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Agatha Raisin und die tote Gärtnerin

Über die Autorin

M.C. Beaton ist eines der zahlreichen Pseudonyme der schottischen Autorin Marion Chesney. Nachdem sie lange Zeit als Theaterkritikerin und Journalistin für verschiedene britische Zeitungen tätig war, beschloss sie, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Mit ihren Krimi-Reihen um den schottischen Dorfpolizisten Hamish Macbeth und die englische Detektivin Agatha Raisin feiert sie bis heute große Erfolge in über 15 Ländern. M.C. Beaton lebt und arbeitet in einem Cottage in den Cotswolds.

M.C. BEATON

Agatha Raisin

und
die tote Gärtnerin

Kriminalroman

Aus dem Englischen von
Sabine Schilasky

BASTEI ENTERTAINMENT

Die Autorin möchte Nic Dicker vom Batsford Garden Centre für seine Hilfe bei der Suche nach den richtigen Pflanzen für Agathas »Instant-Garten« danken.

Eins

Ein mildfeuchter Winter ging in den Frühling über, als Agatha Raisin nach einem ausgedehnten Urlaub langsam in ihr Heimatdorf Carsely zurückfuhr. Sie redete sich ein, dass sie fernab von diesem verschlafenen Dorf eine wunderbare Zeit gehabt hatte. Agatha war in New York gewesen, von dort auf die Bermudas und anschließend nach Montreal gereist, um sodann nach Paris und weiter nach Italien, Griechenland und in die Türkei zu fliegen. Und obwohl sie eine vermögende Frau war, plagte sie ihr schlechtes Gewissen, denn sie war es schlicht nicht gewohnt, solche Summen nur zum Vergnügen zu verschleudern. Früher hatte sie fast ausschließlich die etwas teureren Pauschalangebote gebucht, bei denen sie in einer Gruppe reiste. Diesmal war sie allein unterwegs gewesen. Carsely hatte ihr das nötige Selbstvertrauen gegeben, neue Kontakte zu knüpfen. Zumindest hatte sie das gedacht. Jetzt schien es ihr, als hätte sie zahllose Wochen in austauschbaren Hotelzimmern verbracht und einsam irgendwelche Sehenswürdigkeiten abgeklappert.

Natürlich würde sie ebenso wenig zugeben, dass sie einsam gewesen war, wie sie jemals eingestehen würde, dass ihre Abwesenheit irgendetwas mit ihrem Nachbarn James Lacey zu tun hatte.

Am Ende ihres »letzten Falles«, wie sie es gern nannte, hatte sie im örtlichen Pub mit einer der hiesigen Frauen zu viel getrunken und auf dem Heimweg eine obszöne Geste in James’ Richtung gemacht, als der gerade vor seinem Cottage stand.

Am nächsten Tag hatte sie sich zerknirscht bei ihrem attraktiven Nachbarn entschuldigt, und er hatte ihre Entschuldigung ruhig angenommen. Aber ihre aufkeimende Freundschaft war seitdem zu einer lauwarmen Bekanntschaft heruntergekühlt. Er redete kurz mit ihr, wenn er sie im Pub oder im Dorfladen traf, kam jedoch nicht mehr auf einen Kaffee vorbei. Und wenn er in seinem Vorgarten arbeitete und Agatha kommen sah, verschwand er flugs im Haus. Deshalb hatte Agatha ihr blutendes Herz ins Ausland getragen. Fernab vom beruhigenden Einfluss Carselys hatte sich ihr altes Naturell erneut durchgesetzt, sprich: Sie war wieder reizbar, aggressiv und voreingenommen. Ihre Kater befanden sich in einem Korb auf dem Rücksitz, denn Agatha hatte sie auf dem Rückweg in der Katzenpension abgeholt. Und obgleich sie bis heute verheiratet war – auch wenn sie ihren Mann seit Jahren nicht gesehen und ihn praktisch vergessen hatte –, kam sie sich wie die wunderliche alte Jungfer des Dorfes vor, mitsamt den dazugehörigen Katzen.

Carsely lag friedlich im milden Sonnenschein. Rauch stieg aus den Schornsteinen auf. Agatha fuhr in die unscheinbare Hauptstraße. Eigentlich war diese Straße das Dorf, sah man von den wenigen abzweigenden Seitenwegen und der Sozialsiedlung am Dorfrand ab. Von hier bog Agatha scharf in die Lilac Lane, in der ihr reetgedecktes Cottage stand. James Lacey wohnte gleich nebenan. Aus seinem Schornstein rauchte es. Sogleich schöpfte sie neuen Mut. Wie gern würde sie vor seiner Tür anhalten und rufen: »Ich bin wieder da!« Doch sie wusste, dass er herauskommen, sie ernst ansehen und bloß etwas Höfliches wie »Schön, dass Sie zurück sind« sagen würde, bevor er sich wieder nach drinnen verkrümelte.

Und so hielt sie erst vor ihrem Cottage, schnappte sich ihre Kater Boswell und Hodge und schloss die Haustür auf. Drinnen roch es streng nach Reinigungs- und Desinfektionsmitteln. Ihre Putzhilfe, Doris Simpson, hatte sich während Agathas Abwesenheit offenbar nach Herzenslust ausgetobt. Agatha fütterte ihre Kater, ließ sie nach draußen und schleppte dann ihre Koffer herein. Nachdem sie ihre Urlaubskleidung in den Wäschekorb gestopft hatte, packte sie die kleinen Päckchen aus, die sie als Souvenirs für die Damen von Carsely mitgebracht hatte.

Der Vikarsfrau Mrs. Bloxby hatte sie einen sehr hübschen Schal in Istanbul gekauft. Und weil Agatha sich nach etwas menschlicher Gesellschaft sehnte, beschloss sie, jetzt gleich zum Pfarrhaus zu gehen und ihr Mitbringsel zu überreichen.

Inzwischen war die Sonne untergegangen, und das Pfarrhaus sah dunkel und still aus. Plötzlich bekam Agatha Angst. Bei allen Vorbehalten gegen Carsely konnte sie sich das Dorf nicht ohne die sanftmütige Vikarsfrau vorstellen. Könnte der Vikar in eine andere Gemeinde versetzt worden sein, während sie fort war?

Agatha war eine stämmige Frau mittleren Alters mit einem runden, kampflustigen Gesicht und kleinen Bärenaugen. Ihr volles braunes Haar ließ sie seit Jahrzehnten zu einer Kurzhaarfrisur mit langem Pony schneiden, die im Grunde seit den Siebzigern nicht so ganz aus der Mode gekommen war. Sie besaß passable Beine und kleidete sich teuer, weshalb niemand, der sie vor der Pfarrhaustür stehen sah, auf den Gedanken gekommen wäre, dass sie sich nichts mehr ersehnte als ein freundliches Gesicht. Dieser scheue Wunsch lag allerdings sicher verborgen hinter dem dicken Schutzpanzer, den Agatha sich im Laufe der Jahre zugelegt hatte.

Sie klopfte und hörte erfreut, wie sich drinnen Schritte der Tür näherten. Im nächsten Moment öffnete Mrs. Bloxby und lächelte Agatha an. Die Vikarsfrau hatte ein sanftmütiges Gesicht und braunes, zu einem Dutt gebundenes Haar mit einigen grauen Strähnen.

»Kommen Sie herein, Mrs. Raisin«, sagte sie mit diesem besonderen Lächeln, das ihre Züge erstrahlen ließ. »Ich wollte gerade einen Tee trinken.«

Da Agatha über die letzten Wochen vergessen hatte, wie es war, gemocht zu werden, schleuderte sie Mrs. Bloxby das eingewickelte Päckchen entgegen und sagte schroff: »Das ist für Sie.«

»Oh, wie nett! Aber kommen Sie doch herein.« Mrs. Bloxby ging ins Wohnzimmer vor und schaltete eine kleine Lampe ein. Nun fühlte Agatha sich richtig zu Hause und sank zwischen die weichen Kissen auf das Sofa, während Mrs. Bloxby einen Holzscheit in den glimmenden Kamin warf und das Feuer mit dem Schürhaken zum Brennen brachte.

Mrs. Bloxby wickelte das Päckchen aus und stieß einen verzückten Laut aus, als sie den Seidenschal sah, der in Gold, Rot und Blau schimmerte. »Wie exotisch! Den werde ich am Sonntag in der Kirche tragen und von der gesamten Gemeinde beneidet werden. Tee und Scones, würde ich sagen.« Sie verließ das Zimmer. Agatha hörte, wie sie vom Flur aus ihrem Mann zurief: »Schatz, Mrs. Raisin ist wieder zurück!« Auch seine gemurmelte Antwort entging Agatha nicht.

Ungefähr zehn Minuten später erschien Mrs. Bloxby mit einem Tablett, auf dem Tee und Scones standen. »Alf kann uns leider keine Gesellschaft leisten. Er arbeitet an seiner Predigt.«

Agatha war ein bisschen beleidigt, denn der Vikar schaffte es stets, bei ihren Besuchen anderweitig beschäftigt zu sein.

»Also, erzählen Sie von Ihrer Reise«, forderte Mrs. Bloxby sie auf. Und so prahlte Agatha damit, wo sie überall gewesen war, und hoffte inständig, dass ihre Schilderungen das Bild einer erfahrenen Globetrotterin wiedergaben. Anschließend schwenkte sie ihren gebutterten Scone und sagte überheblich: »Ich nehme an, hier war nicht besonders viel los.«

»Ach, wir haben schon unsere kleinen Ereignisse«, antwortete die Vikarsfrau. »Und wir haben ein neues Gemeindemitglied, eine wahre Bereicherung für unser Dorf: Mrs. Mary Fortune. Sie hat Mrs. Josephs Haus gekauft und es ausgesprochen hübsch renoviert. Zudem ist sie eine wunderbare Gärtnerin.«

»Mrs. Josephs hatte doch nur einen kleinen Garten«, sagte Agatha.

»Nun, nach vorn gibt es schon ein wenig Platz, und Mrs. Fortune hat ihn bereits neu gestaltet. Und sie hat einen Wintergarten an die Küche anbauen lassen, in dem sie tropische Pflanzen zieht. Hervorragend backen kann sie ebenfalls. Ich muss gestehen, dass sich meine Scones neben ihren erbärmlich ausnehmen.«

»Und was macht Mr. Fortune?«

»Es gibt keinen Mr. Fortune. Sie ist geschieden.«

»Wie alt?«

»Schwer zu sagen. Sie ist eine überaus gutaussehende Dame und eine große Bereicherung bei den Treffen unserer Botanischen Gesellschaft. Sie und Mr. Lacey sind solch leidenschaftliche Gärtner.«

Agatha war maßlos enttäuscht. Sie hatte insgeheim gehofft, dass James sie vermisst hätte. Nun aber schien es, als hätte er sich die Zeit bestens mit einer hübschen, geschiedenen Hobbygärtnerin vertrieben.

Während Mrs. Bloxby mit ihrer sanften Stimme von den sonstigen Neuigkeiten in der Gemeinde berichtete, schweiften Agathas Gedanken ab, so dass sie kaum etwas von dem hörte, was die Vikarsfrau sagte. Agathas Interesse an James Lacey war gleichermaßen romantischer wie kämpferischer Natur. Da sie eine durch und durch vernünftige Frau war, könnte sie sogar hinnehmen, dass James Lacey sich überhaupt nicht für sie interessierte. Aber die bloße Erwähnung dieser »Bereicherung für die Gemeinde« genügte, um Agathas Kampfgeist zu wecken.

Die Stimme des Vikars erklang aus dem hinteren Teil des Hauses. »Gibt es heute kein Abendessen?«

»Bald«, rief Mrs. Bloxby. »Möchten Sie mit uns essen, Mrs. Raisin?«

»Ich habe gar nicht bemerkt, dass es schon so spät ist.« Agatha stand auf. »Sehr freundlich, aber nein danke.«

Agatha ging zurück zu ihrem Cottage und ließ die Kater wieder von draußen herein. Viel war von ihrem Garten nicht zu sehen, weil es dunkel war. Im letzten Jahr hatte Agatha einige Sträucher und Blumen gepflanzt, die sie fertig vorgezogen im Gartenhandel kaufte, denn Agatha war eine »Instant-Gärtnerin«. Nun aber musste sie notgedrungen echtes Gärtnern lernen, und echte Gärtner besaßen Gewächshäuser und zogen ihre Pflanzen eigenhändig aus Samen. Außerdem sollte sie schleunigst dieser Botanischen Gesellschaft beitreten.

Gleich am nächsten Tag machte Agatha sich daran, ihre neue Gegnerin unter die Lupe zu nehmen. Sie fuhr nach Moreton-in-Marsh, besorgte einen Kuchen in der Konditorei und fuhr wieder zurück nach Carsely. Dort ging sie zu Fuß zum Haus der Neuen, das in einer Reihe mit ziemlich unscheinbaren viktorianischen Cottages am oberen Dorfende stand. Als Agatha die Gartenpforte öffnete, überkam sie ein mulmiges Gefühl. Das letzte Mal, als sie durch diese Pforte gegangen war, hatte sie drinnen die ermordete Bibliothekarin Mrs. Josephs gefunden. Nun war vorn am Haus ein Anbau: eine Art verglaste Veranda, in der Pflanzen, Blumen und Korbmöbel standen.

Den Kuchen in einer Hand, läutete Agatha mit der anderen. Beim Anblick der Frau, die ihr öffnete, schwanden Agathas Hoffnungen rapide. Sie war ohne Frage hübsch, hatte ein glattes, wohlproportioniertes Gesicht, blondes Haar und leuchtend blaue Augen.

»Guten Tag, ich bin Agatha Raisin, die Nachbarin von Mr. Lacey in der Lilac Lane. Ich bin gerade von einem längeren Urlaub zurück und erfuhr, dass Sie neu ins Dorf gezogen sind, also wollte ich Ihnen diesen Kuchen bringen.«

»Wie nett von Ihnen.« Mary Fortune strahlte. »Kommen Sie herein. Selbstverständlich habe ich schon von Ihnen gehört. Sie sind unsere Miss Marple.« Etwas an der Art, wie sie es sagte und Agatha dabei ansah, legte den Schluss nahe, dass sie sich weniger auf die detektivischen Fähigkeiten der fiktiven Figur bezog als auf ihr Alter.

Mary führte sie in ein gemütliches Wohnzimmer. An den Wänden reihten sich Bücherregale, Topfpflanzen glänzten sattgrün und gesund, und im Kamin knisterte ein Feuer. Es duftete nach Frischgebackenem. Ja, Agatha konnte sich lebhaft vorstellen, wie James hier entspannt in einem Sessel saß, die langen Beine von sich gestreckt. »Ich möchte mir nur rasch Ihre Telefonnummer notieren«, sagte Agatha, klappte ihre geräumige Handtasche auf und kramte ein Notizbuch, einen Stift sowie ihre Lesebrille hervor. Zwar wollte sie Marys Nummer nicht zwingend haben, aber sie brauchte einen Vorwand, um ihre Brille aufsetzen und nachsehen zu können, ob die Neue tatsächlich so faltenfrei war, wie es Agatha ohne Sehhilfe schien.

Mary gab ihr die Telefonnummer, und Agatha blickte auf, um sie genauer zu betrachten. Heiliger Kuhmist! Das war aber mal ein Lifting, wie es im Buche stand. Die Haut war eindeutig künstlich gestrafft und das Haar fachmännisch gesträhnt, nicht einfach nur mit einer Tönung aufgehellt.

»Wie ich höre, sind Sie Mitglied in der Botanischen Gesellschaft«, sagte Agatha, nahm ihre Brille ab und steckte sie ins Etui zurück.

»Ja, und ich darf sagen, dass ich meinen bescheidenen Teil zur Grüngestaltung des Dorfes beitrage. Mr. Lacey ist eine große Hilfe. Sie kennen ihn ja gewiss, schließlich ist er Ihr Nachbar.«

»Und ob. Wir sind sehr gut befreundet«, sagte Agatha.

»Ach ja? Aber nun sollten wir unbedingt den Kuchen probieren, den Sie mitgebracht haben.« Mary stand auf. Sie trug einen grünen Pullover und eine grüne Tuchhose. Ihre Figur war perfekt.

Es klingelte. »Wo wir gerade von James sprechen, das wird er sein«, sagte Mary. »Er kommt oft zu Besuch.«

Agatha strich sich ihren Rock glatt. In diesem Moment fiel ihr ein, dass sie nicht daran gedacht hatte, Make-up aufzulegen. Manche Frauen waren in der glücklichen Lage, kein Make-up zu brauchen, doch bedauerlicherweise konnte Agatha das nicht von sich behaupten.

James Lacey kam herein, und für einen Sekundenbruchteil wirkte er enttäuscht, Agatha zu sehen. Er war ein sehr großer Mann in den Fünfzigern. Sein dichtes schwarzes Haar zeigte lediglich eine Spur von Grau, und seine Augen waren strahlend blau, genau wie Marys. Er küsste Mary auf die Wange, lächelte Agatha an und sagte: »Willkommen daheim. Hatten Sie einen schönen Urlaub?«

»Mrs. Raisin hat Kuchen mitgebracht«, unterbrach Mary sie. »Ich werde Tee kochen, solange Sie beide plaudern.«

James lächelte Mary zu, ohne sie richtig anzusehen. Es war die Sorte Blick, die verriet, dass er es zu gerne getan hätte, jedoch zu schüchtern war, es zu wagen. Wie ein Schuljunge. Er ist verliebt, dachte Agatha. Am liebsten wäre sie sofort aufgestanden und gegangen.

Stattdessen zwang sie sich, möglichst munter von ihren Reisen zu erzählen. Sie wünschte, sie hätte einige amüsante Geschichten zum Besten geben können, nur hatte sie kaum mit irgendjemandem gesprochen.

Mary kam mit einem Tablett ins Zimmer zurück. »Schokoladenkuchen. Jetzt werden wir alle fett.«

»Sie doch nicht«, schmeichelte James. »Sie brauchen sich keinerlei Sorgen zu machen.«

Mary lächelte ihn an, und James erwiderte es mit einem scheuen Lächeln, bevor er den Kopf über seinen Kuchenteller neigte.

»Ich hatte überlegt, der Botanischen Gesellschaft beizutreten«, sagte Agatha. »Wann treffen Sie sich?«

»James und ich gehen heute Abend zu einem Treffen, falls Sie mitkommen möchten«, antwortete Mary. »Es ist um halb sieben in der Schulaula.«

»Ich wusste nicht, dass Sie sich fürs Gärtnern interessieren, Mrs. Raisin«, bemerkte James.

»Was soll die Förmlichkeit?« Agatha musterte James mit ihren Bärenaugen. »Sie nennen mich doch sonst Agatha.«

»Nun, Agatha, Sie haben bisher immer nur vorgezogene Pflanzen beim Gärtner gekauft.«

»Aus praktischen Gründen. Aber jetzt habe ich Zeit und will richtig gärtnern.«

»Wir helfen Ihnen«, bot Mary freundlich an. »Nicht wahr, James?«

»Ja, gewiss doch.«

»Was hat Sie veranlasst, nach Carsely zu ziehen, Mary?« Agathas Rockbund begann, ein bisschen zu zwacken, deshalb stellte sie ihren Teller mit dem halbgegessenen Kuchenstück hin und schob ihn von sich.

»Ich hatte eine Spazierfahrt durch die Cotswolds gemacht und mochte dieses Dorf auf Anhieb«, sagte Mary. »Es ist so friedlich, so ruhig, und die Leute hier sind wunderbar.«

»Wissen Sie, dass jemand in diesem Haus ermordet wurde?«, fragte Agatha. Sie war entschlossen, das Gespräch auf den Mordfall zu bringen, den sie gelöst hatte. Aber Mary tat es direkt ab. »Ja, ich kenne die Geschichte, aber das kümmert mich nicht. In diesen alten Häusern sind doch ohnehin schon viele Menschen gestorben.« Sie wandte sich zu James und fing an, über das Gärtnern zu sprechen. »Ich habe meine Sämlinge ausgesetzt.«

»Na, was Sie in Ihrem Privatleben machen, geht ja keinen was an«, sagte Agatha mit einem tiefen Lachen.

Für einen Moment herrschte eisiges Schweigen, dann redeten Mary und James weiter. Sie warfen mit lateinischen Pflanzennamen um sich, die Agatha noch nie zuvor gehört hatte.

Sie fühlte sich herabgesetzt und ausgeschlossen. Doch auch wenn sie eigentlich nur wegwollte, wollte sie James nicht allein hier zurücklassen.

Schließlich, als hätte er geahnt, dass Agatha sich nicht vom Fleck rühren würde, ehe er sich verabschiedete, stand James auf. »Also bis heute Abend, Mary.«

Mary und Agatha erhoben sich ebenfalls. »Ich komme mit Ihnen, James«, sagte Agatha. »Bis heute Abend, Mary.«

Agatha und James gingen hinaus. Doch bei der Gartenpforte machte James plötzlich kehrt und eilte zurück zu Mary, die noch an der Tür stand. Er neigte seinen attraktiven Kopf und flüsterte ihr etwas zu, woraufhin Mary lachte und ihrerseits etwas flüsterte. Dann kam James wieder zu Agatha, und sie gingen gemeinsam fort.

»Mary ist eine interessante Frau«, sagte James. »Sie ist schon viel gereist. Bevor sie herkam, hat sie sogar eine Weile in Kalifornien gelebt.«

»Da hat sie sich wahrscheinlich liften lassen.«

James sah zu ihr hinab und sagte unvermittelt: »Mir fällt gerade ein, dass ich noch etwas fürs Abendessen einkaufen muss. Da sollte ich mich beeilen, aber hetzen Sie sich nicht meinetwegen.« Wie ein Wagen, bei dem man das Gaspedal durchtrat, preschte er davon. Agatha blickte ihm entgeistert nach.

Während ihres einsamen Marsches nach Hause kam Agatha beinahe zu dem Schluss, die ganze Sache zu vergessen. Sollte Mary doch James kriegen. Wenn er sich zu solchen Frauen hingezogen fühlte, war er ohnehin nichts für eine Agatha Raisin.

Aber so schnell wollte sie dann doch nicht aufgeben. Jedenfalls hatte sie bis zum späten Nachmittag ein kleines Gewächshaus samt Heizsystem bestellt und ein halbes Vermögen auf den Preis draufgelegt, damit es bis zum Wochenende aufgebaut war. Außerdem hatte sie sich einen Stapel Gartenbücher gekauft.

Vor dem Treffen der Botanischen Gesellschaft ging Agatha noch im Pub vorbei, dem Red Lion. Sie wollte dringend irgendeinen Menschen sehen, der Mary Fortune nicht liebte. John Fletcher, der Wirt, begrüßte sie herzlich und reichte ihr einen Gin Tonic. »Geht aufs Haus«, sagte er. »Schön, Sie wieder hierzuhaben.«

Zu ihrem Entsetzen stellte Agatha fest, dass sie den Tränen nahe war. Allein zu reisen war die Hölle gewesen. Alleinstehende Frauen schienen für andere Reisende einfach unsichtbar, wurden nicht beachtet und erst recht nicht mit Respekt behandelt. Folglich war die warmherzige Begrüßung des Wirts fast zu viel für sie. »Danke, John«, sagte sie ein bisschen heiser. »Sie haben eine Neue im Dorf. Was halten Sie von ihr?«

»Mrs. Fortune? Die ist oft hier. Eine nette Dame. Sehr spendabel. Bestellt immer Drinks für alle. Das ganze Dorf redet von nichts anderem. Sie backt die besten Scones und Kuchen, ist die beste Gärtnerin, erledigt Klempnerarbeiten selbst und weiß alles über Automotoren.«

Jimmy Page, einer der örtlichen Farmer, kam herein und steuerte geradewegs auf Agatha zu. »Wie gut, Sie wieder bei uns zu haben, Agatha«, sagte er und hievte seinen gewaltigen Hintern auf den Barhocker neben ihr. »Was trinken Sie?«, fragte Agatha, die sich in puncto Großzügigkeit nicht von Mary übertrumpfen lassen wollte.

»Ein halbes Pint«, antwortete Jimmy.

»Ich habe ein Mitbringsel für Sie und Ihre Frau«, sagte Agatha. »Das bringe ich Ihnen morgen vorbei.«

»Sehr nett von Ihnen. Übrigens gab’s hier keine Morde, solange Sie weg waren. Totenstill war’s. Diese Mary Fortune hat was Witziges gesagt. Sie hat gesagt: ›Vielleicht ist Mrs. Raisin so was wie ein Aasgeier, und solange sie nicht im Dorf ist, passiert auch nichts Schlimmes.‹«

»Das ist aber nicht besonders freundlich.« Agatha kochte.

»Na, nehmen Sie’s nicht krumm. Sie hat wirklich eine lustige Art, Sachen zu sagen, und meint es nicht böse. Aber erzählen Sie von Ihrem Urlaub.«

Während mehr und mehr Dörfler hinzukamen, berichtete Agatha von ihren Abenteuern, erfand lustige Szenen und genoss es, im Mittelpunkt zu stehen, bis ihr ein Blick auf die Uhr hinterm Tresen sagte, dass sie sich lieber auf den Weg zur Schule machen sollte.

In der dämmrig beleuchteten Schulaula und unter den – in Agathas zynischen Augen – muffigsten Dorfbewohnern nahm sich Mary mit ihrem blonden Haar und dem figurbetonten grünen Wollkleid wie ein leuchtender Stern aus. Sie saß neben James, und als Agatha hereinkam, hörte sie Mary sagen: »Wir hätten wohl lieber vorher essen gehen sollen. Ich verhungere gleich.«

Also hat er gelogen, als er behauptete, noch fürs Abendessen einkaufen zu müssen, dachte Agatha gekränkt.

Mr. Bernard Spott, ein älterer Herr, leitete die Versammlung. Agatha erkannte einige vertraute Gesichter im matten Licht der Aula. Zwei der Neonlampen waren kaputt, und die verbliebene dritte surrte und flackerte über ihren Köpfen. An den Wänden hingen Kinderzeichnungen. Agatha fand, dass solche Zeichnungen in einem Raum voller Erwachsener, deren eigene Kindheit längst vorbei war und nie wiederkommen würde, etwas Deprimierendes hatten. Die Boggles waren da, jenes sauertöpfische alte Ehepaar, das sich über alles und jeden beschwerte. Und Mrs. Mason, die Vorsitzende des Frauenvereins von Carsely, saß neben Mrs. Bloxby in der ersten Reihe. Doris Simpson, Agathas Putzhilfe, kam und setzte sich neben Agatha, wobei sie ihr ein »Willkommen zurück« zuflüsterte. Hinter ihr stöckelte Miss Simms, eine unverheiratete Mutter und Sekretärin des Frauenvereins, auf ihren hohen Absätzen in den Saal.

Mr. Spott erzählte von der jährlichen Blumenschau, die im Juli stattfinden sollte. Danach, im August, stand der große Tag an, an dem die Mitglieder ihre Gärten zur Besichtigung öffneten. Dorfpolizist Fred Griggs verlas das Protokoll der letzten Versammlung, was sich wie eine Zeugenaussage vor Gericht anhörte.

Agatha unterdrückte ein Gähnen. Was sollte das alles? James wollte offensichtlich nichts von ihr, und daran konnte sie nichts ändern. Schon tat es ihr leid, so viel Geld für das Gewächshaus ausgegeben zu haben. Ihre Gedanken schweiften ab. Es war zweifellos verwerflich, sich einen weiteren Mord zu wünschen, aber genau das tat Agatha. Sie hasste Veranstaltungen wie diese, auf denen sie einfach nichts verloren hatte. Hobbygärtner war man entweder von Kindesbeinen an oder man wurde es nie, beschloss Agatha. Und jede Pflanze, die sich im Armenviertel von Birmingham blicken ließ, wo Agatha aufgewachsen war, war sofort von irgendwem zertrampelt worden.

Allgemeines Stühle- und Füßescharren setzte am Ende der Versammlung ein. Und an der großen Teemaschine im hinteren Bereich der Halle stand natürlich Mary, die – wie sollte es anders sein? – auch eine formvollendete Gastgeberin war.

Agatha drehte sich zu Doris. »Danke, dass Sie mein Haus so herrlich sauber gehalten haben«, sagte sie. »Sind Sie passionierte Gärtnerin?«

»Ich habe erst letztes Jahr angefangen«, antwortete Doris. »Aber es macht Spaß.«

»Das hier kommt mir nicht sonderlich spaßig vor«, bemerkte Agatha mit einem mürrischen Blick hinüber zu James, der neben Mary stand, während sie Tee ausschenkte und Kuchenteller reichte.

»Es wird besser, wenn wieder alles zu wachsen beginnt.«

»Unsere Neue ist anscheinend sehr beliebt«, bemerkte Agatha.

»Nicht bei mir.«

Ach, die wunderbare Doris! Was für ein Schatz von einer Frau und so vernünftig! »Warum denn nicht?«

»Weiß ich nicht.« Doris’ blassgraue Augen blickten hellwach durch die Brillengläser. »Sie macht alles richtig und ist nett zu jedem, aber da ist überhaupt keine Wärme. Es ist, als würde sie eine Rolle spielen.«

»James Lacey ist offenbar hingerissen von ihr.«

»Das ist nicht von Dauer.«

Neue Hoffnung keimte in Agatha. »Wieso?«

»Weil er ein kluger Mann ist und sie nur klug tut. Er ist ein netter Mann, und sie gibt bloß vor, nett zu sein. So sehe ich die Sache zumindest.«

»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht«, sagte Agatha. »Sie können es morgen mitnehmen, wenn Sie kommen.«

»Vielen Dank, aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Wie geht es Ihren Katern?«

»Sind beleidigt. Sie fanden die Katzenpension furchtbar.«

»Statt Geld für die Tierpension auszugeben, lassen Sie die zwei nächstes Mal einfach zu Hause, dann gehe ich einmal am Tag hin, füttere sie und lasse sie nach draußen. In ihrem eigenen Zuhause ist es für sie am besten.«

Mrs. Bloxby kam zu ihnen, gefolgt von Miss Simms. Die Vikarsfrau trug den neuen Schal. »Er ist so hübsch, dass ich nicht bis Sonntag warten konnte.«

»Für Sie habe ich auch ein Souvenir«, sagte Agatha zu Miss Simms.

»Nein, wie nett von Ihnen! Aber Sie hatten ja noch gar keinen Tee, Agatha, und Mary backt so leckeren Kuchen.«

»Nächstes Mal vielleicht«, erwiderte Agatha, die nicht so masochistisch war, sich James und Mary zu nähern.

Mary Fortune sah hinüber zu der beständig größer werdenden Gruppe um Agatha Raisin und fing an, Teller und Tassen wegzuräumen und die wenigen Kuchenreste in einer Plastikdose zu verstauen.

»Ich kann Ihnen den Kuchen nach Hause tragen«, bot James an. Ihm entging ebenfalls nicht, dass die Gruppe um Agatha über etwas lachte, was sie sagte, und sich keiner zu Mary und ihm umdrehte, als sie gingen. Umso mehr hätte ihn erstaunt, wenn er gewusst hätte, dass Agatha, ohne einen Blick in ihre Richtung zu werfen, mit jeder Faser ihres Körpers spürte, wie er zur Tür schritt.

Es war ein kalter, frostiger Abend mit einem klaren Sternenhimmel. James war zufrieden mit der Welt.

»Diese Agatha Raisin ist eine seltsam ordinäre Frau«, hörte er Mary sagen.

»Agatha kann bisweilen etwas brüsk sein«, entgegnete er, »aber sie ist im Grunde sehr gutherzig.«

»Aufgepasst, James«, scherzte Mary. »Unsere schrullige Dorfjungfer hat ein Auge auf Sie geworfen.«

»Soweit ich weiß, ist Agatha geschieden, wie Sie selbst«, sagte James steif. Vor lauter Loyalität vergaß er die vielen Male, die er Agatha weiträumig aus dem Weg gegangen war, weil sie ihm allzu offensichtlich nachstellte. »Ich möchte nicht über sie reden.«

Mary lachte. »Armer James! Natürlich nicht.«

Sie lenkte das Gespräch auf Gartenarbeit. James ging neben ihr und versuchte, jene Wärme und Leichtigkeit zu empfinden, die er sonst in ihrer Nähe verspürte. Aber ihre bissige Bemerkung über Agatha hatte ihm nicht gefallen. Er bewunderte Mut, und Agatha Raisin verfügte zweifellos über ein gewisses Maß davon, und folglich bewunderte er auch sie irgendwie.

Er brachte Mary bis zu ihrer Haustür und reichte ihr den Kuchenbehälter. Mary bat ihn wie üblich auf einen Kaffee hinein, doch zu ihrer Verwunderung lehnte James höflich ab.

Agatha war so mit der Geschichte von James und Mary beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkte, welcher Beliebtheit sie sich in der Botanischen Gesellschaft erfreute. Doch schließlich war Agatha ihr ganzes Leben lang nie besonders beliebt gewesen, also wie sollte sie es erkennen? Sie war eine erfolgreiche selbständige PR-Managerin gewesen, die vor einiger Zeit ihre Agentur verkauft und sich nach Carsely zurückgezogen hatte. Bis dahin war die Arbeit ihr Leben gewesen und sie war ganz darin aufgegangen. Ihr einziger Umgang waren ihre Angestellten und die Journalisten, die sie dazu bringen musste, über die Leute oder Ereignisse zu schreiben, die sie gerade bewarb.

Als sie ihre Haustür aufschloss und das Telefon zu schrillen begann, starrte sie es geradezu überrascht an.

»Hallo?«, fragte sie zögerlich.

»Aggie? Was macht das Leben als Landei?«, ertönte die affektierte Stimme ihres ehemaligen Assistenten Roy Silver.

»Ah, Roy. Wie geht’s?«

»Viel Arbeit, wie immer, und mir ist langweilig. Wie stehen die Chance auf eine Einladung?«

Agatha überlegte. Sie war nicht sicher, ob sie Roy noch leiden konnte. Wenn sie es recht bedachte, wusste sie nicht mal, ob sie ihn jemals gemocht hatte. Allerdings hatte sie ihn bereits hierher eingeladen, als sie dringend ein wenig Gesellschaft brauchte. Und es wäre auf jeden Fall eine angenehme A

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