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After Moonrise

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Der Vater des Schulhofschlägers war schuld daran gewesen, dass Raef seine Gabe entdeckt hatte. Das war jetzt fünfundzwanzig Jahre her, aber für Raef war die Erinnerung so frisch wie der Kaffee, den er am Morgen getrunken hatte. Sein erstes Mal vergisst man einfach nicht. Nicht den ersten Orgasmus, nicht den ersten Rausch, nicht den ersten Toten. Und verdammt sicher nicht das erste Mal, dass man die gewalttätigen Emotionen anderer gespürt hat.

Der Name des Schlägers war Brandon. Er war groß gewesen, hatte mit dreizehn schon wie ein Fünfunddreißigjähriger ausgesehen – wie ein verlebter Fünfunddreißigjähriger. Zumindest in den Augen des neunjährigen Raef. Nicht dass Brandon es auf Raef selber abgesehen hätte – jedenfalls nicht speziell. Brandon hatte am liebsten Mädchen geärgert. Aber nicht, indem er sie schlug. Was er getan hatte, war noch schlimmer gewesen: Er hatte herausgefunden, wovor sie sich fürchteten, und sie dann mit dieser Angst gequält.

Warum, das fand Raef an jenem Tag heraus, als Brandon mit einem toten Vogel auf Christina Kambic losging. Christina war weder besonders hübsch noch besonders hässlich. Sie war einfach nur ein Mädchen. Auf den jungen Raef wirkte sie wie jedes andere Mädchen im Teenageralter: Sie hatte Brüste und redete viel, zwei Dinge, von denen Raef damals selbst mit neun Jahren schon begriff, dass sie zu den guten und schlechten Eigenschaften gehörten, die eine Frau ausmachten.

Brandon interessierte sich nicht wegen ihrer Brüste oder ihrem Gerede für Christina, sondern weil er irgendwie herausgefunden hatte, dass sie schreckliche Angst vor Vögeln hatte.

Die Ereignisse, die sich in Raefs Erinnerung gebrannt hatten, hatten nach der Schule angefangen. Brandon war in die gleiche Richtung nach Hause gegangen wie Raef und sein bester Freund Kevin, aber auf der anderen Straßenseite. Hinter ihm lief eine Gruppe Mädchen, die kicherten und in atemberaubender Geschwindigkeit tuschelten. Brandon ging wie gewöhnlich allein. Offenbar hatte er keine richtigen Freunde. Raef kümmerte sich kaum um ihn und bemerkte nur am Rande, dass er irgendetwas im Rinnstein vor sich her kickte.

Raef und Kevin unterhielten sich über das Auswahlspiel für das Baseballteam der Schule. Er selbst wollte Feldspieler werden; Kev wollte Werfer sein. „Klar, dein Wurfarm ist besser als Tommys“, sagte Raef zu seinem Freund. „Der Coach nimmt auf keinen Fall …“

In dem Augenblick fing Christina an zu heulen.

„Nein, bitte nicht, hör auf! “, flehte sie unter Tränen. Zwei ihrer Freundinnen liefen kreischend davon. Zwei weitere standen noch neben ihr und schrien Brandon an, er solle aufhören.

Der ignorierte sie alle. Er hatte Christina bis an den Zaun von Mr Fultons Vorgarten zurückgedrängt, hob den zermatschten Körper einer offensichtlich überfahrenen Krähe hoch und hielt ihn Christina dicht vors Gesicht. Dabei machte er alberne krächzende Laute und lachte.

„Bitte“, schluchzte Christina, das Gesicht in den Händen verborgen. Sie drückte sich so fest gegen den Zaun, dass Raef schon glaubte, sie würde hindurchbrechen. „Ich ertrage das nicht! Hör bitte auf! “

Raef überlegte, wie groß Brandon war und wie viel älter. Wie angewurzelt blieb er auf der anderen Straßenseite stehen, ignorierte Kevin und rührte sich nicht von der Stelle. Dann drückte Brandon den toten Vogel in Christinas Haare, und das Mädchen fing an, wie am Spieß zu schreien.

„Hey, das ist nicht dein Problem“, rief Kevin, als Raef tief seufzte und auf die Straße trat.

„Es braucht nicht mein Problem zu sein, wenn es derart gemein ist“, antwortete Raef über die Schulter.

„Den Helden spielen wird dir eines Tages noch’ ne Menge Ärger einbringen“, sagte Kevin.

Insgeheim stimmte Raef ihm zu. Trotzdem ging er über die Straße und näherte sich Brandon von hinten. Schnell, als würde er einen Ball fangen, nahm er den Vogel aus Christinas Haaren und warf ihn so weit er konnte die Straße hinab.

„Was hast du für ein Scheißproblem, Arschloch?“, brüllte Brandon und baute sich vor Raef auf wie eine lächerliche Parodie des unglaublichen Hulk.

„Nichts. Ich finde es nur blöd, ein Mädchen zum Weinen zu bringen. “ Raef sah um Brandons massigen Leib herum nach Christina. Sie stand immer noch da, als wären ihre Füße festgefroren, heulte und zitterte. Sie schlang die Arme um sich, als würde sie sonst auseinanderfallen. „Geh nach Hause, Christina“, drängte Raef sie, „er wird dir nichts mehr tun. “

Etwa zweieinhalb Sekunden später traf Brandons Faust ihn ins Gesicht, brach ihm die Nase und warf ihn um, sodass er auf dem Hintern landete.

Raef hielt sich die blutige Nase, sah durch Tränen der Schmerzen zu dem großen Jungen hoch und fragte sich: Warum bist du bloß so gemein?

Da passierte es. Im gleichen Augenblick, als er über Brandon nachdachte, erschien etwas Seltsames, wie eine Art Seil um den Jungen herum. Es war rauchig und dunkel, und Raef fand, es sah aus, als würde es stinken. Von Brandon aus wand es sich hinauf in die Luft.

Fasziniert starrte Raef es an und vergaß dabei seine schmerzende Nase. Vergaß Christina und Kevin und sogar Brandon. Er wollte nur noch wissen, was dieses Seil aus Rauch war.

„Scheiße, sieh mich an, wenn ich mit dir rede! Es macht mich krank, wie leicht es ist, dich fertigzumachen! “ Brandons Wut und Abscheu schienen das Seil zu nähren. Es pulsierte und wurde dunkler, und dann, mit einem lauten Rauschen, stürzte es hinab und drang in Raef ein. Plötzlich konnte er Brandons Wut spüren, seinen Ekel.

Starr vor Schreck, schloss er die Augen und brüllte, nicht an Brandon, sondern an das Seil gerichtet: „Geh weg! “

Dann geschah etwas vollkommen Bizarres: Das Seil verschwand, aber in Gedanken folgte ihm Raef. Es war, als hätte das Ding sich in ein Teleskop verwandelt. Auf einmal konnte er das Zuhause von Brandon sehen – von innen. Darin befanden sich Brandon und seine Familie. Sein Dad, der aussah wie eine ältere, fettere Version von Brandon, stand hoch aufgerichtet über seiner Mutter, die sich auf der Couch zusammenkrümmte. Sie hatte die Arme um sich geschlungen, weinte und zitterte, genau wie Christina es gerade getan hatte. Brandons Dad schrie sie an und nannte sie eine hässliche dumme Schlampe, während Brandon mit angewidertem Gesichtsausdruck zusah. Aber er schaute nicht seinen Vater an. Sein Blick war ganz auf seine Mutter gerichtet. Und er war sauer. Richtig, richtig sauer.

Raef wollte sich übergeben. Sobald er die Übelkeit spürte, die eigenen Gefühle wieder wahrnahm, war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Das Seil verschwand und mit ihm auch das Teleskop und Brandons Zuhause. Raef war wieder zurück in der sehr schmerzhaften, sehr peinlichen Wirklichkeit.

Er öffnete die Augen und sagte das Erste, was ihm in den Sinn kam. „Wie kannst du deiner Mom die Schuld dafür geben, dass dein Dad so gemein ist?“

Brandons ganzer Körper erstarrte. Es war, als hätte er sogar aufgehört zu atmen. Dann wurde sein Gesicht tomatenrot, und er brüllte Raef an, wobei ihm Spucke aus dem Mund sprühte. „Was hast du da gerade über meine Mom gesagt?“

Später fragte Raef sich oft, warum er nicht einfach den Mund gehalten hatte. Warum er nicht aufgestanden und davongerannt war. Stattdessen hatte er wie der letzte Vollidiot gesagt: „Dein Dad quält deine Mom, genau wie du die Mädchen quälst. Ich weiß es, weil ich es gerade gesehen habe. In meinem Kopf. Irgendwie. Wie genau, weiß ich nicht. “ Er überlegte einen Augenblick und fügte dann hinzu, in der Hoffnung, dass vielleicht alles einen Sinn ergab, wenn man es laut aussprach: „Dein Dad hat deine Mom gestern Abend eine hässliche dumme Schlampe genannt. Du hast ihm dabei zugesehen. “

Dann wurde die seltsame Situation sogar noch merkwürdiger. Brandon sah ihn an, als wäre er auf einmal zwei Köpfe gewachsen und hätte hundert Pfund zugenommen. Als hätte er ihn in den Magen geboxt. Der Schläger sah bleich aus, richtig verängstigt, und wich zurück. Doch ehe er sich umdrehte und die Straße entlangrannte, brüllte er die Worte, die Raef sein ganzes Leben lang nicht vergessen sollte. „Ich weiß, was du bist. Du bist schlimmer als ein Nigger, schlimmer als ein Perverser. Du bist ein Psy – ein verdammter Freak! Halt dich ja von mir fern! “

Oh, Gott. Es stimmte. Das konnte nicht sein … konnte einfach nicht sein …

Raef hatte einfach dagesessen, blutverschmiert, verwirrt und – wie peinlich – heulend, während Kevin immer und immer wieder seinen Namen gerufen und versucht hatte, ihn wieder zu sich zu bringen. „Raef! Raef! Raef …“

„Mr Raef? Raef? Sind Sie da, Sir?“

Zurück in der Gegenwart, schüttelte Raef sich in Gedanken und in Wirklichkeit, nahm den Telefonhörer ab und drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage. „Ja, Preston, was gibt’s?“

„Mr Raef, Ihr Neun-Uhr-Termin ist hier, eine halbe Stunde zu früh.“

Raef räusperte sich. „Wissen Sie, Preston, es ist wirklich verdammt schade, dass zu meiner Gabe nicht auch Hellsehen gehört, sonst hätte ich das gewusst und wäre jetzt vorbereitet.“

„Ja, Sir, aber ich wäre dann als Ihr Sekretär wahrscheinlich arbeitslos“, entgegnete Preston mit seinem üblichen trockenen Humor.

Raef lachte leise. „Keine Angst, irgendwer muss immer noch die Ablage machen.“

„Mein wahrer Lebenszweck, Sir.“

„Freut mich zu hören. Okay, geben Sie mir fünf Minuten und schicken Sie die Klientin dann rein.“

„Natürlich, Mr Raef. Danach mache ich mich wieder an die Ablage.“

Raef atmete langsam aus, griff nach seinem halb leeren Kaffeebecher und ging zu der langen Anrichte, die an der hinteren Wand seines geräumigen Büros stand. Er schenkte sich Kaffee nach, stand dann einfach da und starrte aus dem Fenster. Nicht dass er den herrlichen Ausblick auf die Skyline von Tulsa an diesem prächtigen Herbsttag wirklich wahrgenommen hätte. Kent Raef versuchte, diesem merkwürdigen Gefühl auf den Grund zu gehen, das schon den ganzen Morgen an ihm nagte.

Was zum Teufel war los mit ihm? Warum versank er heute Morgen in Erinnerungen? Liebe Güte, er hasste es, an jenen Tag zurückzudenken – hasste es, sich an den verängstigten heulenden Jungen zu erinnern, der er gewesen war. Damals hatte er einfach nur ins Baseballteam kommen wollen, dazugehören wollen wie jeder andere auch. Stattdessen hatte er eine übersinnliche Gabe. Als Einziger in seiner Klasse. Norms – Menschen ohne psychische Begabung – reagierten nie gut auf Psys. Besonders nicht auf einen neun Jahre alten Psy, der die brutalen Emotionen anderer spüren konnte. Egal, wie sehr seine Eltern ihn unterstützt hatten, egal, wie cool es gewesen war, als die Spezialeinheit der Air Force ihn rekrutiert hatte, Raef hasste es, sich an jene Jahre zu erinnern. Daran, was für eine verdammte Mühe es gewesen war, zu lernen, mit der Gabe umzugehen – und mit den Reaktionen der Arschlöcher unter den Norms.

Wie immer wurde ihm hundeelend, wenn er daran zurückdachte, wenn er die Erinnerungen noch einmal durchlebte. Heute fühlte er sich dabei auch noch zittrig und irgendwie seltsam. Hätte er es nicht besser gewusst, hätte er gesagt, er nahm die Gefühle von jemand anderem wahr – sanfte Gefühle wie Sehnsucht oder Verlangen, überschattet von einer schweren Melancholie.

„Zur Hölle, Raef, reiß dich zusammen“, ermahnte er sich selbst. Schließlich wusste er es besser. Sanfte Gefühle? Er schnaubte. Seine übersinnliche Gabe funktionierte so nicht – hatte noch nie so funktioniert. Ein angepisster Idiot, der seine Wut ausließ, indem er seinen Hund trat, war das Sanfteste, was er je mit seiner Gabe wahrgenommen hatte. „Wird Zeit, dass ich mir ein Privatleben zulege“, murmelte er, als er an seinen Schreibtisch zurückging und sich setzte, gerade in dem Moment, als jemand einmal an seine Tür klopfte. „Ja, herein“, blaffte er.

Die Tür ging auf, und Preston verkündete: „Mrs Wilcox für Sie, Mr Raef.“

Raef stand sofort auf, als die hochgewachsene Blondine sein Büro betrat. Er streckte ihr die Hand entgegen und ließ sich nicht davon beirren, dass sie geradezu unhöflich lange zögerte, ehe sie sie schüttelte. Viele Norms mochten es nicht, von Leuten wie ihm berührt zu werden. Aber sie war zu ihm gekommen, nicht anders herum, also hatte sie sich gefälligst an seine Regeln zu halten. In seinem Team gab es keine Diskussionen über den Händedruck.

Vielleicht hatte sie auch gezögert, weil seine Haut ihr zu dunkel war – sie sah aus wie eine dieser attraktiven Ölbaron-Ehefrauen um die fünfzig. Vermutlich war sie davon überzeugt, dass ihr eigener Haufen nicht stank und dass Gott die Menschen, deren Haut nicht alabasterweiß war, nur erschaffen hatte, weil schließlich jemand die Drecksarbeit erledigen musste.

„Constance Wilcox“, sagte sie und ergriff seine Hand mit erstaunlich festem Druck. Er erkannte den Namen als einen, der zur High Society von Tulsa gehörte, auch wenn er sich in diesen Kreisen mit Sicherheit nicht bewegte.

„Kent Raef. Kaffee, Mrs Wilcox?”

Sie schüttelte knapp den Kopf. „Nein danke, Mr Raef.“

„Gut. Bitte setzen Sie sich. “ Raef wartete, bis sie es sich auf einem der Lederstühle mit hohen Lehnen vor seinem breiten Schreibtisch bequem gemacht hatte, ehe er selbst Platz nahm. Es gefiel ihm nicht sonderlich, dass der Gentleman der alten Schule ihm praktisch im Blut lag, aber manche Angewohnheiten waren einfach nicht der Mühe wert, sie zu brechen.

„Was kann ich für Sie tun, Mrs Wilcox?“

„Wissen Sie das nicht bereits?“

Er versuchte sich seine Verärgerung nicht anmerken zu lassen. „Mrs Wilcox, ich bin mir sicher, mein Sekretär hat Ihnen erklärt, dass ich Sie nicht lesen werde. So funktioniert meine Gabe nicht. Also entspannen Sie sich. Es gibt keinen Grund für Sie, in meiner Anwesenheit nervös zu sein.“

„Wenn Sie meine Gedanken nicht lesen können, woher wissen Sie dann, dass ich mich entspannen muss und nervös bin?“

„Sie sitzen kerzengerade da und haben Ihre Hände so fest ineinander verschlungen, dass Ihre Finger weiß werden. Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, wie angespannt Sie sind. Jeder mit ein bisschen Grips und einigermaßen Beobachtungsgabe kann das sehen. Abgesehen davon hat meine Gabe eher mit der dunklen Seite des Paranormalen zu tun. Zu mir kommen die Leute nicht wegen vermisster Welpen oder um mit dem Geist von Elvis Kontakt aufzunehmen. Sie kommen, weil ihnen oder jemandem in ihrem Umfeld etwas Schlimmes zugestoßen ist. Und schreckliche Ereignisse machen einen Menschen nun einmal“, er nickte ihr kurz zu, „angespannt und nervös.“

Sie sah auf ihre gefalteten Hände hinab und gab sich sichtlich Mühe, sie zu entspannen. Dann schaute sie wieder zu ihm hoch. „Tut mir leid. Es ist nur so, dass ich mich so unwohl bei der Sache fühle.“

„Der Sache?“ Nein, verflucht noch mal. Er würde es ihr nicht leichter machen. Nicht heute Morgen. Nicht, solange es sich so anfühlte, als würde etwas unter seine Haut kriechen wollen. Er hatte es einfach satt, sich mit Leuten abgeben zu müssen, die zwar die übersinnlich begabten Angestellten von After Moonrise anheuerten, dann aber so taten, als würden sie lieber mit jemandem arbeiten, der ihre verstopfte Klärgrube reinigte – von Hand.

„Der Tod. “ Sie sagte es so leise, dass Raef sie kaum hörte.

Er blinzelte überrascht. Dann war es nicht die Berührungsangst mit dem Übersinnlichen, die sie so eiskalt wirken ließ – es ging um den Tod. Das konnte er allerdings verstehen. Der Tod, genauer gesagt Mord, war sein Job. Aber das bedeutete nicht, dass es ihm gefiel.

„Der Tod ist selten ein angenehmes Thema. “ Er hielt inne, als ihm klar wurde, dass er auf sie wie ein Ekel gewirkt haben könnte, und bedachte sie mit einem verständnisvollen Blick. „Also, Mrs Wilcox, wie wäre es, wenn wir von vorne anfangen? Sie versuchen Ihr Bestes, sich zu entspannen, und ich tue mein Bestes, um Ihnen zu helfen.“

Ihr Lächeln wirkte etwas gequält, aber wenigstens war es ein Lächeln. „Das klingt vernünftig, Mr Raef.“

„Sie sind also wegen eines Toten hier.“

„Ja. Ich bin hier, weil ich nicht weiß, an wen ich mich noch wenden soll.“

Das jedenfalls hatte er schon oft gehört, aber er fühlte sich dadurch nicht voller Herzenswärme und wie ein Retter, wie es bei einigen anderen Angestellten von After Moonrise der Fall gewesen wäre, Claire oder Ami oder sogar Stephen. Das war nur verständlich. Ihnen gelang es manchmal, Menschen zu retten. Er selbst hatte nur mit den Folgen von Gewalt und Mord zu tun. Da war keine Rettung mehr möglich.

„Kommen wir also zur Sache, Mrs Wilcox. “ Er wusste, dass er grob klang, sogar einschüchternd. Das lag durchaus in seiner Absicht. So ging es meistens viel schneller.

„Meine Tochter Lauren braucht Ihre Hilfe. Ihretwegen bin ich hier.“

„Ist Lauren ermordet worden?“ Raef nahm den groben Tonfall aus seiner Stimme. Jetzt klang er einfach nur distanziert und objektiv, wie ein Labortechniker, der nach einer Krebsdiagnose die weitere Vorgehensweise besprach. Er nahm einen Stift, schrieb Lauren auf einen frischen Notizblock, unterstrich den Namen und sah dann wieder hoch zu Mrs Wilcox. Leicht ungeduldig wartete er auf den Rest der Geschichte.

Sie presste die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen, als wollte sie die Worte zurückhalten, die auszusprechen ihr so viele Schmerzen bereiteten. Dann atmete sie tief durch. „Nein, Lauren ist nicht ermordet worden. Sie lebt, aber sie ist nicht mehr vollständig. Sie ist nur noch teilweise bei uns. Ich brauche Ihre Hilfe, um ihren Geist wiederherzustellen.“

„Mrs Wilcox, ich glaube, da hat es einen Irrtum bei der Terminvergabe gegeben. Es klingt, als sollten Sie sich mit einem anderen Mitglied des Teams von After Moonrise unterhalten – mit einem unserer Schamanen, der sich auf zersplitterte Seelen spezialisiert hat. Meine Gabe tritt nur in Kraft, wenn ein Mord im Spiel ist. “ Er nahm den Telefonhörer ab, um Preston zu rufen, aber ihre nächsten Worte ließen ihn innehalten.

„Meine Tochter ist ermordet worden.“

„Mrs Wilcox, Sie haben gerade gesagt, Lauren sei noch am Leben.“

„Lauren ist noch am Leben. Ihre Zwillingsschwester Aubrey wurde ermordet.“

Raef legte den Hörer auf. „Eine Zwillingsschwester wurde umgebracht, die andere lebt noch?“

„Wenn man es so nennen kann. “ Ihr Gesicht war blass, ihre Miene angespannt, und sie kämpfte sichtlich mit den Tränen.

Trotz seiner schlechten Laune war sein Interesse geweckt. Ein lebendiger Zwilling und ein ermordeter? So ein Fall war ihm noch nie untergekommen.

„Eine meiner Töchter wurde vor drei Monaten ermordet. Seitdem ist die andere nur noch ein Schatten ihrer selbst. Lauren wird von Aubrey heimgesucht.“

Raef nickte. „Das geschieht recht häufig. Wenn zwei Menschen einander sehr nahestehen – Geschwister, Mann und Frau, Eltern und Kind – und einer von ihnen stirbt oder ermordet wird, bleibt der Geist des Verstorbenen oft zurück.“

„Ja, ich weiß“, sagte sie ungeduldig, „besonders wenn der Mord ungeklärt bleibt.“

Raef setzte sich gerader hin. Jetzt war er schon eher in seinem Element. „Dann sind Sie doch an der richtigen Adresse. Ich muss an den Ort des Verbrechens, und ich muss auch mit Lauren sprechen. Wenn ihre Zwillingsschwester sie heimsucht, dann kann ich durch sie wahrscheinlich direkt mit Aubrey in Kontakt treten und herausfinden, was geschehen ist. Sobald der Mord aufgeklärt ist, sollte Aubrey in Frieden ruhen können. “ Er rieb sich die Stirn und wünschte, er könnte endlich dieses unangenehme Gefühl der Sehnsucht abschütteln. Immerhin war er nicht mehr der neunjährige Junge von damals. Er war stark, kompetent, und er wusste, wie man mit so einem Mist umging.

„Ja, Frieden. Genau um den zu finden, bin ich hier. Für meine beiden Mädchen.“

„Ich werde versuchen, Ihnen zu helfen, Mrs Wilcox. Sie sagen, Aubrey wurde vor drei Monaten ermordet? Und der Mord wurde bisher nicht aufgeklärt? Es ist ungewöhnlich, dass es in der Gerichtsmedizin niemandem mit übersinnlichen Gaben gelungen ist, den Fall abzuschließen.“

Ihre blauen Augen wurden eiskalt, und die Traurigkeit, die sich wie ein Schatten über sie gelegt hatte, schien zu gefrieren. „Meinen Sie den Mord an meiner Tochter, wenn Sie davon reden, ‚den Fall abzuschließen‘?“

Verdammt! Hatte er das wirklich laut gesagt? Was zum Teufel ist los mit mir? Er mochte nicht so viel Einfühlungsvermögen haben wie der gefühlsduselige Stephen, aber normalerweise hatte er zumindest so viel Taktgefühl, dass er nicht nebenbei eine ohnehin schon aufgebrachte Klientin beleidigte.

„Ja, Ma’am. Bitte entschuldigen Sie, wenn meine Formulierung etwas herzlos klang. Ich versichere Ihnen, ich begreife Ihren Verlust und fühle mit Ihnen.“

Sie fuhr fort, als hätte er kein Wort gesagt. „Aubreys Fall ist nicht abgeschlossen worden, weil das Medium der Polizei nicht mit meiner Tochter über den Mord kommunizieren konnte. Mit keiner von beiden.“

Raef legte die Stirn in Falten. „Das ist höchst ungewöhnlich. Haben Sie die Genehmigung erteilt, dass der Geist Ihrer Tochter befragt werden darf?“

„Natürlich“, fuhr sie ihn an. „Aber so einfach ist das bei Lauren und Aubrey nicht. Das war es nie.“

„Tut mir leid, Ma’am, ich verstehe nicht, was …“

Mit einer herrisch erhobenen Hand schnitt sie ihm das Wort ab. „Vielleicht ist es einfacher, wenn ich es Ihnen zeige. “ Ohne auf seine Antwort oder Erlaubnis zu warten, stand sie auf und ging rasch zur Tür seines Büros, öffnete sie und rief: „Du kannst jetzt reinkommen, Lauren.“

Die Frau, die das Büro betrat, sah aus wie eine jüngere Version ihrer Mutter – eine langbeinige Schönheit Mitte zwanzig mit platinblonden gewellten Haaren, so hell, dass sie fast weiß wirkten. Ihr Körper war sinnlicher als der ihrer Mutter, die nach langen Jahren voller Diäten und mit regelmäßigen Fettabsaugungen aussah. Bei Lauren dagegen konnte er sich vorstellen, dass sie sich ab und zu einen Burger und ein Bier schmecken ließ. Oder auch nicht – der teure Seidenpullover, die Designerhose und die eleganten Schuhe ließen eher darauf schließen, dass sie sich ab und zu ein Filetsteak mit Kartoffeln, Sauce béarnaise und dazu einen teuren Rotwein gönnte.

Sein Blick wanderte von ihren Kurven zu ihren graublauen Augen, und unwillkürlich presste er die Lippen zusammen bei dem, was er darin erkannte – Leere. Ihr Blick war ebenso ausdruckslos wie ihr Gesicht.

Vor seinem Schreibtisch blieb sie stehen und starrte über seine Schulter ins Nichts. Dann fing die Luft um sie herum an zu schimmern, und ein transparentes Duplikat von ihr erschien.

Erst als Raef aufstand, um sich die Erscheinung anzusehen, traf es ihn wie ein Schlag in den Magen. Der Geist strahlte Wellen von Emotionen aus  – Sehnsucht, Verlangen, Einsamkeit, Begehren –, Gefühle, die Raef noch nie bei einem anderen Menschen wahrgenommen hatte, ob tot oder lebendig, seit seine Gabe sich an jenem längst vergangenen Tag bemerkbar gemacht hatte.

Er versuchte seine mentalen Mauern zu errichten. Die gleichen Mauern nutzte er an Mordschauplätzen, um die verbliebenen Geister abzuwehren – ihre Angst, ihren Schmerz, ihre Wut –, die einzigen Emotionen, die er bisher hatte lesen können. Aber heute funktionierte diese Mauer nicht. Er konnte nur dastehen und all das Verlangen und die Sehnsucht, die der Geist ausstrahlte, auf sich einprasseln lassen.

„Kent Raef?“ Die Stimme des Geistes rauschte durch seine Gedanken.

Er räusperte sich, ehe er antwortete, aber seine Stimme klang dennoch kratzig. „Ja. Ich bin Kent Raef.“

Der Geist der Frau seufzte erleichtert. „Na endlich! “ Sie sah zu ihrer Zwillingsschwester. Lauren blinzelte, als würde sie aus einem langen Schlaf aufwachen, und sie und der Geist lächelten sich an. „Gut gemacht, Schwesterchen. “

„Du wusstest, irgendwann finde ich es heraus“, sagte Lauren.

„Und du weißt, dass es mich wahnsinnig macht, wenn du dich mit der leeren Luft unterhältst“, sagte Mrs Wilcox.

„Man merkt, dass dir immer noch ein Stock im Hintern steckt, Mutter“, sagte der Geist.

Lauren hustete, um ein Kichern zu verbergen, während der Geist ihrer Schwester laut herauslachte.

Raef spürte, wie das Gelächter im Raum ihm über die Haut fuhr, wie statische Elektrizität kribbelte, all seine Nervenenden aufweckte und ihn völlig aus dem Konzept brachte.

Mühsam nahm er seine Gedanken zusammen. Ignorier die Gefühle. Du kannst dir später noch überlegen, was zum Teufel es damit auf sich hat. Im Augenblick musste er seinen Job machen – den Mord aufklären, dem Geist Frieden bringen, den Fall abschließen.

„Aubrey, warum erzählen Sie mir nicht von Ihrem Tod, dann kann ich …“

Ein Kreischen unterbrach ihn, das wie ein Schlag über seine Haut streifte. Aubrey hatte den Mund weit aufgerissen und schrie vor Qualen, ein Geräusch, das auf unheimliche Weise in ihrer lebendigen Schwester widerhallte. Dann flimmerte ihr Geist wie die Luft über heißem Asphalt, und sie verschwand.

2. KAPITEL

Dann haben Sie wirklich etwas gesehen oder zumindest gehört?“ Mrs Wilcox sprach abgehackt, und in der Stille, die nach Aubreys Verschwinden herrschte, klang ihre Stimme unnatürlich laut.

„Aubrey hat sich manifestiert und zu mir gesprochen. Für einen Moment“, antwortete Raef, ohne die ältere Frau dabei anzusehen. Stattdessen betrachtete er Lauren und bemerkte, dass ihr leerer Gesichtsausdruck nicht zurückgekehrt war. Auch wenn man ihr Gesicht immer noch nicht lebhaft nennen konnte, sah sie wenigstens nicht mehr wie ein Zombie aus. Und er bemerkte ebenfalls, dass der Sturm der Gefühle, der von Aubrey ausgegangen war, mit einem Schlag aufgehört hatte. Er räusperte sich und wünschte sich mehr als alles andere einen Schuss Whisky in seinem Kaffee. „Bitte setzen Sie sich, Mrs Wilcox. Es gibt einige Dinge, die ich mit Ihnen und Ihrer …“

„Warum gehst du nicht nach Hause, Mutter?“ Überrascht sah er auf, als Lauren ihn mit forscher Stimme unterbrach und sich auf den Stuhl neben ihrer Mutter setzte. „Es wäre wahrscheinlich besser, wenn ich seine Fragen allein beantworte.“

„Was, wenn es wiederkommt, Lauren?“

„Mutter, ich habe dir schon gesagt, dass ich Aubrey oft sehe. Sie ist tot. Das macht sie nicht zu einem Es. Sie ist immer noch Aubrey.“

„Ich habe nicht vom Geist deiner Schwester gesprochen“, sagte Mrs Wilcox kühl. „Ich meinte diese schreckliche Leere, die manchmal über dich kommt.“

„Mutter, auch das habe ich dir schon erklärt. Sie ‚überkommt‘ mich nicht einfach. Es gibt einen Grund dafür. “ Mrs Wilcox sah weiterhin skeptisch aus, und Lauren seufzte. „Ich werde mich nicht hinters Steuer setzen. Wenn ich wieder wegtrete, dann wird Mr Raef sich bestimmt um mich kümmern und mich irgendwie nach Hause bringen.“

„Lauren, ich …“, fing ihre Mutter an, doch dann schien sie sich zu fassen. Sie stand auf und nickte ihm steif zu. „Sie werden doch dafür sorgen, dass meine Tochter unbeschadet nach Hause kommt?“

„Natürlich“, sagte Raef. Ihm gefiel überhaupt nicht, in dieses Familiendrama hineingezogen zu werden.

„Dann sprechen wir uns später, Lauren. Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Mr Raef.“

Nachdem die Tür sich hinter ihrer Mutter geschlossen hatte, setzte Lauren sich wieder und sah ihm in die Augen. „Sie ist nicht so kalt und gleichgültig, wie sie sich gibt. Das alles ist einfach zu viel für sie.“

„Was genau meinen Sie mit das alles?“

„Damit meine ich den Tod meiner Schwester und dass ihre Ermordung von der Polizei noch nicht aufgeklärt werden konnte. Wenn man dann noch bedenkt, dass ich von Aubrey heimgesucht werde, offenbar von irgendetwas besessen bin und meine Seele langsam ausgesaugt wird, hat man eine Mischung, die wohl jede Mutter aus dem Konzept bringen würde. “ Laurens Stimme war ruhig, und ihr Körper schien entspannt. Nur in ihren rauchblauen Augen war ihre Verzweiflung zu lesen.

Raef stand auf und trat an die Anrichte. Er füllte seinen Kaffee auf und schenkte dann einen weiteren Becher ein. „Milch oder Zucker, Miss Wilcox?“, fragte er über die Schulter.

„Beides, und da wir zusammenarbeiten werden, nennen Sie mich doch bitte Lauren.“

Er bereitete den Kaffee zu und reichte ihn ihr. „Dann also Lauren. Meine Freunde nennen mich Raef. “ Er setzte sich wieder und lächelte ihr kurz zu. „Ehrlich gesagt, meine Feinde ebenfalls.“

„Haben Sie viele Feinde, Raef?“

„Ein paar“, sagte er. „Und Sie?“

Sie schüttelte den Kopf. „Keine.“

„Und Ihre Schwester?“

„Auch nicht. Das ist einer der Gründe, warum die Sache so schrecklich ist. Es ergibt alles überhaupt keinen Sinn.“

„Sagen Sie mir, was Sie über den Tod Ihrer Schwester wissen, und ich versuche, so gut es geht, einen Sinn darin zu finden.“

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. “ Laurens zuvor so ausdrucksloses Gesicht war jetzt angespannt, und als sie an ihrem Kaffee nippte, bemerkte Raef, dass ihre Hände zitterten.

„Fangen Sie am Anfang an. Wann wurde sie umgebracht?“

„Am 15. Juli. Sie war allein, auch wenn es nicht so geplant war. Wir erledigen unsere Aufträge fast immer gemeinsam …“ Sie hielt inne, zuckte zusammen vor offensichtlichem Schmerz. „Ich meine, erledigten“, korrigierte sie sich. Dann hatte sie sich gefasst und fuhr mit ruhigerer Stimme fort. „Im Juli ist die Hauptsaison für unsere Pflegearbeiten, deswegen mussten wir uns oft trennen, um unsere Aufträge rechtzeitig zu erfüllen.“

„Pflegearbeiten? Was haben Sie und Ihre Schwester gemacht?“

„Landschaftsgärtnerei. Juli kann für die Pflanzen ein schwieriger Monat sein, wenn wir nicht genug Regen bekommen und es in Oklahoma früh heiß wird, wie letztes Jahr. Pflanzen vertrocknen, wenn man sich in der Hitze nicht gut um sie kümmert. Aub und mir gehört Two Sisters Landscaping. Bis …“ Sie verstummte wieder und nippte an ihrem Kaffee. „Jetzt gehört es mir allein.“

„Gehört? Das heißt, Sie sind Hauptaktionär?“

„Das heißt, Aubrey und ich haben die Firma gegründet, sie geleitet, und wir waren die beiden Hauptangestellten. “ Jetzt sah sie ihm direkt in die Augen. „Ja, wir haben uns tatsächlich die Hände schmutzig gemacht. Oft. “ Sie hielt eine Hand hoch, und Raef hob überrascht die Augenbrauen, als er statt zarter weißer Haut und einer eleganten Maniküre entdeckte, dass Laurens Fingernägel kurz und gerade geschnitten waren. In ihren Handflächen fand er sogar Schwielen. Er hätte nie gedacht, dass die Töchter einer der reichsten und angesehensten Familien in Tulsa etwas so Handfestes wie Landschaftsbau betrieben.

„Man sollte meinen, ein Gedankenleser ist besser darin, seine eigenen Gedanken zu verbergen“, sagte Lauren.

Raef sah von ihrer Hand hoch in ihre Augen. Und dann überraschte er sich selbst, indem er zugab: „Normalerweise bin ich das.“

„Töchter reicher Familien, die im Dreck wühlen, müssen Ihnen ziemlich ungewöhnlich vorkommen“, fuhr sie fort.

Raef lächelte sie schief an. „Klingt, als wären Sie an diese Reaktion schon gewöhnt.“

„Sagen wir, unsere Familie war nicht begeistert, als Aubrey und ich vor sechs Jahren das Geschäft eröffnet haben. Glücklicherweise konnte sie uns nicht aufhalten.“

„Erklären Sie mir das“, sagte Raef. Nicht weil er die düstere Vorahnung gespürt hätte, die ihn sonst überkam, wenn er der Lösung eines Mordfalles auf der Spur war. Es gab für ihn keinen direkten Grund, Lauren zu fragen, was ihre Familie von ihrer Firma hielt, aber ihm wurde klar, dass er sie fragen wollte – er wollte mehr wissen.

Und das war wirklich verdammt merkwürdig.

„Aubrey und ich haben an unserem einundzwanzigsten Geburtstag eine größere Summe von unserem Großvater geerbt. Damit konnten wir machen, was auch immer wir wollten. Also haben wir unsere eigene Firma gegründet. Nur haben wir, statt in eine kleine Boutique am Utica Square zu investieren, die jemand anders für uns leitet, oder in Immobilien, wie es der Familientradition entsprochen hätte, lieber mit Pflanzen und Dreck gearbeitet. So hat unsere Mutter es jedenfalls ausgedrückt. Unsere Entscheidung rief wenig Begeisterung hervor, aber es war nun einmal unsere eigene Wahl.“

„Und wie lief das Geschäft?“

„Ausgezeichnet. Tut es immer noch. Wir haben fünf Angestellte und mussten sogar schon Aufträge ablehnen. Deswegen war Aubrey auch an jenem Tag allein. Wir hatten zu viele Kunden auf einmal übernommen, und sie war die Expertin für Wasserpflanzen. Deshalb fuhr sie allein zum Swan Lake.“

Mit einem Mal wurde Raef etwas bewusst, und er fragte sich, wieso er nicht schon früher zwei und zwei zusammengezählt hatte. „Aubrey Wilcox, Mitte Juli, elektrischer Schlag mit Todesfolge, als sie an den Wasserpflanzen auf der Insel im Swan Lake gearbeitet hat. “ Dann wurde ihm klar, warum er den Namen in seinem Terminkalender nicht erkannt hatte. Es hatte keine Mordermittlungen gegeben. Der Tod war als Unfall eingestuft worden. Was zum Teufel ging hier vor?

„Es war kein Unfall“, sagte Lauren mit Bestimmtheit, als könne sie seine Gedanken lesen.

„Aber genau das steht im Bericht der Polizei, oder?“

„Ja. Bedeutet das, Sie übernehmen den Fall nicht?“

„Doch, ich übernehme ihn. “ An sich war das nichts Ungewöhnliches. Manchmal brauchten Familien seine Dienste, um abschließen zu können. Nicht speziell seine Dienste, sondern allgemein die eines übersinnlich Begabten. Die Polizei konnte den Hinterbliebenen wieder und wieder versichern, dass es sich um einen Selbstmord handelte oder einen Unfall, und sie hielten trotzdem an der Hoffnung fest, dass es einen Täter gab, einen Grund, etwas, worauf sie ihre Wut und Verzweiflung konzentrieren konnten. Das war eine Aufgabe für die Psys – und einer der Gründe, warum ihr Geschäft so gut lief, obwohl die Welt größtenteils von Norms bevölkert war, die sich in Gegenwart von übersinnlich Begabten unwohl fühlten. Indem er direkt mit dem Geist des Verstorbenen kommunizierte, konnte ein Psy den Familien helfen, sich der Wahrheit zu stellen, sie hinter sich zu lassen und einen Schlussstrich zu ziehen. Allerdings bevorzugte Raef einen guten altmodischen Mordfall – mit Hass und Wut konnte er umgehen. Verzweiflung stand auf einem ganz anderen Blatt.

„Aubrey hat mir erzählt, dass jemand sie umgebracht hat.“

Raef schüttelte sich innerlich. „Ich dachte, Ihrer Schwester fiele es schwer, über ihren Tod zu kommunizieren. “ Das hatte er selbst gesehen. Er hatte sie nach dem Mord gefragt, und sie hatte definitiv nicht mit ihm kommuniziert.

„Das stimmt auch. Wenn ich sage, sie hat es ‚mir erzählt‘, dann meine ich damit nicht, dass sie wirklich gesagt hat: ‚Hey, Schwesterchen, man hat mich umgebracht. ‘ Ich meine, sie hat es mir hier drinnen erzählt. “ Lauren schloss eine Faust über ihrem Herzen. „Es gibt Dinge, die sie nicht in Worte fassen kann, aber ich spüre sie einfach. Sie und ich sind immer zwei Hälften eines Ganzen gewesen. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, denn für einen Außenstehenden ist es wohl unmöglich zu verstehen. Wenn man dann noch bedenkt, dass das, was nach Aubs Tod geschehen ist – was immer das sein mag –, sich auch auf mich auswirkt, wird es richtig seltsam. Raef, um die Wahrheit zu sagen, ich verstehe selbst nicht, was gerade geschieht. Ich hatte gehofft, Sie können mir helfen – uns helfen. Bitte, helfen Sie uns, Raef.“

Er schwieg einen Augenblick, musterte Lauren eindringlich und sortierte seine Gedanken. Schließlich sagte er langsam, in der Hoffnung, dass lautes Denken ihm vielleicht dabei half, die bisherigen Informationen zu verarbeiten: „Die Polizei hat Aubreys Tod als Unfall deklariert, aber Ihre Schwester hat Ihnen, und nur Ihnen, deutlich gemacht, dass es sich um Mord handelte. Ist das so weit richtig?“

„Ja.“

„Und auch wenn sie sich vor Ihnen manifestiert, was ich selbst gesehen habe, scheint es dennoch eine Barriere zwischen ihnen zu geben, als würde sie durch einen äußeren Einfluss blockiert oder kontrolliert?“

„Besonders wenn sie versucht, mit mir direkt über ihren Tod zu sprechen. “ Lauren klang unglaublich erleichtert. „Sie ahnen ja nicht, was für eine Erleichterung es ist, mit jemandem zu reden, der mir tatsächlich zuhört und mich nicht für einen Freak hält! “

Er lächelte aufrichtig, aber ohne Humor. „Können Sie sich vorstellen, wie es ist, ein Neunjähriger zu sein, der die negativen Emotionen anderer spürt, und zwar ausschließlich die negativen? Ich weiß, was es heißt, wenn man als Freak abgetan wird.“

Lauren atmete seufzend aus. Ihre Schultern entspannten sich, und sie trank endlich einen Schluck von ihrem Kaffee. „Gut. Dann sprechen wir die gleiche Sprache.“

„Dann sind Sie also tatsächlich von Ihrer Schwester besessen“, sagte er und blickte von seinen Notizen auf. Das war ungewöhnlich. Besessenheit durch einen Geist kam natürlich manchmal vor, aber normalerweise suchten sich Geister keine Familienmitglieder aus. Er konnte sich nicht erinnern, je gehört zu haben, dass ein Zwilling von einem anderen besessen wurde.

„Naja, ich weiß nicht, ob man es wirklich als Besessenheit bezeichnen kann. Sie manifestiert sich, wie sie es vorhin getan hat, und wir können uns unterhalten. “ Lauren verstummte und blinzelte heftig, als versuchte sie, nicht zu weinen. „Ich vermisse sie. Sogar sehr. Ich fühle mich nicht richtig ohne sie. “ Entschlossen schüttelte sie den Kopf und wischte sich über die Augen. „Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass sie fortgerissen wird, wenn sie versucht, mit mir über ihren Tod zu sprechen. Ich kann spüren, was mit ihr geschieht, und es ist …“ Ihre Stimme versagte, und sie schauderte. „Es ist, als würde man auch mich umbringen.“

„Hören Sie, Lauren. Ihre Schwester ist bereits tot. Vielleicht spüren Sie ihren Kampf, die Verbindung mit Ihnen aufrechtzuerhalten, während es ihren Geist ins Jenseits zieht. Die Wahrheit ist, dass es für die meisten Geister schwierig ist, auf dieser Daseinsebene zu bleiben. Sie sollten weitergehen. “ Er versuchte sanft zu klingen, aber diese Gefühlsduselei lag ihm nicht. Mehr und mehr sah es danach aus, als sollte er Lauren und ihre Familie, lebendig wie tot, besser an das Medium weitergeben, das zu After Moonrise gehörte.

„Sie begreifen nicht“, sagte Lauren und sah dabei immer lebhafter aus. „Aubrey geht nicht weiter. Sie kann nicht. Er ist noch nicht fertig damit, sie umzubringen.“

„Wie bitte?“

Sie seufzte. „Aubrey konnte mir nur so viel sagen: Ihr Mörder hat ihren Geist gefesselt. So wie er auch die anderen Geister gefesselt hat. Der körperliche Tod war nur der erste Schritt. Er hört nicht auf, ehe er auch ihren Seelen das Leben ausgesaugt hat. Sie müssen ihn finden. Er ist noch nicht fertig mit dem Töten.“

3. KAPITEL

Und Sie wissen, dass dieser übersinnliche Serienmörder Geister aussaugt, weil Ihre Schwester es Ihnen dort drinnen gesagt hat?“ Raef deutete dorthin, wo Lauren immer noch die Faust über ihrem Herzen geschlossen hielt.

Sie richtete sich gerader auf und reckte ihr Kinn vor. „Behandeln Sie mich nicht so von oben herab, Raef. Ja, ich weiß es. Genau wie Sie wissen, dass Sie es mit den Geistern von Verstorbenen zu tun haben statt Ihrer eigenen überreizten Fantasie, auch wenn sonst niemand sieht und fühlt, was Sie sehen.“

„Schon gut. “ Er nickte langsam. „Erwischt. “ Er stand auf und nahm seinen Schlüsselbund aus der Schreibtischschublade. „Machen wir uns auf den Weg.“

„Wohin?“

„Dorthin, wo Aubrey ihren Unfall hatte.“

„Sie meinen dorthin, wo sie ermordet worden ist“, sagte Lauren bestimmt.

„Wie auch immer, ich muss es mir ansehen. “ Er hob eine Augenbraue, als sie sich nicht regte. „Ihnen war doch klar, dass es für mich notwendig ist, mir den Ort anzusehen, an dem sie gestorben ist, oder?“

„Ja – ja, natürlich“, stammelte sie. „Es ist nur, naja, ich bin noch nicht wieder dort gewesen.“

„Kein einziges Mal? Nicht einmal, nachdem Ihre Schwester sich vor Ihnen manifestiert hat?“

Lauren schüttelte den Kopf. „Nein. “ Es war nur ein Flüstern.

„Ich kann Sie zuerst nach Hause bringen. “ Er ging um den Schreibtisch herum zu ihr. „Dann unterhalten wir uns anschließend und …“

„Wäre es besser, wenn ich mit Ihnen komme?“, unterbrach sie ihn, und ihre Stimme klang wieder fester. „Ich meine, für Sie und die Untersuchungen.“

„Wahrscheinlich schon, besonders, weil Ihr Fall so außergewöhnlich ist.“

Sie stand auf. „Dann komme ich mit.“

Die Fahrt von der Innenstadt, in der sich das Büro von After Moonrise befand, bis zum Swan Lake am Rand der Stadt verlief kurz und schweigsam. Raef machte das nichts aus. Er war von Natur aus schweigsam und hatte noch nie verstanden, warum die meisten Menschen stets irgendeinen peinlichen Small Talk hielten, statt die angenehme Stille zu genießen. So hatte er außerdem Gelegenheit, sich auf das vorzubereiten, was geschah, wenn er den Schauplatz eines Todes aufsuchte und sich den übersinnlichen Bildern öffnete, die dort warteten. Ob Unfall oder Mord, beides war kein Zuckerschlecken, und es war immer besser, sich vorher einen Augenblick zurückzuziehen und zu sammeln.

Während er die Utica Street hinabfuhr, betrachtete er Lauren. Ihr Gesicht war blass und angespannt; sie starrte reglos geradeaus. Beinahe wirkte sie wie eine Marmorstatue ihrer selbst.

„Wird schon nicht so schlimm werden“, sagte er, während er vor dem See rechts einbog und seinen Wagen am Kantstein abstellte, der den ganzen Bereich einfasste. „Vergessen Sie nicht, ich bin der Übersinnliche von uns beiden. “ Damit versuchte er, dem Augenblick seine Schwere zu nehmen.

Sie richtete ihren kalten Blick auf ihn. „Sie war meine Schwester. Meine Zwillingsschwester. Wir waren seit unserer Empfängnis zusammen. Übersinnlich oder nicht, an den Ort zu gehen, an dem sie ermordet wurde, macht mir Angst.“

Ehe er sich noch etwas Tröstliches überlegen konnte, richtete sie den Blick von ihm auf den Swan Lake. Sie schüttelte den Kopf und lachte gezwungen. „Es ist so albern, diesen Ort einen See zu nennen. Er ist winzig. Bis auf die Tatsache, dass er Wasser enthält, hat er nichts mit einem See gemeinsam.“

„Man nannte ihn Swan Lake, Schwanensee, weil Schwanenteich einfach falsch klingt“, sagte er.

Sie sah sich zu ihm um. „Ich hasse diesen Ort.“

Er nickte. „Eine ganz normale Reaktion. Ihre Schwester ist hier gestorben – natürlich haben Sie eine starke negative Reaktion darauf.“

„Es ist mehr als das.“

Er wollte ihr sagen, dass die Hinterbliebenen immer das Gefühl hatten, dass am Tod eines geliebten Menschen mehr dran war, auch wenn die Person friedlich im Schlaf gestorben war, nach einem langen erfüllten Leben. Allerdings hätte das herablassend geklungen, also schluckte er es herunter und sagte stattdessen: „Sind Sie bereit? Sie können hier warten, wenn Sie möchten.“

„Ich bin bereit, und ich komme mit.“

Auch wenn sie absolut sicher klang, war ihr Gesicht immer noch unnatürlich blass, als sie langsam den Pfad entlanggingen, der um den ovalen Teich herumführte. Lauren hatte recht – das war nun mal kein See, egal, wie gut gepflegt und hübsch er war. Der Pfad war kaum mehr als eine Viertelmeile lang, wie er dem hilfreichen Wegweiser entnahm. Unter dem Wegweiser befand sich eine Tafel mit den verschiedenen Wasservögeln, die man in diesem Gebiet finden konnte. Besonders wurde auf das Schwanenpärchen hingewiesen, nach dem man den See benannt hatte. Ein Schild bat die Besucher, die Vögel nicht zu füttern, auch die Schwäne nicht, und ein weiteres bestand darauf, dass nur berechtigte Personen Zutritt zu dem Bereich hatten, der von einem Zaun eingegrenzt war.

„Der Eingang zum Steg, der auf die Insel führt, ist da drüben. “ Lauren deutete rechts den Weg hinunter.

Raef nickte, und sie gingen weiter. Er sah sich um. Der Oktobermorgen war nicht kalt und bewölkt, wie der Wetterbericht es vorhergesagt hatte. Was für eine Überraschung, dass die sich irrten. Stattdessen war es ein herrlicher Morgen, und um diese Zeit, kurz vor zehn Uhr, herrschte kaum Betrieb. Zu spät für morgendliche Spaziergänger und Vogelbeobachter und zu früh für alle, die ihr Mittagessen im Park einnehmen wollten. Nur ein älteres Paar saß auf einer Bank auf der anderen Seite des Sees und las gemeinsam in einer Zeitung. Gut, weniger Schaulustige, dachte er, während er am stabilen grünen Zaun entlangging, der dafür sorgen sollte, dass die Parkbesucher die Wasservögel nicht störten. Ein plötzliches Flattern und Quaken zog seine Aufmerksamkeit auf den See. Einer der Schwäne verscheuchte eine Gruppe Enten, die ihm zu nahe gekommen waren.

„Die sind gemein“, sagte Lauren. „Egal wie hübsch sie sind – sie sind gemein und dreckig. Und der Hauptgrund, warum meine Firma so oft hier herauskommen muss.“

„Sie haben immer noch einen Vertrag, sich hier um die Pflanzen zu kümmern?“

Lauren nickte, aber sie sah unbehaglich aus. „Aubrey will es so. Sie möchte nicht, dass eine Kleinigkeit wie ihr Tod einem guten Geschäft im Wege steht.“

„Aber Sie haben gesagt, Sie sind seit dem Tod Ihrer Schwester nicht mehr hier gewesen.“

„Bin ich auch nicht. Ich sagte doch, ich habe fünf Angestellte.“

Dann wurde ihm plötzlich bewusst, dass Lauren über die Wünsche ihrer Schwester in der Gegenwart gesprochen hatte. „Sie kommuniziert mit Ihnen über geschäftliche Angelegenheiten?“

„Sie kommuniziert mit mir über viele Dinge, nicht nur über ihre Ermordung. Ehrlich gesagt, ich fühle mich nicht wohl, wenn sie und ich uns nicht unterhalten. Ich fühle mich unvollständig ohne sie …“ Laurens Stimme wurde immer leiser, bis sie peinlich berührt schwieg. Als wäre ihr gerade erst klar geworden, was sie da sagte, schüttelte sie den Kopf und versuchte zu lächeln. „Ich wiederhole mich, aber es ist schwer, das nicht zu tun. Mein Leben ist ohne sie nicht mehr dasselbe.“

Raef setzte zu einer Antwort an, aber Lauren schnitt ihm mit einem hohlen Lachen das Wort ab. „Ja, ich weiß schon. Es ist normal, dass ich diesen Verlust empfinde. Normal, dass die Dinge anders sind. Normal zu trauern. “ Kopfschüttelnd sah sie auf den kleinen See hinaus. „Das habe ich alles schon gehört. Nicht ein einziger Mensch versteht mich wirklich.“

Es schien, als könne Raef ihr nichts mehr sagen, was sie nicht bereits von anderen gehört hätte, und offensichtlich hatte es keine Wirkung gezeigt. Außerdem konnte Lauren recht haben. Er hatte noch nie mit Besessenheit oder Geistererscheinungen bei Zwillingen zu tun gehabt. Vielleicht waren bei diesem Tod ungewöhnliche Mächte am Werk. Wie käme ausgerechnet er dazu, ihre Theorie zu belächeln, nur weil sie außergewöhnlich war? Verdammt, er lebte doch selbst quasi im Zentrum der Abnormalität. Sogar die anderen übersinnlich begabten Angestellten von After Moonrise hielten sich von ihm fern. Man musste kein griechischer Gott sein, um zu wissen, dass bei einer Party, zu der man Zwietracht einlädt, die Hölle los ist.

Mist. Sein Leben war echt das Letzte.

Vor einem verschlossenen Tor im Zaun blieb Lauren stehen. Direkt dahinter befanden sich ein kleines hölzernes Dock und ein schmaler Steg aus Holzbohlen, der zu der kleinen Insel mitten im See führte. Sie bestand aus zerklüfteten Steinen, Grünzeug und einem kleinen künstlichen Wasserfall, der an einer Seite in den See plätscherte.

„Dort. “ Laurens Stimme klang rau. „Dort draußen ist es passiert. “ Der Blick, den sie ihm zuwandte, war überschattet von Traurigkeit. „Sie müssen dorthin, nicht wahr?“

„Ja.“

„Dann gehen wir. “ Sie atmete tief durch, bevor sie eine Metallklappe öffnete. Darunter verbarg sich das komplizierte Tastenfeld, mit dem der Verschlussmechanismus des Tors bedient werden konnte. Laurens Hände zitterten ein wenig, als sie die Knöpfe betätigte, die das Tor zum Surren und Klicken brachten und schließlich öffneten. Ohne auf ihn zu warten, trat sie hindurch und hinaus aufs Dock. Erst dort blieb sie stehen, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt, den Blick auf ihre Füße gerichtet, aufs Wasser, aufs Ufer. Überallhin, nur nicht auf die Insel.

„Ich bin direkt hinter Ihnen“, sagte Raef.

„Okay. Ja, okay. Ich kann das.“

Lauren trat auf den Steg hinaus. Raef blieb dicht hinter ihr, für den Fall, dass sie ohnmächtig wurde und ins Wasser fiel. So was konnte keiner von ihnen gebrauchen. Als sie auf halbem Weg zur Insel waren, nahm Raef sich zusammen und ließ dann die Barrieren fallen, die er normalerweise fest um sein Bewusstsein errichtet hatte.

Tod, flüsterte er in Gedanken, komm zu mir.

Innerlich machte er sich bereit für die Welle aus Angst und Wut und Schmerz und Leid, die ihn immer an Schauplätzen eines gewaltsamen Todes überkam.

Doch da war nichts. Absolut nichts.

Das Einzige, was er spürte, war der Hauch einer ungewöhnlich warmen Oktoberbrise und seine eigene Verwirrung.

„Hier. “ Lauren hatte die Insel erreicht. Raef wurde bewusst, dass er stehen geblieben war, und er ging schnell die letzten Schritte zu ihr. „Hier ist es geschehen. “ Sie richtete eine zitternde Hand auf das Ufer der Insel. Dort entdeckte Raef mehrere schwimmende Pflanzen, offenbar Seerosen, und ein paar Büschel Wassergräser. „Aubrey hat die Seerosen neu gepflanzt, den schwarzen Bambus beschnitten und die Algen entfernt. Sie stand dort unten“, Lauren deutete auf einen Felsvorsprung am Rand der Insel, „während sie an den Pflanzen gearbeitet hat, halb im Wasser. Unter dem Vorsprung ist der Motor, der die Pumpe für den Wasserfall antreibt. Die Polizei sagt, sie hat die elektrische Leitung durchtrennt, während sie an den Pflanzen gearbeitet hat. Das hat einen Kurzschluss an der Pumpe ausgelöst, der einen elektrischen Schlag durchs Wasser geschickt und Aubrey getötet hat. Theoretisch ist es genau so gewesen. Nur war es kein Unfall.“

„Sind Sie sich sicher?“

Laurens blasse Wangen röteten sich. „Das habe ich Ihnen doch bereits gesagt. Ich bin mir vollkommen sicher, dass meine Schwester ermordet worden ist! “

„Das stelle ich nicht infrage. Ich will wissen, ob das hier sicher die Stelle ist, an der Ihre Schwester gestorben ist.“

„Natürlich ist sie das.“

„Sie ist hier gestorben, nicht im St. John’s?“ Ungeduldig wies er mit dem Kopf in Richtung des Krankenhauses, das sich auf der anderen Straßenseite direkt gegenüber dem Swan Lake befand.

„Ja. Sie war schon tot, als ein paar Jogger sie gefunden haben. Die sind sogar zu ihrer Beerdigung gekommen. Ich habe selber mit einem von ihnen gesprochen. Sie trieb mit dem Gesicht nach unten im Wasser, genau hier, im Wassergras verfangen. “ Laurens Hand zitterte noch immer ein wenig, als sie auf die Stelle unter ihnen deutete. „Dort … dort hat man sie aus dem Teich gezogen.“

Raef sagte nichts weiter. Er starrte einfach weiter auf das Wasser und das seltsam gelockte Gras, das wie Medusenhaar unter der Wasseroberfläche waberte.

Nichts. Er spürte nichts.

„Raef, was ist los? Was geschieht gerade?“

„Ihre Schwester kann nicht hier gestorben sein.“

Lauren sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Natürlich ist sie das. Das ist der einzige Punkt des Polizeiberichts, der tatsächlich der Wahrheit entspricht.“

„Was ist mit dem Bericht des Gerichtsmediziners? Stimmt er ebenfalls damit überein?“

„Ja. Der Gerichtsmediziner hat den Todeszeitpunkt auf etwa eine Stunde, bevor die Jogger den Notruf verständigt haben, festgesetzt.“

„Das haben Sie selbst gelesen? Sie haben den Bericht gesehen?“

„Ja und ja. Ich habe so lange darüber gebrütet, dass ich ihn so gut wie auswendig weiß, was der Polizei überhaupt nicht passt. Raef, was ist los?“

„Hier ist nichts. Nicht die geringste übersinnliche Spur eines Todes. Und das ist unmöglich.“

Lauren öffnete den Mund, doch statt zu sprechen, entfuhr ihr nur ein abgewürgtes Keuchen. Sie schwankte, ihre Lider flatterten. Sofort trat Raef neben sie und griff nach ihrem Arm, um sie zu stützen.

„Ganz ruhig. Ich finde heraus, was los ist, und dann …“ Er verstummte abrupt, als die Emotionen auf ihn hereinstürzten. Aber es waren nicht die vertrauten Gefühle, die ihn am Schauplatz eines Todes oft überkamen und ihn in ihrer Gewalt lähmten. Stattdessen erfüllten ihn Freude und Wärme und eine stechende Sehnsucht. Er versuchte, die Barrieren wieder um seine Gedanken zu errichten, aber seine heimtückische Gabe ließ ihn im Stich, sodass er dem Angriff ungeschützt und hilflos gegenüberstand. Auf einmal flimmerte die Luft neben Lauren, und der geisterhafte Körper ihrer Zwillingsschwester manifestierte sich.

„Ich wusste, dass du kommst. Ich wusste, du lässt uns nicht im Stich. Letztes Jahr habe ich einen Artikel über dich in der Zeitschrift ‚Oklahoma Today‘ gelesen. “ Sie grinste und zwinkerte ihm zu. „Dort stand, dass du der beste übersinnliche Detektiv in Oklahoma bist – wie ein Sheriff aus dem Wilden Westen. Du erwischst die Schurken immer. “

Raef musste schlucken und versuchte, sich zusammenzunehmen. Ich kann ihre Freude spüren! Das war noch nie passiert. Noch nie in den fünfundzwanzig Jahren, seit seine Gabe sich offenbart hatte, hatte er von einem Geist eine positive Emotion empfangen.

Aubrey lachte, und der Klang fuhr wie Magie durch seinen Körper, reizte seine Nerven und ließ seine Haut kribbeln, bis die feinen dunklen Haare auf seinen Unterarmen sich aufrichteten, als hätte sie ihre Hand neckend, streichelnd darübergleiten lassen.

„Was ist denn los, Kent? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“, sagte sie und lächelte dabei immer noch strahlend.

„Raef. “ Wie automatisch presste er das Wort heraus, seine Stimme noch rauer als sonst wegen der Emotionen, die ihn erfüllten. „Man nennt mich Raef.“

„Ich nicht“, sagte Aubrey. „Kent gefällt mir besser. Außerdem bin ich nicht mehr wie alle anderen, würdest du das nicht auch sagen?“

Raef starrte sie einfach nur an. Hatte ein Geist ihn je beim Namen genannt?

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