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Ärztekind

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Vorwort
  7. I. Anamnese
    1. 1. Alle für einen
    2. 2. Jeder hat sein Kreuz zu tragen
    3. 3. Kopf an Kopf
    4. 4. Voll drauf
    5. 5. Ein verdammt heißer Sommer
    6. 6. Alles Simulanten
    7. 7. Ein Job mit Fingerspitzengefühl
    8. 8. Der Polackenzipfel
    9. 9. Zipfeltreffen
    10. 10. Doktorspiele
  8. II. Diagnose
    1. 1. Von mir kannst du das nicht haben!
    2. 2. Die Anonymen Ärztekinder
    3. 3. Reine Kopfsache
    4. 4. So lässt es sich gut leiden
    5. 5. Der Thronfolger
    6. 6. Wenn ich mal groß bin
    7. 7. Ich hab da mal ’ne Frage
    8. 8. Dr. No
    9. 9. Probesterben
    10. 10. Es bleibt in der Familie
  9. III. Therapie
    1. 1. Mann über Bord
    2. 2. Liebesgrüße aus Moskau
    3. 3. Reif für die Insel
    4. 4. Komm du mir nach Hause!
    5. 5. Wohin die Reise geht
    6. 6. Der italienische Patient
    7. 7. Nach Hause
  10. EPILOG
  11. Danksagung
  12. Zitat
  13. Nachspann

Carolin Wittmann

Ärztekind

Aufwachsen
mit Risiken und Nebenwirkungen

Für P.

Lieber Papa,

wenn du diese Zeilen liest, dann liest du sie leider ein halbes Jahr zu spät. Das Buch ist veröffentlicht, und deine Persönlichkeitsrechte wurden mit Füßen getreten. Das bedauere ich aufrichtig. Ich sage dir aber gleich, dass ich einen sehr guten Anwalt kenne, der mich notfalls aus der Sache rausboxt. Und eine Haftpflichtversicherung habe ich mittlerweile auch, und ich bin sogar im ADAC. Spätestens seit deinem nicht ganz freiwilligen Aufenthalt in China finde ich die Vorstellung tröstlich, dass mir die Gelben Engel zumindest theoretisch und laut Prospekt einen Learjet chartern und mich aus dem Land fliegen werden, wenn mich mein jahrelanger Nikotinabusus, mein nicht wegzudiskutierendes Übergewicht und meine chronische Unsportlichkeit zur Notfallpatientin gemacht haben.

Bevor du dich nun in dieses Buch vertiefst, solltest du wissen, dass ich es wirklich nicht schlimm finde, in meiner Kindheit keine Pflaster mit lustigen Tiermotiven, ja, wenn ich genau darüber nachdenke, gar keine Pflaster bekommen zu haben. »An der Luft verheilt’s am besten«, hast du immer gesagt, und du hast immer recht gehabt.

Ich nehme es dir auch nicht krumm, dass du mir jedes Mal, wenn du mir eine Spritze gegeben hast, zuerst mit Indianerblut, diesem desinfizierenden roten Zeug, auch Mercurochrom genannt, eine Zielscheibe auf den Oberarm gemalt und dann die Spritze geworfen hast. Die Zielscheibe trug ich, dein bemitleidenswertes Opfer, eine Weile lang gut sichtbar als Zeichen meiner Niederlage auf der Haut, denn Mercurochrom machte hartnäckige Flecken. Aber als dein Patientenkind wusste ich zum Glück, dass die Halbwertszeit deines künstlerischen Ergusses höchstens eine Woche betrug. Mittlerweile ist Mercurochrom wegen seines zu hohen Quecksilbergehalts vom Markt genommen.

Na ja. Erst im Nachhinein weiß ich das leuchtende Fadenkreuz, das du mit dem Wattestäbchen aufgepinselt hast, so richtig zu schätzen. Und zwar als todsicheres Indiz für das weniger schmerzhafte Werfen der Spritze. Denn nach der ungewohnt epischen Ankündigung »Das wird jetzt ein bisschen pieksen« einer Ärztin, die mir bei meiner ersten Außer-Haus-Injektion jeden ihrer Schritte genauestens mitteilte, spürte ich, wie weh es tut, wenn sich eine Spritze gaaanz langsam unter die Haut schiebt.

Leider haben sich nicht alle Ausformungen deines Erziehungs- und Lebensstils, die ich als Kind verflucht habe, in der Rückschau als Segen herausgestellt. Tatsächlich war es eine mehr als große Herausforderung, deine Tochter zu sein, wobei ich zugeben muss, dass es sicher Leute gibt, die dich um eine Tochter, die ein derart schonungsloses Buch über ihren Vater schreibt, nicht beneiden würden. Aber von dir habe ich gelernt, dass man auf die Meinung anderer Leute nichts geben soll. Du bist ein besonderer, ein anstrengender und manchmal auch besonders anstrengender Mensch, aber dank dir habe ich gelernt, die Arschbacken zusammenzukneifen, vor allem dann, wenn du versucht hast, ein Zäpfchen hineinzuschieben.

Ich weiß, du hattest immer Angst, dass deine Brut verweichlicht. Deswegen hast du penibel darauf geachtet, dass wir nicht zu viele Impfungen bekommen oder Tabletten schlucken oder in unserer Gesamtheit zu elendigen Jammerlappen verkommen. Du kannst dir sicher sein, dass das nicht der Fall ist. Wir sind hart im Nehmen und viel belastbarer, als du womöglich glaubst. Und das, was dich fast getötet hat, hat uns am Ende tatsächlich noch härter gemacht.

Ich habe dich sehr lieb und bin froh, dass die Reisfresser dich nicht mit den Füßen voran nach Hause geschickt haben.

Deine Caro.

PS: Wenn ich das nächste Mal nach einem Pillenrezept frage, verkneif dir doch bitte den Hinweis auf die Thrombosegefahr für Raucher. Wer im Glashaus sitzt, sollte bei der Steinauswahl vorsichtig sein.

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I. Anamnese

1. Alle für einen

Als meine beiden Schwestern und ich noch klein waren, nahmen uns unsere Eltern häufig mit in die Praxis. Das war eine zauberhafte, eine wunderbare Welt! Auf Tischen, in Regalen und hinter Türen standen geheimnisvolle Skelette und Wirbelsäulenmodelle herum. Vor allem Otto, das große Ganzkörperskelett, wuchs uns Kindern mit der Zeit regelrecht ans Herz, aber nicht wegen seiner großen traurigen Hohlaugen und der lustigen, schlaksigen Gestalt, sondern weil man mit Ottos Knochenhand andere so hervorragend erschrecken konnte, wenn man sie von hinten über die Schulter zum Hals hinaufschob. Der Aufbau eines Herzens, das Innenleben des weiblichen oder männlichen Beckens oder die Einzelteile eines Gehirns – das war unser ganz persönliches Puzzletraining. Und nicht selten kam es vor, dass sich meine Schwestern und ich um die kleine Plastikmilz oder den gelb eingefärbten Hypothalamus stritten, während mein Vater an seinen Patienten herumdokterte und uns zur Ruhe mahnte: »Jule, leg das Kleinhirn wieder hin, jetzt ist die Caro an der Reihe.«

Es gab seltsam anmutende Instrumente, spitze und stumpfe, glänzende und schimmernde Gegenstände, massenhaft Rezeptblöcke in allen Farben des Regenbogens, brummende Sterilisationsgeräte, summende Blutzentrifugen und allerlei andere Dinge, die uns Kindern Rätsel aufgaben. Wo ging das Blut hin, nachdem es aus dem Körper in ein kleines Plastikgefäß gezogen worden war? Wenn man wie Frau Heuer jeden zweiten Montag zum Blutabnehmen kam, war man dann nicht irgendwann leer? Was war der Unterschied zwischen den rosafarbenen und den gelben Zetteln, mit denen manche der Leute, die meinen Vater so zahlreich besuchten, in der Hand verschwanden? Warum wollten überhaupt so viele Leute unseren Papa sehen? Wir hatten viele Fragen. Und trauten uns oft nicht, sie zu stellen, weil wir instinktiv spürten, dass unser Vater jemand war, den man bei seiner wichtigen Arbeit besser nicht störte.

Mein Vater war mein größter Held. Wenn ich wieder einmal einen Nachmittag in der Praxis verbrachte, schlich ich mich oft in den Behandlungsraum 2 und versteckte mich hinter dem EKG-Gerät, um keinen Augenblick seines heldenhaften Einsatzes am Patienten zu verpassen. Stundenlang konnte ich ihm dabei zusehen, wie er Blutdruck maß. Eine gute Vorbereitung für die wenig später folgende Festanstellung als Stenografin.

Ich liebte das dumpfe Klirren, das entstand, wenn er, bevor er eine Spritze aufzog, mit seinem Zeigefinger zweimal vorsichtig gegen die Glasampulle schnippte. Die Spatel, mit denen er den Patienten, denen er in den Rachen schauen musste, die Zunge runterdrückte, klaubte ich am Ende des Tages heimlich aus dem Mülleimer und schmuggelte sie unter dem T-Shirt in die Wohnung, wo ich sie in einem geheimen Versteck hinter dem Bett als Trophäen hortete.

Das spannendste Instrument der ganzen Praxis war für mich jedoch das Stethoskop. Manchmal, wenn ich ihm bei dem Versuch, meine geschwollenen Mandeln zu untersuchen, nicht auf den Finger gebissen hatte, erlaubte mir mein Vater, mein eigenes Herz damit abzuhören. Fasziniert von dem rhythmischen Schlagen konnte ich minutenlang auf der Behandlungsliege geparkt werden, während mein Vater in stoischer Gelassenheit mit seiner winzigen, vollkommen unleserlichen Schrift seinen Befund in meine Krankenakte kritzelte. Die sehr dünn war. Denn ich wurde selten krank genug, um mich in ärztliche Obhut begeben zu müssen. Wenn er mich dann aber doch einmal behandelte, dann konnte man sicher sein, dass er der Kasse garantiert den vollen Wochenend- und Nachtzuschlag berechnete.

An richtig guten Tagen, wenn ich mich nicht danebenbenommen, nicht genervt und nicht gequengelt oder die komplette Praxis zusammengebrüllt hatte, weil er mir gerade einen angetrockneten Verband vom Knie zog, durfte ich während der Behandlung eines Patienten sogar im Zimmer bleiben – die vielen Stammpatienten kannten mich sowieso schon aus dem Wartezimmer, wo es eine Spielecke für uns Kinder gab. Aber nun saß ich an dem Kindertisch gegenüber des Schreibtisches meines Vaters, einen Berg Papier und Malstifte vor mir, und tat so, als sei ich die wichtige Assistentin, die die wichtige Arbeit dieses wichtigen Mannes protokollierte. Wenn mein Vater gute Laune hatte, drehte er sich während seiner Untersuchung manchmal zu mir um und sagte: »Caro, hast du das notiert? Herr Rübsal hat einen zu hohen Blutdruck.«

Ich nickte ihm dann hochkonzentriert zu und beugte meinen Kopf weit über das Papier, um aufzuschreiben, was er mir diktiert hatte.

Nicht, dass ich schreiben konnte. Aber mir war klar, dass ihm jemand zur Hand gehen musste, wenn meine Mutter, eine ausgebildete Physiotherapeutin und damit (wie Anästhesisten, Dermatologen, Psychiater und Pharmazeuten) zum Berufsstand der »unechten Ärzte« gehörend, schon an der Anmeldung saß und die Organisation des Ladens übernahm.

Das war natürlich nicht ihre einzige Aufgabe. Um die Mittagszeit hastete sie stets nach oben in die Wohnung, zauberte etwas aus der Tiefkühltruhe hervor und stellte sich an den Herd. Meistens wurde sie jedoch, noch bevor sie mit Kochen fertig war, von meinem Vater über die Sprechanlage, in der seine Stimme so seltsam fremd und blechern klang, nach unten gerufen. Das Essen brannte entsprechend oft an, und nachdem meine Mutter den x-ten Topf mit angebackenem Gulasch frustriert in die Mülltonne befördert hatte, stiegen wir, zumindest während der Praxiszeiten, auf Butterkekse um. Erst als meine Schwester Juliane meine Mutter eines Tages fragte, warum es bei anderen Familien Nudeln, Pommes und Fischstäbchen zu essen gab, bei uns aber immer nur Butterkekse, stellte sie eine Haushaltshilfe und mein Vater eine Arzthelferin in Teilzeit ein.

Trotzdem übernahm meine Mutter, gerade in den ersten Jahren, in denen mein Vater als niedergelassener Allgemeinmediziner arbeitete, einen großen Teil der organisatorischen Arbeit. Wir verbrachten oft ganze Tage in der Praxis, mein Vater, meine Mutter, meine zwei Jahre jüngere Schwester Juliane und ich … und Anne, die Jüngste, die meistens krank war und deswegen hinter dem Anmeldetresen, gut versteckt vor den neugierigen Blicken der Patienten, leise jammernd vor sich hin fieberte.

Anne war ein blasses, irgendwie zu klein geratenes Mädchen, das bereits im Säuglingsalter mit einem nervösen Magen auf sich aufmerksam machte. Zugegeben, sie hatte es auch nie leicht mit zwei älteren Schwestern, die ihr bei jeder Gelegenheit Murmeln in die Nase steckten oder versuchten, sie mithilfe eines Topflappens in Krokodilgestalt so dolle zu erschrecken, dass ihr ätzender Schluckauf endlich versiegte. Sie wog etwa die Hälfte von Juliane und damit etwa ein Viertel von mir, hatte ständig Nasenbluten, wirkte unfassbar zerbrechlich und war im Laufe ihrer Kindheit so oft krank, dass mein Vater von Zeit zu Zeit behauptete: »Von mir kannst du das nicht haben! Vermutlich haben wir dich doch eines Morgens in einem Weidenkörbchen vor der Haustür gefunden, oder du wurdest im Krankenhaus vertauscht. Oder du bist eben doch vom Milchmann.« Meiner kopfschüttelnden Mutter gab er anschließend, nicht ohne ein amüsiertes Lachen, einen Klaps auf den Hintern.

Anne zu Ehren erfand mein Vater sogar eine Krankheit, die sogenannte »Annemie«, die auf einen allgemein eher schwächlichen Gesundheitszustand zurückzuführende chronische Erkrankung des gesamten Körpers. Juliane und mich machte das furchtbar wütend, denn nach uns hatte er keine Krankheit benannt. Und zudem leistete Anne, im Gegensatz zu uns, keinen nennenswerten Beitrag zur familiären Gemeinschaft. Ständig war sie krank und beanspruchte die hundertprozentige Aufmerksamkeit unserer Mutter und manchmal sogar, wenn es ihr wirklich richtig dreckig ging, auch die unseres Vaters ganz für sich.

Dass Papa für uns Kinder keine Zeit hatte, weil er sich mit all den netten Leuten unterhalten musste, die ihn in seiner Praxis besuchten, war uns klar, aber Mama, so dachten zumindest Juliane und ich, hatte doch wirklich wichtigere Dinge zu tun, als neben Anne am Bett zu sitzen und ihr Geschichten vorzulesen. Zum Beispiel Wandbilder aus Bügelperlen basteln oder mit uns die Schreiblernhefte aus der Vorschule ausmalen. Stattdessen hielt sie Anne den Kotzeimer unter die Nase oder wickelte ihr kalte Umschläge um die Waden, und wenn unsere jüngste Schwester ausnahmsweise mal gesund oder zumindest nicht ganz so erbärmlich krank war, saß meine Mutter unten in der Praxis und nahm die Anrufe entgegen.

Doch auch wenn Mama wichtige Dienste an der Anmeldung leistete: Eigentlich war ich die Mitarbeiterin, auf die Papa am wenigsten verzichten konnte. Deswegen versuchte ich, ihn bestmöglich zu unterstützen. Und das hieß vor allem, ihn nicht wegen irgendwelcher Lappalien bei seiner Arbeit zu stören.

Erst gegen acht Uhr abends läutete mein Vater den Feierabend ein, und dann durfte ich mir unter seinem gönnerhaften Blick etwas aus dem großen Glasgefäß mit billigem Kinderspielzeug, das auf dem Schreibtisch in Behandlungszimmer 1 stand, aussuchen. Zufrieden nahm ich meinen Lohn entgegen und legte das jeweilige Teil oben in der Wohnung in meinen extra dafür geleerten Kinderkassettenkoffer, in dem sich bald eine bunte Mischung aus Murmeln, Matchboxautos und Plastiktieren sowie diesen kleinen Blechtieren, die so lustig klapperten, wenn man darauf herumdrückte, ansammelte. Meine Absicherung fürs Alter.

Die allgemeinmedizinische Praxis meines Vaters war ein fantastischer, ein magischer Ort, den meine Geschwister und ich wie die heilige Quelle von Lourdes verehrten. Es kamen kranke, blinde, lahme Menschen zu uns, und wenn sie gingen, dann konnten sie wieder frei atmen, sehen und laufen. Einmal, als ich wie so oft allein vom Kindergarten nach Hause gelaufen war, weil meine Mutter es nicht geschafft oder vielmehr vergessen hatte, mich von dort abzuholen (vermutlich, weil sie gerade ein Drei-Gänge-Butterkeksmenü zubereitete), sah ich einen einsamen Rollstuhl vor der Praxis meines Vaters stehen. Ich stutzte. In Rollstühlen, das wusste ich bereits in meinem zarten Alter, mussten Leute sitzen, die nicht mehr gehen konnten. Und wenn vor der Praxis meines Vaters ein Rollstuhl stand, aber niemand darin saß, dann musste der Besitzer aufgestanden und fortgegangen sein. Vermutlich, so dämmerte mir, geheilt.

Ich war sprachlos. Und sehr stolz. Denn an diesem Tag stellte ich fest, dass mein Vater und dieser bewundernswerte Mann, von dem in der Kinderbibel immer erzählt wurde, sehr viele Gemeinsamkeiten hatten. Und insgeheim wusste ich schon damals: Mein Papa war Jesus. Wenn nicht sogar der Oberboss des ganzen Vereins, den wir in unregelmäßigen Abständen besuchten, damit meine Eltern eine pappige runde Plätzchenunterlage ohne Plätzchen darauf essen durften. Zumindest verfügte mein Vater aber über eine ganz besondere Verbindung nach oben, was auch das geheimnisvoll knisternde, unverständliche Nachrichten in unsere Wohnung schickende Gerät auf der Anrichte im Flur erklärte. Jeden Mittwochabend und Sonntagvormittag, selbst in den Ferien, selbst an Feiertagen und sogar an Weihnachten, drangen urplötzlich quietschende Piepstöne, die mich entfernt an das Tuten des Telefax in der Praxis erinnerten (denn den Sinn dieses Geräts hatte ich natürlich längst verstanden: Es diente meinem Vater, um Laborberichte und Untersuchungsergebnisse aus dem Krankenhaus für seine wichtige Arbeit zu liefern), aus dem kleinen schwarzen Plastikkasten, und alle Lichter und Dioden, die auf der Vorderseite angebracht waren, fingen an zu leuchten und rätselhafte Morsezeichen in die stille Wohnung zu senden.

Meine Schwestern und ich saßen jeden Mittwoch und jeden Sonntag in seltener, weil stummer Eintracht andächtig vor der Anrichte und lauschten den mysteriösen Wortfetzen, die dem Gepiepse und Gedröhne immerzu folgten.

»Vrrh-hko. Krn-hh-sssss Vi---n---piep.«

Ich wusste nicht, was uns die Stimme aus dem Weltraum mitzuteilen versuchte, und auch meine Schwestern, die sich sonst eigentlich immer mit mir, zumindest aber miteinander in den Haaren hatten, verstummten, hielten sich nachdenklich die Zeigefinger an die Nasen und schüttelten bedauernd den Kopf.

»Ich weißßß nicht, waßß der ßagt«, lispelte Anne, der gerade beide Schneidezähne ausgefallen waren, feucht.

»Das hat bestimmt mit dem Gerät zu tun, in das Papa immer reinspricht«, kam mir die zündende Idee.

Ein paar Tage zuvor hatte ich von meinem Kindermaltisch in Behandlungszimmer 1 aus beobachtet, dass mein Vater ein kleines schwarzes Plastikding aus einer Schublade seines Schreibtisches gezogen und mit schnarrender Stimme angefangen hatte, seltsame und mir vollkommen unbekannte Wörter in das Gerät zu sprechen. Immer wieder hatte er dabei Pausen eingelegt, auf ein kleines Knöpfchen an dem Gerät gedrückt, dem surrenden Geräusch gelauscht, das erklang, wenn die eingelegte Minikassette rückwärtsspulte, und dann noch einmal das Knöpfchen gedrückt. Fasziniert hatte ich festgestellt, dass die Worte meines Vaters jetzt nicht mehr aus seinem Mund, sondern aus dem kleinen Lautsprecher des Plastikdings kamen, und ich hatte mir gedacht, dass mein Vater in seiner Funktion als rechtmäßiger Stellvertreter auf Erden wohl wirklich alles konnte. Selbst unscheinbaren schwarzen Plastikgeräten das Sprechen beibringen.

Als ich mich irgendwann getraut hatte, meinen Vater zu fragen, was er da mache, hatte er mit einem geduldigen Blick über seine große Brille geantwortet: »Ich diktiere.«

Und in diesem Moment, als ich mit meinen Schwestern im Flur vor der Anrichte kauerte und den Botschaften dieses schwarzen Gegenstücks lauschte, wurde mir klar, dass mein Vater Mitteilungen in seiner Praxis aufnahm und diese mittwochnachmittags und sonntagvormittags ablaufen ließ, um mit uns zu kommunizieren. Wir waren sehr brav und gehorsam in jenen Tagen.

Jahre später, als ich erfuhr, dass das knarzende und piepende Gerät lediglich das Funkgerät der Einsatzzentrale und die geheimnisvolle Tätigkeit meines Vaters nur das Diktieren seiner Berichte war, die seine Sprechstundenhilfe später abtippte, war ich ein ganz kleines bisschen enttäuscht.

Als ich in die Schule kam und Lesen lernte, verschwanden auch die letzten Reste meiner Faszination für Medizin und mein Interesse für die Arbeit meines Vaters. Lesen und Schreiben, das war von Anfang an genau mein Ding. Ich musste mich nicht bewegen, lag oder saß die meiste Zeit bequem und wurde dabei angenehm unterhalten. Kiloweise trug ich Bücher in einer Umhängetasche aus Jute von der Stadtbibliothek nach Hause und in der nächsten Woche wieder zurück, um mit derselben Menge Lesestoff erneut den Heimweg anzutreten. Nachts lag ich oft heimlich unter der Bettdecke und verlor mich im zittrigen Licht meiner Taschenlampe in den Abenteuern vom kleinen Mann Mäxchen Pichelsteiner, Bille und ihrem rotgescheckten Pony Zottel oder George, Julian, Dick, Anne und Timmy, den fünf besten Freunden der Welt.

Weil ich nun keine Zeit mehr hatte, als Stenografin in der Praxis meines Vaters zu arbeiten, kam ich nur noch nach unten, wenn ich selbst behandelt werden musste. Das war meistens nicht besonders angenehm, weder für meinen Vater noch für mich, deswegen versuchten wir beide, derartige Zusammentreffen auf ein absolutes Minimum zu beschränken. Was erklärt, warum ich chronisch unterimpft war.

Doch eine Behandlung durch meinen Vater ließ sich nicht immer vermeiden. Einmal, als ich mich nach einer wilden Verfolgungsjagd mit Juliane durch die komplette Wohnung mit einem beherzten Sprung aufs Sofa zu retten versucht und mir dabei eine Nagelschere, die meine Mutter zwischen den Sitzkissen verloren hatte, mit der Spitze voran in den Bauch gebohrt hatte, war selbst ich sofort davon überzeugt, dass ein Arzt hermusste bzw. ich schleunigst Papa suchen sollte. Ich erinnere mich gut daran, wie ich schweigend, in Unterhemd und Unterhose und mit einem blutigen, sich langsam nach allen Richtungen hin ausbreitenden roten Fleck auf dem Stoff vor ihm stand, die Nagelschere in der Hand. Ich habe erst zu weinen angefangen, als mein Vater, der am Küchentisch gesessen und in einer seiner eigenartigen Zeitschriften mit den unappetitlichen Bildern darin geblättert hatte, mich wie eine Braut auf die Arme hievte und kommentarlos auf direktem Weg ein Stockwerk tiefer über die Schwelle seiner Praxis trug. Dort schaltete er die furchteinflößende OP-Lampe mit den fünf Birnen an, die wie gierige Insektenaugen auf mich herabsahen, und richtete den Lichtstrahl genau auf meinen Bauchnabel. Meine Mutter, die uns mit aschfahlem Gesicht stillschweigend gefolgt war, die beiden Kleinen im Schlepptau, streichelte mir zärtlich über den Kopf und flüsterte mir zu, ich solle mich jetzt bloß nicht aufregen.

»Mama, Finger weg, das ist jetzt was für den Papa!«, krähte meine Schwester Juliane und drängelte sich nach vorn, um keine Sekunde des blutigen Gemetzels zu verpassen.

Anne, die nicht nur selbst oft aus der Nase blutete, sondern zu allem Überfluss auch kein Blut sehen konnte (eine Art Perpetuum mobile, dessen unweigerliches Ende nur die Ohnmacht sein konnte), schlug sich ängstlich die Hände vor die Augen.

Das brachte mich total aus der Fassung. Ich schrie, warf meinen Körper herum wie Miss Emily Rose bei ihren exorzistischen Ritualen, fuchtelte mit den Armen und schimpfte wie ein Rohrspatz. Erst als mein Vater meine Mutter anwies, sie solle meine Arme festhalten, und mir je eine Schwester auf einen meiner wild zuckenden Oberschenkel setzte, beruhigte ich mich.

Acht neugierige Augen beobachteten, wie mein Vater behutsam mein Unterhemd nach oben zog. Meine Schwestern ließen sich keinen Moment des grausigen Schauspiels entgehen, immerhin waren sie diejenigen, die in der Regel von mir gepiesackt und gepeinigt wurden, da ich die Älteste und (jedenfalls im Vergleich zu Anne) mindestens doppelt so Schwere war. Nun starrten alle auf das Loch, das sich nur wenige Zentimeter neben meinem Bauchnabel in die Haut gebohrt hatte und aus dem ein dünnes, aber stetiges Rinnsal Blut hinauslief.

Mein Vater klopfte mir vorsichtig die Bauchdecke ab. Ich hielt vor lauter Angst, dass er etwas hören würde, das nicht dem Normalzustand entsprach, die Luft an.

»Keine inneren Verletzungen«, sagte er dann. »Du hast Glück gehabt, Schatz, das hätte auch in die Hose gehen können.«

Vor lauter Erleichterung, dass ich nicht sterben musste, fing ich wieder an zu weinen und setzte zu einem fulminanten Crescendo an, als ich das Nahtbesteck sah.

Meine Mutter, die meine Arme festhielt, redete beruhigend auf mich ein, und als ich endlich damit aufhörte, meinen Vater anzuspucken, nähte er mit zwei kleinen Stichen das Loch in meinem Bauch wieder zu und hielt mir zum Trost und weil ich fast brav gewesen war, das große Glas mit dem Kinderspielzeug aus Behandlungszimmer 1 hin.

Meine Schwestern durften sich an diesem Tag gleich zwei Sachen aus dem Gefäß aussuchen, weil sie meinem Vater mit ihrem vollen Körpereinsatz so vorbildlich assistiert und nicht geweint hatten und selbst Anne beim Anblick des Blutes nicht in Ohnmacht gefallen war.

Die Narbe über meinem Bauchnabel wurde im Laufe der Jahre erst schweinchenrosa, dann weiß. Ich trage sie stolz, wie ein Indianer den Skalp seines Gegners, denn dieser Vorfall ist bis heute der einzige, bei dem mein Vater Nadel und Faden an die eigene Tochter anlegen musste.

Bis auf die gelegentlichen harmlosen bis ungefährlichen Verletzungen, die Kinder sich nun mal zuziehen, wenn ihnen ein schwerer Tisch, den sie gemeinschaftlich auf die Seite gehievt haben, um eine Bühne für ein improvisiertes Kasperltheater zu bauen, umkippt und auf die große Zehe donnert, war ich bis in die Pubertät wirklich selten krank.

»Das bisschen Husten hat noch niemanden umgebracht«, pflegte mein Vater immer zu sagen. Und auch beim Impfen war er eher zögerlich: »Es ist erwiesenermaßen wichtig, als Kind die Windpocken gehabt zu haben, denn als Erwachsener kann das ganz schön hässlich werden.«

Mit großen Augen hörten Jule und ich eines Abends zu, als er von seiner Patientin Frau Geigenbauer erzählte, die als Kind nie die Windpocken gehabt und sich dann als Erwachsene angesteckt und wochenlang im Krankenhaus gelegen hatte.

»Die hatte sogar Windpocken im Mund, könnt ihr euch das vorstellen?«, sagte Papa in seiner besten Geschichtenerzählerstimme, und uns stockte der Atem bei der Vorstellung. »Also seid schön lieb, Jule und Caro, und legt euch jetzt mal eine halbe Stunde zu Anne ins Bett. Die hat nämlich die Windpocken. Und wenn ihr sie auch bekommt, dann müsst ihr nicht wie Frau Geigenbauer ins Krankenhaus.«

Juliane und ich sahen uns an. Ins Krankenhaus wollten wir aber unbedingt, denn als Anne letztes Jahr dort gewesen war, um die Mandeln herausoperiert zu bekommen, hatte sie danach eine Woche lang so viel Vanilleeis essen dürfen, wie sie wollte. Wir wollten auch Vanilleeis ohne Ende, deswegen versuchten wir, aus dem Bett zu klettern und uns an unserem Vater vorbeizudrücken, der uns jedoch mit zärtlicher Gewalt wieder zurückschob und zu Anne, deren Körper vollständig mit roten juckenden Pusteln übersät war, unter die Decke steckte.

»Wer sich zuerst mit Windpocken angesteckt hat, kriegt was aus dem Spielzeugglas aus Behandlungszimmer 1!«

Das war ein ernst zu nehmendes Angebot. Juliane und ich beratschlagten uns flüsternd über der fiebrigen Stirn unserer Schwester, wogen die Vorzüge von Vanilleeis und dem Inhalt des Spielzeugglases gegeneinander ab, dann nickten wir stumm meinem Vater zu und besiegelten das Abkommen mit Indianerehrenwort und Spucke drauf.

Mein Vater warf uns allen dreien eine Kusshand zu, sagte noch: »Ich darf mich nämlich nicht anstecken, ich hatte nie Windpocken!«, und stand auf. Meiner Mutter, die gerade mit einer neuen Runde Wadenwickel ins Kinderzimmer kam, raunte er zu: »Ruf mal die Hübners an, Gerdi, die sollen ihre Kinder auch vorbeischicken.«

Mittlerweile sind Windpockenpartys wegen gefährlicher Körperverletzung verboten. In den Achtzigerjahren jedoch hatte sich die Praxis eingebürgert, die Brut bei den ersten Anzeichen einer beginnenden Varizellenepidemie gemeinsam in einen Raum einzuschließen, das Ganze circa dreißig Minuten bei mittlerer Hitze gut durchgaren zu lassen und die infizierten Kinder anschließend für mehrere Tage zu Hause zu pflegen. Ich selbst wurde nie zu solch einer Party eingeladen, denn die Order meines Vaters, uns an Anne anzustecken, trug schon wenige Tage später Früchte. Juliane und ich sahen fürchterlich aus, und meine Mutter schoss ganz viele Fotos von uns, wie wir von Kopf bis Fuß mit roten Pusteln übersät und mit leidenden Gesichtern im Badezimmer stehen und uns gegenseitig kratzen.

Geschadet hat mir das heute etwas rabiat wirkende Vorgehen nicht. Mit Mitte zwanzig habe ich einmal Gürtelrose bekommen und bei dieser Gelegenheit auch erfahren, dass das derselbe Erreger ist wie bei den Windpocken. Meine Gürtelrose war nach zehn Tagen und ein bisschen Juckerei gegessen, wohingegen eine Freundin von mir, die vor ein paar Jahren Windpocken bekam, fast zwei Monate ausfiel und von den vielen Medikamenten und dem Vanilleeis im Krankenhaus ganz dick wurde. Dick wurde ich in der Pubertät zwar auch, aber immerhin nicht wegen so was Blödem wie den Windpocken. Papa sei Dank.

2. Jeder hat sein Kreuz zu tragen

Wenn ich in der Schule erzählte, dass mein Papa Arzt ist, wurde ich von meinen Mitschülern immer mit großen Augen und vor Neid erblassten Gesichtern angesehen.

»Boah, voll toll«, sagten sie dann, »ihr macht bestimmt voll viel Urlaub, und dein Papa hat voll viel Geld!«

Das stimmte, zumindest zum Teil. Wir waren wirklich oft in Urlaub − zumindest planten wir viel Urlaub, denn das sei allen Nicht-Ärztekindern, die dieses Buch lesen, gesagt: Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Der Urlaub war die einzige Zeit im Jahr, in der wir Kinder unseren Vater mal wirklich für uns hatten. Wenn wir es überhaupt bis in den Urlaub schafften. Denn meistens übernahm mein Vater so viele Dienste von anderen Ärzten, dass viele der Patienten dachten, mein Vater habe immer Dienst, auch sonn- und feiertags, auch nachts, auch dann, wenn eigentlich ein anderer Arzt zuständig war, und vor allem dann, wenn wir eigentlich gerade in den Urlaub fuhren.

Als wir einmal kurz nach Weihnachten in die Skiferien aufbrechen wollten, klingelte es bei uns an der Wohnungstür. Meine Mutter hatte gerade die letzten Reisetaschen gepackt und uns Kinder in unsere neonfarbenen Skijacken gesteckt und sah meinen Vater vorwurfsvoll an.

»Fritz«, sagte sie mit ihrer besten Das-ist-ja-mal-wieder-typisch-Stimme, »ich sag’s dir gleich: Mach’s kurz!«

Mein Vater sagte: »Schatz, reg dich nicht auf, das gibt Wochenend- und Nachtzuschlag!«, und hüpfte beschwingt die Stufen zur Praxis runter. Meine Mutter sagte uns, dass es sich nur um ein paar Minuten handeln dürfe, und gab uns die Anweisung, uns schon mal ins Auto zu setzen. Also schulterten wir unsere kleinen bunt bedruckten Rucksäcke, bückten uns nach unseren Kassettenkoffern und machten uns auf den Weg nach draußen.

Im Auto angekommen, gab es die üblichen Diskussionen darüber, wer in der Mitte und wer am Rand sitzen durfte. In der Regel kam Anne in die Mitte, denn sie musste beim Autofahren meistens kotzen, und so konnte Mama ihr die Tüte schneller anreichen. Juliane und ich drückten uns dann immer so nah wie möglich an die Autotüren, die Nase im geöffneten Spalt der Fensterscheibe, und flehten meine Mutter an, Anne endlich die Anti-Kotz-Kaugummis zu geben. Leider halfen die nie besonders gut, denn sie kübelte in der Regel lustig weiter.

Im Laufe der Jahre hat ihr Gehirn sogar eine Art psychosomatische Verbindung zwischen Übergeben im Auto und Pfefferminzkaugummis hergestellt, sodass sie bis heute jedes Mal sauer aufstoßen muss, wenn sie Minze schnuppert.

Dieses Mal, so beschloss ich, würde alles anders werden. Ich war neun und meine Schwestern sechs und sieben, deswegen war klar, wer körperlich, geistig und argumentativ (notfalls unter Zuhilfenahme von roher Gewalt) das Sagen hatte. Wie bei allen anderen Dingen im Leben auch macht es keinen Sinn, jemand anderem etwas einfach zu befehlen – das stiftet nur Unfrieden und sorgt dafür, dass sich das gemeine Volk irgendwann gegen den Herrscher auflehnt. Es ist immer zu empfehlen, dem vermeintlich Schwächeren das Gefühl zu geben, das, was nur er hat oder kann, sei das Tollste der Welt und man beneide ihn aufrichtig um sein großes Glück. In der Praxis hatte ich dieses Vorgehen schon oft in umgekehrte Richtung geübt, wenn meine Schwestern beispielsweise den Gameboy oder die schönere Barbie oder das bessere Pixi-Büchlein ergattert hatten und ich mich mit einem blöden Lustigen Taschenbuch und Micky Maus oder Donald Duck herumschlagen musste. Dann kicherte ich beim Lesen des Buches so laut und beherzt, dass meine Schwestern, mit denen ich mich noch kurz zuvor um Gameboy, Barbie und Pixi-Buch gestritten hatte, neugierig aufsahen.

»Oh Mann«, sagte ich dann immer, »bin ich froh, dass ich dieses sehr lustige Taschenbuch habe – viel besser als der blöde Gameboy. Behaltet ihn ruhig, ich will ihn nicht haben, ich habe dieses sehr, sehr lustige Taschenbuch!«

Und keine halbe Minute später konnte ich Stein und Bein schwören, dass meine Schwestern den Gameboy oder die Barbie aus der Hand legten und mich anflehten, ja darum bettelten, auch mal einen Blick in das Lustige Taschenbuch werfen zu dürfen. Großzügig und mit einem gönnerhaften Lächeln übergab ich die Abenteuer aus Entenhausen dann an meine Schwestern, die sofort zu streiten anfingen, wer zuerst darin lesen durfte, während ich mir den Gameboy schnappte und mich aus dem Staub machte.

Wir saßen also auf der Rückbank und stritten uns in bester Manier darum, wer wo sitzen durfte. Da sagte ich plötzlich: »Wisst ihr, es ist ja so – es gibt zwei Plätze, das sind die allerallerbesten im ganzen Auto, aber ihr beiden seid die Einzigen, die sich dort hinsetzen können!«

Schweigen.

Meine Schwestern hingen an meinen Lippen.

»Die Kuhle hinter dem Fahrer- und Beifahrersitz, da habe ich früher immer am liebsten gesessen. Ich habe mir ganz viele Kissen da reingelegt, und dann war das wie ein kleines Nest, und keiner hat mich gesehen.«

Anne und Juliane warfen sich vielsagende Blicke zu. Der Fisch hatte den Köder gefressen!

»Also, du würdest auch gerne da unten drinliegen?«, fragte Juliane, und ich bejahte wild mit dem Kopf nickend.

Meine Schwestern ließen sich nicht lange bitten. Sie rannten schreiend und lärmend zurück durch den Schnee ins Haus und kamen nur eine Minute später mit zwei dicken Daunenkissen zurück, die sie in die Fußräume hinter dem Fahrer- und Beifahrersitz stopften. Dann quetschten sie sich in die Federn und mummelten sich in zwei Decken ein, die ich ihnen zuvorkommend von der Rückbank, auf der ich es mir nun in voller Länge bequem machen konnte, anreichte.

»Voll schön!«, wisperte Juliane, und Anne grinste ihr mit glänzenden Augen zu.

Ich gratulierte mir selbst zu meinem Coup und griff nach dem Gameboy.

Wir hatten circa eine Stunde im Wagen gewartet, als Anne und Juliane zu jammern anfingen, sie hätten Hunger und müssten aufs Klo. Also verließ ich meinen mühsam erkämpften Logenplatz – jedoch nicht ohne mir von meinen Schwestern hoch und heilig versprechen zu lassen, dass wir die Sitzordnung nach meiner Rückkehr beibehalten würden.

Dann zog ich mir meine Moonboots wieder an, die ich in der Gewissheit, dass es jeden Moment losgehen würde, bereits von den Füßen gestreift hatte, und machte mich auf den Weg ins Haus. Wenn man die große Schwester ist, bleibt einem nämlich gar nichts anderes übrig, als die Verantwortung zu übernehmen und – wie in diesem Falle – durch die Kälte zu stapfen und nach den verschollenen Erziehungsberechtigten zu suchen. Tut man es nicht, hat man fünf Minuten später zwei heulende Schwestern im Arm. Daher lieber gleich Augen zu und durch.

In der Wohnung meiner Eltern im ersten Stock unseres Hauses fand ich niemanden. Ich lief die Treppe wieder hinunter und ging in die Praxis, dort entdeckte ich meine Mutter und meinen Vater, die sich tief über die linke Gesichtshälfte einer älteren, auf der Seite liegenden Dame beugten, oder besser gesagt: über das, was davon noch übrig war, und versuchten, aus dem Geschnetzelten, das sich dem geneigten Betrachter offenbarte, wieder so etwas wie ein menschliches Körperteil herzustellen.

»Ach, du lieber Himmel«, sagte meine Mutter, als sie mich im Türrahmen stehen sah. »Euch habe ich ja total vergessen!«

Na prima. Sie hatte uns vergessen, wegen dieser ollen Trulla! Immerhin war sie geständig.

Ich trat einen Schritt näher an die Liege heran und begutachtete, woran meine Eltern arbeiteten.

»Hallo, du«, sagte das Corpus Delicti. »Ich bin Frau Schröder. Tut mir leid, dass sich meinetwegen eure Abfahrt in den Urlaub verschiebt.«

Frau Schröders linkes Ohr war mehr oder weniger hinüber. Wie sie mir erzählte, während mein Vater acht Meter Faden an ihr vernähte, war sie bei dem Versuch, das Kruzifix über ihrer Küchentür gerade zu rücken, vom Stuhl gestürzt und ungünstig auf die Tischkante gefallen. In einer sehr unglücklichen Kettenreaktion hatte sie dabei einen Teller, der auf dem Tisch stand, mit zu Boden gerissen und sich an den Scherben verletzt. Der Teller war offensichtlich nicht leer gewesen, denn an Frau Schröders Wange klebten noch ein paar Fetzen Sauerkraut.

»Ist aber halb so schlimm«, sagte Frau Schröder und lächelte mich anscheinend gut anästhesiert an. »Bei mir kommt’s ja nicht mehr drauf an, dass es schön aussieht.«

»Caro«, unterbrach meine Mutter das nette Geplänkel, »nimm die zwei Kleinen und setzt euch vor den Fernseher. Gummibärchen sind im Schrank, ihr dürft euch nehmen, so viel ihr wollt. Bis wir mit Frau Schröder fertig sind, wird es noch dauern. Wenn ihr müde seid, legt ihr euch einfach ins Bett, ich wecke euch dann heute Nacht, wenn wir losfahren.«

Missmutig verabschiedete ich mich von Frau Schröder und trottete hinaus zum Auto, um meine Schwestern ins Haus zu holen. In Skijacken setzten wir uns vor den Fernseher, schauten bis in die Nacht Zeichentrickfilme auf Tele 5 und aßen zwei Tüten Gummibärchen und drei Tafeln Schokolade. Irgendwann fielen uns die Augen zu, und ich schickte die Kleinen ins Bett.

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