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Affären? Nein Danke!

1. KAPITEL

Auf ihrer Terrasse stand ein nackter Mann.

Dr. Janet Hunter erstarrte mitten in der Bewegung. Sie hatte ihren Arztkoffer in der Hand, unter einem Arm klemmte die Handtasche, unter dem anderen eine flache Aktentasche. In der freien Hand baumelten ihre Schlüssel. Sie wollte gerade die Wohnung verlassen, um ihre neue Stelle als Juniorpartnerin der Blanton Street Group anzutreten. In dieser Gemeinschaftspraxis arbeiteten die renommiertesten Kinderärzte von Houston.

Sie blinzelte ungläubig.

Es war keine Fata Morgana. Ein splitternackter Mann stand zwischen ihren gusseisernen Gartenmöbeln.

“Diesmal bist du zu weit gegangen, Mutter”, murmelte Janet und schaute zum dritten Mal hinüber.

Na schön, der Mann war nicht ganz nackt. Er hielt sich eine leere Holzkohlentüte, die er vermutlich aus dem Mülleimer neben ihrem Außengrill geholt hatte, vor einen zentralen Punkt seines Körpers. Der Rest bot sich Janets Blick allerdings freizügig dar.

Sie nahm die Gelegenheit denn auch wahr.

Es hätte schlimmer sein können. Der Kerl hätte fett wie ein Sumo-Ringer sein können.

Stattdessen sah er ziemlich gut aus. Der Geschmack ihrer Mutter hatte sich offensichtlich verbessert. Das zumindest musste Janet ihr lassen.

“An jedem anderen Tag wäre ich in der Lage, die Situation in den Griff zu bekommen, Mutter”, beschwerte sie sich laut, obwohl ihre Mutter nicht da war. “Aber heute ist mein erster Arbeitstag, ich bin nervös, und der Zeitpunkt, den du gewählt hast, passt mir überhaupt nicht.”

Janet stellte ihren Arztkoffer ab und legte die Aktenmappe auf den Küchentisch. Dann nahm sie eine Dose Pfefferspray aus ihrer Handtasche und ging entschlossen zur Verandatür. Sie riss sie auf.

“He, Sie!”, rief sie und versteckte das Pfefferspray in ihrer Hand.

Der Mann, der mit dem Rücken zu ihr gestanden hatte, zuckte erschrocken zusammen, als er merkte, dass er entdeckt worden war. Er wirbelte herum, bemühte sich dabei jedoch, den männlichsten Teil seiner Anatomie mit dem leeren Kohlensack zu bedecken.

Er hatte muskulöse Oberarme, sein Bauch war flach, und seine Beine waren lang, schlank und durchtrainiert. Sein markantes Kinn bedeckten dunkle Bartstoppeln, was einen aparten Kontrast zu seinem dunkelblonden Haar bildete. Seine schokoladebraunen Augen blickten eindringlich. Insgesamt war er ein attraktiver Mann.

Das Einzige, was diesen Eindruck störte, war der panische Ausdruck auf seinem Gesicht.

Wenn ich auf meiner Terrasse ein Testosteron-Messgerät installiert hätte, dachte Janet, dann würde es vermutlich die Skala sprengen. Puh!

Was war los mit ihr? Wie kam sie dazu, die körperlichen Qualitäten eines Mannes zu bewundern, der von ihrer Mutter engagiert worden war? Sie hatte nicht die geringste Lust, auf deren Verkupplungstaktik einzugehen. “Nein, Ma’am. Niemals.”

“Reden Sie mit mir?”, fragte der Mann so gelassen wie unter den Umständen möglich. Er schien seine Nacktheit bewusst zu ignorieren.

“Sehen Sie hier noch irgendeinen anderen Spanner?”, erwiderte Janet grob. “Wie viel zahlt sie Ihnen?”

“Wie bitte?”, stammelte er.

“Wie viel hat sie gelöhnt, damit Sie diese Show abziehen? Ist es wirklich genug, um sich auf diese Weise zu erniedrigen?”

Letzte Woche hatte Gracie Hunter einen Kammerjäger vorbeigeschickt, um in Janets völlig ungezieferfreiem Apartment fiktive Ratten und Mäuse zu erlegen. Das war schon schlimm genug gewesen. Wenig später rief ihre fürsorgliche Mutter aus einem nichtigen Grund die Feuerwehr, weil angeblich ein Kätzchen im Baum saß und nicht mehr herunterkam. Oder sie schaltete Heiratsanzeigen für Janet. Das heute war jedoch der Gipfel aller mütterlichen Kuppelversuche. Ein nackter Mann auf der Terrasse war mehr, als Janet erdulden wollte.

Und alles nur, weil Nadine Maronga, die Astrologin, die ihre Mutter regelmäßig zu Rate zog, Gracie Hunter vorhergesagt hatte, dass sie bis zu ihrem zweiundfünfzigsten Geburtstag Großmutter sein müsse, sonst würde sie es nie. Seitdem setzte Gracie jedes Mittel ein, um ihrer Tochter zu einem Ehemann zu verhelfen.

Leider musste Janet zugeben, dass die Weissagungen der Astrologin meistens in Erfüllung gingen. Gracie ging seit dreißig Jahren zwei Mal die Woche zu ihr und glaubte ihr jedes Wort. Nadine hatte vorausgesehen, dass Janets Vater fortgehen würde, dass Gracie sich einer Gallenblasenoperation unterziehen musste und dass sie mit einem Rubbellos zweitausend Dollar gewinne würde. Jedes Mal, wenn Janet sich gegen die Aktivitäten ihrer Mutter wehrte, bekam sie diese Geschichten vorgebetet.

Im Übrigen tickte die Uhr. Noch achtzehn Monate, und Gracie würde ihren zweiundfünfzigsten Geburtstag feiern. Sie war wild entschlossen, bis dahin Großmutter zu sein. Halb im Spaß nannte Janet die Verkupplungsversuche ihrer Mutter “den Babyzauber”, denn der Vorsatz ihrer Mutter, ihre einzige Tochter so schnell wie möglich unter die Haube zu bringen, damit sie geschwängert werden konnte, war wie ein magischer Bann, der ihr Leben bestimmte.

“Verzeihung”, sagte der Mann und riss Janet aus ihren Grübeleien. “Wovon reden Sie eigentlich?”

“Machen Sie mir doch nichts vor. Ich weiß Bescheid. Sie und meine Mutter sind ein Team. Und jetzt verschwinden Sie!” Sie wedelte mit beiden Händen, als verscheuche sie Krähen von einem Weizenfeld. Das Pfefferspray hielt sie fest umklammert. Man wusste ja nie, ob man das Zeug nicht doch brauchte …

Der Mann schaute sie an, als zweifle er an ihrem Verstand. “Tut mir leid, Lady, aber ich glaube, Sie verwechseln mich mit jemand anderem.”

“Wie kommen Sie denn darauf?” Janet zog kritisch eine Augenbraue hoch.

“Dürfte ich für diese Unterredung bitte reinkommen?”

Sie musterte ihn prüfend. “Ich finde, das ist keine gute Idee. Da meine Mutter Sie in diese Situation gebracht hat, sollten Sie sich an sie um Hilfe wenden.”

“Ach, seien Sie nicht so”, beharrte er. “Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden. Ich schwöre es.”

“Könnten Sie mir dann bitte das Szenario erklären?” Sie ließ vorwurfsvoll den Blick über seinen Körper gleiten.

Hm, das hätte Janet lieber nicht tun sollen. Der Mann sah geradezu verboten gut aus.

Ein heißer Schauer rann ihr über den Rücken. Was für eine völlig unangemessene Reaktion. Sie musste aufhören, sich von diesem Kerl beeindrucken zu lassen.

“Das ist eine lange Geschichte, die absolut nichts mit Ihrer Mutter zu tun hat – im Übrigen kenne ich diese Dame nicht.” Er grinste. “Und gerade im Moment fühle ich mich nicht besonders wohl.”

Janet biss die Zähne zusammen, um ihre Fassung wiederzugewinnen. Sie schaute dem Mann einfach ins Gesicht statt auf den Körper. “Offensichtlich”, bemerkte sie kühl.

“Wenn ich reinkommen darf, erkläre ich Ihnen alle schaurigen Details.”

“Kann sein, dass ich falschliege – aber hat der böse Wolf Rotkäppchen nicht ein ähnliches Angebot gemacht?”

“Keine Ahnung. Kann sein. Es ist ziemlich lange her, seit ich Kinderreime gelesen habe.” Er hielt ihrem Blick stand, und Janet fand seine tiefbraunen Augen beunruhigend sexy.

“Grimms Märchen”, korrigierte sie.

“Wie bitte?”

“Rotkäppchen ist kein Kinderreim, sondern ein Märchen der Gebrüder Grimm.”

“Danke für die Unterweisung. Das ist genau das, was ich jetzt brauche.” Seine tiefe, rauchige Stimme hatte einen sarkastischen Unterton.

“Hätten Sie mehr Lust, über die Moral von Hans Christian Andersens Märchen ‘Des Kaisers neue Kleider’ zu diskutieren?”, fragte sie trocken. “Scheint mir unter den gegebenen Umständen passend.”

“Ich finde, wir sollten die Märchen beiseitelassen. Was halten Sie davon, mich einfach hereinzubitten?” Er gönnte Janet ein hinreißendes Lächeln und tat sein Bestes, um möglichst brav und ungefährlich zu wirken. Irgendwie musste es ihm gelingen, von seinem Mangel an Kleidung abzulenken und dabei so überzeugend zu wirken wie Cary Grant.

Janet zollte ihm im Stillen dafür Respekt. Vielleicht steckte ihre Mutter ja wirklich nicht hinter diesem seltsamen Auftritt. “Ich glaube immer noch nicht, dass ich Sie in mein Apartment lassen sollte”, entgegnete sie.

“Ich bin weder gefährlich noch verrückt oder sonst etwas in dieser Richtung”, verteidigte er sich. “Außerdem kann ich beschwören, dass Ihre Mutter mich nicht angeheuert hat. Ich würde Ihnen ja gern meinen Ausweis zeigen, aber leider habe ich ihn gerade nicht dabei.”

Janet gefiel sein Sinn für Humor. “Schön, dann kommen Sie halt rein.”

“Danke.” Er ging an ihr vorbei und bemühte sich, dabei seine Würde zu bewahren, indem er seine rückwärtige Blöße außer Sichtweite hielt und vorn das Wichtigste hinter der Holzkohlentüte verbarg. “Könnte mir Ihr Mann etwas zum Anziehen leihen?”, fragte er.

“Ich bin nicht verheiratet.”

Weshalb hatte sie ihm das verraten? Klüger wäre es gewesen, auf so etwas wie einen zwei Meter großen Ehemann, den Exboxer, hinzuweisen, dessen Klamotten sowieso zu groß für ihn seien.

“Und es gibt keinen Freund, mit dem Sie zusammenleben?”

“Nein.”

“Aber vielleicht hat einer Ihrer Exfreunde einen Slip bei Ihnen vergessen?”

“Wenn das so wäre, hätte ich das Ding schon lange entsorgt.”

“Schade, dass Sie nicht der sentimentale Typ sind. Kann ich wenigstens ein Handtuch oder irgendetwas dergleichen haben?” Seine Stimme verriet Nervosität. “Ich bin wirklich nicht wählerisch. Geben Sie mir einfach irgendetwas. Ich befinde mich in einer verzweifelten Lage.”

“Sie können einen meiner Morgenmäntel haben”, erwiderte Janet und bemühte sich, ihm nicht zu zeigen, dass sie sich köstlich über seine missliche Lage amüsierte. Da sie mittlerweile tatsächlich davon ausging, dass ihre Mutter bei dieser Sache nicht die Hand im Spiel hatte, war sie geneigt, dem Flehen des nackten Fremden nachzugeben.

“Gern. Ich nehme alles. Ich brauche ja nur einen Lendenschurz, um in mein Apartment zu rennen.”

“Sie wohnen oben?”, erkundigte sich Janet und warf einen verstohlenen Blick auf seine behaarte Brust. CeeCee Adams, ihre beste Freundin, hätte wahrscheinlich einen ihrer Lieblingssprüche losgelassen: “Er ist der Knackigste unter den Knackigen. Wer will ein Stück von ihm haben?”

“Ich bin gerade erst eingezogen”, antwortete er.

“Ich auch.”

“Ich würde Ihnen gern die Hand geben, Frau Nachbarin. Doch unter den gegebenen Umständen …” Er zuckte die Achseln.

“Warten Sie. Ich hole den Morgenmantel.” Janet umklammerte immer noch das Pfefferspray und eilte in ihr Schlafzimmer. Ihr war gar nicht wohl dabei, den Fremden allein zu lassen, doch immerhin war der Typ ihr Nachbar. Er würde wohl kaum ein krummes Ding drehen.

Sie holte den Bademantel aus dem Schrank und kam zurück ins Wohnzimmer. Was für ein Glück, dass sie groß war und praktische Frotteebademäntel rosa Plüschgewändern vorzog.

Er lächelte dankbar und nahm ihr das Kleidungsstück aus der Hand. “Vielen, vielen Dank. Sie haben mir das Leben gerettet.”

Eigentlich war sie ja Ärztin und an spärlich bekleidete Menschen gewöhnt. So wie sie daran gewöhnt war, immer alles unter Kontrolle zu haben. Ein nackter Mann in ihrer Wohnung hätte sie eigentlich nicht aus der Fassung bringen dürfen. Vor allen Dingen jetzt, wo sie wusste, dass er nicht dafür bezahlt wurde, sie zu verführen. Trotzdem war sie aufgewühlt.

“Hätten Sie etwas dagegen …”, begann er.

“Wie bitte?” Janet merkte erschrocken, dass sie ihn angestarrt hatte wie ein Bakterium unterm Mikroskop.

Er bedeutete ihr, sich umzudrehen. “Wenn Sie sich bitte eine Sekunde abwenden könnten?”

“Oh ja. Natürlich. Entschuldigen Sie.” Sie presste die Lippen zusammen und drehte ihm den Rücken zu.

Ist das klug? fragte eine warnende Stimme in ihrem Kopf. Du drehst einem wildfremden Mann den Rücken zu. Was, wenn er dich überfällt? Könnte doch sein, dass er sich nur mal umsehen wollte, um später deine Wohnung auszurauben? Vielleicht ist er gar nicht dein Nachbar? Nur weil er attraktiv ist, muss er noch lange nicht harmlos sein.

“In Ordnung”, verkündete er. “Sie dürfen sich wieder umdrehen.”

Sie folgte seiner Aufforderung. Er sah äußerst komisch aus in dem kurzen lila Morgenmantel, der ihm nur bis zur Mitte der Oberschenkel reichte. Die Ärmel, die Janet zu lang waren, reichten gerade bis zu seinen Ellbogen.

Er hielt die zerknüllte Holzkohlentüte in der Hand. Verlegen schüttelte er den Kopf. Eine sonnengebleichte Locke fiel ihm in die Stirn und ließ ihn einige Jahre jünger wirken, als er wohl tatsächlich war. Janet nahm an, er müsse um vier oder fünf Jahre älter sein als sie mit ihren dreißig.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn streng an. “Wie sind Sie eigentlich auf meine Terrasse gelangt?”

“Durch die Schwerkraft.”

“Sehr witzig. Die Schwerkraft hat dazu geführt, dass Sie aus Ihrer Dusche auf meine Terrasse gezaubert wurden?”

Er grinste. “Ich mag es, wenn Frauen schlagfertig sind.”

“Und ich mag es, wenn Männer Kleider am Leib tragen.”

“Immer?”

“Darüber rede ich nicht.” Janet brachte das Pfefferspray in Position.

“Oh”, bemerkte er. “Sie sind bewaffnet und gefährlich. Das mag ich übrigens auch an Frauen.”

“Ich warte immer noch auf eine Erklärung”, entgegnete Janet. “Und zwar auf eine, die mich davon überzeugt, dass es nicht nötig ist, der Polizei mitzuteilen, dass ich einen splitternackten Verrückten auf meiner Terrasse gefunden habe.”

“Vermutlich werden Sie mir kein Wort glauben.”

“Das bleibt abzuwarten.”

“Ich war gerade aus der Dusche gestiegen”, begann er, “als ich draußen aufgeregtes Gezwitscher hörte. In der großen alten Eiche vor meinem Balkon nisten nämlich Spottdrosseln.”

“Ich weiß.”

“Ich hatte ein Handtuch umgebunden. Also bin ich rausgegangen, um die große weiße Katze zu verscheuchen, die auf dem besten Weg war, die armen kleinen Drosselbabys zu verspeisen. Anscheinend hatte sie sich für ein gefügelhaltiges Frühstück entschieden. Jedenfalls habe ich mich über die Balkonbrüstung gebeugt, um das Vieh zu vertreiben. Die Vogelmutter hat mich aber offensichtlich missverstanden, denn sie stürzte sich kreischend auf mich und hackte mir in den Kopf.” Er betastete vorsichtig seine Stirn. “Dabei wollte ich doch bloß helfen.”

“Tja, das ist der Lohn des barmherzigen Samariters.”

“Wem sagen Sie das. Ich hatte mich zu weit vorgebeugt und bin abgestürzt. Mein Handtuch blieb in den Ästen hängen. Ich schwöre, dass es nicht meine Absicht war, als Exhibitionist vor Ihrem Fenster rumzulungern.”

Janet warf ihm einen misstrauischen Blick zu und versuchte zu entscheiden, ob sie ihm glauben durfte.

“Gehen Sie ruhig raus und schauen Sie nach, ob mein Handtuch wirklich im Baum hängt”, forderte er sie auf.

Janet schüttelte den Kopf. “Keine Zeit. Ich komme zu spät zur Arbeit. Gehen Sie jetzt bitte. Sie können mir den Bademantel irgendwann zurückgeben. Bitte werfen Sie außerdem die Holzkohlentüte weg.”

“Mache ich. Vielen Dank.”

“Gern geschehen.”

“Es tut mir leid, dass ich Sie belästigt habe.”

“Wir werden diesen kleinen Vorfall einfach vergessen und so tun, als sei er nie geschehen.” Janet wies ihm den Weg zur Wohnungstür. Ihr Herz klopfte verräterisch. “Solange Sie darüber schweigen, tue ich es auch.”

“Es war nett, Sie kennenzulernen”, sagte er, als er im Flur stand. “Vielleicht sehen wir uns mal wieder.”

Hoffentlich nicht, mischte sich ihre innere Stimme ein.

“Auf Wiedersehen”, verabschiedete sie ihn knapp, aber sie nahm sich vor, ihrem neuen Nachbarn unter allen Umständen aus dem Weg zu gehen.

Gage Gregory kam sich in dem kurzen lila Bademantel vor wie ein Idiot, als er die Treppe zu seinem Apartment hinaufraste. Hatte er sich nicht vorgenommen, hier in Houston nicht aufzufallen?

Schließlich war er hierher gezogen, um dem Rampenlicht zu entkommen. Stattdessen landete er splitterfasernackt auf der Terrasse seiner bildhübschen Nachbarin.

Ich Idiot, dachte er. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schnupperte dabei interessiert am Ärmel des Frotteemantels, denn der duftete nach dem Eau de Toilette, das Janet benutzte. Sehr angenehm.

Die Frau faszinierte ihn. Sie war eine schwarzhaarige Schönheit, die sagte, was sie dachte. Ihre Gesichtszüge waren aristokratisch, und ihre Aura schien zu signalisieren, dass Schauen erlaubt, aber Anfassen verboten war. Gage hatte den fast unwiderstehlichen Impuls gespürt, ihre vollen, sinnlichen Lippen zu küssen, um festzustellen, ob sie tatsächlich so zart und weich waren, wie sie aussahen.

Zu dumm. Da lernte er seit Monaten endlich mal wieder eine tolle Frau kennen und blamierte sich, weil er sich ihr in einer peinlichen Situation präsentierte. Vermutlich hatte sie nicht die geringste Lust, jemals wieder ein Wort mit ihm zu wechseln. Daraus konnte er ihr keinen Vorwurf machen.

Zum Glück besaß sie genug Mitgefühl, um nicht die Polizei zu verständigen. Sein Magen krampfte sich bei dem Gedanken daran zusammen. Für die Klatschpresse wäre das ein gefundenes Fressen gewesen.

Wenn es ein Unbekannter gewesen wäre, der vor fünf Wochen den Sohn von Senator McConelly vor dem Ertrinken rettete, dann hätten die Medien wohl kaum einen solchen Rummel darum gemacht. Doch da es ein ehemaliger Kinderstar gewesen war, der mittlerweile als einer der erfolgreichsten Schönheitschirurgen Hollywoods galt, stürzten sich die Paparazzi mit wildem Eifer auf ihr Opfer. Nun, Gage war ihnen entkommen und würde zukünftig in Houston als Kinderarzt tätig sein.

Ihn schauderte, als er sich die möglichen Schlagzeilen vorstellte, falls die Presse Wind von seinem heutigen Missgeschick bekam. “Hollywoods attraktivster Junggeselle lässt in Texas die Hosen runter” oder: “Exkinderstar Gage Gregory beginnt neue Karriere als Spanner”. Oder: “Wird Hollywoods Star-Arzt jetzt Nudist?”.

Egal. Er durfte an so etwas keinen Gedanken mehr verschwenden.

Er war nach Houston gekommen, um ein neues Leben zu beginnen. Je weniger Leute hier von seiner Vergangenheit wussten, desto besser. Er sehnte sich danach, ganz normal zu arbeiten und zu leben. Eine gut gehende Arztpraxis, eine liebevolle Ehefrau, gesunde Kinder, ein Haus mit weißem Lattenzaun, ein Hund, der im Garten spielte, und zwei Mal im Jahr fährt die Familie in den Urlaub …

“Nie wieder steckst du deine Nase in die Angelegenheiten anderer Leute, hörst du?”, ermahnte er sich laut. “Du hilfst nie wieder einer Frau aus der Patsche. Du springst nie wieder ins Wasser, ohne vorher zu prüfen, wie tief es ist.”

Und bestimmt würde er nie wieder die Terrasse seiner hinreißenden Nachbarin betreten. Wenn er klug war, würde er ihr aus dem Weg gehen. Doch irgendwie fand er diesen Gedanken ziemlich frustrierend.

Janet dachte während der Fahrt in die Praxis ständig an den Unbekannten. Er hatte seinen Namen nicht genannt. Nun zweifelte sie doch ziemlich am Wahrheitsgehalt seiner Story. Obwohl eines für ihn sprach: Sobald er gegangen war, hatte sie nachgeschaut, und tatsächlich hing im Baum ein großes Badetuch mit Batman-Motiv.

Janet wusste genau, dass sie überreagierte, weil sie auf Grund des Einfallsreichtums ihrer Mutter genervt war. Seit zwei Monaten stolperte sie dauernd über irgendwelche Kerle, die von Gracie dazu ausersehen waren, Janet das ersehnte Enkelkind zu machen. Seitdem war Janet noch zurückhaltender, was Männer anbetraf.

Sie hatte nicht vor, sich erobern zu lassen. Oder gar blind vor Liebe eine Beziehung einzugehen. Wenn sie irgendwann heiratete, würde es mit kühlem Kopf geschehen. Ihr Herz war nicht so leicht zu haben. Sie glaubte nicht an Liebe auf den ersten Blick wie ihre Freundin Lacy Calder, und auch nicht daran, dass der beste Freund sich als bester Ehemann und Liebhaber entpuppen konnte, so wie bei CeeCee. Außerdem bestand sie im Gegensatz zu ihrer Mutter darauf, dass der Hauptzweck einer Ehe nicht darin bestand, dass man Kinder in die Welt setzte.

Um ehrlich zu sein, war Janet nicht ganz sicher, was Liebe eigentlich war. Seit zwölf Jahren hatte sie ihr Privatleben der Karriere als Kinderärztin geopfert. Sie hatte keine Zeit für romantische Beziehungen. Nicht mal ansatzweise.

Es gab nur einen einzigen Mann, nach dessen Respekt und Bewunderung sie sich sehnte. Doch dieser Mann hatte ihr nie gesagt, dass er sie liebte. Er war ihr Vater, Dr. Niles Hunter, der bekannteste Schönheitschirurg im Südwesten der USA. Als Janet drei Jahre alt war und mit Scharlach im Bett lag, hatte er sich von Gracie scheiden lassen.

Er war von Anfang an dagegen gewesen, dass Janet Ärztin wurde, und hatte sich sogar geweigert, ihr eine Empfehlung zu schreiben, als sie sich als Partnerin einer Gemeinschaftspraxis in Houston bewarb.

Janet schüttelte den Kopf und eilte durch den Empfangsbereich der Kinderarztpraxis. Mit langen Schritten ging sie den Flur entlang, bis sie den Konferenzraum fand. Als sie eintrat, begrüßte sie die bereits anwesenden acht Partner lächelnd. Es gab nur noch zwei freie Stühle. Gut. Immerhin war sie nicht die Letzte, die eintraf.

“Bin ich zu spät?”, fragte sie.

“Keineswegs”, antwortete Dr. Peter Jackson, der Chef der Gemeinschaftspraxis. “Wir warten noch auf Dr. Gregory.”

Dr. Gage Gregory. Der zweite Neue im Team.

Janet hatte ihn bisher noch nicht kennengelernt. Sie wusste nur beiläufig von seinen Verbindungen in Hollywood, doch das interessierte sie nur am Rande. Was sie allerdings bewunderte, war sein Talent als Wissenschaftler, das dazu geführt hatte, dass er als relativ junger Arzt schon bedeutende Forschungsbeiträge geliefert hatte. Jeder, der so viel leistete, verdiente großes Lob.

“Wir möchten etwas mit Ihnen besprechen”, begann Dr. Jackson.

“Ja?” Sie lehnte sich erwartungsvoll vor.

“Wir haben gerade erfahren, dass die Baumaßnahmen zur Erweiterung unserer Praxis von der Stadtverwaltung genehmigt worden sind. Während der nächsten sieben oder acht Monate wird die Südwand des Gebäudes entfernt. Das heißt, wir haben ein Büro und drei Behandlungszimmer zu wenig. Daher haben wir beschlossen, dass Sie und Dr. Gregory als neu Dazugekommene sich vorerst ein Büro teilen.”

Janet schluckte. Sie hatte beim Arbeiten gern ihre Ruhe. Doch ihr blieb keine Wahl. Sie wollte ja zum Team gehören. “Kein Problem.”

“Ich bin froh, dass Sie so denken. Vorübergehend werden Sie zwar nicht so viel Platz haben, doch ich bin sicher, dass es für Sie angenehm sein wird, mit Dr. Gregory zu arbeiten. Er ist sehr engagiert und steckt voll guter neuer Ideen.”

“Davon bin ich überzeugt”, stimmte sie zu.

“Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe”, ertönte eine tiefe, wohlklingende Männerstimme von der Tür. “Ich wurde aufgehalten. Es wird nicht wieder vorkommen.”

Verblüfft starrte Janet auf den hochgewachsenen Mann, der selbstbewusst den Konferenzraum betrat, als gehöre ihm die Welt.

Unter seinem Arztkittel trug er ein buntes Hawaiihemd, dazu eine legere Baumwollhose sowie schwarze Motorradstiefel. Anscheinend kümmerte ihn sein unkonventionelles Outfit nicht im Geringsten, auch wenn die anderen Ärzte mehr Wert auf konservative Kleidung legten. Sein dunkelblondes Haar lockte sich in Höhe seiner Ohren. Er hätte genauso gut an einen tropischen Strand gepasst wie in eine Kinderarztpraxis. Er wirkte ausgesprochen lässig und sexy. Ein Mann, der sich in seiner Haut offensichtlich wohlfühlte.

Erst jetzt begriff Janet, wer Dr. Gage Gregory eigentlich war. Es traf sie wie ein Blitzschlag.

Der Mann, mit dem sie sich monatelang ein Büro teilen musste, und der nackte Fremde auf ihrer Terrasse waren ein und dieselbe Person.

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