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Affäre „Loverboy“

1. KAPITEL

Tess Denison klopfte nachdrücklich an die Tür von Blakes Apartment. Sie wurde zunehmend nervös. Wo steckte er bloß? Er musste doch längst aus Cincinnati zurück sein. Trotzdem war er den ganzen Morgen nicht ans Telefon gegangen, und nun sah es aus, als wäre er gar nicht zu Hause.

Tess seufzte. Männer! Sie trieben sie zum Wahnsinn. Und Blake Sutherland mehr als alle anderen zusammen.

“Komm schon”, murmelte sie und klopfte erneut. Sie hatte keine Zeit. Allein die Fahrt durch den dichten Verkehr von Chicago, um vom Büro hierher zu gelangen, hatte sie zwanzig Minuten gekostet. Wenn sie und Blake rechtzeitig zum Meeting mit der neuen Kundin wieder in der Firma sein wollten, wurde es Zeit, dass sie ihn endlich fand.

Sie wollte gerade erneut klopfen, als die Tür aufging. Ein Mann stand vor Tess. Er trug nichts als Jeans. Tess zog ihre Hand zurück, ehe sie seine nackte Brust berührte.

Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass sie Blake anstarrte. Sein muskulöser, sonnengebräunter Oberkörper faszinierte sie. Sie hätte ihn zu gern angefasst. Blake war so sexy, dass sein Anblick selbst die vernünftigste Frau dazu bringen konnte, sich Dinge zu wünschen – oder sogar zu tun –, die sie besser gelassen hätte.

Sie ließ ihren Blick unwillkürlich tiefer wandern und hielt den Atem an, als sie sah, dass der oberste Knopf offen war. Anscheinend hatte er sich ziemlich hastig angezogen.

“Schön, dass du dich gut unterhältst, Tess”, bemerkte Blake ironisch.

Sie riss sich von dem verführerischen Anblick los und schaute Blake ins Gesicht. Sein dichtes schwarzes Haar war zerzaust. Anscheinend kam er direkt aus dem Bett.

Nicht schlecht. Vermutlich war sie die erste Frau, die ihn aus dem Bett holte. Die meisten Frauen, die im Büro vorbeikamen, hatten nur eins im Sinn: Blake ins Bett zu kriegen. Der Gedanke verführte sie erneut, auf seinen Hosenbund zu starren.

“Erde an Tess”, funkte Blake. “Hallo.”

Sie blinzelte. Seine blauen Augen funkelten amüsiert. Anscheinend wusste er genau, was ihr durch den Kopf ging, und er machte sich über sie lustig. Wie immer.

“Ich versuche schon den ganzen Morgen, dich zu erreichen.” Statt auf seine Hose blickte sie erneut in sein Gesicht, doch das machte es auch nicht viel besser. Blake war der attraktivste Mann, dem sie jemals begegnet war. Und dazu hatte er eine erotische Ausstrahlung, die es unmöglich machte, nicht ständig nur an das eine zu denken, sobald man mit ihm zusammen war.

“Mein Flieger hatte gestern Abend Verspätung. Deshalb habe ich das Telefon leise gestellt.” Er fuhr sich über das unrasierte Kinn und gähnte. “Was willst du?”

Tess verdrängte ihre wahren Wünsche und sagte: “Wir haben eine potenzielle neue Kundin. Sie hat gestern angerufen und kommt heute Morgen um elf vorbei.” Sie schaute auf ihre Armbanduhr. “Also in weniger als einer Stunde. Wir müssen uns beeilen.”

Blake wirkte mit einem Mal äußerst wach und interessiert. Er öffnete die Tür weit und winkte Tess in die Wohnung.

Sie trat ins Wohnzimmer und sah sich misstrauisch um. Doch falls sie nackte Frauen, Gemälde mit Motiven aus dem Kamasutra erwartet hatte oder gar Peitschen und Handschellen, dann wurde sie enttäuscht. Das Zimmer war sehr geschmackvoll eingerichtet mit hellen Ledermöbeln und einem glänzenden Mahagonitisch.

“Die BHs und Stringtangas habe ich weggeräumt, ehe ich dir aufgemacht habe”, sagte Blake.

“Wie nett von dir.” Tess warf ihm einen wütenden Blick zu, aber er lachte nur.

Der Mann brachte sie zur Weißglut. Und daran war nur ihr Halbbruder schuld. Sie war als Buchhalterin bei einer großen Firma völlig zufrieden gewesen, als Jason auf die Idee kam, mit seinem Studienfreund Blake zusammen eine Werbeagentur zu gründen. Na ja, völlig zufrieden war vielleicht doch nicht der richtige Ausdruck. Sie war gut bezahlt worden, aber nur eine von vielen gewesen. Doch immerhin lief in ihrer alten Firma alles sehr professionell ab.

Jetzt arbeitete sie mit Chaoten zusammen. Jason hatte ihr eingeredet, sie würde mit Blake kaum etwas zu tun haben. Die beiden Männer wollten sich die kreative Arbeit teilen, sie würde für die Finanzen zuständig sein.

Sie war naiv genug gewesen, Jason zu glauben. Und nun, fast fünf Monate später, war Jason auf und davon, und sie hatte täglich mit Blake zu tun.

Der Mann schaffte es immer wieder, sie aus der Fassung zu bringen. Wie so viele Männer, die sie kannte, nutzte er seinen Charme und sein gutes Aussehen, um bequem durchs Leben zu kommen. Wenn irgendwas nicht klappte, gönnte er der Welt sein Lächeln, murmelte etwas Charmantes, und alle liebten ihn. Tess war die Tochter eines Mannes, der auf diese Weise durchs Leben ging. Und ihr Halbbruder Jason war ihm in dieser Hinsicht sehr ähnlich.

Blake Sutherland passte also gut ins Team. Nur sie nicht. Sie hatte früh gelernt, dass man einem charmanten Schwindler nicht trauen konnte. Sobald irgendetwas schiefging, machten sich solche Typen aus dem Staub. Jetzt hatte Tess ein Problem. Denn sie konnte die Agentur D & S nicht im Stich lassen. Das hieß, sie musste mit Blake zusammenarbeiten. Obwohl sie ziemlich gut darin war, erotische Wünsche zu unterdrücken, dachte sie, sobald sie mit ihm zusammen war, immer nur an eines.

Sie setzte sich auf einen Ledersessel. “Soll ich dir von der neuen Kundin berichten oder nicht?”

Er schwang sich lässig auf das Ledersofa gegenüber und grinste auf seine unverwechselbare Art. “Klar sollst du das. Du hast mich aus einem wilden Traum geweckt, und dafür bin ich dir sogar dankbar.”

Aus einem sehr sinnlichen Traum vermutlich, kommentierte Tess im Stillen. “Debra Tomlin, die Inhaberin von Desire Perfumes, hat mich angerufen. Ihr Vater ist vor einer Weile in den Ruhestand gegangen. Sie möchte neue Kunden gewinnen und vor allem junge Männer ansprechen.

Blake zog die Augenbrauen hoch. “Womit?”

“Sie haben ein neues Eau de Toilette für Männer entwickelt”, erläuterte Tess und bemühte sich, nicht dauernd auf Blake zu starren, der sich in lässiger Pose und vor allem halb nackt auf der Couch lümmelte. “Desire Perfumes hat eigentlich eine Werbeagentur, mit der sie fest zusammenarbeiten, aber Debra sagte, ihr gefallen die Entwürfe nicht. Sie hat die Anzeigen gesehen, die du für Grant’s Büroartikel und Carla’s Cookies gemacht hast, und denkt nun, D & S könnte ihr vielleicht helfen.”

“Tatsächlich?”

Tess nahm an, dass er sie nicht reizen wollte, doch sie war ehrlich genug, um schnell hinzuzufügen: “Na schön, sie hat natürlich auch die Allesrein-Anzeigen gesehen und mochte sie.”

Er grinste noch breiter. “Sie mochte die Serie für Allesrein? Wirklich?”

“Hat sie zumindest gesagt.” Tess zupfte nervös an ihrem Rock. Sie hatte keine Lust, das Thema zu vertiefen. Blakes gewagte Anzeigenkampagne für das Putzmittel Allesrein war ein strittiger Punkt zwischen ihnen gewesen. Jedenfalls bis die Anzeigen ein echter Erfolg wurden.

Trotzdem ging ihr das Motiv zu weit. In der Anzeige, die Blake entworfen hatte, saß ein Pärchen auf dem blitzblanken Küchenfußboden und küsste sich. Das Bild war völlig harmlos, doch es weckte Assoziationen. Zum Beispiel die, dass das Pärchen bald vom Küssen zu andern Dingen übergehen würde. Der Slogan lautete: “Wie gut, dass der Fußboden sauber ist!”

“Debra gehört also die Firma Desire Perfumes.” Blake warf Tess einen Blick zu, der ihren Puls beschleunigte. “Sie machen auch dieses Teenie-Parfüm, für das sie mit halb verhungerten Models arbeiten, die irgendwas über Schicksal und Bestimmung sagen müssen.”

“Genau. Übrigens mag Debra diese Anzeigen nicht besonders.”

Blake lachte. “Kann ich mir vorstellen.”

Tess seufzte innerlich, weil seine tiefe Stimme und das sexy Lachen sie unwillkürlich erschauern ließen. Wie konnte man einen Mann attraktiv finden, den man eigentlich nicht mochte? Wie dumm!

“Du hast schon wieder diesen Blick, Tess. Ich habe dich gefragt, was Debra von uns will?”

Tess riss sich zusammen. “Die Zielgruppe für das neue Eau de Toilette sind achtzehn- bis fünfundzwanzigjährige Männer. Debra meinte, dass es uns gelingen könnte, diese Gruppe anzusprechen.”

“Nicht schlecht.” Blake stand auf und streckte sich genüsslich. Seine Jeans rutschten ein wenig. Tess schluckte und zwang sich, nicht hinzusehen. Blake grinste sie an. “Am besten, ich werfe mich in meine Klamotten, damit wir zum Meeting nicht zu spät kommen.”

“Hm”, war alles, was sie erwiderte.

“Hat sie dir gesagt, wie das neue Eau de Toilette heißen soll?”, erkundigte er sich. “Sonst denke ich unter der Dusche mal drüber nach.”

“Loverboy”, erwiderte sie.

Blake lachte. “Loverboy?” So bezeichnete man männliche Betthäschen.

Tess stand ebenfalls auf und schlang sich den Riemen ihrer Handtasche über die Schulter. “Ja. Ich dachte mir schon, dass du kein Problem damit haben würdest, dafür eine Werbekampagne zu starten.”

“Sollte das ein kleiner Versuch sein, mich zu beleidigen, Tess? Aber, aber …”

“Keineswegs”, gab sie ungerührt zurück, obwohl ihr Puls raste. “Ich meine es völlig ernst.”

“Wir sollten ‘Wahrheit oder Pflicht‘ spielen”, meinte Blake amüsiert. “Dein Gesicht verrät alles, was du denkst.”

“Immerhin denke ich!”, sagte sie aufgebracht. Gleich darauf ärgerte sie sich, weil er sie immer aus der Fassung brachte. “Tut mir leid. Meine Bemerkung war überflüssig und unfreundlich.”

Blake lachte. “Immer, wenn es spannend wird, kneifst du, Tess.”

Sie war nicht sicher, was er mit “spannend” meinte, nahm es jedoch zum Anlass, zu flüchten. “Ich muss los”, sagte sie und wartete nicht auf eine Antwort, sondern verließ das Apartment. Sie vertraute darauf, dass Blake ordentlich angezogen und pünktlich im Büro auftauchen würde. Mit seinem Charme würde er Debra Tomlin in zehn Minuten einwickeln.

Sie ging hinüber zum Fahrstuhl und hörte, wie hinter ihr eine Tür geöffnet wurde. Ohne sich umzudrehen, wusste sie, dass es nur Blake sein konnte. Es machte sie nervös, dass er ihr hinterhersah.

“He, Tess!”, rief er.

Sie drehte sich nicht um, aber als er noch mal rief, musste sie das wohl oder übel tun. “Was gibt’s?”, rief sie zurück.

Er schaute sie einfach nur an, und das irritierte sie.

“Was ist los?”, fragte sie noch mal.

“Danke, dass du uns die Chance auf einen neuen Auftrag verschafft hast”, sagte er nur.

Tess brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass er es ehrlich meinte. “Keine Ursache”, erwiderte sie dann. “Und noch mal sorry für meine dumme Loverboy-Bemerkung vorhin.”

Blake grinste. “Komm schon, Tess. Es tut dir überhaupt nicht leid.”

Er sah so verdammt gut aus, wie er da am Türrahmen lehnte. Tess gestand sich ein, dass niemand ein Eau de Toilette namens Loverboy so gut verkaufen könnte wie Blake.

“Wie du denkst, Blake”, meinte sie. “Wir sehen uns in einer halben Stunde im Büro.”

Sie betrat den Aufzug und drehte sich um. Blake schaute ihr immer noch nach.

“He, Tess!”, rief er.

Unwillig hielt sie die automatischen Aufzugtüren davon ab, sich zu schließen. “Was denn noch?”

“Ich nehme an, dass wir uns eher in einer Stunde sehen. So lange brauche ich, um all die nackten Frauen aus meinem Schlafzimmer zu befördern.”

Tess gab sofort die Lichtschranke frei. Die Fahrstuhltüren schlossen sich. Sie konnte Blakes Gelächter hören.

Es gab Momente, da hasste sie diesen Mann.

“Das Ziel der Werbekampagne für Loverboy ist, junge Frauen dazu zu bringen, das Eau de Toilette für ihren Freund oder Mann zu kaufen”, erklärte Debra Tomlin. Sie nahm wenig Notiz von Tess, sondern konzentrierte sich einzig und allein auf Blake, der ihr gegenüber am Konferenztisch saß. “Ich möchte, dass die Marke Loverboy Vorstellungen weckt von einem Mann, der witzig, klug und vor allem eins ist … sexy.”

Das letzte Wort war ganz offensichtlich an Blake gerichtet. Debra lächelte ihn an. Ihm war klar, dass sie etwas von ihm wollte. Und zwar nicht nur ein Konzept für Werbeanzeigen. Ein äußerst klug gewählter Zeitpunkt. Er konnte sehen, dass es Tess ziemlich auf die Nerven ging. Im Moment wirkte sie auf ihn stachlig wie ein Kaktus.

Doch darüber konnte er sich keine Gedanken machen. Es war höchste Zeit, Debra davon zu überzeugen, dass D & S die richtige Agentur war, um die Werbekampagne für Loverboy durchzuführen. Und zwar ohne Dienstleistungen auf dem privaten Sektor.

“Gibt es Vorbehalte dagegen, in der Kampagne mehr als ein Model zu verwenden?”, fragte er.

Debra war um einiges älter als er. Sie trug ihr blondes Haar schulterlang. Ihrem sorgfältig geschminkten Gesicht war nicht zu entnehmen, was sie dachte. “Erläutern Sie mir bitte Ihren Vorschlag”, meinte sie auffordernd.

“Ich könnte mir eine Anzeigenserie vorstellen, in der junge Männer aus verschiedenen Städten Werbung für Loverboy machen. Die Aussage wäre dann ungefähr: Einen Loverboy findest du überall.”

“Interessant”, bemerkte Debra.

“Wir könnten Models in New York, in Los Angeles, in Boston nehmen”, schlug Annie Elliott, die Art-Direktorin der Agentur, vor. “Die jeweilige Stadt als Hintergrund.”

“Die Stadt könnte sogar im Slogan eine Rolle spielen”, warf Drew Freeman, der Texter, ein.

Blake war zufrieden, dass sich das ganze Kreativteam einbrachte. Debra genoss die Aufmerksamkeit, die man ihr entgegenbrachte. Alles andere wäre unprofessionell gewesen und geschäftsschädigend. Und niemand konnte sich weniger leisten, einen Auftrag zu verlieren, als D & S.

“Das heißt, wir hätten mehrere Loverboys”, begann Debra und warf Blake einen Blick zu. “Sozusagen eine ganze Sammlung.”

Blake lächelte. “Wenn Sie möchten, brauchen wir uns noch nicht einmal auf die großen Städte zu fixieren. Wir könnten genauso gut Seattle oder Charleston nehmen. Das spricht eine breitere Käuferschicht an. Nicht jeder stammt aus New York oder L. A.”

Debra lächelte zurück. “Die Idee gefällt mir. Sogar sehr. “Also gut. Legen wir los. Womit fangen wir an?”

Da Tess für die geschäftliche Seite zuständig war, begann sie, Debra die Details zu erklären. Debra hörte ihr zu, konzentrierte sich aber weiterhin auf Blake.

Er war es gewöhnt, dass Frauen ihn anstarrten und ihm Avancen machten. Er gehörte nicht zu denen, die immer Nein sagen. Aber es gab für ihn zwei Regeln. Die eine hieß Safer Sex, die andere Sex ja, Liebe nein. Er war kein Herzensbrecher. Und seit er eine eigene Firma hatte, gab es noch eine dritte Regel: Kein Sex mit Kundinnen. Daran hielt er sich eisern.

Das würde Debra Tomlin akzeptieren müssen.

“Genau das will ich”, sagte Debra und beugte sich ein wenig vor. Der kleine Konferenztisch hielt sie auf Distanz – vorerst. “Die Anzeigenserie sollte so schnell wie möglich fertig sein. Wenn sie einschlägt, machen wir Plakate und Fernsehspots.”

“Vielleicht sollten wir uns einen Moment Zeit nehmen, um die Vertragsgrundlagen zu diskutieren”, bemerkte Tess. “Wir arbeiten normalerweise so, dass wir unseren Kunden Entwürfe präsentieren. Wenn sie Ihnen gefallen, arbeite ich den endgültigen Vertrag aus. Danach …”

Debra winkte ab. “Wie Sie wollen. Meine Assistentin wird sich mit Ihnen heute Nachmittag in Verbindung setzen. Aber zurück zu Ihnen, Blake. Ich bin ja so froh, dass Sie sich um meine Kampagne kümmern.”

Blake fand ihre direkte Art nicht besonders anziehend. “Bei D & S arbeiten wir immer im Team, Debra.”

Sie zuckte die Achseln. “Natürlich.” Sie lächelte ihn an und fügte hinzu: “Wissen Sie, Blake, Sie sind genau der richtige Mann für Loverboy.”

“Ich bin zu alt für Ihre Zielgruppe”, meinte er nur.

“Und ich finde, Sie sind der perfekte Loverboy”, gab sie zurück. “Perfekt.”

Blake sah zu Tess. Es war klar, dass sie innerlich kochte, obwohl sie sich bemühte, kühl zu wirken. Die Situation drohte ihm zu entgleiten, doch da kam Rettung. Die Tür zum Konferenzraum wurde geöffnet, und die hochschwangere Molly erschien. Sie winkte Tess zu.

“Entschuldigen Sie mich bitte”, sagte Tess frostig, stand auf und ging zur Tür.

Debra gönnte Drew und Annie kaum einen Blick, als sie erwiderte: “Gönnen sie mir zwei Minuten allein mit Ihrem Chef.”

Tess blieb abrupt stehen und sah zu Blake. Drew und Annie schauten ihn ebenfalls fragend an. Blake, von Debras Dreistigkeit ebenso überrascht wie die anderen, nickte dennoch.

Drew und Annie nahmen ihre Sachen und verließen den Raum. Blake sah, dass Tess äußerst wütend war. Sie ging so gerade, als hätte sie einen Stock verschluckt. Mit ihrem konservativen dunkelblauen Kostüm und dem Haarknoten, den sie immer trug, wirkte sie ein bisschen wie eine Gouvernante.

Blake schaute unwillkürlich auf ihre Beine – oder vielmehr auf das wenige, was unter dem fast wadenlangen Rock von ihnen zu sehen war. Schöne Fesseln hatte sie. Er fragte sich, was sich sonst noch unter ihren langweiligen Klamotten verbarg.

Jetzt allerdings musste er sich auf etwas anderes konzentrieren. Sobald sich die Tür hinter den Dreien geschlossen hatte, wandte er sich an Debra. “Vielen Dank, aber meine Tage als Loverboy sind vorbei.”

Debra lächelte ihn verführerisch an. “Wie Sie meinen.”

“Ich sollte außerdem hinzufügen, dass ich Geschäftliches und Privates strikt trenne. Ich hoffe, das schafft keine Probleme.”

Er hatte nicht damit gerechnet, dass Debra laut lachte. “Schon gut. Kein Problem.”

Er atmete auf. “Nicht dass ich unter anderen Umständen …”

“Wie nett von Ihnen, das zu sagen.” Sie schaute auf ihre Armbanduhr. “Scheint, dass wir hier fertig sind.”

Blake fürchtete plötzlich, dass sie seine Ablehnung doch übel nahm. “Hören Sie, Debra, ich …”

Sie stand auf und gönnte ihm ein Lächeln. “Nur keine Sorge, Blake. Sie haben den Auftrag.”

Er stand ebenfalls auf. “Einfach so?”

“Einfach so. Ich habe mich über Ihre Firma natürlich vorher erkundigt. Die Jobs, die Sie für Markland und Jacobs gemacht haben, waren gut. Und vor allem die Kampagne für Allesrein hat mir gefallen. Ich glaube an Ihr Talent. Ihre Leute und meine Leute können die Details ausarbeiten.” Sie machte eine Pause und fügte dann hinzu. “Nur zur Kenntnisnahme: Sie verpassen was.”

Er lachte entspannt. Die Frau war in Ordnung. “Davon bin ich überzeugt.”

Blake brachte Debra zur Rezeption, wo kurz noch über den nächsten Termin gesprochen wurde. Danach bedankte er sich für den Auftrag und reichte ihr die Hand.

Nachdem er Debra zur Tür gebracht hatte, ging er durch den Flur zurück, um Tess zu suchen. Sie würde sich bestimmt freuen, wenn er ihr sagte, dass sie den Auftrag hatten.

Er fand sie in ihrem Büro, telefonierend. Als sie ihn sah, beendete sie das Gespräch.

“Das waren die Leute von Allesrein. Sie wollen die Kampagne ins Fernsehen bringen.” Tess vermied es zuerst, ihn anzusehen. Als sie es dann doch tat, fiel Blake auf, dass sie ungewöhnlich schöne Augen hatte. Haselnussbraun. Wenn sie jedoch wütend war, so wie jetzt, wirkten sie heller. “Wo hast du Ms. Tomlin gelassen?”, wollte sie wissen.

“Sie musste weg.” Als Tess auffahren wollte, beruhigte er sie. “Wir haben den Auftrag, also meckere nicht.” Er setzte sich ihr gegenüber. “Mach den Mund wieder zu, Tess.”

Sie schaute ihn mit zusammengepressten Lippen finster an. Blake grinste.

“Mein Mund war nicht offen”, konterte sie. “Außerdem war es unglaublich, wie ungeniert Debra mit dir geflirtet hat. Glaubt sie, dass sie dich haben kann, nur weil sie uns den Auftrag gibt?” Ihr Gesicht verriet wie immer alles. Diesmal las er etwas wie Furcht darin. “Hast du … ich meine …?”, stammelte sie.

“Reg dich nicht auf”, sagte er pikiert und amüsiert zugleich. “Ich habe sie nicht gleich auf dem Konferenztisch verführt. Tatsache ist, dass ich sehr deutlich gemacht habe, dass ich für sie nicht zu haben bin.” Es ärgerte ihn, dass Tess nicht mehr Vertrauen zu ihm hatte. “Im Übrigen habe ich noch andere Fähigkeiten als meine unbestreitbaren Qualitäten im Bett”, fügte er herausfordernd hinzu.

“Ich habe doch gar nichts gesagt”, entgegnete Tess.

“Und ob. Mit diesem Blick, den du immer draufhast.”

“Was für ein Blick?”

“Das weißt du genau.”

“Na und? Wenn ich dich so angucke, verdienst du es wahrscheinlich. Debra war überzeugt, dass eine kleine private Unterredung Erfolg haben würde.”

Blake stützte sich auf die Armlehnen des Stuhls, auf dem Tess saß, und hielt sie so gefangen.

“Geh weg”, forderte sie.

“Gleich. Aber ich will dir etwas sagen, ohne dass du sofort wegrennst. Ich bin genauso wenig begeistert darüber, dass Jason sich aus dem Staub gemacht hat, wie du, Tess. Du und ich, wir sitzen hier fest. Du hast deinen Job aufgegeben und Geld in diese Firma investiert. Genau wie ich. Und ich habe vor, D & S zu einer erfolgreichen Werbeagentur zu machen.”

Tess saß ganz steif auf ihrem Stuhl da und sah eher verblüfft als in die Enge getrieben aus. Blake fuhr fort: “Es ist mir egal, was du über mein Privatleben denkst. Aber eins solltest du wissen: In meinem Beruf bin ich gut. Und ich lasse mich nicht mit Kundinnen ein. Du glaubst, ich bin ein Weiberheld, der jede Frau flachlegt, die ihm über den Weg läuft. Und ich glaube, dass du eine alte vertrocknete Pflaume bist, die keine Ahnung davon hat, was sie mit einem Mann machen sollte, der ihr nackt in den Schoß fällt. Es ist völlig gleichgültig, was wir voneinander denken. Wichtig ist nur, dass wir einen Weg finden, zusammenzuarbeiten. Denn sonst geht diese Firma bankrott. Wenn die Kampagne für Loverboy ein Erfolg wird, verdienen wir beide so viel, dass ich deinen oder du meinen Anteil an der Firma kaufen kannst. Dann ist unser Problem gelöst.”

Blake richtete sich auf und ging aus dem Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten. Er hasste sich dafür, dass er sich nicht beherrschen konnte. Aber Tess machte ihn so wütend, dass er die Kontrolle verlor. Als er in sein Büro kam, war ihm klar, dass er die Situation zwischen ihnen durch seinen Vortrag keineswegs entspannt hatte.

“Wunderbar”, lobte er sich ironisch und ließ sich auf seinen Bürostuhl fallen. “Genau das, was wir brauchen.” Wenn Tess ihn jetzt im Stich ließ, konnte er den Laden dichtmachen. Er wünschte Jason die Pest an den Hals.

Er dachte, sie sei eine alte vertrocknete Pflaume? Tess war geschockt und wütend in ihrem Zimmer geblieben. Nur weil sie nicht mit jedem ins Bett ging? Weil sie hohe moralische Standards hatte? Na gut, dann war sie halt ein bisschen zurückhaltend. Aber deswegen war sie noch lange keine vertrocknete Pflaume.

Im Übrigen wusste sie genau, was sie mit einem nackten Mann angefangen hätte, den ihr der Zufall in den Schoß fallen ließ. Energisch stand sie auf, um zu Blake zu gehen und ihm genau das mitzuteilen, als sie begriff, wie lächerlich das gewesen wäre.

Sie seufzte. Irgendwie hatte er ja recht. Es war Zeit, dass sie aufhörte, sein Verhalten zu kritisieren, jedenfalls soweit es private Dinge betraf. Außerdem war sein Plan gut. Nach der Loverboy-Kampagne würde sie ihm ihre Anteile verkaufen und in ihre alte Firma zurückkehren.

Jedenfalls hatte sie den spontanen Wunsch, sich bei Blake zu entschuldigen. Was er in seiner Freizeit tat, ging sie nichts an. Und es stimmte: Im Job war er gut. Sehr gut sogar.

Tess, die unangenehme Dinge nie aufschob, ging in Blakes Büro. Er hatte die Tür geschlossen, was er sonst nie tat.

Sie klopfte, und als er nicht antwortete, ging sie einfach rein. Blake saß mit dem Rücken zu ihr und starrte aus dem Fenster.

Tess räusperte sich, weil er sich nicht umdrehte, und sagte: “Wenn das jetzt ein Film wäre, würde ich eine endlose Entschuldigung herunterbeten. Dann, nachdem ich ganz klein und reuevoll gewesen bin, würde ich zu dir gehen und feststellen, dass dir jemand ein Messer in die Brust gerammt hat, sodass du kein Wort gehört hast.”

Blake schwang in seinem Drehsessel zu ihr herum. “Ich hätte nicht gleich so über dich herfallen dürfen.”

“Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Du hast recht. Wir müssen zusammenarbeiten und dafür sorgen, dass wir Erfolg haben.” Sie kam näher. “Dann verkaufe ich dir meinen Anteil.”

Sein Gesicht verriet nicht, was er dachte. “Faires Angebot.”

“Aber ich verlange eine Gegenleistung.”

“Natürlich. Was darf ich für dich tun?”

Da war er wieder, dieser amüsierte Unterton. Tess reckte kampfbereit das Kinn. “Genau damit aufhören, das darfst du.”

“Was heißt ‘damit’?”

“Diese ständigen halb ironischen, halb erotischen Anspielungen.”

Er lachte.

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