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Albtraum Traumgewicht

Liebe Essstörungsbetroffene & Co.!

Ich möchte keine falschen Hoffnungen wecken.

Dieses Buch über mein noch junges Leben

mit Anorexia nervosa und Folgestörungen gehört nicht

eindeutig in die Kategorie der »Mut-mach-Bücher«. Leider.

Es gibt kein Happy End – aber auch kein dramatisches Finale.

Ich habe nur mein »normales« gestörtes Leben

aufgeschrieben. Das war schwierig genug.

Ich habe hinter meine familiären Kulissen und

in die Abgründe meiner psychischen Störungen geblickt.

Das Schreiben hat mir geholfen, klarer zu sehen –

zwei Jahrzehnte zurück und ein bisschen nach vorne.

Allheilmittel, wie man lernt, mit einer Essstörung

(mehr oder weniger gut) zu leben, habe ich nicht.

Jede/r muss wohl seinen eigenen Weg suchen.

Mit viel Glück hat man wohlmeinende, verständnisvolle

und sehr geduldige Menschen um sich. Ich habe dieses Glück.

S. H.

Fast alle in diesem Buch erwähnten Personen

und Institutionen wurden anonymisiert.

Sabine Henkes
mit Andrea Richter

Albtraum Traumgewicht

Mein Weg aus demDickicht
von Essstörung
und Therapien

Inhalt

Es war einmal – Kein Märchen

Vorgeschichten – Fern und nah

Neuseeland

Zurück

Kinderjahre – Jugendjahre

Traumgewicht und Magersucht – Erste Klinik

Einweisung

Essgestörte Jugendliche

Betreutes Wohnen – Gruppenzwang

Mamas Tagebuch

Zu viel von allem

Druck und Flucht

Dunkle Zeiten – Zweite Klinik

Psychiater des Vertrauens

Auf der Geschlossenen

Abitur mit 40 kg – Dritte Klinik

Hoch hinauf

Am falschen Ort

Glück auf Zeit – Reittherapie

Körperarbeit

Blindes Vertrauen

Spiegelbilder

Schwarzes Loch – Vierte bis sechste Klinik

Stimmen und Verfolger

Strom im Kopf

Im Sog des Albtraums – Siebte Klinik

Freiflugversuche

Am Ende

Betreut

Traum – Realität

Wechselschritte

Klarer Blick

Silberstreifen

Dank

Es war einmal – Kein Märchen

»Es war einmal … ein junges, hübsches, intelligentes Mädchen. Behütet wuchs es auf mit Eltern, Schwester und den beiden Großmüttern. Die Mutter des Mädchens wurde sehr krank, und die Großmütter starben viel zu früh.

Aus dem Spieglein an der Wand sprach da die ›Böse Königin Anorexia‹ zu dem Mädchen: ›Du bist nicht die Schönste und Beste und Klügste im ganzen Land. Du bist zu dick!‹

Das Mädchen nahm sich die Worte der Bösen Königin zu Herzen und aß viel weniger. Um all dem Unglück und der Bösen Königin zu entrinnen, reiste es bis ans andere Ende der Welt und verletzte sich dort.

Als das Mädchen zurückkam, aß es noch weniger, wurde immer dünner, bis es schließlich sehr krank war. Ärzte aus dem ganzen Land eilten herbei. Dann kam ein Prinz, und die beiden entbrannten in Liebe. Alle taten ihr Bestes, um dem Mädchen das Leben schmackhaft zu machen. Die Böse Königin aber beharrte auf ihrer Macht: ›Zu dick! Zu dünn! Zur Strafe sollst du jetzt auch gestört sein!«

Die Böse Königin hexte dem Mädchen Stimmen in den Kopf, auf dass sie immer und überall auf seine Gedanken zugreifen und es steuern konnte. Das Mädchen wusste gar nicht mehr, auf wen es hören sollte. In seiner tiefsten Verzweiflung beschloss das Mädchen zu sterben. Der Prinz und die ganze Familie waren überglücklich, als das Mädchen überlebte. Mit ihrer aller Hilfe nahm es den Kampf gegen die Böse Königin in seine eigenen zarten Hände. Das Mädchen weiß nun, dass es mit Mut und Selbstvertrauen die Verführungsmächte der ›Bösen Königin Anorexia‹ bannen wird. Es sieht bereits den silberhellen Streifen am Horizont.« Ende des Märchens, das keines ist:

»Das Mädchen lebt heute mit Prinz und Familie ein maßvolles, bescheidenes, manchmal glückliches und oft zuversichtliches Leben.«

Vorgeschichten – Fern und nah

2008, 1993-2010

Neuseeland

»Ach, da hat mich nur eine Katze gekratzt. It doesn’t matter.«

Meine Schwester auf Zeit hört meiner Erklärung schon gar nicht mehr zu. Sie ist mit ihrem Frühstück beschäftigt. Mit Schwung kippt sie Milch über ihr Müsli. Gut so.

Der dünne rote Strich auf meinem Unterarm puckert verlässlich. Noch besser. Der Druck ist weg.

Die Nagelschere auch, in meinem Kulturbeutel.

Erleichtert rede ich weiter: »Ich muss gleich los. Heute fahren wir mit unserem Kurs zum Polyfest der Maori.«

Lory lächelt und sagt mit vollem Mund: »Have a good time today!« Sie hebt den Daumen zur Bekräftigung. »But don’t forget our tennis tournament tomorrow.«

Tennisturnier?! Oh, das hätte ich fast vergessen. Die Exkursion zum Tanz- und Musikfestival ist mir viel wichtiger. Ich kann schon viele Worte Maori (Kia Ora Aotearoa = hallo Neuseeland!) und weiß einiges über die Kultur. Jetzt muss ich sausen – nicht, dass mein Kurs ohne mich fährt. Wie ich mich freue! Es wird sicher ein richtig guter Tag!

Das war vor acht Jahren, im Februar 2008, kurz nach meinem 15. Geburtstag in Auckland / Neuseeland. Am anderen Ende der Welt.

Ein paar Wochen zuvor war ich, mit meinen erst vierzehn Jahren, am Flughafen Berlin-Tegel in das Flugzeug gestiegen. Meine Traumreise hatte endlich begonnen: ein halbes Schuljahr im Ausland, auf Neuseeland – ganz alleine, ohne meine Eltern, ohne Großeltern, ohne meine ältere Schwester. Heute bin ich dreiundzwanzig und finde, dass ich damals ein ganz schön mutiger Teenager war.

Den Abschied am Flughafen hatten wir – Vater, Mutter, Schwester, Oma und ich – einigermaßen gut hingekriegt: Umarmungen, beste Wünsche, Tränen, Ziehen im Bauch, Winken. Dann einsteigen und anschnallen. Beschleunigung, Fahrwerksrumpeln, Bauchkribbeln und Körperschwere. Wir hoben ab. Aus grauem Nass wurde blaue Luft und Sonne.

Über den Wolken und viele tausend Meter hoch über der Erde durchrauschten mich Kribbelbläschen der Vorfreude. Ich fühlte mich so leicht. Die eingestreuten Angstpieckser waren okay. Ich hatte ja keine Ahnung, was mich wirklich erwarten würde.

Nach über dreißig Flugstunden mit vielen Zwischenstopps war ich dann in Auckland gelandet – eine halbe Weltkugel entfernt von daheim. Hier war jetzt Sommer, meine allerliebste Jahreszeit.

Der Winter – und mit ihm all das Komplizierte, das sich über meine Familie gelegt und in mir zu Klumpen geballt hatte – blieb dort, wo es für mich hingehörte: in Europa, in Berlin, in unserem Haus. Ich wollte nur weg, möglichst weit weg von allem.

Doch mein Seelengepäck war heimlich mit dabei – ultraleicht perfekt getarnt. Selbst ein Flughafenscanner für psychische Belastungen (zum Glück gibt es so eine Maschine nicht) hätte mich als »emotional unbedenklich« durchgewinkt.

So schwebte ich gegen den Lauf der Sonne dem Abenteuer entgegen: ahnungslos, sorgenlos und in heller Erwartung.

Gelandet! Auf dem Fließband ruckelt mein Riesenkoffer heran. Es ist unverkennbar meiner: so groß, dass ich mühelos selbst darin Platz gefunden hätte. Er beherbergt meine gesamte Ausrüstung für 183 Tage, für ein ganzes halbes Jahr.

Schon Wochen vor dem Abflug war die familiäre Planung angelaufen: was ich sicher brauchen würde, was vielleicht, was doch nicht, welche Gastgeschenke und so weiter. Letztendlich hatte ich fast alles mitgenommen – für Sommer und Winter, für diverse Sportarten, dazu Bücher, Walkman, Sonnenschutz, Pass, Visum, Notgeld, Notessen für unterwegs (Mama und Oma hatten wirklich für alles gesorgt) und ein paar tröstliche Glücksbringer, auch von meinen Freundinnen in der Waldorfschule, falls ich mich mal einsam fühle und damit ich sie nicht vergesse.

Jetzt bin ich wirklich gespannt auf meine Gastfamilie. In der mitternächtlichen Ankunftshalle des Flughafens von Auckland sollen sie mich erwarten. Wer von ihnen wohl kommen wird?

Aber jetzt: nichts. Gähnende Leere. Hinter mir nur hastende Fluggäste, zwei Flugkapitäne und Stewardessen mit eiernden Rollköfferchen. Dann sind alle nach draußen verschwunden. Ein Reinigungsfahrzeug zieht akkurat seine feuchten Bahnen.

Bin ich zu früh gelandet? Oder zu spät? Am falschen Tag? Beim Zoll war ich einige Zeit steckengeblieben, weil ein Stempel in meinem Reisepass gefehlt hatte. Ist meine Gastfamilie schon wieder weg?

Mir wird ganz schwach. Aus unerfindlichen Gründen habe ich weder eine Telefonnummer noch irgendeine Adresse oder Foto zur Hand, um meine neue Familie zu erkennen. Doch da ist niemand, der auch nur entfernt in Frage käme.

In deprimierend stummer Gesellschaft meines Monsterkoffers stehe ich gut sichtbar in der Halle rum – mutterseelenallein. Und genauso fühle mich: ganz ohne meine Mutter. Plötzlich sehne ich mich heftig nach ihr. Tränen drücken hoch. Peinlich.

»Hello, Sabine! Here we are, sorry for being too late! How do you do?« Lebhafte Stimmen, alle durcheinander. »Nice to meet you! Did you have a good journey? Now we are your new family!«

»Thank you, fine, nice to meet you too.«

Herrje, Schulenglisch, hölzern. Aber ich bin so erleichtert! Mein Gastvater, meine Geschwister auf Zeit – ein Mädchen, zwei Jahre jünger als ich, und ihr sechzehnjähriger Bruder – dazu dessen Freundin, begrüßen mich herzerwärmend freundlich.

In meinem Kopf dreht sich’s nervig angespannt weiter: Wohin fahren wir jetzt? In welchem Haus wohnen sie? Werde ich ein eigenes Zimmer haben? Oder eins mit meiner neuen Schwester Lory zusammen? Hoffentlich passt Monsterkoffer ins Auto! Ob ihre Mutter auch nett ist?

Und wieder einmal habe ich mir völlig umsonst Sorgen gemacht: Meine Gastmutter empfängt mich mit gewinnendem Lächeln und fester Umarmung. Sie hatte im Haus schon auf uns gewartet.

Mein Beitrag zur Konversation stagniert auf Erstklässlerniveau: »Hello … thank you so much … hungry? – only a little bit … yes I’m tired.«

Den Imbiss kaue und schlucke ich wie ferngesteuert. Unter der heißen Dusche schlafe ich fast im Stehen. Dann darf ich in ein Bett fallen. Tiefschlaf …

Sechzehn Stunden lang. Datum, Uhrzeit, A.M. oder P.M., Jahreszeit, Kontinent, Erde?

Meine inneren Koordinaten liegen noch flach.

Aber ich fühle mich geborgen.

Krähend-quietschige TV-Stimmen aus dem Wohnzimmer, die kenn’ ich doch? Ist das nicht … ja, SpongeBob!

Lory, John und ich, alle drei noch im Schlafanzug, rücken auf der Couch vor dem Fernseher zusammen. Dann müssen wir gleichzeitig lachen. Diese Unterwasser-Trickfilmfiguren kennt anscheinend jedes Kind auf der Welt.

»SpongeBob translatetd in german language, really?!«

Lory findet das witzig. Ich nicht. Für mich sprach SpongeBob immer Deutsch. Ich finde, dass es auf amerikanisch komisch klingt. Fast so strange wie der neuseeländische Englischdialekt der beiden.

Mich reitet ein Teufelchen: »In German SpongeBob means Schwammkopf. Lory, try to say ›Schwammkopf‹.«

Zugegeben: ein Zungenbrecher. Ich grinse. John, unser jetzt gemeinsamer großer Bruder, auch.

Ich lebte mich überraschend schnell ein – in die Familie, in die englische Sprache und in das »verkehrte« Klima: Sommerferien im Januar, das war echt aufregend. Die Schule würde erst in zwei Wochen beginnen. Das hübsche ebenerdige Haus der Familie Butler – ich hatte zum Glück ein eigenes Zimmer – lag traumhaft schön auf der schmalen Halbinsel Bucklands Beach im Osten von Auckland City. Nur ein paar Schritte zum Sandstrand, und schon konnten wir in der weitgeschwungenen Bucht im Pazifischen Ozean schwimmen und jede Menge Spaß haben.

Anfang der zweiten Woche fuhr mein Gastvater mit mir in das Macleans College. Bei den Vorgesprächen und der offiziellen Anmeldung ahnte ich schon, dass hier ein anderer Wind wehen würde, als in der anthroposophischen Schule in Berlin. Schuldirektor und Lehrer waren nett zu mir, aber irgendwie streng. Mit ein paar gezielten Fragen ermittelten sie meinen Wissenstand – und schon war ich in eine 10. Klasse eingeordnet. Zu Hause ging ich erst in die neunte! Alle Schulfächer – Maths, Science, English (Muttersprache für alle anderen, Fremdsprache für mich) und die Wahlfächer – wurden natürlich auf Englisch unterrichtet. Ob ich das schaffen würde? Keine Zeit für Zweifel. Welche Wahlfächer ich nehmen würde? Auf die Schnelle entschied ich mich für Französisch, Kunst und Maori. In Französisch und Kunst war ich gut, und die Kultur und Sprache der Maori, der Ureinwohner Neuseelands, reizten mich, weil ich gar nichts darüber wusste. Aber deshalb war ich ja auch hier.

Die letzten freien Tage vor Schulbeginn vergingen rasend schnell. Tausend neue Eindrücke, keine Zeit zum Denken. Das Leben war hier so anders als in Deutschland, und alle Menschen erschienen mir viel lockerer und spontaner.

Lory und ich fuhren mit der Fähre zu einem Einkaufszentrum zum Shoppen (ein neuer Bikini, mein alter machte keine so gute Figur), dann wieder an den Strand zum Baden, und am Wochenende mit der ganzen Familie nach Auckland City und auf den Mount Eden. Ich war schwer beeindruckt: Die moderne Großstadt Auckland im Norden der neuseeländischen Nordinsel wird eingefasst von zwei Meeren (im Osten der Pazifik, im Westen die Tasmanische See), vielen sandigen Felsbuchten und mehr als vierzig uralten Vulkankegeln. Sabine aus Berlin auf dem »Pazifischen Feuerring«!

So gerne wäre ich weiter auf der Insel herumgereist. Doch der erste Schultag und die Prozedur des Einkleidens rückte näher. Lory und John schlüpften probeweise in ihre Schuluniformen vom letzten Jahr. Alles passte noch. Doch was sollte ich anziehen?

Meine Gastmutter war kurz ratlos: »Where do we get a school uniform for Sabine? She is such a tall girl!«

Tatsächlich war ich mit 1,70 Meter groß gewachsen, schmalgliedrig und vor allem schlank (die Waage im Badezimmer musste mir das ab und an bestätigen). Zu meinem Glück war Johns sechzehnjährige Freundin über die Weihnachtsferien aus allem rausgewachsen und schenkte mir ihre komplette Uniform: roter Karorock (knielang), hellblaues Poloshirt (mit gebügeltem Kragen), leuchtendblaues Sweatshirt (links auf der Brust das Schulemblem), blau-weiß-rot gestreifter Schal mit Fransen und ein Paar Sneaker. Optisch war ich jetzt schon ein richtiges Macleans college girl. Das gefiel mir – ich wollte dazugehören.

Nun brauchte ich nur noch eins: mein stationary. Das ist ein vorgepacktes Paket, prall gefüllt mit allen Schulsachen für ein Semester: Schulbücher, Hefte, Block, Farbstifte, Radiergummi, Lineal usw. Niemand musste sich hier Bücher in der Schule ausleihen und den bunten Arbeitskram in Schreibwarengeschäften selbst zusammenkaufen. Ich fand das praktisch; das neuseeländische Schulsystem schien effektiv zu sein.

Mein erster Schultag war in Ordnung. Ich war die Größte und Älteste in meiner 10. Klasse, da die Kinder in Neuseeland schon mit fünf Jahren eingeschult werden, während ich damals sechseinhalb war. Meine Mitschülerinnen fanden mich wohl interessant und löcherten mich mit Fragen: »Oh, you are from Germany, really?! Is it in Europe? How long do you stay? Do you like it here?«

So viel Freundlichkeit hatte ich nicht erwartet, sicherheitshalber.

Ein Lehrer beendete kurzerhand unser Geplapper. Am College war wirklich Schluss mit dem lockerem Neuseelandleben. Jeden Tag vor Unterrichtsbeginn mussten wir uns in zwei Reihen vor dem Klassenzimmer aufstellen – eine Reihe Jungs, eine Reihe Mädchen. Strenge Kontrollblicke: Saß der Kragen glatt? Blitzte der Rand des T-Shirts raus? Alle Knöpfe geschlossen?

Selbst kleinste Verfehlungen – nicht nur bei der Schuluniform – wurden streng geahndet. Es gab Housedetentions und Principaldetentions. Ein Junge aus meiner Klasse hatte im Unterricht gegähnt, dafür bekam er eine extra Hausarbeit aufgebrummt. Für stärkere Vergehen gab’s Schulstrafen, das hieß Nachsitzen in der Schule nach Ende des Unterrichts um 15 Uhr. Sitzen ist nicht wörtlich zu nehmen, man musste die Klassenräume putzen, saugen und wischen. Die Hausaufgaben mussten natürlich trotzdem noch gemacht werden. Ich passte mich schnell an und provozierte keine Konflikte – was mir hier nicht einmal schwerfiel. Mit den stets drohenden Detentions hatte ich kein Problem, im Gegenteil: Mir imponierte die Klarheit der Verhaltensregeln. Entweder man hielt sich dran oder nicht; die Konsequenzen konnte jeder begreifen.

Wenn ich an unserer Schule zu wild oder zu vorlaut war, trafen mich nur tadelnde Blicke der Lehrer oder ein mildes: »Aber Sabiiine!« Das konnte man getrost ignorieren.

Am College gehörte ich bald dazu und fand tolle Freunde. Das Lernen für Maths, Science, English, Art und Maori funktionierte gut, weil ich schon immer leicht lernte und mich hier extra reinhängte. Et le Français? Manchmal war ich nach der Schule so müde, dass ich kaum noch klar denken konnte. Französisch wurde tags auf Englisch gelehrt, bei den Hausaufgaben am späten Nachmittag musste ich zum besseren Verständnis oft erst ins Deutsche übersetzen und dann wieder zurück ins Französische oder Englische. Manchmal war ich ganz wirr im Kopf.

Über die ganzen sechs Monate telefonierte ich jeden Tag mit meiner Mutter am PC per Skype. Sie ist Lehrerin, unterrichtet an einem Gymnasium und kann sehr gut Französisch. Sie half mir bei diesen Hausaufgaben – zu meiner Entlastung und weil es uns freute, zusammen zu arbeiten. Dank der weiträumigen Trennung konnten wir uns fast vertraut unterhalten. Unsere dicken Probleme – ihre und meine und unsere gemeinsamen (ich werde später mehr dazu erzählen) – blieben einfach »auf der Strecke«. Manchmal war ich nach unseren Gesprächen innerlich wie aufgeweicht und hätte heulen können vor Sehnsucht.

Im Lauf der ersten vier Wochen auf Neuseeland flaute der Reiz des Neuen naturgemäß etwas ab. Das Leben fühlte sich bald schon ziemlich alltäglich an. Lory, John und ich standen jeden Morgen früh auf, frühstückten zusammen, fuhren mit dem Bus zur Schule, am Nachmittag machte jeder seine Hausaufgaben, dann Abendessen, Fernsehen, Bett. Am Wochenende gemeinsames Einkaufen oder Ausflüge. Der Familienrhythmus war nicht so anders als daheim.

Und doch schlichen sich kleine Irritationen ein. Was ich anfänglich als »exotisch anders« empfunden hatte, verunsicherte mich nun. Nicht viel, aber ein bisschen. Warum aß meine Gastfamilie nie zusammen an einem Tisch? Ob beim Frühstück oder abends oder am Wochenende: Die Eltern saßen am Tisch im Esszimmer, und wir drei Kinder lümmelten im Wohnzimmer auf der Couch mit unseren vollen Tellern. Dabei lief unablässig der Fernseher mit irgendwelchen doofen Serien.

Das gab’s bei uns zu Hause nie. Wir vier kochten oft zusammen, aßen gemeinsam am Esstisch, redeten miteinander – und stritten. Hauptsächlich meine Mutter und ich. Ich fand sie ungerecht, weil ich nie etwas recht machte, obwohl ich mich so bemühte (meine Meinung!), und sie kam mit meinen – zugegeben: pubertären – Widerworten nicht klar. Also alles normal, wie in fast allen Familien. In der Familie Butler lebten Eltern und Kinder gutgelaunt, aber, wie es mir schien, etwas zu reibungslos nebeneinander her. Keine gereizten Worte, keine verletzenden Auseinandersetzungen, no problems at all. Komisch, dass mich das jetzt störte. Bis ans Ende der Welt war ich ausgewichen, um meinen Frieden zu haben. Hier hätte ich ihn haben können. Der Widerspruch knabberte in mir.

Ich konnte mich wirklich nicht beklagen, denn meine Gastmutter war nett und rücksichtsvoll: Extra für mich kochte sie vegetarisches Essen, obwohl die ganze Familie gern und viel Fleisch aß. Nie im Leben hätte ich Burger oder Steaks oder gar neuseeländische Lämmlein runtergekriegt.

Ich war vielleicht zehn Jahre alt, als ich auf einem Bauernhof bei Berlin echte, lebendige Schweine das erste Mal bewusst wahrgenommen hatte: Es mag kindisch klingen, aber ich war hingerissen, wie sie mit ihren Steckdosenrüsseln am Boden schnoberten, grunzten und mich unter wippenden dreieckigen Ohren mit ihren Äuglein kühl abschätzten. Die hellen, borstigen Wimpern fand ich nicht so toll. Aber schockartig begriff ich den unglücklichen Zusammenhang von »Schwein« und »Wurst«. Ich aß nie wieder etwas, was vorher gegrunzt, gegackert oder gemuht hatte oder stumm blubbernd herumgeschwommen war.

Fische, Wasser … Ich musste an unser Planschbecken im Garten denken, in dem ich schon als kleines Kind so lange rumtobte, bis ich ganz kalt war und Mama mich in den Bademantel kuschelte. Nun wartete der Ozean direkt vor meiner Nase auf mich – doch Pustekuchen, an Schultagen blieb keine Zeit dafür.

Dann, an einem Donnerstag Ende Februar – es war mein fünfzehnter Geburtstag, meine Freundinnen im College hatten schon Luftballons für mich fliegen lassen –, überraschten mich meine Gasteltern mit einem extraordinary present: Zu fünft fuhren wir nach der Schule zu einem Picknick am Pazifik. Ich freute mich riesig.

Juhu!

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