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Alfred Bekker schrieb als Neal Chadwick - Nelsons Rache

Alfred Bekker

Alfred Bekker schrieb als Neal Chadwick - Nelsons Rache

Western





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Nelsons Rache

von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

Es war entsetzlich, was in jener schicksalhaften Stunde alles über Jesse Nelson hereinbrach. Es waren Bilder und Eindrücke, die ihn bis ans Ende seiner Tage nicht mehr loslassen würden: wie das Blei seiner Gegner in seinen Körper schlug. Wie er Alices Hilfeschrei hörte – und wie er sich durch beißenden Rauch und mörderische Flammen kämpfte, um vielleicht doch noch wenigstens einen der Menschen retten zu können, die er mehr liebte als alles andere auf der Welt. In dieser Stunde begann Jesse Nelsons unerbittlicher Rachetrail …

1

Dan McLeish war jetzt zu allem entschlossen und hatte die zwei Dutzend Cowboys mitgebracht, die bei ihm in Lohn und Brot standen. Es konnte nicht länger angehen, dass ein dahergelaufener Schafhirte ihm ungestraft auf der Nase herumtanzen durfte!

McLeish hatte bisher noch jeden vertrieben, der versucht hatte, in dieser Gegend Schafe zu züchten oder Landparzellen abzustecken. Jeder, der das versuchte, musste wissen, dass das nur über McLeishs Leiche ging.

Er blickte den Hügel hinab auf das Farmhaus und die Schafe, diese verdammten Schafe, die das Gras bis zur Wurzel abfraßen und für die Rinder nichts übrig ließen.

Seine hellblauen Augen blitzten gefährlich.

„Wir haben Nelson weiß Gott oft genug gewarnt!“, sagte McLeish, in dessen sonnenverbranntem Gesicht ein grausamer Zug stand.

Er nahm den Hut ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn, wobei sein hellblondes, fast weißes und bereits ein wenig schütteres Haar zum Vorschein kam.

Er wandte sich an seine Leute: „Ihr wisst, was ihr zu tun habt!“



2

Lynn Nelson war eine kleine, kräftige Frau mit langen roten Haaren, die sie mit einer einfachen Schleife zusammengefasst hatte. Sie trug eine Hose aus blauem Drillich und ein weißes Hemd, beides von Jesse, ihrem Mann – und beides viel zu groß. Aber bei der Arbeit mit den Schafen waren diese Sachen einfach praktischer als ein Kleid.

Als sie die Reitschar auf dem nahe gelegenen Hügel bemerkte, wusste sie, dass das nichts Gutes bedeuten konnte.

Zu dumm, dass Jesse ausgerechnet heute in die Stadt reiten musste, um Besorgungen zu machen!, dachte sie, während das Entsetzen für einige Momente von ihr Besitz ergriff und sie lähmte.

Sie erkannte McLeish, den Rancher, unter den Reitern und wusste sofort, was das bedeutete.

McLeish hatte schon einiges versucht, um sie und Jesse aus der Gegend zu vertreiben, aber es war ihm bisher nicht gelungen. Sie hatten die Zähne zusammengebissen und den Schikanen des Rinderzüchters, so gut es ging, standgehalten.

Aber jetzt war es so weit, jetzt wollte McLeish offensichtlich ein für allemal reinen Tisch machen.

Lynn sah, wie ihre kleine Tochter Alice unbekümmert hinter einem der Lämmer herrannte und es an den Ohren zu ziehen versuchte. Sie ahnte nichts von der Gefahr, die ihnen drohte.

„Alice!“, rief Lynn Nelson. „Alice! Komm ins Haus!“

„Warum denn?“

„Frag nicht, sondern tu, was ich dir sage!“

Jetzt bemerkte auch Alice die Reiter auf dem Hügel. Sie lief zu ihrer Mutter, die sie zum Haus führte.

„Ma, was wollen diese Männer von uns?“

Lynn antwortete nicht, sondern schob ihre Tochter durch die Tür. Dann war sie mit zwei schnellen Schritten dort, wo die Winchester an der Wand hing. Sie nahm die Waffe an sich und suchte anschließend nach Munition.

Als sie sie gefunden hatte, sah sie Alice am offenen Fenster stehen und nach draußen blicken.

„Geh vom Fenster weg, hörst du! Leg dich in die Ecke hinter dem Schrank! Flach auf den Boden!“ Sie wechselten einen kurzen Blick miteinander. Die Tochter spürte wohl, dass jetzt nicht die Zeit war, um Widerspruch zu üben. Sie gehorchte wortlos und mit vor Schreck geöffnetem Mund.

Das Geräusch von zwei Dutzend galoppierenden Pferden war dann zu hören und ließ Lynn mit der unterdessen geladenen Winchester am Fenster Stellung beziehen, nachdem sie zuvor hastig die Tür verriegelt hatte.

„Ma, sind das die Männer, die nicht wollen, dass wir Schafe haben?“, rief die kleine Alice aus ihrer Deckung heraus.

„Ja“, antwortete Lynn knapp.

Aber ihre Gedanken beschäftigten sich mit ganz anderen Dingen.

Die Holzwände sind nicht sehr dick!, überlegte sie. Jesse und sie hatten das Haus gegen Regen, Wind und Kälte gebaut, aber nicht als eine Festung, die geeignet war, schießwütigen Cowboys standzuhalten!

Wenn geschossen wird, dann werden die Bleikugeln das dünne Holz durchschlagen, als wäre es Papier!, dachte sie.

Sie sah die Reiter herankommen, sah ihre grimmig entschlossenen Gesichter und erschauderte.

Aber Lynn Nelson war mindestens ebenso entschlossen wie ihre Gegner. Zu dumm, dass ihr Mann ihr in diesem Augenblick nicht beistehen konnte, aber auch ohne ihn würde sie sich zu wehren wissen!

Jesse hatte ihr den Umgang mit Waffen beigebracht. Sie war keine Frau, die sich widerstandslos in ihr Schicksal fügte.

Sie werden es zunächst auf die Schafe abgesehen haben!, überlegte sie.

Die Schafe stoben auseinander, als die Reiter herankamen.

In einiger Entfernung vom Farmhaus zügelte Dan McLeish sein Pferd, und die Männer folgten seinem Beispiel.

„Nelson!“, rief McLeish in barschem, befehlsgewohntem Ton.

Lynn antwortete nicht.

Wenn sie wissen, dass Jesse nicht da ist, ist mein Stand noch schwerer!, dachte sie. So blieb ihnen ein Rest von Ungewissheit.

„Nelson, wo sind Sie? Wo verkriechen Sie sich?“

Lynn packte ihre Waffe fester. „Nelson, ich weiß, dass Sie hier irgendwo stecken! Schauen Sie sich gut an, was jetzt geschieht! Ich habe Sie gewarnt, Sie wollten nicht hören!

Was jetzt geschieht, haben Sie sich selbst zuzuschreiben!“

Er wandte sich an seine Cowboys. „Los, Männer, fangt an!“

Sie zogen ihre Revolver aus den Holstern und ballerten wie wild auf die Schafe, die in heller Panik durcheinander liefen. Jemand zündete die Scheune an, ein anderer steckte den Pferdewagen in Brand.

Lynn Nelson legte kurz an und schoss. Einer von McLeishs Männern sank tödlich getroffen aus dem Sattel, einen weiteren erwischte sie am Waffenarm, so dass er laut aufschrie und seinen Revolver fallen ließ.

„Da hinten!“, rief er mit vor Schmerz und Wut verzerrtem Gesicht. „Am Fenster!“

Lynn duckte sich rasch, aber der Geschosshagel, den McLeishs Männer in ihre Richtung abgaben, durchschlug die dünne Bretterwand, als wäre sie nichts. Sie konnten Lynn nicht sehen, sondern schossen einfach blind drauflos.

Zwei Kugeln fuhren ihr in den Bauch. Wie gelähmt sah sie, wie sich das weiße Hemd rot färbte. Ein weiterer Schuss traf sie an der Schulter und riss sie herum. Zunächst war da der Schmerz, der dann aber zurücktrat. Sie spürte, wie ihr die Sinne zu schwinden begannen.

Nein!, schrie es in ihr. Es durfte noch nicht zu Ende sein! Es durfte einfach nicht!

Sie spürte, wie ihr das Gewehr aus der Hand glitt und sie an der Bretterwand zu Boden rutschte.

Sie sah Alice in ihrer Ecke hocken, den Mund vor Entsetzen weit aufgerissen. Schon um des Kindes willen durfte sie jetzt nicht sterben! Sie durfte nicht …

„Ma!“, hörte sie die Kleine rufen.

Es war das letzte, was sie hörte.

Alles verstummte. Es wurde dunkel vor ihren Augen.



3

Es war Jesse Nelson unter den gegenwärtigen Umständen nie ganz wohl dabei, seine Familie allein auf der Farm lassen zu müssen – und wenn es nur für wenige Stunden war.

McLeish war unberechenbar.

Es war unmöglich vorherzusagen, welche Gemeinheit ihm als nächste einfallen würde, um sie zu schikanieren.

Diesem Mann war, so schien es, jedes Mittel recht, um sie aus der Gegend zu vertreiben.

Zunächst hatte er es mit Geld versucht, aber Jesse Nelson war nicht käuflich. Dann hatte der Rancher härtere Bandagen benutzt.

Einige von McLeishs Cowboys hatten ihm aufgelauert und ihn verprügelt; man hatte ihm seine Schafe auseinander getrieben, so dass er sie sich weit verstreut in der Umgebung wieder hatte zusammensuchen müssen, und vor etwa einer Woche hatte Nelson einen Mann überrascht, der versuchte, seiner Familie das Dach über dem Kopf anzuzünden.

Nelson hatte sich an den Sheriff gewandt, dessen Aufgabe es gewesen wäre, hier für Recht und Ordnung zu sorgen, aber der stand auf Seiten von McLeish und hatte wenig Neigung, sich mit dem mächtigen Rancher anzulegen.

Sheriff Duggan machte einfach die Augen zu und nahm nicht zur Kenntnis, was McLeish da für ein hässliches Spiel inszenierte.

Von anderen Leuten in der Gegend hatte Nelson erfahren, dass Duggan in früheren Fällen ähnlich verfahren war. Er hatte nie etwas dagegen unternommen, dass McLeish bisher alle Siedler und Schafzüchter davongejagt hatte, obwohl er kein Recht dazu besaß.

Aber Nelson war zäh und wild entschlossen, sich nicht vertreiben zu lassen, denn abgesehen von McLeishs Anwesenheit gefiel ihm dieses Land.

Er trieb sein Pferd voran, mit der Linken führte er die Zügel eines Packtieres, dessen Rücken mit allerlei Gerätschaften beladen war, die er in New Kildare eingekauft hatte. Jetzt befand er sich auf dem Rückweg und war voller Unruhe.

Er dachte an Lynn, seine Frau – und an die kleine Alice.

Verdammt, wenn dieser McLeish oder einer seiner Schergen sich an ihnen vergriffen haben sollte, kann ich für nichts mehr garantieren!, dachte er grimmig.

Aber dann scheuchte er seine Befürchtungen mit dem Gedanken davon, dass er Lynn den Gebrauch der Winchester beigebracht hatte und sie sich zu wehren wissen würde.

Sie war eine gute Schützin.



4

Als Jesse Nelson die Schüsse in der Ferne hörte, schnürte es ihm fast die Kehle zu. Eine schwarze Rauchsäule stieg am Horizont auf.

Nelson ließ die Zügel des Packtieres fahren und gab seinem Pferd die Sporen. Dort, wo die Rauchsäule aufstieg, war seine Farm. Etwas Furchtbares musste dort gerade im Gange sein …

Wut und Verzweiflung begannen sich in ihm auszubreiten.

Als er die Farm erreichte, bot sich ihm ein Bild des Grauens: Der Boden war übersät mit den Kadavern dahingemetzelter Schafe. Die Scheune war niedergebrannt, und das Wohnhaus stand in hellen Flammen.

Mein Gott!, durchfuhr es Nelson. Wo waren Lynn und Alice?

Sein Blick fiel auf McLeish und seine Männer, die ihr Werk der Zerstörung wohl gerade beendet hatten und sich nun davonzumachen gedachten.

McLeishs Gesicht hatte eben noch einen selbstzufriedenen Eindruck gemacht, aber als er Nelson bemerkte, erschrak er für einen Moment.

Aber dann gewann der Rancher seine Fassung zurück, griff zum Holster an seiner Seite und riss den Revolver heraus.

Nelson reagierte zu spät.

Er schaffte es gerade noch, mit der Rechten den Griff seines Revolvers zu berühren, da spürte er, wie ihm eine Kugel in die Seite fuhr.

Eine weitere schoss ihm in die rechte Schulter und riss ihn herum. Benommen rutschte er aus dem Sattel und fiel in das stachelige, trockene Präriegras.

Nelson biss die Zähne zusammen.

Er versuchte, den Revolver aus dem Holster zu holen, aber es war zwecklos. Sein rechter Arm gehorchte ihm nicht mehr.

Er keuchte und sah, dass sich an seiner Seite das Hemd bereits mit Blut getränkt hatte. Mit der Linken versuchte er, die Blutung aufzuhalten, aber natürlich hatte das nicht viel Sinn.

„Ich glaube, der hat genug, Boss!“, sagte jemand. „Der wird Ihnen kaum noch einmal in die Quere kommen!“

Nelson hörte Schritte auf sich zukommen. Er sah ein paar schmutzige Stiefel und blickte hoch. McLeishs kalte blaue Augen blickten auf ihn herab.

„Ich habe ihn schwer erwischt“, erklärte er.

„Wahrscheinlich wird er sterben.“



5

Vor Nelsons Augen drehte sich alles.

Nur ganz am Rande nahm er wahr, wie Dan McLeish und seine Männer sich davonmachten.

Beißender Qualm stieg ihm in die Nase und ließ ihn husten.

Er hörte das Knistern von brennendem Holz und dann eine helle, dünne Stimme, deren Klang ihm wohlvertraut war.

„Hilfe! Hilfe!“

Das war Alice!

Sie musste noch im Haus sein, an dessen Wänden die Flammen hoch emporzüngelten. Die ersten Balken krachten hernieder. Nicht mehr lange, und das ganze Gebäude würde wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

„Hilfe!“, rief es wieder. „Hilfe!“

Mit einem Mal traten Schmerz und Benommenheit in den Hintergrund. Eder Klang dieser Stimme gab Nelson neue Kraft, eine Kraft, die aus Verzweiflung geboren war.

Er nahm die Linke von der Wunde an seiner Seite und versuchte sich aufzustützen.

Er stöhnte und keuchte, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn und rann ihm das Gesicht hinunter.

Erst jetzt wurde ihm klar, wie schwach er wirklich war.

Nachdem es ihm tatsächlich gelungen war, auf die Beine zu kommen, stolperte er in Richtung des Hauses, strauchelte nach ein paar Metern und befand sich gleich darauf wieder auf der Erde.

Es waren jetzt nur noch ein paar Schritte.

Er spürte die Hitze. Der Qualm raubte ihm mittlerweile fast den Atem.

Aber da war diese helle, dünne Stimme voller Todesangst, die seiner Tochter gehörte, die jetzt irgendwo dort drinnen in den Flammen war und um ihr Leben schrie.

Diese Stimme trieb ihn dazu, alles zu versuchen und das Letzte aus sich herauszuholen.

Mit der Kraft der Verzweiflung kroch Nelson voran.

Erst als er die Haustür erreicht hatte, unternahm er einen erneuten Versuch, sich aufzurichten.

Dann versuchte er, die Tür mit dem Fuß aufzustoßen, aber sie war von innen verriegelt. Nelson fluchte. Die Flammen züngelten bereits an ihrem Holz empor, aber er konnte unmöglich warten, bis der Riegel verbrannt war, der die Tür geschlossen hielt.

Augen zu!, dachte Nelson. Augen zu und durch!

Er nahm alle Kraft zusammen, die ihm noch geblieben war, und warf sich mit vollem Gewicht gegen die brennende Tür.

Es war heiß, verdammt heiß …

Nelson schrie laut auf, aber die Tür gab nicht nach.

Kraftlos rutschte er an ihr zu Boden und rollte sich dann zur Seite. Hastig schüttelte er den Hut ab, der Feuer gefangen hatte.

Er sah das offene Fenster, und für einen Augenblick erwog er die Möglichkeit, von dort ins Hausinnere zu klettern.

Er verwarf diesen Gedanken allerdings rasch wieder.

Unter normalen Umständen wäre das eine Kleinigkeit gewesen und nicht der Rede wert, aber in seiner jetzigen Verfassung war er einfach zu schwach.

Es hatte keinen Zweck.

Er musste es noch einmal probieren, sich noch einmal gegen die brennende Tür werfen.

Er presste die Lippen aufeinander und raffte sich auf.

Wenig später stand er wieder auf wackeligen Beinen vor der Tür und warf sich mit aller Kraft dagegen.

Diesmal gab sie nach.

Er hörte, wie der Riegel, der sie von innen versperrte, splitterte. Dann stürzte er zusammen mit der Tür nach Innen.

Ein brennender Balken krachte hinunter und traf ihn schmerzhaft am Rücken. Nelson schüttelte ihn ab. Dann sah er Lynn, deren unnatürlich geweitete Augen ihn starr anblickten. Das Feuer begann bereits, ihre Kleidung und ihr Haar zu erfassen, aber die blutenden Wunden, die man ihr beigebracht hatte, ließen keinen Zweifel daran, dass es nicht die Flammen gewesen waren, die sie getötet hatten.

Sie war erschossen worden!

Nelson spürte einen Kloß im Hals. Er konnte kaum schlucken.

Sein Mund öffnete sich halb, als ob er etwas sagen wollte. Er war unfähig, sich zu rühren oder irgendetwas zu tun, er war sogar unfähig, einen Fluch über die Lippen zu bringen. Abgrundtiefe Verzweiflung und Schmerz standen in seinen Zügen. Er schüttelte stumm den Kopf, so als wollte er es einfach nicht wahrhaben …

Nein, dachte er. Nein, das konnte doch nicht wahr sein!

Dann dachte er an die Kinderstimme, die ihn hier hergebracht und ihm Kraft eingeflößt hatte. Es wurde ihm plötzlich klar, dass sie verstummt war.

„Alice!“

Es war halb Keuchen, halb Husten. Seine Stimme klang für ihn selbst entsetzlich schwach, aber es war alles, wozu er im Moment imstande war.

Doch es kam keine Antwort.

„Alice!“

Er schleppte sich weiter und hatte seine Tochter wenig später gefunden. Sie lebte nicht mehr. Einer der herunterbrechenden Dachbalken hatte sie erschlagen.



6

Nelson kroch aus den brennenden Trümmern seines Hauses und blieb schließlich im trockenen Gras keuchend liegen. Er sah nicht mehr, wie alles in sich zusammenstürzte.

Nelson hatte die Augen geschlossen, während Tränen über seine Wangen rannen. Alles, was sein Leben ausgemacht, wofür er gearbeitet und gekämpft hatte, existierte nicht mehr. Seine Familie war ermordet, die Schafe massakriert, die Farm niedergebrannt …

Ich hätte mir vorher ausrechnen können, dass ich gegen McLeish nicht ankomme!, durchzuckte es ihn bitter. Der Rancher hatte gesiegt, aber wen konnte das schon wirklich wundern?

Und was jetzt?, fragte Nelson sich. Einfach liegen bleiben und sterben …?

Er spürte, wie Kraft und Mut ihn verließen. Er fühlte sich müde und schwach. Die Schmerzen, die seine Schussverletzungen verursachten, kamen ihm von neuem und umso stärker ins Bewusstsein.

Es war nicht mehr viel Leben in ihm, das war ihm klar.

Lethargie breitete sich in ihm aus und begann ihn zu lähmen.

Nelson dachte an den Tod.

Er spürte, dass er nahe an ihm dran war, so nahe wie vielleicht niemals zuvor.

Schwärze, Vergessen …

Das Ende aller Qualen, vielleicht eine Art Erlösung …

Aber da war noch etwas anderes in ihm, eine Pflanze, deren Same erst heute gelegt worden war: der Hass.

Der Gedanke, dass McLeish in dieser Sache das letzte Wort haben würde, wenn er jetzt starb, erschien ihm auf einmal geradezu unerträglich zu sein.

Alles in ihm lehnte sich dagegen auf, und das gab ihm neue Kraft, Kraft, die er schon verloren geglaubt hatte.

Der Tag wird kommen!, dachte er grimmig. Der Tag wird kommen, an dem abgerechnet wird!

Nelson hörte sein eigenes Keuchen, seinen eigenen schwachen Atem, der ihm zuvor wie ein Todesröcheln erschienen war.

Jetzt klang dieser Atem wie Musik, wie eine ständige Erinnerung daran, dass er noch lebte und nicht aufgeben durfte.

Seine Muskeln spannten sich, ächzend kam er hoch, bis er auf den Knien war.

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