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Agatha Raisin und der tote Ehemann

Über die Autorin:

M.C. Beaton ist eines der zahlreichen Pseudonyme der schottischen Autorin Marion Chesney. Nachdem sie lange Zeit als Theaterkritikerin und Journalistin für verschiedene britische Zeitungen tätig war, beschloss sie, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Mit ihren Krimi-Reihen um den schottischen Dorfpolizisten Hamish Macbeth und die englische Detektivin Agatha Raisin feiert sie bis heute große Erfolge in über 15 Ländern. M.C. Beaton lebt und arbeitet in einem Cottage in den Cotswolds.

M.C. BEATON

Agatha Raisin

und
der tote Ehemann

Kriminalroman

Aus dem Englischen von
Sabine Schilasky

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Eins

Es war noch eine Woche bis zur Hochzeit von Agatha Raisin und James Lacey. Die Bewohner von Carsely in den englischen Cotswolds waren enttäuscht, dass Agatha nicht in der Dorfkirche heiraten wollte, sondern auf dem Standesamt in Mircester. Mrs. Bloxby, die Vikarsfrau, wunderte und kränkte es.

Allein Agatha wusste, dass ihr jeder Beweis dafür fehlte, verwitwet zu sein, und sie möglicherweise im Begriff war, Bigamie zu begehen. Aber sie war verrückt nach ihrem gut aussehenden Nachbarn James Lacey und hatte schreckliche Angst, ihn zu verlieren, sollte sie die Hochzeit aufschieben, bis sie einen Beweis für das Ableben ihres ersten Ehemannes aufgetrieben hatte. Sie hatte den Trunkenbold Jimmy Raisin seit Jahren nicht gesehen. Er musste tot sein.

Das Standesamt in Mircester hatte sie gewählt, weil der Standesbeamte alt, taub und kein bisschen neugierig war. So musste Agatha lediglich Erklärungen und Formulare unterschreiben, ohne Dokumente vorzulegen, ausgenommen ihren Reisepass, der immer noch auf ihren Mädchennamen lautete: Agatha Styles. Der Hochzeitsempfang sollte im Gemeindesaal stattfinden, und beinahe ganz Carsely war eingeladen.

Doch ohne dass Agatha es ahnte, arbeiteten bereits geheime Kräfte gegen sie. Bei diesen Kräften handelte es sich hauptsächlich um den jungen Roy Silver, der einstmals mit ihr befreundet gewesen war, neuerdings jedoch einen Groll gegen sie hegte, weil er sich von Agatha um eine erstklassige PR-Chance gebracht sah. Roy hatte früher in Agathas Werbeagentur gearbeitet und war zu der Firma gewechselt, an die Agatha verkaufte, als sie in den vorzeitigen Ruhestand ging. Nun hatte der beleidigte Roy in einem Anfall von Bosheit eine Privatdetektivin engagiert, die Agathas Ehemann aufspüren sollte. Roy mochte Agatha fraglos so gerne, wie er überhaupt jemanden mögen konnte, doch als sie ihren letzten Mordfall löste und er hoffte, dass auch ein wenig Glanz auf ihn fallen würde, hatte Agatha seine Beteiligung schlicht unterschlagen. Und Menschen wie Roy verziehen nicht; sie rächten sich.

Von alldem ahnte die selige Agatha nichts. Sie bot ihr Cottage zum Verkauf an, um nach der Hochzeit zu James nach nebenan zu ziehen. Hin und wieder trübten dennoch kleine Anflüge von Angst ihr Glück. Obwohl James das Bett mit ihr teilte und sie oft zusammen waren, hatte sie das Gefühl, ihn eigentlich nicht zu kennen. Er war ein pensionierte Colonel und in die Cotswolds gezogen, um dort ein Buch über Militärgeschichte zu schreiben. Doch er blieb irgendwie verschlossen und distanziert. Sie redeten über Mordfälle, die sie gemeinsam gelöst hatten, über Politik oder die Leute im Dorf, aber nie über ihre Gefühle füreinander. James war ein Liebhaber, der nicht viel sprach.

Agatha war eine Frau in mittleren Jahren, direkt, bisweilen etwas schroff, die sich aus ärmlichen Verhältnissen zur erfolgreichen Geschäftsfrau hochgearbeitet hatte. Bevor sie sich in die Cotswolds zurückzog, hatte sie keine Freunde gehabt, denn sie war der Überzeugung gewesen, dass ihre Arbeit der einzige Freund war, den sie brauchte. Und so kam es, dass sie, trotz einer gehörigen Portion gesundem Menschenverstand und Ehrlichkeit, in Bezug auf James vollkommen blind war. Das lag nicht bloß an der Liebe, sondern auch daran, dass Agatha noch nie zuvor echte Nähe zugelassen hatte, und ihr James’ mangelnde Fähigkeit zu kommunizieren deshalb normal erschien.

Für die Trauung hatte sie sich ein weißes Wollkostüm ausgesucht. Dazu würde sie einen Strohhut mit breiter Krempe, eine grüne Seidenbluse, hohe Schuhe und ein kleines Gesteck am Revers anstelle eines Brautstraußes tragen. Manchmal wünschte sie sich, sie wäre wieder jung und dürfte ganz in Weiß heiraten – und sie wünschte sich, dass sie nie mit Jimmy Raisin vorm Altar gestanden hätte, sodass sie kirchlich getraut werden könnte. Wieder probierte sie das weiße Kostüm an und musterte prüfend ihr Gesicht im Spiegel. Ihre Bärenaugen waren zu klein, ließen sich jedoch für den Tag der Tage mit dem geschickten Einsatz von Lidschatten und Wimperntusche optisch vergrößern. Neben ihren Mundwinkeln waren diese unschönen Falten, und voller Entsetzen bemerkte sie ein störrisches Haar über ihrer Oberlippe, das sie sogleich mit der Pinzette ausriss. Dann zog sie das edle Kostüm wieder aus, wechselte in eine Bluse und eine Hose und verteilte großzügig Antifaltencreme auf ihrem Gesicht. Sie hatte eine Diät gemacht, dank der ihr Doppelkinn inzwischen verschwunden war, und ihr braunes, im Pagenschnitt frisiertes Haar schimmerte gepflegt.

Die Türglocke läutete. Mit einem leisen Fluch wischte sich Agatha die Creme wieder aus dem Gesicht und lief zur Tür. Draußen stand Mrs. Bloxby, die Vikarsfrau.

»Ah, kommen Sie rein«, sagte Agatha verdrossen. Sie mochte Mrs. Bloxby, nur leider weckte allein der Anblick ihrer freundlichen Augen Schuldgefühle in Agatha. Mrs. Bloxby hatte sie gefragt, was mit ihrem Ehemann war, und Agatha hatte geantwortet, Jimmy wäre tot. Doch jedes Mal, wenn sie die Pfarrersfrau sah, regte sich in ihr der unschöne Verdacht, dass der vermaledeite Jimmy trotz seines starken Alkoholkonsums in jungen Jahren irgendwie überlebt haben könnte.

Roy Silver beäugte die Detektivin, die er angeheuert hatte. Sie war Mitte dreißig und hieß Iris Harris. Ms. Harris – nicht Miss, Gott bewahre – war eine glühende Feministin, weshalb Roy sich bereits gefragt hatte, ob sie tatsächlich gut in ihrem Job war oder ob sich vor allem darauf spezialisiert hatte, ihre Klienten über Frauenrechte aufzuklären. Umso erstaunter war er, als sie ihm mitteilte: »Ich habe Jimmy Raisin gefunden.«

»Wo?«

»Unter der Brücke in Waterloo.«

»Dann sollte ich lieber zu ihm gehen. Ist er jetzt da?«

»Ich glaube nicht, dass er sich jemals dort wegrührt, es sei denn, um sich neuen Sprit zu holen.«

»Sind Sie sicher, dass er es ist?«

Iris funkelte ihn voller Verachtung an. »Bloß weil ich eine Frau bin, glauben Sie, ich kann meinen Job nicht machen! Bloß weil ich …«

»Ersparen Sie mir das!«, würgte Roy sie ab. »Ich sehe ihn mir mal an. Das haben Sie gut gemacht. Schicken Sie mir Ihre Rechnung.« Mit diesen Worten floh er aus dem Büro, ehe sie weitere Reden schwingen konnte.

Es dämmerte, als Roy das Taxi an der Waterloo Station bezahlte und zur Brücke ging. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie dumm es gewesen war, Iris nicht mitzunehmen. Er hätte sie wenigstens nach einer Beschreibung des Mannes fragen sollen. Ein junger Typ, der nüchtern wirkte, hockte vor seinem Pappkarton, allerdings fand Roy die tätowierten Arme und den kahl rasierten Schädel etwas furchteinflößend.

Roy wurde ungewöhnlich scheu. »Kennst du einen Jimmy Raisin?«, fragte er schüchtern. Es war fast dunkel, und normalerweise mied er diese Gegend von London, in der sich die Obdachlosen, Trinker und Junkies tummelten.

Hätte der Typ verneint, wäre Roy sicher wieder weggefahren und hätte die ganze Sache vergessen, denn auf einmal schämte er sich für sein hinterhältiges Benehmen. Doch das Schicksal meinte es zweifellos schlecht mit Agatha, denn der junge Mann sagte lakonisch: »Da drüben, Chef.«

Roy spähte in die Dunkelheit. »Wo?«

»Dritter Karton links.«

Langsam schritt Roy auf den Pappkarton zu. Zuerst dachte er, er wäre leer, aber als er sich bückte und hineinsah, entdeckte er ein Paar glänzende Augen.

»Jimmy Raisin?«

»Ja, was? Bist du vom Sozialamt?«

»Ich bin ein Freund von Agatha … Agatha Raisin.«

Eine ganze Weile herrschte Stille, dann folgte ein rasselndes Lachen. »Aggie? Ich dachte, die ist tot!«

»Tja, ist sie nicht. Sie heiratet nächsten Mittwoch. Sie wohnt in Carsely in den Cotswolds, und sie denkt, dass Sie tot sind.«

Aus dem Karton war ein Schaben und Poltern zu hören, dann erschien Jimmy Raisin auf allen vieren und richtete sich mühsam auf. Selbst im spärlichen Licht sah Roy, dass der Mann vom Suff gezeichnet war. Er war schmutzig, stank bestialisch, und sein Gesicht war von roten Pusteln übersät. Sein Haar war lang und verfilzt.

»Hast du Geld?«, fragte er.

Roy holte sein Portemonnaie aus der Innentasche seines Jacketts, nahm einen Zwanzig-Pfund-Schein heraus und reichte ihn Jimmy. Jetzt schämte er sich richtig. Dies hier hatte Agatha nicht verdient. Keiner hatte das, nicht mal so ein Biest wie Agatha.

»Hören Sie mal, vergessen Sie, was ich gesagt habe. War nur ein Scherz.« Roy machte auf dem Absatz kehrt und rannte davon.

Am nächsten Morgen wachte Agatha in James’ Cottage auf, in James’ Bett, wo sie sich gähnend streckte. Sie drehte sich auf die Seite, stützte einen Ellbogen auf und betrachtete ihren Verlobten. Sein dichtes grau meliertes Haar war zerwühlt, sein hübsches, sonnengebräuntes Gesicht wirkte streng, und wieder einmal empfand Agatha leichtes Unbehagen. Männer wie James Lacey waren für andere Frauen bestimmt, für solche aus angesehenen Familien vom Lande, die in Tweedkostümen mit ihren Hunden über Wiesen stapften und mit schlafwandlerischer Sicherheit Kuchen und Marmeladen für Kirchenbasare zauberten. Männer wie James hatten nichts mit den Agatha Raisins dieser Welt zu schaffen.

Sie hätte ihn gern geweckt und mit ihm geschlafen, aber James wurde morgens niemals intim – nicht einmal nach ihrem ersten herrlichen Mal. Sein Leben war für so etwas zu geordnet und klar strukturiert. Genau wie seine Gefühle, dachte Agatha. Sie schlich ins Bad, wusch sich, zog sich an und ging dann nach unten, wo sie unschlüssig stehen blieb. Hier sollte sie wohnen, inmitten von James’ Wälzern aus der Bücherei, den Fotos aus seiner Schul- und Regimentszeit, und hier, in dieser klinisch sauberen Küche, wo kein Krümel auf den blitzblanken Oberflächen zu finden war, würde sie kochen. Oder nicht? Bisher hatte James immer für sie gekocht. Agatha kam sich wie ein Eindringling vor.

James’ Eltern lebten nicht mehr, aber Agatha hatte seine elegante Schwester kennengelernt und deren hoch aufgeschossenen Ehemann, einen Börsenmakler. Sie schienen Agatha weder zu- noch abgeneigt, obwohl Agatha gehört hatte, wie James’ Schwester sagte: »Na, wenn es das ist, was James will, halten wir uns raus. Es könnte schlimmer sein, irgendein hohlköpfiges Flittchen.«

Und ihr Mann hatte entgegnet: »Ein hohlköpfiges Flittchen wäre nachvollziehbar gewesen.« Nicht unbedingt schmeichelhaft, dachte Agatha.

Sie beschloss, hinüber in ihr Cottage zu gehen. Nachdem sie dort die Tür aufgeschlossen hatte und von ihren beiden Katern, Hodge und Boswell, stürmisch begrüßt worden war, blickte sie sich wehmütig um. Ihre Möbel und sonstigen Sachen würden eingelagert werden, weil Agatha James’ ordentliches Cottage nicht mit ihrem Kram vollstellen wollte, wo er schon zugestimmt hatte, ihre Katzen bei sich wohnen zu lassen. Jetzt wünschte sie, sie hätte vorgeschlagen, dass sie sich zusammen etwas Größeres suchten, damit sie wenigstens einen Teil ihrer Sachen mitnehmen könnte. Bei James zu leben, würde sich ein bisschen wie ein sehr ausgedehnter Besuch anfühlen.

Sie fütterte ihre Kater und öffnete die Hintertür, damit die beiden in den Garten konnten. Es war ein strahlender Tag. Der Himmel spannte sich hoch über den grünen Hügeln, und es wehte nur eine leichte Brise.

Agatha ging zurück in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen, wobei sie sich genüsslich in dem Chaos umblickte. So etwas würde James niemals erlauben. Es läutete.

Detective Sergeant Bill Wong hielt ein großes Paket in den Armen. »Endlich habe ich Ihr Hochzeitgeschenk besorgt!«, verkündete er.

»Kommen Sie herein, Bill. Ich habe gerade Kaffee gekocht.«

Er folgte ihr in die Küche und stellte den Karton auf den Tisch. »Was ist das?«, fragte Agatha.

Bill lächelte, sodass sich kleine Fältchen in den Winkeln seiner mandelförmigen Augen zeigten. »Machen Sie auf, und sehen Sie nach.«

Agatha riss das Geschenkpapier von dem Paket. »Vorsichtig«, warnte Bill. »Es ist zerbrechlich.«

Und es war sehr schwer. Ächzend hob Agatha den Gegenstand heraus und zog das Seidenpapier zur Seite, in das er gewickelt war. Zum Vorschein kam ein riesiger gold-grüner Porzellanelefant, unbeschreiblich geschmacklos und mit einem großen Loch im Rücken.

Agatha starrte ihn benommen an. »Wozu ist das Loch?«

»Um Regenschirme hineinzustellen«, antwortete Bill stolz.

Agathas erster Gedanke war, dass James das Ding hassen würde.

»Und?«, hörte sie Bill fragen.

Agatha erinnerte sich, einmal gehört zu haben, dass Noël Coward nach einem furchtbaren Theaterstück auf die Frage des Hauptdarstellers, wie er die Vorstellung gefunden hätte, mit: »Mein Lieber, mir fehlen die Worte«, geantwortet hatte.

»Das wäre doch nicht nötig gewesen, Bill«, sagte Agatha aufrichtig gerührt. »Er sieht sehr teuer aus.«

»Der ist antik«, erklärte Bill. »Viktorianisch. Für Sie nur das Beste!«

Agatha kamen fast die Tränen. Bill war der erste Freund gewesen, den sie hier kurz nach ihrem Umzug gefunden hatte.

»Ich werde ihn in Ehren halten«, sagte sie entschlossen. »Aber erst mal verpacken wir ihn lieber wieder sicher, denn morgen kommen die Leute, die meine Sachen zur Einlagerung holen.«

»Sie lassen den doch nicht einlagern, oder?«, fragte Bill. »Nehmen Sie ihn mit in Ihr neues Zuhause!«

Agatha lächelte unsicher. »Natürlich, wie dumm von mir. Ich hatte nicht richtig nachgedacht.«

Sie schenkte Bill Kaffee ein.

»Alles bereit für den großen Tag?«, fragte er.

»Alles bereit.«

Er sah sie prüfend an. »Keine Zweifel oder Ängste?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich habe Sie das nie gefragt, aber woran ist Ihr erster Mann eigentlich gestorben?«

Agatha drehte sich weg von ihm und strich ein Geschirrtuch glatt. »Alkoholvergiftung.«

»Und wo ist er begraben?«

»Bill, es war keine glückliche Ehe und es ist ewig her, deshalb möchte ich lieber nicht daran erinnert werden, okay?«

»Sicher. Ah, es hat geklingelt.«

Agatha öffnete die Tür. Es war Mrs. Bloxby. Bill stand auf, um zu gehen. »Ich muss los, Agatha. Ich bin ja noch im Dienst.«

»Irgendwas Interessantes?«

»Keine spannenden Morde für Sie, Miss Marple. Bloß einige Einbrüche. Wiedersehen, Mrs. Bloxby. Werden Sie Agathas Trauzeugin sein?«

»Ja, ich habe die Ehre«, sagte Mrs. Bloxby.

Nachdem Bill gegangen war, zeigte Agatha der Vikarsfrau den Elefanten. »Ach, du liebe Güte! So einen habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen.«

»James hasst ihn garantiert«, sagte Agatha finster.

»Dann wird er sich eben an ihn gewöhnen müssen. Bill ist ein guter Freund. An Ihrer Stelle würde ich eine Grünpflanze hineinstellen, Sie wissen schon, so eine mit hängenden Zweigen und großen Blättern. Die würde den Elefanten größtenteils verdecken, und Bill wäre sicher froh, dass Sie sein Geschenk so kreativ nutzen.«

»Gute Idee«, sagte Agatha gleich munterer.

»Und in die Flitterwochen soll es nach Nordzypern gehen? Wohnen Sie in einem Hotel? Alf und ich waren seinerzeit im Dome in Girne.«

»Nein, wir haben ein Haus gemietet. James war früher dort stationiert und hat seinem alten Dolmetscher geschrieben, der damals alles für ihn organisiert hat. Der hat ihm Fotos von einer sehr hübschen Villa außerhalb von Girne geschickt, an der Strecke nach Nikosia. Sie sieht himmlisch aus.«

»Übrigens bin ich gekommen, um Ihnen beim Packen zu helfen«, sagte die Vikarsfrau.

»Das ist sehr nett, danke, aber ich packe nicht selbst. Ich habe eine von diesen fantastischen Umzugsfirmen engagiert, die sich um alles kümmern.«

»Na, dann sollte ich wohl auch nicht zum Kaffee bleiben. Ich muss nach Mrs. Boggle sehen. Ihre Arthritis ist wieder schlimm.«

»Die Frau ist eine Seuche. Besser, man hält sich von ihr fern«, sagte Agatha spitz, wurde jedoch sofort rot, als Mrs. Bloxby sie ansah. »Sogar Sie müssen zugeben, dass sie ziemlich griesgrämig ist.«

Mrs. Bloxby seufzte. »Ja, sie ist ein wenig anstrengend. Agatha, ich möchte nicht aufdringlich sein, aber mich wundert ein wenig, dass Sie nicht in unserer Kirche getraut werden möchten.«

»Ach, eine kirchliche Trauung schien mir einfach zu viel Aufwand. Außerdem bin ich ja nicht besonders gläubig, wie Sie wissen.«

»Schon, trotzdem wäre es schön gewesen. Wie dem auch sei, wir freuen uns auf den Empfang. Und wir hätten wirklich alle gerne mitgeholfen. Es war wirklich unnötig, einen teuren Catering-Service zu bestellen.«

»Ich wollte nun mal keine Umstände machen«, sagte Agatha.

»Es wären keine gewesen. Tja, aber es ist ja Ihre Hochzeit. Hat James Ihnen eigentlich verraten, warum er bisher nie ans Heiraten gedacht hat?«

»Nein, und ich habe ihn auch nicht danach gefragt.«

»War bloß so ein Gedanke. Brauchen Sie etwas aus dem Laden?«

»Nein, vielen Dank, ich glaube, ich habe alles.«

Als Mrs. Bloxby gegangen war, überlegte Agatha, ob sie wieder nach nebenan gehen und Frühstück machen sollte – in guter Ehefrauenmanier. Aber James machte immer das Frühstück. Sie betete ihn an und sehnte sich danach, jede Minute des Tages mit ihm zu verbringen, doch zugleich wagte sie nicht, irgendetwas zu tun oder zu sagen, was ihn davon abbringen könnte, sie zu heiraten.

Am nächsten Tag war es mit dem schönen Wetter vorbei, und Regen tropfte von Agathas Reetdach. Sie war den ganzen Tag damit beschäftigt, die Packarbeiten zu überwachen. Am späten Nachmittag kam Doris Simpson, ihre Putzhilfe, vorbei, um ihr zu helfen, nach dem Chaos alles sauber zu machen. Bills Elefant stand hinter der Küchentür.

»Na, den nenne ich mal hübsch«, sagte Doris voller Bewunderung. »Von wem haben Sie den?«

»Von Bill Wong.«

»Er hat einen guten Geschmack, das muss ich ihm lassen. Nun heiraten Sie also doch Mr. Lacey, und wir dachten schon alle, er wäre ein überzeugter Junggeselle. Obwohl ich ja immer gesagt habe: ›Was unsere Agatha will, das kriegt sie auch.‹«

»Wir wollen gleich essen fahren. Ich lasse Sie hier mal in Ruhe weitermachen«, sagte Agatha, der die Andeutung nicht gefiel, sie hätte James die Heirat quasi aufgedrängt.

Sie aßen in einem neuen Restaurant in Chipping Campden. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eines dieser Häuser, in denen sämtliche Kraft und Mühe auf die Gestaltung der Speisekarte verwandt wurde und nur wenig aufs Kochen, denn das Essen war kümmerlich und schmeckte fade.

Agatha hatte sich »Knusprige Ente mit Kognak-Orangen-Sauce auf einem Rucola-Bett mit sautierten Kartoffeln, saftigen Gartenerbsen und zarten neuen Karotten« bestellt. James hatte sich für »Beste Angusrind-Lende von den üppigen Wiesen Schottlands, serviert mit Duchesse-Kartoffeln und Biogemüse aus unserem eigenen Küchengarten« entschieden.

Agathas Ente hatte eine zähe Haut und sehr wenig Fleisch. James’ Steak war voller Knorpel, und angesäuert bemerkte er, wie erstaunlich es war, dass man in einem Küchengarten Tiefkühlerbsen anbauen konnte.

Selbst der Wein, ein Chardonnay, schmeckte enttäuschend.

»Wir sollten aufhören, auswärts essen zu gehen«, sagte James mürrisch.

»Morgen koche ich uns etwas Schönes.«

»Was, wieder eines von deinen Mikrowellengerichten?«

Agatha blickte verstimmt auf ihren Teller. Noch immer glaubte ein Teil von ihr, dass sie ein Tiefkühlessen in der Mikrowelle aufwärmen und James als selbst gekocht unterjubeln könnte, wenn sie nur die Verpackung verschwinden ließ.

Dann sah sie über den Tisch zu ihm, während er missmutig das Essen auf seinem Teller herumschob, und fragte: »Liebst du mich, James?«

»Ich heirate dich, oder nicht?«

»Ja, ich weiß, James, aber wir reden nie über unsere Gefühle. Ich finde, wir müssten mehr miteinander sprechen.«

»Du hast wieder Oprah Winfrey gesehen! Danke für deine Offenheit, Agatha, doch ich bin nicht der Typ, der über Gefühle spricht, und ich sehe keinen Grund, das zu ändern. Wollen wir bezahlen, nach Hause fahren und ein Sandwich essen?«

Agatha fühlte sich so niedergeschmettert, dass sie nicht einmal den Mut aufbrachte, sich über das Essen zu beschweren. Auf der Heimfahrt schwieg James, und Agatha hatte das Gefühl, einen Eisklumpen im Bauch zu haben. Was, wenn James das Interesse an ihr verloren hatte?

Doch noch am gleichen Abend liebte er sie mit seiner üblichen stillen Leidenschaft, und sie war beruhigt. Man konnte Menschen nicht ändern. James würde sie heiraten, und das allein zählte.

An Agathas Hochzeitstag verzogen sich die Regenwolken, und Sonnenlicht glitzerte in den Pfützen. Die tropfengesprenkelten Rosen in Agathas Garten verströmten einen berauschenden Duft. Doris Simpson würde während der Flitterwochen Agathas Kater hüten, sodass ihr Cottage nun leer stand. Einzig der Elefant und Agathas Kleider waren in James’ Cottage umgezogen.

Agatha nahm Platz, um sich für ihren großen Tag zu schminken. Sie wischte sich eine dicke Schicht Antifaltencreme ab und starrte entsetzt ihr Spiegelbild an. Ein heftiger roter Ausschlag blühte auf ihrem Gesicht, und ihre Haut glühte. Eilig lief sie ins Bad und wusch sich mit reichlich kaltem Wasser, doch die Rötung blieb.

Mrs. Bloxby kam und fand Agatha den Tränen nahe vor. »Sehen Sie mich an!«, jammerte Agatha. »Ich habe eine neue Creme ausprobiert, Instant Youth, und das ist dabei herausgekommen!«

»Die Zeit drängt, Agatha«, sagte Mrs. Bloxby nervös. »Haben Sie kein stark deckendes Make-up, das Sie auflegen können?«

Agatha entdeckte eine alte Dose mit Kompaktpuder, das sie üppig auftrug. Es hinterließ einen Rand an ihrem Kinn, sodass sie auch den Hals mitschminken musste. Anschließend legte sie noch eine Schicht losen Puder darüber. Lidschatten, Rouge und Wimperntusche folgten. Agatha stöhnte angesichts des maskenähnlichen Effekts. Doch daran ließ sich nun nichts mehr ändern. Mrs. Bloxby, die am Fenster stand, sagte, dass die Limousine bereits wartete, die sie nach Mircester bringen sollte.

So viel zum wichtigsten Tag meines Lebens, dachte Agatha unglücklich.

Es war sonnig, allerdings wehte ein böiger Wind, der Agatha den Hut vom Kopf riss, als sie in die Limousine steigen wollte. Der Strohhut kullerte durch die Lilac Lane und landete in einer Schlammpfütze.

»Ach, du lieber Himmel«, sagte Mrs. Bloxby. »Haben Sie noch einen anderen Hut?«

»Nein, ich gehe ohne«, antwortete Agatha und rang mit einem sich ankündigenden Weinkrampf. Plötzlich schien sich alles gegen sie zu wenden. Doch sie wagte nicht, in Tränen auszubrechen, denn diese hätten auch noch ihre Make-up-Maske zerstört.

Auf dem Weg nach Mircester gab Mrs. Bloxby es bald auf, sich mit Agatha unterhalten zu wollen. Die künftige Braut war außergewöhnlich schweigsam.

Immerhin besserte sich Agathas Laune ein wenig, als das Standesamt vor ihnen auftauchte und sie James sahen, der vor dem Eingang stand und mit seiner Schwester und Bill Wong plauderte. Roy Silver war ebenfalls dort. Er fühlte sich nun geradezu frei von jeder Schuld, nachdem er doch nichts weiter unternommen hatte, um Agathas Hochzeit zu ruinieren – jedenfalls redete er sich das ein. Jimmy Raisin war zwar nicht tot, würde es aber bald sein. Und auch wenn er Jimmy gegenüber erwähnt hatte, dass Agatha heiraten wollte und in Carsely lebte, war Jimmy doch so betrunken, ja, sturzbesoffen gewesen, dass er ganz sicher kein Wort von alldem mitbekommen hatte.

Also gingen sie alle ins Standesamt, wo auf James’ Seite seine Verwandtschaft saß und auf Agathas Seite der Frauenverein von Carsely.

Mrs. Bloxby nahm ein Blumengesteck aus einer Schachtel vom Floristen und befestigte es an Agathas Revers. Sie bemerkte, dass etwas Make-up am weißen Kragen des Kostüms klebte, doch sie sagte nichts darüber, denn Agatha war bereits niedergeschlagen genug wegen ihres Aussehens.

Fred Griggs, der Polizist von Carsely, unterschied sich insofern von den meisten seiner Kollegen, als dass er gern durchs Dorf spazierte, anstatt mit dem Streifenwagen herumzufahren. Angewidert sah er den Fremden an, der aus nördlicher Richtung auf der Straße ins Dorf gewankt kam.

»Wie heißen Sie, und was wollen Sie hier?«, fragte Fred.

»Jimmy Raisin«, sagte der Fremde.

Jimmy war zum ersten Mal seit Wochen nüchtern. Er hatte in der Unterkunft der Heilsarmee gebadet, sich rasiert und anschließend Geld für eine Busfahrkarte in die Cotswolds erbettelt. Die Heilsarmee hatte ihn auch mit einem anständigen Anzug und einem Paar Schuhen ausgestattet.

»Sind Sie ein Verwandter von Mrs. Raisin?«, fragte Fred, auf dessen rundem Gesicht nun ein echtes Lächeln erschien.

»Ich bin ihr Mann«, sagte Jimmy. Er blickte sich in dem ruhigen Dorf mit den gepflegten Häusern um und stieß einen zufriedenen Seufzer aus.

»Kann nicht sein«, sagte Fred und wurde wieder ernst. »Unsere Mrs. Raisin heiratet heute.«

Jimmy zog ein oft gefaltetes und schmutziges Blatt Papier aus der Tasche: seine Heiratsurkunde, die er irgendwie über die Jahre aufbewahrt hatte. Nun reichte er sie stumm dem Polizisten.

Entgeistert rief Fred: »Dann verhindere ich mal lieber diese Hochzeit. O mein Gott! Warten Sie hier. Ich hole den Wagen.«

Der Standesbeamte kam nicht dazu, James und Agatha zu Mann und Frau zu erklären. Vorher hörten sie, wie es hinten im Saal unruhig wurde, und dann eine laute Stimme: »Stopp!«

Agatha drehte sich langsam um. Sie erkannte Fred Griggs, nicht hingegen den Mann, der bei ihm war. Auch wenn Jimmy stark getrunken hatte, als sie ihn vor vielen Jahren verließ, war er ein gut aussehender Mann mit dichten schwarzen Locken gewesen. Der Mann neben Fred hatte schmieriges graues Haar, ein aufgedunsenes Gesicht mit einer Knollennase, und seine Schultern hingen nach vorn. Überhaupt sah er viel zu klapprig aus, um den Bierbauch zu schleppen, der ihm über den Hosenbund quoll.

Fred kam hastig auf Agatha zu. Eigentlich hatte er sie beiseitenehmen und ihr die Nachricht taktvoll beibringen wollen, doch ihr maskenhaftes Gesicht erschreckte ihn derart, dass er vor allen anderen herausplatzte: »Ihr Ehemann ist hier, Agatha. Dies ist Jimmy Raisin.«

Agatha blickte sich verwirrt um. »Er ist tot. Jimmy ist tot. Wovon redet Fred?«

»Ich bin’s, Aggie, dein Mann«, sagte Jimmy und wedelte mit seiner Heiratsurkunde vor ihrem Gesicht herum.

Agatha bemerkte, wie James Lacey neben ihr erstarrte.

Wieder sah sie Jimmy Raisin an, und unter den Verwüstungen, welche die jahrzehntelange Trinkerei angerichtet hatte, entdeckte sie tatsächlich eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Mann von früher.

»Wie hast du mich gefunden?«, fragte sie matt.

Jimmy wandte sich um und wies mit dem Daumen in Roys Richtung. »Der da stand auf einmal vor meinem Karton. Jawohl.«

Roy quiekte vor Angst, sprang auf und rannte aus dem Raum.

Eine von James’ Tanten, ein dünne Bohnenstange mit einer lauten, durchdringenden Stimme, sagte sehr vernehmlich: »Nein wirklich, James, da hast du all die Jahre die Ehe gemieden, und jetzt wirst du in solch einen Schlamassel hineingezogen!«

Plötzlich war es, als legte sich in Agatha ein Schalter um. Sie sah ihren rechtmäßig angetrauten Ehemann mit blankem Hass in ihren Bärenaugen an. »Ich bringe dich um, du Schwein!«, heulte sie auf.

Sie versuchte, ihm an die Gurgel zu gehen, was Bill Wong jedoch verhinderte, indem er sie nach hinten zog.

James Lacey übertönte die entsetzten Ausrufe der Gäste und Verwandten, als er zu dem mit offenem Mund dastehenden Standesbeamten sagte: »Bringen Sie uns bitte in ein anderes Zimmer.« Dann legte er eine Hand unter Agathas Arm und schob sie hinter dem Standesbeamten her. Bill Wong folgte ihnen zusammen mit Jimmy Raisin.

Sobald sie alle in einem staubigen Vorzimmer saßen, sagte James verärgert: »Natürlich kann es jetzt keine Hochzeit mehr geben.«

»Selbstverständlich nicht«, stimmte Bill ihm zu. »Erst wenn Agatha geschieden ist.«

»Agatha kann sich meinetwegen scheiden lassen«, entgegnete James, »aber eine Heirat kommt für mich nicht mehr infrage. Du hast mich belogen, Agatha, und mich lächerlich gemacht, und das werde ich dir nie verzeihen. Niemals!«

Er wandte sich zu Bill. »Versuchen Sie, dieses Chaos zu regeln. Ich verschwinde. Hier hält mich nichts mehr.«

»Ich hatte Angst, dich zu verlieren«, flüsterte Agatha, doch anstelle einer Antwort hörte sie nur das Knallen der Tür, als James das Zimmer verließ.

»Wie es aussieht, hast du immer noch mich«, höhnte Jimmy.

»Das werden wir ja sehen«, sagte Bill Wong. »Ich schlage vor, dass Sie sich einen Anwalt nehmen, Agatha, und eine einstweilige Verfügung beantragen, dass sich Ihr Mann von Ihnen fernzuhalten hat.«

»Du hast es doch weit gebracht, Aggie«, jammerte Jimmy. »Wie wäre es mit ein bisschen Barem, damit ich hier wieder wegkann?«

Agatha öffnete ihre Gucci-Tasche und holte ihr Portemonnaie heraus. Grob riss sie einige Geldscheine aus dem Seitenfach und schleuderte sie Jimmy entgegen. »Geh mir aus den Augen!«, brüllte sie.

Grinsend steckte Jimmy das Geld in seine Tasche. »Keinen Kuss zum Abschied?«

Bill schob ihn zur Tür und hinaus auf den Flur, dann kehrte er zu Agatha zurück.

»Bei allem Respekt, Officer«, sagte der Standesbeamte. »Ich muss darauf bestehen, dass Sie den Herrn als Zeugen zurückholen. Mir scheint, dass Mrs. Raisin eine Anzeige wegen versuchter Bigamie droht.«

»Nein, das ist nichts als ein schreckliches Missverständnis«, entgegnete ihm Bill. »Zufällig war ich vor einem Jahr anwesend, als Mrs. Raisin einen Brief von einem alten Bekannten aus London erhielt, dass Jimmy tot wäre. Stimmt es nicht, Agatha?«

Trotz ihres Elends war Agatha geistesgegenwärtig genug, um den Rettungsring zu ergreifen, den Bill ihr zuwarf, und sie nickte.

»Wie Sie also sehen«, sagte Bill, »hatte niemand die Absicht, Bigamie zu begehen. Mrs. Raisin hat einen furchtbaren Schock erlitten, deshalb schlage ich vor, dass wir jetzt alle nach Hause gehen.«

»Nun gut, da Sie ein angesehener Vertreter des Gesetzes hier in Mircester sind«, sagte der Standesbeamte, »werde ich kein Wort mehr über die Angelegenheit verlieren.«

Agatha fuhr zu ihrem Cottage zurück. In dem Haus befand sich nichts außer Bills Porzellanelefant und ein Koffer mit ihrer Kleidung. James hatte einen Schlüssel für ihr Cottage und musste ihre Sachen herübergebracht haben. Den Schlüssel hatte er ebenfalls dagelassen. Agatha hatte Mrs. Bloxby gebeten, den Leuten im Gemeindesaal zu sagen, sie sollten eine Party feiern statt des Hochzeitsempfangs. Dann rief sie die Umzugsfirma an, damit diese ihre Sachen zurückbrachte. Man erklärte ihr, dass das nicht vor dem nächsten Tag ginge, doch sie beschimpfte die Leute so wüst und bot einen so großen Aufschlag an, dass die Mitarbeiter versprachen, sich zu beeilen.

Agatha hockte auf dem Fußboden in ihrer leeren Küche, hielt den Porzellanelefanten in den Armen und ließ ihren Tränen freien Lauf, sodass sich tiefe Furchen in ihr Make-up gruben. Ihr war nur vage bewusst, dass das Wetter erneut umgeschlagen war und Regen vom Dach platschte. Ihre beiden Kater saßen Seite an Seite und beobachteten sie interessiert.

Es klingelte an der Tür. Agatha wollte nicht öffnen, bis sie die Vikarsfrau rufen hörte: »Ist alles in Ordnung, Agatha? Agatha?«

Agatha holte ein Taschentuch hervor, rieb sich damit über das Gesicht und ging zur Tür.

»Wo ist James?«, fragte Agatha.

»Er ist weg. Sein Wagen ist fort, und er hat seine Haustürschlüssel bei Fred Griggs gelassen.«

»Wohin ist er denn gefahren?«

»Er hat Fred erzählt, dass er ins Ausland fährt und noch nicht weiß, wann er wieder zurückkommt.«

»O Gott«, schluchzte Agatha. »Ich könnte ihn umbringen!«

»James?«

»Nein, Jimmy Raisin, den versoffenen Mistkerl. Es war das einzig Richtige, dass ich ihn damals verlassen habe.«

»Ich denke, an Ihrer Stelle wäre mir eher danach, Roy Silver umzubringen«, bemerkte Mrs. Bloxby verschämt. »Aber überlegen Sie doch, dass alles weit katastrophaler hätte enden können, wenn die Sache erst nach der Heirat herausgekommen wäre.«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Agatha unglücklich. »Vielleicht wäre James’ Liebe dann groß genug gewesen, um trotzdem zu mir zu stehen.«

Mrs. Bloxby schwieg. Sie fand, dass Agatha sich falsch verhalten hatte, konnte ihre Beweggründe jedoch verstehen. Und James Lacey hätte in jedem Fall zu Agatha stehen sollen. Doch Junggesellen mittleren Alters waren offenbar immer schwierig. Arme Agatha!

Mrs. Bloxby und Agatha hatten sich gerade zu dem Elefanten auf den Boden gesetzt, als es abermals an der Tür klingelte.

»Wer das auch ist, schicken Sie ihn weg«, sagte Agatha.

Mrs. Bloxby stand auf und ging zur Tür. Agatha hörte Gemurmel, dann wurde die Tür wieder geschlossen und Mrs. Bloxby kam zurück. »Das war Alf«, sagte sie. Alf war ihr Mann, der Vikar. »Er wollte Ihnen spirituellen Beistand leisten, doch ich habe ihm gesagt, dass es momentan ungünstig ist. Was haben Sie jetzt vor?«

»Weiß ich nicht«, sagte Agatha betrübt. »Das Cottage vom Markt nehmen, mich wieder einrichten und ebenfalls verreisen, bis ich das Gefühl habe, dass ich mich wieder im Dorf sehen lassen kann.«

»Es besteht wirklich kein Grund wegzulaufen, Agatha. Ihre Freunde sind alle hier.«

»Wenn Sie so weitermachen, heule ich gleich wieder los. Ich denke, ich wäre jetzt gerne ein bisschen allein. Könnten Sie bitte allen sagen, dass sie mich nicht besuchen sollen?«

Mrs. Bloxby umarmte sie zum Abschied. Agatha blieb neben dem Elefanten sitzen und starrte blind ins Leere. Drei Stunden später, als die Umzugsfirma vorfuhr, erhob sie sich und ließ die Leute herein. Sie stellte einen astronomisch hohen Scheck aus, gab den Männern ein großzügiges Trinkgeld und fuhr anschließend zu einer Tankstelle am Fosse Way außerhalb von Moreton-in-Marsh, die rund um die Uhr geöffnet hatte, um einige Lebensmittel einzukaufen.

Sie überlegte, ob sie bei Thresher in Moreton vorbeifahren und sich irgendeine Flasche kaufen sollte, um sich zu betrinken, aber auf einmal war sie vor lauter Unglück so erschöpft, dass sie direkt nach Hause fuhr. Dort badete sie und ging ins Bett, wo sie in einen mit Albträumen gespickten Tiefschlaf fiel.

Um fünf Uhr morgens wurde sie wach. Ihr war klar, dass sie nicht wieder einschlafen würde, und im Grunde war sie heilfroh, dass die Nacht vorbei war. Also beschloss sie, einen langen Spaziergang zu machen, der sie hoffentlich so ermüden würde, dass sie später am Tag noch ein bisschen von ihrem Elend verschlafen konnte.

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