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All of You

Zu diesem Buch

Für 250 000 Dollar hat Willow Blackwell eine Beziehung mit dem CEO Shaw Mercer vorgetäuscht. Doch von der ersten Begegnung an war nichts zwischen ihnen rein geschäftlich. Jeder Blick und jeder Kuss ließen die Flammen der Leidenschaft heißer lodern, bis Willow und Shaw alle Regeln gebrochen haben, die sie je aufgestellt hatten, und aus dem Spiel etwas Echtes wurde. Sie haben nicht länger nur das glückliche Paar gemimt, sondern sich verliebt – ihre Gefühle sind tief und stark. Doch dann stößt Shaw auf ein schreckliches Geheimnis und muss feststellen, dass die Schicksalsschläge in der Vergangenheit ihrer Familien viel enger miteinander verwoben sind, als sie das je für möglich gehalten hätten. Aus Angst, Willow zu verlieren, macht er den Fehler, ihr seine Entdeckung zu verheimlichen. Aber Willow erfährt die Wahrheit und ist tief verletzt. Sie weiß nicht, ob sie Shaw noch länger vertrauen kann – und jetzt steht nicht nur ihr Ruf, sondern auch ihre Liebe und Zukunft auf dem Spiel …

Gefunden.

Manchmal findet man sich mitten im Nirgendwo wieder, und manchmal findet man mitten im Nirgendwo sich selbst.

~ Unbekannt

Anmerkung der Autorin

Dies ist KEIN eigenständiger Roman. Wenn ihr »All of Me« noch nicht gelesen habt, klappt dieses Buch sofort zu und lest zuerst das andere. »All of You« ist der Abschluss des »Finding-me«-Zweiteilers, der in der richtigen Reihenfolge gelesen werden muss, damit man die gesamte Geschichte verstehen und genießen kann. Habt ihr »All of Me« schon gelesen, schlage ich vor, dass ihr euch anschnallt und mit Papiertaschentüchern ausstattet. Es wird eine holprige Fahrt!

Prolog

Ein Tag, bevor ich Willow Blackwell kennenlernte

Shaw

Egal was die weibliche Bevölkerung denkt: Nur weil ein Mann sich entscheidet, Single zu bleiben, heißt das nicht, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Nehmt mich als Beispiel.

Mit mir ist alles in Ordnung.

Ich habe keinen Schaden.

Ich bin kein Soziopath, kein Narzisst und kein Einsiedler.

Ich habe weder eine schwarze Seele noch ein gebrochenes Herz.

Das Leben hat mich nicht so sehr gebeutelt, dass ich mir einbilde, keinen hinlänglich guten Partner abzugeben.

Ich habe keine traumatische Beziehung gehabt oder eine Frau getroffen, die mich für alle anderen »verdorben« hätte. Ich trauere nicht der Richtigen nach, die mir durch die Lappen gegangen ist.

Ich bin ein ganz normaler, bodenständiger Typ, der die bewusste Wahl getroffen hat, sich nicht ein Leben lang an eine Frau zu binden.

Seit mich mit vier Jahren der Duft des Erfolgs verführt hat, wusste ich, dass eine eigene Familie mein Leben nur beeinträchtigen würde, statt es aufzuwerten.

Ich will nicht wie ein Arschloch klingen, doch warum soll man sich für ein einziges Hauptgericht entscheiden, wenn einem das ganze Büfett zur Verfügung steht?

Ich arbeite hart. Ich amüsiere mich härter. Und mir gefällt das kleine Arrangement, das ich mit Noah habe. Es funktioniert gut, und ihr wisst ja, was nicht kaputt ist, soll man nicht reparieren.

Nein, ich bin glücklich, so wie ich bin.

Frei und ungebunden.

Ein selbst ernannter Junggeselle auf Lebenszeit.

Mein Leben ist perfekt, so wie es ist, und ich werde nie eine Frau kennenlernen, die das ändern könnte.

1. KAPITEL

Gegenwart

Shaw

Mir zittern die Hände. Mein Magen rebelliert. Pure Angst lässt Säure meine Magenschleimhaut verätzen. Die Säure kommt mir immer wieder hoch, und ich schlucke sie wieder hinunter.

Ich bemühe mich, nicht überzureagieren. Ich will Annabelle einen Vertrauensvorschuss gewähren, aber … sollte ich das? Sie ist nicht gerade Schneewittchen, und noch vor vier Jahren hätte sie nicht weiter vom Status einer Märchenprinzessin entfernt sein können.

Ihre Drogensucht hatte sie geschwächt, sie verändert, sie uns fast genommen. Hätte ich sie damals nicht gerettet, hätte sie nicht selbst gemerkt, dass sie den Tiefpunkt erreicht hatte, wäre sie schon lange verloren. Würde in einem Crackhaus vor sich hin vegetieren oder auf dem Friedhof neben meinem jüngeren Bruder ruhen, der zwei Tage nach seiner Geburt verstarb.

Ich wiederhole immer wieder die Worte des Arschlochs, das scharf auf meine Frau ist, und wünschte, es seien andere. Ich bete, dass sie nicht wahr sind.

»Bin ich im Spiel, Shaw?«, höhnt er. »Sie haben Ihre Schwester in jener Nacht vom Polizeirevier abgeholt. Haben es auf wundersame Weise geschafft, dass die Anklage wegen Kokainbesitzes fallen gelassen wurde. War sie nicht nass bis auf die Knochen? Vollkommen außer sich? Welchen Schwachsinn hat Ihnen Ihre drogenabhängige Schwester aufgetischt, den Sie ihr mit der Gutgläubigkeit eines Fünfjährigen abgekauft haben?«

Rechts von mir hupt es laut. Erschrocken reiße ich das Steuer nach links, weil ich auf die rechte Spur geraten bin.

»Pass doch auf, du Arsch«, schreit eine Frau mit drei Kindern auf dem Rücksitz aus ihrem Autofenster, das sie extra heruntergelassen hat, um mich zu beschimpfen. Sie zeigt mir den Stinkefinger, bevor sie über eine gelbe Ampel rast, die auf Rot springt, während ich anhalte.

Super Vorbild. Tretet nicht in ihre Fußstapfen, Kids.

Während der Motor im Leerlauf läuft, schweifen meine Gedanken ab, und ich erinnere mich widerwillig an die Nacht, die sich mir für immer ins Gedächtnis eingebrannt hat.

»Merc, du musst herkommen.«

»Was ist los?« Mir wird ganz übel. Ich kenne die Antwort schon.

»Es ist deine Schwester. Sie ist ziemlich von der Rolle.«

Scheiße. Annabelle, was hast du jetzt wieder angestellt? Ich schnappe mir meine Schlüssel und bin schon zur Tür raus. Ich gleite auf den Fahrersitz und lasse den Motor des Wagens an. Die Bluetooth-Übertragung übernimmt. »Hast du meine Eltern angerufen?«

»Das hätte ich tun sollen, aber …«, weicht Bull aus, dessen raue Stimme aus den Lautsprechern dröhnt.

Erleichterung überkommt mich. »Danke, Mann. Bin gleich da.«

Ich rufe sofort Noah an, und eine halbe Stunde später treffen wir uns vor dem Polizeirevier von Seattle. Als wir aufgrund des Starkregens klatschnass eintreten, begrüßt uns Captain Ryan. Captain Cade Ryan, oder Bull, wie wir unseren besten Linebacker an der Highschool liebevoll nannten, ist ein guter Freund von Noah und mir.

»Was ist los, Bull?«, frage ich und versuche mich zusammenzureißen.

Er schüttelt den Kopf und biegt in den Gang links von uns. Wir folgen ihm schweigend durch einen Korridor nach dem anderen, bis wir vor einer geschlossenen Holztür stehen bleiben. Erst dann richtet Bull das Wort an uns. Nun, an mich.

»Deine Schwester braucht dringend Hilfe, Merc. Eine professionelle Therapie. Einen Entzug. Ich könnte sie sofort wegen Drogenbesitzes verhaften. Bei einer Verurteilung kriegt sie dafür fünf Jahre.«

Ich schließe die Augen und lasse verzweifelt den Kopf hängen. »Was hatte sie bei sich?«, frage ich, während ich mit leerem Blick auf den verfilzten Teppichbodenbelag starre, der vor zwanzig Jahren einmal hellbraun gewesen war. Jetzt ist er nur noch ein verfilztes Meer aus Dreck, schlechten Entscheidungen und verkorksten Leben.

»Kokain.«

»Scheiße«, fluchen Noah und ich laut.

»Hör zu, ich weiß nicht mal, ob es ihres war. Sie streitet es natürlich ab. Neben dem Wagen lag ein kleines Plastiktütchen, und sie saß mit noch drei Mädchen drin, aber es ist offensichtlich, dass sie was genommen hat.«

»Wo habt ihr sie gefunden?«

»In der Holsteen Road. Sie und die drei anderen Mädchen. Sie saß nicht am Steuer, aber es war ihr Wagen. Sie wurden wegen Geschwindigkeitsüberschreitung und unberechenbarer Fahrweise angehalten.«

Ich fixiere ihn mit einem verzweifelten Blick. Annabelle wird in Kürze siebzehn, und eine strafrechtliche Verurteilung würde ihr die Zukunft versauen. Dann könnte sie sich Stipendien und das College abschminken. Normalerweise kommt man bei einer Anklage wegen Drogenbesitzes mit einer Bewährungsstrafe davon … wenn man zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt gerät, und vor allem wenn man die besten Anwälte hat, zu denen ich zufällig Zugang habe. Doch das ist nicht ihr erstes Mal. Und das hier ist viel schlimmer als ein paar Portionsbeutel mit Gras. Sie könnte in echten Schwierigkeiten stecken.

»Und was jetzt?«

Aufgrund meiner unausgesprochenen und unlauteren Bitte an einen verdammten Police Captain herrscht große Anspannung. Wie kriege ich diesen Mist geregelt?

Nachdem er mich, wie mir scheint, qualvoll lang hat warten lassen, unterbreitet er mir einen Vorschlag. »Sie tritt auf der Stelle eine stationäre Entziehungskur an. Dreißig Tage mindestens.«

»Das kriege ich hin.« Ich weine fast angesichts dieses Geschenks, das er Annabelle macht, doch sie wird es nicht so sehen. Sie wird es schlimmer finden als eine Gefängnisstrafe.

»Besorg ihr Hilfe, Merc. Wenn ich sie noch einmal hier drin sehe, kann ich nichts mehr für sie tun. Und wenn einer von euch auch nur ein Sterbenswort sagt, bin ich meine Dienstmarke los.«

Ich habe vor Rührung einen Kloß im Hals. Ich nicke stumm, weil ich nicht antworten kann. Das tut Noah für mich. »Wir haben verstanden. Danke, Bull. Wir geben dir Deckung.«

Als Bull die Tür öffnet, erstarre ich beim Anblick des winzigen, fragilen Geschöpfs, das auf einem Metallstuhl an einem entsprechenden glänzenden rechteckigen Tisch sitzt. Annabelles Wangen sind mit Mascara verschmiert. Vom Weinen gerötete Augen, ruheloser Blick. Zerzauste blonde Haare. Ein geschwollener Cut an der Lippe. Ihre Kleider sind verrutscht, ihr Oberteil zerrissen. Ein Arm ist völlig zerkratzt. Ihre gesamten fünfundvierzig Kilo sind vollkommen durchnässt.

Sie sieht aus, als könnte sie durch einen schlichten Atemzug entzweibrechen.

»Bluebelle, was hast du dir angetan?«, stoße ich hervor und kann die Träne nicht zurückhalten, die mir übers Gesicht läuft.

In Zeitlupe blickt sie auf. Mir stockt der Atem, als ihre abgestumpften, eisblauen Augen sich auf meine heften. Sie braucht mehrere Sekunden, bis ihr klar wird, dass ich es bin, und als sie mich erkennt, springt sie vom Tisch auf und wirft sich in meine Arme wie früher als kleines Mädchen. Sie umschlingt mich mit Armen und Beinen und schluchzt hemmungslos.

»Was ist passiert, Belle?«

Sie antwortet nicht. Ihr winziger Körper zittert stumm an meinem.

Ich erinnere mich deutlich, dass ich eine halbe Stunde brauchte, bis ich sie so weit beruhigt hatte, dass ich sie aus dem Polizeirevier wegschaffen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Während ich Annabelle zu beruhigen versuchte, bemühte sich Noah, eine Klinik für sie zu finden. Als wir gingen, hatte er einen Aufenthalt in einer kleinen luxuriösen Einrichtung in Portland für sie arrangiert. Das Letzte, was wir brauchen konnten, war eine Klinik hier vor Ort, wo die Presse davon Wind bekommen konnte.

Annabelle hat mir nie viel von dieser Nacht erzählt, sodass ich bis zum heutigen Tag keine Details kenne. Wenn ich sie bedrängte, zog sie sich zurück, weshalb ich beschloss, dass es sich nicht lohnte, die Sache wiederaufzuwärmen, da ihr Leben eine ganze Weile auf der Kippe stand und ich ihr nicht durch ein Verhör den letzten Stoß versetzen wollte. Sie erlitt mitten in der Behandlung einen Rückfall, verließ die Klinik, kam wieder zurück. Aber sie hat es durchgestanden und es geschafft, clean zu bleiben, bis sie letztes Jahr einen Fehltritt beging und auf eigenen Wunsch in die Klinik zurückkehrte.

Drogensucht ist für alle Beteiligten eine herzzerreißende Erfahrung, den Suchtkranken eingeschlossen. Hoffnungen platzen, Loyalitäten werden zerstört, Vertrauen ausgehöhlt, bis es nicht mehr vorhanden ist. Es braucht ein ganzes Leben, um all das zurückzugewinnen, wenn das überhaupt möglich ist. Und ein Fehler … ein einziger Fehler kann dazu führen, dass auf dem Spielbrett alle aufs Startfeld zurückgehen müssen, verärgert darüber, von vorne anfangen zu müssen.

Auch wenn es ihr in letzter Zeit gut ging, gebe ich ohne Scham zu, dass ich es mit ihr nie viel weiter als bis aufs Startfeld geschafft habe. Als ich jetzt am Eingang der Allen Library stehe und meine Schwester, die ihre Nase in ein Buch gesteckt hat und ganz gelehrt, glücklich und jugendlich-frisch aussieht, beobachte, erstarre ich.

Kann ich ihr auch nur ein Wort glauben?

Werde ich Antworten auf Fragen finden, von denen ich nicht einmal sicher bin, dass ich sie wissen will?

Meine ganze Zukunft hängt von meiner kleinen Schwester ab. Ist das nicht die totale Ironie? Vor ein paar Jahren hing ihre ganze Zukunft von mir ab. Ein einziges Mal im Leben brauche ich von einem anderen Menschen etwas und fühle mich im Stich gelassen. Bei der Vorstellung, Willow nicht mehr in meinem Leben zu haben, zieht sich meine Brust zusammen.

Vielleicht sollte ich lieber bei Bull anklopfen, um herauszufinden, wie zum Teufel Reid »Arschgesicht« Mergen überhaupt von einem Fall wissen kann, dessen Akte angeblich »verlegt« wurde. Vielleicht sollte ich das Problem aus einer ganz anderen Richtung angehen und Reid Mergen dabei so tief vergraben, dass er nie wieder Tageslicht sieht. Seinen Ruf so beschmutzen, dass ihm niemand mehr auch nur eins der bösartigen Worte glaubt, die er absondert.

Ja. Neuer Plan.

Ich bin schon halb an meinem Wagen, als ich hinter mir Annabelles melodische Stimme höre. »Hey, wo willst du hin?«

Für den Bruchteil einer Sekunde erwäge ich, so zu tun, als hörte ich sie nicht. Einfach nur in den Wagen zu steigen, zum Polizeirevier zu fahren und herauszufinden, wer Bulls Spitzel ist. Wenn ich mich zu ihr umdrehe, wenn ich mit meiner Anschuldigung einen Keil zwischen uns treibe, kann ich es nicht mehr zurücknehmen. Wenn die Katze einmal aus dem Sack ist, werde ich das haarige Ungeheuer nie mehr zurückstopfen können.

Vielleicht ist das genau das, was Mergen will. Vertrauen zerstören. Zweifel säen. Eine Falle stellen, in der ich mich selbst anzünde, während er mit dem Feuerlöscher dabeisteht, den er nicht zu benutzen beabsichtigt.

Doch als ich an seinen Hohn zurückdenke, weiß ich, dass darin etwas lag, das ich nicht wahrhaben wollte, während ich mit dem Gedanken spielte, ihn zu erwürgen.

Feste Überzeugung.

Er war sich so verdammt sicher, dass seine Behauptungen wahr waren.

Sei kein Weichei, Merc. Ich kann vor der Sache nicht davonlaufen, selbst wenn ich es wollte. Ich muss wissen, was in jener Nacht geschah, jetzt erst recht. Und wenn etwas passiert ist, rausfinden, wie ich die Konsequenzen abmildern kann, ohne dabei einen Menschen zu verlieren, den ich liebe.

2. KAPITEL

Shaw

»Ich hab nur was vergessen. Aber das kann warten«, antworte ich, als ich mich zu ihr umdrehe.

»Sicher? Du siehst« – sie kneift die Augen zusammen, legt den Kopf schief und mustert mich einen Tick zu genau – »merkwürdig aus.«

Was? Strömt mir die Panik, die in mir wie eine Flut anschwillt, aus den Poren? Macht sie mein Gesicht hager? Meinen Blick vor Angst wirr? Man stelle sich das vor!

»Du siehst mal wieder Gespenster, Bluebelle.«

Sie presst den Mund zu einer dünnen Linie zusammen. Mein Ablenkungsmanöver ist gescheitert. Erneut überlege ich kurz, ob ich abhauen soll, aber scheiß drauf. Dieses Gespräch zu verschieben, wird es nicht einfacher machen. Und es macht diesen Mist ganz sicher nicht ungeschehen.

Ich nehme sie sanft am Arm und dirigiere sie zu einer freien Bank unter einer großen Eiche am Gehweg. Der Herbst hat Einzug gehalten, und die Natur ist wehrlos gegen ihn. Die Blätter nehmen schon kupferrote und gelbe Töne an. Ein paar wenige sind bereits ausgetrocknet und früh abgefallen. Während wir schweigend gehen, rascheln sie unter unseren Füßen.

Ich setze mich hin und genieße die Wärme des Metalls, die durch meine Anzughose dringt. Ich habe Angst, dass sich mein Körper gleich so kalt wie Trockeneis anfühlen wird.

»Was ist los, Shawshank?«

Ich lasse den nervigen Spitznamen aus meiner Kindheit an mir abperlen, blicke stur geradeaus und beobachte das geschäftige Treiben auf dem Campus. Ich weiß noch, wie ich früher zwischen meinen Kursen draußen saß wie jetzt und die Studienanfängerinnen beobachtete, die tugendhaft und nichtsahnend an mir vorbeischwirrten, während ich sie sichtete, um die Schamlosen unter ihnen herauszufiltern, damit Noah und ich uns später mit ihnen amüsieren konnten.

Wäre Willow damals vorbeispaziert, wäre sie sofort aussortiert worden. Zu süß, zu bieder. Viel zu unschuldig. Und wie schade das gewesen wäre! Niemals ihre weichen Rundungen oder ihre seidigen Haare zu berühren. Nie zu spüren, wie sie unter meinen Liebkosungen dahinschmilzt, oder das Stocken ihres Atems zu hören, wenn sie unter meinem schweren Körper die Selbstkontrolle verliert. Himmel, der Gedanke, sie niemals wieder meinen Namen flüstern oder stöhnen zu hören, ist unerträglich. Sie hat mich so verändert, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Anscheinend ist sie die Frau, auf die ich gewartet habe, und ich hätte sie mit einem flüchtigen Blick aus genau dem Grund ausgemustert, aus dem ich mich heute zu ihr hingezogen fühle.

»Was hast du an dem Abend gemacht, als du wegen Kokainbesitzes aufgegriffen wurdest? Und diesmal will ich die Wahrheit, Bluebelle.«

Ich sehe sie nicht einmal an, als ich mit dieser Frage herausplatze, die mit der Wucht eines Mack Trucks von hinten in sie reinknallt. Ich weiß, dass es so ist, denn ich höre, wie der Atem aus ihrer Lunge entweicht, kurz bevor sie nach Luft schnappt.

Ich drehe den Kopf, um meine Schwester scharf anzusehen. Sie starrt mich schockiert an. Ich kenne den Grund. Das ist ein Tabuthema zwischen uns. Verdammt, für die gesamte verdammte Familie. Wir gehen alle wie auf Eiern und hoffen, dass sie unter unseren schweren Schritten nicht zerbrechen. Sprecht nie darüber, wie Annabelle außer Kontrolle geraten ist. Es könnte sie aufregen. Es ist, als sollten wir alle vergessen, dass sie eine Suchtkranke im Genesungsprozess ist. Dass sie immer eine genesende Suchtkranke sein wird.

Doch ich habe es nie vergessen. Und sie sollte das auch nicht. Das sollte keiner, dem sie wichtig ist. Anscheinend hat das auch ein Außenstehender nicht getan, der jetzt ganz versessen darauf ist, mir wegzunehmen, was mir gehört, indem er meine Liebe zu meiner Familie gegen mich verwendet. Er kann ja nicht ahnen, dass es genau diese Liebe zu meiner Familie ist – und dazu gehört inzwischen auch Willow –, die mich antreiben wird, ihn zu zerstören.

»Beantworte die Frage, Bluebelle.« Ich dämpfe meinen Ton nur unwesentlich, und meine heisere Stimme verrät meine Anspannung. Sie verheimlicht mir etwas. Ich sehe das glasklar in ihren eindrucksvollen blauen Augen. Sie versuchen, unter die Oberfläche zu tauchen und versteckt zu bleiben.

Tja, ich ziehe sie wieder nach oben. Es ist an der Zeit, die alten Gespenster zu Tage zu fördern, egal wie laut sie heulen.

»Warum …?« Sie hält inne, um zu schlucken, und das Schuldgefühl, das mich immer beschleicht, wenn ich meine kleine Schwester aufrege, wird größer, als ihre Augen feucht werden. Ich kämpfe gegen meinen Instinkt an, ihr eine Ausweichmöglichkeit zu eröffnen. Ich brauche diese verdammte Antwort. Für mich, für Willow, aber ehrlich gesagt … hauptsächlich für sie. Dieses Wahlkampf-Arschloch hat etwas gegen sie in der Hand, und ich muss herausfinden, was es ist, und es aus dem Weg räumen. Vielleicht kann ich es sogar zu Grabe tragen, bevor Willow überhaupt davon erfährt.

»Warum fragst du mich das jetzt?«, fragt sie mit belegter Stimme.

Das Gewicht dessen, was sie nicht gesagt hat, wiegt so verdammt schwer, dass meine Halsmuskeln erschlaffen und ich den Kopf senken muss. Ich falte meine Hände und lasse sie zwischen meinen Beinen nach unten hängen, während ich mich bemühe, meine Atmung und mein Temperament unter Kontrolle zu halten.

Ich stehe an einer der größten Wegscheiden meines Lebens. Verrate ich mich und frage sie einfach rundheraus, oder manipuliere ich sie mit Fragen wie in einem gottverdammten Kreuzverhör und hoffe, dass sie sich selbst ein Bein stellt und ich sie bei einer Lüge ertappe?

Das ist unerträglich.

Ich war nie der Typ, der um den heißen Brei herumredet. Ich komme sofort auf den Punkt und habe keine Zeit für Bullshit. Zumindest bei allen außer ihr. Meiner seelisch fragilen kleinen Schwester, für die ich mein Leben hingeben würde. Doch das hat heute ein Ende. Das muss es. Ich muss wissen, was auf mich zukommt. Ich kann nicht im Dunkeln tappen und hoffen, blind eine Rettungsleine zu fassen zu bekommen.

Ich hebe den Kopf wieder und drehe mich zu ihr. Der Brunnen aus Tränen in ihren Augen ist kurz davor, überzufließen. »Ich frage dich jetzt, weil es jetzt wichtig ist. Warst du in jener Nacht auf der Schultz Bridge?«

Aus ihren Wangen entweicht alle Farbe, und der Damm, der das Wasser zurückhält, bricht. Tränen strömen über ihre blasse Haut, während sie mich weiterhin unverwandt anstarrt.

Und da weiß ich es.

Meine Schwester hat etwas mit dem frühzeitigen Tod von Charles Blackwell zu tun.

Himmel Herrgott.

Meine Schwester hat mitgewirkt in jener Nacht, die das Leben eines Menschen beendete: des Vaters der Frau, die ich liebe. Mir ist, als hätte ich Steine verschluckt. Meine Lunge zieht sich zusammen, als hätte jemand einen Strick drum herum geschlungen und würde mit aller Kraft daran ziehen. Mir ist speiübel.

Als sie leise antwortet: »Ich weiß nicht«, flippe ich aus.

»Du weißt es nicht?«, brülle ich, woraufhin ein paar Passanten erschrocken stehen bleiben. »Oder soll ich nur nicht wissen, dass du den Tod eines unschuldigen Menschen verursacht hast, während du mit Kokain zugedröhnt warst?«

»Wovon sprichst du, Shaw?«, fragt sie mit erstickter Stimme.

Oh Scheiße nein. Wir tun das nicht hier. Ich hätte dieses Gespräch niemals in aller Öffentlichkeit beginnen dürfen.

Ich ziehe sie am Ellbogen hoch und führe sie zum Wagen. Als wir beide drin sitzen, ist sie stinksauer.

»Ich habe niemanden umgebracht, Shaw«, schreit sie mit wirrem Blick. Sie pult abwesend an einer verschorften Wunde an ihrem Arm, die zu bluten beginnt. »Ich schwöre es. Ich schwöre es.« Sie wiederholt diese drei Worte immer wieder.

Sie hat in meinem Beisein einen Zusammenbruch.

Ich halte den Finger fest, der sich in ihre Haut bohrt. Unter meinen Fingerspitzen verschmiert warmes Blut. Sie zittert. Ihre angsterfüllten Augen treten hervor und fixieren mich so, dass es fast schmerzt. Ich kneife mich in den Nasenrücken, atme mit geschlossenen Augen langsam ein und aus und überlege mir meinen nächsten Schritt.

»Erzähl mir alles, was du von dieser Nacht noch weißt.«

Sie blinzelt mehrmals, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf die Frontscheibe richtet. Mit jeder Sekunde, die vergeht, verliere ich nicht nur die Geduld, sondern auch meinen verdammten Verstand.

»Annabelle«, knurre ich.

»Ich weiß nicht mehr viel«, sagt sie tonlos.

»Definiere nicht viel

In der Hoffnung, ihr Starthilfe zu geben, da sie jetzt in ihrer eigenen Gedankenwelt verloren zu sein scheint, drücke ich sanft ihre Hand. Ich zähle die Sekunden, denn ich bin kurz davor, aus der Haut zu fahren.

Als sie endlich spricht, klingt es monoton, als hätte sie sich von diesen Ereignissen abgekoppelt. »Ich war mit Hannah, Emily und Lia aus. Wir haben ein bisschen gekifft, bevor wir zu einer Party im Valley gegangen sind.« Ich rolle im Geist mit den Augen. Rainier Valley gehört nicht gerade zu den attraktivsten Stadtteilen Seattles. »Es war immer noch ziemlich früh, aber als wir dort ankamen, war richtig was los.«

Wenn sie mit »richtig was los« meint, dass es nach gekochtem Meth, fettigen Haaren und tagealten Orgien stank, dann kann ich mir ziemlich gut vorstellen, wo sie hineingeraten war. Als Annabelle fünfzehn war, musste ich sie einmal von einer dieser Partys wegholen. Der Gedanke, dass sie sich an einem solchen Ort aufgehalten und ihre Zukunft das Klo runtergespült hat, versetzt meinen Magen in Aufruhr.

»Als wir reinkamen, reichte mir jemand einen Woolie und ein Bier. Wir haben rumgehangen und ein paar Typen beim Gitarrenspielen zugehört.« Sie hält kurz inne, bevor sie leise hinzufügt: »Sie waren gut. Einer war süß.«

Mir geht die Geduld aus. Und zwar schnell. »Können wir vielleicht zu der Stelle kommen, an die du dich nicht erinnerst? Denn du klingst, als wüsstest du noch ganz schön viel.«

Sie wirft mir einen wütenden Blick zu, bevor sich ihre Mundwinkel einen Tick heben, doch sie gehen so schnell wieder nach unten, dass es Einbildung gewesen sein kann. Mit ihrer freien Hand fängt sie an, systematisch an ihrer Jeans zu zupfen, und da weiß ich, dass es jetzt richtig schlimm wird.

»Ich musste mal aufs Klo, deshalb musste ich mich durch den Flur schlängeln. Da hab ich ihn gehört. Eddie.« Sie verstummt.

Scheiß Eddie Lettie. Ihr Drogendealer, ihr vermeintlicher Freund, der Fluch ihres Lebens.

»Ich wusste, ich sollte nicht hinschauen. Ich wusste, ich sollte einfach weitergehen und vergessen, dass ich etwas gehört hatte. Aber ich konnte es nicht. Es war nicht das erste Mal, dass er mich mit irgendeiner mit Koks zugedröhnten Schlampe betrogen hat.« Sie hält inne und leckt sich die Lippen. Ihre Stimme ist völlig emotionslos, als sie sagt: »Er hatte eine Mini-Orgie am Laufen – hatte einen Dildo im Arsch, während er irgendeine Hure fickte.«

»Herrgott, Annabelle.«

Sie ist meine kleine Schwester. Ich habe sie gewickelt, ihr das Fläschchen gegeben. Ihre Schürfwunden verbunden und ihr die Nase geputzt, wenn sie krank war. Ich habe mir von ihr die Nägel knallrosa lackieren lassen und sie zu mir ins Bett kriechen lassen, wenn sie schlecht geträumt hatte. Ich bin mir verdammt sicher, dass ich die Worte »Orgie«, »gefickt« oder »Dildo« nicht aus ihrem süßen Mund hören will. Und ich will auch ganz sicher nichts über Eddies Sexualleben wissen.

»Was denn?«, fragt sie und sieht mich endlich mit feuchten Augen an. »Du wolltest doch hören, was in jener Nacht passiert ist. Das ist passiert.«

»Er ist es nicht wert, Bluebelle.« Ich wische ihr eine Träne von der Wange.

»Ich weiß«, antwortet sie und fährt mit den Fingern über dieselbe Stelle. »Jetzt weiß ich das, doch in jener Nacht hatte ich wieder einen Streit mit Mom und Dad. Ich fühlte mich so allein und brauchte das Gefühl, von jemandem gebraucht zu werden. Egal von wem.« Sie blinzelt mehrmals und senkt die Stimme ein wenig. »Gott, er war so ein arroganter Scheißkerl. Ich hätte einfach weggehen sollen, aber das tat ich nicht.«

Ihr Blick geht an mir vorbei. Ich warte ab, während sie in ihren Erinnerungen kramt.

»Ich stand da wie ein unschuldiges kleines Mädchen, das nicht weiß, was es mitansieht. Er bemerkte mich. Er war zugedröhnt, das konnte ich sehen. Er lachte und stieß in die Frau, die er fickte, bis sie aufschrie. Dann würgte er sie, bis ihre Augen in ihren Hinterkopf rollten. Er sagte mir, ich sei als Nächste dran. Dass es an der Zeit sei, dass er mich gut zuritt, weil er es hart und schmerzhaft mochte. Er sagte, ich solle mir eine Line ziehen, dann wäre ich schön gefügig, wenn er und sein Kumpel sich damit abwechselten, mich in den Arsch zu ficken und mich zum Bluten zu bringen. Er sagte mir, er wolle mich dazu bringen, dass ich weinen und um mein Leben betteln würde, während er mich so lange würgte, bis ich käme.«

Je mehr sie sagt, desto getrübter wird mein Blick. Es wird dunkel. So verdammt dunkel, dass ich glaube, vor Wut zu erblinden. Ich will schlucken und kann nicht. Meine Kehle ist vor Rachegelüsten zugeschwollen. Hat er es getan? Hat er es durchgezogen? Hat er meiner kleinen Schwester nach seinen kranken und verdorbenen Drohungen Gewalt angetan? War sie in jener Nacht deshalb so von der Rolle?

Wenn es so war, wenn ich nur einen Hinweis finde, dass er ihr auch nur ein Haar gekrümmt hat, ist Eddie Lettie tot. Scheiß drauf. Er ist sowieso tot, weil er bloß daran gedacht hat.

»Was noch?« Gott, das herauszupressen tat weh. Bitte sag um Himmels willen nicht, dass er etwas getan hat, sonst frage ich jede einzelne Person in meinem Bekanntenkreis, bis ich jemanden finde, der die richtigen Leute kennt, die ihn im Schlaf ausweiden und seine Leiche für immer verschwinden lassen. Noah kennt bestimmt jemanden.

Sie beißt sich die Lippe auf, bevor sie mich unbehaglich ansieht. Mein Bauch fühlt sich an, als würde er ausbluten. »Dann sagte er zu mir, er wüsste, dass es mir gefallen würde, weil er gehört hätte, dass Abartigkeit bei uns in der Familie läge.«

Das war’s. Der Wichser stirbt. Langsam und schmerzhaft. Er wird gefoltert, bis er wie ein kleiner Feigling nach seiner Mama schreit.

Bis vor Kurzem habe ich nicht viel darüber nachgedacht, doch meine Neigung, mir mit meinem besten Freund Noah Frauen zu teilen, ist viel bekannter, als ich mir hätte träumen lassen. Sie hat meiner Familie geschadet, ihren Ruf beschmutzt, war selbst bis zu meiner kleinen Schwester vorgedrungen, und das zu einem Zeitpunkt, zu dem sie sich für Football-Matches hätte begeistern und sich um ihre Zwischenprüfungen sorgen sollen.

»Es tut mir so –«

»Nein. Nicht.« Sie winkt ab. »Er hat nicht nur dich gemeint.« Lincoln. Sie meint unseren Bruder, den wir beide verehren. »Ich bin geblieben. Ich weiß, ich hätte weggehen sollen, aber ich bin geblieben und habe ein paar Lines geschnupft, bis die Euphorie einsetzte. Aber ich fühlte mich komisch … komischer als sonst. Als wäre ich von meinem Körper abgekoppelt. Und ich hatte Angst, weil …«

Himmel, ich will das nicht hören. Ich will nicht danach fragen. Ich will es nicht wissen. Aber ich muss bis zum Danach kommen. Ich muss verstehen, wie sie auf der Schultz Bridge gelandet ist.

»Weil was, Bluebelle?«, hake ich diesmal sanfter nach, um über den rotglühenden Taumel des Hasses und der Wut hinwegzutäuschen, der sich einen Weg durch meine Adern brennt.

Als sie mir in die Augen sieht, bringt mich der Ausdruck darin um. Sie versucht es zu verbergen. Sie versucht immer, es zu verbergen, doch anders als bei Willows undurchdringlichem Schleier sehe ich durch den meiner Schwester direkt hindurch. Ihre Seele ist komplex. Voll Selbstekel und Schatten von Dämonen, die ich nicht verstehe. Wie sehr ich mir wünsche, dass sie immer noch klein wäre und ich sie beschützen könnte! Dann könnte sie auf meinen Schoß klettern und mir den Mund mit dem rubinroten Lippenstift meiner Mutter anmalen, statt mein Herz mit diesem verdrehten Unzulänglichkeitsgefühl zu martern, an das sie sich klammert.

»Weil ich dachte: Vielleicht bin ich wie sie. Vielleicht bin ich verdorben und abgefuckt, und das ist es, was mit mir nicht stimmt. Weil ich wirklich daran dachte, ihn all das, was er angekündigt hatte, mit mir machen zu lassen.«

»Herrgott«, murmele ich und kann ihr nicht mehr in die Augen sehen. Sie wartet darauf, dass ich sie verurteile. Das tue ich auch, aber sie soll es nicht sehen. Aber die Frage, die mir auf den Nägeln brennt, kann ich ihr nicht stellen, weil ich ihre Antwort nicht ertragen könnte.

»Du verstehst das nicht, Shaw. Ich war in einem ganz üblen Zustand«, fährt sie in diesem irritierend ausdruckslosen Ton fort. »Ich wollte einfach nur geliebt werden, und sei es von irgendeinem Arschloch, das nur so tat, als sei ich ihm wichtig.«

»Annabelle …« Mein Herz windet sich vor Qual. »Du wurdest geliebt. Du wirst geliebt.« Ich nehme ihr Gesicht in die Hände und wische die Tränen weg, die ihre Wangen befeuchten. Am liebsten würde ich sie schütteln, bis sie Vernunft annimmt.

»Du brauchst kein wertloses Stück Scheiße wie Eddie Lettie, um dein Selbstwertgefühl zu steigern. Typen wie er höhlen es nur aus, bis nichts mehr davon übrig ist.«

»Ich weiß.«

Tut sie das wirklich? Sie sagt immer das Richtige zum richtigen Zeitpunkt, doch meist bezweifele ich, dass sie auch nur ein Wort davon glaubt. Sie ist immer noch so durcheinander und gepeinigt von dem, was auch immer sie auf diesen zerstörerischen Weg gebracht hat.

»Kurze Zeit später kam Eddie aus dem Schlafzimmer. Er hatte seine Jeans an, doch der Reißverschluss stand offen, und er …«

»Er hat was?« Ich kriege kaum noch Luft. Als sie zusammenzuckt, lockere ich meine Finger um ihr Kinn. Am liebsten würde ich mit der Faust gegen etwas schlagen, bis die Haut an meinen Fingerknöcheln platzt.

»Er hat mich mit einem Blick bedacht, der besagte, dass ich den Mund halten soll, und mich von der Couch hochgezogen. Das Kranke daran ist … ich bin bereitwillig mitgegangen.«

In dem Moment muss ich sie loslassen. Ich muss das Lenkrad packen und es fest umklammern und wahnsinnig dagegen ankämpfen, nicht mein Handy zu nehmen, Bull anzurufen und von ihm zu verlangen, dass er diesen Abschaum zur Fahndung ausschreibt und ihn festhält, bis ich persönlich dafür sorge, dass er und seine verrottete Seele ihr Leben aushauchen.

»Noch bevor wir ins Schlafzimmer gelangten, hat er mich an die Wand gedrückt. Er hat mir die Bluse zerrissen, während er mir all die abscheulichen Dinge sagte, die er mit mir anstellen wollte. Doch die ganze Szene blendete ein und aus, als hätte ich mein Schicksal akzeptiert und mich aus meinem Körper verabschiedet. Ich wusste, dass ich das, was er mir erzählte, eigentlich nicht wollte. Ich wusste, dass ich mich wehren sollte, konnte mich aber nicht dazu aufraffen. Kann sein, dass er mich geschlagen hat. Kann sein, dass ich geschrien habe. Ich weiß es nicht. Es ist alles ziemlich verschwommen.«

Himmel Herrgott.

»Ich habe Erinnerungsfetzen an einen Kampf, an Geschrei und zerbrechendes Glas. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, wie ich die Treppe draußen hinuntergestolpert bin, und danach ist alles schwarz, bis ich am nächsten Tag in der Entzugsklinik aufgewacht bin. Wenn ich auf dieser Brücke war, erinnere ich mich ehrlich nicht daran. Ich erinnere mich nicht einmal daran, dass du mich vom Polizeirevier abgeholt hast, Shaw.«

Sie verstummt. Ich weiß nicht genau, wie lange wir in völligem Schweigen dasitzen. Sie wartet darauf, dass ich etwas sage, irgendetwas vermutlich, aber mir fällt nichts ein. Mein Herz ist schwer. Es blutet für sie, aufgrund dessen, was ihr angetan wurde, aufgrund all dessen, was sie in ihrem kurzen Leben schon durchgemacht hat. Doch vor allem ist es schwer, weil dieses Gespräch mir überhaupt nicht weitergeholfen hat. Ich weiß nicht viel mehr als vorher, außer dass ich noch eine weitere Aufgabe auf meine immer länger werdende Liste setzen muss.

»Es tut mir leid, dass ich nicht mehr weiß.«

»Das braucht es nicht. Ist schon gut«, lüge ich.

Sie schluckt heftig. Ich höre es über den halben Meter Abstand hinweg, der uns trennt. »Warum glaubst du, ich hätte jemanden umgebracht?«

Da sehe ich sie an. Ihre Augen glänzen. Ihr Gesicht ist fahl. Ihre Lippen zittern. Sie pult wieder an dem verdammten Cut, weil sie Angst davor hat, was ich gleich sagen werde.

»Ich glaube nicht, dass es so war, Bluebelle.«

»Warum hast du es dann gesagt?« Ihre Stimme ist zittrig und schrill, und ich fühle mich, als sei ich nur einen halben Schritt davon entfernt, sie wieder an diese verkommene Welt zu verlieren. Ich will sie nicht anlügen, aber ich weiß auch nicht, wie ehrlich ich zu ihr sein soll. Ich habe keine Ahnung, wie nahe sie an diesem Felsvorsprung steht oder was sie dazu bringen wird, hinunterzufallen.

»Das ist nur ein Missverständnis.«

Sie setzt sich aufrecht hin. »Ich glaube dir nicht. Irgendwas hat dich auf die Idee gebracht. Irgendwer hat diese Nacht angesprochen, ganz speziell die Schultz Bridge, sonst wärst du nicht hier, um mich auszufragen.«

»Es ist nichts«, beteuere ich noch einmal und hoffe, dass sie sich damit zufriedengibt, bis ich aus dieser Sache schlau geworden bin. Ich bin schon am Überlegen, wie ich weiter vorgehen soll.

»Ich will, dass du mir die Wahrheit sagst, Shaw.«

Mein Seufzer ist lang und gedehnt. Sie kommt momentan nicht mit der Wahrheit klar. Vielleicht niemals. »Annabe –«

»Ich bin stärker, als du glaubst, Shaw. Alle tun immer so, als sei ich ein Baby und dumm, und ich habe es satt. ›Pass auf, was du zu Annabelle sagst‹, ›Annabelle wird es nicht verstehen‹, ›Annabelle ist zu jung‹«, spottet sie. »Ich bin jetzt eine erwachsene Frau. Fangt endlich an, mich wie eine zu behandeln. Was immer du mir erzählst, wird keinen Rückfall bei mir auslösen. Ich schwör’s.«

»Wirklich nicht?«, fordere ich sie heraus und drehe mich zu ihr. Erst vor wenigen Minuten ist sie vor mir zusammengebrochen. Und jetzt will sie auf einmal bärenstark sein? In etwa fünf Sekunden werde ich mir wünschen, ich hätte mich nicht von ihrer Launenhaftigkeit reizen lassen. »Und was, wenn du wirklich für jemandes Tod in jener Nacht verantwortlich bist und du dich nur nicht erinnerst? Was, wenn dieser Mensch zufällig der Vater der Frau ist, in die ich verliebt bin? Was, wenn jemand anders davon weiß und es gegen mich verwendet? Gegen unsere Familie, um zu bekommen, was er will?«

Als sie mich erschrocken ansieht, greife ich nach ihrer Hand, weil ich hoffe, dass meine Berührung meinem Ausbruch etwas von ihrer Schärfe nimmt, doch sie zieht sie zurück.

»Ist das alles wahr?«, krächzt sie.

Jedes verdammte Wort, würde ich am liebsten sagen. Auch die Aussage, dass ich verliebt bin. Himmel … Ich. Bin. Verliebt. Vor drei Monaten hätte ich darüber gelacht. Ein Teil von mir wünscht sich diese Zeit zurück, denn wenn Verliebtheit solche Gefühle in einem auslöst – heillose Panik auf Schritt und Tritt –, steht mir eine Welt voller Schmerz bevor.

»Genau das versuche ich rauszufinden, Bluebelle.«

Sie schlägt sich die Hand vor den Mund und erstickt ein Schluchzen. Sie sieht aus wie die junge naive Einundzwanzigjährige, die sie ist, und nicht wie die unbekümmerte großmäulige, die sie sein will.

Diesmal lasse ich sie nicht zurückzucken. Ich lege die Hand in ihren Nacken und ziehe sie zu mir, um tröstend den Arm um sie zu legen.

»Ich bringe es wieder in Ordnung. Was es auch ist, vertrau mir«, erkläre ich. Ich habe keine Ahnung wie. Ich weiß nur, dass ich es tun muss.

Ihr schmächtiger Körper zittert an meinem. Ich komme mir vor wie ein Schuft, weil ich ihr das zumute, aber ehrlich gesagt, besser ich als die Bullen. Ich würde es diesem schwanzlutschenden Wahlkampf-Trottel zutrauen, dass er uns in rechtliche Schwierigkeiten bringt, sobald es seinem Zweck dient. Und ich höre die Uhr ticken. Der Countdown läuft, seit ich vorhin sein Büro verlassen habe.

Das waren keine leeren Drohungen, die er ausgestoßen hat. So schlau bin ich schon. Alles passt perfekt zusammen. Ein bisschen zu perfekt. Er muss doch wissen, dass ich Beziehungen habe. Er muss doch wissen, dass ich auch den letzten Stein umdrehen werde. Er muss glauben, dass ich etwas finden und Willow verlassen werde, sodass er die Scherben ihres gebrochenen Herzens zusammensetzen kann. Was er nicht weiß, ist, wie tief mein Reservoir aus Mut und Entschlossenheit ist, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe.

Doch er wird es bald herausfinden. Ich will Willow, und ich lasse sie mir nicht von ihm, und auch von keinem anderen, wegnehmen. Auf dem Weg hierher habe ich beschlossen, dass an dem Spruch »Halte deine Freunde nahe bei dir, aber deine Feinde noch näher« etwas dran ist.

Ich werde das meinem Vater gegenüber mit keinem Wort erwähnen, worauf Mergen wahrscheinlich baut. Die Nachricht würde meinem Vater das Herz brechen. Es würde seine Chance auf eine Wiederwahl ruinieren. Das weiß Mergen. Das Arschloch glaubt, er kommt mit all dem ungeschoren davon.

Aber das wird er nicht.

Er wird meine Familie nicht bedrohen.

Er wird mir nicht meine Frau ausspannen.

Er wird mir nichts von dem wegnehmen, was mir gehört und unter meinem Schutz steht.

3. KAPITEL

Willow

Ich bin glücklich.

Im Regen tänzelnd, an Einhörner glaubend, Träumen nachjagend, Schokolade-macht-den-Po-nicht-fett-megaglücklich.

Ich strahle, während ich mich an jedes Detail der letzten drei wunderbaren Tage erinnere, an denen mich Shaw vollkommen in Beschlag genommen hat. Unser gemeinsames Wochenende war einfach magisch. Ich wollte nicht, dass es endet.

Was ich mit Reid hatte, fühlte sich warm und behaglich an, wie ein Glimmen. Da war zwar Hitze, aber richtig Feuer haben wir nie gefangen. Wir hätten zusammen alt werden können. Ich hätte glücklich sein können, wenn ich es zugelassen hätte. Zufrieden, aber nicht erfüllt. Ich habe ihn geliebt, aber es gab immer eine letzte Barriere zwischen uns. Ich wusste, dass etwas fehlte, konnte es aber nie richtig benennen. Rückblickend glaube ich, dass ich ihn aus diesem Grund verlassen habe. Den Tod meines Vaters habe ich nur vorgeschoben, doch der wahre Grund lag viel tiefer.

Doch das verstand ich erst, als ich Shaw kennenlernte. Meine Beziehung zu ihm ist unvergleichlich. Einmalig. Sie gibt mir – er gibt mir – die Ruhe und den Frieden, von deren Existenz ich nichts wusste. Er passt zu mir. Er sieht mich. Er bringt mein Blut in Wallung und mein Herz zum Singen. Er bringt meine Seele dazu, sich nach etwas zu sehnen, das mir seit wahnsinnig langer Zeit nicht mehr eigen ist, wenn es das überhaupt jemals war.

Ganz unverhohlen und schrecklich verletzlich zu sein.

Diese Gewohnheit, unnahbar zu sein, die ich vervollkommnet habe, ist schwer abzulegen, doch unter all den Männern, die ich je getroffen habe, ist es Shaw Mercer, der in mir den Wunsch weckt, es zu versuchen. Er löst in mir den Wunsch aus, meine alte Haut abzuwerfen und die neue rosarot und nackt zu lassen, bereit, wieder vernarbt zu werden.

Bei dem Gedanken bekomme ich Herzklopfen, doch ich ignoriere die zynische Stimme, die mir zuflüstert, dass Glück etwas Vergängliches ist und dass hinter jeder Ecke eine Tragödie lauert. Heute schwebe ich auf Wolken, und ich werde mir erlauben, dieses unglaubliche Gefühl reinen und vollkommenen Glücks zu genießen, und hoffen, dass es – ausnahmsweise einmal in meinem Leben – nicht nur eine flüchtige Ahnung am Horizont ist, sondern etwas Reales, wonach ich nur die Hand auszustrecken und es mir zu nehmen brauche.

Denn wenn Shaw zu einem Versuch bereit ist, dann – tief durchatmen – bin ich es auch.

Zum fünfzigsten Mal lese ich die Nachricht, die er mir heute Morgen geschrieben hat, und grinse wie eine verliebte Närrin.

Heute Morgen ohne dich in meinen Armen aufzuwachen, hat mir nicht gefallen.

Gott, was diese Worte mit meinem Herz anstellen, ist Wahnsinn.

»Du strahlst so. Bist du schwanger?«

Ich hebe widerwillig den Blick von meinem Handy, um Sierra anzusehen. Es ist kurz vor zwölf. Sie ist früher auf als sonst, und ich merke sofort, dass sie mies drauf ist, doch die Wolken, auf denen ich schwebe, fühlen sich sanft und weich an. Weder Dynamit noch Sierras spitze Bemerkungen werden mir die Laune verhageln. Deshalb beschließe ich, mitzuspielen. Sierra weiß sowieso, dass ich mit Shaw schlafe.

»Und wenn ich es wäre?«

Ich bin es nicht, aber verdammt … Der Gedanke, dass es nicht völlig ausgeschlossen ist, dass ich ein Leben in mir trage, das Shaw und ich geschaffen haben, gefällt mir so gut, dass ich mich am Riemen reißen muss.

»Dann wirst du deine Sachen packen und ausziehen müssen. Mit einem schreienden Baby würde ich in dieser winzigen Bude kein Auge zumachen.«

»Dummes Geschwätz. Du würdest mich nicht rauswerfen.«

»Und ob ich das würde«, sagt sie todernst. Ich sehe zu, wie sie den Schrank aufzieht und ihren überdimensional großen Lieblingsbecher herausholt, dessen Griff aus einem goldenen Schlagring besteht. Sie hat ihn einmal als Gag von einem Exfreund geschenkt bekommen, doch der Witz ging nach hinten los, als sie ihn ein paar Tage später als Waffe benutzte, nachdem sie den Typen auf seiner Couch beim Knutschen mit seiner Exfreundin ertappt hatte. Bei Sierra macht man sich lieber nicht unbeliebt, das kann ins Auge gehen. Doch unter ihrer rauen Schale schlägt ein Herz aus 24-karätigem Gold.

»Und wenn mein Baby und ich sonst nirgends hinkönnen?«

»Du hast einen reichen Kindesvater. Ihr wäret sein Problem.«

»Und wenn er uns nicht will?«

»Dann verklag ihn auf sein gesamtes Vermögen«, kontert sie und meint es todernst.

»Und wenn ich dich zur Patentante machen würde?«

Sie hält beim Eingießen des dickflüssigen schwarzen Teers, den sie Kaffee nennt, inne und sieht mich entgeistert an. »Das würdest du tun?«

Angesichts ihres ungläubigen Tons lege ich den Kopf schief. »Na klar. Warum denn nicht?«

Ihre dünnen, von gestern noch aufgemalten Augenbrauen heben sich. »Sieh mich doch an. Ich bin nicht gerade ein Vorbild, Löwenbräu.«

Da hat sie recht. Sie müsste ein paar Piercings loswerden, damit sie nicht von winzigen suchenden Händchen herausgerissen würden. Sie bräuchte einen neuen Job, weil man ein Baby nicht fünfmal in der Woche die ganze Nacht allein lassen kann. Und sie müsste verdammt schnell einen politisch korrekten Filter finden, damit die ersten Worte des Babys nicht »scheiße«, »Titten« oder »Nutte« wären.

Ich zucke mit den Schultern und antworte ehrlich. »Wenn mein Baby niemanden hätte, gäbe es außer dir niemanden, dem ich es anvertrauen würde.«

Ihr schießen Tränen in die Augen.

»Hey, was ist los?«, frage ich und greife über die Arbeitsplatte der Kücheninsel nach ihrer Hand.

»Nichts«, schnieft sie und zieht die Hand weg, bevor sie sich abwendet. »Wie zum Teufel kommst du auf die Idee, dass etwas nicht stimmt?«

Ich beiße mir auf die Zunge. Diese Sierra kenne ich. Irgendein Typ quält sie.

»Ich bin nicht schwanger«, gestehe ich leise und komme mir dumm vor, weil mein Herz bei der Vorstellung einen kleinen Hüpfer gemacht hat.

Sie zieht die Mundwinkel herunter. Ich sehe es von der Seite. Sie atmet tief ein, und ich warte ab. Es dauert nicht lange. Als sie mich jetzt wieder mit trockenen Augen ansieht, sind sie voller Sorge. »Was machst du nur, Willow?«

»Was meinst du?« Ich wappne mich seelisch. Sierra spricht mich nicht sehr oft mit meinem vollen Namen an … nur wenn sie ihren Standpunkt klarmachen will.

Sie stellt die Kaffeekanne ab, schiebt ihren Becher weg und sieht mich wieder an. »Du weißt genau, was ich meine. Ich dachte, diese Sache sei zeitlich begrenzt. Du hast steif und fest behauptet, dass du deine Kunden nicht vögelst. Klar, nachdem ich ihn gesehen habe, verstehe ich, was ihn attraktiv macht. Aber jetzt hast du nicht nur Sex mit ihm, sondern verbringst auch noch das Wochenende mit ihm und sprichst von einem fiktiven Baby, das du mir aufhalsen willst.«

Ich weiß nicht genau, worüber ich erboster bin. Ich entscheide mich für die Bemerkung über das fiktive Baby, da mir das am unkompliziertesten erscheint.

»Du warst es doch, die das fiktive Baby aufs Tapet gebracht hat. Ich habe nur mitgespielt.« Ich bemühe mich, sie nicht anzuschnauzen. Es gelingt mir nicht.

Sie lächelt schief. »Ja, okay, klar. Aber willst du ernsthaft dasitzen und mir weismachen, dass du bei dem Gedanken, sein Kind zu kriegen, nicht feucht geworden bist?«

»Herrgott, Sierra.«

»Willst du das?«

Nein. »Worum geht es hier wirklich? Denn es geht nicht um mein imaginäres Baby.« Oder um das plötzliche Zucken in meinem Uterus.

Sie stützt sich mit den Händen auf die Resopal-Arbeitsplatte, beugt sich zu mir vor und reißt ihre ohnehin schon großen whiskeyfarbenen Augen auf. »Es geht um einen Playboy, der nicht lange fackeln wird, dich nach Ablauf der vier Monate, wenn er genug hat, auszumustern. Es geht wieder einmal um einen Menschen, der dich weit hinter seine eigenen Bedürfnisse stellt, statt dich zu seiner Priorität zu machen. Du verdienst es, an erster Stelle zu stehen, und für ihn stehst du nicht an erster Stelle. Das Ganze ist eine Lüge, verdammt noch mal!«

Es verschlägt mir die Sprache, während die Wut in mir gärt. Wir starren uns eine gefühlte Ewigkeit an.

Sie irrt sich. Es hat so angefangen, das stimmt, aber sie weiß nicht, wie Shaw sich in mein Herz geschlichen hat, als wäre er immer darin gewesen. Sie spürt nicht die Zärtlichkeit, mit der er mich streichelt oder winzige Küsse auf meinem Hals verteilt. Sie hört nicht die Verehrung und Aufrichtigkeit in seiner Stimme, wenn er meinen Namen sagt. Er beschützt mich vor den Medien. Er hat sich für mich zahllose Stunden von seiner Firma freigenommen. Er hat sich um meine Sicherheit in einem alles andere als sicheren Auto gesorgt.

Er hat mich an erste Stelle gestellt. Bisher im Grunde ständig. Und so sehr ich meine Familie liebe und Reid einmal geliebt habe, das haben sie nicht getan. Shaw hingegen schon.

Sie irrt sich.

Oder?

Wo sind die gottverdammten Wolken, auf denen ich noch vor einer Minute geschwebt bin? Der Teufel soll sie holen.

»Du warst es doch, die mir geraten hat, mit ihm zu schlafen!«, schreie ich und werfe dramatisch die Hände in die Luft. »›Brich die Regeln‹, hast du gesagt. ›Verbrenn dir die Zunge‹«, ahme ich spöttisch ihre tiefe Stimme nach.

»Ja. Ich hab dir gesagt, du sollst den heißen Kaffee vögeln«, entgegnet sie, »und dich nicht in seinen exotischen Geschmack verlieben. Sonst nichts!«

Ich durchbohre sie mit Blicken und ignoriere das Wort »verlieben«. »Ich glaube, beschönigender Bullshit liegt mir mehr.«

Sie grinst. »Ich bin nicht Dr. Seuss.«

Das ist lustig, doch ich kann nicht mal lachen, denn was, wenn sie recht hat? Plötzlich an den goldenen Flecken auf der strapazierten Arbeitsplatte interessiert, senke ich den Blick. Ich denke an das Wochenende zurück. Vor allem an Freitagmorgen und an Shaws aufrichtige Worte: Nun, die Wahrheit ist … Du faszinierst mich, wie es noch nie jemand getan hat, Willow, und was ich für dich empfinde, ist … neu für mich.

War ich zu sehr in dem Moment und in jedem Augenblick danach gefangen? War ich so naiv zu glauben, dass Menschen sich ändern können – dass ich für ihn der Grund sein könnte, sich zu ändern? Glaube ich ernsthaft, dass ein Mann, der grundsätzlich keine Beziehungen führt, urplötzlich treu und monogam sein will? Reicht Faszination dafür aus? Ist »neu« denn so schlecht?

Mist.

Ich habe keinen Schimmer.

Aber er war wegen mir im Klub.

Er hat sich für mich einen Tag freigenommen.

Er hat mich das ganze Wochenende über auf Händen getragen.

Er wollte meine Mutter kennenlernen.

Warum sollte ich an ihm zweifeln?

Zum Teufel mit Sierra und ihrem Trübsinn, der mir meine Hochstimmung verdirbt. Dafür bin sonst ich selbst zuständig. Ich rede mir alles Gute aus, das mir passiert, weil ich glaube, dass ich es nicht verdiene. Ich habe Shaw einen Teil von mir anvertraut, den ansonsten nur Sierra kennt – dass ich mich für den Tod meines Vaters verantwortlich fühle –, und er will mich trotzdem noch. Glaubt immer noch, dass ich seiner würdig bin. Ich verdiene Shaw, verdammt. Ich verdiene das. Ich verdiene Liebe und Glück. Auf alle Fälle eine Chance.

Oder nicht?

»Ich dachte, du führst keine Beziehungen.«

»Ich bin mir nicht sicher, Willow, aber ich … Ich will es versuchen. Ich versuche, so ehrlich wie möglich zu dir zu sein.«

Er war offen und ehrlich. Ich vertraue Shaw. Er hat mir bisher keinen Grund gegeben, es nicht zu tun. Von dem Zeitpunkt an, als wir vor dem Haus seiner Eltern saßen und er mir sagte, dass er mir keinen Mist erzählen würde, nur um mich ins Bett zu kriegen, habe ich ihm geglaubt. Er hat mir keinen Mist versprochen. Keine gemeinsame Wohnung, keinen Diamantring, keine Hochzeit. Keine Zukunft. Er sagte nur, dass er es versuchen will. Und sollte das nicht vorerst genug sein, bis es das nicht mehr ist? Bis er sich als unzuverlässig erweist?

»Du irrst dich, was ihn betrifft, Sierra. Das zwischen uns ist jetzt mehr als eine vertragliche Verpflichtung.«

Sie zieht die Mundwinkel nach unten. »Er ist über dreißig und meidet feste Beziehungen wie die Pest. Warum ausgerechnet jetzt? Warum ausgerechnet du?«

Zack. Das saß.

Ich weiß, dass Sierra mich nur beschützen will, doch das tut ein bisschen weh. Okay, sehr. Ich ziehe eine Schulter hoch. »Du findest, dass ich es nicht wert bin?«

»Natürlich bist du es wert. Du bist es mehr als wert.« Sie seufzt. »Das habe ich damit nicht gemeint, und das weißt du auch. Hier geht es um ihn. Nicht um dich.«

Ich mustere meine Freundin. Ich liebe sie über alles, aber manchmal glaube ich, dass wir einander keinen Gefallen tun. Wir beschützen einander zu erbittert. Wir fachen das Feuer vergangener Schmerzen so heiß an, dass es das Gute, das uns mit echtem Glück bedroht, zu nichts als Asche verbrennt. Wir sind unsere schlimmsten Feinde.

Deshalb könnte ich mich von dieser Bemerkung – von der ich weiß, dass sie mit äußerster Liebe und Besorgnis vorgebracht wurde – runterziehen lassen oder aber gegen das Bedürfnis ankämpfen, genau das zu tun.

Ich entscheide mich dafür zu kämpfen. Schlimmer als sich zu verlieben und verletzt zu werden wäre es, mir diesen unglaublichen Mann durch die Lappen gehen zu lassen, nur weil ich Angst davor habe, etwas Gutes zu fühlen. Oder überhaupt etwas zu empfinden.

»Ich glaube, genau darum geht es, Sierra.«

Sie holt tief Luft und bläst sie wieder aus. Wenigstens wirkt sie zerknirscht. »Ich mache mir nur Sorgen um dich. Wir beide haben nicht gerade die beste Erfolgsbilanz, was Männer betrifft.«

»Ich weiß, aber das hier ist anders. Er ist anders.«

»Wenn du es sagst.« Sie konzentriert sich wieder auf das streng riechende schwarze Gebräu und verkündet nonchalant: »Du hattest am Samstag Besuch.«

»Von wem?« Ich kriege nie Besuch. Nicht, dass ich eine Einsiedlerin wäre, aber besonders viele Freunde habe ich auch nicht. Ganz sicher keine, die vorbeikommen, ohne vorher anzurufen.

»Reid.«

»Reid?«, hauche ich verwirrt. Ich habe ihn am Donnerstagabend kurz im Klub gesehen, als zwischen ihm und Shaw um ein Haar ein Streit ausgebrochen wäre, aber ich habe seit fast einer Woche nicht mehr mit Reid gesprochen – seitdem er hier auf meiner Couch saß, mir das Unverzeihliche verzieh und mir sagte, dass er mich immer noch liebt. Sechs Tage danach weiß ich immer noch nicht so recht, was ich von jenem Abend halten soll. Oder von seiner Liebeserklärung. Oder wie ich mich deshalb fühlen soll. Ich weiß nur, dass jetzt alles anders ist. In diesen sechs Tagen haben Shaw und ich uns von Geschäftspartnern in ein Paar verwandelt. In ein echtes. Keins, um die Öffentlichkeit zu täuschen.

»Was wollte er?«

»Keine Ahnung.«

»Na, was hat er denn gesagt?«, dränge ich, während ich mich frage, warum er nicht einfach angerufen hat, anstatt vorbeizukommen, oder warum er sich seitdem nicht mehr gemeldet hat.

»Ich bin nicht dein Antwortdienst, Löwenbräu«, sagt sie kurz angebunden, bevor sie einen großen Schluck von ihrem vermeintlichen Kaffee trinkt und mit geschlossenen Augen seufzt. Sie trinkt noch ein paar große Schlucke, bevor sie ihren Becher nachfüllt. Sie hat so schnell getrunken, dass es mich nicht wundern würde, wenn sie sich dabei die oberste Hautschicht ihrer Zunge verbrüht hätte.

»Besser?«, frage ich, die Augenbrauen bis zum Haaransatz hochgezogen. Ich hätte es besser wissen müssen, als mit Sierra ein Gespräch anzufangen, bevor sie zumindest eine Tasse Kaffee intus hat. Vor ihrer ersten Koffein-Dröhnung ist sie reizbarer als eine Bärenmutter, die ihre Jungen verteidigt.

Sie lächelt selbstironisch. »So langsam.«

»Schlimme Nacht?«

Sie zuckt die Achseln. »Derselbe Mist wie immer.«

»Was ist passiert?«

»Er sah aus wie ein junger Hund, der sich verlaufen hat.«

Häh? »Wer?«

»Reid.«

Angesichts ihres abrupten Themenwechsels ziehe ich die Mundwinkel nach unten. Vermutlich sind wir fertig damit, über sie und ihr eigenes Leben zu sprechen. Sie steckt viel lieber ihre Nase in meins.

»Er steht immer noch auf dich.«

Ich weiß. Ich seufze innerlich.

»Wie kommst du darauf?«, frage ich und versuche, unbeschwert zu klingen.

Ich habe ihr nicht viel von neulich Abend, als Reid hier gewesen ist, erzählt, und ganz sicher nicht, dass er zugegeben hat, immer noch in mich verliebt zu sein. Sie hat mich damals in meiner Entscheidung, die Hochzeit abzublasen, unterstützt. Sie hat mich in die Arme genommen, als ich mich noch Monate später abends in den Schlaf weinte. Sie hat kein Wort gesagt, als ich mich immer wieder weigerte, mit ihm zu reden oder mich mit ihm zu treffen, dabei mochte sie Reid wirklich, und auch wenn sie damals ausnahmsweise einmal den Mund gehalten und mich ohne Wenn und Aber unterstützt hat, glaube ich nicht, dass sie mit der Art, wie ich mit ihm umgegangen bin, einverstanden war.

»Ach, ich weiß nicht … es könnte an dem Ausdruck in seinem Gesicht gelegen haben, als ich ihm sagte, dass du seit dem Emfest nicht mehr hier warst, oder vielleicht auch, als ich den Namen deines Freundes erwähnte.« Das Wort »Freund« spricht sie leicht spöttisch aus. Ich beschließe, es zu ignorieren.

»Was für ein Ausdruck?«

»Sagen wir einfach, ich hatte Angst, dass er sich in Yosemite Sam verwandelt und ich in die Läufe seiner rauchenden Colts blicken würde.«

Ich lache. »Du übertreibst.«

»Nein.« Sie trinkt noch einen Schluck, während sie meine Reaktion beobachtet. Ich halte mein Gesicht neutral.

»Er ist also nur sauer geworden und wieder gegangen? Sonst nichts?«

Sie schürzt die Lippen, während sie so tut, als denke sie nach. »So in etwa.«

»Hm.«

»Hm«, äfft sie mich nach. »Verschweigst du mir irgendwas?«

»Was sollte ich dir verschweigen?«

Sie stellt ihre Tasse ab und verschränkt die Arme. »Ich weiß nicht. Sag du es mir. Ich halte es nur für einen sehr merkwürdigen Zufall, dass er ausgerechnet jetzt wieder auftaucht, wo du anfängst, mit einem fingierten Freund auszugehen« – sie setzt »ausgehen« in Anführungszeichen – »mit dem dein Ex dich auch noch unwissentlich verkuppelt hat. Und ich glaube nicht an Zufälle.«

Ich sonst auch nicht, doch in diesem Fall ist es nichts anderes: eine groteske Reihe von Zufällen. Shaw, der mir hinten reinfährt. Noah – Shaws bester Freund und Geschäftspartner –, der mich vor Paul Grabers alles andere als ehrenhaften Absichten rettet. Und obwohl er alle Dominosteine angestoßen hat, kann Reid auf keinen Fall gewusst haben, dass Shaw sich unter Millionen von Frauen in dieser Stadt ausgerechnet mich als seine Freundin aussuchen würde. Deshalb glaube ich nicht, dass etwas anderes dahintersteckt als ein reiner, merkwürdiger Zufall.

»Das zeigt nur, wie klein die Welt ist«, sage ich.

»Was will er?«

»Woher soll ich das wissen?«, heuchele ich.

Sie schüttelt grinsend den Kopf. »Du spielst die Ahnungslose, Löwenbräu.«

Ich zucke die Achseln und gebe vor, nicht zu wissen, wovon sie spricht. »Ich glaube, er will nur mit der Sache abschließen, Ser. Ich meine, wir haben uns nicht gerade unter den günstigsten Umständen getrennt.«

Doch noch während ich das sage, weiß ich, dass es nicht stimmt. Mir geht sein Wortschwall an der Tür durch den Kopf: Ich werde dich anrufen, und scheiß auf ihn. Er braucht es ja nicht zu wissen. Und selbst wenn er dahinterkommt, schert mich das einen Dreck. Ich gehe das Risiko einer Konfrontation gern ein.

Er hat zwar gesagt, wir seien Vergangenheit, doch nachdem er Shaw schlechtgemacht, mich fast geküsst und mir eine Vergebung zuteilwerden lassen hat, derer ich niemals würdig sein werde, bin ich mir nicht ganz sicher, ob er das wirklich glaubt. Ach, Reid. Das Letzte, was ich will, ist, ihm wieder wehzutun, weil wir nicht sein können, was wir einmal waren. Es hat damals schon nicht funktioniert und wird es jetzt erst recht nicht.

»Nein. Jemand, der nur mit etwas abschließen will, wird nicht irre eifersüchtig, wenn ein anderer Typ erwähnt wird.« Sie zeigt mit ihrem Becher auf mich und verschüttet fast den Inhalt, als sie verkündet: »Er will dich zurück.«

Mir bleibt eine Antwort erspart, weil mein Handy klingelt. Ich greife mir das brummende Teil von der Küchentheke und hoffe, dass es der Mann ist, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht, seit ich ihn letzte Nacht verlassen habe, doch meine Hoffnung zerschlägt sich, als ich aufs Display schaue.

Reid.

Ich werfe einen Blick zu Sierra, die süffisant grinst. Mit dem Becher in der Hand verlässt sie mit großen Schritten den Raum, um mir Privatsphäre zu geben, und murmelt im Vorbeigehen: »Abschließen, na klar.«

4. KAPITEL

Willow

»Mein Gott, Willow. Das ist genauso gut wie in meiner Erinnerung.«

»Ich kann nicht glauben, dass dir das immer noch schmeckt«, sage ich und werfe ihm einen Seitenblick zu. Ich beiße ein Stück von meinem eigenen Sandwich ab und genieße die Erinnerungen an meine Kindheit, die es mir bringt. Das war an Samstagnachmittagen das Lieblingsessen meines Vaters.

»Fett und Schmalz. Weltbeste Kombination«, sagte er immer zu mir.

Reid hält die zwei Brotscheiben mit einer Füllung aus Fleischwurst, Kartoffelchips und einer ordentlichen Portion Mayo mit beiden Händen fest, beugt sich vor, damit die Krümel statt in seinen Schoß auf die Veranda fallen, und schließt bei jedem Bissen genüsslich die Augen. An bessere Zeiten zurückzudenken macht mich ein wenig wehmütig.

»Ich hab das seit Jahren nicht mehr gegessen«, verkündet er, nachdem er sich das letzte Stück in den Mund geschoben hat.

»Wirklich? Warum?« Ich stelle den Teller mit meinem nur zu drei viertel aufgegessenen Sandwich auf dem Tisch neben mir ab und wische mir die Hände mit der Serviette sauber. Mir ist auf einmal der Appetit vergangen.

Ich muss an das erste Mal denken, als ich diese Kreation in seinem Beisein gegessen habe. Es war während einer kurzen Pause bei einer Theaterprobe. Er hat mich ständig auf den Arm genommen und behauptet, es sähe eklig aus. Doch als ich ihn zwang, ein Stück davon zu probieren, änderte er sofort seine Meinung und bat mich, ihm für den nächsten Tag auch ein Sandwich zu machen. Von da an brachte ich immer, wenn wir am grasbewachsenen Ufer des Lake Union picknickten, zwei BC&Ms mit, wie Reid sie nannte, außerdem vier Gurkenviertel und eine Partybox mit dem billigsten Wein, den ich finden konnte.

Jetzt faltet Reid die Hände über seinem Bauch und sieht mich an. Sein Blick ist traurig und hoffnungsvoll zugleich, sodass ich mich frage, warum zum Teufel ich eingewilligt habe, dass er auf ein verspätetes Mittagessen vorbeikommt, anstatt Nein zu sagen.

Doch aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, es ihm nicht abschlagen zu können oder zu wollen. Auch wenn mein Herz in seiner Gegenwart immer noch schnell schlägt und ich das vertraute Flattern im Bauch spüre, will ich keine romantische Beziehung mit Reid. Diesen Platz hat ein autoritärer, starker, richtig schön sturer Mann eingenommen, der meine Seele berührt, ob ich es will oder nicht.

»Wie lautete die Frage noch mal?«, fragt er mit einem eigentümlichen Grinsen. Früher hat mein Herz dann immer einen Sprung gemacht. Und das tut es jetzt noch.

»Hast du sie echt vergessen oder lenkst du nur ab?«

Er verzieht den Mund zu einem Lächeln, was seine grünen Augen zum Strahlen bringt. »Keine Frau ist mir je so unter die Haut gegangen wie du, Willow. Keine vor dir. Und auch keine nach dir.«

Ich weiche seinem Blick aus, weil ich nicht weiß, wie ich reagieren soll.

»Warum bist du hier?«, frage ich, plötzlich verlegen.

»Ich bin hier, weil ich an der Kampagne für Preston Mercers Wiederwahl arbeite.«

»Nein«, antworte ich und sehe ihn jetzt an. »Ich meine nicht hier in Seattle. Warum bist du hier bei mir? Auf meiner Veranda? Isst Fleischwurst-Kartoffelchips-Sandwiches und unterhältst dich mit mir, als hätte ich dir nicht das Herz gebrochen und dein Leben zerstört?«

Er beugt sich vor und lässt die Hände zwischen seinen Schenkeln nach unten baumeln. Unter seiner abgetragenen Jeans zucken seine Muskeln, aber ich konzentriere mich auf sein Gesicht. Er lässt mich nicht aus den Augen, während er sagt: »Das Herz hast du mir gebrochen. Das gebe ich zu. Aber mein Leben hast du nicht zerstört, Willow. Du …« Er macht eine lange Pause. Sein intensiver Blick ist so versengend, dass mir ganz heiß wird. »… hast mir eine Perspektive gegeben.«

Meine Verwunderung manifestiert sich in einem verächtlichen Schnauben. »Perspektive? Inwiefern?«

Als er den Blick in den Garten schweifen lässt, habe ich das Gefühl, wieder atmen zu können. Ich verstehe nicht, worauf er hinauswill. Ich verstehe auch nicht, warum mir die Antwort so wichtig ist.

Weil ich ihm furchtbar wehgetan habe und ihm nicht wieder wehtun will.

»Als ich damals zum Vorsprechen das Theater betrat und deine wild aufgetürmten Haare, deine schlanke Taille und deinen perfekten herzförmigen Po sah, war es Lust auf den ersten Blick.«

Ich sehe ihm beim Sprechen zu. Er hat einen versonnenen Gesichtsausdruck. Diese Geschichte hat er mir noch nie erzählt.

»Doch als du dich umdrehtest, meinen Blick auffingst und dein bewusstseinsveränderndes Lächeln lächeltest, Willow …« Als er langsam den Kopf zu mir dreht, bin ich wie erstarrt. Meine Lungen schreien nach Luft. »Da hat es mir den Atem verschlagen. Da wusste ich, dass du die Richtige für mich warst.«

Ich schüttele mit dem Kopf. Der Schmerz in meiner Brust verstärkt sich. »Aber das bin ich nicht«, wende ich leise ein.

Ein zurückhaltendes Lächeln huscht über seine Lippen. »Doch, das bist du. Und ich hab’s vermasselt.«

Ich kann ihn nicht mehr ansehen. Stattdessen konzentriere ich mich auf zwei Eichhörnchen, die einander durch den Garten jagen, bevor sie einen Baum hinaufsausen und aus meinem Blickfeld verschwinden. Da mich sein intensiver Blick verwirrt, springe ich auf, trete ans Geländer und beuge mich darüber, während ich überlege, wie ich reagieren soll, ohne ihn zu verletzen.

Das Knarren eines Stuhls dringt an meine Ohren, kurz bevor ich Reids Körperwärme spüre. Er dreht mich zu sich um und nimmt sanft mein Gesicht in seine Hände. Leise atmend sieht er mich durchdringend an. Ob ich es will oder nicht, die Vergangenheit haftet an uns, verbindet uns immer noch.

»Du brauchtest mehr von mir.« Seine Stimme ist tief, rau … verletzlich. »Damals habe ich das nicht verstanden, aber jetzt schon.«

»Was glaubst du denn, was ich brauchte?«, frage ich ihn törichterweise und verfluche mich selbst dafür, dass mir die Frage herausgerutscht ist. Die Richtung, die dieses Gespräch nimmt, wird ihn nur noch mehr verletzen, da ich ihm nichts von dem geben kann, worum er mich jetzt bittet. Das gehört einem anderen. Mir wird plötzlich klar, dass es vielleicht schon immer so war.

Er streichelt langsam und kreisförmig mit dem Daumen über meine Wange. Er beobachtet die Bewegung, bevor er mir wieder in die Augen sieht. »Sag du es mir, Summer. Sag mir, was du brauchst, und ich gebe es dir. Sag mir, wie ich sein soll, und ich ändere mich. Sag mir, was ich tun soll, um dich zurückzugewinnen, denn so wahr mir Gott helfe … ich habe dich vielleicht eine Zeit lang gehasst, aber ich habe niemals aufgehört, von einem Leben mit dir zu träumen.«

Meine Atmung wird unregelmäßig. Er bittet mich, mich für ihn zu entscheiden. Ich sehe in die flehenden Augen eines Mannes, der das Unverzeihliche verzeiht. Der entschlossen ist und sich seiner Gefühle absolut sicher, und ich frage mich, warum ich nicht annehmen kann, was er mir anbietet.

Ich gehe im Geist alle Argumente für ihn durch.

Er bietet mir eine Zukunft an, während Shaw sich nicht festlegen will.

Er hat keine Angst, mir zu sagen, dass er mich liebt, oder mir offen seine Gefühle zu zeigen, während Shaw vorsichtig ist und sich zurückhält.

Bei Reid weiß ich, dass er mir Sicherheit und Gewissheit geben wird.

Oder ich könnte alles aufs Spiel setzen, ein Risiko mit einem Mann eingehen, der auf dem Verbindlichkeitskonto eine dicke fette Null stehen hat.

Ein Weg ist befestigt, der andere unbereist.

Doch wie es auch ausgeht, ich habe keine Wahl.

Ich brauche jemanden, der den Schlüssel zu meinen geheimen Wünschen schon in der Hand hält, und keinen Mann, der mich fragt, wo er ihn finden kann.

Ich packe ihn an den Handgelenken. »Ich will nicht, dass du dich veränderst, Reid. Ich mag dich genau so, wie du bist.«

Sein attraktives Gesicht wird lang. Er zieht die Mundwinkel nach unten, während er mich mustert und auf das lauscht, was ich zwischen den Zeilen sage. Als er die Hände wegzieht, bin ich traurig, weiß aber, dass ich das Richtige tue. Ihm etwas vorzumachen wäre viel schlimmer als das, was ich ihm schon angetan habe.

Als er sich wieder hinsetzt, suchen seine gefühlvollen Augen meinen Blick. Ich halte mich an dem Holzgeländer hinter mir fest. Vielleicht auch, um mich ihm nicht zu Füßen zu werfen und ihn um Vergebung anzuflehen, weil ich nicht die Frau bin, die er sich wünscht.

Er streicht mit den Händen über die glatten Armlehnen seines Stuhls und fragt: »Es geht gar nicht um ihn, oder?«

»Nein«,

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