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All I Want for Christmas. Eine Weihnachts-Romance in Manhattan

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Drei Monate zuvor

Das Papier haftete an Pippas Fingern, als hätte sie ihre Hände in Klebstoff getaucht. Sie faltete den gelben Stimmzettel auseinander, las den Namen, der darauf geschrieben stand, und stopfte den Zettel in ihre Handtasche. Dann ersetzte sie ihn durch einen anderen. Es durften am Schluss nicht weniger Zettel sein als vorher, das wäre aufgefallen. Sie waren schon einmal durchgezählt worden.

Gleißende Sonnenstrahlen hatten den kleinen Raum in eine Sauna verwandelt. Die New Yorker Septembersonne gab noch einmal alles. Pippas verschwitztes T-Shirt klebte ihr am Rücken. Schnell griff sie zum nächsten Zettel. Es dauerte alles viel zu lang, egal wie sehr sie sich beeilte.

Ihr Herz pochte, als würde sie gleich eine große Bühne betreten. Komisch, dass man das Adrenalin so gar nicht kontrollieren konnte. Man war seinem Körper ausgeliefert. Es wäre so viel einfacher, wenn man selbst bestimmen könnte, wie man sich fühlte.

Plötzlich hörte sie ein Räuspern. Pippas Kopf schnellte panisch nach oben, sodass sie mit dem Hinterkopf gegen die Wand prallte. Ein stechender Schmerz durchzuckte sie vom Scheitel bis zu den Zehen. Für einen kurzen Moment bekam sie keine Luft, Tränen schossen ihr in die Augen.

»Autsch!«, sagte eine dunkle Stimme.

Pippa hielt sich den Kopf, während sie die Tränen wegblinzelte, um herauszufinden, wer das Autsch an ihrer Stelle von sich gegeben hatte. Sie spürte, wie das Blut in ihren Kopf schoss, wie sich die Panik weiter ausbreitete.

Nein, das durfte nicht sein.

Ihr Blick huschte zur Tür, die sie doch gerade abgeschlossen hatte. Der Schlüssel steckte noch.

»Das muss wehgetan haben«, sagte er und verzog das Gesicht, als hätte nicht Pippa, sondern er sich den Kopf gestoßen.

Vor ihr stand Hunter Montgomery. Der Hunter Montgomery. Eigentlich hätte sie ihn schon an der Stimme erkennen müssen. Sie besuchten gemeinsam ein Seminar und manche Studentinnen rissen sich darum, neben ihm zu sitzen. Sie wusste sogar ziemlich genau, wie er ohne T-Shirt aussah. Oh Gott, dass ihr das gerade jetzt wieder einfiel, dieses unsägliche Foto in der Seventeen. Hunter Montgomery an der Côte d’Azur mit Lily-Rose Depp. Er liebte es, sich mit irgendwelchen Models am Strand fotografieren zu lassen.

Jetzt schob er mit einer Hand seine dunklen Haare zurück, die einen leichten Rotschimmer hatten. In der anderen Hand trug er seine Gitarre. Klar, Gitarre spielt er natürlich auch, genau wie Daddy.

Pippa wollte etwas sagen, aber ihr Hals war staubtrocken. Sie schluckte und schloss kurz die Augen. Nicht nur, dass jetzt alles umsonst gewesen war, sie war auch noch wegen diesem Typen aufgeflogen. Sie öffnete die Augen wieder. Es half nichts, er stand immer noch da.

»Sorry, ich wollte nicht stören«, sagte er in einem Tonfall, der irgendwie abfällig klang. Sein Blick fiel auf das Zettelchaos um sie herum. Hunter zuckte mit den Schultern, als sie nichts erwiderte, und deutete auf die Tür hinter sich, die zu den Musikräumen führte. Die Studentenvertretung hatte einen der angrenzenden Lagerräume für die Schulinstrumente bekommen. Die Verbindungstür war immer verschlossen. Na ja, fast immer.

»Ich habe den Übungsraum dahinten bekommen. Ich wusste nicht, dass jemand hier ist. Ich wollte nur die Abkürzung nach draußen nehmen.«

Sie öffnete die Lippen, um etwas zu erklären, aber was sollte sie schon sagen?

»Okay, ich bin weg.« Hunter ging mit schnellen Schritten zur vorderen Tür. Er drehte den Schlüssel um, mit dem sie den Raum von innen verschlossen hatte, hob die Hand zum Abschied und verschwand nach draußen.

Wie betäubt blieb sie sitzen.

Wartete, dass er zurückkam oder dass sonst etwas passierte. Sie blickte auf die gelben Zettel, die auf dem Teppich verstreut lagen, und überlegte, ob er verstanden hatte, was sie hier getan hatte.

Plötzlich wollte sie einfach nur noch weg. Das musste jetzt reichen.

Schnell schob sie die restlichen Zettel zurück in ihre Tasche. Erneut stiegen Tränen in ihr auf. Es war so erniedrigend. Hunter Montgomery. Das machte es noch schlimmer. Wenn es überhaupt noch schlimmer werden konnte.

Am nächsten Tag wurde Evalina Sheridan zur neuen Vorsitzenden der Studentenschaft ernannt. Nicht Pippa Schwab, sondern Evalina Sheridan.

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1. Pippa

»Du verzauberst dein Publikum. Du faszinierst wie ein Weihnachtsengel. Alle bewundern dich.« Pippa ließ die knallrote Karteikarte sinken und lächelte ihrem Spiegelbild aufmunternd zu. Nach mehreren Stunden mit dem Lockenstab hatte sie nun nicht nur zwei verbrannte Finger, sondern auch perfekte hellbraune Locken, die ihr Gesicht sanft einrahmten. Vielleicht hatte sie allerdings doch zu viel Lipgloss aufgetragen. »Niemand kann dir widerstehen«, fügte Pippa hinzu. Diesmal schlich sich allerdings ein ironischer Unterton in ihre Stimme und der Blick, den ihr das Gesicht im Spiegel zuwarf, wirkte ein wenig irre. Sie las ein letztes Mal das Mantra, das ihre Mutter auf die Karte geschrieben hatte, und prustete los.

Diesen Quatsch sollte sie dreimal vor ihrem Auftritt wiederholen? Wer sollte denn so einen Mist glauben? Das war so typisch für ihre Mutter: Affirmationen gegen Nervosität. Die neuste Technik ihres Online-Psychiaters.

Pippa unterdrückte ein weiteres Kichern, zerriss den Zettel in extrakleine Stücke und warf sie in den Abfalleimer der schicken Damentoilette des Sheridan Hotels. Es wäre zu peinlich, wenn ihn jemand fände. Sie zog das weiße Kleid so weit über den Po, wie es eben möglich war – was nicht sonderlich weit war –, und machte sich auf den Weg zur Bühne, die im großen Ballsaal des Hotels für den heutigen Abend aufgebaut worden war. Der Weihnachtsball war das unbestrittene Partyhighlight des Stonehill College. Das Mantra würde ihr jetzt allerdings kaum helfen. Sie hatte in den letzten zweieinhalb Jahren gelernt, fröhlich zu lächeln – ganz egal, wie es in ihr drin aussah. Und sie hoffte, dass ihr auch heute niemand anmerken würde, wie sie sich wirklich fühlte.

»Und deshalb wünsche ich uns allen, dass wir heute nicht nur einen schönen Abend haben, sondern Erinnerungen schaffen, die uns ein Leben lang begleiten. Macht diese Collegeparty zu einem unvergesslichen Fest. Geht auf neue Leute zu, es könnten Freunde fürs Leben werden. Wir haben nur den Rahmen geschaffen, die Party macht ihr.« Die Zuhörer klatschten laut und jubelten. »Hiermit erkläre ich den diesjährigen Weihnachtsball für eröffnet. Let’s rock!« Nach fünf Minuten und sechsundzwanzig Sekunden, nur sechsundzwanzig Sekunden später als geplant, hatte Pippa ihre Eröffnungsrede zu Ende gebracht. Sie hatte sich extra kurz gefasst, weil vorher Evalina als Präsidentin der Studentenschaft ebenfalls gesprochen und ihre überschwängliche Dankesrede an alle Eltern und Sponsoren natürlich überzogen hatte. Sie breitete die Arme aus, ganz vorsichtig, denn ihr mit weißen Pailletten besetztes Kleid saß ziemlich eng an den Schultern. Einen Riss konnte sie nicht riskieren, schließlich gehörte das Kleid ihrer besten Freundin Lauren. So etwas Teures hätte sie sich nicht leisten können. Nicht mehr, jedenfalls. Der DJ verstand die Geste, und während Hunderte Studenten pfiffen und begeistert losschrien, begannen auch die anwesenden Eltern brav zu applaudieren.

So fühlten sich Rockstars vor ihren Fans. Der Applaus war berauschend. Aber natürlich grölten die Studenten, weil die Eröffnungsrede vorbei war und man endlich losfeiern konnte. Da machte Pippa sich nichts vor.

Während die Studenten die Tanzfläche stürmten, ließ Pippa die Arme langsam sinken und entspannte ihre Wangen von dem breiten Lächeln, das ihr Gesicht fast zum Schmerzen gebracht hatte.

Sie scannte die Menge – und natürlich: Da stand ihre Mutter Jocelyn und applaudierte mit weit ausholender Geste. Immerhin filmte sie nicht. Das hatte Pippa ihr verboten. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass sie trotzdem peinliche Filme auf Facebook postete. Jocelyn warf ihre glänzenden, glatt geföhnten Haare zurück, um die teuren Diamantohrringe freizulegen, das Hochzeitsgeschenk ihrer Ex-Schwiegereltern, die sie konsequent weiterhin trug. Für die meisten wären sie eine traurige Erinnerung gewesen, aber so dachte Pippas Mutter nicht. Die Ohrringe waren wertvoll und auffällig, und das war alles, was für ihre Mutter zählte.

Vorsichtig stieg Pippa auf ihren hohen Absätzen die Stufen von der Bühne herunter. Das Licht des Scheinwerfers war heiß gewesen. Und auch im Saal stieg die Temperatur mit jeder Minute an. Sie musste die Schuhe wechseln, in diesen konnte man kaum laufen, geschweige denn tanzen, wenn man nicht vorhatte, sich alle Knochen zu brechen. Eigentlich durfte man so etwas gar nicht Schuhe nennen.

Aus den Lautsprechern dröhnte jetzt Santa Claus Is Com­ing To Town. Die Bässe drangen bis tief in Pippas Bauch. Oder war das ihr Magen, der vor Hunger knurrte? Natürlich, sie hatte seit dem Blueberrymuffin am Morgen gar nichts mehr gegessen. Sie kämpfte sich zur Bar durch. Die Häppchen standen leider woanders, als verabredet worden war, also schnappte sie sich einen alkoholfreien Cranberrydrink. Er war mit gestreiften Strohhalmen und winzigen Nikolausmützen dekoriert. Niemand konnte sich vorstellen, wie viel Arbeit das alles gewesen war. Hoffentlich nahm es überhaupt irgendjemand wahr.

Pippas Blick glitt suchend über die Menge, irgendwo musste Lauren sein, aber mit ihren aufwendigen Frisuren und den teuren Kleidern sahen heute alle ganz anders aus. Kleider, die farblich an zuckrige Eiscremesorten erinnerten, wie Lauren eins trug, gab es ziemlich viele.

Pippa stellte sich an einen der weißen Stehtische und holte ihr Handy aus der winzigen Handtasche. Genau in diesem Moment tauchte ein gruseliges Bild von Lauren in ihrer letzten Halloweenverkleidung als Zombieprinzessin auf dem Bildschirm auf, eine ziemlich Furcht einflößende Kombination aus Horror und Schönheit. Ihr Telefon vibrierte immer besonders hektisch, wenn Lauren anrief, als würde sie es mit ihrer Hyper­energie anstecken. Natürlich ging es in letzter Zeit nur um Laurens Hochzeit: Hochzeitskleider, Hochzeitsdeko, Hochzeitsgeschenke, Geschenke für die Gäste, ob die kleinen Herzchen auf den Tischen lieber silber- oder goldfarben sein sollten, Beschwerden über den Hochzeitsplaner und die neue Schwiegermutter, die sich überall einmischte und versuchte, Laurens Vorliebe für Rosa und Gold einzudämmen und durch schnödes Creme zu ersetzen.

»Wo bist du?«, schrie Pippa in ihr Handy, um die Umstehenden zu übertönen. Sie stellte das Glas ab und presste die andere Hand aufs Ohr, um überhaupt etwas verstehen zu können.

»In der Nähe der Hauptbar!«, hörte sie Laurens atemlose Stimme schwach über den Lärm hinweg. Pippa hob den Kopf. Lauren stand knapp fünf Meter neben ihr in einem kurzen, roséfarbenen Chiffonkleid in derselben Pose, in der sie selbst dastand: das Handy an ein Ohr gepresst, die freie Hand über dem anderen Ohr. Laurens Wangen waren gerötet und sie trug eine zauberhafte Hochsteckfrisur, die so aussah, als würde sie sich gleich auflösen – ziemlich aufwendiges Styling, wie immer. Ihre leicht gebräunte Haut – das Erbe ihrer brasilianischen Großmutter – sah fantastisch aus zu dem pudrigen Ton des Kleids.

»Schau hoch!«, schrie Pippa in den Hörer. Lauren hatte verstanden. Ihre Blicke trafen sich und sie grinsten sich über die Köpfe hinweg an. Sie steckten fast gleichzeitig die Handys in ihre kleinen Handtaschen zurück. Lauren lief währenddessen los, so leichtfüßig, als hätte sie Turnschuhe an und nicht High Heels, die noch höher waren als Pippas. Sie warf sich in Pippas Arme, als hätten sie sich seit Wochen nicht gesehen und nicht erst am Morgen in der Mensa. Beinahe hätte Pippa das Gleichgewicht verloren.

»Pippa!«, jaulte Lauren so laut und nah an ihrem Ohr, dass Pippa ihren Kopf reflexartig nach hinten riss. Und dann begann Lauren, hysterisch zu schluchzen.

»Oh mein Gott, Lauren, was ist passiert?« Sie schob Lauren von sich und schaute sie besorgt an. Die Mascara hatte einen dunklen Streifen unter ihren Augen gebildet und ihre Hochsteckfrisur war tatsächlich kurz davor, sich aufzulösen, das war gar kein Stylingeffekt gewesen.

Lauren wischte sich die Tränen von der Wange und lachte auf. Dann fing sie wieder an zu schluchzen und ließ sich mit Schwung erneut in Pippas Arme fallen. Wurde Lauren gerade verrückt?

»Was ist los?«, wollte Pippa wissen. »Jetzt sag doch was, du stehst ja völlig neben dir!«

Lauren griff nach Pippas Hand und zog sie hinter sich her. Sie war zwar zierlich, aber dafür besonders energisch. Als sie weit genug von den Lautsprechern entfernt waren, damit man sich verstehen konnte, ohne schreien zu müssen, drehte sie sich zu ihr um.

Lauren setzte an zu sprechen, aber statt Worten brach ein erneuter Schluchzer aus ihr heraus.

»Hat … hat David etwa Schluss gemacht?«, fragte Pippa vorsichtig und sah schon ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Natürlich, das musste es sein. David war eine Vollkatastrophe. Diese unschuldigen blonden Locken und das freundliche Lächeln täuschten. Sie hatte ihm noch nie getraut. Sie hatte eigentlich die ganze Zeit gewusst, dass es so kommen musste. David hatte Lauren den Heiratsantrag wahrscheinlich nur aus einer Laune heraus gemacht. Er war doch gar nicht fähig zu einer langfristigen Beziehung.

»Was für ein Arschloch«, entfuhr es Pippa, obwohl das ein Wort war, das sie normalerweise nicht benutzte. Ihre Mutter hatte dafür gesorgt, dass ihr Vokabular ziemlich sauber war, indem Pippa früher jedes Mal Geld zahlen musste, wenn ihr ein Schimpfwort herausrutschte.

Lauren hörte auf zu schluchzen und hob den Kopf. Einige dunkle Haarsträhnen klebten quer über ihrem Gesicht. »Was hast du gerade gesagt?«

»David ist ein Arschloch«, wiederholte Pippa und nickte nachdrücklich.

Lauren richtete sich auf und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. »Was ist denn mit dir los?«, fragte sie. Ihre Haltung hatte sich völlig gewandelt. Der hysterische Anfall von gerade hatte sich in Rekordgeschwindigkeit verflüchtigt. Laurens Stimmung konnte doppelt so schnell umschlagen wie bei normalen Menschen.

»Ich dachte, weil du so heulst … Also ich dachte, er hat vielleicht …«

Lauren begann zu lachen. »Pippa!«, kreischte sie. »Du hast gedacht, David hätte was gemacht? Du bist ja total verrückt. David und ich lieben uns!« Lauren betonte das Wort »lieben« sehr stark. »Wir würden uns niemals trennen!«

Jetzt war Pippa komplett verwirrt. »Was ist denn dann los?«

»Es ist wegen Elle!«

»Elle?« Lauren kannte Elle schon seit dem Kindergarten in Texas, und sie hatte Pippa ungefähr zweitausend Mal versichert, dass sie Elle nur deswegen zu ihrer Trauzeugin gemacht hatte, weil sie einfach schon seit fünfzehn Jahren ihre Hochzeit planten.

»Aber was ist denn mit Elle?« Durch Pippas Kopf rauschten die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Was konnte Elle getan haben?

»Elle hat sich ein Bein und einen Arm gebrochen«, sagte Lauren endlich und unterdrückte ein erneutes Aufschluchzen.

»Sie hat was? Beides? Das ist ja schrecklich! Wie ist das denn passiert?«

Lauren nickte. »Ein Skiunfall. Sie kann genau gar nichts machen. Am allerwenigsten die Hochzeit vorbereiten. Sie kann weder schreiben noch laufen. Sie hat Schmerzen.«

»Ach du meine Güte. Die Arme! Wo ist sie?«

»Sie ist total am Ende«, sagte Lauren. »Sie ist im Krankenhaus in der Nähe ihrer Eltern.« Lauren wickelte sich eine Haarsträhne um ihren Finger. Dann wickelte sie die Strähne wieder aus, bis genug Zeit vergangen war, um Elle zu bemitleiden, damit sie wieder von der Hochzeit reden konnte, ohne dass es egoistisch wirkte.

»Schieß los!«, sagte Pippa, die Lauren einfach zu gut kannte. »Und jetzt?«

»Ich weiß ja, dass du superviel zu tun hast. Vor allem jetzt so kurz vor Weihnachten. Aber ich weiß nicht, wer es sonst machen könnte …«

In Pippas Magen begann es zu kribbeln. Sie ahnte, was kommen würde.

»Ich wollte dich fragen, ob du für sie einspringen und die Aufgaben der Trauzeugin übernehmen kannst. Das meiste hatte sie sowieso schon geplant, aber der Junggesellinnenabschied steht zum Beispiel noch an. Sie würde dir alles übergeben und …«

Sie hielt inne und blickte Pippa erwartungsvoll an, ihre braunen Augen vor Anspannung weit aufgerissen.

»Oh, ich glaube nicht, dass ich die Richtige dafür bin«, erwiderte Pippa langsam, ihr ungutes Gefühl hatte sie nicht getäuscht. »Elle hatte sich doch so darauf gefreut. Sie wird sich bestimmt bald erholen und …«

»Keine Chance. Knochenbrüche heilen nicht so schnell. Es gibt hier leider keine Madam Pomfrey.«

»Ich will mich da nicht reindrängen. Bestimmt möchte eine deiner älteren Freundinnen …«

»Pippa. Du bist meine beste Freundin.« Sie drückte sie noch mal fest. Dann richtete sie sich wieder auf und fixierte sie genau. Mit ihrem verschmierten Lidstrich und der verlaufenen Mascara sah Lauren ziemlich elendig und ein bisschen verrückt aus. »Ich will sowieso am liebsten, dass du es machst. Außer … dir ist es zu viel?« Ihre Augen nahmen einen flehenden Ausdruck an und ihre Finger krallten sich so fest in Pippas nackte Schultern, dass es wehtat. »Oder willst du gar nicht?«, schob sie atemlos hinterher, und dabei erschien eine steile Falte auf ihrer Stirn. Enttäuschung spiegelte sich in ihrer Miene. »Ich dachte immer, du und ich, wir wären …«

Pippa drückte sie schnell an sich und ignorierte das Gefühl in ihrem Magen. Sie und Lauren waren schließlich seit der Orientierungswoche an der Uni unzertrennlich. »Natürlich will ich. Ich helfe dir auf jeden Fall«, sagte Pippa. »Das ist doch selbstverständlich«, fügte sie hinzu. Sie spürte, wie Lauren erleichtert ausatmete und sich wieder aufrichtete.

»Es ist wirklich nicht mehr so viel zu tun. Elle hat für die Zeremonie alles organisiert. Sie will auch kommen, wenn es irgendwie geht. Wobei ich nicht weiß, wie wir sie mit eingegipstem Arm und Bein in die Kirche reinbekommen sollen, vielleicht tragen oder so. Oder wir mieten einen Elektrorollstuhl. Aber ich wollte doch immer so einen richtig schönen Junggesellinnenabschied haben. Elle wollte eine Überraschung vorbereiten. Ich träume schon ewig davon. Und das geht jetzt alles nicht. Und …« Das alles war in atemberaubendem Tempo aus Laurens Mund gekommen. Jetzt verzog sie das Gesicht und erneut glitzerten Tränen in ihren Augen.

»Ich schaffe das schon, mach dir gar keine Sorgen.« Pippa strich ihr beruhigend über die Arme.

Lauren holte einmal tief Luft und nickte. Dann presste sie ihre Lippen zusammen und begann nervös auf der Unterlippe zu kauen. Lauren wirkte beinahe so, als hätte sie ein schlechtes Gewissen.

»Es gibt etwas, was du vorher wissen musst«, platzte Lauren heraus. »Ich sag es dir lieber gleich, bevor du ganz zusagst.« Wie gut Pippa Lauren kannte.

»Na, dann schieß mal los.«

»Davids Trauzeuge ist Hunter Montgomery.«

»Oh.« Pippa blieb für einen Moment die Luft weg. Natürlich. Hunter. Irgendwie hatte sie das längst geahnt. Nur hatte sie es für einen Moment verdrängt. Wie sie eigentlich jeden Gedanken an Hunter Montgomery aus reiner Gewohnheit verdrängte.

»Ich weiß, dass du Hunter nicht magst, aber …« Lauren blickte sie bettelnd an.

Pippa fehlten die Worte. Und dann brach es aus ihr heraus. »Hunter Montgomery ist der allerletzte Macho. Diese Selbstdarstellung in der Presse, wie er sich von allen feiern lässt – und dann diese gnadenlose Arroganz.«

»Er ist aber auch ein megaattraktiver Macho«, gab Laren zu bedenken.

»Wie bitte?«

»Klar benimmt er sich ein bisschen großkotzig, und seit er so lange mit seinem Dad auf Tour war, denkt er, dass er extracool ist. Aber ich persönlich kann nichts Schlechtes über ihn sagen. Ich habe ihn damals in der ersten Semesterwoche getroffen als Freshman, bevor er auf Tour gegangen ist.« Sie kicherte. »David und er kennen sich einfach ewig und …«

»Die Freundschaft kann man echt nur damit erklären, dass er anders war, als David ihn kennengelernt hat.« Oder eben damit, dass David im Herzen auch nicht viel anders war. Aber den Gedanken sprach Pippa lieber nicht aus.

»Du wirst nicht viel mit Hunter zu tun haben«, erklärte Lauren schnell. »Er ist wirklich nicht so unerträglich.« Sie klang ein bisschen winselig. »Es ist nur ein bisschen Orga.«

»Nur ein bisschen Orga«, wiederholte Pippa und nickte. Ihre Stimme klang allerdings merkwürdig verrutscht und sie musste sich einmal räuspern.

»Also, du kannst es bestimmt auf ein Minimum reduzieren. Am besten sprichst du mal mit Elle«, sagte Lauren dann entschlossener. »Du machst es also?« Lauren sah so angespannt aus, als hätte sie Pippa gerade gefragt, ob sie sie heiraten wolle, statt einfach nur als Ersatztrauzeugin für die Organisation einzuspringen.

Pippa gab sich einen Ruck. »Ich rede mal mit Hunter, okay? Ich helfe auf jeden Fall bei der Organisation. Aber … willst du nicht vielleicht noch Jenny fragen, ob sie deine Trauzeugin sein will? Also nur, dass sie dann nicht eingeschnappt ist? Das ist wirklich völlig in Ordnung für mich.« Pippa bemühte sich um ein Lächeln. Schließlich wollte sie Lauren auf keinen Fall beleidigen. Es war ja eine Ehre, dass sie sie fragte.

»Ich würde mich so freuen, wenn du es machst«, erwiderte Lauren. Lauren war stur und keineswegs naiv. Das unterschätzte man leicht, wenn man sie nach ihren pinken Outfits beurteilte. »Du redest mit Hunter und dann sagst du mir Bescheid?« Sie fixierte sie eindringlich. »Ihr werdet bestimmt klarkommen«, fügte Lauren mit Nachdruck hinzu, als könnte sie so ihren Wunsch Wirklichkeit werden lassen. Dann umarmte sie Pippa erneut sehr fest.

»Hey, ich bin deine Freundin, nicht dein Wrestlinggegner. Ich habe doch gesagt, dass ich mit ihm spreche.«

Aber Lauren hielt sie fest. Pippa schloss die Augen. Lauren roch so intensiv nach ihrem Rosenparfüm, dass Pippa das Gefühl hatte, sie hätte ihren Kopf in ein Blumenbouquet gesteckt. Vielleicht würde der Geruch sie ja für einen Moment betäuben. Außerdem konnte Lauren so nicht sehen, wie der Gedanke, überhaupt mit Hunter Montgomery sprechen zu müssen, sie aus dem Konzept brachte. Und das bestimmt nicht, weil er ein »megaattraktiver Macho« war.

»Ich werde mit ihm reden«, sagte sie noch einmal.

»Danke«, sagte Lauren leise. »Du bist eine wunderbare Freundin.«

»Na, wenn du das sagst …«, nuschelte Pippa zurück und vertrieb den unangenehmen Gedanken, dass Lauren das bestimmt nicht sagen würde, wen sie wüsste, was Pippa wirklich über David dachte. Und jetzt auch noch Hunter Montgomery.

Langsam lösten sich ihre Hände voneinander. Um sie herum war die Party inzwischen in vollem Gange. Die Tanzfläche war ein wogendes Meer aus glitzernden Kleidern.

»Und jetzt trinken wir was«, sagte Lauren gut gelaunt. Sie öffnete ihre rosafarbene Handtasche und zog den silbernen Flachmann heraus, den Pippa schon bei der einen oder anderen Party gesehen hatte. »Wobei ich ja den Eindruck habe, dass irgendjemand schon was Hochprozentiges in die Weihnachtsbowle gekippt hat«, fügte Lauren hinzu und schaute sich um, bevor sie einen Schluck direkt aus dem Flachmann nahm und ihn im Anschluss Pippa hinhielt.

Pippa lächelte. »Danke auf jeden Fall, dass du mich gefragt hast.« Dann griff sie nach der silbernen Flasche. Vielleicht half das ja. Aber nach zwei Schlucken begann sie zu röcheln und presste sich die Hand vor den Mund.

»Oh Gott, hast du Brennspiritus mit Chili gemischt? Das könnte auch ein Giftanschlag sein!« Sie atmete japsend ein. »Wie bekommst du das runter?« Trotzdem hinterließ der Alkohol ein warmes Gefühl in ihrem Magen, das jetzt, wo das ätzende Zeug ihre Speiseröhre verlassen hatte, sogar ganz angenehm war.

Lauren kicherte und schraubte den Flachmann wieder zu. Sie sah zufrieden aus. »Ich kann mich darauf verlassen, dass du dem Ganzen zumindest eine Chance gibst, ja?«

»Wie gesagt, ich rede mit Hunter«, sagte Pippa. Dann nickte sie und lächelte so überzeugt wie möglich. »Da hinten steht übrigens dein Verlobter. Ich bin aber nicht sicher, ob er einfach nur sehr sehnsüchtig zu dir rüberschaut oder ob er der Meinung ist, ich würde dich ihm ausspannen wollen nach unseren vielen Umarmungen.« Lauren blickte über ihre Schulter zu David und ihr Gesicht fing an zu strahlen, wie immer wenn sie von David redete, wenn sie ihn ansah oder mit ihm zusammen war. Sie war wirklich wahnsinnig verliebt. Pippa hoffte inständig, dass ihr schlechtes Gefühl, was David anging, falsch war. Dass er sich wirklich als der wundervolle Ehemann entpuppen würde, für den Lauren ihn hielt. Doch sie hatte ihre Zweifel.

Lauren drehte sich noch mal zu Pippa. »Allein dafür hat sich das College gelohnt. Ich habe hier die besten Freunde meines Lebens getroffen. Und eine davon bist du.« Sie küsste Pippa auf die Wange. Pippa glaubte, schon wieder ein verdächtiges Schimmern in ihren Augen zu sehen. Pippa spürte jedenfalls, wie ihr selbst die Tränen kamen. Müsste sie Lauren nicht als gute Freundin noch vor der Hochzeit ihre Zweifel mitteilen? War das nicht ihre Pflicht?

Plötzlich stand David neben ihnen. Eine blonde Locke fiel in sein Gesicht und Lauren strich sie liebevoll zur Seite. Wahrscheinlich war David wirklich eifersüchtig. Auf andere Männer reagierte er auf jeden Fall fast schon allergisch, wozu er wirklich gar keine Berechtigung hatte. Er zwinkerte Pippa zu und zog Lauren mit sich.

Pippa bahnte sich einen Weg zum Büfett mit dem saftigen Karottenkuchen und den Cupcakes mit extradickem Frosting, das von den Eltern der anderen Studenten gesponsert worden war. Das Gebäck kam von der Magnolia-Bäckerei, Pippas liebstes Ausflugsziel am Samstagmorgen. Aber sie konnte jetzt nichts essen. Das Gespräch mit Lauren war ihr auf den Magen geschlagen. Und dann noch Hunter. Warum hatte sie sich nur überreden lassen? Jetzt musste sie sich etwas ausdenken, wie sie verhindern konnte, mit ihm zusammenzuarbeiten, ohne dass Lauren traurig darüber war. Pippa griff sich einen Drink vom Tisch, der mit Schneemannstrohhalmen dekoriert war. Es mochte kitschig sein, aber an Weihnachten war das ja wohl erlaubt. Vielleicht hatte sie Glück und der Drink war schon gestreckt. Sie probierte die weihnachtlich grün gefärbte Flüssigkeit, die zugegebenermaßen etwas giftig aussah. Der Drink schmeckte nach Zimt, Cranberryjuice und … Dr. Pepper? Sie verzog das Gesicht. Die Kombination war nur mittelmäßig gelungen. Die Lebensmittelfarbe hinterließ außerdem einen bitteren Nachgeschmack. Sie zog ihr Handy aus der Handtasche, damit niemand auf die Idee kam, sie anzusprechen. Sie musste erst mal verdauen, was sie gerade erfahren hatte. Dabei schaute sie sich unauffällig um, ob sie irgendwo Hunter Montgomery erspähen konnte. Wusste er schon von Elle? Oder war er gar nicht hier? Vielleicht war er zu cool für so ein Event, bei dem alle am College einfach Spaß hatten. Sie belegte einen Kurs mit ihm gemeinsam, ein Seminar über Psychologie von Persönlichkeiten, und wenn jemand eine zynische Bemerkung fallen ließ, die alles infrage stellte und den Professor in Verlegenheit brachte, dann war es mit Sicherheit Hunter, der den Arm gehoben hatte.

Gerade als Pippa sich auf die Suche nach Chip machen wollte, um einen Moment alle unangenehmen Gedanken zur Seite zu schieben und ein bisschen zu tanzen, sah sie ihn. Hunter Montgomery lehnte nur ein paar Meter neben ihr an der Wand und hatte beide Hände in die Taschen geschoben. Er sah aus, als wäre er gelangweilt und genervt, als wäre er Besseres gewohnt. Neben ihm standen ein paar andere Studenten, auch Evalina Sheridan war darunter. Hunter war erst im zweiten Jahr nach Stonehill gekommen, aber weil Travis Montgomery, Hunters Vater, diesen Rockstarbonus hatte, hatte er ziemlich schnell Freunde gefunden. Evalina klebte zum Beispiel ständig an Hunter. Typisch. Immerhin machte es das einfacher, zwei Personen, die Pippa nicht sehen wollte, auf einmal aus dem Weg zu gehen. Hunter trug einen tintenblauen Anzug, der seine Augen noch blauer erscheinen ließ. Ob die Farbe Zufall oder Eitelkeit war – bei Hunter schwer zu sagen. Aber vor allem schaute er direkt in ihre Richtung. Sie zuckte zusammen, als sie seinen Blick bemerkte, und ihre Wangen begannen zu prickeln. Schnell schaute sie wieder auf ihr Handy und begann, hektisch etwas zu tippen. Eine Nachricht an ihre Mutter, die überhaupt keinen Sinn machte, wie sie sich selbst eingestehen musste. Wie bescheuert, jetzt ließ sie sich direkt von Hunter verunsichern.

Sie ging ein paar Meter in die andere Richtung, und erleichtert erkannte sie einen Typ in einem dunkelgrauen Nadelstreifenanzug, der sich einen Weg durch die pastellfarbenen Abendkleider bahnte. Er strahlte ihr schon aus der Ferne zu. Chip. Aus seiner Jacketttasche ragte die Kante eines roten Seidentuchs, das er akkurat gefaltet hatte. Wahrscheinlich hatte er sich YouTube-Videos über Falttechniken angeschaut. Seine mittelblonden Haare waren zurückgegelt und wirkten deshalb dunkler als sonst. Er sah aus wie ein Mafiaboss in den Fünfzigern, was wahrscheinlich kein Zufall war. Nur sein etwas zu rundes und etwas zu harmloses Gesicht verriet schnell, dass er weniger Mafiaboss, dafür mehr Upper East Side war.

»Hey, Prinzessin. Du warst wie immer unglaublich. Tolles Kleid«, sagte Chip, als er sie erreichte. Seine Augen wanderten einmal über ihren Körper bis zu ihren Füßen und wieder zurück. Er machte das betont langsam, als glaubte er, ihr damit ein Kompliment zu machen. Dabei wäre es grenzwertig schmierig gewesen, würde sie ihn nicht so gut kennen.

»Ich habe aber das Gefühl, du schaust mehr auf die Stellen, wo kein Kleid ist«, sagte Pippa.

»Davon gibt es glücklicherweise viele Stellen«, erwiderte Chip grinsend. »Du warst in deiner Rede so professionell wie ein Holly­woodstar bei der Oscarverleihung«, ergänzte Chip, bevor Pippa sagen konnte, dass das Kleid Lauren gehörte.

»Du meinst, ich habe hölzerne, vorher aufgeschriebene Witze gemacht und dabei so getan, als wäre mir alles spontan eingefallen?«

Chip winkte ab. »Du hast es geschafft, alle sprachlos zu machen, als sie den Saal betreten haben. Dabei waren die Erwartungen nach der Party im letzten Jahr verdammt hoch.« Er nickte nachdrücklich.

»Du übertreibst.« Doch Pippa freute sich natürlich, denn sie wusste, wie verwöhnt alle Studenten hier waren. Viele waren schon an der Upper East Side groß geworden und würden bald das Unternehmen der Eltern übernehmen. Studieren war eher Zeitvertreib.

»Ich übertreibe nicht. Kommen die Luftballons, die da im Netz an der Decke hängen, später noch alle runter? Und wo hast du bitte schön diese Bäume her? Du bist ein Genie.« Er deutete auf die riesigen, baumartigen Gestecke, die winterlich glitzerten und zusätzlich mit weißen Rosen dekoriert waren.

»Ein Geschenk der Verhoovens. Ich habe allen Eltern eine Erwähnung auf der Gib-Scrooge-keine-Chance-Wand und ein Dinner versprochen, wenn sie den Ball sponsern. Da wollten plötzlich alle etwas spenden. Wir haben sogar eine Schneemaschine, die später silbernen Konfettischnee verfeuern wird«, sagte Pippa.

»Das klingt alles zu perfekt. Da muss es doch ein dunkles Geheimnis geben. Ich hoffe, du reservierst mir später einen Tanz, damit ich es herausfinden kann.« Chip lächelte und zwinkerte ihr dabei zu.

»Natürlich«, erwiderte sie und lächelte Chip dankbar an. Einen Tanz reservieren – so altmodische Dinge konnte auch nur Chip sagen. »Aber momentan haben vor allem meine Füße ein dunkles Geheimnis. Ich muss mir andere Schuhe holen«, fügte Pippa hinzu.

»Dafür sehen deine Füße darin sehr sexy aus«, sagte Chip und betrachtete die elf Zentimeter hohen goldenen Absätze.

»Nicht so sexy wie dein Anzug«, entgegnete Pippa, weil Chip irgendwie darauf zu warten schien, so wie er an seinem Einstecktuch herumzupfte. Er war nicht schwer zu durchschauen.

»Findest du?«, fragte er betont überrascht. Aber Pippa merkte, dass ihn das Kompliment freute. Chip und sie waren zu Beginn des Semesters ein paarmal ausgegangen. Er war nett und verlässlich. Vielleicht erinnerte er sie auch ein wenig an ihr altes Leben.

»Aber so was von!«, bestätigte sie.

»Und das Beste ist, dass du jetzt wieder mehr Zeit hast.« Chip zwinkerte noch mal. »Es gibt keine Ausrede mehr«, sagte er. »Nächste Woche?«

»Ja, sicher«, sagte Pippa, obwohl ihr Kopf zu surren begann, als sie daran dachte, wie viel sie vor den nächsten Prüfungen noch aufzuholen hatte. Manchmal dachte sie, dass sie einfach nur schlafen wollte. Nicht für die Uni lernen, nichts vorbereiten, nicht auf ihre Mutter aufpassen, nicht stark sein. Und für Weihnachten hatte sie auch noch nichts vorbereitet.

»Nur hat mich Lauren gerade gefragt, ob ich als Trauzeugin einspringe.« Für einen Moment überlegte sie, gar nicht zu erwähnen, was sie wirklich belastete. »Hunter Montgomery ist Davids Trauzeuge.«

Ein Schatten huschte über Chips Gesicht. »Montgomery? Erstaunlich, dass er nicht zu cool dafür ist, wo er doch so wahnsinnig wichtig ist.« Er krauste angewidert die Nase, betrachtete sie dabei aber genau. »Aber mit dem hast du ja nicht so viel zu tun, wenn du für die Mädchen zuständig bist.«

»Ja, das hoffe ich.«

Chip schien zufrieden mit ihrer Antwort. »Du kriegst das schon hin mit der Orga. Du kriegst doch immer alles hin.« Chip hob den Arm und winkte Ken und Maya zu, die aufgetaucht waren. »Hey!« Er blickte zurück zu Pippa. »Ich muss da mal kurz rüber«, sagte er. Dann zeigte er mit zwei Fingern auf seine Augen, dann auf sie und verschwand, um die beiden zu begrüßen. Sie war ganz froh, einen kurzen Moment durchzuatmen.

Sie riskierte einen Seitenblick zu der Stelle, wo Hunter gerade noch gestanden hatte. Dass er verschwunden war, beruhigte sie einerseits, und gleichzeitig beunruhigte es sie, nicht zu wissen, wo er war.

Sie schaute sich zum ersten Mal im Saal um, ohne nur nach Fehlern und Verbesserungen zu suchen. Weiße Lampions hingen von der Decke, eine Kutsche mit Rentieren aus Lichtern stand an einer Wand. Daneben alberte eine Gruppe Studenten rum und machte so viele Fotos mit der Kutsche, dass die Kamerablitze fast schon als Lichtorgel durchgingen. Ein Winterwonderland, genau wie sie es sich erhofft hatte. Die Temperatur im Saal war in der letzten halben Stunde um weitere fünf Grad gestiegen. Die Stimmen waren lauter und aufgeregter geworden. Offiziell durfte heute Abend kein Alkohol ausgeschenkt werden, aber niemand überprüfte, was in den mitgebrachten Flaschen war.

Sie schlenderte Richtung Ausgang, um Elle anzurufen. Sie musste rausfinden, wie viel Arbeit da wirklich auf sie zukam. Ihre To-do-Liste vor Weihnachten war ein zehnarmiges Ungeheuer. Vielleicht konnte sie sich Hunter doch komplett vom Hals halten? Das musste doch möglich sein. Sie trat durch die großen, mit Bronze verzierten Glastüren am Eingang des Hotels nach draußen. Sie wollte keine Zuhörer.

Die Kälte, die ihr entgegenschlug, war beißend, aber sie hatte sich nicht die Zeit genommen, um eine Jacke zu holen. Die geparkten Autos waren mit Schnee bestäubt. Rechts und links neben dem Eingang des Hotels bliesen Engel aus Glas in überdimensionierte Trompeten. Hübsch, auch wenn Pippa ein Heizstrahler gerade lieber gewesen wäre. Für ein paar Minuten würde es gehen. Doch ihr Anruf lief ins Leere. Elles Telefon war ausgeschaltet.

Plötzlich hatte Pippa keine Lust mehr auf die Party. Vielleicht sollte sie einfach ihre Sachen holen und nach Hause gehen. Hier war es jedenfalls saukalt. Sie hielt sich eine Hand vor den Hals im jämmerlichen Versuch, sich vor der Kälte zu schützen. Eine Lungenentzündung konnte sie jetzt nicht gebrauchen und ihr Hals lag in dem tief ausgeschnittenen Kleid total frei, nachdem sie die letzten Wochen mit dicken Schals sehr darauf geachtet hatte, bloß nicht heiser zu werden und stimmlos zum Weihnachtsball zu erscheinen.

»Hey, Partner«, erklang plötzlich eine bekannte Stimme hinter ihr und Pippa zuckte zusammen.

»Sorry«, sagte Hunter samtweich und keineswegs so, als täte ihm irgendetwas leid.

Pippa lief ein Schauer über den Rücken. Wie konnte in einer Stimme nur so viel Arroganz mitschwingen? Und irgendwie ging ihr diese Stimme direkt unter die Haut, wo sie sie am wenigsten spüren wollte. Sie holte tief Luft und drehte sich um.

Hunter zog sich sein Jackett aus und hielt es ihr hin. »Ich glaube, du brauchst das mehr als ich. Das Kleid sieht nicht so aus, als ob es für solche Temperaturen gemacht wäre. Und ein Faible für hochgeschlossene Klamotten scheinst du ja auch nicht gerade zu haben.« Er grinste und ließ seinen Blick kurz über ihr enges, kurzes Paillettenkleid gleiten. Bei ihm wirkte es allerdings verdammt herablassend.

»Man hat bei solchen Veranstaltungen nur zwei Möglichkeiten: besonders viel Stoff und dafür beim Laufen über den Saum stolpern – oder besonders wenig«, erwiderte Pippa trocken. »Das Problem haben Männer natürlich nicht.«

Hunter zog eine Augenbraue nach oben. »Hast du schon mit Lauren gesprochen?«

»Arme Elle.« Pippa nickte. Dann schüttelte sie den Kopf und schob die Jacke zurück, die Hunter ihr noch immer hinhielt. »Danke, ich komme schon klar, Partner«, sagte sie und versuchte, ihrer Stimme beim Wort »Partner« einen ironischen Tonfall zu geben, der mit seinem mithalten konnte. Leider klang sie dabei eher so, als würde sie mit den Zähnen klappern. Ihre Füße und Hände waren kurz vorm Einfrieren. Seidenstrümpfe waren nicht gemacht, um null Grad Kälte in New York auszuhalten. Sie hätte ein paar Fellstiefel gebrauchen können. Sie lächelte Hunter trotzdem so entspannt wie möglich an. Oder versuchte es jedenfalls.

Hunter zuckte mit den Schultern und zog sich sein Jackett wieder an. »Wenn du es nötig hast, aus Eitelkeit an einer Bronchitis mit Todesfolge zu sterben …«, sagte er und zuckte mit den Schultern. »Wenn ich jetzt sagen würde, dass du auch mit Jackett noch gut aussiehst, ziehst du es dann an?«, fragte er. Auf seinem Gesicht war keinerlei Gefühlsregung erkennbar. Nie konnte man sagen, ob er etwas ernst meinte oder sich nur lustig machte.

»Mir ist nicht kalt«, log sie. Die Genugtuung würde sie ihm jetzt nicht geben. Na wunderbar, das fing ja schlimmer an als befürchtet. Sie musste sich zusammenreißen. Immerhin hatte die Kälte die Benommenheit vertrieben, die Laurens Wodka hinterlassen hatte.

»Ich weiß gar nicht, was du hast. Ist feinster italienischer Stoff. Hat bestimmt ein kleines Vermögen gekostet. Ziehst du es jetzt an?«

Hatte er das gerade ernsthaft gesagt? Wollte er sie damit etwa beeindrucken?

»Chips frisch gestärkte Jacke würdest du wahrscheinlich nehmen«, fügte er spöttisch hinzu, als sie nicht reagierte.

Pippa verschlug es für einen Moment die Sprache. Wieso kam Hunter ausgerechnet auf Chip? Sie waren am College nur selten gemeinsam unterwegs gewesen, er konnte sie sicher nicht zusammen gesehen haben.

Hunter wartete auf eine Reaktion und reckte den Nacken zur Seite, als hätte er ihn sich verrenkt. Pippa versuchte zu übersehen, wie gut er in dem Jackett aussah und wie sein Strecken sie an einen Tiger erinnerte, der sich für einen Kampf bereit machte. Das tiefe Blau seines Anzugs war wirklich schön. Der Stoff fiel weich um seinen Körper. Die Italiener wussten, was sie taten. Aber das war eigentlich nicht das Entscheidende, was ihr auffiel. Der Anzug konnte nicht verstecken, dass darunter ein Körper steckte, der fit bis zum Anschlag war. Hunter spielte Squash, und zwar so gut, dass er zu Turnieren geschickt wurde, seit er klein war. Daher kannte er auch David. Im Schein der Straßenlaternen erkannte Pippa allerdings, dass er nicht rasiert war und tiefe Schatten unter den Augen hatte.

»Ich bekomme nicht aus Eitelkeit eine Bronchitis. Mir ist eben nicht kalt«, wiederholte Pippa, obwohl sie wusste, dass sie keine überzeugende Erscheinung abgab. Sie konnte sich nicht erklären, wieso sie eigentlich behauptete, dass ihr bei zwei Grad mit nackten Schultern nicht kalt war. Sie war schließlich kein Yeti.

»Du hast dich ja richtig chic gemacht für heute Abend«, sagte Pippa, um von sich abzulenken. »Ich dachte, Rockstars und ihre Kinder tragen nur zerrissene Jeans.«

»Hat mein Vater geschenkt bekommen«, sagte er, ohne auf ihre spitze Bemerkung einzugehen. »Er kriegt ständig Klamotten geschenkt.«

»Wieso?«, fragte Pippa.

»Die Firmen schicken ihm Klamotten, damit die Paparazzi ihn darin fotografieren.« Hunter zuckte mit den Schultern.

Natürlich. Er klang zwar nicht besonders angeberisch, aber trotzdem.

Hunter musterte sie einen Moment. »Okay. Lass uns trotzdem reingehen, auch wenn du eine Eisprinzessin mit fünf Grad Körpertemperatur bist«, sagte er. Wahrscheinlich hatte er keine Lust mehr, weiter zu argumentieren. »Jetzt, wo wir Partner sind, bin ich auch für dich verantwortlich.« Schon wieder sprach er das Wort »Partner« irgendwie abfällig aus. Er wirkte genervt.

»Ich habe mir nicht ausgesucht, eine Last für dich zu sein. Ich mache das nur für Lauren«, sagte Pippa durch zusammengepresste Zähne. Der Typ war wirklich das Allerletzte. Vielleicht hatte sie bis gestern tatsächlich nur Vorurteile gegen ihn gehabt, wegen der Zeitungsberichte und der Fotos. Jetzt allerdings hatte sie eine Meinung.

»Tja, das Schicksal nimmt unergründliche Wege«, gab Hunter zurück. »Und du bist dir sicher, dass du Elle nicht die Treppe heruntergestoßen hast, um in der Junggesellinnenhierarchie aufzusteigen und die Krone zu übernehmen?«

Pippa blieb die Luft weg. »Hast du sie noch alle?«

»Du bist gern ganz oben, stimmt doch, oder?« Hunter lächelte, aber sein Blick war nicht freundlich dabei.

»Wenn du wirklich glaubst, dass ich …« Nein, solche Sprüche würde sie nicht aushalten auf Dauer. Das konnte jetzt kein Zufall sein. Hunter wusste genau, was er andeutete. Er war nicht dumm.

»Schon gut.« Hunter legte seine Hand auf ihre Schulter und drehte sie Richtung Tür. »Ich sehe dich meistens auf der Bühne hier an der Uni. Scheint dir wichtig zu sein. Oder habe ich das falsch gesehen, dass du gerade den Ball eröffnet hast? Und stellvertretende Studentensprecherin bist du auch. Dafür hat es ja noch gereicht. Keine Veranstaltung, bei der du keine Rede hältst. Dürfte für eine Hochzeit wahrscheinlich absolut vorteilhaft sein, wenn man eine Rampensau mit einem Strahlelächeln ist.«

»Komisch, dass gerade du was von Rampensau erzählst.«

Hunters Hand glühte auf ihrer eiskalten Schulter, seine Finger lagen direkt auf ihrer Haut. Sie wischte seine Hand weg und ging vor ihm ins Hotel zurück. Es war einfach eine Katastrophe. Worauf hatte sie sich nur eingelassen? Vielleicht gab es doch noch einen Weg, wie sie aus der Nummer rauskam, ohne ihre Freundin absolut zu enttäuschen.

»Vielleicht können wir ja ein Planungstreffen machen und die Aufgaben verteilen. Den Rest organisieren wir per Mail. Und du brauchst keine Angst zu haben, dass ich dir den Platz auf der Bühne streitig mache, falls es das ist, wovor du Panik hast. Sonst macht dein Vater bestimmt Platz für dich auf seiner Bühne. Er reicht doch auch die Models an dich weiter, die er abgelegt hat«, sagte Pippa. Kaum hatte sie das ausgesprochen, schlug sie sich die Hand vor den Mund, erschrocken von der Gehässigkeit ihrer Worte und dem Blitzen in Hunters Augen. Hatte sie ihn tatsächlich getroffen? Wieso wurde sie so gemein in seiner Nähe? Hunters Vater war in den letzten Jahren als Sänger superbekannt geworden. Und Hunter hatte einmal eine Freundin von ihm übernommen. Schlimm genug, dass sie das gelesen hatte.

Hunter hatte sich schnell wieder gefasst und seine Augen verrieten keine Gefühlsregung. »Mein Vater hat letzte Woche geheiratet. Wir machen dieses Ding und das war’s. David ist mein bester Freund. Ich werde natürlich dafür sorgen, dass er einen coolen Junggesellenabschied hat. Und nur, damit du es weißt: Ich bin niemand, der Klatsch weitererzählt und alles überall postet. Falls dich das beunruhigt.«

Er fixierte sie mit seinem Blick, dass Pippa es bis in die Zehenspitzen spürte. Sie wusste natürlich, was er meinte. Aber andererseits: Meinte er das wirklich? Wollte er wirklich darauf anspielen? Hatte er damals überhaupt genau verstanden, was passiert war? Er hätte sogar die Macht, sie von der Schule zu werfen. Pippas Hals wurde ganz trocken, als sie daran dachte. Wenn er es darauf anlegte, könnte er das tun. Er könnte sie dem Studentenkomitee melden. Und dann würde sie alles verlieren. Wenn sie erst einmal vor dem Studentenkomitee stand, war das geradezu unausweichlich. Denn dort sprach man unter dem Ehrenkodex die Wahrheit. Und Pippa wusste, dass sie dann nie würde lügen können.

Und wieder stieg dieses Gefühl in ihr hoch, das sie seit dem letzten Jahr begleitete. Vielleicht gehörte sie einfach nicht mehr an diese elitäre Universität, die sie nicht mehr bezahlen konnte. Egal wie viele Weihnachtsbälle und sonstige Veranstaltungen sie noch organisierte.

Hunter fuhr sich durch die Haare und Pippa spürte, wie sein Blick noch mal über ihren ganzen Körper glitt, obwohl er es diesmal nicht ganz so demonstrativ machte. Er sah sie einfach so an, wie andere Jungs andere Mädchen abscannten. Aber so war Hunter eben. Das war das Blöde an schönen, sexy Klamotten. Wenn man sie anzog, dachten alle Kerle, dass sie einen so anschauen durften. Auch die, auf die man gar keine Lust hatte. Sie wollte sich etwas überziehen.

»Ruf mich an«, sagte Hunter und wandte sich abrupt ab. Er verschwand, und sie stand plötzlich allein vor dem Eingang zum Festsaal. Ihr Herz pochte so doll in ihrer Brust, dass es wehtat. Und sie wusste eigentlich noch nicht mal so ganz genau, warum.

Sie ging zurück Richtung Garderobe, um ihre flachen Schuhe zu holen. Dann schaute sie, ob sie Lauren irgendwo entdecken konnte. Aber der Festsaal war inzwischen sehr voll und völlig unübersichtlich. Sie tippte eine Nachricht an Lauren, dass sie nicht auf sie warten solle.

»Diese Veranstaltung ist wirklich ganz fantastisch organisiert. Sie sind Pippa Schwab, nicht wahr?« Pippa schreckte von ihrem Handy hoch. Neben ihr stand ein Mann und lächelte sie mit seinen perfekten Zähnen an. Es war auch nicht irgendein Mann, es war der Vater einer Kommilitonin. Er sah elegant aus, konservativ, aber mit einer Lässigkeit, die man nur entwickeln konnte, wenn man schon sein ganzes Leben lang in teuren Anzügen herumlief. In New York gab es unzählige Familien von dieser Sorte. Pippa stellte ihr Strahlen an.

»Vielen herzlichen Dank, Mr Sheridan. Es wäre ja ohne die großzügige Unterstützung von Ihnen und einigen anderen Eltern überhaupt nicht möglich gewesen.«

»D

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