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Albert muss nach Hause

HOMER HICKAM

ALBERT
MUSS NACH
HAUSE

Die irgendwie wahre Geschichte eines Mannes, seiner Frau und ihres Alligators

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

ALBERT MUSS NACH HAUSE

erzählt von Homer Hickam (dem Jüngeren)

In den Hauptrollen:

Elsie Lavender Hickam,

die dachte, ihre Worte hätten den Anstoß zur Reise gegeben

Homer Hickam (der Ältere),

der dachte, sein Verhalten hätte den Anstoß zur Reise gegeben

Albert Hickam,

der tatsächlich den Anstoß zur Reise gegeben hatte

Der Hahn,

dessen Rolle in dieser Reise sich nicht ganz erschließt

DIE ETAPPEN DER REISE

Die Vorgeschichte

I. Teil

Wie die Reise begann

In dem Elsie und Homer beschließen, Albert nach Hause zu bringen, der Hahn sich ihnen anschließt, Homer eine erste Ahnung davon bekommt, wie viel Ärger ihn erwartet, Elsie alleine tanzt und Albert eine Bank überfällt.

II. Teil

Wie Elsie unter die Radikalen ging

In dem John Steinbeck einen Gastauftritt hat, Homer das Opfer einer Verwechslung wird und Elsie und Albert einen fragwürdigen Kampf ausfechten.

III. Teil

Wie Elsie die Thunder Road entlangfuhr, Homer ein Gedicht schrieb und Albert die Wirk lichkeit transzendierte

In dem Elsie selbstgebrannten Alkohol schmuggelt, Homer einen verrückten Dichter und dessen Geliebte kennenlernt und wir langsam begreifen, dass Albert möglicherweise für etwas Größeres steht.

IV. Teil

Wie Homer seine Baseball-Lektion lernte und Elsie Krankenschwester wurde

In dem Homer und Albert Baseball spielen, Elsie Krankenschwester wird und noch ein paar schmerzhafte Erfahrungen gemacht werden.

V. Teil

Wie Elsie sich in den Strand verliebte und Homer und Albert sich der Küstenwache anschlossen

In dem Elsie herausfindet, wo sie wirklich hingehört, und Homer und Albert sich eine schreckliche, blutige Seeschlacht mit Schmugglern und anderem seefahrenden Gesindel liefern.

VI. Teil

Wie Albert flog

In dem Homer Georgia findet, Elsie eine Flugstunde ohne Sicherheitsgurt nimmt und ein niedergeschlagener Homer und ein glücklicher Albert zu den Wolken aufsteigen.

VII. Teil

Wie Homer und Elsie einen Film retteten und Albert ein Krokodil spielte

In dem Homer schon wieder verwechselt wird, Elsie ihren Mann plötzlich mit ganz neuen Augen sieht und sich Albert (unter Berufung auf die künstlerische Freiheit) als Zelluloidkrokodil die Seele aus dem Leib spielt.

VIII. Teil

Wie Homer und Elsie einen Hurrikan überstanden  – einen echten und einen in ihren Herzen

In dem Ernest Hemingway als Gast auftritt, Elsie von allem und jedem, inklusive Albert, bezaubert und beunruhigt zugleich ist und Homer sich einem tobsüchtigen Hurrikan stellen muss.

IX. Teil

Wie Albert zu guter Letzt doch noch nach Hause gebracht wurde

In dem Elsie eine schreckliche Entscheidung treffen muss, Homer nicht weiß, wie er ihr helfen soll, es aber tut, Buddy Ebsen einen Gastauftritt hat, Albert nach Hause gebracht wird und die Reise ein Ende findet, es in gewisser Hinsicht aber doch nicht tut.

ANHANG

Epilog

Noch ein Postskriptum

Danksagung

Fotografien

Die Vorgeschichte

Bevor mir meine Mutter von Albert erzählte, hatte ich keine Ahnung von der abenteuerlichen und gefährlichen Reise, die sie und mein Vater unternommen hatten, um ihn nach Hause zu bringen. Ich wusste nicht, wie sie zueinandergefunden hatten oder was sie zu den Menschen gemacht hatte, die ich kannte. Ich wusste auch nicht, dass meine Mutter nie ganz aufgehört hatte, einen Mann zu lieben, der später ein berühmter Hollywoodschauspieler wurde, oder dass mein Vater diesen Mann kennenlernte, nachdem er einen gewaltigen Hurrikan überstanden hatte, der nicht nur in den Tropen, sondern auch in seiner Seele gewütet hatte. Die Geschichte von Albert hat mir das alles nähergebracht und mich dazu noch einiges mehr gelehrt, nicht nur über meine Eltern, sondern auch über das Leben, das sie mir geschenkt haben, und das Leben, das wir alle führen, auch wenn uns die Hintergründe verborgen bleiben.

Meine Eltern unternahmen diese Reise 1935, sechs Jahre nach dem großen Börsenkrach, mitten in der Wirtschaftskrise. Damals zählte Coalwood kaum mehr als tausend Einwohner, und die meisten von ihnen waren – wie meine zukünftigen Eltern – junge Ehepaare, die mit dem Kohlebergbau aufgewachsen waren. Wie ihre Väter und Großväter vor ihnen standen die Männer jeden Tag auf und gingen zur Arbeit in die Mine, wo sie mit Bohrern, Sprengstoff, Hacken und Schaufeln der Kohle zu Leibe rückten, während das Dach über ihnen ächzte und Risse bekam und manchmal einstürzte. Der Tod war allgegenwärtig. Zwischen den jungen Männern und Frauen von Coalwood lag deswegen immer eine gewisse Melancholie in der Luft, wenn sie sich am Morgen verabschiedeten. Doch im Namen der Lohntüte musste man sich dann eben doch trennen, und die Männer trotteten davon und reihten sich in die lange Kolonne der Bergwerksarbeiter ein. Mit baumelnden Lunchpaketen und schwer stapfenden Stiefeln lenkten sie ihre Schritte dem tiefen dunklen Untergrund entgegen.

Während ihre Männer sich in den Kohlebergwerken abschufteten, fochten die Frauen von Coalwood in den Häusern, die ihnen die Firma zur Verfügung stellte, den nicht enden wollenden Kampf gegen den Staub. Schnaufende Kohlezüge ratterten über die Schienen, die nur wenige Meter neben den Häusern verliefen, und wirbelten dichte Wolken aus erstickendem Ebenholzpulver auf, das durch jede Ritze drang, egal wie fest man die Türen und Fenster schloss. Die Menschen von Coalwood sogen den Staub mit jedem Atemzug ein und sahen ihn wie grauen Nebel aufsteigen, wenn sie durch die Straßen gingen. Er stieg aus ihren Kissen auf, wenn sie ihre müden Häupter darauf betteten, und er erhob sich in einer glitzernden Wolke, wenn sie beim Aufwachen die Decken zurückschlugen. Jeden Morgen standen die Frauen auf und kämpften gegen den Staub, und am nächsten Tag standen sie wieder auf und kämpften wieder gegen den Staub, nachdem sie ihre Männer in die Kohlemine geschickt hatten, damit diese immer noch mehr Staub produzierten.

Die Kindererziehung überließ man ebenfalls den Frauen. Es war eine Zeit, in der Scharlach, Masern, Grippe, Typhus und andere unerkannte fiebrige Krankheiten regelmäßig durch das kleine Bergbaustädtchen fegten und schwache wie kräftigere Kinder niederstreckten. Es gab nur wenige Familien, die kein Kind verloren hatten, und auch die tägliche Angst um Ehemänner und den Nachwuchs forderte ihren Tribut. Es dauerte meist nur wenige Jahre, bis sich die natürliche, süße Unschuld eines jungen Mädchens aus West Virginia in eine raue, harte Schale verwandelt hatte, die den Frauen der Kohlereviere zu eigen war.

Das war die Welt von Homer und Elsie Hickam, meinen Eltern, bevor sie meine Eltern wurden. Es war eine Welt, die Homer akzeptierte. Es war eine Welt, die Elsie verabscheute.

Andererseits konnte sie gar nicht anders. Immerhin hatte sie eine Weile in Florida gelebt.

***

Lange nach der Reise, die meine Eltern unternahmen, um Albert nach Hause zu bringen, kamen mein Bruder Jim und ich zur Welt. Wir verbrachten unsere Kindheit in den Vierzigern und Fünfzigern in Coalwood, als die Stadt schon etwas älter war und sich bereits einige Annehmlichkeiten wie geteerte Straßen und Telefone eingeschlichen hatten. Es gab sogar Fernsehen, und ohne Fernsehen hätte ich vielleicht nie von Albert erfahren. Denn als ich zum ersten Mal von ihm hörte, lag ich auf dem Wohnzimmerteppich und schaute mir eine Wiederholung der Walt-Disney-Serie über Davy Crockett an. Diese Sendung hatte ihn mehr oder weniger zum beliebtesten Mann in den Vereinigten Staaten gemacht, noch beliebter als Präsident Eisenhower. Tatsächlich gab es kaum einen Jungen in den USA, der nicht gern eine von Davys charakteristischen Mützen aus Waschbärenfell gehabt hätte, und dazu gehörte auch ich, aber ich bekam nie eine. Mom mochte diese kleinen Wildtiere viel zu sehr, um solche grausamen Dummheiten zu unterstützen.

Meine Mutter betrat das Wohnzimmer, als Davy und sein Freund Georgie Russell auf unserem 21-Zoll-Schwarz-Weiß-Bildschirm gerade durch den Wald ritten. Georgie sang die Ballade von Davy Crockett, dem König der Wildnis, der im Alter von drei Jahren schon einen Bären erlegt hatte. Es war eine eingängige Melodie, und wie Millionen andere Kinder im ganzen Land kannte ich jedes Wort auswendig. Nachdem meine Mutter eine Weile schweigend zugesehen hatte, sagte sie: „Das war ein Bekannter von mir. Der hat mir damals Albert geschenkt.“ Dann drehte sie sich um und ging zurück in die Küche.

Ich war so auf Davy und Georgie konzentriert, dass es einen Moment dauerte, bis mein jugendlicher Verstand die Bemerkung meiner Mutter erfassen konnte. Bei der nächsten Werbepause stand ich auf und ging zu ihr in die Küche.

„Mom? Hast du vorhin gerade gesagt, du kennst wen aus der Davy-Crockett-Show?“

„Den Mann, der das Lied gesungen hat“, sagte sie und klatschte einen Löffel Fett in die Bratpfanne. Ich sah den sämig-klumpigen Brei in der Schüssel neben dem Herd und vermutete, dass es zum Abendessen ihre berühmten Kartoffelpuffer geben würde.

„Du meinst Georgie Russell?“, fragte ich.

„Nein, Buddy Ebsen.“

„Wer ist Buddy Ebsen?“

„Der Mann, der eben im Fernsehen gesungen hat. Allerdings kann er besser tanzen als singen. Ich war mit ihm bekannt, als ich in Florida bei meinem reichen Onkel Aubrey gelebt habe. Als ich deinen Vater geheiratet habe, hat Buddy mir Albert als Hochzeitsgeschenk geschickt.“

Weder von Buddy noch von Albert hatte ich jemals gehört, umso öfter jedoch vom reichen Onkel Aubrey. Meine Mutter fügte grundsätzlich das Adjektiv „reich“ zu seinem Namen hinzu, obwohl sie auch erzählt hatte, dass er beim Börsencrash von 1929 sein gesamtes Vermögen verloren hatte.

Ich hatte ein Foto vom reichen Onkel Aubrey gesehen. Ein Mann mit rundem Gesicht, der mit zusammengekniffenen Augen ins helle Sonnenlicht blickt und sich dabei auf einen Golfschläger stützt. Der reiche Onkel Aubrey trug eine Schiebermütze, einen schicken Pullover über einem Hemd mit offenem Kragen, Knickerbocker und weiße Gamaschen über braunen Schuhen. Hinter ihm konnte ich einen winzigen Aluminiumwohnwagen sehen, der sein Zuhause war, und ich hatte den Verdacht, dass der reiche Onkel Aubrey gar nicht so viel Geld brauchte, um reich zu sein.

Um die Sache weiter aufzuklären, hakte ich nach. „Du warst also bekannt mit … Georgie Russell?“

„Wenn Buddy Ebsen und Georgie Russell dieselbe Person sind, dann ja.“

Ich stand da und bekam den Mund nicht mehr zu. Eine nervöse Aufregung befiel mich, ich konnte es kaum erwarten, den anderen Jungs in Coalwood zu erzählen, dass meine Mutter mit Georgie Russell bekannt war. Das war nur einen Schritt davon entfernt, Davy Crockett selbst zu kennen. Garantiert würde mich jeder beneiden!

„Albert war ein paar Jahre bei uns“, fuhr meine Mutter fort. „Als wir noch in dem anderen Haus gewohnt haben. Die Straße runter, vor der Haltestelle. Bevor ihr zur Welt gekommen seid, dein Bruder und du.“

„Wer ist Albert?“, fragte ich.

Für einen Augenblick wurde der Blick meiner Mutter ganz sanft. „Habe ich dir nie von Albert erzählt?“

„Nein“, sagte ich, während ich hörte, wie die Werbung endete und das Geräusch von Steinschlossgewehren wieder aus dem Fernsehgerät dröhnte. Davy Crockett legte wieder los, und ich horchte mit einem Ohr Richtung Wohnzimmer.

Sie merkte, wie der Fernseher mich ablenkte, also deutete sie mir mit einer ungeduldigen Handbewegung, ins Wohnzimmer zu gehen. „Ich erzähl dir hinterher von ihm. Die Geschichte ist ein bisschen kompliziert. Dein Vater und ich … na ja, wir haben ihn nach Hause gebracht. Albert war ein Alligator.“

Ein Alligator! Ich machte den Mund auf, um weitere Fragen zu stellen, doch sie schüttelte den Kopf. „Später“, sagte sie und wandte sich wieder ihren Kartoffelpuffern und ich mich Davy Crockett zu.

Im Laufe der Jahre hat meine Mutter ihr Versprechen eingelöst und mir erzählt, wie sie Albert nach Hause gebracht haben. Ab und zu, wenn meine Mutter ihn dazu ermunterte, steuerte auch mein Vater seine Sicht auf die Geschichte bei.

Selten kümmerten sie sich um die richtige Reihenfolge der Geschehnisse oder darum, dass ich Ausschnitte davon bereits in einer völlig anderen Version gehört hatte. Doch während ich den Erzählungen zuhörte, entfalteten sie sich zu einer lebendigen, zwar etwas zusammenhanglosen, zweifellos aber legendenhaften Geschichte eines jungen Ehepaars, das in Begleitung eines ganz besonderen Alligators (und seltsamerweise eines Hahns) das Abenteuer seines Lebens erfuhr – auf einer Reise in den Süden, wo ich sie mir immer unter der goldenen Sonne eines Landschaftsmalers und dem Quecksilbermond eines Dichters vorstellte.

Nachdem mein Vater sich verabschiedet und die Leitung der himmlischen Kohlebergwerke übernommen hatte und meine Mutter ihm gefolgt war, um Gott zu erklären, wie er den Rest seiner Geschäfte zu organisieren hatte, flüsterte mir eine leise, aber hartnäckige Stimme ins Ohr, dass ich die Geschichte ihrer Reise niederschreiben sollte. Als ich dieser Stimme Gehör schenkte und anfing, die einzelnen Teile zusammenzusetzen, begriff ich, warum. Wie bei einer schönen Blüte, die sich öffnet, um die Morgendämmerung zu begrüßen, enthüllte sich in dieser Geschichte eine tiefer liegende Wahrheit. Die Geschichte, wie meine Eltern Albert nach Hause brachten, ging etwas weiter, als die schillernden Erzählungen jugendlicher Abenteurer vermuten ließen. Zusammengefasst waren sie der Beweis des größten und wahrscheinlich einzig wahren Geschenks, das der Himmel uns macht – dieses wundersame und großartige Gefühl, das wir so unzureichend als Liebe bezeichnen.

Homer Hickam (der Jüngere)

I. TEIL

Wie die Reise begann

1. Kapitel

Als Elsie in den Garten kam, um nachzusehen, warum ihr Mann nach ihr geschrien hatte, sah sie Albert auf dem Rücken im Gras liegen. Seine kleinen Beine waren gespreizt, sein Kopf zurückgeworfen. Sie war sicher, dass ihm etwas Schlimmes passiert sein musste, doch als ihr Alligator den Kopf hob und sie anlächelte, wusste sie, dass es ihm gut ging. Ihre Erleichterung war geradezu spürbar und beinahe überwältigend. Schließlich liebte sie Albert mehr als ziemlich alles andere auf der Welt. Sie kniete sich neben ihn und kratzte ihm den Bauch, während er vor lauter Wonne mit den Pranken wedelte und sein zahnigstes Grinsen grinste.

Mit seinen gut zwei Jahren war Albert knapp einen Meter vierzig lang, und das war groß für sein Alter, so stand es jedenfalls in dem Buch, das sie über Alligatoren gelesen hatte. Er war ummantelt von einer dicken Haut aus wundervollen olivfarbenen Schuppen, und er hatte gelbe Streifen an den Seiten, die laut Elsies Buch im Laufe der Zeit verschwinden würden. Erhabene Schuppenkämme verliefen über seine ganze Länge bis zur Schwanzspitze, und sein Bauch war weich und hell. Seine ausdrucksvollen Augen waren goldfarben, doch in der Nacht glühten sie in unwiderstehlichem Rot. Seine Miene war umwerfend, seine Nasenlöcher saßen haargenau an der Spitze seiner Schnauze, damit er atmen konnte, wenn er mit dem ganzen Körper im Wasser lag. Außerdem hatte er einen bezaubernden Überbiss, der den Blick auf Reihen blendend weißer Zähne freigab. Er war so ziemlich der hübscheste Alligator, den es je gegeben hatte, fand Elsie.

Natürlich war Albert auch klug, so klug, dass er Elsie wie ein Hündchen durchs Haus folgte. Wenn sie sich hinsetzte, krabbelte er auf ihren Schoß und ließ sich kraulen wie eine Hauskatze. Das war gut, denn sie hätte sich weder einen Hund noch eine Katze anschaffen können, seit Albert angefangen hatte, ihnen unter dem Bett oder in dem kleinen betonierten Teich aufzulauern, den ihr Vater für ihn gebaut hatte. Zwar hatte er noch nie einen Hund oder eine Katze gefressen, aber manches Mal war er kurz davor gewesen, so kurz davor, dass beide Spezies das Hickam-Haus und den dazugehörigen Garten für die nächsten hundert Jahre für verbotenes Territorium erklärt hatten.

Nachdem Elsie das Lächeln ihres „lieben kleinen Jungen“ erwidert hatte, wie sie ihn gerne nannte, fiel ihr Blick auf ihren Mann, der aufgehört hatte zu schreien und sie mit einem Gesichtsausdruck ansah, den sie als leicht verdrossen deutete. Auch sein seltsamer Aufzug entging ihr nicht. „Homer, wo ist deine Hose?“, fragte sie.

Homer antwortete nicht sofort. Stattdessen sagte er: „Ich oder der Alligator.“ Dann sagte er es noch einmal, diesmal ganz leise und langsam. „Ich … oder … der … Alligator.“

Elsie seufzte. „Was ist denn passiert?“

„Ich saß gerade auf der Toilette, als dein Alligator auf einmal aus der Badewanne geklettert ist und sich meine Hose geschnappt hat. Wenn ich sie nicht schnell ganz ausgezogen hätte und davongerannt wäre, hätte er mich garantiert getötet.“

„Ich glaube, wenn Albert die Absicht hätte, dich zu töten, hätte er das schon längst getan“, erwiderte Elsie kühl. „Was soll ich jetzt deiner Meinung nach tun?“

„Entscheide dich. Entweder ich oder er. Damit hat es sich.“

Da war es nun passiert. Sie fragte sich, wie lange sie es schon kommen gesehen hatte. Trotzdem wusste sie keine andere Antwort als die, die sie ihm jetzt gab. „Ich werde darüber nachdenken.“

Homer konnte es nicht fassen. „Du musst darüber nachdenken, wenn du dich zwischen dem Alligator und mir entscheiden sollst?“

„Ja, Homer, und genau das werde ich tun“, sagte Elsie, bevor sie Albert auf den Bauch drehte und ihm bedeutete, ihr zu folgen. „Komm mit in die Küche, mein Junge, Mama hat leckeres Hühnchen für dich.“

***

Ungläubig sah Homer zu, wie Elsie Albert in die Küche führte. Jack Rose, ein Nachbar und Kollege aus dem Kohlebergwerk, war an den Zaun getreten und hustete diskret. „Du wirst dir noch eine Erkältung holen, mein Lieber“, sagte er. „Vielleicht solltest du dir lieber eine Hose überziehen.“

Homer lief dunkelrot an. „Hast du das mitgehört?“

„Das hat wahrscheinlich die ganze Nachbarschaft mitgehört.“

Homer war klar, dass ihm furchtbare Hänseleien auf der Arbeit bevorstanden. Bergwerksarbeiter hatten eine Vorliebe dafür, einen Mann bis aufs Blut zu triezen und bloßzustellen, und wenn Homer von Elsies Alligator ohne Hose in den Garten gejagt wurde, war das natürlich ein gefundenes Fressen.

„Hilf mir, Jack“, bat er. „Erzähl keinem von der Geschichte.“

„Okay“, sagte Rose freundlich, „aber für meine Frau kann ich nicht garantieren.“ Er deutete mit einem Kopfnicken hinter sich, wo Mrs. Rose am Fenster stand und breit grinste. Homer ließ den Kopf hängen, denn er wusste, dass sein Schicksal hiermit besiegelt war.

Als er später beim Abendessen vor seinem Teller mit Bohnen und Maisbrot saß, hielt er kurz inne. „Hast du schon darüber nachgedacht? Über Albert und mich?“

Elsie schaute ihn gar nicht an. „Noch nicht.“

„Die Kollegen werden mich ewig damit aufziehen, wie ich ohne Hose aus dem Haus gejagt wurde“, sagte er kläglich.

Elsie blickte ihn immer noch nicht an. Sie starrte auf ihren Teller, als könnte sie die Antwort aus den Bohnen lesen. „Ich weiß eine Lösung“, sagte sie. „Kündige deine Stelle in der Mine. Lass uns dieses alte Drecksloch verlassen und irgendwo hinziehen, wo es schön und sauber ist.“

„Ich bin Bergwerksarbeiter, Elsie. Das ist mein Beruf.“

Nun sah sie ihn endlich an. „Aber es ist nicht mein Beruf.“

Die ganze Nacht drehte Elsie Homer den Rücken zu, und nachdem sie ihm am Morgen Frühstück gemacht und ihm sein Lunchpaket in die Hand gedrückt hatte, gab es weder einen Kuss, noch sprach sie den obligatorischen Wunsch aus, er möge gesund zurückkommen. Homer war sicher, dass er der einzige Arbeiter war, der an diesem Morgen ohne die guten Wünsche seiner Frau zur Arbeit gegangen war, und dieses Wissen lastete bleischwer auf ihm. Obendrein zog ihn schon der erste Kollege, ein gewisser Collier Johns, mit seiner hosenlosen Flucht in den Garten auf.

Johns hielt sich für furchtbar originell, als er fragte: „Hat Elsies Alligator dich so erschreckt, dass du die Hose zu voll hattest, um sie zu tragen?“

Es folgte großes Gelächter von allen Seiten und Schenkelklopfen bei den Kollegen seiner Schicht. Die korrekte – und auch erwartete – Antwort von Homer hätte entweder genauso komisch ausfallen oder aus einer ähnlich fiesen Replik bestehen müssen, doch er sagte kein Wort, was den Neckereien den Wind aus den Segeln nahm, bis sie schließlich ganz verstummten. Man vermutete, dass Homer krank geworden war, vielleicht sogar ernsthaft. Auf der Treppe zum Werkshandel wurde diese Frage später ausführlich diskutiert. Man kam zu dem Schluss, dass seine Krankheit aus seiner Frau bestand, ein seltsames Mädchen, entzückend zwar, aber von der Sorte, die einen Mann zugrunde richtete, weil sie mehr verlangte, als er geben konnte.

Zwei Tage vergingen, bis Elsie in den Garten hinausging, wo Homer auf einem rostigen Stuhl saß, den er vom Schrottplatz der Minengesellschaft stibitzt hatte. Sie baute sich vor ihm auf, holte tief Luft und verkündete: „Ich werde mich von Albert trennen.“

Homer war erleichtert. „Wunderbar. Danke. Wir werden ihn im Bach aussetzen, dort wird es ihm gut gehen. Es gibt jede Menge kleine Fische zu fressen und ab und zu mal eine Katze, die zum Trinken vorbeikommt.“

Elsie presste die Lippen zusammen, ein Gesichtsausdruck, den Homer nur zu gut kannte und der ihm verriet, dass sie ganz und gar nicht zufrieden war. „Im Winter würde er erfrieren in diesem Bach“, sagte sie. „Er muss nach Hause nach Orlando.“

Der Vorschlag überraschte ihn. „Nach Orlando? Du lieber Gott, Mädchen! Bis Orlando sind es doch mindestens zwölfhundert Kilometer!“

Trotzig reckte Elsie das Kinn vor. „Und wenn es zwölftausend wären, wär’s mir auch egal.“

„Und wenn ich Nein sage?“

Elsie holte noch einmal tief Luft. „Dann werde ich ihn eben allein hinbringen.“

Homer spürte förmlich, wie die Erde unter seinen Stiefeln nachgab. „Wie willst du das denn anstellen?“

„Weiß ich nicht, aber ich werde schon einen Weg finden.“

Homer gab sich im gleichen Moment geschlagen. „Muss er denn bis ganz nach Orlando?“, fragte er vorsichtig. „Könnten wir ihn nicht in North Carolina oder South Carolina aussetzen? Da unten ist es doch auch warm, hab ich gehört.“

„Die ganze Strecke“, sagte Elsie eisern. „Und wenn wir dort sind, müssen wir den perfekten Platz für ihn finden.“

„Und woran erkennen wir den perfekten Platz?“

„Albert wird es wissen.“

„Albert ist ein Reptil. Der weiß überhaupt nichts.“

„Na, dann hat er ja immerhin eine gute Entschuldigung dafür, nicht wahr?“

„Willst du damit sagen, dass ich überhaupt nichts weiß?“

„Ich will damit sagen, dass wir beide nichts wissen. Ich will damit sagen, dass alles, was wir für wahr halten, wahrscheinlich gar nicht wahr ist. Wenn ich tausend Sachen sagen würde und du würdest tausend Sachen entgegnen, dann könnte es gut sein, dass keines unserer Wörter auch nur annähernd der Wahrheit entspricht.“

„Was redest du denn da?“

„Das ist die ehrlichste Antwort, die ich dir geben kann.“

Nachdem seine Frau zurück ins Haus gegangen war, blieb Homer noch auf seinem Schrottplatzstuhl sitzen und brütete vor sich hin. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Angst. Noch vor einer Woche, als die Decke des Stollens über ihm wie ein Gewehrschuss gekracht und ein riesiger Felsblock ihn nur um wenige Zentimeter verfehlt hatte, war er kein bisschen ängstlich gewesen. Er hatte Elsie nie davon erzählt, aber er wusste, dass sie es wusste. Sie schien alles zu wissen, was er ihr zu verheimlichen versuchte. Homer musste sich eingestehen, dass er wiederum sehr wenig über die Frau wusste, die er geheiratet hatte und die ihm eine Heidenangst eingejagt hatte mit ihrer Drohung, nach Florida abzuhauen, ob er sich ihr nun anschloss oder nicht.

Es gab nur eines, was er jetzt tun konnte. Er musste den Rat des großartigsten Mannes suchen, den er kannte, den unvergleichlichen William „Captain“ Laird, Kriegsheld des Ersten Weltkriegs, Ingenieur mit einem Abschluss der Stanford University, und Herr und Meister von Coalwood.

Und auch wenn er es noch nicht wusste – in diesem Moment nahm die Reise ihren Anfang.

2. Kapitel

Nach einer ganzen Schicht unter Tage ging Homer ins Badehaus der Bergwerksgesellschaft, um zu duschen, zog einen sauberen Overall und seine stadtfeinen Stiefel an und bat den Bürovorsteher um einen Termin beim Captain. Der Sekretär winkte ihn zur Tür, und der Captain rief: „Herein!“, als Homer klopfte. Mit dem Hut in der Hand trat Homer vor den Tisch des Captains. Der Captain, ein hünenhafter Mann mit den Ohren eines afrikanischen Elefanten, blickte auf und runzelte die Stirn. „Was zum Teufel ist los, mein Sohn?“

„Es geht um meine Frau, Captain.“

„Elsie?“, donnerte der Captain. „Was ist los mit Elsie?“

„Sie möchte, dass ich sie und ihren Alligator nach Orlando bringe.“

Der Captain lehnte sich zurück und musterte Homer. „Hat das irgendwas damit zu tun, dass du neulich ohne Hose in deinem Garten herumgerannt bist?“

„Ja, Sir, allerdings.“

Der Captain legte den Kopf schräg. „Nun, mein Sohn, eine gute Geschichte habe ich schon immer zu schätzen gewusst, und das hier könnte eine sein.“

Nachdem er aufgefordert worden war, Platz zu nehmen, erzählte Homer dem Captain, wie Albert ihn hinausgejagt hatte und was er dann gesagt hatte und was Elsie dann gesagt hatte. Der Captain hörte aufmerksam zu, sein verwirrter Gesichtsausdruck verwandelte sich, und nun verrieten die leicht zusammengekniffenen Augen sein Interesse. Als Homer geendet hatte, sagte der Captain: „Weißt du was, Homer? Ich glaube, das ist Kismet – oder zumindest etwas, das dem nahekommt.“

Homer hatte schon von Kismet gehört, aber er war nicht sicher, was es war, und das sagte er auch.

Der Captain beugte sich mit seiner ganzen bedrohlichen Masse nach vorne, als würde er Homers Zweifel unter sich begraben. „Es gibt Momente, in denen müssen wir Dinge vollbringen, die uns vielleicht nicht sinnvoll erscheinen, aber trotzdem so viel Sinn haben, wie es im Universum nur geben kann. Verstehst du?“

„Nein, Sir.“

„Natürlich nicht. Aber genau das ist Kismet. Es schickt uns auf krummen Bahnen in die absurdesten Richtungen, und dadurch lernen wir nicht nur, was im Leben wichtig ist, sondern, wofür wir eigentlich leben. Diese Reise könnte deine große Chance sein, diese Dinge zu entdecken.“

„Sie sagen also, dass ich gehen sollte?“

„Allerdings sage ich das. Hiermit gewähre ich dir deine jährlichen vierzehn Tage Urlaub, und du hast meine Erlaubnis, dir hundert Dollar von der Firma zu holen, um deine Reise zu finanzieren.“

„Aber das ist viel zu viel Geld! Das kann ich doch nie im Leben zurückzahlen.“

„Doch, das kannst du. Du bist ein Mann, der sich etwas einfallen lässt, wenn er seine Schulden bezahlen soll, und der es dann auch tut. So, und jetzt wollen wir über Elsie reden. Hast du ihr klargemacht, dass sie der wichtigste Mensch in deinem Leben ist?“

„Ich befürchte nicht, Captain“, antwortete Homer wahrheitsgemäß, „aber sie ist es ganz bestimmt.“ Er kratzte sich am Kopf. „Das Dumme ist, ich weiß nicht, ob ich der wichtigste Mensch in ihrem Leben bin.“

„Tja, das ist dann vielleicht noch ein weiterer Grund, warum dir diese Reise geschenkt wurde  – damit ihr zwei herausfinden könnt, welche Partnerschaft für euch bestimmt ist. Wann brecht ihr auf?“

„Ich weiß nicht. Bis jetzt war ich noch nicht mal sicher, ob ich überhaupt fahre.“

„Fahrt gleich morgen früh. Was man einmal aufschiebt, packt man gar nicht mehr an.“ Die Miene des Captains verfinsterte sich. „Nicht, dass wir uns missverstehen  – du wirst mir fehlen. Dank dir leisten die Trottel auf Drei West ganze Arbeit, und wenn du weg bist, werden sie wahrscheinlich in ihre schlechten Gewohnheiten zurückverfallen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber ich komme schon klar. Ein junger Mann auf einem Abenteuer in tropischen Zonen! Ich wünschte, ich wäre an deiner Stelle.“

„Ich sag’s Ihnen ganz ehrlich, Captain“, erwiderte Homer. „Ich hab das Gefühl, dass diese Reise eins der schmerzlichsten Erlebnisse meines ganzen Lebens werden wird.“

„Das kann gut sein“, stimmte ihm der Captain zu, „aber das ist vielleicht nur noch ein Grund mehr, warum du sie unternehmen solltest. Also, abgemacht: In zwei Wochen möchte ich dein munteres fröhliches Gesicht wieder hier auf Drei West sehen.“

Homer stand auf, bedankte sich beim Captain, wurde verabschiedet und marschierte hinaus in die staubige Luft. Dabei übersah er ganz die Schlange der Männer, die zum Förderkorb stapften, um ihre Abendschicht anzutreten. In der organisierten Art, die ihm der Captain beigebracht hatte, fällte er ein paar rasche Entscheidungen. Mit einer Ehefrau und einem Alligator von West Virginia nach Florida zu reisen, war eine echte Herausforderung. Als Erstes beschloss er, dass sie nicht mit dem Zug oder dem Bus reisen würden. Wahrscheinlich würde ja doch keines dieser Transportmittel einen Alligator als Passagier akzeptieren. Nein, sie mussten mit dem Auto fahren. Glücklicherweise besaß er eines, einen Buick Phaeton Cabrio Baujahr 1925, den er dem Captain erst kürzlich abgekauft hatte.

Homers nächste Entscheidung lenkte seine Schritte zum Geschäft der Firma, wo er auf Kredit eine große Wanne kaufte und dann zum Schalter ging, wo er sich seine hundert Dollar auszahlen ließ, ebenfalls auf Kredit, in Form von zwei Fünfzigdollarscheinen. Als er mit der Wanne auf der Schulter nach Hause ging, fiel er mehreren Damen auf, die auf ihren Veranden saßen. Ihre Männer waren Bergwerksarbeiter, die gerade ihre Abendschicht angetreten hatten, deswegen hatten sie ein bisschen Zeit, um müßig den Passanten hinterherzuschauen. Die meisten sprachen ihn an, als er vorüberging, und eine von ihnen, die Frau war neu in der Stadt, fragte ihn sogar, ob er nicht auf einen Eistee hereinkommen wollte. Obwohl er höflich an den Mützenschirm tippte, zum Zeichen des Respekts für die Damen, blieb er nirgends stehen. Er war ein gut aussehender junger Mann, dieser Homer Hadley Hickam, fast einen Meter neunzig groß, und sein glattes schwarzes Haar kämmte er sich immer mit dem Gel der Marke Wildroot zurück. Er hatte die breiten Schultern und Muskeln eines Bergwerksarbeiters, dazu ein schiefes Grinsen und intensive blaue Augen, die viele Frauen interessant fanden. Nicht, dass er sich für sie interessiert hätte, jedenfalls nicht mehr, seit er Elsie Lavender kennengelernt und geheiratet hatte.

Homer verstaute die Badewanne auf dem Rücksitz seines Buicks, der vor dem Haus parkte, dann ging er hinein, um seine Frau von seinen Entscheidungen in Kenntnis zu setzen. Nachdem er einen Blick ins Schlafzimmer geworfen hatte und sie dort nicht entdecken konnte, fand er Elsie  – ihr voller Name lautete Elsie Gardner Lavender Hickam – im Badezimmer auf dem rissigen Linoleumboden. Sie lehnte an der Badewanne und hielt ihren Alligator im Arm, der sie in stiller Andacht betrachtete. Sie weinte auch.

Wenn man traurige Filme und Zwiebelschneiden nicht mitzählt, hatte Elsie erst zweimal wirklich geweint, soweit Homer sich erinnern konnte: einmal, als sie seinen Heiratsantrag annahm, und das zweite Mal, als sie das Paket aufmachte, in dem sich Albert befand, und die beigefügte Karte von einem Kerl namens Buddy Ebsen las, einem Freund aus Florida. In beiden Fällen war ihm immer noch nicht klar, warum sie eigentlich geweint hatte. Da Homer nicht recht wusste, was er zu ihrem dritten ernsthaften Tränenausbruch sagen sollte, sagte er natürlich das Falsche. „Wenn du nicht aufpasst, wird dir das Vieh noch den Arm abbeißen.“

Elsie hob den Kopf, und der Anblick schnitt Homer ins Herz. Ihre sonst so klaren haselnussbraunen Augen waren verschwollen und rot gerändert, und ihre hohen, ausgeprägten Wangenknochen  – die sie ihrem Cherokee-Blut verdankte, wie sie immer behauptete – waren tränennass. „Das würde er niemals tun“, sagte sie. „Albert liebt mich nämlich. Manchmal glaube ich, er ist der Einzige auf dieser Welt, der das tut.“

In dem Moment fiel Homer die Empfehlung des Captains wieder ein. „Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben.“

„Nein, bin ich nicht“, entgegnete sie wütend. „Nicht mal annähernd. Nummer eins ist der Captain. Und auf Platz zwei steht dein Kohlebergwerk.“

„Das Kohlebergwerk ist kein Mensch.“

„Wenn es nach dir ginge, könnte es durchaus so sein.“

Homer wollte keinen Streit anfangen, in erster Linie weil er wusste, dass er nicht gewinnen konnte. Stattdessen sagte er den Satz, von dem er wusste, dass er sie entweder sehr glücklich machen oder sie veranlassen würde, die ganze Unternehmung wieder abzublasen. „Wir brechen morgen früh nach Florida auf“, verkündete er.

Elsie schob sich eine tränennasse Strähne von der Wange. „Machst du Witze?“

„Der Captain hat mir die Reise genehmigt, unter der Bedingung, dass ich in zwei Wochen wieder zurück bin. Ich habe im Werkshandel eine galvanisierte Badewanne gekauft, in der Albert reisen kann. Sie steht auf dem Rücksitz des Buicks. Außerdem hab ich mir hundert Dollar von der Gesellschaft geliehen.“ Er zog die zwei Fünfziger aus der Hosentasche und zeigte sie vor.

Ihr erstauntes Gesicht verriet Homer alles, was er wissen musste. Jetzt glaubte sie ihm. Kein Mann besorgte sich zwei Fünfzigdollarscheine von der Bergwerksgesellschaft, wenn er nicht vorhatte, sie auch zu benutzen. „Also wenn du immer noch fahren willst, könntest du vielleicht deine Sachen packen“, sagte er.

Elsie musterte ihren Mann, dann stand sie auf und setzte Albert in die Badewanne. „Gut“, sagte sie. „Dann mach ich das mal.“ Sie streifte ihn an der Seite, als sie an ihm vorbei ins Schlafzimmer ging.

Er hörte, wie sie die Schranktür öffnete, gefolgt von den klappernden Kleiderbügeln, und spürte, wie ihm eine leichte Panik den Rücken hochkroch, um sich auf seiner Schulter einzunisten. Als er Albert ansah, schien der Alligator ihn abschätzig zu mustern. „An alldem bist bloß du schuld“, sagte Homer. „Du und dieser verfluchte Buddy Ebsen.“

3. Kapitel

Jeden Morgen, wenn Elsie blinzelnd die Augen aufschlug, war sie immer wieder ein bisschen überrascht, als die Frau eines Minenarbeiters aufzuwachen. Denn genau das hatte sie ja vermeiden wollen, als sie eine Woche nach ihrem Highschool-Abschluss den Bus nach Orlando nahm. In dem Moment, als sie aus dem Bus stieg, wusste sie, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Es kam ihr vor, als würde sie ein sonniges Wunderland betreten. Onkel Aubrey wartete an der Bushaltestelle, um sie abzuholen. Er ließ sie auf der Rückbank seines Cadillacs Platz nehmen und chauffierte sie wie eine Königin zu seinem Haus. Und er wohnte im feinsten Haus, das Elsie je gesehen hatte  – wenngleich im Vorgarten ein Schild mit der Aufschrift ZU VERKAUFEN stand. Ihr Onkel erklärte, er habe in der Wirtschaftskrise eine Menge Geld verloren, aber er sei sicher, solange Herbert Hoover an der Macht war, würde er über kurz oder lang wieder im Geld baden.

Elsie besorgte sich einen Job als Kellnerin in einem Restaurant und schrieb sich in der Sekretärinnenschule ein, und es dauerte nicht lange, da lernte sie junge Leute kennen, die weit interessanter waren als alle anderen, die sie bis jetzt getroffen hatte. Vor allem einen Jungen mochte sie sehr gern, einen schlaksigen Kerl namens Christian „Buddy“ Ebsen, dessen Eltern eine Tanzschule im Stadtzentrum von Orlando führten. Auch Buddy interessierte sich von Anfang an ganz besonders für sie. Im Gegensatz zu den anderen, die sie wegen ihres West-Virginia-Akzents aufzogen, war Buddy immer nett und höflich zu ihr, hörte ihr immer aufmerksam zu und war einfach unglaublich lustig. Er nahm sie sogar mit zu seinen Eltern und brachte ihr die neuesten Tänze bei.

Doch Elsie hatte gelernt, dass Gutes nicht immer von Dauer ist, und tatsächlich zog Buddy mit seiner Schwester nach New York, um dort als Schauspieler und professioneller Tänzer das große Geld zu machen. Nachdem ein paar Monate vergangen waren, ohne dass sie auch nur einen Brief von ihm erhalten hatte, musste Elsie sich eingestehen, dass Buddy wahrscheinlich nicht so schnell zurückkommen würde. Sie fühlte sich einsam und hatte Heimweh, und nach ihrem Abschluss an der Sekretärinnenschule beschloss sie, mit dem nächsten Bus nach West Virginia heimzukehren. Nicht für immer, wie sie Onkel Aubrey erklärte, nur auf einen Besuch – ein Besuch, der mittlerweile drei Jahre dauerte und zu dem unerklärlicherweise auch die Hochzeit mit einem Mitschüler der Gary Highschool gehörte, einem Bergwerksarbeiter namens Homer Hickam.

Am Morgen, nachdem Albert Homer in den Garten gejagt hatte, verabschiedete Elsie ihren Mann und zog sich ins Badezimmer zurück, um mit ihrem Alligator zu kuscheln, der die meiste Zeit über in der Badewanne lebte. Albert war ein Geschenk von Buddy gewesen, und er traf eine Woche nach ihrer Hochzeit überraschend bei ihr ein  – in einem mit einem Strick verschnürten Schuhkarton mit eingestanzten Luftlöchern. Neben dem goldigen kleinen Alligator, der kaum länger als zehn Zentimeter war, fand sie einen Zettel im Karton. Ich hoffe, du wirst immer glücklich sein. Hier ist etwas aus Florida für dich. Alles Liebe, Buddy.

Unzählige Male hatte Elsie diese Botschaft analysiert! Wünschte Buddy ihr nur deswegen ein glückliches Leben, weil er dachte, sie könnte ohne ihn nicht glücklich sein? Und warum sollte er ihr etwas aus Florida schicken, was jahrelang leben würde, wenn er nicht wollte, dass sie die ganze Zeit an ihn dachte? Und  – vielleicht noch wichtiger  – in seiner geschwungenen Schreibschrift stand da eben auch dieses eine Wort: Liebe.

Geistesabwesend streichelte sie Albert, während sie an den anderen Mann in ihrem Leben dachte, der jetzt zufällig ihr Ehemann war. Als sie Homer zum ersten Mal sah, spielte sie als Verteidigerin in der Basketball-Damenmannschaft der Gary Highschool. Sie hatten sich in der Turnhalle versammelt, und die Mädchen der gegnerischen Mannschaft kamen von der Highschool in Welch, der Bezirkshauptstadt. In einer Spielpause fiel Elsies Blick auf die oberste Zuschauerreihe und heftete sich auf einen Jungen mit scharf geschnittenen Zügen. Es brachte sie aus dem Konzept, wie er sie beobachtete. Ein Pass ihrer Mannschaftskollegin prallte von ihr ab, und sie musste sich den Ball erst wieder zurückholen. Dann warf sie, ohne groß zu überlegen, alle Regeln über Bord, dribbelte den Ball nach hinten zwischen ihren Beinen durch, wirbelte herum, rammte der gegnerischen Verteidigerin den Ellbogen ins Gesicht und dribbelte zum Korb, um den Ball hineinzuwerfen – jeder dieser Spielzüge verstieß gegen die Regeln des Damenbasketballs. Der Schiedsrichter blies in seine Pfeife, und die Trainerin des Teams aus Welch fiel beinahe in Ohnmacht, weil ein Mädchen tatsächlich die Kühnheit besessen hatte, ein anderes zu berühren und den Ball beherzt in die Hand zu nehmen. Elsie ignorierte die Hysterie. Sie hielt nach dem Jungen Ausschau, dem sie hatte imponieren wollen, doch zu ihrer Enttäuschung musste sie feststellen, dass er weg war.

Tags darauf wartete er vor ihrem Spind auf sie. Er sagte: „Ich bin Homer Hickam. Möchtest du diesen Freitag mit mir tanzen gehen?“

Da fielen Elsie erstmals seine Augen auf. Sie glaubte, noch nie in ihrem Leben derart blaue Augen gesehen zu haben. Bevor sie wusste, was sie tat, hatte sie Ja gesagt, weshalb sie dem Kapitän des Footballteams nun mitteilen musste, dass sie es sich anders überlegt hatte.

Ärgerlicherweise tauchte Homer am besagten Freitag nicht auf. Elsie musste alleine losziehen und notgedrungen mit einem anderen Mädchen tanzen, das ebenfalls ohne einen Jungen gekommen war. Dabei konnte sie dem Kapitän des Footballteams zuschauen, wie er mit der Anführerin der Cheerleader-Truppe tanzte. Sie fühlte sich zutiefst gedemütigt. In den zwei darauffolgenden Monaten sah sie Homer auf den Fluren und in ein paar Kursen, doch sie ignorierte ihn. Das Schlimmste war, dass er sie ebenfalls ignorierte. Drei Tage vor dem Schulabschluss hielt er sie dann im Korridor auf. „Willst du mich heiraten?“, fragte er.

Sie richtete sich kerzengerade auf und drückte ihre Bücher an die Brust. „Warum sollte ich dich heiraten wollen, Homer Hickam? Du bist nicht mal zu dem Tanzabend gekommen, zu dem du mich eingeladen hattest!“

„Da musste ich arbeiten. Mein Vater hatte sich in der Mine den Fuß gebrochen, deswegen musste ich auf der Hängebank für ihn einspringen.“

„Warum hast du mir das nicht gesagt?“

„Ich dachte, du hättest das mitgekriegt.“

Elsie schüttelte den Kopf, verblüfft über seine Dummheit, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rauschte davon.

„Wir werden heiraten“, rief er ihr hinterher. „Das ist unsere Bestimmung.“ Doch Elsie reckte das Kinn und drehte sich nicht mehr um. Sie bezweifelte, dass überhaupt irgendetwas ihre Bestimmung war, außer dass sie bei der erstbesten Gelegenheit die Kohlebergwerke hinter sich lassen würde, und genau das tat sie dann ja auch. Über ein Jahr führte sie das Leben, von dem sie immer geträumt hatte. Sie hakte sich bei einem schicken jungen Mann unter, atmete frische Luft und genoss den Sonnenschein. Doch dann war alles irgendwie schiefgelaufen, und auf einmal saß sie wieder in West Virginia fest. Noch bevor sie wieder entwischen konnte, teilte ihr Bruder Robert ihr mit, dass der Oberaufseher des Bergwerks in Coalwood sie in seinem Büro sprechen wollte.

„Warum will er mich sprechen?“

„Weil er es eben will. Du solltest einen so bedeutenden Mann wie Captain Laird lieber nicht hinterfragen.“

Robert fuhr Elsie zum Büro der Firma, begleitete sie hinein und ging wieder, nachdem der Captain ihn mit einer Handbewegung entlassen hatte. „Bitte, setzen Sie sich“, sagte der Captain höflich.

Elsie setzte sich vor den großen Eichenschreibtisch, hinter dem der große Mann thronte, und sagte nichts, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte.

Der Captain lächelte sie an. „Ich habe Sie heute hierher gebeten, um mit Ihnen über einen jungen Mann zu sprechen, der für mich arbeitet. Er ist einer meiner tüchtigsten Männer und dazu berufen, es im Kohlebergbau bis an die Spitze zu schaffen. Ich glaube, Sie kennen ihn ganz gut. Sein Name ist Homer Hickam.“

Elsie war nicht allzu überrascht. Ihr Bruder Robert hatte ihr erzählt, dass Homer für den Captain arbeitete. „Ja, den kenne ich“, gestand sie.

Das Lächeln des Captains blieb unverändert. „Sie sind ein liebes junges Mädchen. Mir ist absolut klar, warum Homer sich nach Ihnen sehnt, aber ich befürchte, Sie haben ihm das Herz gebrochen. Das geht neuerdings zulasten seiner Arbeit. Können Sie ihm und mir nicht einen Gefallen tun und ihn heiraten? Das ist eine einfache Bitte. Und irgendjemanden müssen Sie ja heiraten.“

„Sir …“, begann Elsie.

„Nennen Sie mich gerne Captain.“

„Gut. Also, Captain, ich mag Homer, wirklich, aber es gibt da noch einen Jungen in Florida … Er hält sich momentan in New York auf, wo er reich und berühmt werden will, aber ich glaube, dass er eigentlich viel lieber mich will und wiederkommen könnte.“

Der Captain lehnte sich zurück, setzte seinen nachdenklichen Blick auf. „Ein Mann, der eher nach New York zieht, als Sie zu heiraten, kann kein besonders seriöser Mann sein! Tatsächlich könnte ich mir gut vorstellen, dass er sogar unseriös genug ist, sich dort oben nach allen Kräften zu amüsieren. Ich war schon oft in New York. Da gibt es Frauen, Elsie, Frauen, die können Sie sich gar nicht ausmalen. Manche von ihnen haben sogar platinblondes Haar.“ Als Elsies Lippen zu zittern begannen und ihre Augen feucht wurden, fragte der Captain höflich: „Wissen Sie, wie es dazu kam, dass ich meine Frau geheiratet habe?“

Mit erstickter Stimme gab Elsie zu, es nicht zu wissen, und der Captain erzählte ihr davon, wie er die Frau hofiert hatte, die jetzt die wunderbare Mrs. Laird war, und wie sie ihm nach einem Dutzend Heiratsanträgen erklärt hatte, sie würde ihn nur heiraten, wenn er in diesem Moment einen Riegel Brown-Mule-Kautabak in der Tasche hatte, und – potz Blitz! – den hatte er.

„Das nennt sich Kismet, Elsie! Deswegen hat sie das gesagt, was sie gesagt hat, und ich hatte in der Tasche, was ich in der Tasche hatte. Verstehen Sie?“ Er trat hinter seinem Schreibtisch hervor, setzte sich neben sie und tätschelte ihr das Knie. „Vertrauen Sie auf das Kismet, denn das ist der Wille des Universums.“

Elsie gab sich alle Mühe, den Gedanken des Kismets zu begreifen, aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Sie hatte immer gedacht, dass Gott den Lauf der Dinge lenkte. Es wäre ihr nie eingefallen, dass da noch etwas anderes in der Luft lag, um dasselbe zu tun.

„Wissen Sie was, Mädchen?“, holte der Captain aus. „Sie könnten sich doch zumindest diesen Samstagabend darauf einlassen, Homer in Welch zu treffen. Vielleicht amüsieren Sie sich beide sogar. Das wäre doch nicht verkehrt, oder?“

„Bestimmt nicht, Sir.“

„Gut. Er erwartet Sie am Samstagabend um sieben Uhr vor dem Pocahontas Theater. Können Sie das einrichten?“

„Ja, Sir. Einer meiner Brüder kann mich hinfahren.“

Damit war die Sache also abgemacht. Ihr Bruder Charlie fuhr sie mit seiner alten Klapperkarre nach Welch und setzte sie ab. Homer kam pünktlich, und ohne sich vorher groß zu unterhalten, gingen sie hinein, um sich den Film anzuschauen. Elsie konnte sich noch erinnern, dass er von Tarzan handelte, dem Affenmenschen. Händchen hielten sie nicht. Hinterher warteten Homer und sie vor Murphy’s Department Store in der Menge, damit Charlie sie abholte. Und genau dann  – und ohne große Vorrede – hielt Homer ein weiteres Mal um ihre Hand an.

„Nein“, sagte sie.

„Bitte“, antwortete er. „Der Captain hat gesagt, dass er uns ein Haus gibt, und ich werde demnächst zum Vorarbeiter befördert. Wir hätten ein gutes Leben.“

Nachdem sie mit dem Captain gesprochen hatte, war Elsie wegen Buddy schrecklich deprimiert gewesen und hatte ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Sie sah es geradezu vor ihrem inneren Auge, wie er sich in New York mit allen möglichen schillernden Frauen herumtrieb, während sie ihr Leben erst einsam in Florida und später in den grässlichen Appalachen fristete. Unwillkürlich beschloss sie, Homers Heiratsantrag in die Hände des Kismets zu legen, genauso wie der Captain es ihr geraten hatte. Wie im Traum hörte sie ihre Worte. „Wenn du einen Riegel Brown-Mule-Kautabak in der Tasche hast, dann heirate ich dich.“

Homer sah sie traurig an. „Du weißt doch, dass ich keinen Tabak kaue.“

Elsie spürte eine vage Erleichterung.

Da wühlte Homer in seiner Hosentasche und hielt plötzlich eine Tüte hoch, auf der ein brauner Maulesel abgebildet war und die nach süßem Kautabak roch. „Aber das hier habe ich gerade zufällig im Bad aufgehoben. Ich dachte, das gehört vielleicht einem deiner Brüder.“

Elsie starrte auf die Tüte, dann in Homers funkelnde Augen, und eines der wenigen Male in ihrem Leben gab sie sich einfach geschlagen. „Ich werde dich heiraten“, sagte sie und brach im selben Moment in Tränen aus. Sie nahm an, dass Homer ihren Ausbruch als Glückstränen deutete, doch in Wirklichkeit hatten sie ganz andere Gründe. Sie weinte diese Tränen um sich selbst, um die Frau, die sie war und die sie jetzt werden würde, die Ehefrau eines Bergbauarbeiters.

Die Tage danach zogen nur so an ihr vorbei, bis die Hochzeit kam und wieder verging. Sie konnte sich kaum erinnern, die Worte vor dem Pfarrer gesagt und anschließend den billigen Ring, der sich innerhalb einer Woche grün verfärben würde, auf ihren Finger gestreift zu haben.

Kurz darauf schrieb sie Buddy, um ihm mitzuteilen, dass er jetzt ruhig aus New York heimkommen könne, denn sie sei nicht mehr in Orlando, sondern habe einen Mann in Coalwood, West Virginia, geheiratet. Seine Antwort war Albert, den Elsie in der Küchenspüle aufzog, bis er zu groß wurde, woraufhin sie ihn in die Wanne im Badezimmer im ersten Stock umquartierte, dem einzigen Badezimmer des Hauses. Wenn Homer arbeitete  – also so gut wie ständig  –, saß sie bei dem kleinen Alligator und sang ihm Lieder vor. Sie fütterte ihn mit Insekten und später, als er groß genug war, mit Hühnerteilen, die ihr der Firmenmetzger überlassen hatte. Sie nahm Albert mit nach draußen und führte ihn wie einen Hund an einer Leine im Garten spazieren, und die Minenarbeiter blieben auf ihrem Weg zur Arbeit stehen, um sich grüßend an den Helm zu tippen und sie eine Weile zu bestaunen. Auch ihr Vater kam vorbei und grub ein Loch in den Garten, das er mit Zement ausgoss, damit Albert im Sommer einen kleinen Teich zum Schwimmen hatte. Da Homer die meiste Zeit über damit beschäftigt war, Kohle zu fördern, verbrachte sie im ersten Jahr ihrer Ehe mehr Zeit mit Albert als mit ihrem Mann, und es kam ihr so vor, als wäre Homer das ziemlich egal.

Schon bald war Albert so groß, dass er allein durchs Haus stromerte und manchmal auf das Sofa krabbelte, wobei er mit seinem Schwanz die Tischlampen umwarf. Wenn er glücklich oder aufgeregt war, machte er ein Geräusch, das wie Yeah-Yeah-Yeah klang. Er warf sich Elsie in den Schoß und kuschelte bei jeder Gelegenheit mit ihr, und dann drehte er sich auf den Rücken, damit sie ihm den sahneweißen Bauch kraulen konnte. Nur vor Gewittern fürchtete Albert sich. Eines Nachts dröhnte der Donner so laut wie eine Kesseltrommel, die jemand aus Leibeskräften bearbeitet, und Albert kletterte aus der Wanne, stieß mit der Schnauze die Schlafzimmertür auf und krabbelte ins Bett. Als Homer sich umdrehte und in Alberts rot glühende Augen schaute, schoss er aus dem Bett und rannte um sein Leben, wobei er die Treppen hinunterstolperte und übers Geländer fiel. Allein der Kirschholztisch im Wohnzimmer fing seinen Sturz ab. Während Elsie dem Krach und dem folgenden Gestöhne lauschte, knuddelte sie Albert noch ein paar Minuten durch, bevor sie aufstand und nachschaute, wie es Homer ging. Er lag auf dem Wohnzimmerboden und meinte, von der schmerzenden Hüfte einmal abgesehen wäre alles in Ordnung, aber den Tisch hätte es übel erwischt, und da das Möbelstück der Bergwerksgesellschaft gehörte, würden sie es ersetzen müssen, wenn es sich nicht reparieren ließ.

„Den alten Tisch konnte ich sowieso noch nie ausstehen“, verkündete Elsie, und als der Donner verklang, begleitete sie Albert zurück zu seiner Badewanne und ging wieder ins Bett. Als sie dort lag und zuhörte, wie Homer versuchte, den Tisch wieder zusammenzubauen, kam ihr ein Gedanke. „Wenn ich Homer nur nach Florida bringen könnte“, sinnierte sie, „vielleicht würde er sich in jemanden von Buddys Schlag verwandeln.“ Jedoch kam sie sehr bald zu dem Schluss, dass das ein unmöglicher Traum war. Homer Hickam würde Coalwood niemals verlassen. Dafür liebte er es viel zu sehr.

Doch während sie vor ihrem Schrank stand und überlegte, was sie einpacken sollte, erkannte sie, dass dieses Kismet, von dem der Captain gesprochen hatte, ihr gerade eine zweite Chance gab, dieser Bergbaugegend zu entkommen. Sie hätte wirklich nicht gedacht, dass Homer sich bereit erklären würde, Albert nach Hause zu bringen. Jetzt, wo er der Reise zugestimmt hatte, würden sie tagelang unterwegs sein – Zeit genug für sie, um ihn vielleicht doch zu überzeugen, dass sie ihrer Ehe zuliebe nicht wieder nach West Virginia zurückkehren sollten.

Und wenn ihr das nicht gelingen sollte, würde er vielleicht sehen, wie schön Florida war, und auf diese Art selbst zu der Erkenntnis kommen, dass dieses blöde alte Appalachen-Gebirge eine einzige hässliche Falle war.

Und wenn das auch nicht funktionierte?

Tja, das würde sie entscheiden, wenn es so weit war, aber sie glaubte bereits zu wissen, wie ihre Entscheidung ausfallen würde: Wenn sie dem Kohlebergwerk noch einmal entkam, würde sie niemals zurückkehren, egal was ihr Mann tat.

4. Kapitel

Homer legte ein paar Decken in den geräumigen Kofferraum des Buicks, außerdem eine Holzkiste, die ein Hemd zum Wechseln und eine kakifarbene Hose enthielt sowie eine Zahnbürste und einen Rasierbecher, Rasierer und Rasierseife. Dann ging er zum Schlafzimmer hoch, wo Elsie gerade ihren Pappkoffer zuklappte. Ein Blusenärmel hing heraus. Schweigend schob er den Ärmel hinein, dann trug er den Koffer – den einzigen, den sie besaßen – zum Auto.

Wenig später erschien Elsie mit Albert an dem Strick, der ihr als Leine diente. Homer deutete auf die Badewanne. „Albert muss da rein.“

Elsie musterte die Wanne und kräuselte die Nase. „Die ist zu klein. Da hängt doch sein Schwanz raus.“

„Das ist die größte, die ich auftreiben konnte. Die muss reichen.“

Elsie hatte sich eine Steppdecke über den Arm gelegt und warf sie Homer zu. „Pack die in die Badewanne, dann liegt er wenigstens weich.“

Homer inspizierte die Decke und ihr kompliziert genähtes Muster. „Die hat meine Mutter gemacht. Sie hat zwei Jahre daran gearbeitet.“

„Albert mag sie. Leg sie in die Wanne.“

Homer legte den Zuber mit der Decke aus und drehte sich zu seiner Frau um. Elsie hatte Albert hinter den Vorderbeinen untergefasst und hob ihn an. „Na, worauf wartest du?“, sagte sie. „Greif dir seinen Schwanz.“

Homer hob Alberts Schwanz hoch, obwohl er gelesen hatte, dass ein Alligator einen Mann mit seinem Schwanz k. o. schlagen und überwältigen konnte, bevor irgendjemand etwas dagegen tun konnte. Doch Albert war vollauf damit beschäftigt, Elsie anzuschmachten, während sie ihn in die Wanne legten.

„Er passt prima hinein“, stellte Homer erleichtert fest.

„Mein lieber Junge“, sagte Elsie und tätschelte Albert den knotigen Kopf. Er grinste sie an. „Jetzt schlaf schön.“

„Ich hab mir Karten von der Tankstelle der Firma besorgt“, verkündete Homer. „Da wären Virginia, North Carolina, South Carolina und Florida. Georgia war leider aus.“

„Und was machen wir, wenn wir in Georgia sind?“

„Wir fahren einfach weiter Richtung Süden, das heißt, die Sonne wird zu unserer Linken auf- und zu unserer Rechten untergehen. Irgendwann stoßen wir dann schon auf Florida.“

„Ich möchte noch mal bei meiner Familie vorbeischauen, bevor wir losfahren“, sagte Elsie.

Homer zog eine Augenbraue hoch. „Wir haben keine Zeit, deine Familie zu besuchen. In zwei Wochen müssen wir wieder in Coalwood sein, sonst verlieren wir am Ende noch unser Haus. Das könnte mich sogar den Job kosten.“

Elsie lachte böse. „Na, das wäre ja wirklich eine Katastrophe!“

„Elsie, hör mir zu …“

„Nein, Homer, du hörst mir jetzt zu! Meine Eltern lieben Albert. Dad hat ihm einen Teich gebaut. Und Mom schickt ihm Geburtstags- und Weihnachtskarten. Wenn wir ihn nach Florida bringen und ihnen die Gelegenheit nehmen, sich zu verabschieden, dann verzeihen sie uns das nie.“

Auch wenn sie ihrer Tochter die Liebe zu dem Alligator gegönnt hatten, bezweifelte Homer, dass Elsies Eltern auch nur einen Pfifferling auf das Reptil auf dem Rücksitz gaben. Doch Homer bewahrte Ruhe. Ein letztes Mal ließ er den Blick über die Berge und die kleine Stadt streifen, die er so liebte, bevor er den Buick aus Coalwood hinaus und in welche Richtung auch immer lenkte, die Elsie eben einschlagen wollte.

***

Die Lavenders lebten in Thorpe, dem typischen kleinen  McDowell-County-Bergbaustädtchen: Kohlenstaub hing in der Luft, und die meisten Häuser waren mit schwarzem Dreck überzogen. Ihr Haus befand sich neben einem steilen Hügel, ein gutes Stück über der Anhöhe der Kohlehalde der Thorpe-Mine, was bedeutete, dass man hier saubere Luft atmete. Obwohl das Häuschen Firmeneigentum war und der Firma wiederum Thorpe gehörte, hatte man es Jim Lavender gegeben, weil er ein hervorragender Zimmermann war. Die Bergwerksgesellschaften rissen sich um seine Dienste, und die Mine von Thorpe hatte die anderen ausgestochen, indem sie ihm nicht nur ein Haus in den Hügeln boten, sondern dazu noch eine Scheune und einen knappen Hektar Land. Jims Frau Minnie war eine nette, sanfte Frau, die neun Kinder geboren und sieben davon großgezogen hatte. Zwei Söhne waren gestorben, einer bei der Geburt, der andere im Alter von sechs Jahren. Letzterer hatte Victor geheißen, und Elsie erzählte, dass er eines Tages an dem tückischen Bach gespielt hatte, der unterhalb der Kipphalde von Thorpe verlief, sich dort irgendeine Krankheit eingefangen hatte und zwei Tage später verstarb. Woran genau er gestorben war, wusste niemand. Elsie sprach oft von Victor und überlegte, was wohl aus ihm geworden wäre, wenn er überlebt hätte. Homer nahm an, er wäre wohl Bergwerksarbeiter geworden wie all ihre Brüder, aber Elsie war überzeugt, dass Victor Schriftsteller geworden wäre. Wie sie auf diese Idee kam, wusste Homer natürlich nicht, aber er ließ es dabei bewenden. Vielleicht konnte ein toter Bruder auch einfach das sein, was Elsie sich vorstellte.

Als Homer vor dem Haus der Lavenders vorfuhr, stieg Elsie aus und machte die Tür zum Rücksitz auf. „Hilf mir kurz, Albert rauszuholen“, sagte sie.

„Du solltest ihn einfach im Auto lassen“, erwiderte Homer. „Deine Eltern könnten rauskommen und sich von ihm verabschieden, und dann können wir gleich weiterfahren.“

Elsie streichelte dem Alligator die Schnauze, worauf er die Kiefer öffnete, ihr seine strahlend weißen Zähne zeigte und sein glückliches Yeah-Yeah-Yeah ausstieß. „Dein Vater ist doof“, sagte Elsie. „Vor lauter Pläneschmieden, Geld und Landkarten und was weiß ich noch alles ist ihm überhaupt nicht aufgefallen, dass wir nichts zu essen dabeihaben.“

Homer musste sich insgeheim eingestehen, dass Elsie in dieser Hinsicht mitgedacht hatte. Restaurants waren teuer, selbst wenn man mal eines an der Straße fand, deswegen war es durchaus sinnvoll, auf eine lange Reise so viel Proviant wie möglich mitzunehmen. Und wenn es eines gab, was die Lavenders hatten, dann war es Essen, denn sie wussten ihre Farm geschickt zu bewirtschaften.

Homer und Elsie trugen Albert in seinem Zuber die Stufen der Veranda hoch, wo sie ihn zwischen zwei Schaukelstühlen absetzten. Einer davon war vollkommen ausgefüllt mit Jim Lavender. Er trug verschlammte Stiefel und seinen blauen Arbeitsoverall und hatte den linken Arm in einer Schlinge. „Was ist mit deinem Arm, Daddy?“, fragte Elsie. „Bist du gestürzt?“

„Sozusagen“, antwortete Jim. Er zog die Augenbrauen hoch. „Warum habt ihr Albert dabei?“

„Wir bringen ihn nach Hause, nach Florida.“

„Ich dachte, du willst ihn behalten, bis er Homer auffrisst.“

Homer nahm den Hut ab. „Tja, Sir, groß genug wäre er schon. Zumindest häppchenweise könnte er es schaffen.“

Jim lächelte Albert an, und er lächelte zurück. „Er ist aber auch ein hübscher Kerl, oder?“

„Ja, Daddy, allerdings“, stimmte Elsie ihm zu, „und so zahm.“

Elsies Mutter erschien an der Verandatür. Sie trug einen ausgeblichenen Kittel und eine Schürze voller Fettspritzer und sah nicht sonderlich glücklich aus. „Hallo, Elsie, hallo, Homer“, sagte sie lahm. „Ist das Albert? Der ist aber gewachsen.“

„Das ist Albert, Mom“, sagte Elsie. „Du siehst aus, als hättest du geweint, was ist los?“

„Der Arm von deinem Dad, das ist los“, antwortete Minnie.

„Jetzt wollen wir aber nicht von meinen Leiden sprechen“, unterbrach Jim rasch und stand auf. „Ich glaube, ich weiß, warum ihr hier seid. Wenn ihr bis nach Florida fahren wollt, müsst ihr ordentlich Reiseproviant einpacken. Aber da seid ihr hier genau richtig. Für zwanzig Dollar könnten wir euch mit so vielen Vorräten ausstatten, dass ihr es bis nach Texas schafft.“

„Jim, wir werden doch den Kindern nichts berechnen“, schimpfte Minnie. „Na, komm rein, Elsie, damit wir reden können.“

„Albert sollte auch mit ins Haus“, meinte Elsie. „Er soll nicht zu viel Sonne abbekommen.“

Minnie nickte. „Jim, geh du doch mal hoch und hol den Kindern einen Schinken.“

Homer half Elsie, Albert hineinzutragen, dann ging er wieder hinaus und folgte Jim, der die Veranda verließ und an einem Hühnerstall vorbei zu einem kleinen Gehölz am hinteren Ende des Grundstücks ging. Dort stieg ihm der Geruch von Schweinen in die Nase.

„Ich hab mir eine große alte Sau gekauft und ein paar Ferkel“, erklärte Jim. „Und auch ein paar Eber. Die schnüffeln jetzt im Wald herum.“

„Was ist mit deinem Arm passiert?“, fragte Homer.

„Ich bin von Mrs. Trammels Schlafzimmerfenster gestürzt. Ein mitternächtlicher Besuch, wenn man so will.“

„Und dabei hast du ihn dir gebrochen“, stellte Homer fest, ohne sich über die Ausschweifungen seines Schwiegervaters zu wundern. Sein Ruf eilte ihm voraus.

„Nein. Dilly Trammel hat mich angeschossen, als ich hinausklettern wollte.“ Jim wand sich, als würde er den Schmerz des Schusses durch die Erinnerung noch einmal spüren. „Trudy und ich haben ihn an der Haustür gehört – übrigens sollte er eigentlich erst eine Stunde später nach Hause kommen –, aber dann schlich er sich hinten herum und verpasste mir einen Streifschuss mit seiner Pistole, während ich mein Bestes tat, um die Ehre seiner Frau zu retten, indem ich mich nämlich nicht erwischen ließ. Welcher Mann wäre so niederträchtig, einen anderen Mann zu erschießen, der sich für die Ehre seiner Frau einsetzt?“

„Das übersteigt wirklich meine Vorstellungskraft“, sagte Homer.

Jim grinste. „Na, Homer, dann erzähl doch mal, warum hast du dich auf dieses idiotische Abenteuer eingelassen? Wenn ich du wäre, würde ich das Reptil in den nächsten Bach schmeißen und Elsie wieder nach Hause fahren.“

„Würde ich ja gerne, aber ich kann es einfach nicht. Elsie will es so, also muss ich es tun.“

Jim schüttelte den Kopf. „Es gibt nur eine Art, eine Frau unter Kontrolle zu halten. Du musst ihr zeigen, wer der Herr im Haus ist. Zugegeben, mit Elsie dürfte das etwas schwieriger sein, aber trotzdem, du wirst nicht darum herumkommen.“

Homer zuckte mit den Schultern. „Ich liebe sie, Jim.“

„Ach, Liebe! Die gibt’s doch nur in Frauenzeitschriften. Elsie ist sowieso ein Spezialfall. Bei ihr brauchte man schon immer eine harte Hand. Als sie klein war, musste ich ihr mehr als einmal eine knallen. Es hat nicht viel geholfen, aber zumindest wusste sie, wann sie meine Grenzen überschritten hatte.“

„Trotzdem bist du nach Coalwood gekommen und hast einen Teich für Albert angelegt“, erwiderte Homer. „Warum hast du das gemacht?“

„Ich bin ihr Vater, und sie hat mich darum gebeten.“

„Gut, und ich bin ihr Ehemann, und sie hat mich gebeten, ihren Alligator nach Florida zu bringen.“

Jim grinste. „Ein romantischer Bergwerksarbeiter! Eine echte Seltenheit!“

Homer suchte nach einer guten Antwort, aber es wollte ihm keine in den Sinn kommen. „Wie wär’s mit diesem Schinken da drüben?“, war das Beste, was ihm in diesem Moment einfiel.

Jim deutete auf ein riesiges Schwein, das in einem niedrigen Gestrüpp stand. „Das ist Bruiser, einer von meinen Ebern. An dem könnte ein Mensch ein Jahr lang satt werden.“

„Ein ganz schönes Kaliber“, stimmte Homer zu. „Aber er sieht schon irgendwie heimtückisch aus.“

„Heimtückisch? Das Tier ist abgrundtief böse. Ich wette, der würde Albert bei der allerersten Gelegenheit fressen.“

Jim führte Homer in einen Werkzeugschuppen, wo er ein Messer aussuchte, dessen Klinge im schwachen Licht schimmerte, und es seinem Schwiegersohn zeigte. „Festbinden, Kehle aufschlitzen, und das war’s mit dem Schweineleben. Es steht und fällt mit dem scharfen Messer.“

„Schweine merken es, wenn man sie töten will“, sagte Homer und wandte den Blick von der Klinge ab. „Die sind klug, die merken so was.“

Jim zuckte mit den Schultern. „Sie merken es alle, Homer. Denkst du, eine Kuh kriegt das nicht mit? Oder ein Huhn? Ich hab schon Unmengen von ihnen geschlachtet, und ich kann dir versichern, sie spüren es alle, und sie können es nicht ausstehen. Aber so hat Gott uns eben geschaffen, wir müssen essen. Und um zu essen, müssen wir töten.“

Er griff sich eine Schlinge und führte Homer aus dem Schuppen zu einem Brett, das zwischen zwei Bäumen befestigt war und aus dem dicke Nägel ragten. „Hier häng ich sie auf“, sagte er. „Ich fessle ihnen die Hinterbeine, dann zieh ich sie hoch, dann stech ich sie ab. Hast du schon mal gehört, dass man sagt, jemand schreit wie eine abgestochene Sau? Das kommt nicht von ungefähr.“

Homer war unbehaglich von Jims Beschreibung eines sterbenden Schweins, und er sah verdrossen zu, wie sein Schwiegervater eine Schlinge aus dem Seil knüpfte und es ihm in die Hand drückte. „Das ist für Bruiser“, sagte er und deutete mit einem Nicken auf den Eber, der sie durch eine Lücke im Gebüsch genau beobachtete. „Wirf das um seinen Hals.“

Homer warf erst einen Blick auf den dünnen Strick, dann auf den Eber. „Du macht wohl Witze. Das Schwein ist sechs Mal so groß wie ich.“

„Na komm, Junge, ist schließlich dein Schinken.“

Es war tatsächlich sein Schinken, also nahm Homer den Strick und kroch näher an Bruiser heran. Zu seiner Überraschung rührte sich der Eber kein Stück, obwohl seine ernsten tropfenförmigen Augen ihn genau beobachteten. „Einfach die Schlinge um seinen Hals legen?“, fragte Homer.

„Na, um seinen Schwanz ganz bestimmt nicht“, erwiderte Jim.

Homer schlich langsam um den Eber. „Ganz ruhig, Schwein“, sagte er.

„Er heißt Bruiser“, erinnerte ihn Jim.

„Ganz ruhig, Bruiser“, sagte Homer, dann machte er einen Satz mit dem Seil und schaffte es, dem Eber die Schlinge über den Kopf zu werfen.

Nachdem er einen Moment noch ganz in sich versunken dastand, stieß Bruiser einen grellen Schrei aus, worauf er auf seinen Paarhufen losstürmte. Homer hielt das Seil eisern fest, aber es fühlte sich an, als würde man ihm die Arme aus den Schultergelenken reißen. Trotzdem umklammerte er wacker das Seil und versuchte, mit dem Schwein Schritt zu halten, doch es war teuflisch schnell, und wenige Sekunden später lag Homer auch schon auf dem Bauch und wurde über Baumwurzeln und durch diverse dornige Büsche und stechende Nesseln geschleift. Er drehte sich auf den Rücken, und dann drehte er sich immer wieder um die eigene Achse, bis er irgendwann einfach nicht mehr konnte. Er gab auf und ließ das Seil los und blieb auf einer dicken Baumwurzel liegen, während er in Gedanken seinen Körper nach Wunden und Verstauchungen und gebrochenen Knochen absuchte. Da er nichts wirklich Schlimmes fand, rappelte er sich auf die Knie und dann auf die Füße.

Jim kam mit einem großen rosa Schinken auf der Schulter hinterher. Er hielt das Messer hoch. „Damit musste ich eben einen der Schinken abschneiden, die zum Reifen im Schuppen hängen.“

Homer ließ sich gegen die große Eiche sinken. „Warum wolltest du überhaupt, dass ich Bruiser fange?“

Jim schaute zurück in den Wald. Die Bäume schwankten noch, wo das Schwein hindurchgebrettert war. „Wollte ich gar nicht. Ich wollte bloß mal sehen, wie lange du dich halten kannst. Du hast dich ganz gut geschlagen.“

Homer war kein Mann, der einen anderen mit Flüchen überschüttete, aber in diesem Fall machte er eine Ausnahme. Doch das schien seinen Schwiegervater nicht weiter zu stören. Nach seinem Gelächter zu urteilen amüsierte es ihn sogar.

Etwas später, als Homer versuchte, sich an der Wasserpumpe im Hof das Blut von den Armen abzuwaschen, kam ...

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