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Beiträge zur Geschichtswissenschaft
Herausgegeben von Ernst Piper

ERNST PIPER, geboren 1952 in München, hat in München und Berlin studiert und 1981 in Mittelalterlicher Geschichte an der TU Berlin promoviert, seit 1982 ist in verschiedenen Positionen in der Verlagsbranche tätig. 2005 hat er sich mit seiner Arbeit über Alfred Rosenberg habilitiert und ist seit 2006 Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte der Renaissance sowie zur Neueren und Neuesten Geschichte, zuletzt: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs (Berlin 2013) und 1945. Niederlage und Neubeginn (Köln 2015). Piper lebt in Berlin.

Inhalt

Vorwort zur Neuausgabe

Einleitung

I. Herkunft und Jugend

II. Vom Publizisten zum Ideologen

München

Die Anfänge der NSDAP

Russische Frage und deutsche Balten

Frühe Schriften

Dietrich Eckart und der Völkische Beobachter

III. Verbotszeit

Vorsitzender einer verbotenen Partei

Nationalsozialistisches Programm und völkische Sammlung

Der Weltkampf

IV. Die dürren Jahre

Neugründung und Aufbau der NSDAP

Nationalsozialismus oder nationaler Sozialismus

Deutsche Außenpolitik

Religion und Politik

V. Der Mythos des 20. Jahrhunderts

Vom Mythos zum »Mythus«

Der arische Gestus

Die Rassenseele

Politische Religion oder Religionsersatz?

VI. Jahre der Entscheidung

Auf dem Weg zur Macht

Der Kampfbund für deutsche Kultur

Nordische Gesellschaft

Das Außenpolitische Amt

VII. Der bevollmächtigte Dogmatiker

Weltanschauungsbeauftragter

Im Kampf um die Kunst

Vom Kampfbund zur Kulturgemeinde

Kirchenkampf

VIII.Die Einheitlichkeit des Seelenkrieges

Neuordnung Europas

Lebensraum im Osten

Baltische Heimkehr

IX. Ideologische Aufrüstung im Schatten des Krieges

Die Hohe Schule

Das Institut zur Erforschung der Judenfrage

Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg

X. Die weltanschauliche Überwindung der Sowjetunion

Beauftragter für die Fragen des osteuropäischen Raums

Der Überfall auf die Sowjetunion

Reichsminister für die besetzten Ostgebiete

Die Reichskommissariate

Die Judenvernichtung

XI. Finale

Dem Ende entgegen

Nach dem Ende

Nachwort

Anhang

Danksagung

Anmerkungen

Abkürzungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Vorwort zur Neuausgabe

Mehr als zwanzig Jahre liegen die Anfänge meiner Beschäftigung mit Alfred Rosenberg inzwischen zurück. Damals wurde das Vorhaben, über den nationalsozialistischen Chefideologen eine Biografie vorzulegen, von vielen Historikern milde belächelt. »Lohnt sich denn das?« war noch einer der freundlicheren Kommentare. Das Genre des Biografischen war noch immer weithin verpönt und Alfred Rosenberg galt zudem als unbedeutend, was nicht zuletzt auf die groteske Verzeichnung seiner Person durch Joachim Fest zurückging. Leider wirkt die völlige Unterschätzung der Rolle Rosenbergs durch Fest und andere bis heute nach. Ein Beispiel dafür soll hier genügen: In der Publikation des Instituts für Zeitgeschichte (München) »Die tödliche Utopie«, die zugleich als Katalog der Dauerausstellung auf dem Obersalzberg dient, gibt es ein Kapitel »Akteure des Regimes«. Unter den zwölf Personen sind natürlich Heinrich Himmler, Joseph Goebbels und Hermann Göring aufgeführt, aber auch Martin Bormann und Baldur von Schirach, Alfred Rosenberg dagegen fehlt. Fests Diktum vom »vergessenen Gefolgsmann« erwies sich als »self fulfilling prophecy«. Das hat manchmal kuriose Konsequenzen. Als die Berliner Topographie des Terrors 2011 eine ausgezeichnet gemachte Ausstellung zum 50. Jahrestag des Eichmann-Prozesses veranstaltete, gab es dort auch ein Foto der Angeklagten im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. In der Bildunterschrift waren die Angeklagten Göring, Hess, Ribbentrop, Keitel und Kaltenbrunner namentlich bezeichnet, nur der daneben sitzende Rosenberg nicht. Ihn hielt man nicht für erwähnenswert.

Umso erfreulicher war es, dass meine Biografie über Alfred Rosenberg, mit der ich mich 2006 an der Universität Potsdam habilitiert habe, dennoch auf großes Interesse stieß. Von der gebundenen Ausgabe erschienen zwei Auflagen im Blessing Verlag, danach kam das Taschenbuch bei Pantheon heraus, das sich kontinuierlich, aber nach Jahren nur noch in kleinen Stückzahlen verkaufte. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Nachdem sie jahrzehntelang verschollen gewesen waren, tauchten Rosenbergs Tagebuchaufzeichnungen auf. Sie wurden 2013 von Detektiven in einem Privathaus im Staat New York aufgespürt. Im Dezember 2013 konnten dann Mitarbeiter des U. S. Department of Homeland Security zusammen mit anderen Materialien 425 von Rosenberg mit der Hand geschriebene Tagebuchseiten beschlagnahmen und dem United States Holocaust Memorial Museum übergeben.

Es deutet alles darauf hin, dass Robert Kempner während des Hauptkriegsverbrecherprozesses, bei dem er für die amerikanische Anklagebehörde tätig war, das Tagebuch an sich genommen hatte, auch wenn die Aussagen in seiner Korrespondenz zu diesem Thema inkonsistent und etwas verwirrend sind. 1993 starb Kempner. Sein außerordentlich umfangreicher Nachlass liegt zum Teil im Bundesarchiv in Koblenz. Der in den USA befindliche Nachlassteil sollte an das Archiv des Holocaust Memorial Museum in Washington gehen. Doch als Mitarbeiter des Archivs den Nachlass 1997 sichteten, befand er sich in verwahrlostem Zustand und vieles war verschwunden, darunter auch das Tagebuch. 2003 hatte überdies eine gerichtliche Entscheidung zur Folge, dass Teile des Nachlasses einem Altwarenhändler zum Verkauf überlassen werden mussten.

Die Überlieferungsgeschichte des Tagebuches ist nicht mehr restlos aufzuklären. Umso erfreulicher ist, dass es jetzt wieder vorhanden ist. Das Holocaust Memorial Museum hat das Tagebuch im Original mit einer Abschrift rasch online gestellt (https://collections.ushmm.org/view/2001.62.14), sodass dieses Schlüsseldokument für die Geschichte des Dritten Reiches nun für jedermann zugänglich ist. Außerdem haben Jürgen Matthäus, Direktor der Forschungsabteilung am Jack, Joseph and Morton Mandel Center for Advanced Holocaust Studies des Holocaust Memorial Museum, und Frank Bajohr, Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien des Instituts für Zeitgeschichte (München), sehr schnell eine mustergültige wissenschaftliche Edition des Textes erstellt, die, angereichert um eine Reihe von Dokumenten, in diesem Jahr erschienen ist: Alfred Rosenberg, Die Tagebücher von 1934 bis 1944, Hrsg. Jürgen Matthäus und Frank Bajohr, Frankfurt/Main 2015.

Die Entdeckung der jahrzehntelang verschollenen Aufzeichnungen hat ein großes internationales Medienecho gehabt und ein starkes Interesse an der Person von Alfred Rosenberg ausgelöst. In kurzer Zeit war meine Biografie vergriffen und zuletzt bekam man nur noch einzelne Exemplare auf dem antiquarischen Markt zu teilweise absurd überhöhten Preisen. Ich bin deshalb dem Verleger des Allitera Verlags Alexander Strathern sehr dankbar, dass er sich bereit gefunden hat, das Buch neu herauszubringen. In dieser Neuausgabe sind Fehler, die auch in der dritten Auflage noch vorhanden gewesen waren, korrigiert worden. Ansonsten ist sie im Text unverändert. Seit der Erstausgabe 2005 ist eine Fülle neuer Literatur zur Geschichte des Nationalsozialismus erschienen. Sie einzuarbeiten, hätte meine Arbeitskraft auf unabsehbare Zeit blockiert. Gleichzeitig ist aber an meiner Darstellung nichts Wesentliches zu korrigieren. Das Bild Rosenbergs, das ich zu zeichnen versucht habe, hat an Tiefenschärfe in der Zwischenzeit eher noch gewonnen. Insbesondere das jetzt zugängliche Tagebuch, das ich allen Lesern als ergänzende Lektüre zu meiner Biografie sehr empfehle, lässt Rosenbergs Bedeutung bei der Implementierung und Umsetzung der Ermordung der europäischen Juden eher noch deutlicher hervortreten.

Dass der Versuch, die elf Millionen Menschen umfassende Judenheit Europas auszulöschen, das zentrale Charakteristikum des nationalsozialistischen Terrorregimes war, ist heute nicht mehr ernsthaft umstritten. Und dass Alfred Rosenberg dabei eine ganz wesentliche Rolle spielte, ist inzwischen auch deutlich geworden. Insofern hoffe ich, dass diese Neuausgabe meiner Biografie viele geneigte Leser finden wird.

Berlin, im Juli 2015 Ernst Piper

Einleitung

Wer sich mit der Person Alfred Rosenbergs beschäftigt, stößt auf eigentümlich kontrastierende Urteile. In der zeitgenössischen Literatur galt er als ideologischer Kopf der nationalsozialistischen Bewegung, als Programmatiker, als Chefdenker. So hieß es zum Beispiel in dem 1934 im Pariser Exil erschienenen Buch »Naziführer sehen Dich an«: »Hitler befiehlt, was Rosenberg will.«[1] Hitler galt als das Medium, mit dessen Hilfe Rosenberg die Bewegung dirigierte. Ähnliche Urteile kann man bei so unterschiedlichen Autoren wie Konrad Heiden und Otto Strasser und noch vielen anderen finden. Ein ganz anders geartetes Bild Alfred Rosenbergs zeigt sich in der Nachkriegsliteratur. Prägend hat hier, zumindest im deutschen Sprachraum, Joachim Fest gewirkt, der Rosenberg in seinem frühen Werk »Das Gesicht des Dritten Reiches« als »vergessenen Gefolgsmann« porträtierte:

»Die Tragödie Alfred Rosenbergs war, dass er an den Nationalsozialismus wirklich geglaubt hat. Die rechthaberische Gewissheit, mit der er sich als der Schriftgelehrte einer neuen irdischen Heilsbotschaft empfand, machte ihn innerhalb der Führungsspitze der NSDAP zu einem kuriosen und vielfach belächelten Einzelgänger – zum ›Philosophen‹ einer Bewegung, deren Philosophie am Ende nahezu immer die Macht war. Rosenberg selbst hat das freilich nie erkannt oder gar anerkannt und wurde gerade deshalb im Verlauf der Jahre, als der Machtgedanke die ideologischen Drapierungen zusehends überspielte, zum vergessenen Gefolgsmann: kaum noch ernst genommen, mutwillig übersehen und herumgestoßen, ein Requisit aus der ideologisch gestimmten Frühzeit, der Werbephase der Partei.«[2]

Fest unterschied damals zwischen »Technikern und Praktikern der totalitären Herrschaft« einerseits, das waren die mächtigen Männer wie Göring, Goebbels, Himmler und Bormann, und dem »Personal der totalitären Herrschaft« andererseits. »Personal« klingt nach Staffage. Tatsächlich bildete Fest hier eine höchst ungleichgewichtige Equipe, der so unterschiedliche Leute angehörten wie der unsägliche Papen, der überaus mächtige Speer, außerdem Ribbentrop, Heß und von Schirach sowie Typen wie »General von Icks« und »Professor NSDAP« und eben Alfred Rosenberg.

Fests Diktum hatte einen langen Nachhall. Bis heute fehlt eine umfassende Biographie Rosenbergs, obwohl andererseits dieser Umstand in der Literatur immer wieder beklagt worden ist.[3] Den Lebensgang dieses »vergessenen Gefolgsmannes« nachzuzeichnen, erschien nicht als lohnendes Unterfangen. Und der Ideologe war in der nach den Erfahrungen des Dritten Reiches dezidiert antiideologisch gestimmten Bundesrepublik kein Thema. Die erste bedeutende Arbeit über Alfred Rosenberg war die Dissertation von Reinhard Bollmus (1968, gedruckt 1970). Sie hatte das Amt Rosenberg zum Gegenstand, ähnlich wie schon eine amerikanische Dissertation einige Jahre zuvor. Doch die Titel der beiden Arbeiten hätten unterschiedlicher nicht sein können. Bollmus' Arbeit hieß »Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem«, während Rothfeder für die seine den Titel »A Study of Alfred Rosenberg's Organization for National Socialist Ideology« gewählt hatte. Der eine hob auf die Position Rosenbergs in der nationalsozialistischen Polykratie ab, auf die bekannten Fragen, inwieweit Rosenberg sich wann gegen wen in welchem Umfang durchsetzen konnte. Dem anderen ging es um die praktische Implementierung der von Rosenberg vertretenen Ideologie. Beide fragten nach der Wirkung, verwendeten dabei aber höchst unterschiedliche Parameter. Und so sollte es bleiben. Die deutschen Autoren bewegten sich in den Bahnen der Institutionengeschichte. Jacobsen (1968), Lutzhöft (1971), Gimmel (1999) und Zellhuber (2005) verdanken wir material- und aufschlussreiche Arbeiten zum Außenpolitischen Amt, der Nordischen Gesellschaft, dem Kampfbund für deutsche Kultur und dem Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, während über andere Arbeitsfelder, wie z.B. den Völkischen Beobachter[4] und den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, Darstellungen von vergleichbarer Qualität immer noch fehlen. Die genannten Arbeiten leisten bedeutende Beiträge zu unserem Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus, aber wir erfahren nur wenig über das Denken jenes Mannes, der die untersuchten Institutionen geleitet hat. Dieser Frage haben sich dagegen Autoren wie Chandler (1968), Cecil (1972), Hutchinson (1977) und Whisker (1982) gewidmet, die sämtlich im angloamerikanischen Sprachraum beheimatet sind und hierzulande kaum Beachtung gefunden haben. Wenn wir einmal von dem gänzlich unbeachtlichen Beitrag von Molau (1993) absehen, der inzwischen für die NPD tätig ist, haben sich erst Bärsch und Kroll (beide 1998) mit Rosenberg unter ideengeschichtlichen Vorzeichen auseinander gesetzt.

Zu der These von der angeblichen Bedeutungslosigkeit Rosenbergs tritt noch der Umstand hinzu, dass viele Historiker in den letzten Jahrzehnten der Ereignisgeschichte mit großer Reserve gegenüberstanden. Der strukturalistische Angriff auf einen historiographischen Geschichtsbegriff untergrub vielfach das Vertrauen in die Valenz des Narrativen. Biographen hatten deshalb bis in die letzten Jahre hinein einen schweren Stand. Selbst Ian Kershaw sah sich veranlasst, seine monumentale Arbeit, deren Nützlichkeit nun wirklich über jeden Zweifel erhaben ist, mit dem Hinweis zu rechtfertigen, er habe eine nicht auf Hitler zentrierte Biographie Hitlers geschrieben, der in gewisser Weise ein Mann ohne Eigenschaften gewesen sei.[5] Sein Wirken erkläre sich durch die Reaktionen und Projektionen der Gesellschaft auf ihn. Die Gesellschaft habe Hitlers Erfolg entgegengearbeitet. Wenn wir einmal von der Frage absehen, warum unter all den vielen völkischen Agitatoren gerade Adolf Hitler derjenige war, den Millionen Deutsche zum Objekt ihrer Reaktionen und Projektionen machten, warum sie nicht einem anderen Agitator entgegengearbeitet haben, so ist doch jedenfalls bei ihm ein solcher Zugriff möglich. Man denke nur an den Marsch zur Feldherrnhalle, die durch den gescheiterten Putschversuch sprunghaft gesteigerte Popularität der Nationalsozialisten und Hitlers rhetorische Glanznummern beim anschließenden Prozess.

Wollte man ähnlich Alfred Rosenberg in den Blick nehmen, käme man nicht sehr weit. Er ging am 9. November 1923 nur einen Meter hinter Hitler, doch niemand nahm es zur Kenntnis; er gehörte auch nicht zu den Angeklagten im folgenden Prozess. Zu beschreiben, wie die deutsche Gesellschaft auf sein Auftreten reagierte, wäre nicht möglich, denn Rosenberg trat nicht auf. Er wurde in der »Kampfzeit« außerhalb von Parteitagen kaum je als Redner eingesetzt und suchte auch nicht, wie Hitler, in Salons den Kontakt zum Münchner Bürgertum. Seine Tribüne war der Schreibtisch. Er schrieb mehr als alle anderen Naziführer zusammen genommen, verfasste Parteitagsführer, kommentierte das Programm und war Chefredakteur oder Herausgeber fast aller wichtigen Periodika, vom Völkischen Beobachter über den Weltkampf bis zu den Nationalsozialistischen Monatsheften. Wenn er als »der bedeutendste Publizist der antijüdischen Bewegung«[6] bezeichnet wurde, empfand er das zweifellos als Anerkennung seiner Leistung. Hitler wäre empört gewesen, hätte man ihn so charakterisiert. Er wollte nicht Publizist, sondern unter allen Umständen Politiker sein, das hatte er schon als junger Mann beschlossen. Rosenberg aber war, soweit er Politiker war, ein »Ideologe als Politiker«, wie Kroll es treffend formuliert hat.[7]

Die Mutation vom Ideologen zum Politiker, vor allem nach 1933, war eine große Herausforderung für Alfred Rosenberg, die er nur teilweise erfolgreich bestand. Immerhin gelang es ihm, sich bis zum Ende in den inneren Zirkeln der Macht zu halten, während es in Hitlers Entourage der frühen Jahre viele gab, die aus jeweils ganz unterschiedlichen Gründen gänzlich aus seinem Umfeld verschwanden: Feder, Ludendorff, Drexler, Esser, Heß, Röhm, Hanfstaengl, Gregor Strasser, Scheubner-Richter und in gewisser Weise auch Streicher. Wenige konnten so wie Rosenberg ihre Position halten; Schwarz, Amann, Ley und Ribbentrop wären zu nennen. Und nur ganz wenige wie Himmler und Goebbels und mit Einschränkungen Göring überflügelten ihn deutlich. Diejenigen, die wie Bormann und Speer erst später in Hitlers Umkreis traten und dann ebenfalls eine große Machtfülle gewannen, dürfen bei dieser Betrachtung natürlich nicht vergessen werden. Wenn man sich aber einmal vom Primat der Organisations- und Institutionengeschichte freimacht, wird man rasch erkennen, dass von den Menschen im Umkreis des großen Diktators nur Goebbels und Himmler Rosenberg an Wirkungsmacht gleichkamen. Max Weinreich, ein weiterer hierzulande kaum rezipierter angloamerikanischer Autor, sah in Rosenberg eine Schlüsselfigur für die Implementierung des Antisemitismus in die nationalsozialistische Weltanschauung,[8] während Potthast, auf derselben Linie argumentierend, konstatiert: »Der ›Vernunftantisemitismus‹ war maßgeblich sein Werk.«[9] Auch Kroll betont den weitreichenden Einfluss, den Rosenberg ausübte:

»Seine Gedankengänge waren nach 1933 in den verschiedensten Bereichen des öffentlichen Lebens präsent. Schulbücher, Lehr- und Unterrichtspläne, parteiinterne Leithefte und Schulungsbriefe der einzelnen nationalsozialistischen Organisationen – vor allem der SA und der SS -, aber auch populäre literarische Geschichtswerke wie zeitgenössische ›Bestseller‹ von Werner Beumelburg, Gustav Frenssen oder Hans Friedrich Blunck gaben das von Rosenberg verfochtene Welt- und Geschichtsbild wieder und wirkten als wichtige Multiplikationsfaktoren seiner Lehren.«[10]

Ähnlich hatte eine zeitgenössische Darstellung argumentiert:

»Der Einfluß Rosenbergs auf Erziehung und geistige Neuformung reicht bis in die feinsten Kanäle des gesamten kulturellen und politischen Lebens unseres Volkes.«[11]

Für die Zeitgenossen war Alfred Rosenberg der »Parteipapst«[12], wie es die respektlose Bella Fromm formulierte, oder Hitlers Erzieher[13], der »einmalige (n) philosophische(n) Kopf in der unmittelbaren Gefolgschaft des Führers«[14], »nächst dem Führer selbst der wichtigste Träger und Verkünder der nationalsozialistischen Weltanschauung«[15] und in des »Führers« eigenen Worten der »erste(n) geistige(n) Mitgestalter der Partei«[16]. Die Ankläger in Nürnberg hatten kein anderes Bild. Robert Kempner sprach von Rosenberg als »Hitlers Weltanschauungschef« und »Präzeptor der nationalsozialistischen Weltanschauung«.[17] Robert Jackson nannte ihn den »geistigen Priester der ›Herrenrasse‹, der die Lehre des Hasses schuf, die den Anstoß zur Vernichtung des Judentums gab«.[18] Und Walter Brudno stellte fest, dass »Rosenberg eine besonders hervorragende Rolle bei der Schaffung und Verbreitung des doktrinären Unterbaus der Verschwörung gespielt hat…; er hat dies getan, indem er den Einfluß der Kirchen auf das deutsche Volk untergrub, indem er das Programm der mitleidlosen Judenverfolgung betrieb, und indem er das Erziehungssystem umgestaltete mit der Absicht, das deutsche Volk dem Willen der Verschwörer gefügig zu machen und das Volk für einen Angriffskrieg psychologisch vorzubereiten.«[19] Die Nürnberger Richter, die andere Angeklagte zu Zeitstrafen verurteilten und einige sogar freisprachen, befanden Alfred Rosenberg in allen vier Anklagepunkten für schuldig und verurteilten ihn zum Tod durch den Strang. Sie wussten warum.

Ernst Nolte blieb es vorbehalten, die Bedeutung der Ideologie für den Nationalsozialismus grundsätzlich in Frage zu stellen. So sprach er schon zu Beginn seines großen Werkes »Der Faschismus in seiner Epoche« vom unideologischen Charakter des Faschismus, der in dieser Hinsicht inkommensurabel mit dem Marxismus sei.[20] Die Absurdität dieser These wird noch dadurch gesteigert, dass Nolte sich dabei ausgerechnet auf Rosenberg berief. Dessen »Mythus des 20. Jahrhunderts«, das »Grundbuch der nationalsozialistischen Weltanschauung«, trage »unverkennbar die Züge der protestantisch-liberalen Herkunft des Verfassers«.[21] Dass der Aberwitz dieser Behauptung damals nicht aufgefallen ist, ist wohl nur mit dem Erscheinungsjahr 1963 dieser Faschismus-Analyse zu erklären, das in eine Hochphase des Kalten Krieges fiel. Über Rosenberg kann man vieles sagen, aber eines war er ganz gewiss zu keiner Zeit seines Lebens: liberal. Nolte, der von der Idee besessen ist, den Nationalsozialismus zu einer liberalen antikommunistischen Bewegung zu verklären, wiederholte seine These vom liberalen Rosenberg Jahrzehnte später in »Der europäische Bürgerkrieg«, dem dritten Band seiner »Trilogie«:

»… Hitler und Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler waren nicht ursprünglich Ideologen, sondern Künstler, liberale Angehörige freier Berufe, Kleinbürger, die durch ungeheure Ereignisse beunruhigt und verstört waren, die nach Antworten suchten und über die Schwäche der Regierungen erzürnt waren. Daß sie Deutschland in die Mitte ihres Empfindens und Denkens stellten, gefährdete zwar die nächste historische Aufgabe, wenn diese in der Überwindung der Nationalstaatsidee und in einer europäischen Einigung bestand, aber das war in einem Zeitalter nicht verwunderlich, das immer noch ein Zeitalter des Nationalismus war. Daß sie sich trotzdem als europäische Bürger betrachteten, war vielleicht nicht konsequent und blieb keine unangetastete Maxime, doch sie standen damit auf der Seite eines historischen Rechts, das dieser übernationalen Klasse noch eine bedeutende Zukunft vorbehielt. Aber entscheidend war erst, daß sie aus ihrer Urerfahrung und Grundemotion die Forderung ableiteten, ebenso konsequent und unerbittlich zu sein wie der Feind, ja noch konsequenter und unerbittlicher. Erst dadurch wurden sie zu Ideologen, und bloß deshalb griffen sie jene Differenzen als schädlich an, auf denen die Geschichte Europas bis dahin beruht hatte.«[22]

Die Groteskheit dieser Darstellung ist offensichtlich. Keiner der Genannten war ein Künstler, keiner auch gehörte den artes liberales an, denn Rosenberg hatte Architektur, Himmler Landwirtschaft und Hitler gar nicht studiert. Auch europäische Bürger waren sie, vielleicht mit der partiellen Ausnahme Rosenbergs, nicht, jedenfalls in keiner sinnvollen Bedeutung des Wortes. Dass der ideologisch motivierte Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion auf einen bloßen Reflex auf die Bedrohung durch den Sowjetkommunismus reduziert wird, mit der Vernichtung der europäischen Judenheit als »Nebenprodukt «, so Noltes Kernthese, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren, wohl aber die Negation des Apriori des Ideologischen ausdrücklich bestreiten.

Diesmal, anders als 1963, war der Widerspruch gegen Nolte vehement. Seine Thesen, 1980 weithin unbemerkt erstmals vorgetragen, führten zu einer Debatte, die unter dem Namen »Historikerstreit« in die Historiographie eingegangen ist, wobei Nolte in seinem Widerspruch gegen den von mir gewählten Untertitel der Dokumentation dieser Debatte seine Position noch einmal deutlich gemacht hat.[23] Nolte war im Übrigen, meines Erachtens zu Recht, der Auffassung, dass er dieselben Positionen wie in »Der europäische Bürgerkrieg« schon 1963 vertreten habe. Nicht er habe sich verändert. Richtig sei vielmehr, dass er sich »heute in stärkerem Gegensatz zu vorherrschenden Zeitströmungen befinde«.[24]

Vieles spricht in der Tat dafür, insoweit hat Nolte Recht, dass die Ursachen für den politischen Erfolg der nationalsozialistischen Bewegung in der Zeit nach 1914 zu suchen sind, dass die ganz anders geartete politische Konstellation in Deutschland und Europa nach dem Ersten Weltkrieg Voraussetzung für die Wirksamkeit der nationalsozialistischen Propaganda war. Ebenso viel spricht aber auch dafür, dass die ideologische Fundierung der Bewegung ihre Wurzeln in dem davorliegenden Zeitraum hat. Nolte verkehrt die Prioritäten, wenn er schreibt: »Den Antisemitismus der Nationalsozialisten von ihrem Antibolschewismus ablösen zu wollen, ist töricht.«[25] Wenn man diesen Satz umdreht, dann gewinnt er Sinn: Den Antibolschewismus der Nationalsozialisten von ihrem Antisemitismus ablösen zu wollen, ist töricht.

Yehuda Bauer, der im Gegensatz zu Nolte nicht die Intention hat, den Nationalsozialismus zum Faschismus zu diminuieren, hat in seinem souveränen Alterswerk »Die dunkle Seite der Geschichte« eindringlich dargetan, dass die antisemitische Ideologie eine zentrale Determinante der Shoah gewesen ist.[26]Die Vernichtung der europäischen Judenheit war eben kein »Nebenprodukt«, dem ein anderes »Prius« (Nolte) vorausging, auch wenn Hitler, Rosenberg und die anderen 1919, als sie bereits die Entfernung der Juden forderten, dabei noch nicht die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau vor Augen hatten.

Rosenberg hat entscheidend dazu beigetragen, Hitler das Bild vom jüdischen Charakter der russischen Revolution zu vermitteln. In diesem Punkt sind die so unterschiedlichen Biographen Joachim Fest und Ian Kershaw sich einig, auch wenn Letzterer Rosenbergs Einfluss höher zu bewerten geneigt ist als Ersterer.[27] Beide, Hitler und Rosenberg glaubten an ein jüdisch-bolschewistisches Weltherrschaftsstreben, weswegen der Kampf gegen die Sowjetunion immer auch Kampf gegen das Weltjudentum war. Und beide wollten beweisen, dass sie Recht hatten, jeder auf seine Weise, der eine, indem er die staatlichen Machtmittel eroberte, ein von Diktatoren gerne gewählter Weg zur Durchsetzung ihrer Wahrheiten, der andere, indem er danach strebte, ein möglichst lückenloses Dogmengebäude zu errichten, dessen überwältigende Plausibilität ernsthaften Widerspruch auf die Dauer nicht zuließ; auch dies ein Weg, der von totalitären Regimen jedweder Couleur regelmäßig beschritten wird und ebenso regelmäßig auf Dauer nicht zum Erfolg führt. Wo der Zwang zur Zustimmung entfällt, entfällt auch die Zustimmung. Deshalb bedarf das Meinungsmonopol zu seiner Durchsetzung früher oder später stets des Gewaltmonopols.

Die Person Alfred Rosenberg ist, diesseits und jenseits des Interesses an seinem Lebensgang, in hohem Maße geeignet, den ideologischen Charakter des nationalsozialistischen Regimes paradigmatisch zu zeigen. Wenn man unter Ideologie die Gesamtheit der von einer Bewegung hervorgebrachten Denksysteme, Wertungen und geistigen Grundeinstellungen versteht, war er selbst zweifellos ein Ideologe. Und wenn man sich seine Weltsicht zu Eigen machen und von klangvollen Titeln auf reale Macht schließen wollte, könnte man ihn sogar einen Chefideologen nennen. Der Glaube an die Macht der Ideen war der primäre Antrieb für sein Wirken, ein Wirken, unter dessen Folgen Millionen von Menschen zu leiden hatten.

In seiner Rezension von Fests Speer-Biographie hat Hans Mommsen angemerkt:

»Bei Hitler hebt man zunehmend hervor, dass er im Grund eine ›Unperson‹ war und letztlich nur als Vollstrecker von allgemeinen gesellschaftlichen Triebkräften erklärt werden kann. Dies trifft für seine Satrapen, deren Physiognomie Fest am Beispiel Speers darstellen möchte, in noch stärkerem Umfang zu. Hinter deren Unfähigkeit zu positiver Gestaltung, ihrem Absinken in eine Korruption ohnegleichen und ihre in unaufhebbarem Widerspruch zwischen Ideologie und Realität stehende Lebensführung lässt die individuelle Biographie bedeutungslos erscheinen oder gänzlich zurücktreten.«[28]

Dieser Auffassung kann ich nicht folgen. Die Vorstellung, wir hätten ein klareres Bild des nationalsozialistischen Terrorregimes, wenn wir von der Persönlichkeit der Hauptakteure absehen würden, erscheint mir wenig hilfreich. Man muss nur Hermann Göring und Alfred Rosenberg betrachten, die zufällig beide am 12. Januar 1893 zur Welt kamen, um zu sehen, welches hohe Maß an Individualität auch auf der Ebene der Satrapen möglich war. Der Lebemann Göring und der »Moralathlet« (Ernst Röhm) Rosenberg sanken in höchst unterschiedlichem Maße in die Korruption ab. Und während der eine die ethischen Maßstäbe eines besonders erfolgreichen Räuberhauptmanns pflegte, versuchte der andere bis zum letzten Atemzug, Ideologie und Realität in Einklang zu bringen, was seiner politischen Wirksamkeit oft genug eher hinderlich als förderlich war. Als Einziger der in Nürnberg zum Tode Verurteilten verweigerte Rosenberg noch im Angesicht des Schafotts jeden geistlichen Beistand, denn die Kirche hatte er schließlich immer bekämpft. Von Göring, der sich der Hinrichtung durch Selbstmord entzog, ist der Ausspruch überliefert: »Wenigstens zwölf Jahre gut gelebt.« Rosenberg interessierte das gute Leben nur mäßig. Er arbeitete in seiner Gefängniszelle an einem Verfassungsentwurf für Nachkriegsdeutschland, wobei es für seine Illusionsfähigkeit spricht, dass er daran glaubte, man werde beim Aufbau dieses Nachkriegsdeutschlands auf seine Mitarbeit nicht verzichten können.

Für die antisemitische Ausrichtung der nationalsozialistischen Bewegung, die programmatische Fundierung des Erlösungsantisemitismus war Alfred Rosenberg der wichtigste Kopf in Hitlers Mannschaft gewesen. Lebensraum im Osten und die Entfernung der Juden, die beiden wichtigsten Ziele in Hitlers Weltsicht,[29] verbanden sich gerade in den vom Ostminister verwalteten Territorien. Rosenberg war dort zum einen administrativ in die Judenvernichtung involviert, zum anderen verfolgte er seine Aufgabe weiter, das deutsche Volk auf das Mordprogramm einzustimmen. Den Aufzeichnungen, die Rosenberg im Nürnberger Gefängnis angefertigt hatte und die zu seinen Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht wurden, gab ein treuer Anhänger später den Titel »Großdeutschland. Traum und Tragödie«,[30] während zwei kritische Publizisten denselben Text unter dem Titel »Portrait eines Menschheitsverbrechers « veröffentlichten[31]. Diese Polarität von Innensicht und Außensicht ist emblematisch für das Wirken des Mannes, der mit seinen Ideen einmal Europa beherrschen wollte.

I. Herkunft und Jugend

Alfred Rosenberg wurde am 12. Januar 1893, nach dem russischen Kalender am 31. Dezember 1892, in Reval, dem heutigen Tallinn, geboren. Reval war damals die Hauptstadt des russischen Gouvernements Estland,[1] der nördlichsten der baltischen Provinzen des russischen Reiches, die dem protestantischen Bistum Reval entsprach. Reval, am Finnischen Meerbusen nur 80 Kilometer südlich von Helsinki gelegen, war damals nach Petersburg und Riga Russlands bedeutendste Hafenstadt an der Ostsee. Die stark befestigte Altstadt hatte sich zugleich mit ihren unregelmäßigen engen Straßen und den schmalgiebligen Häusern ganz ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt. Der Adel wohnte auf dem sehr viel großzügiger bebauten Domberg. Reval hatte zehn evangelische Kirchen, darunter zwei estnische, acht griechischorthodoxe und eine katholische Kirche sowie eine Synagoge. Im Zuge der unter Alexander III. massiv intensivierten Russifizierung wurde von 1894 bis 1900 auf dem Domberg die Alexander-Newskij-Kathedrale gebaut, die aber dort bis heute recht fremdartig wirkt. Um die Jahrhundertwende hatte die Stadt etwa 66 000 Einwohner, 53,8 Prozent waren Esten, 25,4 Prozent Deutsche und 17,2 Prozent Russen.[2] Es gab etwas Industrie. Weit bedeutsamer aber war der Handel, insbesondere der zu See. Tausende von Schiffen wurden jedes Jahr in dem der alten Stadt unmittelbar vorgelagerten Hafen gelöscht. Hier konnte Reval auf eine lange Tradition zurückblicken; im 14. und 15. Jahrhundert war es eine der wichtigsten Städte der Hanse gewesen, der es seit 1285 angehörte. Die Stadt, seit 1230 mit Lübecker Recht ausgestattet, war eine der ältesten Gründungen an der Ostsee. Ihre Besiedlungsgeschichte reicht etwa 3500 Jahre zurück, schon früh war sie ein bekannter Warenumschlagplatz zwischen Ost und West.[3] Im 12. Jahrhundert, schon vor der Gründung des Deutschen Ordens, hatten sich deutsche Kaufleute und Missionare bis an die baltische Küste vorgearbeitet.[4] 1230 begann die Unterwerfung der baltischen Preußen durch den Deutschen Orden. (Die Esten sind, sprachwissenschaftlich gesehen, im Gegensatz zu Litauern, Letten und Altpreußen, keine Balten. Sie gehören zur finnisch-ugrischen Gruppe. Trotzdem zählt man Estland heute zu den baltischen Staaten.) Die Position des Deutschen Ordens war von Anfang an umkämpft. 1260 erlitt er eine vernichtende Niederlage gegen Litauer und Kuren. 1410 besiegten Litauer und Polen den Orden endgültig in der berühmten Schlacht von Tannenberg, deren Mythos noch im Ersten Weltkrieg eine bedeutsame Rolle spielte. 1502 besiegte der Orden letztmals ein russisches Heer. 60 Jahre später löste Gotthard Kettler, der letzte Ordensmeister, den Deutschen Orden auf und übergab dessen Insignien den Abgesandten des Königs von Polen. Es begann die »Polenzeit«, der im Jahrhundert darauf die »Schwedenzeit« folgte, bevor sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts die russische Herrschaft etablierte. Auch das dänische Element hatte in der wahrlich bewegten Geschichte des Baltikums immer wieder eine Rolle gespielt. 1219 waren die Dänen unter König Woldemar II. an der Nordküste Estlands gelandet und hatten die Siedlung Lindanise erobert, der Reval unmittelbar benachbart war.

Alfred Rosenbergs Vater hieß Woldemar, auch sein früh verstorbener Bruder führte diesen Namen. Der zweite Vorname des Vaters aber war Wilhelm, und in der Tat hatte die Familie keinen dänischen, sondern einen deutschen Hintergrund. Die Deutschen waren im Zarenreich ein gewichtiger Faktor, dessen Bedeutung noch zunahm. In den 15 Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs stieg ihre Zahl von etwa 1,8 auf annähernd 2,5 Millionen, von denen 165 000 in den baltischen Provinzen lebten.[5] Vor allem im landbesitzenden Adel spielten sie eine bedeutende Rolle. Nicht nur die baltischen Barone verfügten über einen »legendären Landbesitz«[6]. Sie herrschten über eine beinahe völlig homogene einheimische Bevölkerung, so dass hier soziale Gegensätze und ethnische Differenzen in eins fielen, weswegen die Russifizierungspolitik gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Letten und Esten zunächst mit Schadenfreude beobachtet wurde. Sie konnten nicht ahnen, dass sie, unter anderen Vorzeichen, ein halbes Jahrhundert Opfer vergleichbarer Anstrengungen werden würden. Der deutsche Landadel fiel durch seine soziale und wirtschaftliche Bedeutung ins Gewicht, nicht durch seine Kopfzahl. Die große Mehrheit der Deutschen war in den Städten zu Hause. Von den knapp eine Million Einwohnern Estlands der Jahrhundertwende waren 3,5 Prozent Deutsche und 90,6 Prozent Esten, hinzu kamen 4 Prozent Russen und 1,9 Prozent Sonstige, darunter 0,4 Prozent Juden.[7] In Reval aber stellten die Esten, wie wir gehört haben, nur etwas mehr als die Hälfte der Bewohner, die Deutschen dagegen ein gutes Viertel. Der Anteil der Deutschen nahm allerdings sowohl absolut als auch relativ stetig ab, wobei der stärkste Einbruch nach der Russischen Revolution von 1917 erfolgte, als nicht nur Rosenberg, sondern auch Tausende andere ihr Heil im Westen suchten. Von 1881 bis 1934 schmolz die deutsche Präsenz von 46 779 (5,3 Prozent der Gesamtbevölkerung) auf 16 346 (1,5 Prozent) ab.[8] Es war deshalb nur die halbe Wahrheit, wenn Edgar Pinding 1935 in »Roter Sturm über dem Baltenland« schrieb, dass »selbst unter dem schweren Zermürbungs- und Trommelfeuer artfremder Macht- und Kulturträger es nicht möglich war, den Balten ihr deutsches Herz aus der Brust zu reißen«[9]. Ein wirkliches Ende allerdings setzte erst Adolf Hitler der vielhundertjährigen Geschichte der Deutschbalten, indem er im Zuge machtpolitisch-opportunistischer Arrondierungsmanöver das Baltikum 1939 der Interessensphäre Stalins zuschlug, wobei die erzwungene Option der Deutschbalten für eine neue Heimat in einer Okkupation eben enteigneter polnischer Heimstätten ihre Realisierung fand. Ein erheblicher Teil der Deutschbalten widersetzte sich allerdings den Verlockungen der »Führergeschenke«, so dass die Hälfte der insgesamt etwa 135 000 Umgesiedelten erst nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen 1940 in den Westen ging[10]. Auch Rosenbergs erster Schwiegervater, der Fabrikant J.M. Leesmann gehörte zu denen, die ihren Besitz nicht im Stich lassen wollten. Der Kaiserliche Russische Kommerzienrat geriet 1942 in ein Umsiedlungslager, wobei sich herausstellte, dass von vier Großelternteilen drei estnisch und nur einer deutsch war. Doch es gelang durch gutes Zureden schließlich, den alten Herrn zur Stellung eines Einbürgerungsantrages zu bewegen, der ohne großes Aufheben genehmigt wurde, nachdem man erkannt hatte, dass es sich um den Schwiegervater des Reichsministers handelte.[11]

Alfred Rosenberg hatte väterlicherseits Vorfahren, die aus Livland stammten. Sein Großvater, der Schuhmachermeister Martin Rosenberg, war 1820 in Dickeln geboren. Er kam als junger Mann nach Reval, wo er 1856 heiratete und vier Jahre später in der Poststraße 9 für 3400 Rubel ein Haus kaufte. Der Großvater starb 1896, der Vater 1904 und die Großmutter 1905. Eigentümer des Hauses waren nun die fünf Geschwister des Vaters sowie als dessen Erbe Alfred; sie verkauften das Anwesen 1908 für 12 000 Rubel an eine Familie Luther.[12] Der Vater Woldemar Wilhelm Rosenberg war Kaufmann, er starb 1904 im Alter von nur 42 Jahren. Seine beiden Schwestern Cäcilie Rosalie, geboren 1860, und die vier Jahre jüngere Lydia Henriette wurden zu seinen Pflegemüttern, nachdem Alfred Rosenbergs Mutter bereits verstorben war, als er noch keine zwei Monate alt war. Der beiden Tanten gedachte Alfred immer mit Dankbarkeit[13] und sorgte bis zu seinem eigenen Lebensende durch regelmäßige finanzielle Zuwendungen für sie. Seine Chamberlain-Biographie war »meiner Pflegemutter Frl. Lydia Rosenberg zugeeignet«.

Rosenbergs Mutter Elfriede Caroline Siré stammte wohl ursprünglich aus einer Hugenottenfamilie. Sie wurde 1868 in St. Petersburg geboren und starb schon mit kaum 25 Jahren, kurz nach Alfreds Geburt. Sie war evangelisch wie sein Vater und ist auf dem Friedhof von St. Olai bestattet, jener Kirche, an der Traugott Hahn Pastor war, der Alfred taufte und ihn später durch seine tiefe Religiosität so beeindruckte. (Ein Sohn von Traugott Hahn war nach dem Zweiten Weltkrieg Kultusminister von Baden-Württemberg.) St. Olai war die größte Kirche in Reval, ihr gewaltiger Turm überragt noch heute die Altstadt. Alfred Rosenbergs Taufpaten kamen sämtlich von der mütterlichen Seite. Es waren der Großvater Friedrich August Siré, Buchhalter und Eisenbahnbeamter in St. Petersburg, der nach dem Tod der Eltern auch Alfreds Vormund war, sowie zwei der neun Geschwister der Mutter, Ernst Friedrich und Emmy Siré, die später den deutschen Diplomaten Theophil Eck heiratete, der unter anderem Konsul in Baku war[14], wo Emmys Bruder Eugen Vizegouverneur war und ihr Vater 1916 starb.

Die gesundheitlichen Verhältnisse waren damals weitaus ungünstiger, als wir sie heute gewohnt sind. Die Ernährung war oft unregelmäßig und bei weitem nicht immer sehr gut, auch gegen relativ harmlose Erkrankungen gab es oft keine wirksamen Medikamente. Schwäche war eine häufige Todesursache im Kirchenbuch der St. Olai-Gemeinde. Alfreds Mutter starb an der Schwindsucht, ebenso ein Onkel und eine Tante. Auch Alfreds einziger Bruder, der Bankkaufmann Eugen Woldemar Rosenberg, schied frühzeitig aus dem Leben. Er hatte erst in Riga studiert, sich dann in Brüssel weitergebildet, in Reval, Frankreich, Berlin und Jugoslawien gearbeitet und war 1929, gerade 41 Jahre alt, im TBC-Sanatorium Schöneberg gestorben. Das Verhältnis der beiden Brüder muss sehr distanziert gewesen sein. Alfred schreibt über Eugen: »Mit ihm haben mich nicht viele Gefühle verbunden.«[15] Die Lebensdaten des einzigen Bruders waren Rosenberg in Nürnberg nur noch vage erinnerlich. Er sei »etwa 6 Jahre älter als ich« gewesen und 1928 gestorben[16], beides Angaben, die jeweils um ein Jahr neben der Sache liegen.

Mütterlicherseits lassen sich Rosenbergs Vorfahren weit zurückverfolgen, wobei es eine lettische Urgroßmutter gibt[17], auf der väterlichen Seite ist das nicht möglich. Wir kennen noch den Urgroßvater, den Schmied Johann Rosenberg, der 1781 in Dickeln geboren wurde, und dessen Frau Marie Kamping- Graefenfels, doch dann versiegen die Quellen. Über weitere Ahnen Rosenbergs haben wir lediglich den dürren Hinweis:

»Unter seinen Vorfahren sind Letten aus der Umgebung von Rujen in Nordlivland, aber die einschlägigen Archivmaterialien sind in der deutschen Besatzungszeit vernichtet worden.«[18]

Wir wissen nicht, ob es sich um einen zufälligen Kriegsverlust handelt. Ich halte das aber für unwahrscheinlich, da die Überlieferung ansonsten gut ist. Eher ist anzunehmen, dass es sich um eine intendierte Aktenvernichtung handelt. Darauf deuten Gerüchte hin, die Rosenberg auch nach 1933 immer wieder zu schaffen machten. Der Journalist Franz Szell verbreitete »in Tausenden von Exemplaren«[19] einen offenen Brief an Rosenberg, in dem er behauptete, der Großvater Martin Rosenberg sei Lette, die Mutter Elfriede Siré Französin, die Großmutter des Großvaters Saly Rosenberg Jüdin und der Großvater der väterlichen Großmutter H. Sram Mongole und Leibeigener. Der Autor dieser Vorwürfe soll sich, je nach Quelle, in Reval[20], Kowno[21] oder Tilsit[22]aufgehalten haben. In einer estnischen Zeitung wurde dann der Archivar Otto Liiv zum Urheber dieser Erkenntnisse, wobei dieser umgehend energisch dementierte.[23] Vor allem in kirchlichen Kreisen wurden die Gerüchte über die undeutsche, womöglich gar nichtarische Abkunft des Verfassers des »Mythus des 20. Jahrhunderts« noch eine ganze Zeit lang genüsslich kolportiert, Rosenberg veranlasste auch einige Recherchen, doch die ganze Angelegenheit verlief letztendlich im Sande.[24] Auch jenseits dieses Anlasses war der in deutschen Ohren jüdisch klingende Name Rosenberg immer wieder Gegenstand von Witzen und Spekulationen, die aber haltlos waren. Auch im Deutschen Reich gab es genügend nichtjüdische Rosenbergs,[25] und unter den Deutschbalten war es ein verbreiteter Name. Unter den Mitgliedern der Estländischen Literärischen Gesellschaft gab es den Direktor Gustav Rosenberg und Hedda Rosenberg.[26] Die Fraternitas Baltica hatte einen Max Rosenberg unter ihren Mitgliedern[27], der zwar in Reval zur Schule ging, aber ebenfalls mit Alfred nicht verwandt war. Das Deutsch-Baltische Lexikon verzeichnet den Mediziner Alexander Rosenberg, den Vorsitzenden der Deutsch-Baltischen Fortschrittlichen Partei Eduard Rosenberg, den Porträtmaler Gustav Rosenberg und den Mediziner Emil Rosenberg, der nach seiner Emeritierung nach München übersiedelte. Mit Ausnahme der beiden Mediziner, die aus demselben livländischen Ort stammen, deutet alles darauf hin, dass diese Rosenbergs weder untereinander noch mit Alfred Rosenberg verwandt waren, der eben einen im deutschbaltischen Mittelstand vergleichsweise häufigen Namen trug, der ganz sicher nicht jüdischen Ursprungs war. Und wenn der Ururgroßvater, der ja schon im 17. Jahrhundert gelebt hat, Leibeigener gewesen sein soll, so ist dazu zu sagen, dass wir alle Leibeigene zu Vorfahren haben, soweit wir nicht dem Hochadel entstammen. Es gibt letztendlich wenig Spektakuläres in Rosenbergs Stammbaum zu entdecken. Er war mit verschiedenen zeittypischen Elementen durchmischt und keineswegs ungewöhnlich für einen Mann, der der deutschen Minderheit einer russischen Ostseeprovinz entstammte. Dass dieser Stammbaum dem ethnischen Purismus der Nationalsozialisten nicht in allem genügen konnte, ist eine andere Sache. Aber da stand Rosenberg wahrlich nicht allein unter den Größen des Dritten Reiches.

Nach dem Besuch einer privaten Vorbereitungsschule[28] wechselte Rosenberg auf die Petri-Oberrealschule über, die überwiegend von Deutschen besucht wurde. In seiner Klasse gab es etwa 30 Deutschbalten, vier Russen, drei Polen und zwei Esten.[29] Auch zwei der Lehrer waren Russen, die sich aber, wie Rosenberg in seinen Erinnerungen berichtet, »der baltischen Atmosphäre gefügt«[30] hatten und mit ihren Kollegen nur Deutsch sprachen. Diese wiederum »respektierten die staatsrechtliche Lage, so dass im Allgemeinen eine gute Harmonie bestand«.[31] Ein Tribut an die Russifizierungspolitik war es, dass alle offiziellen Dokumente der Schule, wie zum Beispiel die Zeugnisse, in Russisch abgefasst sein mussten, eine Sprache, die kaum einer der Lehrer oder der Schüler in seinen normalen Lebensvollzügen benutzte. Alfred Rosenberg hatte offensichtlich eine glückliche Schulzeit gehabt. In seinen Erinnerungen betont er, er könnte nur mit großer Hochachtung von den Lehrern sprechen, die an der Petri-Realschule unterrichteten.[32] Umgekehrt war es nicht anders. Sein ehemaliger Zeichenlehrer, der estnische Maler Wilhelm Purwits, erinnerte sich, Rosenberg sei »der ausgesprochene Liebling der Lehrerschaft« gewesen.[33] Auch sein Abschlusszeugnis vom Juni 1910 lässt nichts anderes vermuten. Sein Betragen war »ausgezeichnet«, in den 14 Schulfächern erreicht er elfmal die Bestnote 5, unter anderem in Deutsch und Französisch, Physik, Geschichte und Naturkunde. Lediglich in drei Fächern, Russisch, Arithmetik und Algebra, kam er nur auf eine 4.[34] Russisch war seit 1887 die vorgeschriebene Unterrichtssprache an allen weiterführenden Schulen, ab 1889 wurde es nach und nach auch an den Universitäten eingeführt.[35] Rosenbergs Abschluss an der Oberrealschule entsprach nicht dem gymnasialen Abitur, Griechisch hatte er zum Beispiel nicht gelernt.[36] Mit diesem Abschluss konnte er keine Universität besuchen und schrieb sich deshalb in Riga am Polytechnikum als Student der Architektur ein. Das Polytechnikum hatte damals nicht den Status einer Universität, was den Vorteil hatte, dass es seine Autonomie behielt und von der Russifizierung nicht betroffen war, so dass man dort weiterhin auf Deutsch studieren konnte. Das »Rigaesche Polytechnikum« war 1862 gegründet worden, 1896 wurde der Name russifiziert[37], heute ist in demselben Gebäude die Lettische Universität untergebracht. Es gab damals keinerlei Zugangsbeschränkungen, weswegen die Hochschule nicht nur von Letten, Esten, Russen, Polen und Deutschbalten besucht wurde, sondern auch viele jüdische Studenten hatte.[38] Die deutschen Studenten gründeten drei Verbindungen, 1865 die Fraternitas Baltica, der sich vor allem Adelige anschlossen, vier Jahre darauf die eher kleinbürgerliche Concordia Rigensis und 1875 schließlich die Rubonia. Die Rubonia galt als die weltoffenste und unkonventionellste der drei Verbindungen. Sie hatte auch Juden unter ihren Mitgliedern. Ihr gehörten aber auch Eugen und Alfred Rosenberg an, wahrscheinlich einfach deshalb, weil sie zur Fraternitas Baltica nicht konnten und zur Concordia Rigensis nicht wollten. Das deutsche Element war insgesamt in Riga keinesfalls weniger bedeutsam als in Tallinn. Die deutsche Petrikirche, Mittelpunkt des ältesten Siedlungskerns der Stadt, überragte mit ihrem hoch hinaufstrebenden Turm den im Korpus mächtigeren Dom. Auch das Haus der deutschbaltischen Schwarzhäupterbruderschaft war ein stolzer, großer Bau, der an zentraler Stelle das Bild der Altstadt mitprägte. Das Gebäude ging im Kern auf das 14. Jahrhundert zurück und war zu Beginn des 17. Jahrhunderts nach Danziger Vorbild mit einem reich geschmückten Giebel versehen worden. Im Krieg völlig zerstört, ist das Schwarzhäupterhaus 1999 vollständig wiederhergestellt worden.[39] Mitglieder der Schwarzhäupterbruderschaft konnten seinerzeit nur deutschstämmige selbstständige Kaufleute werden, die evangelisch und unverheiratet waren.

Rosenberg nahm sein Studium im Herbst 1910 auf und blieb in Riga bis Mai 1915.[40] In jener Zeit kannte er bereits Hilda Leesmann, seine spätere erste Frau. Er hatte sie auf einer Zugfahrt nach St. Petersburg kennen gelernt, wo er seine Großeltern besuchen wollte.[41] Hilda stammte aus einem begüterten Elternhaus; ihr Vater war Fabrikant. Sie wurde zur Vervollkommnung ihrer Ausbildung auf ein Pensionat in Genf geschickt, das sie aber verließ, um in Paris Musik, rhythmische Gymnastik und Tanz zu studieren. Im April 1914 fuhr Rosenberg, der zuvor schon mit seinen Tanten Deutschland besucht hatte, für drei Wochen nach Paris, um seine Braut zu besuchen. (Möglicherweise war diese Reise der Ausgangspunkt für später immer wieder auftauchende Gerüchte, Rosenberg sei während des Ersten Weltkriegs in Paris gewesen.) Im Frühjahr 1915 war Hilda zurück in Riga, und einer Hochzeit stand nun nichts mehr im Wege. Inzwischen war der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Das deutsche Heer führte im Osten eine große Offensive und nahm Litauen und den links der Düna gelegenen Teil Lettlands ein, während der Rigasche Meerbusen weiterhin von der russischen Flotte dominiert war. Riga selbst wurde erst am 3. September 1917 von deutschen Truppen eingenommen. Dennoch wurde bereits im Sommer 1915 das Polytechnikum mit sämtlichen Professoren nach Moskau evakuiert, so dass das Wintersemester 1915/16 das erste von vier Semestern war, die Rosenberg in Moskau zubrachte. Über diese Zeit sind wir vor allem durch seinen Aufsatz »Rubonia im Exil« informiert, der 1925 in einer Eigenpublikation der Verbindung zu ihrem 50. Jubiläum erschien. Rosenberg war in der Rubonia sehr engagiert; er nahm, wie das Album Rubonorum vermerkt, im Lauf der Zeit die Positionen Subsenior, Senior, Ehrenrichter, Burschenrichter, Oldermann (Fuchsmajor) und Magister paucandi ein. Für Alfred Rosenberg, der inzwischen beide Eltern verloren hatte, war die Verbindung, so dürfen wir vermuten, so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Tatsächlich hielt er der Rubonia bis zu seinem Lebensende die Treue. Und in späteren Jahren finden wir immer wieder Rubonen unter seinen Mitarbeitern.

In Moskau war die Situation nicht einfach. Das Polytechnikum war über sechs verschiedene Standorte verteilt, der Dekan hielt Sprechstunde in einem Holzverschlag und, vielleicht schlimmer noch, die russische Regierung hatte ein Alkoholverbot erlassen, was das »gesellige Burschendasein« der etwa 15 Rubonen beeinträchtigte:

»Und wenn es auch keineswegs so ist, wie böse Nörgler behaupten, daß das Burschenleben nur auf Eitelkeit und Alkohol basiere, so wird man doch wohl verstehen, daß unser Entzücken nicht allzu groß war, wenn uns anstelle schäumenden ›Stritzky-Bieres‹, ein anderthalbprozentiger ›Ersatzschlabber‹ vorgesetzt wurde.«[42]

Immerhin waren die russischen Studenten vom Kriegsdienst befreit, weil Russland einerseits über genügend Soldaten verfügte, aber nur wenige gut ausgebildete Akademiker hatte. Erst im Frühjahr 1917 begann man, die jüngeren Semester einzuziehen, wovon Rosenberg aber nicht mehr betroffen war. Er schloss mit dem Sommersemester 1917 sein Studium ab und kehrte nach Reval zurück. Den Sommer verbrachte er mit seiner Frau auf der Krim, die dort Linderung für ihr Lungenleiden suchte, von Oktober 1917 bis Januar 1918 saß Rosenberg an seiner Diplomarbeit über den Bau eines für die Verhältnisse Russlands geeigneten Krematoriums[43] und kehrte Anfang 1918 noch einmal nach Moskau zurück, wo er mit gutem Erfolg die Abschlussprüfung ablegte und zugleich einen Eindruck vom revolutionären Russland gewinnen konnte.

Zehn Tage nach Rosenbergs Rückkehr nach Reval marschierten deutsche Truppen in seine Vaterstadt ein. Am 24. Februar 1918 erklärte sich Estland für unabhängig, Reval nahm nun den estnischen Namen Tallinn an. Rosenberg meldete sich bei der deutschen Kommandantur als Kriegsfreiwilliger, wurde jedoch als ein dem besetzten Gebiet Entstammender mit russischer Staatsangehörigkeit abgelehnt. Doch ein künftiger Nationalsozialist leistet Großes, auf welchen Platz auch immer man ihn stellt:

»So blieb ihm nichts anderes übrig, als am Gustav-Adolf-Gymnasium und an der Ritter- und Domschule seiner Vaterstadt Zeichenunterricht zu geben, gemäß den Worten Goethes: Architektur heißt nicht nur Häuser bauen, sondern Gesinnung.«[44]

Bei Kriegsende war Rosenberg wieder am Ausgangspunkt angekommen, in der Stadt, in der er geboren und aufgewachsen war. Doch die Welt hatte nun ein völlig anderes Gesicht. Millionen von Menschen waren im ersten modernen Krieg globalen Ausmaßes auf den Schlachtfeldern verblutet. Die alte Ordnung, nicht nur die politische, war zusammengebrochen. Der deutsche Kaiser war ins Exil geflohen, der russische Zar samt seiner Familie von Revolutionären ermordet. Zwischen den alten Großmächten entstanden zahlreiche neue Staaten, unter ihnen Estland, Lettland, Litauen und Polen. Truppen standen oft genug dort, wo sie nach Kapitulationserklärungen, Waffenstillstandslinien und Friedensschlüssen nicht mehr hätten stehen dürfen. Weiße kämpften gegen Rote, Freikorps gegen Revolutionäre, Nationalisten gegen Besatzer.[45] So kam es unter anderem zu dem wenig bekannten Kuriosum, dass nach dem offiziellen Ende des Ersten Weltkriegs der eben entstandene lettische Staat dem Deutschen Reich noch einmal den Krieg erklärte. Deutsche Truppen standen noch in baltischen Landen, wo sie, nunmehr im Auftrag der Entente, gegen »rote« Einheiten kämpften, denn die Koalition der deutschen Kriegsgegner war nach dem Ersten Weltkrieg noch schneller zerfallen, als es nach dem Zweiten der Fall sein sollte. Gleichzeitig stellten sich die deutschen Verbände, gewissermaßen an die Tradition des deutschbaltischen Adels anknüpfend, gegen das Unabhängigkeitsstreben der Letten und kollaborierten mit »weißen« russischen Truppen, die von der Restitution des Zarenreiches träumten. Selten wohl ist das Prinzip »Der Feind meines Feindes ist mein Freund« stärker strapaziert worden als in jenen Jahren zwischen Russischer Revolution und dem Entstehen einer Nachkriegsordnung, die in vielem eher eine Unordnung war. Dan Diner sieht eine entscheidende Signatur des 20. Jahrhunderts im Umschlag von Ideologie zu Ethnos.[46] War das 19. Jahrhundert das Zeitalter der großen Ideen gewesen, man denke etwa an die Entstehung des Marxismus, wurden im 20. Jahrhundert soziale Konflikte zunehmend von ethnischen überlagert. Die Kämpfe im Baltikum waren der erste Fall eines rassistisch grundierten Antibolschewismus. Die Klassengegensätze wurden überdeckt von ethnischen Gegensätzen zwischen deutschen Baronen und lettischen Bauern. Zugleich war dies der Nährboden für die Entwicklung des ungleich radikaleren nationalsozialistischen Antisemitismus aus dem traditionellen Antisemitismus, eine Entwicklung, an der Alfred Rosenberg entscheidenden Anteil hatte. Die Verschränkung zwischen dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und der Ermordung des europäischen Judentums ist ein Echo der rassistisch-ideologischen Frontstellung jener Jahre.

II. Vom Publizisten zum Ideologen

München

Am 30. November 1918 hielt Rosenberg erstmals einen öffentlichen Vortrag in Reval, im Schwarzhäupterhaus. Das Thema lag ganz auf der Linie seiner lebenslangen Obsession: »Marxismus und Judentum«. Die Erlebnisse im Moskau der Revolution hatten ihn in der Überzeugung bestärkt, dass zwischen diesen beiden Mächten, die unaufhörlich auf den Untergang alles Guten und Schönen hinarbeiteten, ein unauflöslicher Zusammenhang bestehe.

Rosenbergs konterrevolutionärer Furor hat seine Zuhörer womöglich kalt gelassen. Jedenfalls bestieg er noch in derselben Nacht den Zug nach Berlin. Er sollte seine Vaterstadt für lange Jahre nicht wieder sehen. In Berlin wartete Peter Behrens auf ihn, bei dem Rosenberg sich schon im Sommer um ein Bewerbungsgespräch bemüht hatte.[1] Behrens (1868 bis 1940), einer der großen Architekten und Künstler des 20. Jahrhunderts und führender Vertreter einer neuen Ästhetik des Industriezeitalters, war seit 1907 offizieller Gestalter aller industriellen Produkte der AEG, eines unter der Führung von Emil und Walther Rathenau weltweit erfolgreichen Konzerns. Zu Behrens' berühmtesten Bauten gehört die AEG-Turbinenhalle in Berlin-Moabit aus dem Jahr 1909.

Behrens suchte Mitarbeiter für sein expandierendes Büro und hatte dem jungen Diplomarchitekten Alfred Rosenberg deshalb einen Vorstellungstermin eingeräumt. Doch der war von dem Moloch Berlin noch mehr abgestoßen als acht Jahre später der junge Goebbels. Kurz entschlossen fuhr er weiter nach München. Eine Entscheidung, die seinen ganzen weiteren Lebensgang bestimmen sollte.

Der Gegensatz hätte größer kaum sein können. Im Vergleich zu dem neurasthenischen Berlin war München eine behäbige Land- und Residenzstadt mit kaum mehr als 600 000 Einwohnern. Doch die Residenz war seit kurzem verwaist, König Ludwig III. war auf das Jagdschloss seines Oberstallmeisters geflohen. Nachdem die Revolutionäre unter der Führung Kurt Eisners den »Freistaat Bayern« ausgerufen hatten[2], hatte Ludwig III. am 13. November 1918 offiziell auf den Thron verzichtet und die bayerischen Beamten von dem auf ihn geleisteten Eid entbunden. An diesem Tag war Kurt Eisner bereits Ministerpräsident einer Regierung, die sich, ähnlich wie die provisorische Regierung in Berlin, auf beide Flügel der Sozialdemokratie, die USPD und die MSPD, stützte.

Kurt Eisner (1867 bis 1919) stammte aus Berlin, hatte von 1889 bis 1898 für die Frankfurter Zeitung gearbeitet, war dann in die Schriftleitung des Vorwärts gewechselt und 1905 als »Revisionist« entlassen worden. Ab 1907 leitete er die Fränkische Tagespost in Nürnberg, 1910 übersiedelte er nach München und arbeitete für die Münchner Post. Nach Ausbruch des Weltkrieges wurde er bald zum radikalen Pazifisten, verließ die SPD und nahm im April 1917 beim Gründungsparteitag der USPD in Gotha teil. Eisner war einer der Führer des Januarstreiks gewesen und war nach der großen Kundgebung am 31. Januar 1918 verhaftet und in Untersuchungshaft festgehalten worden. Als die USPD ihn im Herbst für die in einem Münchner Wahlkreis fälligen Wahlen zum Reichstag als Kandidaten nominierte, wurde er am 14. Oktober vom Reichsgericht auf freien Fuß gesetzt. Bei den folgenden Wahlkundgebungen erwies sich, dass die Monate im Gefängnis Eisners Popularität bei den Arbeitern außerordentlich gesteigert hatten. Eisner war ein Sozialist von hohen Idealen, der davon träumte, Marx mit Kant zu versöhnen. Er glaubte, dass eine Demokratisierung der Gesellschaft dem Guten im Menschen zum Durchbruch verhelfen müsse. In Eisners am 16. November veröffentlichtem Regierungsprogramm hieß es:

»Die revolutionäre Regierung des Volksstaates Bayern ist zu dem großen Versuch entschlossen, die Umwandlung des alten Elends in die neue Zeit in vollkommener verbürgter Freiheit und in sittlicher Achtung vor den menschlichen Empfindungen durchzuführen und damit ein Vorbild zu geben für die Möglichkeiten einer Politik, die auf Vertrauen zu dem Geist der Massen, auf der festen und klaren Einsicht in die Notwendigkeiten und Mittel der Entwicklung auf der freimütigen Offenheit und Wahrhaftigkeit beruht.«[3]

Neben dem Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat wurde noch ein Frauenrat und ein »Rat geistiger Arbeiter« gegründet.[4] Eisners Intentionen entsprach es, die Freiheit der Presse vollkommen zu respektieren, mit dem Resultat, dass er bald die gesamte veröffentlichte Meinung gegen sich hatte. Er stand im Kreuzfeuer der bürgerlichen Presse zum einen und der sozialdemokratischen und kommunistischen Zeitungen zum anderen. Seine eigene Partei, die USPD, war zu arm, um eine Zeitung herauszubringen. Auch für Vorurteile war er eine ideale Zielscheibe mit seiner bohemehaften Erscheinung, der Berliner Herkunft und dem intellektuellen Habitus. Mehr noch verübelte man ihm seine jüdische Abstammung.[5] Trotz der großen Wirkung seiner öffentlichen Auftritte gewann Eisner nie eine wirkliche Massenbasis in der bayerischen Bevölkerung. Rasch geriet er in die Defensive. Am 2. Dezember 1918 notierte Josef Hofmiller über die Geschehnisse des Vortages:

»Am Sonntag kam es auf der Wachparade vor der Feldherrnhalle zu erregten Szenen, weil ein Mann in einer Rede ans Volk Kurt Eisner rechtfertigen wollte. Man ließ ihn nicht sprechen, er flüchtete in die Residenzwache. Die Menge zog vors Ministerium des Äußern, um Eisner herauszuschreien und ihm zuzurufen, er solle zurücktreten. Aber sofort fuhr ein Militär-Auto vor. Maschinengewehre wurden auf die Menge gerichtet, die sich daraufhin schleunig verlief; Soldaten besetzten den ›Bayerischen Hof‹. Der Dilettantismus dieses Literaten hat bereits abgewirtschaftet. Er stützt sich nur noch auf die Maschinengewehre der Spartakus-Gruppe des Soldatenrats, die für nächsten Donnerstag einen Verlegenheits-Straßenumzug mit nachfolgender Einschüchterungsparade plant.«[6]

Als der Ministerrat am 5. Dezember beschloss, am 12. Januar 1919 Landtagswahlen abzuhalten, kämpfte Eisner schon mit dem Rücken zur Wand. Den Linken war er zu bürgerlich, die Sozialdemokraten lehnten ihn als realitätsfernen Schwärmer und Idealisten ab, und für die bürgerlichen Kräfte verkörperte er das Schreckgespenst der Räteherrschaft. Die USPD verfügte außerhalb Münchens kaum über eine Organisation, und der Partei fehlte noch immer eine eigene Zeitung. Wenige Tage nach der Ankündigung der Wahlen gründete sich eine Gruppe des kommunistischen Spartakusbundes. Die Spartakisten hatten zuvor als Protest gegen die »Pressehetze« Zeitungshäuser gestürmt, die Eisner wieder räumen ließ. Auf der anderen Seite versuchten die Mehrheitssozialdemokraten in Verbindung mit Reichswehroffizieren eine konterrevolutionäre Bürgerwehr aufzustellen, was ebenfalls am Eingreifen Eisners scheiterte.

Die Landtagswahlen brachten für Kurt Eisner eine vernichtende Niederlage. Ganze drei Sitze entfielen auf seine USPD, dagegen 61 auf die Mehrheitssozialdemokraten und 66 auf die Bayerische Volkspartei. Die liberale Deutsche Volkspartei kam auf 25 Abgeordnete, der Bayerische Bauernbund auf 16 und die Mittelpartei auf neun. Die Spartakisten hatten zum Boykott der Wahl aufgerufen. (Bei den Wahlen auf Reichsebene eine Woche später schnitt die USPD mit 22 von 421 Sitzen nicht viel besser ab.) Am 21. Februar befand sich Eisner auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des neugewählten Landtags in die Prannerstraße, um dort den Rücktritt seiner Regierung zu erklären. Als er gerade den Promenadeplatz überquert hatte, wurde er von dem jungen Anton Graf Arco hinterrücks erschossen. Josef Hofmiller notierte tags darauf in seinem Tagebuch: »Eisner forderte durch sein ganzes Verhalten zu seiner gewaltsamen Entfernung heraus.«[7] So dachten gewiss viele Angehörige des Bürgertums, die der neuen Republik, und nicht nur dem Experiment der Räte, mehr als distanziert gegenüberstanden. In der Gerichtsverhandlung, im Januar 1920, bescheinigte der Staatsanwalt dem Grafen Arco:

»Wahre, tiefe, innerlich wurzelnde Vaterlandsliebe war es, die den Angeklagten zu seiner Tat veranlaßte, und ich stehe nicht an hinzuzufügen: Wäre unsere Jugend insgesamt von solch glühender Vaterlandsliebe beseelt, wir hätten Hoffnung, mit froher Zuversicht der Zukunft unseres Vaterlandes entgegenzusehen.«[8]

Und der Richter fügt in seiner Urteilsbegründung hinzu:

»Von einer Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte konnte natürlich keine Rede sein, weil die Handlungsweise des jungen politisch unmündigen Mannes nicht niedriger Gesinnung, sondern der glühendsten Liebe zu seinem Volke und Vaterlande entsprang und ein Ausfluß seines Draufgängertums und der in weiten Volkskreisen herrschenden Empörung gegen Eisner war…«[9]

Mehr Verständnis und menschliche Wärme sind wohl selten einem Mörder vor Gericht entgegengebracht worden. Da überrascht es nicht, dass schon am Tag darauf Justizminister Ernst Müller-Meiningen den nur notgedrungen zum Tode verurteilten Graf Arco zu lebenslanger Festungshaft begnadigte, die wenig später auf 15 und schließlich auf vier Jahre reduziert wurde. Außerdem richtete man für Arco eine eigene, besonders angenehme Haftanstalt auf der Festung Landsberg ein, wo später auch Adolf Hitler nach dem gescheiterten Putsch seine kurze Haftstrafe absaß.[10]

Die Nachricht von der Ermordung Kurt Eisners hatte die Stadtbevölkerung in große Erregung versetzt und vor allem in der Arbeiterschaft große Empörung hervorgerufen. Im Landtag verübte der Metzger Alois Lindner ein Attentat und verletzte den Innenminister und Führer der Mehrheitssozialdemokraten in Bayern Erhard Auer, in dem viele den Verantwortlichen für die Hetze gegen Eisner sahen, schwer, so dass auf einen Schlag beide sozialdemokratische Parteien ihrer führenden Köpfe beraubt waren.

Eisner wurde durch seine Ermordung für viele vom Idealisten zur geradezu heiligmäßigen Lichtgestalt. Auch etliche, die zuvor seine Entfernung gefordert hatten, sahen in ihm nun den Märtyrer.[11] Dieser Stimmungsumschwung war die Voraussetzung für das nun folgende Experiment der Räterepublik.[12] Während der Bayerische Landtag in das ruhigere Bamberg retirierte, bildete sich in München noch am Tag der Ermordung Eisners ein Zentralrat, der am 6. April die Räterepublik ausrief. Die KPD boykottierte das Experiment der ersten Räteregierung, deren bedeutendster Kopf der libertäre Sozialist Gustav Landauer war. Nach einer Woche kam es zu einem Putschversuch von rechts, der aber von der »Roten Armee«, die sich inzwischen formiert hatte, blutig unterdrückt wurde. Es folgte die zweite Räteregierung, die wesentlich militanter als die erste auftrat und in der nun auch die Kommunisten eine wichtige Rolle spielten. Ihre Sprecher waren Ernst Toller, Eugen Leviné, Ernst Niekisch und wiederum Gustav Landauer. Die bayerische Staatsregierung unter dem Sozialdemokraten Johannes Hoffmann lehnte die von Reichswehrminister Gustav Noske mehr geforderte als angebotene militärische Intervention des Reiches zunächst ab, weil sie – zu Recht – um die bayerische Militärhoheit fürchtete. Noske ließ trotzdem ein »Bayerisches Freikorps für den Grenzschutz Ost« aufstellen, mit deren Kommando er den Oberst Franz Xaver Ritter von Epp beauftragte, den späteren nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten, der nach 1933 Reichsstatthalter von Bayern war.

Am 1. Mai 1919 begann der Einmarsch der Exekutionstruppen in München. Es folgten die Wochen des »weißen Terrors«, dem laut amtlicher Statistik 557 Menschen zum Opfer fielen, in Wirklichkeit aber wohl etwa doppelt so viele, von den zahllosen Verletzten und den vielen Menschen, die wegen geringster Vergehen zu drakonischen Haftstrafen verurteilt wurden, nicht zu reden.[13]

Im Mai 1919 kamen Reichspräsident Ebert und Reichswehrminister Noske nach München und ließen die siegreichen »weißen« Truppen paradieren. Obwohl die Räterepublik ganz offensichtlich restlos zerschlagen war, blieb das Standrecht weiter bestehen, und die Sieger nutzten die Gunst der Stunde zu einer radikalen Säuberung von Militär, Polizei und Beamtenapparat von demokratischen Kräften. Der bayerische Minister für Militärische Angelegenheiten, der Sozialdemokrat Ernst Schneppenhorst, musste zurücktreten. Chef der neuen bayerischen Reichswehr-Schützenbrigade wurde Oberst Franz Xaver Ritter von Epp, der Ernst Röhm in den Generalstab berief. Neuer Münchner Polizeipräsident wurde Ernst Pöhner, ein Nationalsozialist der ersten Stunde. Pöhner berief seinen Parteifreund, den späteren Reichsinnenminister Wilhelm Frick zum Leiter der Politischen Abteilung. Hans Ritter von Seißer, beim Hitler-Putsch als Polizeiminister vorgesehen, wurde neuer Chef der Landespolizei.

Alfred Rosenberg bewegte sich am Rande all dieser Ereignisse. Wie sie auf ihn gewirkt haben, ist nicht überliefert. Er war mehr oder weniger mittellos in München angekommen: »Ich hatte praktisch meine Sache auf nichts gestellt, aber es war wenigstens eine Entscheidung in dieser chaotisch werdenden Zeit.«[14] Es gelang Rosenberg jedoch rasch, Anschluss an weißrussische Emigrantenkreise zu gewinnen, die in München ihr Zentrum hatten. Er hatte einen russischen Ersatzpass und stellte sich Hetman Skoropadski, dem ukrainischen Vorsitzenden eines Emigrantenvereins, vor.[15] Die Volksküchen, bei denen man nichts mitbringen musste außer den eigenen Löffel, trugen das ihre zur ersten Subsistenzsicherung bei. Ein Flüchtlingskomitee vermittelte gratis ein Zimmer bei einem pensionierten Militärarzt: »Das alles streckte meine geringen Mittel.«[16] Gleichwohl blieb die Situation schwierig. Rosenbergs lungenkranke Frau war zur Kur in Arosa, und die gelegentlichen Honorare, die Dietrich Eckart Rosenberg für seine Beiträge in Auf gut deutsch bezahlte, waren auf die Dauer keine ausreichende Lebensgrundlage. Aber auch der Versuch, mit Hilfe eines baltischen Komitees in Berlin in die Heimat zurückzukehren, scheiterte.

Aus Reval hatte Rosenberg seinen »guten Malkasten« mitgenommen[17] und verbrachte viel Zeit damit, Studien aus dem Gedächtnis zu malen. Täglich ging er in die Volksküche, wo er seinen Auflauf aß, und stundenlange Spaziergänge führten ihn durch die Stadt, auf denen er ausführlich die Litfaßsäulen studierte, »um die Theaterspielpläne kennenzulernen und sonstige Ankündigungen verfolgen zu können«[18].

Rosenberg hatte Reval als ein Suchender verlassen: »Ich ließ meine Heimat hinter mir, um mir ein Vaterland zu erwerben.«[19] Als Angehöriger der deutschen Minderheit im Zarenreich und Gegner der russischen Revolution war er in gewisser Weise doppelt heimatlos gewesen und suchte nun nach Orientierung an und in der deutschen Kultur. Doch er kam in ein Land, dessen alte Ordnung zerbrochen war. Rosenberg war ein typischer Vertreter jenes menschlichen Treibsandes, aus dem die nationalsozialistischen, völkischen, antirepublikanischen und antisemitischen Gruppen und Grüppchen, Diskussionszirkel und Aktionskomitees jener Jahre ihre Anhängerschaft rekrutierten. Ähnlich wie Adolf Hitler begann er seine Karriere als Beobachter und Zuhörer, wurde dann zum Mitdiskutanten und gewann mit den Jahren schließlich eine immer prominentere Position.

Das München des Jahres 1919, in das Rosenberg gekommen war, hatte nicht mehr viel gemein mit dem München der Vorkriegszeit mit seiner »grundbehaglichen Bohème«[20]. Nicht mehr Schwabinger Atelierfeste, temperamentvolle Diskussionen über den Bierpreis und Spott über den preußischen Militarismus, verbunden mit prinzipienfester Verehrung des bayerischen Königshauses, bestimmten die Atmosphäre, sondern ein, nach dem Empfinden vieler Bürger, bedenkliches Maß an Anarchie, scharfe politische Auseinandersetzungen mit teilweise bürgerkriegsähnlichen Zuständen und vor allem bittere soziale Not. Die Preise waren in den Kriegsjahren ungleich stärker gestiegen als die Löhne, so dass viele Menschen nicht einmal ihre Grundbedürfnisse an Nahrung und Kleidung befriedigen konnten. Der Wohnungsbau war zum Erliegen gekommen; die chronische Wohnungsnot hatte katastrophale Ausmaße angenommen. Waren 1914 noch 703 neue Wohnungen errichtet worden, waren es zwei Jahre später noch ganze 23[21]. Hinzu kam eine drückende Arbeitslosigkeit, da die ganz auf die Kriegswirtschaft eingestellte Industrie sich nur sehr schwer umstellen konnte, zumal es an allen Rohstoffen, ja selbst an Kohlen, fehlte. Allein BMW entließ im Dezember 1918 3 400 Arbeiter. Zu Beginn des Jahres 1919 waren fast 45 000 Münchner arbeitslos[22], bei einer Gesamtbevölkerung von 630 000 Einwohnern. Die Ernährungslage war, trotz zahlreicher Volksküchen, katastrophal. Von 100 Säuglingen starben 17 im ersten Lebensjahr.

Die folgenden Jahre brachten keine wesentliche Besserung. Zwar ging die Arbeitslosigkeit zurück, doch es blieben die extreme Wohnungsnot und die völlig ungenügende Versorgung mit Lebensmitteln. Die Denkschrift »Die Not in München« des BVP-Stadtrates Michael Gasteiger aus dem Jahre 1923 ist ein erschütterndes Dokument[23]. Es wird darin berichtet, dass der Milchund Fleischkonsum pro Kopf der Bevölkerung 1923 weniger als halb so hoch war wie 1913, wobei er nach dem Krieg stetig weiter abgenommen hatte. Brennmaterial war so unerschwinglich teuer geworden, dass selbst große Teile des Mittelstandes es sich nicht leisten konnten, im Winter ihre Wohnung zu heizen. In manchen Stadtvierteln waren bis zu 50 Prozent der Schulkinder erheblich unterernährt. In fast jedem fünften der untersuchten Haushalte gab es Tuberkulosekranke, die meist auf engstem Raum mit den anderen Familienmitgliedern zusammenlebten, denn am schlimmsten von allem war die Wohnungsnot. 1923 kamen auf 240 neu gebaute Wohnungen 30 000 Wohnungssuchende. Selbst vier- und fünfköpfige Familien hatten häufig nur einen Raum zur Verfügung, der in manchen Fällen nur vier oder fünf Quadratmeter maß. Mehr als einmal kam es vor, dass kleine Kinder nachts starben, weil sie während des Schlafes infolge der Beengung erstickten.

Gasteigers Denkschrift endete mit einem Appell an die Landbevölkerung, hinter der glitzernden Fassade der Großstadt die Not ihrer Bewohner nicht zu übersehen und eine »Not-, Brot- und Schicksalsgemeinschaft zwischen Stadt und Land« zu schaffen[24]. Tatsächlich trug die politische Zerrissenheit nicht unwesentlich zu der bestehenden Notlage bei. Die Zeit der Räterepublik hatte den bestehenden Stadt-Land-Gegensatz erheblich verschärft. Das Räteexperiment war von der großen Mehrheit der Landbevölkerung abgelehnt worden[25], was sich sowohl in der Teilnahme verschiedener bayerischer Schützenverbände und Einwohnerwehren an der Niederschlagung der Räterepublik ausgedrückt hatte, vor allem aber auch in der Verweigerung notwendiger Lebensmittellieferungen, die auch jetzt nur zögernd und in ungenügendem Umfang die Landeshauptstadt erreichten. Dieser Stadt-Land-Gegensatz wurde überlagert durch den traditionellen Nord-Süd-Gegensatz innerhalb des Deutschen Reiches, der im Laufe des Krieges, mit schwindendem Kriegsglück und wachsenden Versorgungsschwierigkeiten, erheblich an Brisanz gewonnen hatte. Zu den Mentalitäts- und Konfessionsunterschieden gesellte sich nun auch ein politischer. Das »rote Preußen« hatte eine energische, sozialdemokratisch geführte Regierung, und auch in der Reichshauptstadt Berlin waren die Sozialdemokraten die führende politische Kraft[26], während der Süden mehrheitlich konservativ-klerikal blieb.

In der protestantischen, industriell geprägten Großstadt Berlin waren die Arbeiterparteien SPD und KPD die politisch dominierenden Kräfte. (Selbst bei den vom nationalsozialistischen Terror überschatteten Reichstagswahlen vom 5. März 1933 erreichten sie dort zusammen noch 52,6 Prozent der Stimmen.) Berlin war zudem die Hauptstadt der ungeliebten Weimarer Republik. »Berlin« wurde zum Synonym für das verhasste demokratische »System« und den »Schandfrieden« von Versailles, für Kosmopolitismus und jüdisch geprägten Intellektualismus, kurzum für alles, was einem bodenständigen Deutschen fremd und zuwider war. Hatte die agrarisch-katholisch geprägte Land- und Residenzstadt München vor dem Ersten Weltkrieg bedeutenden Vertretern des antipreußischen Liberalismus Heimstatt geboten, so geriet die Stadt nun in eine entgegengesetzte Oppositionsrolle. Der antidemokratischantirepublikanisch- reaktionären Haltung des Bürgertums, wie sie für die Weimarer Zeit so charakteristisch war, hat Lion Feuchtwanger in seinem Roman »Der Erfolg« ein bleibendes Denkmal gesetzt.[27]

Nach der blutigen Unterdrückung der Rätebewegung wurde München zum Sammelbecken für alle reaktionären, antidemokratischen, militaristischen und nationalistischen Elemente. Um es mit den Worten einer nationalsozialistischen Darstellung jener Zeit zu sagen:

»Bayern wurde die Hoffnung aller nationalen Kreise, München das Asyl aller verfolgten Freiheitskämpfer.«[28]

Die Stadt wurde zum Eldorado für Systemgegner und politische Straftäter, wozu die Münchner Polizei unter Führung der Nationalsozialisten Pöhner und Frick entscheidend beitrug. Es wurden Akten gefälscht oder vernichtet, Anzeigen unterschlagen, »Inkognito-Pässe« ausgegeben, Fememörder gedeckt. Der in Berlin steckbrieflich gesuchte Brigadeführer Ehrhardt reiste nach München und richtete für seine Terrororganisation in der Franz-Joseph- Str. 3 ein Büro ein. Von Polizeipräsident Pöhner war er mit mehreren falschen Pässen ausgestattet worden[29]. Das Freikorps Oberland hatte sein Hauptquartier im Hotel Adelmann am Isartorplatz, ganz in der Nähe des Sterneckerbräus, wo die NSDAP tagte.

Die sozialdemokratische Führung der Stadt war demgegenüber machtlos. Die Folge waren eine zunehmende Zahl tätlicher Angriffe gegen Sozialdemokraten, antisemitische Ausschreitungen und Terrorakte gegen demokratische Kräfte. Als 1921 der USPD-Abgeordnete Karl Gareis vor seiner Wohnung in Schwabing erschossen wurde, protestierte die Arbeiterschaft mit einem dreitägigen Generalstreik, doch die Polizei untersuchte den Fall nur äußerst widerwillig. Typisch für die Stimmung der reaktionären Kreise war die Haltung des Schriftstellers und Publizisten Ludwig Thoma, der das Attentat auf Ministerpräsident Kurt Eisner, die bestialische Ermordung Gustav Landauers sowie den Überfall auf den Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld im Miesbacher Anzeiger mit den Worten kommentierte:

»In München haben wir doch mit der Hinrichtung des Eisner und der Prügelstrafe gegen den Magnus Spinatfeld den Nachweis geliefert, daß es uns nicht an Temperament fehlt. Die Berliner werden auch dankbar anerkennen müssen, daß wir ihnen den Landauer durchgetan haben.«[30]

Die Weimarer Demokratie hatte er kurz zuvor als verachtenswertes »Affenwerk « bezeichnet[31]. Thoma, ursprünglich als Verfasser bissiger Satiren gegen den Wilhelminismus bekannt geworden, hatte sich im Ersten Weltkrieg zu den Alldeutschen bekannt, die annexionistische Kriegsziele verfolgten. Durch den Kriegsverlauf und die nachfolgenden gesellschaftlichen Veränderungen wurde deutlich, dass Thoma zwar ein scharfzüngiger Kritiker bestimmter Erscheinungen der wilhelminischen Gesellschaft, im Grunde aber ein entschiedener Anhänger der alten Ordnung, besonders in Bayern, war. Der Miesbacher Anzeiger war schon 1874 gegründet worden. Sein Herausgeber gehörte zum bäuerlich-föderalistischen Flügel der BVP. Durch Thomas (anonyme) Mitarbeit von 1920/21 vervielfachte sich die Auflage der bis dahin unbedeutenden Provinzzeitung[32], auf die sich auch Feuchtwanger im »Erfolg« bezog. 1936 erschien aus Anlass von Thomas 15. Todestag eine Sondernummer des Simplicissimus. Dort wurde er als Vorkämpfer gegen Juden, Kommunisten, Kaffeehausliteraten und »alle inneren und äußeren Feinde Deutschlands« gewürdigt[33]. Thomas publizistische Tätigkeit macht deutlich, dass der ganze Spott gegen die wilhelminische Gesellschaft viel mehr antipreußischen Regungen als reformerischen oder gar linken politischen Positionen entsprang, weswegen es dem Simplicissimus später auch mühelos gelang, in der Nazizeit seine Rolle als führendes Karikaturenblatt beizubehalten[34].

München war auch ein frühes Zentrum des Antisemitismus. Eine zentrale Rolle spielte in diesem Zusammenhang der Verleger Julius Friedrich Lehmann (1864 bis 1935). In Zürich geboren, kam er 1900 nach München, wohin ihn sein Vetter Bernhard Spatz gerufen hatte, der Schriftleiter der Münchner Medizinischen Wochenschrift (MMW) war. Lehmann übernahm die Zeitschrift; es gelang ihm, die Abonnentenzahl von 1500 auf mehr als das Zehnfache zu steigern. Schon um die Jahrhundertwende war die MMW die auflagenstärkste deutsche medizinische Wochenzeitung, wobei das ungeschriebene Gesetz galt, dass kein Jude mitarbeiten durfte[35]. Lehmanns Verlag spezialisierte sich auf die Gebiete Medizin, »völkische Politik mit besonderer Betonung der reinen Kampfschriften während des Weltkrieges«, »Rassenhygiene und Vererbungsforschung « sowie »Rassenkunde«[36]. Hier wurde ein erheblicher Teil des später von den Nationalsozialisten adaptierten Gedankengutes entwickelt, zum Beispiel trat Lehmann immer wieder für die Zwangssterilisierung von »Minderwertigen« ein[37]. 1909 erschien in seinem Verlag die erste von zahllosen rassenpolitischen Schriften: »Deutsche Rassenpolitik und die Erziehung zu nationalem Ehrgefühl« von Hauptmann a. D. Eberhard Meinold. Lehmann stand mit Alfred Ploetz' Deutscher Gesellschaft für Rassenhygiene, deren Vorstand er auch angehörte und die wie die MMW in der Paul-Heyse-Straße residierte, ebenso in Verbindung wie mit Houston Stewart Chamberlain. Der wichtigste Autor auf diesem Gebiet wurde aber Hans F.K. Günther (1891 bis 1968), der »Rasse-Günther«, von dem 15 Bücher bei Lehmann erschienen, darunter 1922 die »Rassenkunde des deutschen Volkes«, die Jahr für Jahr in großen Stückzahlen nachgedruckt wurde und 1933 bereits in der 16. Auflage war. Lehmann hatte das Werk bei dem damals noch ganz unbekannten jungen Lehrer in Auftrag gegeben. Von dem außerordentlichen Erfolg profitierten beide in erheblichem Maße.

Lehmann verlegte außer der MMW noch eine Vielzahl weiterer Zeitschriften, unter anderem Im Kampf ums Deutschtum, die Flugschriften der Alldeutschen, deren eifriges Mitglied er war, sowie die Wartburg, das Kampfblatt der antikatholischen Los-von-Rom-Bewegung, schließlich seit 1917 Deutschlands Erneuerung, »eine der ganz wenigen Zeitschriften, die sich zum Nationalsozialismus bekannte«[38]. Nach dem Ersten Weltkrieg traten noch Volk und Rasse und die Zeitschrift für Rassenhygiene hinzu[39]. Lehmann war außerdem aktives Mitglied zahlloser vaterländischer Verbände, vom Flotten-Verein über den Deutschen Sprachverein bis zum Kampfbund für die Grenzmarkdeutschen. Erst im Dezember 1931 entschloss er sich zum Eintritt in die NSDAP. 1934 wurde Lehmann zu seinem 70. Geburtstag von Adolf Hitler mit dem Adlerschild des Deutschen Reiches ausgezeichnet, und die medizinische Fakultät der Universität München ernannte ihn zum Ehrendoktor.

Lehmann gehörte auch dem Beirat des Deutschen Schutz- und Trutzbundes an, der im Februar 1919 vom Alldeutschen Verband gegründet wurde und bald unter der notorischen Parole »Deutschland den Deutschen!« an die Öffentlichkeit trat[40]. Am 1. Oktober 1919 schloss sich der Deutsche Schutz- und Trutzbund mit dem Deutschvölkischen Bund, dem Dachverband zahlreicher antisemitischer Organisationen, zum Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund zusammen. Dieser Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund wurde rasch zur größten und aggressivsten Vertretung des organisierten Antisemitismus.[41]

Am 7. Januar 1920 veranstaltete der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund in München seine erste antisemitische Großkundgebung, zu der 7000 Menschen in den Münchner Kindl-Keller kamen. Auch Hitler war unter den Zuhörern, beteiligte sich an der Diskussion und konnte zugleich sehen, dass der Antisemitismus ein höchst geeignetes Instrument zur politischen Mobilisierung der Bevölkerung war.[42]

Die Juden hatten im Kaiserreich nur eine kleine, sozial relativ homogene Minderheit gebildet. Durch Verstädterung und den entsprechenden Rückgang der Kinderzahl, spätere Heirat, zunehmende Mischehen und anhaltende Auswanderung war ihr Bevölkerungsanteil zwischen 1871 und 1910 sogar von 1,25 Prozent auf 0,95 Prozent zurückgegangen.[43] 1871 hatte das neugegründete Deutsche Reich die gesetzliche Bestimmung des Norddeutschen Bundes übernommen, die alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit der religiösen Bekenntnisse erwachsenden Beschränkungen aufgehoben hatte. Damit war die Emanzipation der Juden zum Abschluss gekommen. Mit der formal gleichen Existenzberechtigung der verschiedenen religiösen Bekenntnisse ging aber kein entsprechender gesellschaftlicher Konsens einher. »Karrieretaufen « waren an der Tagesordnung, was wiederum dazu beitrug, dass diejenigen Kräfte des deutschen Bürgertums, die diesen Unterwerfungsakt nicht mehr akzeptieren wollten, stetig an Virulenz gewannen. Die großen Sozialisationsagenturen Schule, Universität und Armee trugen zudem dafür Sorge, dass die jüdische Minorität das Bewusstsein dafür, nach wie vor Bürger zweiter Klasse zu sein, nicht verlor. Gleichwohl setzte die Emanzipation einen enormen Mobilitätsschub frei. Die Juden strömten in die Städte, ihre Kinder waren an den weiterführenden Schulen mehrfach überrepräsentiert, und in den ihnen zugänglichen Berufen waren sie überdurchschnittlich erfolgreich. Das förderte Neid und Aggression. Antisemitische Pamphlete sonder Zahl wurden in Umlauf gesetzt, Parteien und Verbände gegen die »Überhebung« des Judentums gegründet. Doch bis 1914 behielten die Kräfte der sozialen Kohäsion die Oberhand. Und als in der Euphorie der ersten Kriegsbegeisterung der Burgfrieden ausgerufen wurde, dachten die allermeisten Juden, das gelte nicht nur für die »vaterlandslosen Gesellen« von der SPD, sondern auch für sie, eine Sicht, die manche ihrer nichtjüdischen Landsleute teilten. Als Ernst Toller schwer verwundet von der Front zurückkam, stellte ein wohlmeinender Sanitäter fest, nun sei der Makel seiner jüdischen Geburt getilgt.[44] Doch solcherlei Illusionen verflogen rasch. Der Erste Weltkrieg wurde zur entscheidenden Bruchlinie. Der moderne Antisemitismus entwickelte sein gesamtes programmatisches Repertoire vor 1914, soziale und politische Wirkungsmacht wuchs ihm erst nach 1918 zu.[45] Die Jahre dazwischen waren für viele Juden eine Zeit irreversibler Desillusionierung. Das Ereignis, das am meisten dazu beitrug, war zweifellos die so genannte Judenzählung, die mit Duldung der Obersten Heeresleitung 1916 durchgeführt wurde.

Nach der Kriegsniederlage war die gedemütigte, ausgezehrte und vielfach verarmte Bevölkerung in hohem Maße aufnahmebereit für verführerische Erklärungen des eigenen Versagens. Angesichts seines überragenden Ansehens als Militärführer waren das Wirken Erich Ludendorffs und seine paranoiden Verschwörungstheorien ganz besonders fatal. Ludendorffs »Unfähigkeit zu trauern« – mit diesem Terminus haben Alexander und Margarete Mitscherlich die deutsche Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg charakterisiert[46] – war ein extremes Beispiel für die Unfähigkeit, sich zu der militärischen Niederlage zu bekennen.[47] Nicht die militärische Übermacht der Alliierten war für deren Sieg verantwortlich. Die Deutschen hatten den Krieg vielmehr gewonnen, der Sieg jedoch war ihnen entwunden worden durch jüdische Drückeberger in den eigenen Reihen, jüdische Kriegsgesellschaften, die die Front aussaugten, geheime Abreden zwischen Matthias Erzberger und dem Jesuitengeneral, »überstaatliche Mächte« und andere geheime Machenschaften.

»Nie wieder Krieg!« lautete die Schlagzeile eines frühen nationalsozialistischen Flugblattes[48], in dem dargelegt wurde, dass der Erste Weltkrieg ausschließlich im Interesse des internationalen Börsen- und Bankkapitals geführt worden sei, welches wiederum von den 300 Männern kontrolliert werde, die nach einem angeblichen Diktum Walther Rathenaus »die Geschicke der Erde regieren«[49]. Das Lagerverzeichnis der Münchner Deutschvölkischen Buchhandlung von 1920 zeugt deutlich von der antisemitischen Fixierung. Unter den aufgeführten ca. 160 Titeln gibt es auch Schriften von Bismarck, Hindenburg und Richard Wagner oder solche, die sich mit den Germanen, der Sonnenwende oder dem Hakenkreuz beschäftigen. Aber dominierend sind Titel wie »Die Juden in den Kriegsgesellschaften«, »Der Judenspiegel«, »Das jüdische Geheimgesetz«, »Ahasver am Rhein«, »Judas Schuldbuch«, »Die Rätsel des jüdischen Erfolges«, »Judas der Weltfeind« oder »Das Gesetz des Nomadentums und die heutige Judenherrschaft«.[50]Besonders populär waren »Die Geheimnisse der Weisen von Zion«, die gleich in drei verschiedenen Ausgaben angeboten wurden[51]. Die Projektion der militärischen Niederlage im Ersten Weltkrieg auf die jüdische Minderheit führte zu einer explosiven Stimmungslage, die durch das Erlebnis der Räterepublik, die auch ihre Protagonisten gerne in einen Zusammenhang mit Vorgängen in Russland und Ungarn stellte, noch entschieden verschärft wurde. Als Rädelsführer der Republik identifizierte man, ähnlich wie bei der russischen Revolution, jüdische Intellektuelle, und für ihren kurzzeitigen Erfolg machte man landfremde, vorzugsweise osteuropäische Elemente verantwortlich, die bolschewistisches Gedankengut importiert hatten[52]. Die Erregung nahm solche Ausmaße an, dass im Sommer 1919 die Vertreter des »Pogromantisemitismus« im Lager der Judenfeinde die Oberhand gewannen.[53] In Bayern gab es eine regelrechte Kampagne gegen angeblich im Windschatten des Krieges zugezogene Ostjuden, und in der Nähe von Ingolstadt wurde ein Internierungslager für abzuschiebende Personen eingerichtet.[54] De facto kam es nur zu relativ wenigen Landesverweisungen, aber die ganze Aktion trug dazu bei, das Klima weiter zu vergiften.

»Nehmt Juden in Schutzhaft, dann herrscht Ruhe im Land«, rief 1920 ein Inserat des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes im Völkischen Beobachter.[55] In planmäßiger Verkehrung der Realität wurde die kleine jüdische Minderheit, seit jeher Objekt der Entrechtung, Benachteiligung und Verfolgung, zu einer alles bedrohenden, von außen gesteuerten Übermacht dämonisiert. Das schon einmal zitierte Inserat ist ein gutes Beispiel dafür. Dort heißt es weiter:

»Juden hetzen zum Spartakismus.

Juden wiegeln das Volk auf.

Juden verhindern, daß Deutsche sich verständigen.

Juden drängen sich überall an die Spitze.

Juden wuchern mit Lebensmitteln.

Juden verschieben Heereswäsche nach Polen. Darum: Fort mit den

jüdischen Machern und Unruhestiftern!«

Es folgt dann die notorische Parole »Deutschland den Deutschen!«.[56] In München sah man massenhaft Klebezettel, auf denen die Entfernung der Juden aus allen öffentlichen Einrichtungen gefordert wurde: »Es ist nirgends dort mehr Platz für fremdrassige Spione und Verräter, Volksbetrüger und Großwucherer, für die Schänder und Meuchler unseres Vaterlandes.«[57]Am 13. Oktober 1919 vermeldete die Nachrichtenabteilung der Münchner Polizei:

»Wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, sollen Ende Oktober des Jahres in München Judenpogrome stattfinden, ähnlich wie in Wien und Russland. Judenfamilien, welche in der Sache informiert sind, haben München bereits verlassen.«[58]

Während er andernorts schon bald wieder in den Hintergrund trat[59], blieb der Pogromantisemitismus in Bayern und vor allem in München tonange-bend.[60] Das Bayerische Innenministerium sah sich schließlich angesichts der anhaltenden antisemitischen Propaganda, die »einer friedlichen Entwicklung nicht zuträglich« war, zu einem Rundschreiben an die Polizeibehörden veranlasst, in dem zu einer Überwachung und gegebenenfalls Verbot der Aktivitäten aufgerufen wurde. Bei bedenklichen Äußerungen sei Strafanzeige zu erstatten. Kirche, Schule und »die besonnene Presse« sollten aufklären, das Kultusministerium wurde um Mithilfe ersucht.[61] Dieses Rundschreiben des an sich wohlmeinenden Innenministers hatte natürlich keine durchschlagende Wirkung, da die Antisemiten ja vielfach in den Polizeibehörden saßen[62]. Im März 1923 sprach schließlich eine Abordnung des Verbandes der Bayerischen Israelitischen Kultusgemeinden beim Ministerpräsidenten vor, um über die sich häufenden Terrorakte und den mangelnden Rechtsschutz Klage zu führen.[63] Der Ministerpräsident, Eugen Ritter von Knilling (BVP), nahm die Ausführungen der Delegation »mit Interesse und Wohlwollen« entgegen[64]. Davon, dass er energische Maßnahmen zur Abwehr des um sich greifenden, gewalttätigen Antisemitismus initiiert hätte, ist nichts bekannt geworden.

Stattdessen wurde München immer mehr zum Sammelplatz für Repräsentanten der untergegangenen Preußenmonarchie, die die neu erstandene Demokratie ablehnten. Das Spektrum reichte von Großadmiral Tirpitz bis zu General Ludendorff, der München zur Zentrale seiner Agitation gegen die »überstaatlichen Mächte« machte.

Die Anfänge der NSDAP

»Politisches Erwachen« ist ein frühes Flugblatt der NSDAP überschrieben. Es beginnt mit dem Satz: »Liebe Kollegen, es ist ein Arbeitsgenosse, der zu Euch redet – einer, der heute noch am Schraubstock steht.« Und es endet mit der Feststellung: »Der Bolschewismus ist jüdischer Betrug!«[65] Unterzeichner war der Werkzeugschlosser Anton Drexler (1884 bis 1942).[66] Drexler war zunächst der Deutschen Vaterlandspartei beigetreten, die sich aus Opposition gegen die Friedensresolution des Reichstags vom Juli 1917 gebildet hatte, gründete dann am 7. März 1918 zusammen mit 27 Arbeitskollegen einen »Freien Arbeiterausschuss für einen guten Frieden«, um »den Siegeswillen der Bayern, besonders der Arbeiterschaft zu stärken«[67], und schließlich am 5. Januar 1919 die Deutsche Arbeiterpartei (DAP). Drexlers Erinnerungsbuch »Mein politisches Erwachen« trägt den Untertitel »Aus dem Tagebuch eines deutschen sozialistischen Arbeiters«; es ist in gewisser Weise die erste nationalsozialistische Programmschrift. Drexler versuchte, durch die Schilderung seines Werdeganges die Arbeiterschaft für seine Ziele zu gewinnen. Immer wieder stellte sich ihm die Frage, »ob ich meine sozialistische Denkungsart wirklich ganz der Sozialdemokratie angliedern müsste. Und nur unter schweren inneren Kämpfen bin ich meinem National-Sozialismus treu geblieben…«[68] Wie der sudetendeutsche Politiker Rudolf Jung, dessen Schrift »Der nationale Sozialismus« auch 1919 erschien, propagierte Drexler einen NationalSozialismus, das heißt eine nationalistische Volksgemeinschaft, die den »bewußten Mißbrauch[es] des Sozialismus durch volksfremde Führer (zur Erreichung jüdischer Weltherrschaftsziele)«[69] bekämpfen wollte. Sowohl Jungs als auch Drexlers Schrift erschienen im Deutschen Volksverlag Dr. E. Boepple in München, den Julius Lehmann ins Leben gerufen hatte. Ernst Bo-epple war damals schon Mitglied der DAP, gehörte dem Vorstand der Münchner Sektion des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes an und machte noch 1933 Karriere im bayerischen Kultusministerium.[70] Bei Boepple erschienen auch Rosenbergs zahlreiche frühe Schriften und 1924 dann der von ihm herausgegebene Weltkampf.

Am 2. Oktober 1918 hielt Drexlers Freier Arbeiterausschuss seine erste öffentliche Versammlung ab. Unter den Teilnehmern war der Sportjournalist Karl Harrer (1890 bis 1926). Harrer war Mitglied der Thule-Gesellschaft und, im Gegensatz zu Drexler, ein Mann, der Verbindungen hatte.[71] Als sie bald darauf den Entschluss fassten, eine Partei zu gründen, wurde Harrer erster Vorsitzender und aus dem von Drexler vorgeschlagenen Namen »Deutsche Sozialistische Arbeiterpartei« wurde auf Harrers Einwand hin der Bestandteil »sozialistisch« gestrichen.[72] Drexler wurde Vorsitzender der ersten und einzigen Ortsgruppe in München.

In jener Zeit befand sich auch der Österreicher Adolf Hitler wieder in München, der 1913 auf der Flucht vor dem Militärdienst hierher gekommen war, 1914 dann in die deutsche Armee eingetreten war und vier Jahre lang am Krieg teilgenommen hatte. Zunächst wurde er als Spitzel gegen revolutionäre Soldaten eingesetzt. Im Sommer 1919 erhielt er eine Ausbildung als V-Mann.[73]Hitlers Führungsoffizier war Hauptmann Karl Mayr, der Leiter der Nachrichten- und Aufklärungsabteilung des Münchner Gruppenkommandos der Reichswehr. Am 12. September 1919 erteilte Mayr Hitler den Auftrag, eine Versammlung der DAP zu observieren, die im Sterneckerbräu stattfand. Vier Tage später besuchte Hitler erneut eine Versammlung und schloss sich der DAP an, die damals noch keine 100 Mitglieder hatte. Er trat als siebtes Mitglied in den Arbeitsausschuss ein und war dort für Propaganda zuständig. Für die nächste Versammlung, die am 16. Oktober im Hofbräukeller stattfand, annoncierte Hitler im Völkischen Beobachter, und tatsächlich kamen 111 Zuhörer[74]. Hauptredner war Erich Kühn, Redakteur der bei Lehmann erscheinenden Zeitschrift Deutschlands Erneuerung. Auch Adolf Hitler ergriff an jenem Abend das Wort, sprach wesentlich länger als vorgesehen und emotionalisierte durch seine Art des Vortrags das Publikum nachhaltig, wie er später in »Mein Kampf« befriedigt konstatierte[75]. Es war dies sein erster Auftritt in der Öffentlichkeit.

Hitlers Strategie eines offensiven öffentlichen Auftretens war erfolgreich gewesen, und er setzte durch, dass nun öfter solche Versammlungen angesetzt wurden. Im Gasthaus »Zum Deutschen Reich« in der Dachauer Straße hat er mehrere Reden gehalten.[76] Dort hat ihn auch Alfred Rosenberg gehört, wobei er – irrtümlich oder zur Überhöhung der eigenen Biographie – meinte, es sei Hitlers erstes öffentliches Auftreten gewesen. In seiner Aufzeichnung »Meine erste Begegnung mit dem Führer« schreibt er:

»Hier sah ich nun einen deutschen Frontsoldaten in ebenso klarer wie überzeugender Weise diesen Kampf beginnen, allein auf sich gestellt, nur mit dem Mute des freien Menschen. Das war es, was mich schon nach den ersten 15 Minuten zu Adolf Hitler hinzog, wie er mir neben dem Erlebnis der Persönlichkeit Dietrich Eckerts [sic!] das wertvollste Ereignis dieser Zeit bildete.«[77]

Rosenberg fasste sofort den »festen Entschluss«, »mit ihm zu kämpfen«, und resümiert am Ende:

»So verknüpft sich für mich die persönliche Verehrung für den Führer seit den Herbsttagen 1919 mit der Erkenntnis seiner Sendung für die deutsche Nation schon von dieser Zeit an.«[78]

In den Aufzeichnungen, die Rosenberg nach Kriegsende in der Nürnberger Gefängniszelle anfertigte, liest sich das alles sehr viel nüchterner. Von einigen kleinen Versammlungen, bei denen Hitler gesprochen hatte, war nun die Rede, von einem Vortrag, den Rosenberg gehört hatte. »In voller Freude«[79] habe er zugestimmt, aber von unwiderstehlicher Anziehung war nichts mehr zu lesen. Auch die Chronologie ist nun verändert:

»Ich lernte Hitler bei Dietrich Eckart kennen. Ich müßte lügen, wollte ich behaupten, ich sei von ihm überwältigt worden, gleichsam bedingungsloser Anhänger, wie das so viele erklärten, als ihm schon Leistung und Name vorausging.«[80]

Diese späte, zweifellos in apologetischer Absicht verfasste Darstellung, hat dann Eingang in die Literatur gefunden.

Unstreitig ist, dass Alfred Rosenberg und Dietrich Eckart Gäste der Thule- Gesellschaft waren.[81] Die alldeutsch und antisemitisch orientierte »Thule-Gesellschaft, Orden für Deutsche Art« war am 17./18. August 1918 unter der Leitung von Rudolf von Sebottendorff gegründet worden. Sebottendorff hieß ursprünglich Rudolf Glauer, war der Sohn eines schlesischen Lokomotivführers, wurde 1911 türkischer Staatsbürger und war in der Türkei von einem österreichischen Baron adoptiert worden.[82] Die Thule-Gesellschaft war ein Ableger des 1912 entstandenen Germanenordens, der »bewußt als Geheimbund dem jüdischen Geheimbunde entgegentreten sollte«[83]. Der Germanenorden verlangte von seinen Mitgliedern einen »Ariernachweis« über drei Generationen hinweg, legte besonderen Wert auf Rassenkunde, berief sich auf die Prinzipien der Alldeutschen und wollte gegen Undeutsches, Internationalismus und Judentum kämpfen.[84] Die Thule-Gesellschaft tagte im vornehmen Hotel Vier Jahreszeiten, dessen Inhaber, die Familie Walterspiel, zu ihren wichtigsten Gönnern gehörten. Zeichen der Gesellschaft war das blanke Schwert, um dessen Knauf sich ein rundes Hakenkreuz, das »siegende Sonnenrad«[85]drehte. Die Mitglieder der Gesellschaft erhielten zwei Periodika, dieRunen. Zeitschrift für germanische Geistesoffenbarungen und Wissenschaften und denMünchener Beobachter und Sportblatt, den 1920 dann die NSDAP übernahm und in Völkischer Beobachter umbenannte[86]. Die Thule-Gesellschaft hatte in ihrer besten Zeit über 200 Mitglieder. Sie versammelte vor allem das arrivierte Bürgertum, wollte aber auch die Arbeiterschaft erreichen und in ihrem Sinne beeinflussen. Harrer und Drexler riefen deshalb kurz nach der Gründung der DAP in den Räumen der Thule-Gesellschaft den »Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterverein« ins Leben[87], der aber keine große Wirkung erzielte[88]. Tatsächlich hatte die Thule-Gesellschaft ihren Zenit bald überschritten. In der gegenrevolutionären Bewegung hatte sie eine gewisse Rolle gespielt. Das Tagebuch von Johannes Hering, einem späteren Vorsitzenden, vermerkt unter dem 24. Oktober 1918: »Gemeinsamer Abend mit den Alldeutschen, Verlagsbuchhändler Lehmann fordert Staatsstreich…«[89] Es wurde ein »Kampfbund Thule« gegründet und mit Waffen aus Heeresbeständen ausgestattet, die man im Verlagsgebäude deponierte.[90] Doch der Staatsstreich blieb aus, und die Münchner hatten von der Thule-Gesellschaft vor allem deshalb gehört, weil acht ihrer Mitglieder von den Räterepublikanern als »Geiseln« erschossen wurden[91]. Nach der Niederschlagung der Räterepublik verlor die Thule-Gesellschaft rasch an Bedeutung.

Man hatte sich die Erforschung alles Germanischen zum Ziel gesetzt, wobei vor allem Sebottendorff gerne ins Okkulte abglitt, und bald reduzierte sich die Gesellschaft auf einen Traditionsverein von schließlich weniger als 20 Mitgliedern, der noch jährlich zu Gedenksitzungen zusammentraf.[92] Zu den frühen Thule-Anhängern zählten einige später prominente Nationalsozialisten, wie zum Beispiel Rudolf Heß und Hans Frank, der hier seinen okkulten Neigungen frönen konnte. Insgesamt aber darf man ihre Bedeutung für die Entwicklung der NSDAP nicht zu hoch ansetzen.

Ungleich bedeutsamer als die Thule-Gesellschaft war der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund. Als er am 7. Januar 1920 in den Münchner Kindl- Keller rief, kamen laut Polizeibericht 6000 bis 7000 Menschen.[93] Thema des Abends war – wie könnte es anders sein – »Die Judenfrage«. Der Referent entwickelte die bekannten Klischees vom Abwehrkampf (»Zur Zeit haben wir Christenverfolgung.«), vom ungeheuren jüdischen Einfluss (»Bei den höheren Beamten sind 84 Prozent Juden…«), von der Drückebergerei im Krieg (»Auf einen gefallenen Juden treffen über 3000 Deutsche.«), von grundlegenden geistigen Unterschieden (»Was für uns Deutsche die Ehre ist, ist für den Juden das Geld.«), von Christus, dem Antisemiten, von der großen Gefahr, die von den Warenhäusern ausgehe und so weiter. Der Redner schloss mit einem Appell:

»Los von dieser Stinkbande, wir wollen wieder ehrlich sein, wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern (lebhaftes Bravo). Wir müssen wieder mehr Volksbewusstsein haben. Gott schütze unser Vaterland vor allem Fremden (stürmischer langanhaltender Beifall).«[94]

In der Diskussion meldete sich dann auch Adolf Hitler zu Wort:

»Der grösste Schuft ist nicht der Jude, sondern der, der sich den Juden zur Verfügung stellt (Beifall). Wir bekämpfen den Juden, weil er den Kampf gegen den Kapitalismus verhindert. Wir haben unsere bittere Not zum grössten Teil selbst verschuldet. Jetzt, wo die ganze Welt gegen uns ist, bekämpfen wir uns auch noch im Innern. Wer hat denn Interesse daran, dass wir uns bekämpfen. Wir wissen es schon.«[95]

Hier haben wir bereits das nationalsozialistische Programm in nuce vor uns: Schluss mit dem Parteiengezänk, eine nationale Diktatur auf völkisch-rassistischer Grundlage und mit sozialistischer Fassade. Wenige Wochen später, am 24. Februar 1920, verkündete Hitler im Festsaal des Hofbräuhauses vor immerhin 2000 Menschen die 25 Programmpunkte seiner Partei.[96] Die nationalistischen und die sozialistischen Forderungen hielten sich dabei ziemlich die Waage. War auf der einen Seite die Rede von dem Zusammenschluss aller Deutschen, einem völkischen Staatsbürgerrecht, der Schaffung einer deutschen Presse, der Ablösung des römischen Rechts, der Verhinderung der Einwanderung Nichtdeutscher, hieß es auf der anderen Seite: Brechung der Zinsknechtschaft, Verstaatlichung der Trusts, Ausbau der Altersversorgung, Hebung der Volksgesundheit, Bodenreform. Es war dies ein sehr etatistischer Sozialismus, eine rigoros organisierte Volksgemeinschaft, aus der alles ausgeschlossen wurde, was nicht nützlich war, vom »raffenden Kapital« über die geistesschwachen »Ballastexistenzen« bis hin zu all denjenigen, die als »fremdvölkisch« definiert wurden. Ein starker Staat sollte dieses Programm in die Tat umsetzen, weswegen es im letzten Punkt heißt: »Zur Durchführung alles dessen fordern wir die Schaffung einer starken Zentralgewalt des Reiches.«[97] Das Programm der Partei, die sich dann wenige Tage später in NSDAP umbenannte, war im Wesentlichen ein Konglomerat bekannter Postulate des völkisch-antisemitischen Spektrums, geschickt vermischt mit Kampfparolen der Arbeiterbewegung. Zentral war Punkt 4 des Programms:

»Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.«[98]

Schon in seinem ersten politischen Dokument, dem Brief an seinen Führungsoffizier vom 16. September 1919, hatte Hitler die Auffassung vertreten, »letztes Ziel aber muß unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein«[99]. Dieser eliminatorische Antisemitismus war von Anfang bis Ende die Leitlinie seines Handelns. Noch im Angesicht des Todes war er überzeugt davon, man werde ihm ewig dankbar sein, »daß ich die Juden aus Deutschland und Mitteleuropa ausgerottet habe«[100]. Eine Überzeugung, in der er sich durchaus mit seinem frühen Mitstreiter Rosenberg traf, der 1946 in der Todeszelle über den Nationalsozialismus schrieb: »Er war eine echte soziale Weltanschauung und ein Ideal blutbedingter kultureller Sauberkeit.«[101] Doch bis dahin war noch ein weiter Weg.

Am 13. August 1920, vier Monate nach der Verabschiedung des Parteiprogramms, hielt Adolf Hitler, wiederum im Festsaal des Hofbräuhauses, vor über 2000 Zuhörern eine programmatische Rede: »Warum sind wir Antisemiten?«[102] Diese Rede ist vollständig erhalten, sie ist ein bedeutsames Dokument für Hitlers Weltanschauung. Es finden sich hier viele der bekannten Gedankengänge wieder, die er sich da und dort zusammengelesen hatte, bei Lanz von Liebenfels, Chamberlain und vielen anderen, von den Ariern als einzigen Kulturschöpfern, den Juden als Element der Dekomposition, dem Gegensatz von schaffendem und raffendem Kapital, der jüdischen Beherrschung der Presse und so weiter. In Bezug auf das »Parasitenvolk« der Juden plädiert er dafür, dass sich »ein Volk so gesund erhält, dass es entschlossen ist, nationale Volksverbrecher, d.h. Schädlinge an der Volksgemeinschaft, nicht unter sich zu dulden, sondern unter Umständen mit dem Tode zu bestrafen«, was mit lebhaftem Beifall quittiert wurde.[103] Insgesamt bietet die sehr lange Rede das mehr oder weniger übliche Gemisch aus landläufigem Antisemitismus, illusionärer Erklärung der Kriegsniederlage, Verschwörungstheorie, pseudowissenschaftlichem Rassismus und nationalistischem Pathos. Entscheidend war nicht so sehr, was gesagt wurde, sondern wie es vorgetragen wurde:

»Nicht große Gedanken haben in dieser politischen Atmosphäre auf die Menschen gewirkt, sondern Hitlers fast unmenschliche Gabe, ›Historisches‹, Aktuelles, kurze Hinweise auf die Tagespolitik und die Tagesereignisse zusammenzukneten im Zeichen des Ressentiments und des Hasses – aber auch im Zeichen der Hoffnung – bis alles auf den einzigen Punkt konzentriert ist: Die NSDAP befreit euch von der Judenherrschaft!«[104]

Als Inkarnation der Judenherrschaft galt das jüdisch-bolschewistische Sowjetrussland, »die Weltgefahr…, die aus dem Osten heraufgezogen ist«[105]. Prophet dieser Gefahr war Alfred Rosenberg, der die russische Revolution in Moskau selbst miterlebt hatte.

Hitler hatte seine Grundsatzrede mit dem Bekenntnis geschlossen, er sei ein deutscher nationaler Sozialist. Ein Sozialismus im Sinne Spenglers war das[106], der Macht für den Staat wollte, einen Staat, der die gesamte »Volksgemeinschaft « umschloss, aber zugleich rücksichtslos all jene ausschloss, die dieser rassistisch definierten Volksgemeinschaft nicht angehörten – Sozialismus als Wille zur Macht. Der nationale Sozialismus propagierte einen dritten Weg zwischen den Völkischen einerseits, denen das Soziale fehlte, und dem Sozialismus der Arbeiterbewegung andererseits, dem das Nationale fehlte. Die völkische Bewegung, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts stetig an Wirkungsmacht gewonnen hatte, repräsentierte einen »integralen Nationalismus «[107], der pangermanische, imperialistische und sozialdarwinistische Elemente vereinigte und – je länger, desto mehr – zunehmend rassenantisemitisch aufgeladen war. Es war dies der ideologische Unterbau eines deutschen Nationalismus, der nach 1871 immer mehr den Charakter einer Säkularreligion annahm[108]. Hatte bei dem Kampf gegen die »überstaatlichen Mächte« ursprünglich die Auseinandersetzung mit den Ultramontanen, der »Kulturkampf «, und dem Liberalismus[109] im Zentrum gestanden, so wurden dann immer mehr die jüdischen Minderheiten und die Arbeiterbewegung zu den zentralen Gestalten des nationalistischen Feindbildes. Die schwarze und die graue wurden von der goldenen und der roten Internationale verdrängt.

In dem Maße, wie Juden, dank der Emanzipation, zu Teilhabern der kapitalistischen Evolution wurden, nahm auch die Konkurrenzangst ihnen gegenüber zu, und sie wurden immer weniger als religiöse, denn als ethnische Minorität gesehen, »der man kollektive Absichten zutraute«[110], fremd dem teutonischen Kollektivkörper, Schmarotzer am deutschen »Wirtsvolk«. Die Juden, die deutschen zumal, wurden zu Feinden des deutschen Volkes, waren, wie Treitschke es scheinbar zitierend formulierte, »unser Unglück«[111] und mit ihnen die Gesinnungsjuden, die »künstlichen Juden« (Ludendorff). Gegen diesen Feind zog die völkische Bewegung zu Felde, wollte dem deutschen Namen wieder zu Ansehen in der Welt verhelfen, machte sich aber kaum Gedanken über den inneren sozialen Ausgleich, vertraute vielmehr auf die Repressionspolitik Bismarckscher Prägung, die letztlich nur zum Erstarken der Arbeiterbewegung beitrug. Die Arbeiterbewegung, vor allem auch die darwinistisch geprägte deutsche, transportierte viele Ideologeme, die auch in verschiedenen Strömungen des frühen Nationalsozialismus virulent waren, beispielsweise

  • Vereinigung der Arbeiter der Stirn und der Faust
  • schaffendes gegen raffendes Kapital
  • Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.[112]

Insbesondere der linke Flügel der NSDAP versuchte, über den Appell an antikapitalistische Sehnsüchte Wählerstimmen zu gewinnen.

Entscheidendes Defizit der Arbeiterbewegung aus der Sicht der Nationalsozialisten war ihr mangelnder Nationalismus. Die Klassenkampflehre von Karl Marx stand dem »Gedanken der Einheit des blutsmäßig verbundenen Volkes« entgegen[113], das jüdisch-bolschewistische Sowjetsystem trachtete, eine »internationale, antivölkische, antirassische Weltfront« zu errichten, die einen »allweltliche(n) Völkerbrei« im Sinn hatte[114]. Der sozialistische Internationalismus wurde zum Katalysator jüdischen Weltherrschaftsstrebens.

Hiergegen zog Adolf Hitler zu Felde. In seiner schon zitierten Grundsatzrede rief er:

»Es kommt die Zeit, in der es selbstverständlich sein wird, daß Sozialismus nur durchzuführen ist in Begleitung des Nationalen und des Antisemitismus.«[115]

Hitler war dabei kein Freund des Radau-Antisemitismus, er wusste um die Kurzatmigkeit von Pogromstimmungen. Hitler plädierte von Anfang an für einen rationalisierten, in seinen Konsequenzen umso brutaleren Antisemitismus. In jenem Brief vom 16. September 1919, in dem »unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt«[116] gefordert wird, schrieb er zu Beginn:

»Der Antisemitismus als politische Bewegung darf nicht und kann nicht bestimmt werden durch Momente des Gefühls, sondern durch die Erkenntnis von Tatsachen.«[117]

War der Antisemitismus einst der Sozialismus der dummen Kerls gewesen, so ein bekanntes Diktum August Bebels, so handelte es sich nun um einen pseudowissenschaftlich überhöhten Rassenantisemitismus, der der Sozialismus eines gewissermaßen eliminatorischen Nationalismus geworden war. Dieser »Vernunftantisemitismus«[118] war ungleich gefährlicher als alle antisemitischen Bewegungen vor ihm, wie sich nur allzu bald herausstellen sollte.

Im Jahr 1920 kümmerte sich Hitler vorrangig um den weiteren Aufbau der noch sehr kleinen Partei. Sie hatte nun ein Grundsatzprogramm, aber es gab zunächst nicht viele Menschen, die es überhaupt kannten. Von Februar 1920 bis Jahresende veranstaltete die Partei nicht weniger als 46 öffentliche Versammlungen in München. Hitler selbst sprach mehr als fünfzigmal in- und außerhalb Münchens. Sein Erfolgsrezept bestand in einer pausenlosen Propagandajagd, die dem politischen Gegner keine Zeit zum Nachdenken ließ. Hitlers demagogische Begabung übertraf die aller anderen Redner jener Zeit. Seine Fähigkeit, Massenversammlungen auf seine Parolen einzuschwören, trug bei zu dem bald sich entwickelnden Führerkult. Seine Hetzreden bedienten sich eingängiger Formeln und boten immer eindeutige Schuldzuweisungen an: die »Novemberverbrecher«, das »Weltjudentum« und so weiter. Hitler traf damit das verbreitete Bedürfnis, die Verantwortung für die gegenwärtige Misere bei anderen zu suchen. Diese Massenagitation führte der Partei viele Mitglieder zu. Hatte zunächst für die Versammlungen ein Hinterzimmer ausgereicht, so betrug die Mitgliederzahl Ende 1920 schon 2000 und drei Jahre später sogar über 50 000.

Am 18. April 1920 war die erste Ortsgruppe der NSDAP außerhalb Münchens gegründet worden, in Rosenheim. Zwischen dem 2. Mai und dem 31. August sprach Hitler nicht weniger als sechsmal in Rosenheim; im September hatte die Ortsgruppe bereits 220 Mitglieder.[119] Bald wurde auch ein SASturm aufgebaut, der in den folgenden Jahren häufig zu Saalschlachten nach München abgeordnet wurde. Nur fünf Tage nach seinem ersten Rosenheimer Auftritt sprach Hitler auf Einladung des »Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes« in Stuttgart, wo alsbald ebenfalls eine Ortsgruppe ins Leben gerufen wurde.[120] Noch im selben Jahr gründete Hermann Esser die Ortsgruppe Kolbermoor. Eine gewaltige Saalschlacht, die die Nazis im Dezember 1922 in Göppingen inszenierten, gab den Anstoß für die Gründung der Ortsgruppe Tübingen.[121]Der Geschäftsführer des Nationalverbandes deutscher Offiziere, Dietrich von Jagow, der von der Brigade Ehrhardt kam, führte der württembergischen NSDAP einen großen Teil des rechtsradikalen Lagers zu.[122] Er baute auch die SA auf, die sich nach ihrem Verbot im April 1923 in Tübingen »Wanderverein Schönbuch« nannte.

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine unübersehbare Fülle rechtsradikaler Parteien und Zirkel. Eine besondere Bedeutung hatte die völkisch orientierte Deutschsozialistische Partei (DSP) Alfred Brunners, die aus der Thule-Gesellschaft hervorging.[123] Ganz im Gegensatz zu Drexlers DAP hatte die DSP von Anfang an den Ehrgeiz, in ganz Deutschland aufzutreten. Zum ersten Parteitag 1920 kamen Vertreter aus Bielefeld, Duisburg, Kiel, Leipzig und Wanne-Eickel. Am wichtigsten aber waren die Ortsgruppen München und Nürnberg. Die Letztere wurde von Julius Streicher geführt, der auch die WochenschriftDeutscher Sozialist[124] herausgab. Streicher hatte schon einen längeren Weg hinter sich, der bei den Demokraten begonnen hatte.[125] Im Oktober 1922 lief Streicher zu Hitler über und gründete am 20. Oktober mit seinen Anhängern die Nürnberger Ortsgruppe der NSDAP. Dies bedeutete eine nachhaltige Stärkung für Hitlers Linie, die ganz auf die Alleinstellung der NSDAP setzte. Streicher hatte sich damit für immer Hitlers Dankbarkeit erworben, der selbst dann noch seine schützende Hand über ihn hielt, als ein Parteigericht ihn für ungeeignet erklärte, NS-Führer zu sein. Im April 1923 erschien die erste Nummer des Stürmer, eines selbst für nationalsozialistische Verhältnisse ungewöhnlich primitiven und ekelhaften Hetzblattes, das aber zu dem sadistischen Sexualpathologen Streicher passte. Da der Stürmer ihm persönlich gehörte, machte er Streicher im Laufe der Jahre zum vielfachen Millionär.[126]

Hitler selbst reiste damals unermüdlich, um Anhänger für seine Ideen zu gewinnen. Bis zum 8. November 1923 hielt er 188 Reden bei Parteiversammlungen, davon 132 in München, 41 in Bayern, elf in Österreich, drei in Stuttgart und eine in Elberfeld.[127] Die Orte außerhalb Münchens, die er am häufigsten aufsuchte, waren Rosenheim, Landshut, Nürnberg und Wien. Im norddeutschen Raum war die NSDAP kaum präsent und auf Wahlbündnisse angewiesen, zum Beispiel mit der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung.[128]

Probleme bereitete Hitlers Alleinvertretungsanspruch nicht nur die Deutschsozialistische Partei (DSP), sondern auch die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei in Böhmen, die bereits 1904 unter dem Namen Deutsche Arbeiterpartei aufgetreten war und auf eine ungleich längere Tradition als seine eigene Gruppierung zurückschauen konnte. Bei der zwischenstaatlichen Tagung der Nationalsozialisten am 7. August 1920 in Salzburg begann Hitler dann auch mit der Feststellung, er schäme sich, dass seine eigene Bewegung noch so jung sei.[129] Der Tagung unmittelbar vorausgegangen war ein Parteitag der DSP in Leipzig, auf dem die, von Hitler nicht gewollte Vereinigung mit der NSDAP, ein Hauptthema gewesen war.[130]In Salzburg schloss man einen Kompromiss. Die DSP verzichtete auf eine Betätigung in Bayern, Württemberg und Baden, die NSDAP beschränkte sich im Gegenzug auf diese Gebiete.[131] Beide Parteien wurden Teil einer übernationalen Gesamtpartei, deren Existenz sich aber lediglich in einer »zwischenstaatlichen Kanzlei« mit Sitz in Wien materialisierte.[132] Diese Kanzlei sollte eine reichsdeutsche, eine österreichische, eine sudetenländische und eine polnische Gruppe koordinieren. Entscheidend für Hitler war zunächst, dass es ihm gelang, sich als Vertreter der ersteren gegenüber Drexler in den Vordergrund zu spielen. Die Vereinigung der NSDAP mit der DSP, die der Salzburger Tagung eigentlich folgen sollte, scheiterte an der Intransigenz Hitlers, der geschickt auf Zeit spielte.[133] Man wollte keine Koalition mit den Völkischen, man wollte kein Bündnis, das Hitlers Rolle schmälern konnte, und man wollte auch keinen Internationalismus. Als im März 1921 eine Tagung deutscher, österreichischer und ungarischer Antisemiten in Wien stattfand, stellte Alfred Rosenberg unmissverständlich klar, dass man nichts gegen Gedankenaustausch habe, aber eine »wie immer geartete internationale Organisation« entschieden ablehne[134].

Auch innerparteilich musste Hitler sich mit Opponenten auseinander setzen. Eine revolutionäre (Hitler) und eine legalistische (Drexler) Linie bekämpften sich heftig. Auf dem Höhepunkt des Konflikts trat Hitler aus der NSDAP aus und wurde, nachdem die kopflose Partei seine diktatorischen Bedingungen akzeptiert hatte, am 29. Juli 1921 auf Vorschlag des besiegten Drexler von den 554 zur Versammlung erschienenen Mitgliedern einstimmig zum neuen Vorsitzenden gewählt. Zugleich wurde festgelegt, »daß Sitz der Bewegung München ist und für immer bleibt«[135]. Die neue, eine autoritäre Struktur reflektierende Parteisatzung war ganz auf Hitler zugeschnitten. Diese Satzung war gewissermaßen die Geburtsurkunde der »Führerpartei«.[136] In jener Zeit begann der Kreis um Hitler, neben Rosenberg vor allem Esser, Amann, Eckart und Heß, den Mythos von der schicksalsmäßigen Berufung Hitlers zur Führung der Bewegung zu propagieren, der später im »Führerkult « kulminierte. Hitler wuchs allmählich in die Rolle des Messias militans hinein, der gekommen war, die Deutschen zu erlösen. Er war sich der Bedeutung seiner Mission durchaus bewusst:

»Wir sind zwar klein, aber einst stand auch ein Mann auf in Galiläa, und heute beherrscht seine Lehre die ganze Welt.«[137]

Vorläufig machte die Bewegung vor allem in München von sich reden, was dieser Stadt später den nationalsozialistischen Ehrentitel »Hauptstadt der Bewegung « eintrug. Die Ortsgruppe München hatte gleichzeitig die nationale Parteileitung inne. Begründet wurde dies mit Ersparniserwägungen, de facto diente es dazu, außermünchnerische, vor allem norddeutsche Bestrebungen, die Hitlers Führungsanspruch gefährden konnten, abzuwehren. In München war die Partei in Sektionen organisiert, von denen die Sektion Schwabing die wichtigste Rolle spielte.[138] Schwabing war nicht nur der Hort der Boheme, der Ateliers und wilder Künstlerfeste, hier lebte auch jenes konservative bis antidemokratische Bürgertum, das den Humus für das zarte Pflänzchen der jungen Partei bildete. Die Sektion Schwabing dehnte sich weit nach Norden aus, während die Gebiete westlich der Leopoldstraße zur Sektion Pinakothek gehörten. Hier war auch Alfred Rosenberg Mitglied, der damals in der Barerstraße 86 wohnte. Das Mitgliederverzeichnis der am 20. Oktober 1921 gegründeten Sektion führt Rosenberg als Schriftsteller.[139] Publizist war er ja tatsächlich geworden. Vorsitzender der Sektion Pinakothek war der Lehrer Konrad Munzert, zweites prominentes Mitglied war der Photograph Heinrich Hoffmann. Er repräsentierte mit zwölf anderen die kleine Gruppe der künstlerischen Berufe. Daneben gab es unter den 384 Mitgliedern 45 Schüler und Studenten, 84 Selbstständige, 46 Militärangehörige, Polizisten und sonstige Beamte, 134 Arbeiter, Angestellte und Handwerker und 62 sonstige. Die Basis der Partei war mittelständisch. Das galt nicht nur für die Sektion Pinakothek, sondern für die Gesamtpartei. Erster Vorsitzender war Adolf Hitler, der wie Rosenberg als Schriftsteller figurierte, obwohl er, anders als Rosenberg, damals noch keine Publikationen vorgelegt hatte. Hitlers Stellvertreter war der Geschäftsinhaber Oskar Kröner. Die weiteren Vorstandsmitglieder gaben als Beruf Museumsbeamter, Kaufmann, Haar- und Bartpfleger und Apotheker an.[140]

Auch wenn die NSDAP sich Arbeiterpartei nannte, war sie doch keine. Nicht nur bei den Funktionären, auch bei den Mitgliedern und den Wählern waren die Arbeiter immer unterrepräsentiert, wenn auch mit zunehmendem Erfolg in schwindendem Maße; ihren »Mittelstandsbauch«[141] überwand die Partei zu keiner Zeit. In München waren in den 20er Jahren nur 6,6 Prozent der Mitglieder ungelernte Arbeiter, ebenso viele wie Universitätsstudenten, aber 15,2 Prozent waren Kaufleute und 19 Prozent Angestellte.[142] Es war das durch die revolutionären Ereignisse in seinen Lebensentwürfen zutiefst verunsicherte kleine und mittlere Bürgertum, das der Partei in hellen Scharen zulief. Zugleich war die NSDAP die erste echte Volkspartei, die alle geographischen und sozialen Grenzen bei ihren Versuchen, Wähler für sich zu gewinnen, überwand.[143] Sie appellierte dabei nicht an den Verstand, sondern an den Glauben der Menschen, argumentierte nicht sachlich, sondern antwortete auf die Sehnsüchte der Menschen mit Visionen. Die nationalsozialistische Propaganda hob in extremer Weise auf eine Veränderung der Welt durch eine Veränderung des Bewusstseins ab. Das schuf Raum für Verschwörungstheorien, Welterklärungen, die einen von der Verantwortung für das Bestehende enthoben. War die Welt erst einmal von geheimen Mächten regiert, so gab es für alle Missstände bequeme Erklärungen. Abhilfe konnte nur noch ein Erlöser schaffen. Adolf Hitler betrat in einer Zeit die politische Arena, die für den politischen Messianismus in besonderem Maße prädestiniert war. Diese Situation zu nutzen, verstand er wie kein anderer.

Russische Frage und deutsche Balten

»An sich ist der Glaube an eine deutsch-russische Verständigung phantastisch, solange in Rußland ein Regiment herrscht, das von dem einzigen Streben erfüllt ist, die bolschewistische Vergiftung auf Deutschland zu übertragen.«[144] So schrieb Adolf Hitler 1928 in seinem zu Lebzeiten nie veröffentlichten »zweiten Buch«. Doch so klar war die Sache nicht immer gewesen. Es waren zunächst durchaus nicht nur »jüdische Presseorgane der ausgesprochensten Börseninteressen«[145] gewesen, die für ein Bündnis mit Russland eintraten. Es gab auch starke Kräfte innerhalb der NSDAP, die ähnliche Überlegungen anstellten, weil eben die Frage, wie lange die kommunistische Regierung in Russland sich würde halten können, durchaus unterschiedlich beantwortet wurde. In den ersten Jahren nach dem Umsturz erschien es zunächst durchaus nicht abwegig, auf eine monarchistisch orientierte Konterrevolution zu setzen.

Höhepunkt der Aktivitäten des monarchistischen Flügels der russischen Emigration, der in München sein Zentrum hatte, war ein Kongress, der vom 28. Mai bis 6. Juni 1921 in Bad Reichenhall abgehalten wurde.[146] Er fand im Hotel Post »hinter ängstlich verschlossenen Türen«[147] statt. Unter den etwa 130 Teilnehmern waren zahlreiche ehemalige Regierungsbeamte und Abgeordnete, Militärs und hochrangige Geistliche, so zum Beispiel der frühere zaristische Polizeiminister Trepow, der General der Weißgardisten Sacharow, die Fürsten Wolkanski und Schiliniski-Schichmatoff, der Metropolit Antonij aus Kiew und viele andere. In seiner Schlusserklärung rief der Kongress alle national denkenden Russen dazu auf, sich im Russischen Monarchistischen Bund zusammenzuschließen.[148] Der Kongress sandte ein Danktelegramm an den bayerischen Ministerpräsidenten von Kahr für seine Unterstützung, während der USPD-Abgeordnete Karl Gareis im Landtag die Anfrage einbrachte, wieso die Landesregierung »in Widerspruch mit der sonstigen Ausländerpolitik mehr als hundert Ausländern, die zum Zwecke einer gemeinsamen Verschwörung nach Bayern kamen, Einreiseerlaubnis gegeben« hatte[149]. Diese Anfrage war wohl berechtigt, nachdem man im Jahr zuvor sogar »Ostjuden« ausgewiesen hatte, die seit vielen Jahren in Bayern ansässig gewesen waren.[150]Der Abgeordnete Gareis konnte die Antwort auf seine Anfrage nicht mehr hören; er wurde am 9. Juni 1921 von dem Fememörder Leutnant Schweighart in München ermordet[151].

Politisch war dem Monarchistenkongress in Bad Reichenhall kein Erfolg beschieden, noch weniger dem Nachfolgetreffen am 25. März 1922 in Berlin[152]. Die Monarchisten machten nur eine Fraktion der russischen Emigration aus.[153] Daneben gab es Liberale und Sozialisten; diese Gruppen hatten sehr unterschiedliche Ziele. Zudem waren die Monarchisten untereinander zerstritten. Doch selbst, wenn die verschiedenen Strömungen der Emigranten untereinander einig gewesen wären, wäre es ihnen 1921 wohl kaum mehr möglich gewesen, das Sowjetregime ernsthaft zu gefährden. Das war auch die Ansicht des Auswärtigen Amtes, wo man die russischen Emigranten lediglich als Informanten schätzte, ihnen aber sonst wenig Bedeutung beimaß.[154]

Finanziert hatten die Zusammenkunft in Bad Reichenhall süddeutsche Industrielle und Geschäftsleute unter dem Vorwand, es gehe um die Verbesserung der wirtschaftlichen Investitionsmöglichkeiten im russischen Raum. Ein Kongress, der sich offen zum Ziel der politischen Insurrektion bekannt hätte, wäre womöglich selbst von den bayerischen Behörden nicht genehmigt worden. Verbindungsleute für die Organisation der Geldmittel waren auf der russischen Seite General Biskupsky und auf der deutschen Seite General Ludendorff.[155] Für Letzteren agierte vor allem sein »Chefplaner«[156] Max Erwin von Scheubner-Richter.[157] Er gründete den Aufbau. Wirtschaftspolitische Vereinigung für den Osten.[158] 1921 kam auch ein deutsch-russisches Periodikum Aufbau. Zeitschrift für wirtschaftspolitische Fragen Ost-Europasheraus, das es aber nur auf fünf Nummern brachte.[159] Unterstützt wurden diese Aktivitäten in Süddeutschland von namhaften Firmen, wie zum Beispiel MAN und Mannesmann.[160]

Scheubner-Richter war in der zweiten Hälfte des Jahres 1920 für das Auswärtige Amt in Ungarn, Bulgarien, Serbien, Rumänien und vor allem Südrussland unterwegs gewesen.[161] Er hatte sich als Russe ausgegeben, »die Stimmung aller russischen Kreise« erkundet und die Erkenntnis mitgebracht, dass »alle rechtsgerichteten nationalen Kreise deutsch orientiert« seien, weswegen er mit ihnen eine Zusammenarbeit empfahl.[162] Nach dem Zusammenbruch der Weißgardisten unter Wrangel setzten die Ludendorffianer auf die Formierung einer neuen antibolschewistischen Speerspitze aus einer geeinten russischen Emigration und auf die Schaffung einer finanziell gesicherten Operationsbasis in Süddeutschland. Zugleich suchte der Ludendorff-Kreis die Verbindung zu den Nationalsozialisten. Dabei waren die Schlüsselfiguren die Deutschbalten Scheubner-Richter und Rosenberg.[163] Ludendorff und die Nationalsozialisten waren sich einig darin, dass die bolschewistische Revolution jüdisch geleitet gewesen sei. Scheubner-Richter plädierte für eine »antijüdische Bewegung, die in elementarer Form losbrechen und die Sowjetherrschaft mit einem Schlag beenden werde«[164], eine Formulierung, die auch von Rosenberg hätte stammen können.

Die deutschstämmigen Balten, die traditionell Deutschbalten hießen und in der Nazizeit dann zu Baltendeutschen mutierten, spielten eine besondere Rolle als Mittler zwischen Deutschland und Russland.[165] Ihr ethnischer und kultureller Hintergrund war deutsch, sie bildeten die Oberschicht in den baltischen Staaten, die politisch zu Russland gehörten. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs gerieten sie in eine zweifache Frontstellung, gegen Esten und Letten zum einen und Rotgardisten zum anderen. Die Deutschbalten wurden zum Brückenkopf deutscher Vorstöße im Osten, zugleich zum Bindeglied zwischen deutscher und russischer Reaktion. Die »Baltikumer«, die in ihrer Heimat mit großer Grausamkeit gekämpft hatten[166], wurden im Deutschen Reich zu »Keimzellen der Kampfbünde«[167], jener paramilitärischen Verbände, in denen sich die Angefochtenheit der Weimarer Republik personifizierte. Deutschbalten und das einst ihre privilegierte Stellung sichernde zaristische Russland waren in ihrer stark antisemitisch geprägten Weltsicht einig gewesen. Nun ergab sich durch die neue weltpolitische Konstellation eine neue Perspektive:

»›Der Osten‹ war asiatisch, barbarisch und jüdisch, eine Bedrohung für das alte Europa. Das war die zentrale Botschaft der Balten und der russischen Monarchisten in der Emigration. «[168]

Zum wichtigsten Vertreter dieser Weltsicht wurde Alfred Rosenberg. Aufgrund seiner Herkunft war ihm besonders daran gelegen, die starken Bande zwischen den Balten und der deutschen Kultur zu betonen. In einem Aufsatz über das deutsche Baltentum im Völkischen Beobachterappellierte er an »die Balten daheim«, sich nicht auf die »heutige Katastrophenpolitik der Stresemänner « einzulassen, sondern darauf zu sehen, »daß ein hartes friderizianisches Deutschland heute hinter der schlechten Fassade der Novemberdemokratie erwächst und daß es allein dieses Deutschland sein wird, daß auch dem Deutschtum im Osten seinen berechtigten Platz sichern kann«.[169] Eingeleitet ist Rosenbergs Aufsatz durch eine umfangreiche Übersicht bedeutender Deutschbalten. Noch in der Nürnberger Todeszelle legte Rosenberg eine ähnliche Liste von »Balten, die im Deutschen Reich wirkten«[170] an. Diese Liste hatte wohl auch apologetischen Charakter. Nachdem 1920 alle drei baltischen Staaten mit der Sowjetunion Frieden geschlossen hatten und aus dem russischen Staatsverband ausgeschieden waren, waren von den über 20 000 baltischen Emigranten annähernd die Hälfte wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.[171] Auch Rosenberg hatte geschwankt, ob er zurückkehren solle, war aber dann in München geblieben. Sein Gewissen beruhigte es sicherlich, dass auch in der Vergangenheit viele bedeutende Balten ihr Heil in Deutschland gesucht hatten. Viele dieser aus baltischem Adel stammenden Namen, wie etwa Wrangel, Lambsdorff, Stackelberg, Manteuffel, von der Recke, Harnack, zur Mühlen, Uexküll oder Kügelgen, kennt man noch heute.

Eine wichtige Rolle für das baltische Exil spielte die Rubonia, die nach dem Ersten Weltkrieg in Riga neu gegründet worden war und 1923 auch einen Konvent in München stiftete.[172] München schien der geeignetste Ort dafür zu sein, denn dort gab es eine Technische Hochschule und viele Rubonen hatten, wie auch Rosenberg, technische Fächer studiert. Der zweite Grund war: »Auf München wurden damals noch alle Hoffnungen auf nationale Erneuerung gesetzt«[173], wie Otto von Kursell in seinem Aufsatz Rubonia in München schrieb. Das Wort »noch« spiegelt wohl seine Enttäuschung über den erfolglosen Hitlerputsch. Der Münchner Konvent, Ende November 1923 – unmittelbar nach dem Marsch auf die Feldherrnhalle – gegründet, obwohl dort sein »geistiger Vater«[174] Scheubner-Richter umgekommen war, blieb Teil des Rigaer Mutterkonvents. Zugleich waren alle Rubonen, die ausländische Hochschulen besuchen wollten, aufgefordert, nur in München zu studieren[175].

Die Rubonia ist für die Frühgeschichte des Nationalsozialismus insofern bedeutsam, als die Balten, die damals für die Partei eine Rolle spielten, hier organisiert waren, wie Alfred Rosenberg, Max Erwin von Scheubner-Richter und Otto von Kursell, der allgegenwärtige Illustrator der nationalsozialistischen Pamphletliteratur, dessen heute noch bekannteste Arbeiten die Karikaturen der führenden Männer der Münchner Räterepublik sind. Daneben gab es in der Rubonia auch Männer, die später im Umfeld von Rosenberg tätig waren, wie Herbert Dumpf oder Arno Schickedanz.[176] Für Rosenberg, der früh seine Eltern verloren hatte, war die Rubonia so etwas wie eine zweite Heimat. Dazu trug sicher auch bei, dass sein früherer Lehrer Ernst Thode zu den Münchner Rubonen gehörte.[177] Bis zuletzt nahm Rosenberg an den Stiftungstagen und Philisterversammlungen teil. Federführend für die Rubonia war in den letzten Jahren des Dritten Reiches der Reichshauptstellenleiter Harald Siewert, der immer Zugang zu Rosenberg hatte. Am 15. Dezember 1944 vermerkte das Stichwortprotokoll, eines der letzten, über die Amtsgeschäfte des Ostministers: »Pg. Siewert trug dem Reichsleiter Angelegenheiten personeller und materieller Art der Rubonia vor.«[178]

Neben der Rubonia gab es in der Weimarer Republik noch eine Reihe weiterer baltischer Organisationen wie den Baltischen Vertrauensrat, den Baltischen Frauenbund, das Baltische Rote Kreuz und andere, die sich im November 1923 zur Baltischen Arbeitsgemeinschaft zusammenschlossen.[179] Zugleich fanden die Balten rasch gesellschaftlichen Anschluss in der neuen Umgebung. Die Berliner Baltenbälle gehörten zu den »vornehmsten gesellschaftlichen Ereignisse(n)« der Stadt, wie Berend von Uexküll nicht ohne Stolz berichtet.[180] Er selbst war in München ansässig, denn »München war die Hochburg des nationalen Widerstands«[181]. Uexküll war Leiter des Baltischen Roten Kreuzes in München, für die baltische Vermögensverwaltung zuständig und Mitglied des Münchner Golfklubs. Protektor der von ihm organisierten Benefizveranstaltungen für das Rote Kreuz war Prinz Leopold, dem als ehemaligem Oberbefehlshaber der Nordfront in Russland besondere Beziehungen zum Baltentum nachgesagt wurden.[182]

Eine Organisation besonderer Art war die Baltische Brüderschaft, die 1929 in Berlin gegründet wurde, aber auch in München einen Sitz hatte. Ihr war die schon seit 1920 bestehende Geheimorganisation X vorausgegangen, als deren Hauptgründer die Barone von der Ropp und Bistram galten.[183] Die Baltische Brüderschaft rekrutierte sich vor allem aus den Landwehren und Freikorps[184]; sie war völkisch-antidemokratisch orientiert und deckte ein breites rechtes Spektrum ab, das eine starke Affinität zum Nationalsozialismus aufwies.[185] Der Führende Bruder der Baltischen Brüderschaft war Otto von Kursell, der seit 1923 auch schon als »Wart« die Organisation X geleitet hatte.

Kursell war 1884 in St. Petersburg geboren, hatte wie Rosenberg in Reval die Petri-Realschule besucht, dann in Riga Hochbau und in Dresden Architektur studiert. 1907 war er an die Akademie der Bildenden Künste in München gegangen und hatte bei Habermann und Stuck Malerei studiert. Der Erste Weltkrieg überraschte ihn in der baltischen Heimat, so dass er erst vier Jahre später zur Familie nach München zurückkehren konnte. Kursell gehörte wie Rosenberg und Scheubner-Richter zu den frühesten Mitstreitern von Adolf Hitler. Seine hasserfüllten Karikaturen des bolschewistischen »Untermenschen« fanden weite Verbreitung. In den vielfach apologetischen Darstellungen des Baltentums nach dem Kriege wird behauptet, Kursell habe sich nach dem Verbot der NSDAP als Folge des Hitlerputsches bis 1932 von der Partei fern gehalten, um »für seine baltische Arbeit völlig frei zu sein«[186]. Vor 1945 las sich das etwas anders. Am 9. April 1934 richtete Rudolf Heß ein Gesuch an Reichsschatzmeister Schwarz:

»Ich darf Sie aber nochmals bitten, dem Pg. von Kursell, der im Einvernehmen mit dem Führer später außerhalb der Bewegung arbeitete, eine niedrigere Mitgliedsnummer aus der Zeit nach 1925 zu geben.«[187]

Dem Gesuch wurde entsprochen, und Kursell erhielt statt der Nummer 1 274 040 nun die Mitgliedsnummer 93 mit Datum 1. Mai 1925.[188] Kursell war auch Angehöriger der SS, nach 1938 Mitglied des Großdeutschen Reichstags und SA-Standartenführer; noch am 9. November 1944 wurde er zum Oberführer befördert.[189] Kursell war auch als Publizist tätig. Er gehörte der Redaktion des Völkischen Beobachter an, schrieb regelmäßig für den SA-Führer und war Schriftleiter der Deutschen Kultur-Wacht, des offiziellen Organs des Kampfbundes für deutsche Kultur, dessen Geschäftsführer für Berlin-Brandenburg er ebenfalls war.[190] 1932 war Kursell nach Berlin übersiedelt, machte dort Karriere und wurde schließlich Direktor der Hochschule für bildende Künste. Nach dem Krieg entlassen, klagte er auf Zahlung einer Pension. Das Verwaltungsgericht wies die Klage ab, »da der Kläger auf das allerengste mit dem Nationalsozialismus verbunden gewesen und nicht etwa wegen künstlerischer Leistungen zum Professor und Direktor ernannt worden sei«. Der Berliner Innensenator erklärte, Kursell habe »eine geistige Mitschuld an den Gaskammern von Auschwitz«.[191] Damit gab Kursell sich jedoch nicht zufrieden. Nach seiner Übersiedlung nach München 1954 betrieb er über viele Jahre ein Verfahren gegen das Spruchkammerurteil und erlebte 1965, zwei Jahre vor seinem Tod, noch eine Restitution seiner Beamtenrechte[192].

Kursell machte aber nach 1933 auch eine politische Karriere. Er wurde Referent in der Kunstabteilung des Preußischen Kultusministeriums und wechselte mit Rust ins Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung, wo er Leiter der Kulturabteilung wurde. Dort war er zuständig für die Bekämpfung der »entarteten« Kunst, personalpolitische Säuberungsaktionen und Ähnliches[193]. Daneben wurde im Oktober 1935 das »Büro von Kursell« geschaffen, das im Auftrag von Rudolf Heß für die »volksdeutsche Arbeit« zuständig sein sollte. Kursell sollte bei Gegensätzen zwischen dem Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA) und Parteistellen zugunsten des Ersteren vermitteln, wobei ihm ein Beirat unter Vorsitz von Karl Haushofer, dem »bekannten Geopolitiker und Idealisten in der Volkstumsarbeit «[194], zur Seite stand. Kursell sollte jedoch schon bald zu spüren bekommen, wie wenig er auf die Unterstützung von Heß innerhalb der Partei bauen konnte. Hauptgegenspieler war in diesem Fall Himmler, der vor allem die Volkstumspolitik im Osten unter seine Verantwortung zu bringen bestrebt war. Schon 1937 wurde das »Büro von Kursell« geschlossen. An seine Stelle trat die Volksdeutsche Mittelstelle (Vomi), die der SS unterstand. Auch die Baltische Brüderschaft wurde, obwohl sich Rosenberg für sie eingesetzt hatte[195], nun auf Befehl Himmlers aufgelöst.[196] Himmler war weder für noch gegen die Balten. Ihm ging es um Machtpolitik, um die Stärkung seiner Stellung bei der Lösung der anstehenden Aufgaben. Die Balten waren dabei Objekt, nicht Subjekt der Politik. Auch beim Hitler-Stalin-Pakt gerieten sie in das Räderwerk der großen Politik. Alfred Rosenberg, dem mächtigsten Balten auf deutscher Seite, gelang es in keiner Weise, darauf Einfluss zu nehmen.

In der Frühzeit der NSDAP gab es neben Rosenberg noch einen zweiten Balten, dem erhebliche Bedeutung zukam, der aber heute, bedingt durch seinen Tod beim Hitler-Putsch, fast vergessen ist. Max Erwin Richter, der später durch Adoption von Scheubner-Richter hieß, wurde am 9. Januar 1884 in Riga geboren.[197] Er besuchte, wie Rosenberg und Kursell, die Petri-Realschule in Reval und schloss sich ebenso während seines Studiums in Riga ebenfalls der Rubonia an. Während der Revolution 1904/05 war er im Deutsch-Baltischen Selbstschutz tätig, wurde dabei verletzt, übersiedelte 1910 nach München und meldete sich 1914 freiwillig beim 7. Bayerischen Chevanleger-Regiment und kam an die Westfront, wo er erneut verwundet wurde. Im Sommer 1915 wurde er in die Türkei abkommandiert und bekleidete dort den Posten eines Vizekonsuls in Erzerum. Dort wurde er Zeuge des türkischen Völkermords an den Armeniern, jener »asiatischen Tat«, auf die Ernst Nolte im »Historikerstreit« Bezug nahm.[198] Danach war Scheubner-Richter erst in Straubing, dann in Stockholm stationiert, bevor er schließlich in Riga im Rahmen des deutschen Besatzungsregimes als Leiter der »Pressestelle Oberost VIII« tätig wurde. Kursell gehörte dort zu seinen Mitarbeitern, ebenso Schickedanz und Boehm. Nach dem Einmarsch der russischen Truppen wurde Scheubner verhaftet und zum Tode verurteilt, konnte sich aber unter maßgeblicher Mithilfe seiner Frau befreien und floh nach Deutschland. Im Januar 1919 traf er in Königsberg ein, wo er sich als Obmann des Ostdeutschen Heimatdienstes unter dem Reichskommissar August Winnig im Kampf um die im Versailler Friedensvertrag vorgesehenen Abstimmungen engagierte, und ging anschließend nach München.

In München schloss Scheubner-Richter sich zunächst dem Kreis um Ludendorff an, den er schon aus Kriegszeiten kannte. Im März 1920 war er als Pressechef für Kapp vorgesehen, dessen Putschversuch aber scheiterte. Danach gründete er den Aufbau und wurde dessen Geschäftsführer; Präsident war der Baron Cramer-Klett. Enge Verbindungen hatte er zu russischen Emigrantenkreisen, insbesondere dem Großfürsten Kyrill, der von München aus die Rückeroberung des Zarenthrons plante. Scheubner-Richter war auch maßgeblicher Organisator des Kongresses in Bad Reichenhall. Schließlich sah er sich veranlasst, öffentlich die Behauptung zu dementieren, er sei außenpolitischer Berater der NSDAP und vertrete dabei die Interessen russischer Emigranten.[199] Tatsächlich aber nutzte Scheubner-Richter seine vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Verbindungen wohl vor allem, um der NSDAP, der er sich 1920 angeschlossen hatte, nachdem Rosenberg ihn mit Hitler bekannt gemacht hatte, finanziell zu helfen. Er beschaffte enorme Geldsummen für die Partei.[200] Vieles deutet darauf hin, dass er ihr wichtigster Finanzier in den frühen Jahren war.[201]

Bedeutsam war daneben vor allem der Umstand, dass Scheubner-Richter 1923 die Geschäftsführung des Deutschen Kampfbundes übernahm, der putschistischen Kerntruppe innerhalb der Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände, und auch dessen Aktionsprogramm entwarf.[202] Männer wie Otto Strasser und Ernst Hanfstaengl sahen in Scheubner-Richter den führenden Kopf der Verschwörung[203], und auch heute noch kursiert die Vermutung, er sei der eigentliche Planer des Hitler-Putsches gewesen[204]. Hitlers Erklärung zu den Putschisten, die im Kugelhagel vor der Feldherrnhalle ihr Leben ließen, deutet in eine ähnliche Richtung: »Alle sind ersetzbar, nur einer nicht, das ist Scheubner-Richter!«[205] Mit seinem Tod wurde Alfred Rosenberg zur unbestritten wichtigsten baltischen Stimme in der nationalsozialistischen Bewegung. Max Hildebert Boehm geht so weit, in Scheubner-Richters Ausscheiden die entscheidende Chance des »als Charakter schwächlichen, jüngeren Landsmann (s)«[206] zu sehen, den Hitler nach seiner Verhaftung dann mit seiner Vertretung betraute.

Frühe Schriften

Alfred Rosenberg, der sich bei seinem Eintritt in die NSDAP als Schriftsteller hatte registrieren lassen, entfaltete in den frühen Jahren bis zum Hitler- Putsch eine rege publizistische Tätigkeit. Es erschienen in wenigen Jahren nicht weniger als sieben Schriften, die von einer starken thematischen Fixierung zeugen:

  • Die Spur der Juden im Wandel der Zeiten, 1920
  • Unmoral im Talmud, 1920
  • Das Verbrechen der Freimaurerei, 1921
  • Der staatsfeindliche Zionismus, 1922
  • Wesen, Grundsätze und Ziele der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, 1922
  • Pest in Rußland, 1922
  • Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik, 1923

Alle diese Schriften dokumentieren Rosenbergs geradezu monomanischen Antisemitismus. Dasselbe gilt für seine Aufsätze aus jener Zeit. Der erste Beitrag zu Dietrich Eckarts ZeitschriftAuf gut deutsch hatte die Überschrift »Die russisch-jüdische Revolution«. Insgesamt war Rosenberg zwischen 1919 und 1923 mit 13 namentlich gezeichneten Aufsätzen vertreten, darunter »Christus im Talmud«, »Judenheit und Politik« und »Asiatische Pest«. Zu Dietrich Eckarts Schrift »Die Totengräber Rußlands« von 1921 steuerte Rosenberg ein Vorwort mit dem programmatischen Titel »Der jüdische Bolschewismus« bei. Darin wird, wie später immer wieder, der mäßig originelle Nachweis geführt, dass es unter den russischen Revolutionären auch Juden in prominenter Position gegeben hat. Dass in Russland erst die Revolution zur Emanzipation der Juden geführt hatte, wird dabei nicht erwähnt. Was Rosenberg damals noch nicht wissen konnte, aber auch später nicht erkennbar zur Kenntnis nahm, ist die Tatsache, dass nach und nach die allermeisten dieser Juden, auch die, die sich, wie schon Marx, gar nicht zu ihrem Judentum bekennen wollten, den stalinistischen Säuberungsexzessen zum Opfer fielen. Trotzki ist nur das prominenteste Beispiel.

Unter den »Ersten Aufzeichnungen« aus den Jahren 1917 bis 1919, die 1943 Rosenbergs gesammelten Schriften und Reden vorangestellt wurden, trägt die längste den schlichten Titel »Der Jude«. Erstmals werden hier die Grundgedanken zur »Geschichte des jüdischen Geistes«[207] entwickelt, die uns späterhin immer und immer wieder begegnen, von den Hebräern, die das ursprüngliche Volk Israel überwältigten, bis zu den jüdischen Studenten, die den russischen Matrosen in Kronstadt die Sinne verwirrten, vom »alten syrischen Willen als jüdisches Wesen im Katholizismus«[208] bis hin zur eingeborenen Gegnerschaft des Judentums gegen jeden Nationalismus. (Auch bei den stalinistischen Schauprozessen war einer der wiederkehrenden Anklagepunkte Kosmopolitismus.) Viele der antisemitischen Stereotypen, die später noch zu diskutieren sein werden, sind hier bereits zu finden. Auffallend ist vor allem ein an Verfolgungswahn grenzender Allgegenwartsglaube[209], der sich auch in dem Einleitungstext »Der jüdische Bolschewismus« von 1921 zeigt. Dort geht es gar nicht nur um Trotzki-Braunstein, Sinowjew-Apfelbaum, Kassenew- Rosenfeld und die übliche revolutionäre Heldengalerie, sondern auch um die jüdischen Bankiers, die den amerikanischen Präsidenten Wilson angeblich steuerten, um die Börsen von Paris, New York und London, die die Politik der westlichen Demokratie bestimmen, um Freimaurerlogen, die als jüdische Konspirationszentren dienen und anderes mehr.

Ein Jahr zuvor, 1920, war Rosenbergs erstes Buch erschienen, »Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten«. Unter den drei Motti findet sich das Goethe zugeschriebene Wort: »Der Jude wird uns nicht verschonen.« Das Buch gibt zunächst einen historischen Überblick, wendet sich dann jüdischem Geist und Charakter zu und kommt schließlich zu den »Konsequenzen«. Ausgehend von Fichtes bekanntem antiemanzipatorischen Postulat, dass man den Juden Menschen-, aber keine Bürgerrechte zugestehen solle, es sei denn, es ergebe sich die Gelegenheit, ihnen die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen sich nicht eine jüdische Idee finde, entwickelte Rosenberg einen Forderungskatalog, der dem Programm der NSDAP nicht unähnlich ist. Es beginnt mit dem Satz: »Die Juden werden als eine in Deutschland lebende Nation anerkannt.«[210] Es folgt das übliche Dissimilationsprogramm, vom Verbot, in der Armee zu dienen, über das Verbot, sich mit deutscher Politik zu befassen, bis hin zu dem Verbot, kulturelle Einrichtungen zu leiten. Interessant ist der achte und letzte Punkt in Rosenbergs Forderungskatalog:

»Der Zionismus muß tatkräftig unterstützt werden, um jährlich eine zu bestimmende Zahl deutscher Juden nach Palästina oder überhaupt über die Grenze zu befördern.«[211]

Hier findet sich erstmals die Idee, mit Hilfe des nichtassimilatorischen, zionistischen Teils der Juden, die freilich unter den deutschen Juden nur eine kleine Minderheit ausmachten, die »Entfernung« der Juden zu fördern. Rosenberg glaubte, wie auch andere moderne Antisemiten, nicht mehr an die »bürgerliche Verbesserung der Juden«, auf die noch der preußische Kriegsrat Christian Wilhelm Dohm, ein früher Verfechter der Judenemanzipation, gehofft hatte.[212] Aber auch die Aufhebung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung schien ihm kein ausreichendes Mittel gegen den jüdischen Einfluss. Rosenberg plädierte deshalb nicht nur für soziale Segregation, sondern für die mindestens räumliche Entfernung der Juden, ein Gedanke, den sich im Jahr 1920 auch Adolf Hitler in zunehmendem Maße zu Eigen machte.[213]

Wenn die Nationalsozialisten in den ersten Jahren des Dritten Reiches, bis 1941 – als »Entfernung« noch nicht Vernichtung, sondern räumliche Segregation bedeutete -, mit den zionistischen Organisationen zusammenarbeiteten, weil sie einig waren in dem Ziel, die jüdische Emigration zu fördern, so ist diese Politik durch Rosenbergs frühe Schriften fundiert worden.[214]Natürlich waren die Motive beider Seiten völlig unterschiedlicher, aber in gewisser Weise komplementärer Natur. Die zionistische Bewegung war als Reaktion auf den stetig an Virulenz gewinnenden modernen Antisemitismus entstanden. Die Zionisten glaubten nicht an die Möglichkeit einer wirklichen Assimilation unter gleichzeitiger Wahrung der jüdischen Identität; sie hielten den »deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens« für eine Illusion. Die Nazis wiederum waren von der tödlichen Gefahr der »Rassentuberkulose«, so ein häufiger Ausdruck in Hitlers Reden jener Zeit, überzeugt; sie wollten es nicht länger dulden, dass in der Mitte des deutschen Volkes »die Kinder Israels hausten«[215]. Wenn sich das selbstbewusst zu seiner Identität bekennende Judentum sich zu einer supranationalen Abwehrorganisation gegen den immer militanter auftretenden Antisemitismus zusammenschloss, so wollten seine Feinde darin wiederum einen Beweis für das verderbliche Wirken geheimnisvoller, international agierender Mächte sehen. Die Nazis standen deshalb auch vor dem Dilemma, dass sie zwar die jüdische Emigration begrüßten, andererseits aber einen jüdischen Staat in Palästina, den Rosenberg sich nur als internationale Verbrecherzentrale des Weltjudentums denken konnte, ablehnten.[216] Im Jahr 1922 erschienen drei Schriften Alfred Rosenbergs, die unterschiedliche Themen behandelten, aber von großer ideologischer Kohärenz zeugen. In der Ersten, »Der staatsfeindliche Zionismus«, erläuterte er das Ziel der jüdischen Nation, einen jüdischen Nationalstaat zu schaffen, der allerdings in Wahrheit anderen Staaten keinesfalls feindlich gegenüberstehen musste. Das Schreckbild eines durch strenge Inzucht (tatsächlich sprach die große Zahl exogamer Verbindungen eine andere Sprache), die Thora, den Talmud und seinen Geist sich dräuend präsentierenden Judentums, dem die nationale Zerstreuung gar noch zum Vorteil gereiche, offenbarte Inferioritätsgefühle, die für die damalige Zeit nicht untypisch waren und, unter der Bedingung offizieller Förderung, verheerende Wirkungen entfalten konnten. Nur so war es möglich, dass sich 60 Millionen Deutsche in einem verzweifelten Abwehrkampf gegen 600 000 Juden befanden, in dem auch härteste Mittel als legitim erschienen, so dass später etwa die reichsweiten Pogrome und Zerstörungen sowie Zehntausende von Verhaftungen und zahllose Morde der »Reichskristallnacht « als Reaktion auf den Tod eines einzigen deutschen Diplomaten als gerechtfertigte »Vergeltung« empfunden wurden. Die antisemitische Judenphobie wird etwas begreiflicher, wenn man in jedem Juden einen Repräsentanten des Weltjudentums sieht und glaubt, der jüdische Kramladenbesitzer in Krefeld und der jüdische Hausierer in Lemberg seien durch geheimnisvolle internationale Schaltzentralen, etwa den Orden B'nai Brith, miteinander verbunden. In dieser wahnhaften Vorstellung »alljüdischer Einigkeit«[217] sind dann auch die Zionisten und ihre assimilatorischen Gegner nur aus taktischen Gründen »getrennt marschierende(n) Heerscharen Israels«[218].

Rosenbergs zweite Schrift des Jahres 1922 war gewissermaßen eine Antwort auf diese allgegenwärtige Bedrohung durch jüdisches Weltmachtstreben, eine quasi offizielle Erläuterung des Parteiprogramms von 1920: »Wesen, Grundsätze und Ziele der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Das Programm der Bewegung«. 1930 wurde bereits das 120. Tausend gedruckt. Und im Vorwort zur Neuausgabe von 1937 vermerkt Rosenberg stolz, dies sei einst »die erste parteiamtliche Schrift der NSDAP«[219] gewesen. Sie ist insofern von Interesse, weil sie in geraffter Form die nationalsozialistische Weltsicht enthielt und so das ideologische Arsenal für die Auseinandersetzungen der kommenden Jahre präsentierte.

Der Text setzt ein mit einem Rekurs auf den Ersten Weltkrieg beziehungsweise die wilhelminische Gesellschaft. Der Krämergeist hatte über den Heldengeist gesiegt. Seelenloser Internationalismus, Dünkelhaftigkeit und der dämonische Drang nach technischen und wirtschaftlichen Eroberungen hatten sich verbündet, so dass am 9. November 1918 die schlimmsten Kehrseiten wahren Deutschtums triumphiert hatten. Nachdem im August 1914 die völkische Revolution gegen den krankhaften Zustand zu Felde gezogen war, war das deutsche Volk durch die Kriegsniederlage in großes Ungemach geraten. Die lebendigen seelischen Kräfte waren Voraussetzung für seine Wiedergeburt. Gegen alle »materialistischen, händlerischen und mammonistischen Gedanken«[220] setzten die Nationalsozialisten auf den Glauben an den Idealismus. Standesdünkel und Klassenkampf wurden gleichermaßen abgelehnt; den Begriffen »national« und »sozial« sollte wieder ihre ursprüngliche Bedeutung zukommen. Der Marxismus lehre einerseits die Gleichheit der Völker, predige aber andererseits den Kampf der verschiedenen Schichten des eigenen Volkes gegeneinander. »Der Marxismus« gebe vor, den »Weltkapitalismus« zu bekämpfen, sei aber in Wirklichkeit mit Großbanken und Börsen verbündet:

»Der 9. November 1918 war die mit antikapitalistischen, ausgeplünderten und verhetzten Arbeitern durchgeführte Börsenrevolution mit dem seit langem verfolgten Zweck, die noch nicht ganz von den Weltbanken in Besitz gebrachte nationale Industrie und Landwirtschaft Deutschlands in die Hände des überstaatlichen Leihkapitals zu spielen.«[221]

Wie in Berlin 1918 hatte in Moskau schon 1917 die antikapitalistische Weltrevolution, geführt vom Weltkapital, triumphiert.

Hier haben wir ein ganz zentrales Ideologem nationalsozialistischer Welterklärung vor uns. Die scheinbar größten Gegensätze, Marxismus und Kapitalismus, fielen in eins, denn beider Führung befand sich »in der Hand der Vertreter ein und desselben Volkes…: in der Hand der Juden«[222]. Der Marxismus wollte in Wirklichkeit keinen wirtschaftlichen Kampf, sondern war »ein angesagter Macht- und Kulturkampf an alle Völker Europas«[223], wollte letztendlich den Rassenkampf. So wird auch verständlich, warum die Nationalsozialisten sich keineswegs als Rechtsextremisten, sondern vielmehr als Partei der Mitte sahen, die die jeweilige Einseitigkeit der Sozialisten und der Nationalisten zu überwinden trachteten und das Nationale und das Soziale zu einem Ausgleich bringen wollten in einer sozial gegliederten Volksgemeinschaft auf rassistischer Grundlage, deren gesellschaftliche Verfassung ein friderizianisch-autoritärer Sozialismus im Sinne Oswald Spenglers war. Für »Börsenjuden« und ihre »unbeschnittenen Geistesbrüder«[224] sollte dort ebenso wenig Platz sein wie für den »demokratisch-marxistisch-plutokratischen Götzen«[225]. Der echte Volksstaat war nur auf rassistischer Grundlage möglich. Das schaffende musste sich gegen das raffende Kapital durchsetzen. In Punkt 10 des Parteiprogramms hieß es: »Erste Pflicht jedes Staatsbürgers muß sein, geistig oder körperlich zu schaffen.«[226] Auch die Sittlichkeit war rassisch bedingt: »Deutsche Sitte ist germanisches Lebensgefühl, dem sich das Christentum angeglichen hat.«[227]

Das Parteiprogramm selbst enthielt ganz überwiegend alte Forderungen der Arbeiterbewegung einerseits und der völkischen Bewegung andererseits, worin sich Verbindung von Sozialem und Nationalem ausdrückte. Neu war naturgemäß die Forderung nach Aufhebung des als schmachvoll empfundenen Versailler Friedensvertrages. Rosenbergs Schrift aber brachte das Programm in einen ideologischen Kontext, der deutlich werden ließ, dass die Nationalsozialisten alle Errungenschaften der modernen Zivilisation wie Demokratie, Toleranz und Gleichberechtigung von Grund auf bekämpften.

Rosenbergs dritte Publikation des Jahres 1922 war »Pest in Russland! Der Bolschewismus, seine Häupter, Handlanger und Opfer«, wobei der Autor auch hier als »Alfred Rosenberg-Reval« firmierte, wohl deshalb, weil er noch immer nicht die deutsche Staatsbürgerschaft hatte. Schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis lässt den Argumentationsgang klar erkennen. Die ersten fünf Kapitel heißen: Der Marxismus – Die russische Revolution – Der bolschewistische Sieg – Die jüdische Leitung – Der wirtschaftliche Niedergang. Das Anliegen der Schrift war es zum einen, den jüdischen Einfluss auf das revolutionäre Geschehen herauszustellen. Zum anderen sollte die Brutalität und Grausamkeit dieser jüdisch-bolschewistischen Revolution den Zeitgenossen vor Augen geführt werden. Dazu dienten »75 Originallichtbilder aus Sowjetrußland«. Mehr als die Hälfte dieser Bilder zeigten sowjetische Funktionäre, wobei stets der hohe Anteil der Juden herausgestellt wurde. Dies geschah entweder durch den Zusatz »(Jude)« oder, bei den Nazis sehr beliebt, durch die Anhängung des »eigentlichen« jüdischen Namens, zum Beispiel Sinowjew-Apfelbaum oder Lunatscharsky-Mondschein. Manchmal waren auch beide Verfahren kombiniert. Auf einem großen Teil der übrigen Bilder waren Massengräber, Hingerichtete, Opfer der Tscheka, Verstümmelte und zu Tode Gefolterte zu sehen. Diese Form der Gräuelpropaganda war damals sehr verbreitet.[228] Man versuchte, den Gegner moralisch durch Zurschaustellung seiner Grausamkeit zu diskreditieren.[229] Die Bilderfolge endet mit »Opfern des Bolschewismus in Riga«, jener Stadt, in der Rosenberg wenige Jahre zuvor studiert hatte.

Das letzte Kapitel der schmalen Schrift war dem »jüdischen Weltbetrug« gewidmet. Ihm schlossen sich »Schlußfolgerungen und Ausblicke« an. Nachdem Rosenberg den Leser ein weiteres Mal daran erinnert hat, »daß die Häupter des Marxismus von jeher Juden waren«[230], kommt er auf den Kern der Sache:

»Schürfen wir nun etwas tiefer und vergegenwärtigen uns, was der heutige Kampf welthistorisch bedeutet, so werden wir ihn als einen neuen Aufmarsch des vorderasiatischen Geistes gegen Europa erkennen.«[231]

Rosenberg sah die jüdisch-bolschewistische Revolution in der Traditionslinie der Mongolenvorstöße, der vorderasiatischen Hilfstruppen der Römer, des islamischen Vormarschs in Südeuropa und schließlich der Türkenkriege. Alle diese Angriffe seien abgewehrt worden, ihre Folge sei aber eine »tiefgehende Blutmischung«, so dass »im russischen Volke europäischer und asiatischer Charakter einen ständigen Kampf [kämpfen], dessen Ausgang niemand prophezeien kann«.[232] Keiner der Führer der Revolution sei Slawe, Lenin zum Beispiel habe einen »ausgesprochenen kalmückisch-tatarischen Schädel (seine ›Weltanschauung‹ ist auch darnach)«[233]. Schließlich kommt Rosenberg auf den Wesenskern dieser weder europäischen noch russischen Bewegung:

»Als eigentlicher Führer aber dieses asiatisch-nomadischen Wüstengeistes tritt naturgemäß dasjenige Element hervor, welches den syrischen Geist am zähesten erhalten hat: Das Judentum.«[234]

Die Juden sind die »Pest in Rußland«. Sie stehen als geschlossener Block gegen Europa und wirken zugleich in seinem Inneren als »asiatische Horde auf märkischem Sande«[235].

Die Frontstellung war klar. Auf der einen Seite das alte Europa, geführt von deutschen Männern, auf der anderen Seite der »todfeindliche asiatisch-mit-telmeerländische Geist« unter Führung des internationalen Judentums.[236]Diese Antithese, deren Auflösung nur Sieg oder Untergang bedeuten konnte, beherrschte Rosenbergs Denken von seinen frühesten Jahren bis zu seinem Ende. Später werden wir sehen, wie mit schwindendem Kriegsglück der Europagedanke in der politischen Rhetorik wieder ganz die Oberhand gewinnt, während in den Jahren, in denen die deutschen Armeen von Sieg zu Sieg eilten, die Welt vor allem am deutschen Wesen genesen sollte.

Wir haben gesehen, dass die drei Schriften des Jahres 1922, trotz ihrer scheinbar so unterschiedlichen Gegenstände – Zionismus, Parteiprogramm, russische Revolution -, alle dasselbe Thema haben. Rosenberg folgte mit geradezu paranoider Intensität der Wahnvorstellung eines gewissermaßen jüdischen Weltgeistes, dessen zerstörerisches Wirken den ehrsamen Teil der Menschheit, namentlich die Deutschen, immer und überall bedrohte. Im Jahr 1923 brachte Rosenberg nur eine Publikation heraus. Sie war wiederum demselben Thema gewidmet und beschäftigte sich mit dem bis heute populärsten und folgenreichsten aller antisemitischen Propagandastücke, den »Protokollen der Weisen von Zion«[237]. Dieses Pamphlet, das in vielem auf Maurice Jolys »Dialogue aux Enfers entre Montesquieu et Machiavel« (Brüssel 1864) zurückging,[238] systematisierte die Ideen einer jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung. Angeblich handelte es sich um Verhandlungsberichte vom ersten Zionistenkongress, der 1897 in Basel stattgefunden hatte und vielen als sichtbare Speerspitze eines geheimen internationalen Komplotts galt, während er doch in Wirklichkeit gerade der selbstbewussten Abwehr des auch in Westeuropa immer krassere Formen annehmenden Antisemitismus dienen sollte.

Die Herkunft der Protokolle ist bis heute nicht wirklich geklärt, auch wenn vieles dafür spricht, dass Agenten der zaristischen Geheimpolizei Ochrana daran mitgewirkt haben, was auch erklärt, warum die »Protokolle« erst aus dem Französischen übersetzt werden mussten, bevor sie 1903 auf Russisch in der St. Petersburger Zeitschrift Snamja (Das Banner) erscheinen konnten. Der Antisemit P.A. Kruschewan brachte sie dort unter dem Titel »Programm für die Welteroberung durch die Juden« heraus. Eigentlich populär wurden die »Protokolle« aber durch Sergej Nilius, einen am Zarenhof höchst einflussreichen mystischen Schriftsteller, der den Text in einer ganz neuen Version 1905 in eines seiner Bücher aufnahm.[239] 1917 brachte Nilius die »Protokolle« in einer durchgesehenen, erweiterten Fassung heraus. Bei der ermordeten Zarin fand man ein Exemplar des Buches, was einerseits als Beweis für die jüdische Anstiftung der bolschewistischen Revolution, andererseits – im Sinne einer autopoetischen Logik – als Nachweis der Authentizität der »Protokolle« genommen wurde. Die »Protokolle« wurden nun in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt und fanden auch in Nordund Südamerika und besonders in der arabischen Welt Verbreitung.

In Deutschland hatte das Ideologem von der jüdischen Weltverschwörung vor 1914 in der völkischen Propaganda nur eine verhältnismäßig geringe Rolle gespielt.[240] Das änderte sich nun bald. Im zweiten Kriegsjahr erschien in den Historisch-politischen Blättern für das katholische Deutschland ein anonymer Artikel, der von »Freimaurerhand« gelegte Minen als Ursachen für den Kriegsausbruch ausmachte. Das Netz zur Erdrosselung Deutschlands sei schon gesponnen.[241] Als die Zionisten sahen, dass ihr Ziel, in Palästina eine »Intrigen- und Gaunerzentrale… mit diplomatischer Immunität« zu errichten, ohne Krieg nicht zu erreichen war, hatten sie zum Krieg gedrängt.[242]Während des Krieges war »der jüdische Marxismus als der internationale Feind Deutschlands am Werk« und vergiftete das deutsche Volk.[243] Diesem Wirken blieb der Erfolg nicht versagt: »Der Weltkrieg bot für das jüdische Volk die Gelegenheit, seine politische Machtergreifung durchzusetzen.«[244]Die jüdische Emanzipation, die 100 Jahre zuvor eingesetzt hatte, hatte in letzter Konsequenz die Niederwerfung der so genannten Wirtsvölker zur Folge, deren gefährlichstes gerade die Deutschen waren, denn Deutschland war das größte Hindernis auf dem Weg zur jüdischen Weltherrschaft.[245] 1919 kamen die »Protokolle« nun in das durch Kriegsniederlage, Elend und innere Zerrissenheit für Sündenbock- und Verschwörungstheorien besonders anfällige Deutschland. Russische Emigranten brachten die »Protokolle« nach Berlin. 1920 veröffentlichten sie sie in ihrem Jahrbuch »Lutsch sweta« (Ein Lichtstrahl). Schon im Jahr zuvor war auch eine deutsche Ausgabe erschienen, die den Titel »Die Geheimnisse der Weisen von Zion« trug. Der rechtsradikale Publizist Ludwig Müller gab den Text unter dem Pseudonym Gottfried zur Beek für den »Verband gegen Überhebung des Judentums« heraus, der 1912 in Charlottenburg gegründet worden war.[246] Manche glauben, dass es Rosenberg war, der zur Beek die »Protokolle« zugespielt hat[247]. Dass Rosenberg zur selben Zeit Moussaux' »Der Jude, das Judentum und die Verjudung der christlichen Völker« aus dem Französischen übersetzte, scheint mir aber eher gegen als für diese These zu sprechen. Die »Geheimnisse« erreichten rasch eine Auflage von mehr als 100 000 Exemplaren; nach 1933 erschien eine gekürzte Fassung im Verlag Franz Eher, dem Parteiverlag der NSDAP.

Ludwig Müller begann seine Hetzschrift mit einem ausführlichen, historischen Überblick über das jahrtausendealte jüdische Weltherrschaftsstreben und jüdische »Überhebungen«. Es folgten die 24 Sitzungen der Weisen von Zion. Das – angeblich zionistische – Programm, das dort entwickelt wird, ist dem der Nationalsozialisten alles andere als unähnlich: Streben nach der Macht, Ablehnung von Parteienhader und Parlamentarismus, systematische Verführung der Massen, Ausnutzung der demokratischen Freiheiten für den Staatsstreich, Ablehnung der Anwälte als Rechtsverdreher und – last but not least – als Endziel »das tausendjährige Zeitalter«.[248] In diesem folgenschweren Machwerk wurde den Juden jene von allen ethischen Normen losgelöste Machtpolitik unterstellt, die die Feinde der Weimarer Republik nur zu gut selbst praktizierten. So wird von Adolf Hitler der Satz überliefert: »Ich erkannte sofort, daß wir dies nachbilden müßten, auf unsere Weise natürlich.«[249]

Es fehlt nicht an Beispielen für die Wirkungen dieser Hetze. Schabelski- Bork und Winberg ermordeten in Berlin den Historiker und Politiker Pawel Nikolajewitsch Miljakow, wofür sie, nach vorzeitiger Entlassung aus dem Gefängnis, vom Amt Rosenberg später eine Apanage bekamen. Am spektakulärsten aber war im Juni 1922 die Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau. Müller hatte in den »Geheimnissen« eine Teilansicht des Hauses des Vaters Emil Rathenau wiedergegeben. Angeblich zeigt der umlaufende Fries »Opferschalen, auf welchen abgeschnittene, gekrönte Häupter liegen«.[250] Rathenau war ein Hauptziel der völkischen Agitation gewesen und war angeblich einer der »dreihundert Weisen von Zion«, die mit ihm an die Macht gelangt seien.[251] Seine Mörder handelten unter dem direkten Einfluss der »Protokolle«.[252]

Rosenbergs Schrift »Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik« hat wie die Müllersche Ausgabe der »Geheimnisse« eine ähnlich ausschweifende verschwörungstheoretische Einleitung, allerdings mit einem intensiveren pseudowissenschaftlichen Gepräge. Rosenberg setzte sich auch mit der Frage der Authentizität und der Autorschaft auseinander. Er bekannte, dass es im Ergebnis weder für die Echtheit noch für den von ihm favorisierten Autor Achad-ha-Am zwingende Beweise gab, und argumentierte deshalb mit der »Augenscheinlichkeit der heutigen Weltlage«[253] . Zu dieser Augenscheinlichkeit gehörte der geradezu allgegenwärtige Einfluss der Juden auf die große Politik, von den jüdischen Bankiers um Bismarck über das »Zentrum der jüdischen Weltpolitik … vor dem Krieg in London«[254] bis hin zu dem »Schwerpunkt der heutigen Weltpolitik … in New York«[255], wobei einmal der Hauptsitz des »allmächtigen« Hauses Rothschild als Beweis galt, im anderen Fall der Umstand, dass Präsident Wilson »stets nur von Juden umringt« war und dass 90 Prozent des Grund und Bodens in New York in jüdischer Hand seien[256]. Da der Erste Weltkrieg für Deutschland mit einer Niederlage geendet hatte, konnte es sich nur so verhalten, dass dieser Krieg nicht gewollt gewesen, sondern Deutschland aufgezwungen worden war. In dieser Hinsicht waren sich Rosenberg, Müller, der »Geheimbünde unter jüdischer Führung« als Kriegsanstifter in den Protokollen erkannte[257], mit Ludendorff und anderen einig. Für Rosenberg erklärten sich die politischen Ereignisse der Jahre 1914 bis 1923 als Folge der in den »Protokollen« nun auch für Außenstehende erkennbaren Strategie des jüdischen Weltmachtstrebens.

Der Hauptunterschied von Rosenbergs Schrift zu Müllers Edition besteht darin, dass Rosenberg die angeblichen Protokolle als Ausgangspunkt für einen neuerlichen Anlauf zu einer verschwörungstheoretischen Welterklärung benutzte. Während Müller, nach einer umfänglichen Einleitung, die »Verhandlungs-Berichte(n) der ›Weisen von Zion‹ auf dem 1. Zionisten-Kongresse, der 1897 in Basel abgehalten wurde« folgen ließ, gab Rosenberg seine eigene Theorie über die jüdische Weltpolitik zum Besten und streute lediglich kurze Zitate aus den »Protokollen« als Beweise für das Gesagte in den Text ein. Die Schrift schloss mit dem Aufruf zur Befreiung der Menschheit von der »Weltverjudung«[258].

Rosenberg hatte sich nicht erst 1923 mit den Protokollen beschäftigt. Schon Ende 1919 erschienen Auszüge in Auf gut deutsch, im April 1920 auch im Völkischen Beobachter. Auch Theodor Fritschs Der Hammer druckte Teile der Protokolle, aber auch traditionelle konservative Zeitungen wie die Kreuzzeitung oder die Deutsche Zeitung brachten die Texte. Ebenso gab es in den meisten europäischen Ländern antisemitische Zeitungen, die zur Popularisierung der »Protokolle« beitrugen.[259] Es gab auch eine amerikanische Ausgabe, die unter dem Namen Henry Fords herauskam, der nicht nur ein großer Autokonstrukteur, sondern auch ein großer Antisemit war, und durch die Popularität seines Namens den Weg zurück nach Europa antrat, so dass man schon, bevor Rosenbergs kommentierte Schrift erschien, die »Protokolle« in einer ganzen Reihe von Ausgaben kaufen konnte, die in den völkischen wie auch den nationalsozialistischen Buchhandlungen reißenden Absatz fanden.[260]

Man darf angesichts ihrer Omnipräsenz und Rosenbergs anhaltender Beschäftigung mit ihnen als sicher annehmen, dass Hitler die »Protokolle« gekannt hat. Für Rosenberg waren die »Protokolle« ein Beweis für das verderbliche Wirken des »staatsfeindlichen Zionismus«; das war auch Thema seines Aufsatzes »Judenheit und Politik«, der im Juni 1919 in Auf gut deutscherschien. Angesichts des jüngst verlorenen Krieges war die »Judenfrage«, die auch vor 1918 beziehungsweise 1914 die politische Publizistik schon stark beschäftigt hatte, emotional nun ungleich stärker aufgeladen, denn, in diesem Punkt waren sich die völkischen Agitatoren einig, die Juden waren die Verursacher der deutschen Niederlage. Diese Niederlage war das beherrschende Thema der politischen Rhetorik jener Tage und mit ihr die antisemitische Agitation. Auch Hitlers frühe Reden zeugten von der Vorstellung einer zionistisch inspirierten, internationalen jüdischen Verschwörung. Nicht nur von der geheimnisvollen Macht, dem »internationale(n) Börsen- und Leihkapital «, sondern von einem »unsichtbaren Staat… als oberste Spitzentyrannei über die ganze Welt« war da die Rede.[261] Auffallend ist dabei, dass bis 1920 Hitler das »Judenproblem« im nationalen Rahmen sah, während er danach die Juden vor allem als eine internationale Bewegung attackierte, wobei Marxismus und Hochfinanz beziehungsweise Zionismus nur zwei Gesichter derselben Verschwörung waren. Hier wirkte Alfred Rosenberg,[262] für dessen Verschwörungstheorie die »Protokolle« wiederum eine wesentliche Basis waren[263]. Die zeitgenössischen Autoren verweisen vielfach auf den großen Einfluss, den Rosenberg in jenen frühen Jahren auf Hitler hatte. Hanfstaengl berichtet, Rosenberg sei sein »beharrlichster Gegner bei allen Versuchen…, Hitler vernünftigen Ideen zugänglich zu machen,«[264] gewesen. Lüdecke zitiert Hitler mit dem Satz: »Er ist der einzige, auf den ich immer höre. Er ist ein Denker.«[265] Und Konrad Heiden schreibt:

»(Rosenberg) ist der Großinquisitor der Partei, hat unmittelbar wenig zu befehlen – aber Hitler kommt zuletzt doch immer wieder in seinen Beichtstuhl.«[266]

Hitler hätte wohl nicht im Ernst einen Großinquisitor neben sich geduldet. Aber, dass die ungleich systematischeren und umfassenderen Studien, die Rosenberg zu historischen und politischen Fragen getrieben hatte, die Ausbildung von Hitlers Weltbild beeinflusst haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Rosenberg war für beide Aspekte der jüdischen Weltverschwörung, die bolschewistische Revolution wie den Zionismus, der Fachmann in Hitlers Umfeld. Das galt mehr noch nach dem gescheiterten Hitler-Putsch, denn nun war Scheubner-Richter, der Einzige, der ihm diese Position hätte streitig machen können, tot. Andererseits entwickelte sich die NSDAP von der ideologischen Bewegung zur politischen Partei, eine Entwicklung, die wiederum geeignet war, Rosenbergs Bedeutung zu mindern. Eines hatte Rosenberg Scheubner-Richter voraus, auch als der noch lebte. Er war ein Mann des geschriebenen Wortes. Rosenberg publizierte alleine mehr als alle anderen führenden Nationalsozialisten zusammen genommen, während er als Redner kaum in Erscheinung trat. Wichtigster Redner der Partei nach Hitler war damals Hermann Esser (1900 bis 1981), eines der frühesten Mitglieder und erster Propagandaleiter der NSDAP. Rosenberg wurde bis 1923 nur ein einziges Mal als Redner eingesetzt.[267] Später, auf den großen Parteitagen in Nürnberg und bei vielen offiziellen Gelegenheiten, trat Rosenberg natürlich häufig als Redner in Erscheinung, doch seine Reden waren immer Vorträge. Rosenberg eignete sich in keiner Weise zum Agitator. Mit unbewegter Miene stand er stocksteif am Rednerpult und las mit schwer rollendem baltischen Akzent vom Blatt, was er sich aufgeschrieben hatte.[268]

Rosenberg war unter allen führenden Nationalsozialisten am wenigsten in der Lage, in die Rolle des Volksredners zu schlüpfen. Er wollte Denker, das heißt Vordenker der Bewegung sein. Sein Medium war das geschriebene Wort. Er war deshalb nicht nur Herausgeber der wichtigsten nationalsozialistischen Publikationsorgane, des Völkischen Beobachter, des Weltkampf und derNationalsozialistischen Monatshefte. Er griff auch ständig selbst zur Feder. Wie alle Ideologen war er davon überzeugt, dass eine richtige und damit erfolgreiche politische Praxis nicht möglich sei ohne umfassende theoretische Basis. Rosenberg hatte zudem den Vorteil, dass er die russische Sprache beherrschte und sich so über den jüdisch-bolschewistischen Weltfeind aus den diversen Blättern der russischen Emigrantenzirkel direkt informieren konnte.[269]

Alfred Rosenberg war nicht nur der »führende Propagandist… der ›Protokolle‹ «[270]. Er war auch nicht nur der wichtigste Autor antijüdischer-rassistischer Mythologien[271]. Er bemühte sich, die vielen agitatorischen Formeln, politischen Tagesforderungen, pseudowissenschaftlichen Schlagworte und theoretischen Bruchstücke zu einem geschlossenen Bild zusammenzufügen. Seine antisemitischen Schriften waren nicht nur »geistige Reflexe der Saalund Straßenschlachten«, wie Rosenbergs Adept Heinrich Härtle noch in den 70er Jahren behauptete.[272] Die unablässige schriftstellerische Produktion sollte einer nationalsozialistischen Weltanschauung den Weg ebnen. Deshalb auch machte er sich als einziger Autor die Mühe, das Parteiprogramm in einer Schrift umfassend zu kommentieren, und war stolz darauf, dass dieser Kommentar Hitlers Segen hatte. Mit zunehmendem politischen Erfolg wurde Hitler die stimmige theoretische Grundlage weniger wichtig. Theoretische Diskussionen über den richtigen Weg waren ohnehin durch den Beschluss über die Unabänderlichkeit des Programms von vornherein abgeschnitten. Aber bis dahin, wo die mörderische Theorie durch eine nicht weniger mörderische Praxis subsumiert werden konnte, war noch eine lange Wegstrecke zurückzulegen.

Dietrich Eckart und der Völkische Beobachter

Viele von denen, die in der Frühzeit des Nationalsozialismus eine Rolle gespielt haben, sind heute vergessen. Zu den Wichtigsten von ihnen gehörte Dietrich Eckart, der wie Scheubner-Richter Ende 1923 starb und wie dieser eine besondere Rolle in der Verbindung zwischen Alfred Rosenberg und Adolf Hitler spielte. Eckart war 1868 in Neumarkt/Oberpfalz geboren worden, hatte die typische Karriere eines durchschnittlichen Publizisten hinter sich und war unter anderem in Bayreuth und Berlin tätig gewesen, zuerst als Kritiker, dann auch als Bühnenautor[273], bevor er nach München kam. Er hatte nicht nur die Neigung, sich nachhaltig und vielfältig für das weibliche Geschlecht zu begeistern, er war auch Morphinist und musste sich schließlich in einer Nervenheilanstalt einer Entziehungskur unterziehen. Eckart war ein Bohemien, der gleichwohl über gute Verbindungen zu den besseren Kreisen verfügte. Ein Mitglied der baltischen Kolonie stellte 1919 die Bekanntschaft mit Alfred Rosenberg her, der sich bald zu einem wichtigen publizistischen Mitstreiter entwickelte. Der Dritte im Bunde war der nationalsozialistische Schriftsteller Richard Euringer, der Eckart 1935 ein Lebensbild widmete und der wie Rosenberg an der Produktion der von Eckart gegründeten Zeitschrift Auf gut deutsch mitwirkte, zumal es dem impulsiven Eckart häufiger an der nötigen Disziplin mangelte: »Wenn die alte Schriftstellerfaulheit über ihn kam, dann mußte ich oft mehrere Hefte seiner Wochenschrift allein hintereinanderschreiben.«[274] Auch Gottfried Feder gehörte zu den Mitarbeitern der Zeitschrift, die von 1918 bis 1921 erschien. Feder, der Prediger der »Brechung der Zinsknechtschaft«, war auch Mitverfasser des Flugblatts »An alle Werktätigen!«, das Eckart am 5. April 1919 herausbrachte.[275] Das Flugblatt ist deshalb stark von der Idee Feders getragen, zwischen »schaffendem« und »raffendem« Kapital zu unterscheiden, die sich später auch im elften und zwölften Punkt des Programms der NSDAP wiederfindet. Der Aufruf »An alle Werktätigen!« begann mit den Worten:

»An alle, die arbeiten, ganz gleich, was und wo, wenn sie nur arbeiten! An alle vernünftigen Menschen!«[276]

Dann erfährt der staunende Leser, dass das gesamte deutsche Industriekapital nur zwölf Milliarden betrage, während allein das Bankhaus Rothschild über 40 Milliarden verfüge, wobei nicht verraten wird, um welche Währung es sich handelte. 300 Börsenleute, die »goldene Internationale«, hätten den Weltkrieg entfacht, um die ganze Menschheit zu ihren Zinssklaven zu machen – die Federsche Variante der Mär von der jüdischen Weltherrschaft. Das Flugblatt schloss mit wuchtigen Aufrufen:

»Brechen wir die Zinsknechtschaft des Leihkapitals!

Wir Deutsche müssen damit beginnen!

Nur diese Revolution ist die echte!«[277]

Feder hatte seine Erkenntnisse über die Verderblichkeit des Zinses zunächst den Männern der Münchner Räterepublik angedient, die jedoch kein Interesse hatten, obwohl auch auf der Linken immer wieder einmal der Gedanke herumspukt, man könne die sozialen Probleme durch Abschaffung der Kapitalverzinsung lösen. Feder hatte sich dann, noch vor Hitler, der DAP angeschlossen. Nach 1924 vertrat er die NSDAP im Reichstag und wurde 1933 Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium, aber schon nach einem Jahr wieder abgelöst und bald auf eine Professur abgeschoben, weil er der Verständigung der neuen Machthaber mit der Industrie im Wege stand.

Das Flugblatt »An alle Werktätigen!« wurde in einer spektakulären, für die damalige Zeit aber nicht untypischen Art und Weise unters Volk gebracht, die Alfred Rosenberg in einer autobiographischen Aufzeichnung beschrieben hat:

»[Eckart] liess davon gleich 100 000 Stück drucken und eines Vormittags mieteten wir uns zwei Autos, holten uns einige Mithelfer, bepackten die Wagen bis oben hin mit Material und fuhren nunmehr in rasender Fahrt durch ganz München herum. Diese Aktion war unter der Herrschaft des jüdischen Dokumentenfälschers und sogenannten Ministerpräsidenten Eisner natürlich nicht gefahrlos, richtete sich doch das ganze Flugblatt gegen die Korruption und Ausbeutung Deutschlands durch eben dieses jüdische Regiment. Es scheint aber, dass die Polizei nicht rechtzeitig alarmiert wurde, dass ein derartiger Angriff scheinbar so glatt verlief, dass wir mit heiler Haut davon kamen. Auf dem Kampfplatz hielten uns dann noch 10 Leute in unverschämtester Weise an, wir sprachen kurz einige antisemitische Redesätze ins Volk und fuhren dann unter Hinterlassung dicker Pakete des Flugblattes wieder weiter.«[278]

Eckart und Rosenberg hielten es aber doch für angezeigt, nach dieser Aktion München für einige Zeit zu verlassen. Sie nahmen Quartier in einer Pension in Wolfratshausen, und kehrten erst nach München zurück, als sie sicher waren, dass niemand die Identität der Flugblattverteiler festgestellt hatte. Nach der Niederschlagung der Räterepublik wurde Eckarts Wohnung, zugleich auch Sitz der Redaktion von Auf gut deutsch, rasch zu einem Tummelplatz von gegenrevolutionären Elementen aller Art[279].

Dietrich Eckart war im Herbst 1915 nach München übersiedelt, wo er bald Anschluss an völkische Kreise fand. Noch im selben Jahr gründete er den Hoheneichen-Verlag, in dem später nicht nur die Zeitschrift Auf gut deutsch, sondern auch viele Schriften Alfred Rosenbergs erschienen. Durch Gottfried Feder kam Eckart zur DAP, wo er wenig später Hitler kennen lernte und rasch zu dessen Mentor wurde. Hitler bewunderte den wesentlich älteren Eckart sehr, der ihn nicht nur materiell mit mancherlei versorgte und ihn stilistisch schulte, sondern ihn auch in die Münchner Gesellschaft einführte. Eckart war, im Gegensatz zu Hitler, der mit Rosenberg die Bekanntschaft der Volksküchen teilte, ein wohlhabender Mann, der über Umgangsformen und Bildung der besseren Stände verfügte und in vielen bürgerlichen Salons, etwa dem des Verlegerehepaars Elsa und Hugo Bruckmann, ein und aus ging.[280] Eckart war es auch, der 1920 das Flugzeug besorgte, das ihn und Hitler nach Berlin brachte, wo dieser vergeblich auf eine bedeutsame Rolle beim Kapp-Putsch hoffte.[281] Vieles spricht dafür, dass es Rosenberg und Eckart waren, die in jenen frühen Jahren den größten Einfluss auf Adolf Hitler hatten.[282]

Besonders bedeutsam war die große Verehrung, die Eckart dem sehr viel jüngeren und damals noch weithin unbekannten Hitler entgegenbrachte. Die Zeitschrift Auf gut deutsch war die Keimzelle des Führerkultes. Da Eckart bereits Ende 1923 starb, blieb seine Rolle als Mentor des kommenden Führers von allen weiteren Auseinandersetzungen unberührt. Hitlers Dankbarkeit für die frühe Förderung drückte sich nicht nur darin aus, dass er Dietrich Eckart den zweiten Band von »Mein Kampf« widmete[283], es gab auch eine Eckart geweihte Ecke mit einer Büste im Braunen Haus. Nach 1933 waren die Schauspielhäuser gehalten, Eckarts Werk zu pflegen. Die Stadt Hamburg verlieh einen Dietrich-Eckart-Preis, und als im Rahmen der Tingstätten- Bewegung auch in Berlin eine Freilichtbühne erbaut wurde, erhielt sie den Namen Dietrich-Eckart-Bühne (heute »Waldbühne«). Eckarts »Sturmlied« (»Deutschland erwache!«) wurde zum offiziellen Lied der NSDAP.[284] Auch eine Dietrich-Eckart-Gesellschaft wurde 1933 gegründet. Vieles spricht dafür, dass Hitler selbst die treibende Kraft hinter diesem Kult um den »ersten nationalsozialistischen Dichter«[285] gewesen ist, von dem Adolf Dresler anläßlich seines 70. Geburtstags schrieb:

»Mit der Geschichte der NSDAP ist der Name Dietrich Eckart unlösbar verbunden. Er ist der unsterbliche Dichter und Künder des Dritten Reiches.«[286]

Eckart wirkte auch mit beim Erwerb des Völkischen Beobachter durch die NSDAP und wurde dessen erster nationalsozialistischer Chefredakteur. Zuvor schon hatte er auf eigene Initiative Auf gut deutsch, die Wochenschrift für Ordnung und Recht, herausgegeben, die so zur ersten Zeitschrift der nationalsozialistischen Bewegung wurde[287]. Das erste Heft erschien am 7. Dezember 1918, das letzte am 17. Mai 1921. Rosenberg war erstmals in Heft 8 vertreten, das am 21. Februar 1919, also wenige Wochen nach seiner Ankunft in München, herauskam. Der Artikel »Die russisch-jüdische Revolution « knüpfte thematisch unmittelbar an Rosenbergs letzten Vortrag in der alten Heimat an; gezeichnet war er mit »Alfred Rosenberg aus Reval«. Rosenberg wurde rasch zum wichtigsten Mitarbeiter der Zeitschrift. Im Gegensatz zu Eckart war er ein fleißiger und disziplinierter Arbeiter, der sich in der Bayerischen Staatsbibliothek regelmäßig mit neuen Büchern versorgte, dann in seine Unterkunft zurückkehrte und dort viele Stunden am Schreibtisch verbrachte.

Die Zeitschrift Auf gut deutsch fand nicht das erhoffte Echo. Das erste Heft war zu Werbezwecken in einer sehr hohen Auflage von 25 000 Exemplaren hergestellt und an »alle irgendwie bekannten Persönlichkeiten« verschickt worden, aber die Resonanz war »gleich Null«.[288] Schon bald erschien die Wochenschrift de facto ganz unregelmäßig.

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