war so komisch, denn er hatte Undertow ja nicht einmal gelesen, aber um sich in die Schlange einreihen zu dürfen, musste man das Buch kaufen, also kaufte er sich eins. Es gab nichts, was er zu Fatima hätte sagen können, also gab er irgendeinen Quatsch von sich, von wegen, dass Romanautoren heutzutage die wertvollsten Künstler seien. Er hat endlos über Technologie geredet – iPads im Vergleich zum Fernsehen im Vergleich zu Büchern –, keine Ahnung, was er da alles so von sich gegeben hat. [lacht] [seufzt] [verstummt]

Willst du noch etwas hinzufügen?

[schaut auf ihr Handy]

Miri?

Entschuldigen Sie. Ich mache mir bloß Sorgen um Jonah.

Irgendwelche Neuigkeiten?

Nein. [legt das Handy weg] Glauben Sie, dass sie die Typen, die ihn verprügelt haben, schnappen werden? Die sind doch sicher alle von seiner alten Schule. Sollte nicht schwer sein.

Sie sind dran.

Sollten sie auch. Und dann kann man endlich die wahren Schuldigen zur Verantwortung ziehen statt Fatima Ro.

Ja, das hoffe ich auch. Also, nachdem Fatima eure Bücher signiert hat …

Richtig. [trinkt aus einer Wasserflasche] Es war spät. Wir waren die Letzten im Buchladen. Die Angestellten haben Stühle hochgestapelt und im Laden brannte kein Licht mehr. Die Kasse war bereits geschlossen. Fatima hat ihre Taschen gepackt, und bevor wir wussten, wie uns geschah, hatten wir sie tatsächlich buchstäblich vor die Tür begleitet, genau so, wie wir es uns ausgemalt hatten. Es war unglaublich. Ich hätte es Schicksal genannt, aber Fatima glaubt nicht an Schicksal und ich inzwischen auch nicht mehr. Wir müssen unseren eigenen Weg finden.

Trifft das auch auf Jonah zu? Glaubst du, er liegt im Koma, weil er seinen eigenen Weg gefunden hat?

Vielleicht ja. Wahrscheinlich denken Sie jetzt, dass ich ein furchtbarer Mensch bin.

Überhaupt nicht.

Ich bin einfach nur ehrlich.

Das weiß ich zu schätzen.

Egal, Fatima fragte uns, auf welche Schule wir gingen. Als wir ihr die Graham Highschool an der Nordküste von Long Island nannten, war sie begeistert, denn sie war gerade erst in die Gegend gezogen – nach Old Westbury! Sind Sie auch von hier, von der North Shore?

Ja.

Dann wissen Sie, dass Old Westbury nur zwei Orte von der Graham entfernt ist. Das sind zehn Minuten von mir, fünf Minuten von Penny und Soleil. Wieso wussten wir nichts davon, dass sie hergezogen war? Wir waren Nachbarn. [schüttelt den Kopf] Unfassbar. Wir unterhielten uns ein bisschen über unsere Schule und die Läden in der Americana-Shoppingmall. Und dann, stellen Sie sich mal vor – so etwas hätte ich mir nicht im Traum ausdenken können –, hat Fatima gesagt [räuspert sich]: »Wenn ihr Donnerstagabend noch nichts vorhabt, kommt doch beim Witches Brew Café vorbei. Um acht diskutieren wir dort über Undertow.«

Wahnsinn.

Das hat uns total umgehauen. Ich hätte direkt dort auf dem Bürgersteig sterben können. Meine Undertow-Schmusedecke fest im Arm.

NEW YORK CITY MAGAZINE

VIERTEILIGE SERIE

Schräger als Fiktion:

Die wahre Geschichte um den umstrittenen Roman
Die Lossprechung des Brady Stevenson

SOLEIL JOHNSTONS STORY, TEIL I

Tagebucheintrag
22. September 2016
Witches Brew, Hempstead, Long Island

Oh. Mein. Gott. Fatima konnte sich an uns erinnern, als wir hereinkamen!!! Sie winkte und sagte: »Hallo, ihr Leserinnen von der Graham Highschool. Schön, dass ihr es geschafft habt herzukommen.« Ich winkte ihr mit meiner Undertow-Ausgabe zu. Wieso? Weil ich offiziell die größte Idiotin des Universums bin!

Das Café hier ist total cool. Ich liebe diesen Vintage/Indi-Möbelstil. Ich versuchte, so zu tun, als wäre ich schon Millionen Mal hier gewesen. Ich schwöre, ab sofort werde ich zur Stammkundin. Das ist es. Unser neuer Treffpunkt: Witches Brew. So was wie unser »Central Perk«. (Ich weiß – ich muss aufhören, mir Friends-Wiederholungen im Fernsehen anzuschauen. Was hab ich bloß mit meinem Leben gemacht?)

Ich werde immer das Gleiche bestellen und der Kellner wird meinen Namen kennen. Ich werde einen Lieblingsplatz haben: Diesen hier, ganz hinten im Café im Wintergarten, an dieser Stelle an der Wand, an diesem kleinen runden Tisch mit den Mosaikfliesen im Sonnenstrahlendesign.

Perfektes Publikum: Zwölf weitere Besucher – einige in unserem Alter, andere älter. Sehr intim, als würde man Ed Sheeran im Artists Den spielen sehen. (Mist! Kurze mentale Notiz: Muss mir das Konzertvideo wieder anschauen. Du hast mir gefehlt, Ed, Lieblingsrotschopf.) Hier im Witches Brew sind wir die echtesten der echten Fatima-Ro-Fans. Und wir vier wurden von ihr – Trommelwirbel – eingeladen!

Fatima: weiße Leinentunika mit Jeans-Minirock, locker geschnürte Tretorn-Turnschuhe ohne Socken. Smokey Eyes. Blasse Wangen. Ungeschminkte Lippen. Zerzauste Frisur.

Wieso kann ich nicht so toll aussehen, nur halb geschminkt und mit ungekämmten Haaren? Bei mir würde das wirken wie aus der Klapse entflohen.

Fatima bestellt sich grünen Tee. Ich hab gehört, dass er magische Eigenschaften haben soll.

Notiz: Grünen Tee angewöhnen.

Fatima begrüßt das Publikum, bedankt sich, dass wir gekommen sind. Sie sagt, was für ein süßes Café das ist. Sie ist auch noch nie hier gewesen. Hey, vielleicht wird sie ja zur Stammkundin und ich auch und wir treffen uns hier ab und zu. Dann begrüßen wir uns mit »Hey, wie geht’s«. Wie cool wäre das denn?

Jonah (wie unhöflich) spielt mit seinem Handy. Ich pikse ihn mit meinem Regenschirm an.

Undertow-Buchgespräch ab HIER:

Erster Entwurf binnen sechs Monaten in fiebrigem Tempo geschrieben, nachdem ihre Mutter gestorben war, sehr wenig Schlaf, sehr wenig gegessen, kaum mit jemandem gesprochen, außer übers Festnetz praktisch nicht zu erreichen. Was sie betraf, existierte das Internet nicht mal. Familie und Freunde dachten, sie wäre in Trauer, was natürlich stimmte, aber sie »trauerte nicht im Stillen« sondern »trauerte mit Verbissenheit«.

»Trauerte mit Verbissenheit.«

Ihre Mutter war ihr ruhender Pol. Sie verkörperte gesunden Menschenverstand und harte Arbeit, war fest verankert in der Realität. Ohne sie fühlte sich Fatima von der Erde losgelöst, als wäre sie plötzlich in eine Spirale geraten. Als Kind war Fatima sehr fantasievoll, hat sich zu leicht ablenken lassen, war rastlos. Aber sie hatte nie ein Problem damit, so zu sein, wie sie war, denn ihre Mutter hatte dafür gesorgt, dass sie immer mit einem Zeh auf dem Teppich blieb. Als ihre Mutter starb, war Undertow ein verzweifelter Versuch, an der Liebe ihrer Mutter festzuhalten, damit sie ihr nicht für immer entglitt.

Noch bevor sie überhaupt angefangen hatte zu schreiben, existierte der Titel, Undertow. Sie fühlte sich wie in einem Sog.

SOG: Das Gefühl, das unter der Oberfläche existiert

SOG: Brandungsrückstrom, Unterwasserströmung, entgegengesetzte Kraft

Das Schreiben von Undertow war für sie das Schwierigste, was sie je durchgemacht hat, denn es war ihr Weg, die Trauer zu verarbeiten. Indem sie die Figur der »Lara« erfand, war es ihr möglich, im Verlust unterzugehen, Verlust auf tiefster Ebene zu empfinden. Sie weiß nicht, wie sie ohne diesen Ort hätte trauern sollen.

ORT = die psychische Verfassung, in der sie »Lara« war und Undertow geschrieben hat

Die Überarbeitung war für sie im Wesentlichen wie das Schwimmen zurück an die Oberfläche – eine Zeitspanne, in der sie kämpfen musste, um in die Welt zurückkehren zu können – geistig wie körperlich.

[Fatima beobachtet mich beim Mitschreiben. Jetzt bin ich verunsichert. Meine Finger, meine Schultern sind mir unangenehm bewusst, meine Stirn, die ich runzele wie ein schlechter Schauspieler, der vorgibt, sich Notizen über das Buch zu machen, während Fatima ihm dabei zusieht.]

Der Verlust ihrer Mutter im Alter von zwanzig hatte einen Effekt auf sie, er kennzeichnete den unabwendbaren Wandel vom Kindsein zum Erwachsensein. Als Kind war sie sorglos, doch als ihre Mutter starb, fühlte sie sich plötzlich alt. Fatima entwarf Lara als Siebzehnjährige, denn so alt war sie selbst gewesen, als ihre Mutter krank geworden war, und genauso alt fühlte sie sich auch noch, als ihre Mutter starb.

Die Überarbeitung ihres Manuskripts war auf andere Weise qualvoll – es bedeutete, dass sie sich immer wieder mit ihrem Verlust auseinandersetzen musste. Beim Kürzen des Manuskripts (von 120.000 auf 80.000 Wörter) kam ihr neues Ich zum Vorschein, und immer, wenn sie den Text noch einmal las, erlebte sie ihre eigene Trauer aus einer anderen Perspektive. Aber manchmal kämpfte sie so heftig gegen die Veränderung, dass sie die Überarbeitung für einen längeren Zeitraum weglegen musste, weil es zu sehr schmerzte – für Wochen und während ein oder zwei Krisen sogar für Monate.

Am Ende hatte sie es: das fertige Manuskript. Sie hatte es ausgedruckt und war erstaunt über das Gewicht, buchstäblich, das Gewicht der Seiten. Sie überlegte immer wieder, wie schwer es wohl sein könnte, wie viele Kilogramm es wiegen könnte; sie schätzte es in Kilogramm, verglich es mit anderen Objekten im Haus:

Die Seiten sind schwerer als diese Packung Taschentücher. Die Seiten sind leichter als dieser Stiefel.

< eine Packung Milch

> Bilderrahmen

> eine Flasche Shampoo

< die Bibel

Immer wieder und wieder, egal, wohin sie ging, dachte sie über das Gewicht des Manuskripts nach, weil es für sie unfassbar war, dass ihre Trauer ein echtes, ein physikalisches Gewicht bekommen hatte. Trauer konnte in Kilogramm gewogen werden.

»Trauer konnte IN KILOGRAMM GEWOGEN WERDEN!«

Sie war besessen von dem Gedanken herauszufinden, wie schwer genau.

[Höre ich das wirklich alles in diesem Moment? Wieso wird das nicht für nachfolgende Generationen gefilmt und dokumentiert? Selbst Jonah hört zu und balanciert dabei einen Löffel auf zwei Fingerspitzen. Ich glaube, er wiegt ihn.]

Fatima hatte zu Hause keine Waage. Aber irgendwann hatte sie einen Termin beim Frauenarzt und nahm die Seiten mit in die Praxis, und als sie auf die Ärztin wartete, nahm sie das Manuskript aus ihrer Tasche und legte es auf die Waage. Es wog 1,7 kg.

1,7 kg.

[Fatima lässt den Gedanken nachklingen. Wir alle lassen ihn nachklingen.]

[Was wiegt Jonah da?]

Nachdem sie das Gewicht ihrer Trauer kannte, kam Fatima die Idee, dass sich Trauer erfassen ließ. Man konnte sie von Ballast befreien und so lange überarbeiten, bis sie Sinn ergab, sie konnte erfasst werden.

[Fatima schaut mich wieder an. Möchte sie, dass ich aufhöre zu tippen? Ist das hier zu persönlich und sollte ich lieber nicht mitschreiben? Aber warum redet sie dann darüber vor lauter Fremden?]

[Für ein paar Minuten habe ich aufgehört mitzuschreiben. Sie hat aufgehört, mich anzuschauen. Jetzt schreibe ich wieder mit.]

Sie stand also im Untersuchungszimmer und war plötzlich richtig stolz auf ihr Manuskript. Zum ersten Mal betrachtete sie es als einen Roman – etwas, das unabhängig von ihr war –, denn es war jetzt raus aus Körper und Kopf und in diesem 1,7 kg schweren Paket erfasst. Sie hatte sich Undertow bis zu diesem Moment noch nicht als Buch vorstellen können. An den meisten Tagen war es ein Monster gewesen, mit dem sie gekämpft hatte. An anderen Tagen war es ihr wie ein verwundetes Tier vorgekommen, das sie versucht hatte, gesund zu pflegen. Aber dort im Untersuchungszimmer ihrer Frauenärztin war daraus ganz plötzlich ein Buch geworden. Sie war zu erstem Mal stolz auf dieses Ding. Aber hier lag die Ironie, wen wollte sie anrufen und davon erzählen?

Ihre Mutter.

[Mir bricht das Herz, mir bricht das Herz. Es ist gebrochen. Ich bin zerbrochen. Ich sitze im Witches Brew und bin in lauter winzige Mosaikteilchen zerbrochen. Ich hätte nie gedacht, dass ich Undertow noch mehr lieben könnte als ohnehin schon.]

Ich. Hatte. Mich. Geirrt.

Später … 22 Uhr 43. Zu Hause

Unsere Taktik hat wieder funktioniert. Wir ließen uns beim Aufbruch Zeit. Der Typ-mit-der-roten-Baseballkappe ließ sich genauso viel Zeit, aber dann bedankte er sich bloß bei Fatima für die Diskussionsrunde, bat sie, sein Buch zu signieren, und zog fröhlich von dannen. Ich erklärte Fatima, dass ich durch sie Undertow in einem neuen Licht sehen würde und dass sehr viel mehr dahintersteckte, als ich gedacht hätte. Aber dann überrumpelte sie mich, knallte mir sozusagen einen Ziegelstein gegen den Kopf. Sie sagte, sie hätte gesehen, wie ich mir während ihres Vortrags ausführlich Notizen gemacht hätte, und bat mich, SIE LESEN ZU DÜRFEN!

Absolute, totale Panik! Ich hatte sie zitiert. Ich hatte aufgeschrieben, wie sie mich angestarrt hatte. Ich hatte meine eigene Interpretation über den schwierigsten Abschnitt ihres Lebens geliefert. Ich hatte Kommentare zu ihrem Make-up gemacht. Ich hatte über ihren Besuch beim Frauenarzt geschrieben! Wie konnte ich nur all das aufschreiben? Was hatte ich mir dabei gedacht? Wie konnte ich überhaupt denken, dass es in Ordnung wäre, so etwas zu notieren? Was hatte ich noch geschrieben? Ich konnte mich nicht erinnern.

Ich fragte Fatima, ob ich die Notizen erst ins Reine bringen dürfe; sie seien heillos durcheinander. Wenn ich sie sortiert hätte, könnte ich sie ihr später per E-Mail schicken. Aber schon als die Worte aus meinem Mund kamen, war mir klar, dass sie ablehnen würde. Warum sollte sie auf meine Notizen warten wollen? Und warum sollte sie mir jemals ihre E-Mail-Adresse geben?

»Ich würde sie aber gerne sofort sehen«, sagte sie. »Ich bin gespannt, was dich am meisten fasziniert hat, du warst so tief versunken da drüben; hast alles mitgeschrieben. Bist du selbst Autorin?«

»Nicht ansatzweise. Aber vielleicht würde ich es gern werden«, sagte ich.

»Dann möchte ich sie erst recht lesen, weil es aus der Sicht einer zukünftigen Schriftstellerin geschrieben ist.«

Mir blieb nichts anderes übrig, als sie ihr zu zeigen. Ich fühlte mich, als hätte sie mich beim Schummeln erwischt und sei im Begriff, vor meinen Augen meine Antworten zu überprüfen. Miri und Penny machten einen auf Na los. Zeig sie ihr. Was ist schon so groß dabei? Und außerdem hatte mich Fatima eine zukünftige Autorin genannt. Ich setzte mich also wieder hin, klappte meinen Laptop auf und zeigte sie ihr.

Ich dachte die ganze Zeit: Mann, Fatima Ro sitzt neben mir. Fatima Ro liest meine Notizen. Sie berührt meine Tastatur. Sie hat mein idiotisches Hintergrundbild gesehen aus dem Film The Bling Ring. Ich schwör’s, ich mag das Bild nur als Foto – damit meine ich seine Komposition, die Farbe, der Einsatz von negativem und positivem Raum – und nicht, weil es aus dem Film stammt. Okay, mir gefiel der Film auf eine So-schlechtdass-es-schon-wieder-gut-ist-Weise. Aber das heißt nicht, dass ich ein Fan bin. Das alles hätte ich Fatima gerne erklärt, aber ich war zu fertig.

»Danke.« Das war alles, was Fatima sagte.

Danke? Wollte sie, dass ich vor Peinlichkeit starb?

»Gern geschehen.«

Sie stand auf und starrte mich an.

Ich klappte meinen Laptop zu. Verdammter Bling Ring.

Doch dann überraschte sie mich wieder. »Was habt ihr jetzt vor?«

Die einzig akzeptable Antwort war natürlich: »Absolut nichts.« »Gut«, sagte sie. »Das neue Buch, das ich gerade plane, spielt in einer Privatschule. Seit meinem Schulabschluss bin ich in keiner mehr gewesen. Ich würde mir liebend gern die Graham anschauen. Bringt ihr mich hin?«

WAAAAS?

ImagePENNY

Kannst du mir etwas von dem Abend erzählen, als du Fatima mit zur Graham genommen hast, mit Miri und Soleil?

Oh, oh. [lacht] Oh Gott. An dem Abend hab ich meine Schnürballerinas ruiniert. Damals trug die noch kein Mensch! Ich wollte sie zu meinem neuen Look machen, also anstelle von Turnschuhen oder Flip-Flops. Ein Versuch, meinen Stil aufzupeppen. Außerdem war ich davon ausgegangen, dass wir in einem Café sitzen und nicht nachts um zehn auf dem Schulhof herumrennen. Und natürlich hatte es an dem Morgen ein bisschen geregnet und es war – typisch für mein Glück – matschig. [seufzt] Es war die Sache aber wert, wegen Fatima. [hält inne] Oder das hab ich damals jedenfalls gedacht.

Jetzt findest du nicht mehr, dass es die Sache wert war?

Ein Freund von mir liegt im Krankenhaus, also nein, sie war es nicht wert.

Es tut mir sehr leid wegen Jonah.

[schaut auf ihr Handy] Wissen Sie, ich checke ständig meine Nachrichten, ob es irgendetwas Neues gibt. Ich habe Angst, dass ihm was Schlimmes passiert und ich es verpasse, sobald ich aufhöre, an ihn zu denken.

Falls irgendetwas passiert, bin ich mir sicher, dass man dich anrufen wird. Da schreibt man keine Nachricht.

[legt ihr Handy weg] Haben Sie schon mit Miri gesprochen?

Ja.

Interessiert es sie überhaupt, wie es Jonah geht?

Sie ist extrem besorgt.

Das bezweifele ich.

Warum?

Weil ihr außer Fatima Ro alle egal sind. Sie will nur, dass es Jonah wieder besser geht, damit Fatima Ro aus der Verantwortung entlassen wird.

Das ist eine ziemlich gewagte Behauptung.

[zuckt mit den Schultern]

So nahe standen sich Miri und Fatima Ro?

Machen Sie Witze? Sie war, na ja, so was wie Fatimas Klon.

Wie war das mit dem Rest von euch? Erzähl mir mehr von dem Abend.

[holt tief Luft] Okay, also, das Tor zum Schulhof stand offen; wir sind einfach reingegangen. Es war aufregend, wie bei einem Einbruch, bloß dass wir nichts stehlen wollten. Außerhalb der Schulzeiten bin ich noch nie auf dem Schulgelände gewesen. Und ich war auch noch nie mit einer Berühmtheit unterwegs. Okay, Soleils großer Cousin war mal im Fernsehen, in My Super Sweet 16. Aber das ist nicht Fatimas Art von Berühmtheit. Egal, wir haben uns über den Schulhof geschlichen und Soleil und Jonah haben dabei den Mission Impossible-Titelsong gesummt. [lacht] Wir fühlten uns wie im Rausch, verstehen Sie? Es war Fatima Ro!

Erzähl weiter.

An jenem Abend waren die Sterne einfach wow! Sie leuchteten total hell. Ich werde das nie vergessen. Wir konnten sehen, wie unterschiedlich weit sie von der Erde entfernt waren. Wie damals, als ich in der Grundschule im Planetarium war, nur in echt. Fatima kletterte auf einen der Pausentische, legte sich mittendrauf und sagte: »Das müsst ihr auch machen! Na los! Sucht euch einen Tisch aus.« Wir haben uns also alle einen Tisch ausgesucht und uns auf den Rücken gelegt. Das hat mich auch ans Planetarium erinnert. Waren Sie schon mal dort?

Nein.

Die Sessel lassen sich ganz zurückklappen.

Oh.

Ich hab unseren Stammtisch genommen, an dem wir bei schönem Wetter zu Mittag essen. Es war total abgefahren, sich da abends so hinzulegen und noch dazu mit ihr. Ich meine, wir hatten das ganze Schuljahr genau an diesem Tisch gesessen und uns fast täglich über Fatima Ro unterhalten, und dann war sie ganz plötzlich mit uns hier, lag auf dem Tisch und starrte in den Himmel. [schweigt] Irgendwie war das ein verrückt-perfekter Moment. Oh. Außer meinen Schuhen. [lacht] Hatte ich erwähnt, dass es Stuart Weitzman-Schuhe waren?

Nein.

Ja … [seufzt] Und dann hat uns Fatima eine unfassbar lustige Geschichte erzählt. Ein paar Monate, nachdem ihr Buch herausgekommen war, stand sie auf dem Bahnhof und über die Lautsprecher wurde ein Song von irgendeinem alten Kauz gespielt – Conway Twitty, sagte sie. Eine alte Dame tippte Fatima auf die Schulter und flüsterte ihr zu, dass sie sich mit sechzehn beim Strandurlaub in einen Jungen verliebt hätte und dass sie jeden Abend, während ihre Eltern an der Strandpromenade tanzen waren, im Umkleidehäuschen Sex gehabt hätten und dass sie selbst nach all den Jahren immer noch jedes Mal einen Orgasmus hätte, wenn sie »It’s Only Make Believe« hören würde. [lacht]

[lacht] Das ist eine tolle Geschichte.

Wir haben uns totgelacht. Ich meine, wer erzählt denn so was? Und wie schräg ist es, dass wir das von Fatima Ro zu hören bekommen? Hey, wir haben Fatima Orgasmus sagen hören.

[lacht] Echt lustig.

[nickt] Oh ja. Doch diese Geschichte hat Fatimas Leben verändert, denn daraufhin hat sie ihre Theorie der zwischenmenschlichen Beziehungen entwickelt.

Zwischenmenschliche Beziehungen?

Die Idee dahinter ist, dass man sich, na ja, aufgeschlossen begegnen soll und dem anderen sein ungeschminktes Ich mitsamt seinen kostbaren Wahrheiten offenbaren soll.

Was sind kostbare Wahrheiten?

Äh … so etwas wie die Umkleidehäuschen-Geschichte der alten Dame. Die Frau war doch eine total Fremde, oder? Aber in nur wenigen Sekunden kannte Fatima sie besser als manch langjährige Freunde. Also, Fatima ist der Ansicht, dass man buchstäblich Kriege beenden kann, wenn Menschen sich in die Augen sehen und ihre innersten Gefühle teilen. Sie glaubt, dass man damit Grenzen sprengen und sogar Menschen dazu bringen kann, sich zu verlieben.

Hm.

Ich weiß, es klingt total verrückt, aber das war es nicht. Es war Fatima Ro und wir betrachteten die Sterne und alles machte total Sinn, mehr als je zuvor. Sie sprach darüber, wie man jemanden jahrelang kennen kann, ohne ihn je richtig gekannt zu haben.

Das stimmt.

Sehen Sie? Fatima meint, dass das sowohl für Nachbarn als auch für Mitschüler gilt, neben denen man im Unterricht nur aufgrund der alphabetischen Reihenfolge sitzt, und selbst für die eigene Familie. Ich habe angefangen, über Soleil und Miri und mich nachzudenken. Ich meine, wir haben die heißesten Partys auf Long Island geschmissen, wir sind ins Natsumi essen gegangen, zu Ed-Sheeran-Konzerten, wir haben uns über Undertow unterhalten, aber ich hatte irgendwie nie das Gefühl, dass ich dazugehören würde, nicht richtig. Ich wusste, was meine Freundinnen über mich dachten.

Wie meinst du das?

Sie hielten mich für dumm, dachten, ich hätte nur Mode und Jungs und Pretty Little Liars im Kopf. Weil sie ihre Bücher lasen und ihre Leistungskurse hatten und den College-Vorbereitungskurs in Psychologie belegten – was ein total angesagter Kurs ist, weil nur wenige Elftklässler aufgenommen werden –, machten sie einen auf tiefsinnig und intellektuell. Das nervte mich, sehr sogar, weil ich genau wie sie meine Meinung hatte, meine Ziele und so.

Klingt frustrierend.

[nickt] Aber während ich Fatima zuhörte und in den Himmel schaute, wurde mir etwas klar, und zwar etwas von großer Bedeutung.

Was wurde dir klar?

Es war meine Schuld, dass sie mich für dumm hielten. Echt, woher sollten sie wissen, was ich dachte, wenn ich es nicht erzählte? Ich war nicht offen auf die Art, von der Fatima gesprochen hatte. Ich kehrte mein Innerstes nicht nach außen oder bot kostbare Wahrheiten an. Was hatte ich denn schon gemacht, außer unsere Party-Outfits auszusuchen und die fünfzig Dollar Eintritt an der Haustür zu kassieren?

Fünfzig Dollar? Wow!

Na ja, das waren schon superexklusive Partys. Sie würden doch auch nicht jeden in ihr Haus lassen, oder?

Nein, aber trotzdem. Ich hatte eher an so was wie fünf Dollar gedacht.

Wissen Sie, wie viel es kostet, Blackjack-Tische zu mieten?

Nein.

Eine ganze Menge.

Offensichtlich.

[seufzt] Dieser Abend an der Schule war der Stoff, aus dem das Leben ist. Es war der beste Abend seit, egal, der beste Abend aller Zeiten. Tausendmal besser als der Casinoabend. Aber ich, ich habe mich über meine Schuhe beschwert. Natürlich habe ich mich drüber geärgert, aber auch ich hatte Erkenntnisse und so. Ich hätte darüber sprechen können, aber ich hab’s nicht getan.

Warum hast du’s nicht getan?

Ich wollte ja. Aber dann passierte noch etwas Besseres.

Noch besser?

Jonah fing an, diesen alten Coldplay-Song zu singen, wissen Sie, den über die Sterne? Das war schön. Er war glücklich. [verstummt]

War Jonah normalerweise nicht glücklich?

Äh, ähm … Ich möchte lieber nicht über ihn reden.

Ist schon okay. Du hast das Thema eben gerade angeschnitten.

Ich meinte bloß, dass wir alle glücklich waren.

Klar. Und was ist sonst passiert?

Wir teilten das Universum miteinander. Das hatten wir gemeinsam.

Hm.

Es war nicht schräg.

Ich hab nicht behauptet, dass das schräg ist.

Fatima sagte, dass zwischenmenschliche Beziehungen nicht zwangsläufig durch kostbare Wahrheiten entstehen müssen. Sie können sich auch entwickeln, wenn man eine kostbare Erfahrung miteinander teilt, und genau das taten wir – wir zusammen im Universum, unter den Sternen.

Verstehe.

Sie hatte mit uns Undertow geteilt und wir teilten die Sterne mit ihr.

Klingt gut.

Die meisten Schüler fangen an der Graham in der neunten Klasse an, o. k.? Aber Soleil und Miri und ich, wir gingen schon seit der siebten Klasse dorthin. Mir hing sie irgendwie zum Hals heraus. Mir graute davor, dass das elfte Schuljahr genau wie alle anderen werden würde. Ich finde die Graham nicht so toll wie Miri und Soleil. Ich bin nirgends Anführerin oder so wie sie. Die Schule fällt mir nicht so leicht. Aber in jener Nacht auf dem Schulhof wusste ich, dass dieses Jahr besser werden würde; den Himmel mit Fatima Ro zu teilen – das war der Anfang, denn nun konnte ich etwas mit meinen Freunden unternehmen, was nichts mit Shopping oder Snapchat zu tun hatte, verstehen Sie? Ich fühlte mich irgendwie … wichtig.

Das ist toll.

Ja. Und dann, Sie werden nicht glauben, was Fatima als Nächstes sagte. Sie sagte, dass uns eine so positive Energie umgeben würde und dass sie nach Long Island gezogen wäre, weil sie ihr Leben für neue Freundschaften und neue Blickwinkel öffnen wollte. Sie setzte sich auf, drehte sich um und schaute uns an und sagte: »Ich möchte, dass ihr meine Clique seid.«

Wow.

Ganz im Ernst. [schüttelt den Kopf] Fatima wollte, dass wir ihre Freunde sind.

Das bedeutete euch echt was, oder?

Das bedeutete alles.

Die Lossprechung des Brady Stevenson

Von Fatima Ro
(Auszug)

Als Brady Stevenson aus seinem Elternhaus auszog, packte er die Cola-Gläser ein, ließ aber seine Ringkampf-Pokale zurück. Die Trophäen blieben fast für ein ganzes Jahr dort, wo sie gerade lagen – in Bradys Kleiderschrank, zwischen heruntergefallenen Kleiderbügeln, Socken und einer ungeöffneten Packung Unterhosen, die zu klein waren, ein Geschenk seiner Oma, die ihn stets für zwei Jahre jünger hielt. Am Tag des Umzugs, als Brady die Kartons in den Kleinlaster hievte, wünschte er sich genau das – zwei Jahre jünger zu sein. Er würde alles noch einmal durchleben – den Alltag wie auch die üblen Sachen; er würde sich den Dreck unter den Fingernägeln hervorkratzen, denselben Unterrichtsstoff über Poe und geologische Erdschichten und göttliches Recht auf Herrschaft über sich ergehen lassen und er wäre sogar bereit, seinen Sandkastenfreund erneut an Leukämie zu verlieren. Er wäre bereit, alles noch einmal zu erleben, damit er diesen einen Abend un-gelebt machen könnte, den Abend, der dazu geführt hatte, dass er nun einen Kleinlastwagen mit fast all seinen Habseligkeiten belud. Allerdings wusste Brady, dass er sich vor unmöglichen Wünschen hüten sollte, das brachte ihn nur wieder zu dem Grund, warum er überhaupt noch einmal von vorne anfangen wollte. Noch während er die Türen des Kleinlasters zuwarf, schwor er sich jegliche Erinnerungen ab. Doch dieser Schwur hielt nur bis zur ersten Kreuzung auf dem Yardly Drive, als er im Außenspiegel einen kurzen Blick auf sein eigenes Spiegelbild erhaschte.

ImageMIRI

Kannst du dich noch an den Moment erinnern, als du zum ersten Mal von Fatimas neuem Buch gehört hast?

Ob ich mich noch daran erinnern kann? Soleils Stimme, als sie ins Handy brüllte, hallt immer noch in meinem Kopf.

Sie hat dich angerufen?

Ja. Sie war die Sommerferien über in Kalifornien, zusammen mit ihren Cousinen. Ich wusste sofort, dass es etwas Ernstes war, wenn sie mir nicht nur eine Nachricht schickte; es war ein Anruf, und zwar aus fünftausend Kilometern Entfernung.

Sie ruft mich also an. Ich bin gerade auf dem Parkplatz vor dem Partyhimmel, wo ich die Deko für die Babyparty meiner Tante besorgen musste. Ich hebe ab. Soleil sitzt mit ihren Cousinen im Auto, sie sind auf dem Pacific Coast Highway unterwegs und sie brüllt aus vollem Hals. Ich schwör’s, mir wäre beinahe das Trommelfell geplatzt. Sie so: »Oh mein Gott! Oh mein Gott! Sie ist mir in den Rücken gefallen! Sie hat mich verraten!

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