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All of Me

Zu diesem Buch

Willow Blackwell hat ein Problem: Ihr Gehalt als Hörbuchsprecherin reicht vorne und hinten nicht, um für ihre kranke Mutter zu sorgen. Diese leidet seit Jahren an Alzheimer und braucht nicht nur Medikamente, sondern auch eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Daher kommt ihr das Angebot von Shaw Mercer gerade recht: Sie soll für vier Monate eine Beziehung mit dem erfolgreichen CEO vortäuschen und erhält dafür 250 000 Dollar. Shaw braucht eine Freundin, um sein Image als Playboy loszuwerden und seinem Vater die Wiederwahl als Bürgermeister von Seattle zu ermöglichen. Doch von der ersten Begegnung an ist nichts an dem Deal mit Willow geschäftlich. Wenn sich ihre Blicke treffen, knistert es, wenn sie sich berühren, prickelt ihre Haut, und jeder Kuss facht die Sehnsucht weiter an. Ihre Abmachung war klar: Geld gegen eine gespielte Beziehung, kein Sex und schon gar keine Gefühle. Doch je länger Shaw und Willow allen das glückliche Paar vorspielen, desto heißer brennt die Leidenschaft zwischen ihnen. Bis sie jede Regel brechen, die sie aufgestellt haben …

Verloren.

Manchmal finden wir uns, indem wir uns verlieren.

Robert Tew

Prolog

Vier Jahre zuvor

Willow

Ich blicke auf den leicht zerknitterten Abschiedsbrief in meiner Hand, dessen schlicht weißes Papier mit meiner unordentlichen Schrift bekritzelt ist.

Meine Worte sind schlicht und unbarmherzig. Zielgerichtet. Sie sollen verletzen. Verbindungen kappen.

Was ich tue, ist falsch, aber Schmerz ist ein gewaltiges Netz aus Selbstzerstörung, und ich habe mich so fest in seinen unerbittlichen stacheligen Stricken verfangen, dass es mir die Blutzufuhr abschneidet.

Und dass er weiter damit klarkommen müsste, wäre nicht fair.

Im Grunde ist es meine Schuld. Ich habe es so weit kommen lassen. Ich habe ihn in dem Glauben gelassen, dass er Teile von mir besitzen könnte, die nicht zu haben waren. Verdammt, mir selbst habe ich dasselbe vorgemacht. Ich wusste, dass uns das irgendwann einholen würde, und heute Abend scheint es soweit zu sein.

Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Vielleicht wusste ich das nie.

Ich schnappe mir die Reisetasche, die ich in die Ecke des Wandschranks gestopft hatte, und sehe mich ein letztes Mal in dem dunklen Zimmer um. Ich schlucke den harten Kloß aus Traurigkeit in meinem Hals runter, als mein Blick auf meinen schlafenden Verlobten fällt, der keine Ahnung hat, wie ihm geschieht. Doch irgendwie glaube ich auch, dass er nicht allzu überrascht sein wird, wenn er beim Aufwachen feststellt, dass ich fort bin.

Ich denke an seine harten Worte, die in unserem Streit vorhin gefallen sind und die ich nicht vergessen kann. »Wenn du es nicht zulässt, kann dich keiner lieben, Willow

Ja. Er hat ja recht. Mir kann aber auch keiner wehtun.

Ich lege den geknitterten Abschiedsbrief auf den Toilettentisch und streiche ihn glatt. Ich drehe den Verlobungsring von meinem linken Ringfinger und lege ihn behutsam neben die Nachricht.

Nach einem letzten Blick auf meine gefühllosen, herzlosen Worte …

Ich liebe dich nicht mehr.

Es tut mir leid.

… laufe ich durch sein Haus und trete zur Tür hinaus. Draußen atme ich die kühle Nachtluft ein und fühle mich mit jedem Atemzug leichter. Eben noch drückte mich alle Last der Welt nieder, bis ich zu ersticken glaubte. Jetzt fühle ich mich nur erleichtert.

Leer.

Allein.

Und so verdammt verloren, dass ich nicht weiß, ob mich irgendjemand finden kann, mich selbst eingeschlossen.

1. Kapitel

Heute

Willow

Mein Kleid verkauft falsche Wahrheiten. Das Make-up verdeckt die Lügen. Ein aufgesetztes Lächeln und schmeichelnde Worte lenken ab und täuschen. Die drei Karat an meiner linken Hand blenden jedermann, außer mich selbst.

Ich kenne die Wahrheit.

Ich mustere mich kritisch, von der perfekten Frisur bis zu den Zehennägeln im French Look, die aus meinen Slingback-Sandalen hervorlugen. Ich betrachte mich in dem Ganzkörperspiegel, drehe mich einmal um die eigene Achse und kenne die oberflächliche Frau nicht, die zu mir zurückblickt.

Sie runzelt die Stirn und verzieht die Mundwinkel nach unten. Verachtung trübt ihre ungewöhnlich grünen Augen. An den dünnen Fältchen in ihrem Gesicht und den leicht herabhängenden nackten Schultern ist Traurigkeit zu erkennen.

Sie verurteilt mich.

Das sollte sie auch.

Ich bin ein grässlicher, schrecklicher Mensch.

In weniger als zehn Minuten werde ich mich von meinem Vater durch einen Gang, der mit frischen Blumen und an jeder zweiten Kirchenbank mit Seidenschleifen geschmückt ist, zum Altar führen lassen.

Ich werde dort ankommen und mich von Daddy, dessen Blick von Tränen getrübt ist, auf die Wange küssen und an einen anderen Mann übergeben lassen.

Ich werde die Hand meines Verlobten in meine nehmen, in seine vor Freude überfließenden treuherzigen Augen sehen und mich lebenslang an diesen Mann binden, der großzügig, loyal und liebenswürdig ist.

Ich werde versprechen, ihn zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod uns scheidet.

Ich werde aus Bosheit und aus Rache vor Gott, unserer Familie und unseren Freunden geloben, diesen großartigen Mann in Gesundheit und in Krankheit zu lieben. Aus Taktik. Als gigantisches »Leck mich« an den Mann, den ich wirklich liebe, aber nicht haben kann.

Ich werde einen Mann heiraten, den ich aufrichtig respektiere und liebe … aber nur als meinen allerbesten Freund.

Wer macht so etwas?

Ein destruktives, selbstsüchtiges Miststück. So sieht’s aus.

Ich senke den Blick auf meinen langen –

»Hallo, Süße!«, ruft meine Mitbewohnerin Sierra, während sie über den Flur läuft. Der Krach dringt in den Raum, in dem ich mich eingeschlossen habe. Ich schüttele empört den Kopf. Meine Aufnahme ist versaut. Egal, wie oft ich sie bitte, leise zu sein, wenn sie nach Hause kommt, sie kapiert’s nicht.

Ich brauche eine größere Wohnung mit Privatsphäre und einem separaten schalldichten Raum, wo ich in aller Ruhe arbeiten kann. Nicht diese behelfsmäßige Ecke, die ich mir in meinem Schlafzimmer eingerichtet habe.

Traurigerweise ist mein Bankkonto da anderer Meinung.

»Verdammt, Sierra. Ich habe dich mehrfach gebeten, beim Reinkommen nicht zu rufen. Jetzt muss ich ganz von vorn anfangen«, jammere ich, als sie meine Tür aufreißt.

»Oh, mein Fehler. Warst du mitten in einer Tonaufnahme?«

Ein vernichtender Blick ist meine einzige Antwort.

»Tut mir leid.« Sie klingt zerknirscht. Ich weiß, dass sie es ernst meint, doch das wird sie nicht davon abhalten, es wieder zu tun. Und wieder. Und wieder …

»Schon gut, es ist nur ein Probeband.« Ich reiße mir die Kopfhörer herunter, schalte mein Mikro aus und werfe noch einen Blick auf den Prolog des Liebesromans, den ich gerade eingesprochen habe. Der hier fängt dramatischer an als andere, ganz klar um die Leserinnen anzufixen, doch enden wird er genau wie alle anderen. Mit einem Happy End.

Ich versuche, diese Aufträge zu meiden. Die ergreifenden Geschichten von Hoffnung und Liebe und zweiten Chancen. Zwei Seelenverwandte, die sich aller Widrigkeiten zum Trotz finden und bis an ihr Lebensende glücklich und zufrieden sind. Doch da Hörbücher immer beliebter werden und ich von meinem Master of Fine Arts meinen Berg von Rechnungen nicht bezahlen kann, setze ich mein Schauspieltalent so ein, dass ich dazu imstande bin.

Ich persönlich lese lieber Krimis oder historische Romane. Ihr könnt mir auch jederzeit ein gutes Handbuch zum Einlesen geben. Leider musste ich meine Arbeit auf alle Genres erweitern, einschließlich Liebesromane. Ein notwendiges Übel, doch ich habe festgestellt, dass meine sinnliche Stimme recht gefragt ist und besser zu Erotika und Liebesromanen passt als zu Science Fiction oder Kindergeschichten.

»Arbeitest du heute Abend?«, fragt Sierra, während ich meine leere Colaflasche von meinem Schreibtisch fege und an ihr vorbei die Treppe hinab in die Küche gehe.

»Ja. Ursprünglich nicht, aber Holly hat sich eine fiese Grippe eingefangen, deshalb springe ich ein.« Das macht mir nichts aus. Die Extrakohle kann ich immer gebrauchen.

Ein rascher Blick auf die Uhr über dem Herd zeigt mir, dass es erst sechzehn Uhr ist. Mir bleiben noch vier Stunden, bis ich los muss. Massenhaft Zeit für ein Workout, einen schnellen Imbiss, einen neuen Take und eine Dusche. In dieser Reihenfolge.

Auch wenn ich meinen Brotjob liebe und er langsam in Schwung kommt, bin ich immer noch relativ neu in der Branche, außerdem arbeite ich für einen kleineren Verlag. Die Bezahlung erfolgt nach Erfahrung und Textlänge, und da ich bei beidem noch am unteren Ende stehe, tun es auch die zweiwöchigen Einzahlungen auf mein Bankkonto. Sie reichen nicht annähernd, um die monatlichen Ausgaben zu decken, die mir permanent Bauchschmerzen bereiten.

»Ist der Typ unter fünfzig?«

»Ser«, schimpfe ich mit ihr, während ich meine Iso-Trinkflasche aus dem Schrank ziehe.

Ihre feinen Augenbrauen heben sich mit einem ihrer Mundwinkel. »Nun?«

Seufzend schraube ich den Verschluss ab, damit ich die Flasche mit Eis füllen kann. Ich schäme mich nicht für meinen Teilzeitjob. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste. Würde ich ihn freiwillig machen? Auf keinen Fall. Aber es ist schlicht und einfach eine Notwendigkeit.

»Keine Ahnung«, weiche ich aus.

Ehrlich gesagt lüge ich nach Strich und Faden. Paul Graber ist ein fünfundfünfzig Jahre alter Hotelier aus Boston mit drei blutrünstigen Exfrauen, vier erwachsenen Kindern und fünf Enkeln. Ihm gehören über dreißig Boutique-Hotels der Extraklasse und drei Full-Service-Ferienresorts. Er ist wegen einer politischen Benefizveranstaltung in der Stadt, bei der er dem Vernehmen nach großzügig spendet.

Jedenfalls hat mir das meine Chefin Randi erzählt. Randi kann ein harter Knochen sein, aber sie passt auf uns auf und gibt uns alle Infos, die wir brauchen, um unsere Arbeit zu machen, und zwar gut.

»Lügnerin.« Sie pflückt sich eine rote Weintraube aus der Obstschüssel, steckt sie sich in den Mund und fragt kauend: »Kennst du den Typen schon?«

Sierra ist einer von nur zwei Menschen, die wissen, was ich nebenbei mache. Sie verurteilt mich zwar nicht, macht sich aber Sorgen. Das braucht sie nicht. Die Männer, mit denen ich mich treffe, werden auf Herz und Nieren geprüft und gesperrt, wenn sie sich danebenbenehmen.

»Nein, aber er hat zu Randi gesagt, dass er in den nächsten Monaten öfter in der Stadt sein wird, und wenn es heute Abend gut läuft, könnte er Stammkunde werden.«

Ich sage es nur ungern, aber das Einzige, was mir in den Sinn kommt, wenn ich Männer wie Paul Graber ansehe, der sein hart verdientes Geld für eine Nacht mit mir ausgeben wird, ist das Wort Goldesel.

Das mag kalt und gefühllos klingen, aber ich bin da realistisch. Ich habe gelernt, dass das Leben hart und gnadenlos ist. Niemand außer du selbst sorgt für dich. Wenn mich also Männer wie Paul Graber zu ihren eigenen egoistischen Zwecken benutzen wollen, wieso sollte ich nicht das Gleiche tun? Zudem weiß ich bei meinen Kunden genau, wo ich stehe, und tief in mir ist das ein seltsam beruhigendes Gefühl.

Okay. Themawechsel.

»Und wie geht’s Raul?«, frage ich, während ich meine Flasche mit Leitungswasser fülle.

»Eine betrügerische Ratte, ein schwanzlutschender Scheißkerl«, antwortet sie kurz und bündig. Als ich das leichte Zittern in ihrer Stimme höre, komme ich mir vor wie ein Schuft. Hätte ich ihr mehr Beachtung geschenkt, als sie meine Tür aufriss, wären mir ihre geröteten Augen schon früher aufgefallen und nicht erst nach einem fünfminütigen Gespräch.

»Oh nein, Ser. Was ist passiert?« Ich greife über die Kücheninsel nach ihrer Hand. Da sie sonst nicht der gefühlsduselige Typ ist, verrät mir die Tatsache, dass sie die Hand nicht wegzieht, eine ganze Menge.

Sie leidet.

Sehr.

Ich liebe meine beste Freundin Sierra mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt, doch ihr Männergeschmack ist eine Katastrophe. Mit ihren einen Meter achtzig ist sie auf gruftihafte Art sehr gut aussehend. Sie ist der seltene Frauentyp, der von Natur aus beneidenswerte Kurven hat (86–71–81) und alles essen kann, was er will und wann er will. Sie hat noch nie einen Fuß in ein Fitnessstudio gesetzt und gehört zu dem einen Prozent Frauen, die die anderen neunundneunzig Prozent allein schon aus Prinzip hassen.

Sie ist frech und unverfroren. Zudem hat sie unter all meinen Bekannten das größte Herz. Doch je größer das Herz, desto größer die Mitte der Zielscheibe, hat meine Mutter immer gesagt. Und umso leichter wird man getroffen.

»Meine postkoitale Glut wurde regelrecht ausgepisst, als er einen Anruf von einer Tussi namens Barbi bekam. Scheiß Barbi, Löwenbräu!« Ich lächele über den Spitznamen, den sie mir in unserer Kindheit verpasst hat, die Lieblingsbiermarke ihres Großvaters. »Wer nennt denn sein Gör Barbi?«

»Jemand mit einem Märchen-Komplex?« Ich zucke mit einer Schulter.

Sie fährt mit gesenkter Stimme fort. »Er war unter der Dusche, als sein Handy aufleuchtete. Ich habe mir verboten, nachzusehen, aber es war das fünfte Mal in einer Stunde.«

»Bist du drangegangen?«

»Als ich als Anrufer-ID ein Paar gepiercte Doppel-Ds sah? Da kannst du deinen Arsch drauf verwetten.«

Und genau das ist der Grund, warum ich nicht auf der Suche nach meinem Märchenprinzen bin, einer Kunstfigur, die Walt Disney erfunden hat.

»Autsch.« Ich zucke regelrecht zusammen.

»Ja. Autsch.« Sie senkt den Blick, doch erst, nachdem ihr eine widerspenstige Träne übers Gesicht gelaufen ist. »Ich glaube, er wollte, dass ich es rausfinde. Sonst hätte er das Handy mit ins Bad genommen, oder?«

Ich nicke geistesabwesend. Es ist so lange her, seit ich eine ernsthafte Beziehung hatte, oder ein richtiges Date, dass ich ernstlichen Mangel an guten Ratschlägen habe. Ich drücke fest ihre Hand und sage das Einzige, was mir dazu einfällt. »Er hat dich nicht verdient.«

»Warum muss so was immer mir passieren? Ich bin doch ganz süß, oder?«

Meine Augenbrauen schießen bis zum Haaransatz hoch.

»Vielleicht ist genau das mein Problem. Vielleicht muss ich mich ändern.«

Jetzt nehme ich ihre beiden Hände und zwinge sie, mich anzusehen. »Untersteh dich. Sei, wie du bist, nicht so, wie andere dich wollen.« Das ist etwas, worüber ich Bescheid weiß. Es ist anstrengend, das zu sein, was andere wollen, statt man selbst. Doch zumindest kann ich das jetzt zu meinem Vorteil nutzen.

»Also, besser gesagt: Fick dich ins Knie, Raul?«

»Genau. Soll Prolo-Barbi den Fremdgänger doch haben.«

»Ich wette, sie hat einen Vokuhila.«

»Und ihr liegen gebliebener Trailer ist nicht mal rosa.« Ich lache.

»Bestimmt hat sie bei Walgreen’s den ganzen blauen Lidschatten aufgekauft«, ätzt sie und wirkt mit jeder gehässigen Stichelei fröhlicher.

»Ja. Mit zwei Blagen auf den Hüften und einer Mentholzigarette zwischen knochigen Fingern mit pink lackierten Nägeln.«

Wir lachen über das Bild, das wir von Miss Piercing-Doppel-D heraufbeschwören, bis Sierra die Tränen übers Gesicht laufen. Dann hört sie auf, schnieft und wischt sie diskret weg.

Das war’s. Gespräch beendet. Ich werde ihre Tränen nie mehr erwähnen – die sie sowieso herunterspielen würde –, und sie wird nie wieder von ihrem untreuen Ex sprechen. Aber so sind wir. Wir sind ziemlich giftig. Manchmal glaube ich, die Umweltschutzbehörde sollte uns beiden ein Warnschild ankleben.

»Willst du ein Omelett?«

»Du und dein ›Frühstück-zum-Abendessen‹-Unsinn. Das ist echt seltsam, falls ich es nicht schon hundertmal erwähnt habe.«

Sie findet es super. Es ist ihr ans Herz gewachsen, seit ich ihr zum zweiten Mal meine köstlichen fluffigen Eier gemacht habe, die bis zum Rand mit Gemüse und knusprigem Pancetta gefüllt sind.

»Was soll ich sagen, ich bin eben unkonventionell!« Und es erinnert mich an meine Familie. Wie es damals war, als ich noch glücklich war und das Leben über unendliche Möglichkeiten verfügte. »Wir haben keine Eier mehr, deshalb halte ich auf dem Rückweg vom Fitnessstudio kurz beim Laden und bringe welche mit. Willst du mitkommen?«, frage ich, obwohl ich die Antwort ganz genau kenne, doch ich hoffe, dass sie trotzdem nur das eine Mal Ja sagen wird.

»Also bitte. Ich schwitze nur im Schlafzimmer, das weißt du doch.«

»In einer halben Stunde findet ein Kickboxing-Kurs statt. Könnte gut zum Stressabbau sein«, füge ich in der Hoffnung, sie doch noch zu ködern, aufgeregt hinzu. Es wäre schön, im Fitnessstudio eine Freundin dabeizuhaben, aber noch viel unterhaltsamer wäre es, sie bei ihren unkoordinierten und schlecht getimten Fußtritten und Faustschlägen zu beobachten.

»Dafür habe ich doch Melvin, Schatzi.« Sie steht auf und schnappt sich das People-Magazin von der Arbeitsplatte, bevor sie den Raum verlässt.

»Ein neuer Mann in deinem Leben, von dem du mir noch nicht erzählt hast?«, ziehe ich sie auf, obwohl ich genau weiß, wer Melvin ist. Oder besser gesagt was er ist.

»Ja. Er ist gestern gekommen.« Sie dreht sich noch einmal um. »Melvins beste Eigenschaften sind seine hundertprozentige Treue und dass er mich angeblich in weniger als dreißig Sekunden zum Orgasmus bringt. Bei echten Schwänzen ein Ding der Unmöglichkeit. Ach, bringst du mir bitte Doppel-A-Batterien mit? Nimm die Superpackung. Und ruf mich, wenn das Abendessen fertig ist.«

Ich nicke und sehe zu, wie die traurige Sierra über den Flur verschwindet. Als ich höre, wie sich ihre Zimmertür leise schließt und Chris Cornells »Nearly Forgot My Broken Heart« durch die dünnen Wände dringt, weiß ich, dass sie sich ein bisschen antörnt und im stillen Kämmerlein weint. Doch wenn sie wieder rauskommt, hat sie ihre Ihr-könnt-mich-alle-mal-Maske aufgesetzt, bis das nächste Arschloch sie erneut zerbricht und alles wieder von vorn losgeht.

Wir sind uns so ähnlich, sie und ich. Das waren wir schon immer. Wir zeigen der Welt nur das, was sie sehen will, und behalten unsere Zerrissenheit für uns, während wir in unserem eigenen abgeschiedenen Brunnen aus Traurigkeit und bitteren Tränen baden. Ich glaube, deshalb haben wir uns auch in der dritten Klasse zueinander hingezogen gefühlt, als Sierras Familie nach Seattle gezogen war.

Sierra war bei jedem Schmerz, jeder Verletzung, jedem blauen Fleck, jedem Fehler und jedem schrecklichen Ereignis, das mich im Leben heimgesucht hat, an meiner Seite, so wie ich an ihrer. Wir haben einander die Haare aus der Kloschüssel gehalten, uns bei großem Kummer an den Händen gefasst und die Arme umeinander gelegt, um uns in unserer Trauer buchstäblich zusammenzuhalten. Auf der ganzen Welt gibt es keinen besseren Menschen als Sierra Wiseman.

Ein passender Name, wie ich schon immer fand. Sie hat mir mehr über das Leben beigebracht als jeder andere. Ich wünschte nur, sie könnte mir beibringen, wie man es auch wirklich lebt.

2. Kapitel

Shaw

»Der berühmte Shaw Mercer. Freut mich, Sie wiederzusehen.« Jack Hancocks Händedruck ist fest und selbstsicher wie der Mann selbst.

»Es ist viel zu lange her, Jack.« Ich drücke genauso selbstbewusst seine Hand.

»Allerdings.« Jack begrüßt auch meinen Geschäftspartner Noah, der seit unserer Geburt auch mein bester Freund ist, und schüttelt ihm die Hand, bevor er sich vertraulich zu uns beugt. »Wir sollten bald mal zusammen die Stadt unsicher machen, wenn Sie wissen, was ich meine.« Den letzten Teil des Satzes schiebt er mit gesenkter Stimme nach.

Ich drücke kumpelhaft seine Schulter. Ein rascher Blick zu Noah zeigt mir, dass er sich ein Grinsen verkneift. »Klar. Das kriegen wir hin. Sagen Sie uns einfach Bescheid, wann Sie Zeit haben.«

»Peggy wird sich mit Ihrer Assistentin in Verbindung setzen und einen Termin vereinbaren.«

»Klingt gut. Dann wollen wir mal loslegen.« Ich winke einer Gruppe wichtiger Herren im Anzug zu, die an dem langen Konferenztisch sitzen, der nur wenige Meter entfernt steht.

Er setzt sich zögernd in Bewegung.

»Stimmt was nicht, Jack?«

»Heute ist der große Tag«, sagt er. Er fängt meinen Blick auf. Schatten verdunkeln seine Begeisterung. »CJ sollte dabei sein.«

»Er wäre sehr stolz«, versichere ich ihm, weil ich genau weiß, was ihm durch den Kopf geht. Der tragische Tod eines brillanten Wissenschaftlers hat Aurora Pharmaceuticals fast handlungsunfähig gemacht, doch mithilfe unserer Firma sind sie wieder auf die Beine gekommen.

Er nickt und nimmt in der Mitte des Tisches Platz. Ich sitze am Kopfende, Noah rechts von mir, und Aamir Vaishnavi, Leiter der Unternehmenssparte für pharmazeutische und medizinische Produkte, links von mir.

Noah Wilder und ich sind gleichberechtigte Geschäftspartner und Eigentümer von Wildemer & Company, einer der am schnellsten wachsenden Global Management Consultingfirmen der Welt. Seit wir mit drei Wochen Abstand auf die Welt kamen, sind wir auf diese Rollen vorbereitet worden. Wir wurden an den exklusivsten Privatschulen unterrichtet, haben in Cambridge studiert und unseren MBA an der renommierten Wharton School of Business gemacht. Seit dem Tag unserer Empfängnis waren wir quasi wie siamesische Zwillinge.

Unsere Urgroßväter, Walter Wilder und Artie Mercer, haben dieses Familienunternehmen im Jahre 1926 gegründet. Weniger als dreißig Jahre später hatten sie ein Dutzend Geschäftsstellen in den Vereinigten Staaten aufgebaut und bedienten über zwanzig asiatische und europäische Länder.

Noah und ich haben das, was unsere Vorfahren geschaffen haben, erweitert und zu ganz neuen Höhen emporgehoben. Als wir vor gerade mal acht Jahren das Zepter von unseren Vätern übernahmen, hatten wir schon eine solide Strategie für das Wachstum dieses erfolgreichen Geschäfts, indem wir unsere Expansionsbestrebungen statt auf globale Vorherrschaft auf einzelne Wirtschaftszweige fokussieren wollten. Wir schufen vier neue Spezialabteilungen, wovon die am schnellsten wachsende die für Pharma- und Medizinprodukte ist.

Ich wollte nie etwas anderes machen. Seit ich vier Jahre alt war und mir der Geruch von Leder und Erfolg im Arbeitszimmer meines Vaters zu Hause in die Nase stieg, wusste ich, dass ich Teil des Familienerbes sein musste. Teil von etwas Wichtigem. Etwas Lebensveränderndem. Das war stets von mir erwartet worden, doch schon in einem Alter, in dem die anderen Jungs mit Matchbox-Autos und Videospielen spielten, wusste ich, dass ich es auch wollte. Das ist ein Riesenunterschied. Erwartungshaltung versus eigenes Anliegen.

Was wir machen, woran wir teilhaben, könnte sehr vielen Menschen und ihren Familien helfen, und dass meine Firma dazu beitragen könnte, erfüllt mich mit einer unglaublichen Befriedigung. Das ist der Grund, weshalb ich nur für diese Firma lebe. Ich bin genauso scharf aufs Geld wie jeder andere, aber das … das ist der Grund, warum ich jeden Tag zur Arbeit gehe.

Doch heute ist der Grund, warum wir hier sitzen, eindeutig die Kohle.

Es ist an der Zeit, dass Aurora Pharmaceuticals von einer nicht börsennotierten Firma zu einem Börsenunternehmen wird. Eine weitere Spezialität von uns.

»Jack, ich wollte damit beginnen, Ihnen noch einmal für Ihre Partnerschaft und für das Vertrauen zu danken, das Sie Wildemer geschenkt haben.« Ich blicke zu den zwanzig Augenpaaren, die an meinen Lippen hängen. »Der Tagesordnung vor Ihnen können Sie entnehmen, dass wir heute hier sind, um den endgültigen Emissionsprospekt für den Börsengang zu besprechen. Wie Sie alle sehr gut wissen, zeigt unsere Analyse, dass Sie durch den First-to-Market-Vorteil sechs Prozent höhere Marktanteile erzielen, und das über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren. Es ist an der Zeit, das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß ist. Sind Sie bereit, Ihre Firma an die Börse zu bringen, Jack?«

Aurora Pharmaceutical ist nicht nur einer unserer ersten und größten Pharmaklienten, sondern auch ein spezialisierter Pharmakonzern von mittelhohem Börsenwert, der dabei ist, ein bahnbrechendes Biotech-Medikament zu entwickeln. Mithilfe unserer ausgeklügelten analytischen Tools ist es uns gelungen, es etwa zwölf Monate früher durch alle drei Phasen klinischer Versuche zu pushen, als sie es aus eigener Kraft geschafft hätten.

Mit ihrem Gehirnschmalz und unserer Analytik waren wir letztes Jahr in der Lage, bei der Behörde für Lebens- und Arzneimittelsicherheit einen Zulassungsantrag auf ein revolutionäres Biologikum zu stellen, das das Gesicht einer Krankheit, die ganze Familien lähmt und das Gesundheitssystem belastet, verändern wird.

Aus diesem Grund können sie auch eine Scheißmenge Kohle machen, wenn sie an die Börse gehen.

Er grinst. »Ich werde nicht ruhen, bis es zum erstklassigen Wertpapier wird.«

»Das wollte ich hören.«

Er lacht, und ich nicke Aamir lächelnd zu. »Wie Sie wissen, sind Sie bei Aamir in sehr kompetenten Händen. Er wird uns heute durch die Besprechung führen. Aamir?«

»Danke, Mr Mercer. Auf Seite eins des Prospekts weisen wir darauf hin, dass wir neunundsechzig Millionen Aktien zum Verkauf anbieten, während AP nur einundfünfzig Millionen anbietet, und dass die restlichen achtzehn Millionen zwischen zwei Investmentfirmen aufgeteilt werden …« Mit beiden Anwaltsteams am Tisch lehne ich mich entspannt zurück, während Aamir damit beginnt, die Details des gut hundert Seiten umfassenden Dokuments durchzugehen.

Sechs lange, aber sehr fruchtbare Stunden später steigen Noah und ich in unseren Lincoln MKC mit Chauffeur. »Zurück ins Büro?«, fragt Mark durch die offene Trennwand.

»Ja«, rufen wir im Chor zurück.

»Ich wette, mit dem Namen ist der Typ an der Highschool ziemlich verarscht worden. Jack Hancock.«

Noah lacht, während er seine E-Zigarette herausholt. Er ist seit sechs Wochen Nichtraucher, die längste Zeit, die er bisher ohne Unterbrechung durchgehalten hat. Er hat schon so oft versucht, aufzuhören, dass ich beim Zählen durcheinanderkomme, doch seit bei seinem Vater im Alter von erst neunundfünfzig Jahren Kehlkopfkrebs diagnostiziert worden war und er dabei zusehen musste, wie er langsam dahinsiechte, ist er fest entschlossen, ihm nicht in ein frühes Grab zu folgen.

Ich bin stolz auf ihn. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendetwas so sehr zu wollen, dass es mich Tag und Nacht beschäftigt. Eine solche Abhängigkeit hatte ich noch nie im Leben. Von etwas. Von jemandem. Und ich strebe es auch nicht an. Gott weiß, dass ich meinen Lieben oft genug dabei zugesehen habe, wie sie unter so einem Mist litten.

»Mag sein, aber wer lacht zuletzt? Er wird schon sehr bald den lukrativsten Pharmakonzern auf der Welt leiten und reicher sein als ein saudischer Ölscheich.«

»Gut gekontert.« Er nimmt noch einen Zug und stöhnt vor von Nikotin bewirkter Glückseligkeit.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und checke rasch meine verpassten Anrufe.

Zwei von meiner Mutter, einer von meiner Schwester Gemma und einer von Lianna. Beim letzten seufze ich, und als ich meine Textnachrichten öffne und drei von Lianna sehe, mache ich ein finsteres Gesicht. Himmel Herrgott. Sie ist schwerer loszuwerden als eine Zecke, die einem alle Lebenskraft aussaugt.

Ruf mich an.

Ich muss mit dir reden.

Bitte, Shaw. Bitte.

»Für die Benefizveranstaltung heute Abend bist du mir was schuldig«, erinnert mich Noah. Für die, für die ich einen Gefallen von ihm eingefordert habe, damit er hingeht.

»Du laberst nur Scheiße. Dafür, dass du einen Saal voll mit heißen Frauen bearbeiten kannst? Da solltest du mir was schuldig sein, nicht andersherum.«

Er lacht, während ich durch meine restlichen Nachrichten scrolle. Als ich eine von Annabelle sehe, meiner kleinen Schwester – Immer noch Lust auf ein Familienidyll? –, antworte ich rasch.

Ich: Versprichst du zu kommen?

Sie antwortet sofort.

AB: Versprechen sind dazu da, gebrochen zu werden.

Ich: Ich dachte, ich sei was Besonderes.

AB: Du bist total eingebildet.

Ich: Sehen wir uns später?

Schweigen. Zur Hölle mit ihr.

»Springt sie ab?«

»Wer?«

»Bluebelle. Wer sonst?«

Ich hole tief Luft, werfe mein Handy neben mich auf den Ledersitz und beobachte durchs Fenster, wie die Stadt vorbeigleitet, während wir zurück zu unseren Büroräumen fahren.

»Keinen blassen Dunst. Dieses Mädchen ist so schwer zu fassen wie Nessie.«

Er schmunzelt. »Du vergleichst deine kleine Schwester mit dem Ungeheuer von Loch Ness?«

»Manchmal ist sie ein Ungeheuer.«

»Ist diese kleine Party nicht sowieso für sie? Zu ihrem 21. Geburtstag?«

Mit sechsunddreißig bin ich der älteste von vier Geschwistern. Gemma ist zwei Jahre jünger als ich, Lincoln wiederum zwei Jahre jünger als sie, während mich und mein jüngstes Geschwisterchen Annabelle fast sechzehn Jahre trennen. Sie war eine »Panne« und leidet nicht nur unter dem klassischen »Nesthäkchen-Syndrom«, sondern vergisst es aus irgendeinem Grund auch nie, meinen Eltern zu jeder sich bietenden Gelegenheit aufs Butterbrot zu schmieren, dass sie nicht gewollt war. Das ist ein Rätsel, das ich einfach nicht lösen kann, denn meine Eltern haben sie nie anders behandelt als uns andere Geschwister. Eigentlich versuchen sie sogar, ihre negative Einstellung überzukompensieren, weshalb sie praktisch mit allem ungestraft davonkommt.

Ungeachtet all dessen oder vielleicht sogar deswegen, stehen sich Annabelle und ich von all unseren Geschwistern am nächsten, doch das heißt nicht, dass sie mir nicht ganz schön auf den Sack geht. Das tut sie. Ständig.

»Ja. Das heißt aber nicht, dass sie auch aufkreuzt. Wie du weißt, ist sie berüchtigt dafür, meine Eltern hängen zu lassen. Meine Mom hat bestimmt den ganzen Tag damit verbracht, ihr Lieblingsessen zu kochen, und sie wird entweder drei Stunden zu spät kommen oder gar nicht. Ich weiß nicht, was ich mit ihr machen soll.«

»Du kannst die Menschen nicht kontrollieren, Merc. Ich weiß, dass es dir manchmal schwerfällt, das zu akzeptieren.«

Er meint das nicht herablassend; er versucht, mir ein Freund zu sein – und mir nicht etwas aufs Butterbrot zu schmieren, was ich eh schon weiß. Ich kann in meinem Leben vieles kontrollieren, eigentlich sogar das meiste, doch Annabelle unter Kontrolle halten zu wollen, ist wie einen reißenden Fluss einzudämmen, der über die Ufer treten will. Ich kann das ganze verdammte Ding mit Sandsäcken sichern, doch das Wasser wird trotzdem irgendwo ein Loch finden, um hindurchzu­sickern.

»Wie geht es ihr?«, fragt er vorsichtig und spricht damit genau die Frage aus, die mich selbst schon wochenlang quält. Was er eigentlich meint ist: Nimmt sie wieder Drogen?

Noah ist aufs Engste mit den Schwierigkeiten vertraut, in die meine kleine Schwester sich immer wieder bringt. Über die Jahre hinweg hat er mir viel zu oft dabei helfen müssen, sie aus irgendeiner Bredouille zu retten. In ihrem kurzen Leben ist Annabelle schon zweimal wegen Drogenabhängigkeit in stationärer Behandlung gewesen. Das erste Mal war vor vier Jahren, und beim letzten Mal hat sie es geschafft, mehr als neun Monate clean zu bleiben. Doch ausgerechnet dann, wenn wir glauben, dass sie auf dem rechten Weg ist, rutscht sie wieder ab. Sie kämpft gegen eine Menge Dämonen, über die sie nicht reden will. Das ist ein Großteil des Problems. Wir kämpfen gegen einen unbekannten Feind. Ich wünschte, ich wüsste, was zum Teufel in ihrem Kopf vorgeht, damit ich ihr dabei helfen könnte, es wieder in Ordnung zu bringen. Ich liebe sie, aber manchmal würde ich sie am liebsten für die nächsten zwanzig Jahre in ihrem Zimmer einsperren.

»Ich wünschte, ich wüsste es. Sie kommt mir nicht so sprunghaft vor wie sonst, aber sie hat sich auch nicht oft blicken lassen, was ein klassisches Warnsignal ist.«

»Vielleicht gibt’s Probleme an der Uni.«

Ich knurre ungläubig.

»Wenn sie heute Abend nicht auftaucht, solltest du ihr vielleicht einen kleinen Besuch abstatten. Ich kann mitkommen, wenn du willst.«

»Ja. Danke«, murmele ich. Ich will lieber nicht wissen, was mich erwarten würde, wenn ich unangemeldet an ihre Wohnungstür klopfte, doch wie meine Eltern den Kopf in den Sand zu stecken ist auch keine Lösung.

Das Summen meines Handys zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Als Liannas Gesicht aufploppt, fängt Noah an zu lachen.

»Mann, stalkt sie dich immer noch?«

»Stalking. Treffende Bezeichnung«, antworte ich, während ich sie wegdrücke und ihren Anruf zur Mailbox durchgehen lasse. Die Nachricht werde ich, ohne sie mir anzuhören, später löschen.

»Wir könnten ihr noch eine Chance geben. Ich bin dabei.«

»Nee. Du kannst sie haben, Wildman. Ich bin mit ihr fertig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie und ihre Mutter circa eine Woche davon entfernt waren, die Hochzeitseinladungen an fünfhundert ihrer besten Freunde zu verschicken.« Ich bin sogar überzeugt davon, denn vor ein paar Monaten bin ich zufällig auf eine Mustereinladung auf Liannas Küchentheke gestoßen, als ich mir mitten in der Nacht ein Glas Wasser holen wollte.

Er verzieht den Mund. »Pech. Das war eine verdammt geile Zeit. Ich habe zuvor noch nie eine Frau wie am Spieß schreien hören. Hätte es bis dahin nicht für menschenmöglich gehalten.«

»Sie war laut, stimmt’s?« Bei der Erinnerung an jene Nacht muss ich lachen. Es war zweifellos scharf, doch eine Neuauflage wird es nicht geben. Zumindest nicht mit ihr.

Ich bin fast sechs Monate gelegentlich mit Lianna ausgegangen. Anscheinend fünf Monate und drei Wochen zu lang, denn unser beider Mütter hatten ohne mein Wissen schon das Kinderzimmer geplant. Ernsthaft. Mir blieb nichts anderes übrig, als Schluss zu machen, was jammerschade war, denn ich mochte Lianna. Sie war intelligent und gut im Bett. Das bisschen Freizeit, das ich hatte, habe ich gern mit ihr verbracht, aber das war auch alles. Ich wollte sie niemals heiraten. Hatte niemals vor, den Familiennamen weiterzuführen. Habe nie an eine Zukunft mit ihr gedacht. Ich dachte, wir hätten nur Spaß miteinander. Als alle, Lianna eingeschlossen, damit anfingen, mehr zu planen, musste es enden.

Ich bin nicht herzlos, sondern nur ehrlich, wenn ich sage, dass eine Frau für mich nie Vorrang haben wird. Meine Firma, meine Familie, darauf liegt mein Schwerpunkt.

Mark hält vor unserem Firmengebäude. Meine Armbanduhr sagt mir, dass ich noch etwa drei Stunden habe, bevor ich mich mit der Stoffserviette auf dem Schoß auf Mutters Esszimmerstuhl pflanzen muss. Wenn meine Mutter eines hasst, dann Unpünktlichkeit. Selbst in meinem Alter bin ich nicht immun gegen ihren Zorn, wenn ich nicht um Punkt sieben auf meinem Platz sitze.

Als ich nach dem Türgriff greife, fragt Noah: »Sag mal, du glaubst nicht, dass deine Mutter … Du weißt schon.«

Ich runzele die Stirn. »Was meinst du denn?«

»Dir in den Rücken fallen würde, indem sie Lianna heute Abend einlädt? Schließlich weiß sie, dass du nur dort sitzen und es wie der kleine gehorsame Sohn hinnehmen würdest, der du bist. Sie war am Boden zerstört, als du Schluss gemacht hast.«

Ich steige aus dem Wagen und rufe ihm zu: »Leck mich. Ich bin alles andere als ein Schoßhündchen.« Aber er hat recht. Wenn es um meine Eltern geht, fällt es mir selbst als erwachsener Mann schwer, ihnen etwas abzuschlagen, vor allem meinem Vater. In den letzten fünf Jahren musste ich mehr Blind Dates erdulden, als zu zählen ich Lust habe, und seit ich mich von Lianna getrennt habe, sind es nur noch mehr geworden.

Großartig. Ich bin mir sicher, mich wird eine hübsche Überraschung erwarten.

»Vielleicht komme ich ja doch noch zu dieser Benefizveranstaltung. Bluebelle kommt sicher nicht mal zu ihrer eigenen Party«, sage ich zu Noah, als er mich einholt.

»Das wirst du nicht. Du kannst Adelle oder Preston Mercer nicht derart enttäuschen. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass der Sohn des Bürgermeisters auf der Benefizveranstaltung seines Konkurrenten nicht willkommen wäre. Aber keine Sorge. Ich checke heute Abend all die hübschen Mädchen für dich. Suche dir die perfekte Ehefrau, während du dein kleines Familiendrama erduldest.«

Wir schlendern durch die gläsernen Eingangstüren der Zentrale von Wildemer’s im Hauptgeschäftsviertel in Downtown Seattle und nicken dem Wachpersonal zu, bevor wir zu den Fahrstühlen gehen. Als wir einsteigen, drücke ich den Knopf für die achtunddreißigste Etage.

»Ich habe eine bessere Idee«, sage ich und drehe mich zu ihm. »Warum treibst du nicht stattdessen einen guten Fick für mich auf? Ich könnte wirklich einen gebrauchen.«

»Meinst du nicht wir?«

Ich ziehe eine Schulter hoch. »Semantik.«

»Die Wette gilt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auf der Veranstaltung heute Abend eine Menge williger Opfer geben wird. Ich sage dir Bescheid, wenn ich fündig werde, aber wenn ich dich vor welcher Frau auch immer rette, die heute Abend rechts von dir sitzt, um Jakobsmuscheln zu essen, bist du mir was schuldig.«

»Das ist eine Schuld, die ich gerne begleichen werde.«

Wir steigen aus dem Fahrstuhl und gehen getrennter Wege. Ich fühle mich ein bisschen leichter. Womöglich wird der heutige Abend doch nicht so schlecht enden.

»Viel Glück«, ruft Noah mir nach.

»Dir auch«, gebe ich zurück und hoffe schwer, später noch eine SMS von ihm zu bekommen.

3. Kapitel

Willow

Vom Kickboxen immer noch verschwitzt und derangiert lasse ich zwei Tüten mit Lebensmitteln auf den Rücksitz meines Fiats fallen, als mein Handy klingelt. Mein erster Impuls ist, nicht dranzugehen, doch für den Fall, dass es Randi oder Millie ist, grabe ich es aus meiner Handtasche.

Millie. Mein Herz rast.

»Was ist los, Millie?«, frage ich ängstlich, während ich mich auf den Fahrersitz gleiten lasse und die Tür schließe, sodass der Lärm des schreienden Babys im Wagen neben mir nicht mehr zu hören ist. Es ist ein typischer Julitag in Seattle. Bewölkt mit leichtem Nieselregen. Ich starte den Motor. Die Scheibenwischer springen an, während ich aus dem Lautsprecher die vertraute Stimme höre.

»Willow, es tut mir leid, wenn ich dich störe, Liebes, aber deine Mutter beharrt darauf, jetzt sofort mit dir zu sprechen.« Sie klingt frustriert. Wahrscheinlich hat sie die ganze letzte halbe Stunde versucht, meine Mutter zu beruhigen.

»Schon gut, Millie. Wie geht es ihr heute?«

»Sie ist aufgewühlt. Sehr verwirrt. Nicht gut.«

»Das tut mir leid.« Mit meiner Mutter ist nichts anzufangen, wenn sie so ist. »Gib sie mir. Ich rede mit ihr.«

Ich höre ein Rascheln, während das Telefon weitergereicht wird. Dann ist die zittrige Stimme meiner Mutter dran.

»Junge Dame, du musst sofort deinen Vater anrufen. Sag ihm, dass er mich sofort aus diesem Gefängnis herausholen soll.«

Lähmende Traurigkeit raubt mir den Atem. Ich wünschte, das könnte ich. Ich brauche eine Sekunde, bis ich wieder Luft bekomme und antworten kann. »Mama, du bist nicht im Gefängnis. Du bist zu Hause.«

»Das ist nicht mein Zuhause, Willow August. Wir wohnen in einer zweistöckigen viktorianischen Villa in 8250 Lane Drive. Und das hier … das ist ein schäbiges Haus im Kolonialstil.« Ich muss fast darüber lachen, wie sie das Wort »Kolonialstil« ausspuckt, als sei es ein Schimpfwort, aber ich tue es nicht. Nichts von alldem ist lustig. Vor allem, da die Adresse, an die sie sich erinnert, die des ersten Hauses ist, in dem sie und mein Vater nach ihrer Heirat zusammen gelebt haben. Inzwischen wohnt sie schon seit sechsundzwanzig Jahren im Haus meiner Kindheit, seit dem Tag meiner Geburt. »Wie kannst du von mir erwarten, dass ich hierbleibe? Und seit wann hat Charles ein Dienstmädchen eingestellt? Ich glaube nicht, dass sie ein Dienstmädchen ist. Ich halte sie für eine Hure.« Den letzten Teil flüstert sie laut.

Ich atme lange und langsam aus und reibe mit der Faust über den Schmerz hinter meinem Brustbein, der nie nachzulassen scheint. Es tut mir leid, würde ich am liebsten schreien. Es tut mir leid, dass ich es nicht wusste. Es tut mir leid, dass ich ihn nicht retten konnte. Bitte vergib mir.

»Mama, das stimmt nicht. Du bist zu Hause, und Millie sorgt jetzt für dich. Daddy ist tot. Weißt du nicht mehr?« Dieses Gespräch führen wir ständig. Sie erinnert sich nicht. Ich kann von Glück reden, wenn sie sich an mich erinnert. Manchmal ist es nicht nur der Tod, der uns unsere Angehörigen raubt, sondern etwas viel Grausameres …

»Na… natürlich erinnere ich mich«, sagt sie nachdrücklich, aber nur unwesentlich ruhiger als Sekunden zuvor.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich keine Zeit habe, aber wenn es meine Mutter glücklich macht und sie dadurch für Millie leichter zu handhaben ist, komme ich heute Abend eben zu spät. Paul Graber wird sich einfach damit abfinden müssen. »Erzähl mir doch ein wenig von deinem Tag.«

Das beruhigt sie. In der nächsten halben Stunde sitze ich auf dem Parkplatz des Supermarkts und beobachte mit laufendem Motor die Leute beim Kommen und Gehen, während ich mit tränenüberströmtem Gesicht meiner Mutter dabei zuhöre, wie sie mir von einem Tag erzählt, an den sie sich, wie ich weiß, deutlich erinnert, der sich jedoch vor sechzehn Jahren zugetragen hat. Auch ich erinnere mich deutlich daran, weil sich kurz danach alles veränderte.

Das menschliche Gehirn ist ein komplexes System. Ein knapp anderthalb Kilo schweres gallertartiges Stück grauer Substanz, mit Tausenden anfälligen gewundenen Nerven, Venen und Arterien gefüllt, jeder einzigartige Quadrant für seine eigenen diversen Funktionen verantwortlich. Ich habe unzählige Stunden damit verbracht, das menschliche Gehirn und seine Funktionsweise eingehend zu studieren. Leider weiß ich trotz allem, was ich gelernt habe, rein gar nichts. Ich weiß immer noch nicht, wie ich dem Menschen, den ich liebe, der in seinem Inneren gefangen ist und keinen Weg mehr herausfindet, helfen soll.

»Ich wollte heute Abend für die Mädchen einen Apfelkuchen backen, wenn sie mit Charles aus dem Laden zurückkommen, aber jetzt kann ich das nicht, weil … weil … ich kann nicht … was habe ich gerade gesagt?« Sie verstummt.

Ich kann mir mühelos die Verwirrung in ihrem alternden Gesicht vorstellen. Es erdrückt mich.

»Mama, Millie gibt dir jetzt Medikamente. Du musst sie nehmen, okay?«

»Aber ich vertraue ihr nicht. Sie versucht mich zu vergiften. Mich loszuwerden, damit sie deinen Vater haben kann.«

Ich unterdrücke ein Schluchzen.

»Sie vergiftet dich nicht. Glaub mir. Würde ich zulassen, dass sie dir wehtut?«

»Nein, Violet. Du würdest niemals zulassen, dass jemand deiner Mama etwas tut.«

Ein Schmerz, spitz und rasant, schneidet mir durchs Herz. Gott, diese Krankheit ist ungeheuer gehässig. Nicht nur zu den Patienten, sondern auch zu ihren Familien.

»Dann tu, was Millie sagt. Bitte, Mama. Für mich. Ich hab dich lieb.« Meine Stimme ist weich, schmeichelnd, fast zerstört.

»Für dich, Vi-Bärchen. Ich hab dich auch lieb.«

Manchmal fällt mir das Atmen schwer.

Das Läuten der Türklingel mitten in der Nacht.

Gedämpfte Stimmen, gefolgt von den durchdringenden Schreien meiner Mutter.

Die schlimme Gewissheit, die mich überkam, als ich aus meinem Zimmer trat und sah, wie sich Violets Tür öffnete, die Steppdecke faltenlos, an den Rändern immer noch ordentlich eingesteckt.

»Danke«, krächze ich und blinzele die Feuchtigkeit weg, die sich in meinen Augen sammelt. Meistens lasse ich diese Gespräche nicht an mich ran, weil ich weiß, dass meine Mutter nichts dafür kann, aber verdammt. Aus irgendeinem Grund trifft es mich heute direkt in die Magengrube.

Mehr Rascheln, dann ist Millie wieder dran. »Danke, Willow«, sagt sie leise. Wir schweigen ein paar Herzschläge lang. Ich zähle die in meiner Brust. »Tut mir leid.«

»Ja. Mir auch.«

»Ähm …«

Mir wird angst und bange. »Was ist los, Millie? Du kannst es mir sagen.«

»Tut mir leid, aber der Wasserboiler macht wieder Probleme.«

»Himmel«, brumme ich verärgert. Das sind noch mal Hunderte von Dollar, die ich aufbringen muss. Jetzt weiß ich, wofür mein Gehaltsscheck von heute Abend draufgeht. »Ich rufe den Monteur an. War er nicht erst vor ein paar Monaten da?«

»Manchmal ist es schwer, gute Hilfe zu finden.«

Das stimmt, weshalb ich auch so dankbar für Millie bin.

»Ich bin froh, dass ich dich habe. Ich bin froh, dass Mama dich hat, Millie. Es tut mir leid, wenn ich dir das nicht oft genug sage. Ich weiß nicht, was ich ohne dich anfangen sollte.«

»Du brauchst dich nicht zu bedanken, Willow. Du weißt doch, dass ich dich und deine Mutter lieb habe wie meine eigene Familie.« Ich danke Gott dafür.

»Sehen wir uns am Sonntag?«, flüstere ich.

»Na klar, Herzchen. Ich wünsche dir einen schönen Abend.«

»Danke.« Ich drücke auf Beenden und lasse das Handy in meinen Schoß fallen. Ich bleibe regungslos sitzen und versuche, mich von den Schuldgefühlen, die eine Tonne wiegen, nicht erdrücken zu lassen. Es spielt keine Rolle, wie oft ich mir sage, dass es nicht meine Schuld ist – es fällt mir schwer, es zu glauben. Ich hätte es wissen müssen. Warum wusste ich es nicht? Ich hätte etwas dagegen tun können, oder? Ich hätte etwas tun müssen. Ich habe die Anzeichen übersehen. Wie konnte ich die Anzeichen übersehen?

Ein kurzes Ping durchbricht die Stille und rettet mich vor einer Menge müßiger Fragen, auf die ich nie Antworten weiß. Ich nehme mein Handy in die Hand und lache ein trauriges Lachen.

Ser: Ich bin am Verhungern.

Meine Finger fliegen über die Tastatur.

Ich: Ach, jetzt auf einmal klingen Eier zum Abendessen gut?

Drei Blasen ploppen auf, gefolgt von einer raschen Antwort.

Ser: Zicke. Beeil dich.

Meine Freundin ist unheimlich. Es scheint fast so, als wüsste sie, dass ich die Vergangenheit heraufbeschworen habe, und als müsste sie mich vor den Schuldgefühlen retten, von denen ich mich gnadenlos fertigmachen lasse, wenn ich nicht aufpasse.

Ich hätte es wissen müssen. Ich hätte etwas tun können. Wie konnten mir die Anzeichen entgehen? Diese Gedanken sind irrational. Als Erwachsene verstehe ich das. Wirklich. Und doch sind meine Finger um das unlogische Wunschbild, dass ich die Zerstörung unserer gesamten Familie irgendwie hätte verhindern können, erstarrt.

Ich atme ein paarmal tief durch und schließe den ganzen Mist der letzten halben Stunde gedanklich weg. Mist, mit dem sich aufzuhalten sinnlos ist. Meine Mutter braucht mich. Ich bin alles, was sie noch hat. Ich kann sie nicht im Stich lassen. Auf ihr liegt jetzt mein Hauptaugenmerk.

Nachdem ich mir das ins Gedächtnis gerufen habe – und dass ich spät dran bin –, trockene ich mir die Augen so gut es geht und lege den Rückwärtsgang ein. Während ich vorsichtig vom Parkplatz fahre, schalte ich das Radio an und summe gedankenlos einen neuen Countrysong mit, der mir nicht einmal gefällt, um mich in die richtige Stimmung für heute Abend zu versetzen.

Nur wenige Straßen von zu Hause stehe ich an einer roten Ampel, als mich ein wuchtiger Schlag von hinten nach vorne schleudert, sodass mein Sicherheitsgurt blockiert und mein Kopf gegen die Kopfstütze knallt.

»Was zum Teufel?«, japse ich. Desorientiert brauche ich ein paar Sekunden, um zu begreifen, was passiert ist.

Verdammte Scheiße. Mir ist jemand hinten reingefahren.

Kann dieser Tag denn noch schlimmer werden?

Ein Blick in den Rückspiegel zeigt einen Mann, der regungslos in einem schnittigen schwarzen SUV sitzt. Ich schalte die Automatik auf Parken, öffne die Tür, steige aus und gehe hinten um meinen kleinen Wagen herum, um zu sehen, welchen Schaden dieses Arschloch angerichtet hat. Ich sehe zu ihm hinüber und stelle fest, dass er immer noch in seinem Fahrzeug sitzt und auf irgendetwas herabblickt. Er versucht so zu tun, als sei nichts passiert, obwohl Bruchstücke meines gelben Plastikkotflügels den Boden übersäen.

Mir klappt die Kinnlade herunter, während meine Wut auflodert.

Ich marschiere zu seiner getönten Fensterscheibe, hämmere dagegen und hoffe, dass sie birst. »Hey, Sie Arschloch!«, schreie ich. Ich habe keine Zeit für so etwas. Und keine Geduld. Und kein Geld.

Als das Fenster endlich langsam heruntergelassen wird, bin ich bereit, eine ganze Reihe Kraftausdrücke loszulassen, die mir jedoch im Hals stecken bleiben.

Mit einer Fliegersonnenbrille, die seine Augen verbirgt, starrt mich aus dem Wagen der umwerfendste Mann an, den ich je gesehen habe.

So schön, dass ich auf der Stelle tot umfallen könnte.

Ich würde ihm alles abkaufen.

Sogar Luft. Ich würde ihm Luft abkaufen.

Ich spüre, wie er mich mit Blicken durchbohrt, während ich seinen kräftigen, kantigen Kiefer registriere, der mit etwas übersät ist, das wie ein Stoppelbart aussieht, wovon ich aber weiß, dass es ein sorgfältig rasiertes Meisterwerk ist. Seine Lippen sind prall, die untere sogar noch ein bisschen voller. Mist, was würde ich dafür geben, dieses Fleisch fest zwischen meine Zähne zu nehmen. Seine Haare, schwärzer als Mitternacht, sind an den Seiten kurz geschnitten, aber das Deckhaar ist ein wenig länger, mit dieser kleinen Tolle vorn, die ich gern durch meine Finger gleiten lassen würde, während er zwischen meinen Beinen zugange ist. Dieses teuflische Paket wird durch etwas abgerundet, das ein maßgeschneiderter Anzug sein muss. Das graue Jackett sitzt perfekt an seinem breiten, straffen Körper. Ich weiß instinktiv, dass die leuchtend blaue Krawatte, die um seinen Hals geknotet ist, die Farbe seiner Augen betonen würde, wenn ich sie sehen könnte.

Atemberaubend.

Warum bin ich noch mal hier?

Ich weiß, dass mir der Mund offen steht, als er sagt: »Kann ich Ihnen helfen?«

Ach du Scheiße. Seine autoritäre Baritonstimme passt zu seinem sündigen Aussehen. Sie fühlt sich an wie geschmolzene Schokolade, die einem durch die Finger rinnt. Weich, seidig und sehr schmutzig.

Reiß dich zusammen, Willow. Dein Auto liegt in Einzelteilen da.

»Ob Sie mir helfen können?«, fauche ich, während die Wut wieder in mir hochsteigt. »Ob Sie mir helfen können? Machen Sie Witze? Ja, Sie können mir helfen. Sie haben gerade meinen Wagen gerammt!« Mein Finger sticht durch die dunstige Luft in Richtung meines geparkten Autos, das jetzt im Leerlauf auf der Straße rumsteht, während sich der Verkehr langsam um uns herumschlängelt.

Das Handy in seiner Hand klingelt, und er wirft einen Blick darauf.

Er.

Wirft.

Einen Blick.

Darauf.

»Ich habe Sie gerammt? Ich hätte schwören können, dass Sie mich gerammt haben«, sagt er geistesabwesend, während seine geschmeidigen, perfekt manikürten Fingerspitzen die Tastatur streicheln wie ein Liebhaber.

Ich bin perplex. Sprachlos. Ich sehe mich um, ob irgendwo versteckte Kameras sind und ich verarscht werde. Sierra ist für solchen Mist berüchtigt. Nachdem ich beschlossen habe, dass das nicht der Fall und er nur ein aufgeblasener Mistkerl ist, wenn auch ein atemberaubender, nehme ich die Sache selbst in die Hand.

»Sind Sie auf Drogen?« Ich will nach seiner Brille greifen, um nachzusehen, ob seine Pupillen geweitet sind, als seine Hand blitzartig nach vorne schnellt und mich am Handgelenk packt.

Ich schnappe hörbar nach Luft, als von der Stelle, an der er meine nackte Haut berührt, klitzekleine elektrische Impulse durch mich hindurchschießen. Ich spüre ihn überall, wie Tausende Finger, die über mich geistern. Es ist das Erotischste, was ich je erlebt habe, und sehr beunruhigend, dass dieser Fremde die Fähigkeit hat, Empfindungen in mir zu wecken, die ich lange für tot gehalten hatte.

Wenn er ein Zehntel dessen spürt, was ich fühle, lässt er es sich nicht anmerken. Doch wahrscheinlich ist das nicht der Fall, denn sein Gesicht klebt immer noch an dem Display in seiner anderen Hand. Ich reiße mich von ihm los, und das unliebsame Gefühl löst sich auf. Meine Hirnfunktion kommt wieder in Gang.

»Ich will Ihre Versichertenkarte«, fordere ich.

»Sind Sie immer noch da?«

Ich schnappe wütend nach Luft. »Sie haben vielleicht Nerven, wissen Sie das? Sie fahren einer unschuldigen Person, die an einer roten Ampel steht, hinten rein und versuchen dann, es ihr in die Schuhe zu schieben? Ich weiß nicht, für wen zum Teufel Sie sich halten, aber ich gehe nicht weg, bis ich Ihre Versicherungsdaten habe. Sie haben mein Auto beschädigt, und Sie werden dafür aufkommen. Ich könnte verletzt sein.«

Ich fasse mir in den Nacken und drehe probehalber den Kopf. Alles in Ordnung, aber jeder weiß, dass der Schmerz eines Schleudertraumas erst Tage später einsetzt.

Jetzt blickt er durch die Frontscheibe auf und ignoriert noch immer, dass ich hier stehe. Er lungert lässig in seinem Wagen herum, als käme es alle Tage vor, dass er in einen anderen Wagen kracht, sodass er nicht einmal mehr reagiert.

»Woher soll ich wissen, dass es nicht schon so war, bevor Sie rückwärts in mich reingefahren sind?«

»Waaaas?« Ich schlucke völlig fassungslos. »Ich bin in Sie reingefahren? Was zum Teufel glauben Sie, was ich gemacht habe? In den Rückwärtsgang geschaltet, als ich Sie kommen sah?«

Er zuckt mit den Schultern und dreht sich endlich zu mir. Ich bin von mir selbst angewidert, davon, wie sehr mich seine Lippen bezaubern, obwohl sie nur herablassende Worte von sich geben. »Die Menschen stellen ständig merkwürdige Sachen an, wenn sie einen schönen Wagen sehen, Süße. Das wäre nicht das erste Mal, dass jemand versucht, mich auf diese Art zu übervorteilen.«

Ich blinzele. Ich blinzele noch einmal. Ich blinzele weiter, weil ich mir nicht sicher bin, wie ich auf diese haltlose Beschuldigung reagieren soll. Machen Menschen so etwas wirklich?

»Ja, mein naives kleines Goldlöckchen, die Menschen machen so etwas wirklich.«

Ich schnaube. Wütend, weil ich den Gedanken nicht nur laut ausgesprochen habe, sondern auch weil der Name, mit dem er mich bedacht hat, der vor Spott troff, direkt zum Scheitelpunkt meiner Schenkel geschossen ist und eine heiße Welle der Erregung durch meinen Körper gesendet hat. Jetzt pulsiert es vor ungewolltem Verlangen nach dieser abscheulichen Person.

Ich bin nicht nur von ihm angewidert, sondern auch von meiner Reaktion auf ihn.

Auf dem Weg zur Frontseite seines Wagens lese ich mehrere Bruchstücke vom Asphalt auf, dann gehe ich zurück, strecke meine Hand durchs offene Fenster und lasse sie kurzerhand in seinen mit einer Armani-Hose bekleideten Schoß fallen. Wenn ich Glück habe, wird eines davon ein Loch in seine Achthundertdollar-Hose reißen.

Ich halte ihm meine umgedrehte Hand hin und sage ausdruckslos: »Ihre Versichertenkarte. Sofort.«

Sein Handy klingelt wieder, doch diesmal senkt er den Blick nicht darauf. Sein Blick ruht auf mir. Zumindest glaube ich das, weil ich hinter dem reflektierenden Glas, das seine rätselhaften Augen verbirgt, überhaupt nichts sehen kann. Ich beobachte mich dabei, wie ich ihn betrachte, und registriere zum ersten Mal, wie ich aussehe.

Ich bin entsetzt.

Mein Gesicht ist vom Training und von meinem Nervenzusammenbruch nur Minuten zuvor rot und fleckig. Mein Mascara ist nicht nur unter meinen blutunterlaufenen Augen verkrustet, sondern auch über die rechte Seite meiner Wange verlaufen. Meine goldblonden, verschwitzten Haare kleben an meiner Stirn, und was nicht am Kopf platt gedrückt ist, steht von meinem Pferdeschwanz ab, als hätte ich in letzter Sekunde den Finger aus einer Steckdose gezogen.

Doch am erschreckendsten ist, dass meine dunklen Brustwarzen direkt durch meinen knappen zartgelben und sehr feuchten Sport-BH stoßen. Sie sind so groß, dass man sie sogar aus dem Weltall sehen könnte.

Kein Wunder, dass er mich für eine Irre hält, die ihn reinlegen will. Ich sehe so aus.

Als seine rosa Zunge hervorschnellt und seine weichen Lippen befeuchtet, beben meine Schenkel, während ich mich frage, wie sich diese Feuchtigkeit mit meiner vermischt anfühlen würde.

Großer Gott im Himmel, ich muss unbedingt hier weg, bevor ich noch eine Dummheit begehe, wie durch sein Fenster zu klettern und mich an seinem Schoß zu reiben wie eine läufige Hündin. Wie ist es möglich, sich von jemandem so angezogen zu fühlen und ihn noch mehr zu verabscheuen?

Ich ziehe eine Augenbraue hoch und halte ihm weiter stumm meine Hand hin. Er lacht leise, bevor er nach seiner Brieftasche auf der Mittelkonsole greift. Ich bemühe mich, von dem dunklen Ton, der mir angenehm über den Rücken rieselt, unberührt zu bleiben. Er zieht eine Visitenkarte hervor und legt sie in meine ausgestreckte Hand, bedacht darauf, mich nicht zu berühren, wofür ich insgeheim dankbar bin. Oder auch nicht.

»Ich will kein Date. Ich will Schadenersatz.«

Ein Grinsen verzieht seine Mundwinkel. Obwohl ich seine Augen nicht sehen kann, weiß ich, dass es sie erreicht. Er lacht sich ins Fäustchen. Mit dieser Selbstgefälligkeit wirkt er unglaublich sexy. He!

Er deutet mit dem Kopf auf das strahlend weiße Material mit scharlachrotem Schriftzug, das nun schwer in meiner Hand liegt. »Rufen Sie diese Nummer an. Dort kümmert man sich darum.«

»Ich hoffe doch schwer, dass die echt ist«, warne ich ihn und ziehe meine Hand so weit zurück, dass sie auf der Fensterkante ruht. Obwohl ich es will, senke ich den Blick nicht auf die Karte. Obwohl ich darauf brenne zu erfahren, welcher Name einer so exquisiten arschlöchrigen Kreatur gegeben wurde.

Als er sich zu mir beugt, könnte ich schwören, dass ich keine Luft mehr bekomme. Der Sauerstoff in dem Kraftfeld, das uns jetzt umgibt, wird durch ein starkes Verlangen ersetzt. Nur meines, da bin ich mir sicher. Buschige männliche Augenbrauen heben sich über seine Brille, als er spricht. »Mir gefällt es vielleicht nicht, aber ich stehe immer zu meinen Fehlern.«

»Klar, aber Sie werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen nicht vertraue, nachdem Sie versucht haben, Ihre ›Fehler‹ mir in die Schuhe zu schieben.« Ich male Anführungszeichen in die Luft, um mich über seine Wortwahl lustig zu machen, und hoffe, dass es ihn davon ablenkt, wie atemlos ich klinge.

Kopfschüttelnd gehe ich weg, aber erst als sein Lachen meine Brustwarzen zum Kribbeln bringt. Nachdem ich meine Autotür geöffnet habe, greife ich, statt einzusteigen, nach meinem Handy und gehe zurück zu der Stelle, an der unsere Wagen fast miteinander vereint sind. Ich werfe ihm ein unaufrichtiges Lächeln zu, öffne die Kamera an meinem Handy und knipse ein paar Bilder von meinem und auch seinem Wagen, der kaum einen Schaden aufweist. Doch zu diesem Zweck tue ich das nicht. Ich will sein Nummernschild, falls sich herausstellt, dass die Visitenkarte die von Cherry Pitt im hiesigen Striplokal ist.

Ohne einen Blick zurück hüpfe ich in meinen jetzt kaputten Fiat und lege den ersten Gang ein. Zu meinem Glück zeigt die Ampel grün, deshalb trete ich aufs Gas, während ich mein Bestes versuche, nicht zurückzuschauen.

Ich schaffe es bis über die Kreuzung, dann ergebe ich mich meinem Verlangen, mir die Gesichtszüge dieses attraktiven Mannes ein letztes Mal ins Gedächtnis einzubrennen. Ein reflexartiges Grinsen breitet sich über mein Gesicht aus, als ich zurückblicke und ihn ohne Brille lächeln sehe. Er beobachtet mich mit einem vollendeten, aufrichtigen Lächeln, das seinen ganzen Wagen in goldene Strahlen taucht.

Süßes Jesusbaby in der Krippe.

Auf einmal bin ich froh, dass er vorhin die Brille aufhatte. Ich bin mir ziemlich sicher, ich wäre in seinen Augen ertrunken. Kurz bevor ich mich von ihm losreiße, könnte ich schwören, dass unsere Blicke sich treffen. Doch dann verschwindet er aus meiner Sicht, als er nach links abbiegt, während ich geradeaus weiterfahre.

Während ich zum ersten Mal seit fünfzehn Minuten wieder tief durchatme, gehe ich auf der Fahrt jede Sekunde dessen, was gerade passiert ist, noch einmal durch. Erst als ich auf meinen Parkplatz fahre, werfe ich verstohlen einen Blick auf die jetzt zerknitterte Karte, die ich noch in der Hand halte.

Dane Knowles

Wildemer & Company

206–555–3298

Was? Das ist alles? Ich hatte erwartet, dass selbst sein Name winzige Schauer pulsierenden Verlangens durch mich hindurchjagen würde. Fehlanzeige. Er sieht nicht aus wie ein Dane. Und ist es nicht üblich, auf einer Visitenkarte einen schicken Titel anzugeben, um alle zu beeindrucken, denen man sie übergibt?

Ich teste seinen Namen auf meiner Zunge.

Dane.

Nee. Nichts. Nada. Keine Funken. Keine Schauer. Kein wildes Verlangen danach, seinen Kopf zwischen meinen Beinen zu spüren.

Jetzt, wo ich mich von Danes berauschender Ausstrahlung entfernt habe, bin ich sogar überzeugt, dass ich meine ganze Reaktion auf ihn erfunden habe, als Flucht vor dem wahren Leben, wenn auch nur vorübergehend. Es ist schier unmöglich, dass jemand, den ich gerade erst getroffen habe, in mir eine solch instinktive Reaktion hervorruft.

Als ich auf das Armaturenbrett sehe, stelle ich fest, dass es fast sieben ist. Ich werde mit Sicherheit zu spät kommen und Sierra wird nichts zu essen kriegen. Um mich erneut auf den vor mir liegenden Abend zu konzentrieren, beginne ich damit, mein Pokerface aufzusetzen und in eine andere Rolle zu schlüpfen. Meinen Master of Fine Arts sinnvoll einzusetzen. Ich verdränge Dane Knowles aus meinen Gedanken, trenne ihn wie alles andere von den anderen Bereichen meines Lebens. Das Einzige, was ich von diesem selbstgefälligen Blödmann erwarten kann, ist eine brandneue Stoßstange, sonst nichts.

Auch gut. Einen Typen, der durch die Gegend fährt, um anderen Menschen reinzufahren, und dann versucht, sich aus der Sache herauszuwinden, kann ich in meinem Leben nicht gebrauchen.

4. Kapitel

Shaw

Als ich in die Auffahrt fuhr, rechnete ich fest damit, dass Liannas weißer Lexus mich erwarten würde, ein Signal, dass meine Mutter mir tatsächlich in den Rücken gefallen war. Doch er stand nicht da. Ich stieß einen kleinen Seufzer der Erleichterung aus, weil ich nicht mit einer Frau, der ich, wie ich weiß, das Herz gebrochen hatte, Small Talk machen musste, nur um meiner Mutter zu gefallen.

Trotz meiner festen Absicht, ihre Mailbox-Nachrichten zu löschen, hatte ich sie mir auf der Fahrt hierher angehört und Noah per SMS prompt mitgeteilt, dass er mich heute Abend besser nicht im Stich lassen sollte. Lianna ist eine unabhängige, stolze, gebildete Frau aus gutem Hause, weshalb meine Eltern sich wahrscheinlich auch von ihr angezogen fühlten. Sie wollten, dass wir Mini-Liannas und Mini-Shaws zeugten, zurück auf den Familiensitz zogen, am besten in das Haus gleich nebenan, und dann das Leben führten, das sie sich für mich wünschen.

Aber das ist nicht das, was ich will. Jetzt oder überhaupt jemals. Doch auch wenn ich nicht mehr mit Lianna ausgehen will, wollte ich ihr doch niemals wehtun. Die kultivierte, sonst so starke Frau, deren Schluchzer im Inneren meines Range Rovers widerhallten, war am Boden zerstört. Gebrochen. Ich habe Gewissensbisse, weil ich nicht früher Schluss gemacht habe, denn dann hätte sie nicht genügend Zeit gehabt, um eine so große Zuneigung zu mir zu entwickeln.

»Du kommst zu spät«, schimpft meine Mutter, als ich in die Diele trete.

»Unvermeidbar. Entschuldige.« Ich küsse sie auf die Wange und hoffe, dass sie das Thema fallen lässt. Ich habe keine Lust, das merkwürdige kleine Malheur auf dem Weg hierher zu diskutieren. Oder warum ich immer noch an die fordernde, zerzauste kleine Elfe denke, die mit Nippeln so scharf, dass man Glas hätte mit ihnen schneiden können, vor meinem SUV stand. Oder warum ihre kämpferische Haltung mir eine steinharte Erektion beschert hatte, die erst auf halbem Weg über den Lake Washington nachgelassen hatte.

Sie war eine verwirrend heiße Nummer, doch seltsamerweise eine, in die ich mich am liebsten kopfüber hineingestürzt und erst danach Fragen gestellt hätte. Viel, viel später, nachdem ich ihr das Hirn rausgevögelt hätte. Eine derart intensive, primitive Reaktion auf eine Frau habe ich schon unglaublich lange nicht mehr gezeigt.

Konzentrier dich, Shaw.

Während ich in Gedanken meinen Schwanz ermahne, sich abzuregen, bevor meiner Mutter noch meine halbe Erektion auffällt, frage ich nach dem Geburtstagskind. Mit großen Schritten trete ich durch den Eingang in die weitläufige Küche, deren Rundumfenster den exquisitesten Blick auf den Lake Washington bieten, den man sich denken kann. Ich reiße den Kühlschrank auf und ziehe ein Bier heraus, bevor ich mich wieder zu meiner Mutter drehe.

Sie braucht kein Wort zu sagen. An ihrem niedergeschlagenen Gesichtsausdruck erkenne ich, dass Annabelle nicht nur nicht hier ist, sondern auch nicht angerufen hat. Es ist jetzt zwanzig nach sieben. Zur Hölle mit ihr.

»Wo sind die anderen alle?« Ich umarme meine Mutter. Als sie ihre schlanken Arme um mich schlingt, flüstere ich: »Vielleicht kommt sie noch.«

Obwohl es schon dunkel ist, höre ich von irgendwo draußen das hohe melodische Lachen meiner fünfjährigen Nichte. Gott, ich liebe sie. Sie könnte mich mit einem einzigen Schlag der unglaublichsten Wimpern, die ich je an einem menschlichen Wesen gesehen habe, dazu bringen, alles zu tun, was sie will.

»Cora wollte Schwarzflecken-Sonnenbarsche fangen, deshalb hat Grandpa ihr erlaubt, vom Dock eine Angel auszu­werfen.«

Cora ist von Fischen besessen, genau wie ich in ihrem Alter.

»Ah. Ist Nicholas bei ihnen?«

»Um sich von seiner kleinen Schwester bloßstellen zu lassen?« Meine Mutter löst sich aus meiner Umarmung, bevor sie hinzufügt: »Gemma ist mit deinem Vater draußen, und Evan sieht sich mit Eli Der Bär im großen blauen Haus an. Er hat eine schlimme Erkältung und ist unleidlich.«

Mein ungeselliger Schwager Evan nutzt jeden Vorwand, um sich gemeinsamer Zeit mit der Familie zu entziehen. Wäre ich mit einer schönen Frau am Arm aufgekreuzt, wäre es eine andere Sache. Ich habe keine Ahnung, was meine Schwester an diesem fremdgehenden Versager findet, aber ich glaube, ihre Geduld hat langsam ein Ende. Endlich.

Mein Blick fällt auf den See nur Meter entfernt vom supermodernen Haus meiner Eltern. Am sich verdunkelnden Horizont am Ende des Docks erkenne ich diverse Schatten. Mein Vater kniet, während er mit Cora spricht und Gemma Nicholas beim Einholen seiner Angel zu helfen scheint.

Ich bin hier in diesem Haus auf dem Wasser aufgewachsen. Mercer Island. Dieses Paradies inmitten des Lake Washington wurde nach meinen Vorfahren benannt, die diesen Ort gegründet haben. Ich liebe diesen Ort. Ich liebe alles daran. Die Beschaulichkeit, den Ausblick, den Geruch, die Erinnerungen. Jedes Mal, wenn ich hier bin, fühlt es sich richtig an.

»Und Linc? Wo steckt der?« Als ich neulich mit meinem jüngeren Bruder gesprochen habe, sagte er, er würde »mit Vergnügen« kommen. Ich bezweifele nicht, dass er das wortwörtlich gemeint hat.

»Einer seiner Souschefs hat sich krankgemeldet, und heute Abend sind drei Veranstaltungen angesetzt, deshalb musste er einspringen.« Sie klingt so enttäuscht, wie ich es bin.

Mein Bruder ist Geschäftsführer und Chefkoch der führenden Kochschule in Seattle. Wie ich ist er mit seiner Karriere verheiratet, und da unsere Terminpläne selten übereinstimmen, kommen wir nicht dazu, viel ...

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