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Ahnentanz

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

 

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Heather Graham

 

 

Ahnentanz

Roman

 

 

Aus dem Amerikanischen von

Judith Heisig

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PROLOG

Die Flynn-Plantage

Bei New Orleans

1863

Da war es …

Sein Zuhause.

Alles, was er kannte und liebte, so nahe.

Sloan Flynn saß auf Pegasus, dem großen Rotschimmel, der ihn von den Schlachtfeldern bei Sharpsburg, Williamsburg und Shiloh hierher getragen hatte, und blickte gen Süden.

Farmland. Reich und fruchtbar, so weit das Auge reichte. Wenn er sich jedoch Richtung Norden wandte …

Zelte über Zelte, in perfekter militärischer Ordnung aufgereiht. Männer reinigten an brennenden Lagerfeuern ihre Waffen. Der eine Anblick zeugte von Schönheit, Frieden und Harmonie. Der andere verhieß ein Land, das im Blut seiner Söhne ertrank, ein Land, das der Zerstörung anheimgegeben war.

Sloan hatte keine Illusionen mehr über den Krieg. Er war abstoßend und brutal. Er bedeutete nicht nur Tod. Er bedeutete versehrte und gebrochene Männer auf dem Schlachtfeld. Er bedeutete einen Mann, der blind umherlief und nach Hilfe rief, weil das Kanonenfeuer ihm das Augenlicht geraubt hatte. Er bedeutete abgetrennte Gliedmaßen und die verstümmelten Körper der Verwundeten, der Toten und der Sterbenden. Und in den schlimmsten Momenten bedeutete der Krieg Angehörige, die über den Leichen ihrer Liebsten weinten.

Jeder Mann, der Krieg noch immer für ein probates Mittel der Konfliktlösung hielt, war nicht in Sharpsburg, Maryland, gewesen. Ebenso wenig hatte er mit angesehen, wie sich der Antietam Creek so rot gefärbt hatte wie das Rote Meer, weil er dermaßen angefüllt war mit Blut, dass er sich wie ein grellrotes Band durch die Landschaft wand.

Sloan hatte den Krieg als Captain der Kavallerie einer Louisiana-Einheit begonnen. Doch das war damals gewesen. Heute gehörte er zur Bürgerwehr, die Jeb Stuart und der Armee von Nord-Virginia unterstand. Sie waren in den Süden geschickt worden, um Gebiete des Mississippi auszukundschaften, doch heute Morgen hatte man sie zurück in den Norden berufen.

Es wäre so leicht, einfach nach Hause zu gehen …

Doch ein Mann brach den Krieg nicht einfach ab. Er wachte nicht auf und sagte den Vorgesetzten oder seinen Männern, dass Krieg etwas Verabscheuungswürdiges sei, das nur Leid hervorbrächte, und dass er deshalb gehen würde. Stattdessen kämpfte er, kämpfte, um zu siegen. Denn Krieg bedeutete auch Siegen. Die empörte Parole von der Verteidigung der Rechte der Einzelstaaten, die einst wie ein Fanfarenstoß in seinem Herzen geschmettert hatte, war zu einem stillen Schluchzen verstummt. Wenn sie zurückgehen könnten – wenn sie alle zurückgehen könnten –, um die Politiker und Kongressabgeordneten auf die Schlachtfelder zu zwingen und sie mit den verstümmelten und blutgetränkten Leichen ihrer Söhne zu konfrontieren, wäre es nicht so weit gekommen.

Doch das war es. Und nun bereiteten sie sich auf eine weitere Schlacht vor. Sie würden nicht versuchen, New Orleans zurückzugewinnen. Nicht jetzt. Sie versammelten sich, um Richtung Norden zu ziehen. General Robert E. Lee befahl Truppen aus dem ganzen Süden in Richtung Norden. Er wollte den Krieg in die Städte tragen, auf die Farmen und in das Weideland der Union. Sloans geliebtes Virginia lag in Trümmern, war wieder und wieder seiner Reichtümer beraubt worden und gezeichnet durch das Gemetzel.

Sehnsüchtig blickte Sloan noch einmal in Richtung seines Zuhauses.

Die Flynn-Plantage gehörte nicht zu den größten und prächtigsten Anwesen. Doch sie war Heimat. Seine Heimat.

Und sie würde dort sein. Fiona MacFarlane. Fiona Fair, wie sie sie gerne neckisch nannten. Tatsächlich allerdings – und wegen des Krieges heimlich – hieß sie Fiona MacFarlane Flynn.

Es war so lange her …

Ihr eigenes Zuhause, Oakwood, war kurz nach Beginn des Kriegs zerstört worden, woraufhin Fiona auf die Flynn-Plantage gekommen war, den Sitz seiner Familie. Die Plantage war nicht prachtvoll – seine Familie war einst ohne Geld und nur mit der Bereitschaft zu arbeiten nach Lousiana gekommen –, doch es gab genug Platz für Fiona. Es würde dort immer einen Platz für sie geben.

Jetzt stand die Plantage kurz vor dem Ruin, wie er wusste. Trotz des Krieges unterhielten er und sein Cousin Brendan, ein Lieutenant der Unionsarmee, einen Briefwechsel. Daher wusste er, dass es nicht gut stand um den Besitz. Seit die Yankees New Orleans eingenommen hatten, hatte Brendan einige Zeit auf der Plantage verbracht, und seine Briefe waren aufrichtig gewesen. Auf dem Schlachtfeld mochten die beiden Männer Todfeinde sein, doch sie waren noch immer Cousins, was die Korrespondenz für beide gefährlich machte. Brendan hatte von „The Beast“ Butler geschrieben, dem örtlichen Befehlshaber der Union, und dass er die Familie gewarnt habe, den Kontakt mit den Unionstruppen um jeden Preis zu vermeiden.

Und wenn diese Warnung von einem Offizier der Union kam … nun, Sloan wollte gar nicht darüber nachdenken, was das bedeutete.

Er zögerte einen Moment und wusste, dass er nach Norden reiten sollte. Seine Aufklärungsmission hatte ergeben, dass sie heftige Scharmützel zu erwarten hatten, wenn die Truppen sich dem Bezirk näherten.

Doch er war so nah …

So nah an seinem Zuhause.

So nah bei Fiona.

Er könnte sich eine Stunde fortstehlen. Nur eine Stunde.

Eine Schar Soldaten würde einen sofortigen Vergeltungsschlag provozieren, doch er allein konnte unbemerkt durch die Reihen schlüpfen.

Nein. Er befand sich im Krieg und hatte seine Befehle. Doch trotz der Warnungen in seinem Kopf trieb er mit einem Schenkeldruck sein Pferd an und ritt gen Süden.

Bald erstreckte sich die lange, von Eichen beschattete Auffahrt vor ihm. Aus diesem Blickwinkel wirkte das Haus noch immer wunderschön. Elegant, im klassischen Stil errichtet und mit einer durchgehenden, offenen Eingangshalle, damit die Brise, die kühle Luft vom Fluss brachte, besser zirkulieren konnte. Die umlaufenden Veranden im ersten und zweiten Stock waren noch immer mit Efeu bewachsen, durch das einige Blüten durchschimmerten. Als Kind hatte er beim Bau des Hauses mitgeholfen. Es war seine Heimat, und beim bloßen Anblick überkam ihn ein Gefühl von bittersüßer Nostalgie.

Er ritt nicht die vordere Auffahrt hoch, sondern machte einen Umweg durch das angrenzende Gehölz und kam an überwachsenen, verwahrlosten Feldern vorbei. Sloan band Pegasus an einen Baum und bahnte sich dann einen Weg zu den Ställen hinter dem Haus. Ihr Verwalter Henry war dort, ein magerer Mann mit indianischem, haitianischem und vermutlich deutschem Blut, ein freier Farbiger und der wahre Chef des Anwesens seit Sloan überhaupt denken konnte.

„Henry?“, fragte er mit leiser, aber drängender Stimme. Henry, der gerade einen Sattel reparierte, sah lächelnd auf.

Sein Gesicht wirkte alterslos und stark. „Sloan?“ Sloan kam hinter einem Ballen Heu hervor.

Henry ließ die Lederahle fallen und stand auf. Beide Männer umarmten einander. Doch Henry löste sich rasch, seine Miene war düster.

„Da sind ein paar Soldaten oben im Haus“, warnte er Sloan leise. „Sie sind gerade heute Morgen angekommen.“

Sloan runzelte die Stirn. „Soldaten? Warum?“

„Warum?“, wiederholte Henry bitter. „Weil es ihnen nun gehört, nachdem New Orleans sich ergeben hat.“

Sloan verzog das Gesicht. Im Moment wollte er nicht über die Warnung vor „The Beast“ Butler nachdenken. „Was ist mit all den anderen? Ist noch jemand da? Von Ma habe ich gehört. Brendan schrieb mir letzten Sommer, dass sie gestorben ist.“ Selbst wenn er früher davon erfahren hätte, hätte er nicht an ihrem Begräbnis teilnehmen können. Er hatte die Schlacht von Sharpsburg beobachtet. „Aber was ist mit Fiona und Missy und George? Sind sie noch hier?“ Missy und George waren schon ebenso lange bei der Familie wie Henry.

„Ja, sie sind noch hier“, erwiderte Henry und wirkte unangenehm berührt. „Aber Miss Fiona sagte, ich solle hier draußen bleiben und mich fernhalten, bis sie mich ruft.“

Sloan blickte Henry an. Da er Fiona kannte, wusste er sofort, warum sie ihm den Befehl gegeben hatte. Sie befürchtete, dass es nicht gerade die Elitesoldaten der Konföderierten waren, die zum Haus gekommen waren. Sie wusste nicht, was sie von ihr verlangen würden, und wollte nicht Henrys Tod riskieren, falls sie sich selbst verteidigen musste.

Sloan blickte in die Ferne. Henry wirkte noch immer sehr unbehaglich. Was zur Hölle ging hier vor?

„Henry, was ist los? Was zum Teufel ist los?“, verlangte er zu wissen.

„Nichts. Nichts. Es ist nur … nun, es ist lange her, dass Sie zu Hause waren. Fast ein Jahr.“

Sloan starrte ihn an. „Was hat das mit alldem hier zu tun?“, fragte er.

„Brendan … er ist im Moment auch nicht hier. Er ist fort. Wenn er hier ist … Nun, dieser Ort gehört seiner Familie, deswegen lassen die Truppen ihn in Ruhe.“

„Und?“

„Er ist seit einer Weile nicht mehr hier gewesen.“ Henry atmete tief durch. „Das ist nicht gut. Das ist einfach nicht gut. Die Yankees sind eine Sache. Darunter sind gute Männer, und darunter sind schlechte Männer. Doch es gibt auch schlechte Männer von hier. Schlechte Männer, die ohne Grund Böses tun, nur um Geld zu machen. Wenn ich kann, gehe ich in die Stadt und versuche mich umzuhören, was so passiert.“ Henry blickte zur Seite. „Da ist ein Mann aus dem Ort … er findet Mädchen. Findet sie für diesen Offizier. Dann … sieht man sie nie wieder. Ich versuche, ihn zu stören. Manchmal gelingt es mir. Ich höre Dinge, zum Beispiel, wo die Leute hingehen. Und ich versuche, uns aus der Sache rauszuhalten, wenn ich es schon nicht aufhalten kann. Aber es gibt Menschen, die anderen Menschen gerne verraten, was passiert oder wo etwa Frauen allein sind … Miss Fiona, sie will es nicht glauben, doch sie wird Ärger bekommen, wenn sie nicht vorsichtig ist.“

Sloan spürte, wie sein Herzschlag kurz aussetzte. Guter alter Henry, der immer versuchte, Schaden von Fiona abzuwenden. Doch offenbar war sie überzeugt, mit den feindlichen Soldaten selbst fertig werden zu können. Eisige Furcht erfasste ihn.

Er wandte sich um und wollte den Stall verlassen, doch Henry versuchte, ihn aufzuhalten.

Und Henry war ein echter Kämpfer, weshalb Sloan sich umdrehte und ihm einen harten Schlag gegen den Kiefer verpasste. Es tat ihm leid, als Henry mit einem Stöhnen zu Boden sank, doch diese Schlacht musste er allein schlagen. Er würde Henry auf keinen Fall mit hineinziehen.

Sloan nahm seine Flinte, ein Repetiergewehr, das er einem toten Soldaten in Sharpsburg abgenommen hatte, und hastete auf das Haus zu. Noch auf dem Weg vernahm er den Schrei. Und dann sah er, wie sie aus dem Schlafzimmer auf den oberen Balkon gerannt kam.

Fiona.

Ihr schönes tiefrotes Haar wehte hinter ihr her, ihr Gesicht war zu einer Maske der Angst verzerrt und ihr schlanker Körper angespannt.

Ein Mann verfolgte sie. Ein Mann, der über ihre offensichtliche Panik lachte.

Sloan hob das Gewehr auf Schulterhöhe und rannte los.

 

Die Flynn-Plantage

Gegenwart

Es war hochgradig aufregend. Ein Täuschungsmanöver. Das größte Abenteuer ihres Lebens.

Bewaffnet mit ihrer Taschenlampe schlich Sheila Anderson durch die Dunkelheit. Sie spürte den Brief in ihrer Tasche. Triff mich am Flynn-Haus. Um Mitternacht. Ich kenne nun die Wahrheit hinter der Legende.

Sie wusste nicht, wer ihr den Brief geschickt hatte, doch sie nahm an, dass es ein anderes Mitglied der Historischen Gesellschaft gewesen sein musste – vielleicht sogar ein heimlicher Verehrer. Nun, da Amelia Flynn tot war und die neuen Inhaber der Flynn-Plantage in die Stadt kommen sollten, um ihr Erbe zu beanspruchen, musste die Gesellschaft einen Weg finden, das Haus zu erwerben und zu erhalten. Weder der Staat noch der Bezirk erwiesen sich als hilfreich. Es gab zahlreiche historische Orte rund um New Orleans, und Geld regierte die Welt. Die Gegend stand vor einem großen Aufschwung, und zu viele Unternehmen versuchten, das Land entlang des Flusses aufzukaufen. Die Historische Gesellschaft brauchte einen Durchbruch, einen Hinweis auf die Vergangenheit des Hauses, der wichtig genug war. Dann konnten sie, die die Geschichte und alles, wofür sie stand, liebten, einen Verkauf des Anwesens vielleicht so lange verhindern, bis sie genug Geld aufgetrieben hatten, um es selbst zu erwerben.

Aus diesem Grund war sie hier und schlich durch die Dunkelheit. Sie bahnte sich ihren Weg über den alten Familienfriedhof, wobei sie den Strahl ihrer Taschenlampe abschirmte. Niemand sollte sie dabei ertappen, wie sie auf der Plantage nach der Wahrheit hinter der Legende suchte in der Hoffnung, dass sie genug fände, um die historische Bedeutung des Hauses zu sichern.

Es war beängstigend, aber auch großartig. Besser als ein Film, besser als die Achterbahn. Seit jeher rankten sich Geistergeschichten um die alte Flynn-Plantage. Die Einheimischen behaupteten, sie sei verflucht. Die Flynns hätten sich hier beinahe ausgelöscht, und das war erst der Anfang der Geschichte.

Die Wahrheit hinter der Legende.

Und es war eine großartige Legende. Es ging um eine Frau und zwei Männer. Cousins, die auf unterschiedlichen Seiten kämpften im Angriffskrieg des Nordens, wie man ihn hier im Süden gerne nannte. Die beiden Männer waren sich beim Anwesen begegnet und hatten sich ihretwegen gegenseitig getötet. Sie war ebenfalls umgekommen, und man sagte, dass ihre Schreie noch immer zu hören wären und sie als weiße Gestalt auf der oberen Veranda erscheine.

Sheila hielt inne und ließ die Atmosphäre des Ortes auf sich wirken. Fast fürchtete sie sich davor, durch die Bäume in Richtung des Hauses zu schauen, das dort in tiefer Dunkelheit stand. Jetzt, da Amelia Flynn tot war, wohnte auch ihre Freundin Kendall Montgomery nicht mehr dort. Sie hatte der alten Dame, die jahrzehntelang in dem Haus gelebt hatte und in demselben Raum starb, in dem sie geboren worden war, zuletzt Gesellschaft geleistet.

Die Hitze des Tages war verklungen und hatte sich mit der Feuchtigkeit vom Fluss verbunden, sodass dichter Nebel über das Land zog. Die Grabsteine und Mausoleen erhoben sich dunkel vor den Nebelschwaden, und ein silberner Strahl Mondlicht tanzte über dem Marmor.

Keine Spur von einem Geist, dennoch spürte Sheila, wie ihr Herz raste.

„Sheila, hier drüben!“

Erschrocken fuhr sie zusammen. Aber die Stimme – eine männliche Stimme – war real, und sie lächelte erwartungsfroh. Gleich würde sie erfahren, wer sie für würdig befunden hatte, an einer solch kostbaren historischen Entdeckung teilzuhaben.

Ein Schauer überlief sie. Das war es! Sie half gerade dabei, Geschichte zu schreiben.

„Wo?“, rief sie und lief durch das Gestrüpp, wobei sie den Sarkophagen auswich. Sie stolperte über einen zerbrochenen Grabstein, und die Taschenlampe fiel ihr aus der Hand. Sie hörte das Glas zerbrechen. Nun blieb ihr nur noch der schmale Lichtstrahl des Mondes, der sein Bestes tat, um den wabernden Nebel zu durchdringen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie auf dem Boden lag und an die Frau in Weiß dachte, die auf der Veranda erschien.

Rasch rappelte sie sich auf, und einen Moment lang überwog ihre Angst die Aufregung.

„Sheila!“

In dem Nebel und der Dunkelheit konnte sie kaum erkennen, wohin sie ging. Obwohl sie den Friedhof gut kannte, weil sie hier oft genug am Tag spazieren gegangen war, fühlte sie sich nun orientierungslos. Vorsichtig bewegte sie sich in die Richtung, aus der sie die Stimme zu hören geglaubt hatte. Sie stolperte erneut, doch diesmal fing sie sich an einem zerfallenen Mausoleum ab.

Eine Wolke schob sich vor den Mond und hüllte sie in völlige Finsternis.

„Sheila?“ Diesmal war es ein Flüstern, aber ganz nah. „Los, hol mich hier raus“, rief sie. „Ich habe meine Taschenlampe verloren.“ Überrascht registrierte sie, wie zittrig ihre Stimme klang, und erkannte, dass sie tatsächlich Angst hatte. Innerhalb weniger Sekunden war die leichte Beklommenheit zu echter Panik angewachsen. Es war dumm gewesen, hierherzukommen, begriff sie. Sie war eine Idiotin. Mitten in der Nacht auf einem entlegenen Friedhof herumzulaufen, nachdem sie einen nicht unterzeichneten Brief erhalten hatte.

Was hatte sie sich dabei gedacht?

Sie würde zurück zum Wagen gehen, nach Hause fahren, ein großes Glas Wein trinken und streng mit sich ins Gericht gehen, dass sie etwas so Idiotisches getan hatte.

„Ich bin doch hier“, sagte die Stimme ungeduldig.

„Scheiß drauf“, murmelte sie.

Als sie sich gerade von der Stimme abwandte, schien ein

riesiger schwarzer Schatten hinter ihr aufzusteigen und sie zu schubsen. Intuitiv streckte sie die Hände aus, um nicht hinzufallen, und berührte etwas, das sich wie rostiges Metall anfühlte. Sie hörte ein quietschendes Geräusch, als das Metall unter ihrem Druck nachgab, und geriet ins Stolpern.

Dann …

Ein weiterer Stoß.

Und dann schrie sie, weil sie fiel …

 

Die Flynn-Plantage

1863

Brendan Flynn war zurückgekehrt von der Überführung eines Kriegsgefangenen zum Hauptquartier von „The Beast“ Butler in New Orleans, wo er den berüchtigten General aber nicht zu Gesicht bekommen hatte.

Bill Harvey, ein unbedeutender Landstreicher, der sich gut in die Army eingefügt hatte – jedenfalls wenn Gemeinheit, Brutalität und sogar Sadismus einen guten Soldaten ausmachten –, hatte draußen herumlungert, als Brendan eintraf.

„Hallo, Flynn.“

„Bill“, murmelte Brendan, während er die Tür der Villa öffnete, in der Butler sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

„Du kennst die Vorschrift, nicht wahr?“ Bill Harvey grinste anzüglich bis über beide Ohren, was immer ein schlechtes Zeichen war.

„Wovon redest du, Bill?“

Bills Grinsen wurde noch breiter, wenn das überhaupt möglich war. „Nun, du weißt doch, was General Butler über diese Frauen sagt, die uns Soldaten anspucken und so. Wenn sie spucken und frech sind, nun, dann sind sie einfach Huren, und wir können sie wie die Huren behandeln, die sie nun mal sind. Und dieses Mädel, das da auf der Flynn-Plantage lebt – sie ist das frechste Miststück von allen.“

„Fiona?“ Zuerst war er aufrichtig verblüfft. Fionas Erziehung ließ es gar nicht zu, dass sie sich bei welcher Gelegenheit auch immer anders als höflich verhielt. Und er hatte sie beschworen, sich von den Soldaten der Union fernzuhalten. Das Anwesen war nicht konfisziert worden, weil er es erben würde, sollte Sloan im Krieg getötet werden. Damit niemand auch nur eine Konfiszierung versuchen würde, hatte er keinen Zweifel daran gelassen, dass er seine Besitzansprüche angemeldet hatte.

„Mm-mm. Ein paar von uns waren letzte Woche am Fluss, um nach Essbarem zu suchen. Und sie war saufrech“, sagte Bill.

Brendan trat einen Schritt näher und schlug dann zu. Wie ein Schraubstock schlossen sich seine Finger um Bills Hals und pressten ihn an die Säule, an die er sich gerade noch gelehnt hatte. Bill krächzte und wand sich, doch er war kein Gegner für Brendan und wusste das auch. „Was zur Hölle …? Dafür kommst du vors Kriegsgericht“, keuchte er.

„Was habt ihr mit ihr gemacht?“, wollte Brendan wissen. „Nichts! Nichts, ich schwöre es!“ Bills Gesicht lief rot an.

Weitere Soldaten hatten sich um sie versammelt, sahen jedoch nur zu. Bill war ein Mistkerl und von niemandem wohlgelitten. Und die meisten Männer fühlten sich abgestoßen von der Grausamkeit, mit der man ihren geschlagenen Brüdern und Schwestern begegnet war.

„Es ist Victor Grebbe … Er ritt heute Nachmittag fort mit … Art Binion.“

Brendan ließ den Mann los. „Wann genau?“, wollte er wissen.

Bill rieb sich den Hals. Sein Gesicht war noch immer gerötet. „Du Scheißkerl …“, begann er.

Innerhalb einer Sekunde hatte Brendan ihn wieder im Würgegriff.

„Vor dreißig Minuten“, keuchte er.

Brendan fluchte. Er konnte auf offiziellem Wege gegen die Sache vorgehen. Doch offizielle Wege würden Fiona nicht retten.

Oder den kleinen Sohn seines Cousins.

Brendan vergaß völlig den Gefangenen, den er übergeben sollte, machte auf dem Absatz kehrt und rannte zurück zu seinem Pferd. Mercury war auf der Familienplantage gezogen worden, ebenso wie Sloans getreuer Pegasus. Armes Pferd. Mercury musste erschöpft sein. Doch Brendan trieb ihn kraftvoll an und galoppierte die Auffahrt hinunter nach draußen, wo die Straßen holprig und ausgetreten waren von zu vielen Pferden und zu vielen Männern.

Abgenutzt von zu viel Krieg.

Verdammt war der Krieg, verdammt war der Tod. Verdammt war der Ausnahmezustand, der es Männern erlaubte, Recht und Unrecht, Gnade und Menschlichkeit zu vergessen.

Seine Nackenhaare stellten sich auf. Er hatte einiges gehört über Victor Grebbe. Hatte gehört, dass er eine kranke Vorliebe für Frauen hegte und dass man einige, die mit ihm gingen, seitdem nie wieder gesehen hatte.

Es war ein langer harter Ritt hinaus zur Plantage.

Er trieb sein Pferd an in der Hoffnung, dass er die Männer überholen konnte, die es auf Vergewaltigung und vielleicht sogar Mord abgesehen hatten, doch sie hatten zu viel Vorsprung und zudem zweifellos frische Pferde.

Und dann schließlich lag das Haus vor ihm. Aus der Ferne wirkte es so ruhig und freundlich, wie seine Familie einst gewesen war. Bis zum Krieg.

Im Krieg ging es um Konflikte, um Territorium.

Aber das hier? Das hier war persönlich.

Während er die eichengesäumte Auffahrt hinaufgaloppierte,

hatte er nur einen Gedanken im Kopf.

Fiona.

Er kam gerade rechtzeitig, um sie vom Balkon stürzen zu sehen. Er hörte ihren Schrei und erblickte den Feind, einen Soldaten der Konföderierten, auf dem Hof. Der Mann feuerte in Richtung Balkon und stieß einen Wutschrei aus, wie Brendan ihn noch nicht gehört hatte. Der Schuss explodierte in der Stille des schönen Frühlingstages, und Brendan tat, was jeder Mann getan hätte.

Er zog seine Waffe.

Und er feuerte auf den Feind.

Erst als dieser sich tödlich verwundet umdrehte, um zurückzufeuern, erkannte er, wer da die graubraune Uniform der Konföderierten trug.

Sloan.

Als die Kugel in seine Brust einschlug, wusste er, dass er den eigenen Cousin getötet hatte. Aber nicht mit Absicht, Gott möge ihm vergeben. Nicht mit Vorsatz und niemals aus Böswilligkeit. Oh, lieber Gott, was für ein Ende für sie alle, verdammt in den Augen all jener, die nach ihnen kommen sollten …

Und welch eine Ironie, dass Sloan ihn ebenfalls getötet hatte. Denn er lag im Sterben, das wusste er.

In diesem Moment erblickte er Victor Grebbe, der oben auf dem Balkon fluchend seine verletzte Schulter hielt, wo Sloans Kugel ihn erwischt hatte.

Brendans eigener Arm war kalt, und er wusste, dass er fast tot war. Seine Lebensgeister schwanden. Dennoch hob er in einer letzten Anstrengung die Waffe und zog mit letzter Kraft den Abzug.

Und er feuerte. Feuerte auf Grebbe, einen Mann, der eine Schande war für jede Uniform, eine Schande für die Menschlichkeit, die Menschheit.

Grebbe, durch den sie alle verdammt waren.

Während er starb, hörte er das angsterfüllte Wehgeschrei des Säuglings im Haus. Sloans Sohn. Sloan hatte niemals erfahren, dass er einen Sohn hatte. Brendan hatte es ihm nicht geschrieben, weil er fand, dass dies Fionas Vorrecht sei. Er betete zu Gott, dass das Kind leben und das furchtbare Schicksal seiner Familie irgendwie ausgleichen möge.

Denn sie waren verdammt zur Erinnerung, verdammt in den Augen der Menschen.

Was war mit den Augen Gottes?

Er würde es nur allzu bald erfahren.

Er konnte nur hoffen, dass Gott – und die Zeit – ihnen allen vergeben würde.

 

Die Flynn-Plantage

Gegenwart

Sheila kam wieder zu sich. Sie fühlte sich ausgesprochen verwirrt. Sie hörte … Wasser. Und sie nahm einen widerlichen Geruch nach Feuchtigkeit und Verwesung wahr, der an den Wänden zu kleben schien … wo auch immer sie hier lag. Sie blinzelte mehrere Male, doch es war nicht mehr neblig. Es war stockdunkel.

Sie setzte sich auf und versuchte zu ergründen, wo sie sich befand.

Plötzlich sah sie ein Licht. Nur wie ein Nadelstich, und es half nicht. Es war zu grell und stach schmerzhaft in ihren Augen. Sie hob eine Hand, um sich gegen die blendende Helligkeit zu schützen.

Mit der Hand vor den Augen blickte sie zur Seite und keuchte erschrocken auf.

Da war ein Gesicht in der Dunkelheit. Tief liegende Augen, eingesunkene Wangen, verwestes Fleisch. Es schwamm in dem Wasser, das sie umgab, und schien sie anzustarren.

Halloween, ermahnte sie sich. Halloween stand vor der Tür. Zweifellos war dies nur jemandes makabre Vorstellung von einem Streich.

Doch im Innersten wusste sie, dass sie unrecht hatte. Dies hier war echt. Dies war ein menschlicher Kopf, der nicht länger mit dem Körper verbunden war.

Voll nackter Panik wollte sie schreien, doch bevor sie einen Laut von sich geben konnte, ließ die Stimme sie erstarren.

„Sheila …“, flüsterte sie freundlich, sogar liebevoll.

Und dann … Sie wusste, dass sie nie wieder schreien würde.

1. KAPITEL

New Orleans

Gegenwart

„Es ist ein Knochen“, verkündete Dr. Jon Abel.

„Offensichtlich“, bemerkte Aidan Flynn trocken.

Der Doktor warf ihm einen verärgerten Blick zu. „Ein Oberschenkelknochen.“

„Und er ist menschlich“, sagte Aidan.

„Ja, das ist ein menschlicher Oberschenkelknochen“, stimmte Dr. Abel zu. Er stand am schlammigen Ufer des Mississippi und schaute achselzuckend in die Gesichter um sich herum. Es ging auf den Abend zu, doch der Tag war heiß und drückend gewesen, und nur eine leichte Brise vom Fluss deutete an, dass es kühler wurde. Jenseits des matschigen Ufers, an dem Aidan den Knochen gefunden hatte, war das aufgewühlte Wasser von einem hässlichen Braun. Ein Moskito summte. Der Doktor schlug auf seinen Arm und schüttelte angewidert den Kopf. Er hatte Außeneinsätzen noch nie viel abgewinnen können.

Aidan hatte darum gebeten, ihn vor Ort zu holen. Da Aidan jedoch nur ein Privatdetektiv war, der gemeinsam mit seinen zwei Brüdern gerade die alte Familienplantage geerbt hatte, war es Hal Vincent gewesen, der Ermittler von der örtlichen Mordkommission, der den Doktor angefordert hatte. Jonas Burningham vom hiesigen FBI hatte sich dem „Fall“ angeschlossen, falls sich herausstellen sollte, dass sie nach einem Serienmörder suchten, der sich das Chaos – und die viel zu häufige Gewalt – im Gefolge von Hurrikan Katrina zunutze machte.

„Wissen Sie“, sagte Abel. „Wir finden noch immer alle möglichen … Überreste, die der Sturm bloßgelegt hat. Das wird noch Jahre so gehen. Wir haben hier nicht immer oberirdisch bestattet, und das ganze Mississippi-Ufer entlang gibt es eine Menge Familiengrabstellen. Unten in Slidell lebt eine Frau, die nach dem Sturm monatelang drei Särge in ihrem Garten hatte. Niemand wusste, wo sie hingehörten, und keine Behörde erklärte sich bereit, sie abzuholen. Also nannte sie sie einfach Tom, Dick und Harry und grüßte sie jedes Mal, wenn sie an ihnen vorbeikam.“ Jon Abel war ein groß gewachsener, dünner Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, der mehr wie ein verrückter Professor wirkte und weniger wie das, was er wirklich war: einer der angesehensten Gerichtsmediziner des Staates. Er sah hinaus auf das braune Wasser und seufzte. „Herrje, dieser Fluss hat mehr Leichen gesehen, als Sie und ich uns überhaupt nur vorstellen können, und man würde zwölf Leben brauchen, um sie alle zu untersuchen.“

„Das ist alles?“, fragte Aidan. „Keine Untersuchung? Sie tun das einfach so ab?“ Während er sprach, verdunkelte sich allmählich der Himmel. Sturmwolken, die sich vorher nur angedeutet hatten, wuchsen zu großen, bedrohlichen Schatten am Himmel heran. Er deutete auf den Knochen. „Für mich sieht es so aus, als ob noch Gewebereste daran sind, was hieße, dass der Knochen frisch ist. Und es könnte irgendwo in der Nähe noch weitere Leichenteile geben, die dazu passen. Wenn ich über etwas Altes gestolpert wäre, hätte ich einen Anthropologen gerufen.“

Jon Abel seufzte genervt auf. „Na klar. Ich habe ja auch nicht genug Leute, die von Kugeln durchlöchert wurden. Oder in Fetzen geschnitten. Bei Autounfällen zerquetscht. Zerschmettert unter irgendeiner Brücke. Sicher. Ich nehme einfach diesen Oberschenkelknochen, der vielleicht ein bisschen Gewebe an sich hat, und mache mich gleich an die Arbeit.“

„Jon“, mischte sich Hal Vincent beruhigend ein. „Es könnte etwas an der Sache dran sein. Ich weiß, dass ihr beschäftigt seid und du eine Menge dringender Fälle hast, aber tu, was du kannst, okay?“

„Männlich oder weiblich?“, fragte Aidan.

„Bislang ist es nur ein Knochen.“

„Männlich oder weiblich – Ihre Einschätzung“, insistierte Aidan.

Der Gerichtsmediziner warf ihm einen gereizten Blick zu. „Weiblich“, sagte er. Der Mann war schon lange dabei. Ob ihm die heutige Vorgehensweise nun gefiel oder nicht, er war einer der Besten auf seinem Gebiet. Er rückte seine Brille zurecht und schüttelte den Kopf. „Aus dem Stegreif würde ich schätzen, dass sie etwa eins achtundsechzig groß war.“ Er sah genauer hin. „Vermutlich zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt. Sonst kann ich nichts sagen. Nicht einmal vermuten.“

„Ich vermute, sie ist tot“, sagte Hal trocken.

Jonas schaltete sich ein und versuchte, die Wogen zu glätten. Er gehört zum Typ Schlipsträger. Vierzig Jahre alt, groß und muskulös gebaut, mit glattem, blondem Haar und attraktiven Gesichtszügen. Selbst mitten im Matsch wirkte er tadellos und nicht aus der Ruhe zu bringen. „Wir würden es sehr begrüßen, Dr. Abel, wenn Sie uns mehr sagen könnten, sobald ihr Terminplan das zulässt. Sehen Sie, Jon, wir wissen, dass Sie sehr beschäftigt sind. Und wir wissen auch, dass Sie der Beste sind.“

Jon Abel grunzte als Reaktion auf das Kompliment, warf Aidan jedoch wieder einen verärgerten Blick zu. Was ihn anbetraf, war Flynn ein Außenseiter. Er kam oft nach New Orleans, um hier Freunde zu besuchen, doch er war noch immer ein Außenseiter – zumindest für Jon Abel.

Diesmal war Aidan wegen eines Vermisstenfalls in der Gegend. Ausgerissene Jugendliche hatten sich angewöhnt, auf dem sumpfigen Grasgelände jenseits des Flusses zu campen. Er hatte das Objekt seiner Suche gefunden, und sie war dreckig genug, nass genug, hungrig genug und elend genug gewesen, um dankbar zu hören, dass ihre Eltern sie wieder zu Hause haben wollten.

Und Aidan war dankbar gewesen, dass er sie lebend gefunden hatte. Das war nicht immer der Fall bei Ausreißern. Und wohl auch nicht bei der Frau, deren Knochen er in der Nähe gefunden hatte.

Jonas und Flynn kannten sich seit langer Zeit. Sie hatten zusammen die FBI-Akademie besucht. Jonas war bei der Behörde geblieben.

Aidan hatte nach einigen Jahren seinen Dienst quittiert und war ausgeschieden.

Es war vor allem Jonas’ guten Beziehungen zu Jon Abel zu verdanken, dass der Gerichtsmediziner sich vor Ort eingefunden hatte.

„Ich tue, was ich kann“, sagte Jon. Er winkte seinem Assistenten Lee Wong, der allem aufmerksam zugehört hatte. Er wollte es zu was bringen, und mit Jon Abel zu arbeiten war dafür der richtige Weg.

Der Oberschenkelknochen wurde ordnungsgemäß gekennzeichnet und eingetütet. Vor sich hin grummelnd, ging Jon dann in Richtung Auto, während Lee ihm folgte. Jon winkte zum Abschied und drehte sich für seinen letzten Satz nicht mehr um. „Ich melde mich, wenn ich etwas weiß.“

Als er fort war, ergriff Hal Vincent das Wort. „Ich werde ein paar Männer hierher beordern, um die Gegend zu durchkämmen.“ Er war ein großer Mann, gut eins fünfundneunzig groß und dünn, doch jede Faser seines Körpers bestand aus Muskeln. Seine Haut schimmerte kupferfarben, und er hatte grüne Augen. Sein weißes Haar trug er kurz geschoren. Sein Alter war schwer zu schätzen. Aidan dachte, dass er mit hundert wohl nicht viel anders aussehen würde. Geboren in Algiers, Louisiana – direkt auf der anderen Seite des Flusses –, kannte Hal die Gegend wie seine Westentasche. Er war ein guter Polizist, verlässlich, kein Schwätzer.

„Danke, Hal“, sagte Jonas. Er blickte zu Aidan und zuckte die Achseln. „Du weißt … es könnte unter Umständen … ein alter Knochen sein.“

„Ja, möglich“, stimmte Aidan zu. „Aber vielleicht auch nicht.“ Er versuchte, jeden sarkastischen Unterton zu unterdrücken.

„Wir starten die Suche und unterrichten dich.“ Hal blickte auf die Uhr. „Ich habe inzwischen Feierabend und könnte ein Bier vertragen. Hat jemand Lust mitzukommen?“

„Klingt gut“, erwiderte Jonas. Er hatte eigentlich im Westen eingesetzt werden wollen, war aber nach New Orleans beordert worden und hatte sich zur eigenen Überraschung in die Gegend verliebt. Schließlich hatte er ein Mädchen von hier geheiratet und war ins French Quarter gezogen. „Aidan?“

Aidan schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Ich bin schon spät dran. Ich will meine Brüder weiter flussabwärts treffen.“

„Ich hörte, dass Sie die alte Plantage am Mississippi geerbt haben“, sagte Hal.

Aidan verzog das Gesicht. „Ja, und was für ein Erbe.“ „Man weiß nie“, sagte Hal. „Der Ort hat eine sagenhafte Geschichte. Es gibt eine Legende, Geister, das ganze Programm. Es verfällt alles, doch noch stehen die ursprünglichen Ställe, das Räucherhaus, sogar die Sklavenquartiere. Wenn Sie etwas damit anfangen wollen, tun Sie es bald. Die örtlichen Denkmalschützer werden Ihnen bald die Bude einrennen.“

„Na ja … Ich weiß noch nicht, was wir tun werden. Das ist einer der Gründe, weshalb wir uns heute treffen“, erwiderte Aidan neutral.

„Ich hörte, dass ihr drei zusammen ins Detektivgeschäft eingestiegen seid“, sagte Jonas. „Wie läuft es?“

„Gut“, erwiderte Aidan kurz.

„Kaum zu glauben. Leute aus Florida, die das alte Haus übernehmen“, sagte Hal. Aidan war nicht sicher, wie er das meinte. „Lass uns Bier trinken gehen, Jonas. Aidan, wir melden uns, wenn wir irgendwas über Ihren Knochen erfahren.“

Aidan nickte, und sie stapften alle durch den Dreck zurück. Bei ihren Wagen angekommen, winkten sie einander zu. Die anderen beiden Männer fuhren Richtung Stadt.

Aidan fuhr weiter flussabwärts.

Zwanzig Minuten später war er bei seinen Brüdern.

Alle drei standen da und starrten das Haus auf dem Hügel an, der nicht wirklich als Anhöhe durchging.

Aber das Gebäude war auch nicht wirklich ein Haus. Nicht mehr. Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung hingen Schindeln vom Dach, Säulen waren zerbrochen, und die Farbe bröckelte und blätterte ab. Das Ergebnis wirkte wie die Kulisse für einen Horrorfilm.

Dass sich ein Sturm ankündigte, machte die Sache nicht besser. In der Ferne grollte der Donner, und der Himmel hatte eine merkwürdige Farbe angenommen. Doch zumindest linderte das kommende Unwetter die Hitze. Eine kühle Brise brachte sogar ein leichtes Frösteln mit sich. Und die Dunkelheit schien ein Eigenleben zu führen: Sie fegte über den Himmel und legte sich über die Bäume, sie kroch wie Nebel den Boden entlang und bildete einen schattigen Schleier, der nach Gewalt und Fäulnis roch.

Aidan war der älteste der drei Brüder und mit gut einem Meter und neunzig der größte von ihnen. Sein Gesicht war wettergegerbt, und er hatte von allen dreien den eindrucksvollsten Körper. Durch seine Zeit beim Militär war er durchtrainiert und wachsam. Er verfügte über hervorragende Reflexe und hatte ein gewisses Misstrauen seiner Umwelt gegenüber zurückbehalten, was ihm eine unnahbare Aura verlieh. Er hatte mal ganz gut ausgesehen, nahm er an. Er hatte blaue Augen, die viele inzwischen als eisig bezeichneten, und tiefschwarzes Haar. Serena hatte ihn unwiderstehlich genug gefunden. Er vermutete, dass es mehr seinem Verhalten als seiner Erscheinung zuzuschreiben war, dass Menschen auf Distanz zu ihm gingen. Auf der anderen Seite hatte er sich in der Zeit mit Serena vermutlich nicht so unnahbar und frostig gegeben. Die Welt hatte ein Versprechen in sich getragen, als sie noch lebte. Jetzt … Nun, es war gut, dass er Arbeit hatte. Viel Arbeit. Das bewahrte ihn vor dem Sturz in die Leere.

Seine Brüder, seine Familie – ihnen traute er. Aber anderen … Er hatte das FBI-Trainingszentrum in Quantico durchlaufen, doch nachdem das Leben ihn davon überzeugt hatte, dass er kein Teamplayer war, hatte er das FBI verlassen. In Anbetracht seines Hintergrundes war seine Entscheidung gefallen, sich eine Zukunft als Privatdetektiv aufzubauen.

Vielleicht hätte er über das Haus vorher Erkundigungen einholen sollen.

„Hmm“, sagte Jeremy, der zweitälteste der Brüder. Jeremy hatte als Erster vorgeschlagen, dass sie zusammen eine Firma gründeten. Als Aidan das FBI verließ, hatte Jeremy gerade seinen Job als Polizeitaucher in Jacksonville aufgeben wollen. Anders als bei Aidan war seine Krise nicht privat bedingt. Er war nur der Erste gewesen, der auf einen Van mit misshandelten Pflegekindern gestoßen war. Sie waren alle ertrunken, nachdem der Wagen den Mittelstreifen überquert hatte und direkt in den St. Johns River gefahren war. Er war schon lange bei der Einheit und hatte schreckliche Dinge gesehen. Doch diese Sache verfolgte ihn. Jeremy spielte gerne Gitarre, und die Musik ließ ihn durchhalten. Er gründete eine Wohltätigkeitsorganisation für misshandelte, verlassene und verwaiste Kinder und entdeckte dabei sein Talent für das Radio. Er war nach New Orleans gekommen, um mit einem bekannten DJ bei einer Gala für seine Wohltätigkeitsorganisation Children’s House Geld zu sammeln. Children’s House kümmerte sich unter anderem um Kinder aus der Gegend, die seit Katrina verwaist waren und ein neues Zuhause brauchten.

Jeremy mochte Menschen und hatte New Orleans und die Gegend immer geliebt, doch auch er war nun sprachlos, da sie ihr unerwartetes Erbe zum ersten Mal sahen.

Plantage, dachte Aidan.

Das Wort rief Bilder von langen, eichengesäumten Auffahrten hervor, von reichen, grünen Feldern und Viehweiden – und von einem im Greek-Revival-Stil erbauten blütenweißen Haus mit schönen Frauen in langen, flatternden Gewändern, die auf der Veranda saßen und an ihrer Minzlimonade nippten.

Falls hier jemand etwas trank, dann waren es Obdachlose, die ihr in braunen Papiertüten verstecktes Bier hinunterkippten.

Oh ja. Er hätte sich das Haus eindeutig vorher ansehen sollen.

Zachary, der Jüngste des Trios, bei dem sich das Stoische seines ältesten Bruders und die Aufgeschlossenheit des jüngeren mischten, stieß einen Seufzer aus.

„Ich schätze, man könnte es renovierungsbedürftig nennen“, sinnierte er trocken.

Aidan wandte sich ihm zu. Zachary war ebenso wie Jeremy einen Meter und neunzig groß. Es war, als wären die Brüder in dieselbe Form gegossen und dann unterschiedlich bemalt worden. Aidans Augen waren von einem Blau, das von eisig bis dunkelblau changierte. Jeremy hatte wolkengraue Augen, sein Haar war dunkelbraun mit einem rötlichen Schimmer. Zachary wiederum hatte es als Kind schwer gehabt, weil er mit rotblonden Locken geboren wurde. Die Farbe war mit den Jahren nachgedunkelt, doch der rote Stich blieb. Seine Augen waren fast wasserblau. Aidan und Jeremy hatten ihn zu Kinderzeiten gnadenlos gehänselt, doch tatsächlich war er so schön wie ein griechischer Gott. Zachary hatte sich seine ganze Jugend lang geprügelt – aber dafür waren die Iren ja schließlich bekannt, wie ihre Mutter mehrmals bedauerte. Dennoch hatte Zach eine gute Jugend gehabt. Er konnte sich in jedem Kampf behaupten, doch seine größte Liebe gehörte der Musik, mit der er sich ebenso wie Jeremy immer wieder beschäftigte. Seelentrost nannte er sie.

Auch er war bereit gewesen für das Familienunternehmen. Nach Jahren bei der Spurensicherung in Miami hatte er genug gehabt, als er einen Tatort untersuchen musste, bei dem ein drogensüchtiger Vater seinen kleinen Sohn in der Mikrowelle getötet hatte. Er hatte sich bereits bei einigen kleinen Plattenstudios im Land eingekauft, doch als er von der Gründung des Detektivbüros hörte, faszinierte ihn die Idee, und er gab seinen Job sofort auf.

Aidan war jetzt sechsunddreißig, Jeremy fünfunddreißig und Zachary dreiunddreißig. Als Kinder hatten sie sich ständig in den Haaren gelegen, doch als Erwachsene waren sie zu Freunden geworden.

„Wir sollten es einfach verkaufen“, sagte Aidan.

„Ich bin mir nicht sicher, was wir in dem gegenwärtigen Zustand dafür bekommen würden“, wandte Zach ein.

„Es verkaufen?“, protestierte Jeremy. „Das ist unser … nun, das ist unser Erbe.“

Die beiden anderen sahen ihn stirnrunzelnd an. „Unser Erbe? Bis zu dem Anruf des Anwalts wussten wir nicht einmal, dass es diesen Ort gibt“, erinnerte ihn Aidan.

Jeremy zuckte die Achseln. „Mag sein, aber herrje, jede Menge Flynns haben in dem Haus gewohnt, und nun gehört es uns. Ich finde das toll. Wie viele Menschen wachen morgens auf und erfahren, dass sie eine Antebellum-Plantage geerbt haben?“

Aidan und Zach starrten das Haus an und dann wieder ihren Bruder.

„Kommt schon“, drängelte Jeremy. „Allein das Land muss etwas wert sein.“

„Richtig“, sagte Aidan. „Deswegen sage ich, wir sollten es zu dem Wert des Landes verkaufen.“

„Nein, wir sollten etwas daraus machen“, schüttelte Jeremy den Kopf. Er blickte fasziniert Richtung Haus, bevor er sich wieder seinen Brüdern zuwandte. „Was hält uns davon ab, in diese Gegend zu ziehen, hm?“

Aidan wollte etwas einwenden, verschränkte aber stattdessen die Arme vor der Brust.

Es stimmte.

Er war nach New Orleans gekommen, um einen ausgerissenen Teenager zu finden. Danach hatte er vorgehabt, an jenen Ort zurückzukehren, den er seit einiger Zeit sein Zuhause nannte, Orlando in Florida. Aber warum? Sie konnten mit der Firma überallhin ziehen, und ohne Serena gab es nichts, was ihn an Orlando band.

Sie alle drei mochten New Orleans und würden hier genug Beschäftigung finden. Jeremy konnte sich weiter um Children’s House kümmern, Zach kam sowieso oft hierher, um mit einigen alten Freunden in einer Band zu spielen. Und jetzt, nach dem Tod von Amelia Flynn, waren sie die einzigen Erben der zerfallenen Plantage.

Vielleicht hätte es nicht ein solch großer Schock sein müssen. Sie wussten, dass die Familie ihres Vaters aus dem Süden stammte, doch er war ein Einzelkind gewesen, und sein Vater wiederum ebenfalls, und davor … Nun, Menschen verloren sich aus den Augen, so war das eben.

Nicht dass ihr Zweig der Flynn-Familie weit gediehen war, dachte Aidan ironisch.

„Wir können alle bei der Sanierung helfen und es dann verkaufen“, sagte Jeremy. „Wenn wir es in einen anständigen Zustand bekommen, machen wir vermutlich ein ganz gutes Geschäft. Wenn es nicht länger nach einem Geisterhaus aussieht, werden die Käufer uns die Bude einrennen.“

„Geisterhaus?“, sagte Zach.

„Es soll doch dort tatsächlich Geister geben, oder?“, fragte Jeremy.

„Ja“, sagte Zach. „Da war irgendwas mit zwei Cousins, die während des Bürgerkriegs auf unterschiedlichen Seiten kämpften und sich schließlich hier vor dem Haus gegenseitig umbrachten. Gruselig.“

„Das ist tragisch, aber nicht gruselig“, sagte Aidan ungeduldig.

„Es ist tragisch, aber auch ein bisschen gruselig. Ich meine, sie waren unsere Vorfahren. Unsere Familie“, sagte Zach.

Der Wind pfiff leise, als ob er zustimmen wollte.

„Ich finde, Jeremy hat recht. Wir sollten das Haus restaurieren“, verkündete Zach.

„Genau. Und es wieder in ein Schmuckstück verwandeln“, stimmte Jeremy zu.

Aidan starrte die beiden an. „Seid ihr zwei verrückt?“, wollte er wissen.

Zach grinste ihn an. „Was ist los? Hast du Angst vor Geistern? Ich bezweifele, dass das Haus wirklich verflucht ist“, zog er ihn auf.

„Wir sind Investoren und keine Handwerker. Und alle alten Häuser werden angeblich von Geistern heimgesucht“, sagte Aidan und war selbst überrascht, wie gereizt er darauf reagierte. „Wenn es als verflucht gilt, heißt das, dass alle möglichen Idioten aus ihren Löchern kommen, um hier Nachforschungen anzustellen oder so was.“

Jeremy zwinkerte Zach zu. „Ich muss zugeben, dass ich den Gedanken aufregend finde, ein Stück Geschichte zu besitzen. Und wir gehören ebenso sehr zu dem Haus, wie das Haus zu uns gehört. Ich meine, das hier ist die Flynn-Plantage, und wir sind alles, was von den Flynns übrig geblieben ist.“

Aidan stöhnte laut auf. Er war bereits überstimmt. Er wusste nicht, warum, doch wenn er sich das Haus ansah, verspürte er keinerlei Drang, etwas damit zu tun zu haben.

Es war nichts als ein weißer Elefant, entschied er. Nein, nicht weiß. Ein grauer Elefant, dessen Farbe abblätterte.

„Wir wissen nicht einmal, ob die Statik in Ordnung ist“, sagte er. Als er zu dem Haus sah, blendete ihn die Sonne einen Moment. Und dann …

Dann sah er eine Frau auf dem Balkon. Sie war groß, mit wehendem, kastanienfarbenem Haar, und sie trug irgendwas Langes, Weißes, das ebenso hinter ihr herzuflattern schien wie ihr aufregendes, langes Haar. Sie war auf seltsame Weise schön – und sie wirkte sehr real.

Als er blinzelte, war sie verschwunden.

„Sagt mal, habt ihr gerade jemanden gesehen?“, fragte er seine Brüder.

„Nein, aber möglicherweise ist die Frau hier, die sich um Amelia gekümmert hat. Der Anwalt sagte etwas davon, dass sie herkommen wollte, um ihre Sachen zu holen.“

„Ich dachte, ich hätte jemanden in … egal“, sagte Aidan.

Er fixierte den Balkon und dann die Fenster. Dort war niemand.

Falls seine Brüder seine genaue Musterung des Hauses bemerkten, sagten sie nichts. Vermutlich waren sie zu beschäftigt, sich über ihre handwerklichen Fähigkeiten zu streiten.

Er ließ sie stehen und ging in Richtung Haus.

„Aidan!“, rief Zach. „Was tust du da?“

„Ich sehe mir das näher an“, rief er zurück.

Eine Minute später hatten sie ihn eingeholt, und sie alle gingen die Kiesauffahrt hinauf, deren uralte Eichen links und rechts einen willkommenen Schutz vor der Sonne boten. Als sie sich dem Haus näherten, bemerkte Aidan, dass der Anstrich in einem noch schlechteren Zustand war als angenommen. Hier wird man richtig Arbeit hineinstecken müssen, dachte er mit einem innerlichen Stöhnen.

„Wir können hier draußen eigentlich keine baurechtlichen Probleme bekommen“, sagte Zach.

„Wenn es eine historische Sehenswürdigkeit ist, werden wir dennoch mit jemandem verhandeln müssen“, entgegnete Aidan.

Zach schüttelte den Kopf. „Ich bin sicher, dass es irgendeinen historischen Schutz genießt. Aber historische Gebäude sind wichtig. Ich weiß nicht, wie es dir geht, Aidan, aber manchmal … herrje, manchmal glaube ich, dass wir zumindest versuchen sollten, die Welt etwas zu verbessern.“

Aidan blieb stehen und sah seinen Bruder verständnislos an. „Wovon sprichst du?“

Zach zuckte die Achseln. „Ich habe so viel schlimmen Scheiß da draußen gesehen – herrje, wir alle haben das –, und ich kann mir nicht helfen, aber ich habe das Gefühl, dass das hier etwas Wichtiges ist, etwas, das uns bestimmt ist.“

„Was, wenn die Historische Gesellschaft die Plantage kaufen will?“, wollte Aidan wissen.

Zach starrte ihn an. „Der Sturm ist zwar inzwischen Jahre her, doch du und ich wissen, dass es noch Jahre dauern wird, bis wieder richtiges Geld in die Region fließt. Ich bin mir sicher, dass die Historische Gesellschaft alles Mögliche getan hat, um die Gebäude zu restaurieren, die sie schon besitzt. Aber wir könnten etwas Wichtiges tun, indem wir diesen Ort wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückverwandeln. Hier könnten Vorträge und Konzerte stattfinden, vielleicht sogar Festspiele, um das Publikum daran zu erinnern, wie man ein Land aufbaut.“ Zach errötete und war von seiner kleinen Rede offenbar selbst überrascht, doch er machte keinen Rückzieher.

Als Jeremy sein „Ich bin dabei“ murmelte, hob Aidan resigniert die Hände. „Tatsächlich habe ich eine Idee“, übernahm nun Jeremy das Ruder.

„Ach ja?“, sagte Aidan.

„Warum setzen wir uns nicht ein zeitliches Ziel? Wie Halloween. Wir könnten zu einem Event für Children’s House einladen.“

Aidan sah Jeremy an. Sein Bruder meinte es ernst. Und warum auch nicht? Als ihn der Beruf mit dem Schlimmsten konfrontiert hatte, was er sich vorstellen konnte, war er nicht verbittert, hatte nicht aufgegeben. Er hatte sich einer Aufgabe verschrieben, damit nicht noch mehr Kinder tot in einem Fluss landeten.

Sicher, Jeremy versteifte sich manchmal auf etwas, aber was sollte es? Vielleicht lag es im Blut. Hatte er nicht selbst vor weniger als einer Stunde am Ufer gestanden und darauf bestanden, dass ein einzelner Knochen, den jeder für eine Folgeerscheinung der Naturkatastrophe hielt, ernst genommen und eingehend untersucht werden musste?

Zachary hatte Jeremys Sache von Beginn an aus vollem Herzen unterstützt, aber was hatte er, der Älteste, getan?

Nichts, das war es. Er hatte seine Seele sterben lassen.

Nun, genug davon. Er schuldete seinem Bruder etwas.

„Ein Event?“, fragte er und bemühte sich noch immer, die Stimme der Vernunft zu spielen.

„Eine Halloween-Party.“ Jeremy lächelte, als die Idee in seinem Kopf Gestalt annahm. „Wir dekorieren die Plantage, heuern ein paar Leute an, die sich verkleiden und herumgeistern.“

Aidan stöhnte laut auf.

„Denk drüber nach, Aidan. Dieser Ort wurde uns geradezu geschenkt, warum ihn also nicht dazu benutzen, um anderen zu helfen?“, fragte Zach und schlug sich auf Jeremys Seite.

Aidan wusste, dass sie seinen Segen nicht brauchten. Er war überstimmt.

Doch sie wollten seine Unterstützung.

„Lasst uns heute erst einmal untersuchen, ob das Haus überhaupt stehen bleibt, wenn es regnet, okay?“, sagte Aidan. „Danach bin ich offen für alles.“

„Er ist offen für alles. Hast du das gehört?“, wandte sich Zach an Jeremy.

„Ja. Er muss zu lange in der Sonne gewesen sein“, erwiderte Jeremy grinsend.

Aidan ging weiter, und sie folgten ihm mit etwas Abstand. Sie kennen mich so gut, dachte er.

Er erinnerte sich, wie sie sich als Kinder und Jugendliche ständig geprügelt und ihre Eltern damit fast in den Wahnsinn getrieben hatten. Von ihm hatte man erwartet, sich besser zu benehmen, weil er der Älteste war. Meistens hatte er den Dingen Einhalt geboten, bevor es zu schlimm wurde. Dennoch waren sie Brüder gewesen. Wenn irgendjemand sich mit einem von ihnen anlegte, bildeten sie eine geschlossene Front. Sie waren die Flynn-Brüder und so unzertrennlich wie ein Clan nur sein konnte, wenn es hart auf hart kam.

Doch dann war er zum Militär gegangen und hatte einen bezahlten Dienst angetreten, um bei seiner Ausbildung zu helfen. Selbst als er in Übersee war, hatte die Familie ihn natürlich besucht – zumindest während er in Deutschland stationiert war. Doch es war nicht das Gleiche, als wenn er geblieben wäre. Er war als Erster fortgegangen. Die anderen beiden waren zwar nicht zu Hause, wohl aber im Staat und in der Nähe des Zuhauses geblieben. Außerdem verband Jeremy und Zach ihre Liebe zur Musik – nicht dass er damit nichts anfangen konnte, aber er liebte sie nicht ganz so sehr, wie seine Brüder es taten. Und als er zurückkam, ging er zum FBI. Die Ausbildung war faszinierend, wenn auch hart gewesen, doch irgendwie – vielleicht lag es an seinen Jahren beim Militär – hatte er die ganze Struktur als unangenehm und einengend empfunden. Er hatte seinen Hut genommen, hoffentlich ohne Groll auf beiden Seiten. Er war ziemlich sicher, dass dem so war. Die paar Male, die er bei seinen Recherchen in Sackgassen gelandet war, hatte man ihm beim FBI diskret geholfen.

Und natürlich war da Serena gewesen.

Es lief immer wieder auf Serena hinaus. Sie war der wahre Beginn seines Lebens gewesen.

Und das Ende.

Seit damals in der Highschool hatte sie mit ihm alles durchgestanden. Sie half ihm, sich durch die Zweifel bei allen wichtigen Entscheidungen hindurchzukämpfen. College oder Militär? Grafikstudium oder Kriminologie? Beim Militär bleiben oder sich beim FBI bewerben?

Doch dann hatte sich das Leben von einem Moment auf den anderen geändert, und er bereute, dass sie seine Arbeit und ihre politische Karriere nicht beiseitegeschoben hatten. Ein betrunkener Baggerfahrer war über den Mittelstreifen gerast und hatte Serena getötet. Und seitdem war nichts mehr von Bedeutung.

Das war jetzt fünf Jahre her. Und auch wenn ihn seine Arbeit mit Stolz erfüllte und trotz der guten Dinge, die er für andere Menschen erreichte, wusste er nicht mehr, wofür er lebte. Die Tage kamen, und die Tage gingen.

„Ich glaube nicht, dass ihr beiden auch nur ansatzweise ahnt, von wie viel Arbeit ihr hier sprecht“, sagte er. „Und all die Lizenzen und Genehmigungen und Versicherungen und …“

„Mach keinen Aufstand. Wir sind die Brüder Flynn“, sagte Zachary, der sich zwischen Aidan und Jeremy stellte und jedem einen Arm um die Schultern legte. „Wie könnte bei uns etwas schiefgehen?“

Aidan sah zum Haus hinauf. Wieder verspürte er einen merkwürdigen Anflug von Beklommenheit, was ihm gar nicht ähnlich sah. Er war der logische und pragmatische Bruder. Er hatte keine irrationalen Gefühle wie diese.

Er riss sich zusammen. Was zum Teufel konnte das schon sein?

„Die Brüder Flynn“, stimmte er zu.

2. KAPITEL

Verdammt.

Sie waren schon da.

Die Erben waren nicht da gewesen, als Amelia krank war, und sie waren nicht da gewesen, als sie starb. Laut dem Rechtsanwalt hatten sie nicht einmal von ihrer Existenz gewusst, bis er ihnen die Nachricht von ihrer Erbschaft mitteilte. Eine Entschuldigung, die für sie verdammt verdächtig klang.

Kendall Montgomery verließ den Balkon, auf dem sie so oft mit Amelia gesessen hatte, und ging zurück ins Schlafzimmer. Sie hoffte, dass man sie nicht gesehen hatte. Sie wusste, dass der Anwalt die Flynns getroffen und ihnen die Besitzurkunde für die Plantage übergeben hatte.

Sie hatte nur nicht erwartet, dass sie hier auftauchten. Jedenfalls noch nicht.

Sie war gekommen, um ihre letzten Sachen zusammenzupacken. Bücher und CDs, die sie Amelia geliehen hatte, ein paar Kleidungsstücke, die sie hiergelassen hatte für die Nächte, in denen sie geblieben war, um der alten Dame Gesellschaft zu leisten. Sie hatte getan, was sie konnte, um Amelia zu helfen, hatte ihr Liebe und Loyalität gezeigt. Schließlich war die ältere Frau auch für sie da gewesen, als sie dringend jemanden gebraucht hatte. Amelia war entzückend gewesen und hatte mit Vorliebe faszinierende Einzelheiten und Geschichten der örtlichen Historie erzählt und von der Legende, die das Haus umgab. Sie hatte vieles erlebt, und es war ihr gelungen, die Plantage zu behalten – auch wenn sie den Verfall nicht hatte verhindern können. Das allein zeigte, was für eine bemerkenswerte Frau sie gewesen war.

Kendall blickte zu Boden und bemerkte, dass sie etwas festhielt. Das wunderschöne alte Tagebuch, das sie auf dem Dachboden gefunden hatte, als sie für Amelia einen Umschlag mit Papieren heraussuchen sollte. Sie hatte das Tagebuch neben Amelias Bett gelegt und vorgehabt, es später zu lesen, doch irgendwie war sie nie dazu gekommen. Bis heute.

Ausgerechnet heute, wo sie eigentlich nur kurz ihre Sachen holen wollte, hatte sie es in die Hand genommen und aufgeschlagen.

Und es war faszinierend. Es stammte von einer Frau, die während des Bürgerkriegs in dem Haus gelebt hatte. Nachdem Kendall die ersten Einträge überflogen hatte, war sie rasch völlig vertieft. Sie staunte über die Tatsache, dass sie ein mehr als hundertundfünfzig Jahre altes Buch in den Händen hielt, dass sie Worte las, die vor so langer Zeit geschrieben worden waren. Die Gedanken einer Frau, die inmitten eines furchtbaren Krieges gelebt hatte, der Familien auseinanderriss. Worte vom Überleben. Es gab in dem Tagebuch kleine Tratschereien über das alltägliche Leben, und es gab auch Hoffnungen und Träume für die Zukunft.

Das Tagebuch hatte sie viel länger im Haus festgehalten als geplant, und nun waren die Erben im Anmarsch.

Rasch stopfte sie das Buch in ihren Rucksack.

Es gehörte ihr nicht. Es gehörte den Männern, Amelias einzigen lebenden Verwandten.

Aber sie musste es zu Ende lesen. Sie würde es nicht behalten, sondern nur so lange borgen, bis sie die letzte Seite gelesen hatte. Danach würde sie es so schnell wie möglich zurückgeben. Und nun musste sie sich zurechtlegen, wie sie den neuen Besitzern der Plantage begegnen wollte.

Kendall dachte daran, sich zu verstecken. Sich zur Hintertür hinauszustehlen. Doch vermutlich würden sie ihren Wagen bei den Ställen bemerken, bevor sie ihn erreichte. Nein. Es war besser, ihnen entgegenzutreten, auch wenn sie nicht hier sein sollte, nicht ohne Erlaubnis.

Sie würde sich für ihr Eindringen entschuldigen, erklären, dass sie nur ihre Sachen holen wollte, und dann so schnell wie der Teufel verschwinden.

Sie hatte Jeremy Flynn am Tag vorher im Radio gehört, wie er darüber sprach, Spendengelder zu sammeln, um jenen Kindern zu helfen, die durch den Hurrikan ihre Familie verloren hatten. Er war eindeutig ein Macher und sprach sehr überzeugend. Sie musste zugeben, dass er ihr in dem Radiogespräch gefallen hatte.

Laut dem Anwalt waren es drei Brüder, die zusammen eine Privatdetektei betrieben. Vermutlich lauerten sie auf Schnappschüsse von verheirateten Männern, die eine Affäre hatten, und spionierten Babysittern hinterher.

Das French Quarter war eine ziemlich verschworene Gemeinschaft, und sie hatte dort gehört, dass ein anderer der Brüder ein netter Kerl und hervorragender Gitarrist sei.

Der dritte Bruder allerdings …

Ein knallharter Typ, hatte sie gehört. Erst beim Militär, dann beim FBI.

Er würde sie vermutlich wegen unbefugten Eindringens verhaften.

In Wahrheit jedoch schuldeten die Männer ihr aufrichtige Dankbarkeit. Sie war diejenige, die für Amelia da gewesen war. Und das nicht zu ihrem persönlichen Gewinn. Sie hatte sich angewöhnt, die meiste Zeit hier draußen zu verbringen, weil Amelia Angst gehabt hatte. Amelia hatte ihre ganzes Leben in diesem Haus verbracht, doch in den letzten Monaten war sie überzeugt gewesen, dass merkwürdige Dinge vor sich gingen, dass alte Geister aus vergangenen Jahrhunderten Tag und Nacht anwesend waren – im Haus und in ihren Träumen. Vor langer Zeit hatte sich auf der Plantage eine gewaltsame Tragödie zugetragen. Als Amelia dem Tod näher kam, schien sie überzeugt, dass ihre Vorfahren sie heimsuchten und mit ihren knochigen Fingern aus dem Grab nach ihr griffen.

Und dennoch hatte sie in den Stunden vor ihrem Tod so friedlich gewirkt. Geradezu erfreut über die Geister, als ob sie Familienmitglieder wären, die sie liebten und die sie nun nach Hause holten.

Die Hälfte der Zeit, die ich hier war, habe ich mich gegruselt und war halb besinnungslos vor Angst, dachte Kendall. Doch ich bin geblieben, weil ich mich um Amelia gesorgt habe. Wo waren diese Jungs gewesen, als sie ihre richtige Familie um sich gebraucht hätte? Wie hatten sie so völlig ahnungslos sein können von der Existenz dieses Familienmitglieds?

Doch diese Frage konnte warten. Das Wichtigste war im Moment, dass sie so schnell wie möglich hier wegkam.

Aber wie?

Geh zur Vordertür hinaus und zeig es diesen Mistkerlen, beschloss sie.

Sie warf den Kopf zurück und ging die Treppe hinunter, wo sie ihren Rucksack neben die Tür stellte, um mit beiden Händen den Riegel zu öffnen. Als sie die Tür öffnete, standen die drei Männer bereits auf der Veranda.

„Hallo“, sagte sie, als hätte sie jedes Recht der Welt, hier zu sein. Was sie tatsächlich hatte, wie sie sich ins Gedächtnis rief.

Ein streng wirkender, kantiger Mann mit kobaltblauen Augen und dunklen Haaren starrte sie kühl an. Glücklicherweise machten die anderen beiden Brüder einen bedeutend freundlicheren Eindruck. Der eine lächelte sie sogar neugierig an.

„Entschuldigen Sie. Ich bin Kendall Montgomery. Ich begleitete Amelia – Ihre … Tante? – in ihren letzten Tagen“, erklärte sie. „Ich … ich habe einige Dinge hier zurückgelassen, die ich jetzt holen wollte. Ich nehme an, Sie sind die Flynn-Brüder?“

„Das sind wir“, antwortete der, der lächelte. „Das zu meiner Linken ist mein ältester Bruder Aidan, und zu meiner Rechten steht Zach, der Jüngste. Ich bin Jeremy.“

„Na dann“, sagte sie unbehaglich. „Ich werde …“

„Ich dachte, Amelia sei vor drei Monaten gestorben“, sagte Aidan.

Sie sah ihn an. Er war groß, durchtrainiert und recht imposant, mit klaren, ausgeprägten Gesichtszügen. Doch es war weniger der Kämpferausdruck in seinem Gesicht, der sie abschreckte, als vielmehr sein Ton und das eisige Dunkel in seinen Augen, wenn er sie anschaute.

„Ich arbeite für meinen Lebensunterhalt. Ich habe ihr Begräbnis arrangiert, mich um ihre letzten Rechnungen gekümmert und alles für Sie drei vorbereitet“, entgegnete sie und war sich des beißenden Untertons in ihrer Stimme wohl bewusst.

„Wohnen Sie seitdem hier?“, fragte er kurz.

„Aidan …“, murmelte Zach.

„Ich habe mich um Amelia gekümmert. Sie wussten nicht einmal von ihrer Existenz“, gab sie zurück.

„Das ist richtig, wir wussten nicht, dass es sie gab. Wir wussten nichts von diesem Ort. Vermutlich hätten wir etwas wissen sollen, aber … wir taten es eben nicht“, sagte Jeremy leise.

„Ganz ehrlich“, ergänzte Zachary. „Wir haben diese Gegend immer gemocht, aber wir hatten keine Ahnung, dass wir hier Familie haben. Offenbar haben Sie sich um Amelia gekümmert, und nun, da wir davon wissen, sind wir sehr dankbar.“

„Sie war eine wunderbare alte Dame“,

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