Logo weiterlesen.de
Ärzte, Schwestern, Schicksale - 5 Arztromane für Strand und Urlaub: Arztroman Sammelband 5001 Juli 2019

Glenn Stirling, G.S.Friebel

Ärzte, Schwestern, Schicksale - 5 Arztromane für Strand und Urlaub: Arztroman Sammelband 5001 Juli 2019

UUID: 0b7206ee-abec-11e9-81e8-bb9721ed696d
Dieses eBook wurde mit StreetLib Write (https://write.streetlib.com) erstellt.

Inhaltsverzeichnis

  • Ärzte, Schwestern, Schicksale - 5 Arztromane für Strand und Urlaub: Arztroman Sammelband 5001 Juli 2019
  • Copyright
  • Tränen in den Augen eines Kindes
  • Zwischenfall im OP II
  • Dr. Kaingruber kämpft um Haus Sonnenblick
  • Dir wird die Sonne wieder scheinen
  • Ihre verschenkten Jahre

Ärzte, Schwestern, Schicksale - 5 Arztromane für Strand und Urlaub: Arztroman Sammelband 5001 Juli 2019

Dieser Band enthält folgende Titel:

G.S.Friebel: Tränen in den Augen eines Kindes

Glenn Stirling: Zwischenfall in OP II

G.S.Friebel: Dr. Kaingruber kämpft um Haus Sonnenblick

Glenn Stirling: Dir wird die Sonne wieder scheinen

Glenn Stirling: Ihre verschenkten Jahre


Viele Jahre hat Hilde mit ihrem Mann zusammen gearbeitet. Zusammen hatten sie die Firma aufgebaut. Sie haben Geld im Überfluss und zwei wohlgeratene Kinder, doch dann hat Hilde einen Unfall. Die Ärzte ordnen Schonung an und so wird sie aus dem Betrieb hinausgeschont.

Als sie sich wieder ihren Aufgaben in der Firma stellen will, hat sich so viel geändert, dass sie keine Freude mehr daran hat. Eine Andere hat ihre Arbeit übernommen und Hilde sitzt zu Hause und fühlt sich überflüssig. Irgendwann erfährt sie, dass diese Andere nicht nur ihre Arbeit übernommen hat, sondern auch den Platz an der Seite ihres Mannes...



Tränen in den Augen eines Kindes

Arztroman von G. S. Friebel




Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.


Dr. Lester Barten hasst die Frauen, denn er wurde von einer schwer enttäuscht und verletzt. Seine äußeren Narben kann er fast verdecken, doch seine inneren nicht. Aus diesem Grund ist er auch nicht für das Werben der Krankenschwestern in der kleinen Privatklinik von Professor Sondberg empfänglich. Seine Liebe und Fürsorge gilt den todkranken Kinder und besonders der kleinen Britta!

Doch dann begegnet er Annelie Bergström, die auch Schweres hat durchmachen müssen.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





1

Nichts regte sich auf der Station. Alles war still. Jeder schien endlich den ersehnten Schlaf gefunden zu haben. Sogar die kleine Britta schlief jetzt tief und fest. Er schloss leise wieder ihre Tür und ging lautlos über den langen Flur. Im Schwesternzimmer saß Schwester Marge. Sie hatte wie er in dieser Woche den Nachtdienst zu versehen.

Dr. Barten blieb für einen Augenblick an ihrer Seite stehen und sagte: »Es ist alles friedlich. Ich gehe jetzt in mein Zimmer. Sollte doch noch etwas sein, dann wissen Sie ja, wo Sie mich finden können.«

»Jawohl, Herr Doktor«, sagte die Schwester und schob die Lippen ein wenig vor.

Aber das sah er nicht mehr. Er war schon gegangen. Schwester Marge schaute ihm nach, in ihren Augen galt er nicht viel. Wieder einmal fragte sie sich, wieso der Professor ausgerechnet Barten angestellt hatte. Wirklich, sie hätte diesen langweiligen Patron bestimmt nicht genommen.

Doktor Barten wusste zum Glück nichts von den Gedanken der rothaarigen Schwester. Wie sollte er auch ahnen, dass man damals so wild auf ihn gewesen war - so voller Spannung, als es geheißen hatte, der alte Schauten würde seinen Dienst aufgeben und Professor Sondberg habe einen jungen Arzt eingestellt. In zwei Wochen würde der seinen Dienst in dieser Privatklinik aufnehmen. Hier, auf der Insel Amrum, sozusagen am Ende der Welt.

Ja, und dann war er endlich gekommen - groß und breit wie ein Bär, mit einem sehr seltsamen Gesicht und einem strubbeligen Bart. Die Schwestern hatten ihn erstaunt angeschaut. Nein - wieso machte er sich bewusst so hässlich? Aber sie ahnten ja nicht im entferntesten, dass es gerade dieser Bart war, der die Verunstaltung seines Gesichts verdecken sollte. Zum Teil schaffte er es auch. Aber wegen der vielen Narben bekam er nie Ordnung in das »Gestrüpp«, wie er es bei sich nannte.

Man hatte sich an seinen Anblick gewöhnt, und die Schwestern wetteiferten darin, ihm schöne Augen zu machen. Teils, weil sie einen Mann haben wollten, zum anderen, weil das Leben auf der Insel so eintönig, so schrecklich langweilig war. Da suchte man eben verzweifelt nach einer Abwechslung. Aber Doktor Barten sah weder die anhimmelnden Blicke, noch merkte er, wie intensiv man ihm zu begegnen wusste und wie man sich ihm direkt aufdrängte. Er blieb stets freundlich und zuvorkommend, mehr nicht. Die Schwestern verstanden das einfach nicht. Ja, sie gingen sogar so weit und passten auf, ob er vielleicht vom Festland Post bekam. Das hätte dann bedeutet, dass dort eine Braut auf ihn wartete. Nur so konnten sie sein abwehrendes Verhalten verstehen. Wenn sie da an Dr. Wallberg dachten! Der nahm, was er kriegen konnte. Und er machte das so elegant, dass ihm niemand eine Falle stellen konnte. Bis jetzt war er noch immer Junggeselle geblieben. Er sagte sich: »Warum soll ich mich binden, wenn ich alles umsonst bekommen kann? Sie machen es mir ja so leicht. Ich brauche die reifen Früchte nur zu greifen.«

Dr. Wallberg hatte seinerzeit mit gemischten Gefühlen der Ankunft des neuen Kollegen entgegengesehen. Es waren nur fünfzehn Schwestern im Haus - und das Küchenpersonal. Und wenn der Neue nun auch auf Jagd ging, dann blieb für ihn möglicherweise nicht sehr viel übrig.

Dr. Wallberg war also angenehm überrascht, als er erkannte, dass Lester Barten die Schwestern nicht einmal bemerkte. Er hingegen sah die Bemühungen der Schwestern und amüsierte sich köstlich darüber.

»Braucht euch gar nicht so anzustrengen, das ist ein Weiberfeind. Der will von euch nichts wissen!«

»Puh«, hatte Schwester Elisabeth gemeint. »Er hat eben Charakter und nimmt nicht jede. Er ist nicht so flatterhaft wie ein gewisser Doktor - nun, ich will hier keinen Namen aussprechen.«

Wallberg fühlte sich nicht betroffen. Er lachte nur erheitert auf.

»Ach, hast du es auch schon versucht? Na, da kann ich deine Enttäuschung verstehen.«

»Lass mich in Ruhe! Ich habe jetzt Dienst.«

»Was glaubst du, was ich zu tun habe?«, hatte er entgegnet und ihr in den Po gezwickt. Sie hätte ihm vielleicht noch eine scharfe Antwort gegeben, aber da war gerade Professor Sondberg um die Ecke gekommen, und Wallberg hatte sich entfernt.

So war also die Situation, von der Lester Barten aber nichts ahnte. Post erhielt er nicht. Sie zergrübelten sich die Köpfe und begriffen die Welt nicht mehr.

Schwester Ursula meinte eines Tages: »Vielleicht ist er der Typ, der erobern will.«

»Na, dann hast du ihm ja alles verdorben«, meinte Schwester Marge trocken. »Du hast dich ihm ja direkt an den Hals geworfen.«

»Das ist nicht wahr!«, protestierte Schwester Ursula.

»Lüge nicht, ich habe es doch selbst gesehen! Ein Bild für die Götter!«

»Ach, diesen Vorfall meinst du? Da bin ich doch nur ausgerutscht und habe nach Halt gesucht«, verteidigte sich die kleine Schwester.

»Seit wann sind unsere Flure so glatt, dass man ausrutschen kann?« Sie wurde weidlich ausgelacht.

Nein, an jeden konnten sie herankommen, aber nicht an diesen neuen Doktor. Es war einfach zum Verrücktwerden. Nun war er schon ein halbes Jahr hier und noch immer konnte keine einen Erfolg für sich verbuchen. Er lebte weiterhin einsam und allein in dem kleinen, weinumrankten Häuschen, und niemand hatte ihn dort je besucht. Ja, man erzählte sich sogar, er würde es selbst in Ordnung halten.

Natürlich waren alle sehr gewissenhaft in ihrer Arbeit. Das war auch der Grund, warum der Professor sie eingestellt hatte. Er war sehr wählerisch mit seinem Personal. War es doch auch eine besondere Klinik, und da musste man eben auch das richtige Personal haben. Doch die Einsamkeit und Eintönigkeit ging ihnen allmählich auf die Nerven. Viele hielten es nur knapp ein Jahr auf der Insel aus, dann verließen sie sie fluchtartig. Auch eine Lohnerhöhung konnte sie nicht zurückhalten.

So hatte Wallberg immer genug neue Gesichter um sich. Er war schon seit über vier Jahren hier. Nun, er fuhr immer mal schnell nach Hamburg und verbrachte dort ein langes Wochenende, wenn es ihm zu eintönig hier draußen wurde. Aber jetzt, wo er einen neuen Kollegen hatte, konnte man sich ja zusammentun und etwas unternehmen. Zum Beispiel in der freien Zeit mit dem nächsten Schiff nach Sylt fahren - dort war immer etwas los. Dort wurde einem die Zeit nie zu lang. Natürlich konnte man sich diese teuren Abstecher nur leisten, wenn man Geld hatte. Und als Arzt hatte er genug, brauchte er doch keine Familie zu unterhalten. O nein, vorläufig dachte er überhaupt nicht daran, sich zu binden.

Aber so wie die Schwestern eine herbe Enttäuschung erlitten, so wurde auch er enttäuscht.

Lester sagte ihm freundlich, aber unmissverständlich: »Danke nein, lieber Kollege. Bitte, verübeln Sie es mir nicht, aber ich möchte mich ganz meiner Arbeit widmen und habe im Augenblick wirklich keine Zeit.«

Wallberg hatte ihn verblüfft angesehen, und wollte schon eine scharfe Antwort geben, aber da nahm ihm Barten allen Wind aus den Segeln.

»Ich muss das hier erst alles verkraften. Ich kann das noch nicht. Es ist so neu für mich. Ich habe nicht gewusst, dass es mich so angreifen würde.«

Wallberg war für einen Augenblick beleidigt gewesen. Dann hatte er etwas zu scharf erwidert: »Ja, glauben Sie, ich könnte das alles vergessen? Das ist es ja eben! Ich muss hin und wieder raus, um neue Kraft zu finden.«

»Jeder versucht es eben auf seine Art und Weise«, hatte Barten freundlich geantwortet. »Sie mit Vergnügen - und ich? Ja, womit ich denn?« Dann hatte er wie verloren aus dem Fenster geschaut.

Georg Wallberg hatte jetzt das Gefühl, als stecke doch viel mehr dahinter. Es waren nicht nur die Kinder, um deren Schicksal man hier in der Privatklinik kämpfen musste, und bei dem man so oft der Besiegte war. Nein, Lester Barten schleppte noch etwas anderes mit sich herum. Aber er wollte nicht darüber reden, zog sich in sich selbst zurück. Und Wallberg war weder neugierig, noch wollte er sich aufdrängen. Zur rechten Zeit würde sich der andere an ihn wenden. Obwohl seine erste Reaktion war: Ich mag ihn nicht, er kann mich mal - so musste er aber recht bald feststellen, dass er ihn eigentlich doch recht gern mochte. Er war ein Freund und Kollege, wie man ihn sich nur wünschen konnte.

Bald waren sie so vertraut miteinander, dass sie sich gegenseitig zum Schachspiel einluden. Jeder der Ärzte besaß ein kleines Häuschen, nicht weit von der Klinik entfernt, mit Ausblick auf das Meer. Sie waren mit allem Luxus und Komfort ausgestattet. Professor Sondberg verdiente mit seiner Klinik sehr viel - aber er wusste auch: Wenn er nicht mehr bot als andere Kliniken, würde er keine Ärzte hierher bekommen. Und allein schaffte er es nun einmal nicht.



2

Lester Barten hatte sich nach dem Rundgang in sein Zimmer zurückgezogen. Das bewohnte er immer, wenn er Nachtdienst hatte. Hier stand auch ein Sofa, man brauchte also nicht die ganze Nacht wach zu bleiben. Die Schwester würde ihn schon wecken. Aber heute fand er keinen Schlaf. Er saß am Schreibtisch, das Buch vor sich und las nicht. Von draußen hörte er das Meer rauschen. Es war wieder einmal ziemlich unruhig. Doch Lester hatte keine Angst. Ja, er hörte es sogar gern, auch wenn es stürmte und die Wellen gegen die Insel tobten. Hier war er sicher, geborgen. Hierher hatte er sich verkrochen in seinem Schmerz. Und hier war er nun!

Er schloss die Augen, und sogleich stiegen die Erinnerungen in ihm auf. Immer noch quälten sie ihn. Er konnte sie einfach nicht abstreifen. Es war schrecklich und grausam. Sein Herz blutete, und er konnte nichts dagegen tun. Gar nichts! Äußerlich stark und groß wie ein Bär, hatte er aber eine Seele, die so empfindsam wie die eines kleinen Kindes war. Man hatte ihn gezeichnet. Vielleicht für immer! Wie sagte man so schön: Zeit heilt auch die schlimmsten Wunden. Zeit! Früher hatte er nie Zeit gehabt. Immer hatte er sich alles erkämpfen müssen. Alles. Nichts war ihm erspart geblieben. Sein ganzes bisheriges Leben war ein einziger Kampf gewesen.

Damals schon hatte es angefangen. Er konnte sich noch genau erinnern. Er war neun Jahre alt gewesen. Damals hatten sie noch in London gelebt. In einem üblen Hinterhof hatte er die ersten Jahre seiner Kindheit verbracht. Seine Mutter war eine Deutsche gewesen, hatte nach dem Krieg einen englischen Soldaten geheiratet. Damals war in Deutschland alles zerstört gewesen, und so waren sie nach England gegangen. Aber auch hier hatten sie in Armut gelebt. All die Jahre hatten sie jeden Penny fünfmal umdrehen müssen. Und ganz schlimm war es geworden, als der Vater starb. Die Mutter war nun auf die Verwandtschaft des Vaters angewiesen. Aber diese hatten die Deutsche nie gemocht. Und so war sie denn eines Tages mit dem Knaben Lester nach Deutschland zurückgekommen, nach Berlin. Bei der Schwester waren sie untergekommen, hatten eine kleine Dachkammer bezogen. Die Mutter ging arbeiten, als Putzfrau. Etwas anderes hatte sie ja nicht gelernt.

Lester war ein aufgewecktes Bürschchen gewesen. Mit neun Jahren sprach er zwei Sprachen perfekt: Deutsch und Englisch. Der Vater hatte immer englisch mit ihm gesprochen und die Mutter deutsch, so hatte er es spielend gelernt. Die Lehrerin in Berlin hatte die Mutter darauf aufmerksam gemacht, dass der Junge mehr lernen müsse.

»Er ist so begabt, er hat das Zeug dazu. Sie müssen ihn auf die höhere Schule schicken.«

Das war alles so leicht gesagt - aber wenn man so arm war? Doch die Mutter hatte nicht aufgegeben und sich gesagt: Aus dem Jungen soll etwas werden. Ich will noch mehr arbeiten als bisher. Sie nahm also noch drei weitere Putzstellen an, nur damit der Junge anständig gekleidet die höhere Schule besuchen konnte.

Lester trug schon vor der Schule Brötchen und Zeitungen aus. Er half der Mutter, war unermüdlich in seinem Tun. Er war ihr ja so dankbar für alles. Aber die Tante verhöhnte und verlachte sie beide, nannte ihn einen Samtbubi und rief immer quer durch das Treppenhaus: »Wollt hoch hinaus. Aber ihr werdet mit eurer Vornehmheit schon sehen, wo ihr zwei noch landet! Mir habt ihr alles zu verdanken - aber das habt ihr wohl vergessen, wie?«

Lester hatte die Mutter gefragt, was sie der Tante zu verdanken hätten.

»Gar nichts. Ich zahle ihr jeden Monat pünktlich die Miete für diesen erbärmlichen Raum. Es ist nur der Neid, der sie so sprechen lässt. Und sie kann es nicht haben, dass wir nicht auch so verschlampt leben wie sie.«

»Warum gehen wir nicht fort?«, hatte er sie gefragt. »Wir können doch anderswo auch eine Stube bekommen, und dann haben wir unsere Ruhe!«

Die Mutter hatte matt gelächelt und gemeint: »Eigentlich hast du recht. Ich werde mich nach einer anderen Wohnung umsehen.«

So waren sie denn eines Tages ausgezogen. Seither hatten sie jeden Kontakt zu der Tante abgebrochen. Sie hatten ja auch wenig Zeit, immer mussten sie arbeiten. Aber sie schafften es. Eines Tages hatte Lester sein Abitur bestanden. Sein Wille, Arzt zu werden, war übermächtig.

»Ich werde es schon schaffen, Mutter. Du wirst schon sehen, und wenn ich dann fertig bin, brauchst du nie mehr zu arbeiten. Dann verdiene ich genug, und du wirst es gut haben bei mir.«

»Ach Bub, deine Zukunftsträume!«

»Sie werden in Erfüllung gehen, Mutter, ganz bestimmt! Und ich bin stark und werde es schaffen.«

»Du nimmst dir sehr viel vor, Junge!«

Und bei Gott, er hatte sich wirklich alles erkämpfen müssen. Alles! Wie ein Pferd hatte er geschuftet. Nachts war er Nachtwächter, am Tage hatte er Nachhilfestunden erteilt und zwischendurch sein Studium absolviert. Aber das alles konnte er auch nur schaffen, weil er so begabt war und leicht lernte.

Kurz vor dem Abschluss hatte ihn der erste Schlag getroffen. Zwei Monate vor dem Staatsexamen starb die Mutter. Ganz plötzlich! Herzversagen. Sie hatte sich verausgabt. Lester hatte es anfangs nicht glauben wollen. So nah vor dem Ziel! Die Mutter hätte sich endlich ausruhen können. Er hätte ihr alles bieten können - und jetzt war sie nicht mehr da.

Dieser Schock hatte ihn fast niedergeworfen. Aber irgendwie war es dann doch weitergegangen, musste weitergehen. Er war also Arzt, und weil er jetzt nicht für die Mutter sorgen musste, machte er weiter. Er wollte Kinderarzt werden.

Und dann hatte er eines Tages Lydia kennengelernt.

Lydia!

All die Jahre hatte er nie aufgeblickt, hatte gearbeitet und gelernt. Sein Herz war leer geblieben. Und darum traf es ihn jetzt wie ein Schlag! Lydia, die strahlende Lydia! Er verliebte sich bis über beide Ohren in sie. Lydia nahm jetzt all sein Denken und Empfinden in Anspruch. Und er betete sie an. Was ihn an der ganzen Sache störte, war, dass sie sehr reich war. Das verwirrte ihn. Sie hatte einen ganz anderen Lebensstil, kam eben aus einer ganz anderen Welt. Was Lester auch nicht wusste, war, dass Lydia durch und durch verdorben war. Die Eltern waren heilfroh, als sie eines Tages diesen Lester Barten mitbrachte. Die Jungen aus ihrer Bekanntschaft wollten von Lydia schon nichts mehr wissen. Sie trieb es mit jedem. Und immer zitterten die Eltern davor, dass sie sich eines Tages mit jemandem einlassen würde, der nicht zu ihnen passte.

Mit einem Akademiker hatten sie schon gar nicht mehr gerechnet. Sie nahmen ihn sehr freundlich auf, und Lester war überglücklich. Ja, er wunderte sich nicht einmal, dass sie es freundlich hinnahmen, als er von seiner Mutter erzählte. Zum Glück war sie ja tot, und der Verwandtschaft gegenüber würde man es natürlich verschweigen. Lester wurde als Engländer vorgestellt. Damals amüsierte es ihn, und er lächelte darüber.

Lydia liebte ihn nicht. Aber sie hatte mit dem Vater eine ernste Aussprache gehabt. Dieser hatte ihr vor einem Vierteljahr eine Frist gesetzt: »Entweder du heiratest jetzt einen anständigen Mann, oder ich werfe dich aus dem Haus! Dein Lebenswandel ist nicht mehr zu vertuschen.«

Der Vater war noch nie so böse gewesen. Aber er selbst hatte sich von unten heraufgearbeitet und wollte sich durch die Tochter nicht alles wieder verderben lassen. Die Mutter hatte sie immer maßlos verwöhnt, und darum war sie auch so besessen auf das Leben.

So hatte sie sich denn mit Lester verlobt. Es war ein großes gesellschaftliches Ereignis. Alles was in Berlin Rang und Namen hatte, war eingeladen worden. Lester selbst hatte sich sehr unwohl in dieser Menge gefühlt. Er spürte, wie hohl und leer das Gerede war, und immer ging es nur ums Geld: Wie man noch reicher werden und den anderen übertrumpfen konnte.

Lydia war natürlich der Stern des Tages, und sie flatterte wie ein bunter Schmetterling umher - wurde sozusagen herumgereicht. Jetzt, wo sie in festen Händen war, konnte man es ruhig riskieren, schamlos mit ihr zu flirten. Diejenigen, die sich bis jetzt zurückgehalten hatte, waren es aus Vorsicht gewesen.

Zu Lester sagte sie: »Ich muss repräsentieren. Das gehört sich nun einmal, wenn man so wichtige Leute zu Gast hat. Amüsiere dich doch! Es sind doch genug Mädchen vorhanden.« Und sie hatte perlend aufgelacht. Stöhnend hatte er damals geantwortet: »Mir wäre es viel lieber gewesen, wenn wir ganz unter uns gefeiert hätten - du und ich und deine Eltern. Hier komme ich mir überflüssig vor. Ich kenne diese Leute gar nicht, weißt du - und manchmal habe ich das Gefühl, als würden sie hinter meinem Rücken lachen.«

Lydia war für einen kurzen Augenblick blass geworden. Sollte es wirklich jemand wagen, ihm die Wahrheit zu sagen? Hastig fragte sie darum: »Wer hat das getan?«

»Das weiß ich doch nicht. Ich habe dir nur gesagt, dass ich das Gefühl habe. Aber vielleicht kommt das nur daher, weil ich aus einer ganz anderen Welt stamme. Ich meine, bei meiner Mutter und mir gab es keine Feste, da gab es nur Arbeit ...«

Mit seiner Lebensbeschreibung hatte sie ihn schon oft stehengelassen. Sie konnte sie einfach nicht hören.

Lydias Eltern drangen auf eine schnelle Heirat. Lester hingegen wollte erst Stationsarzt sein. Dann würde er so viel verdienen, dass er seiner Frau auch etwas bieten konnte. Als er ihr das sagte, hatte sie lustig aufgelacht.

»Ich habe doch Geld genug! Und Pa schenkt uns die Villa. Wozu sollen wir da noch warten? Das wäre doch Unsinn!«

»Ich hätte es aber doch lieber, wenn wir von dem leben würden, was ich verdiene!«

»Unsinn! Wie altmodisch du doch denkst! Einmal erbe ich doch sowieso alles. Also, warum erst darauf warten? Nein, mein Lieber, ich bin nun einmal diesen Lebenswandel gewöhnt, und ich will auch nicht zurückstecken. Wenn dir das nicht passt, dann tut es mir leid. Ich bleibe dabei.«

So hatte er sich denn gefügt und gedacht: Lydia kann nichts dafür, sie ist so erzogen worden. Wenn es ihr Spaß macht ...

So hatten sie standesamtlich geheiratet. Die kirchliche Trauung sollte in vierzehn Tagen stattfinden. In der Zeit, die dazwischen lag, erfuhr Lester alles über seine Frau, vielmehr über das Mädchen, das seine Frau jetzt schon war. Der Schock war so tief. Zuerst konnte und wollte er es einfach nicht glauben. Lydia, das Mädchen, das er verehrte und anbetete, das sollte wie eine Dirne sein? Eine, die mit jedem Mann schlief, der ihr gefiel? Und nur weil sie so war und ganz Berlin das wusste - nur deswegen wurde er als Schwiegersohn begrüßt! Er sollte sie also vor den Augen der Welt wieder ehrbar machen. Lydia, die schon zweimal in Holland gewesen war, um ein Kind abtreiben zu lassen.

Lester glaubte, den Verstand zu verlieren. Er war wie verrückt. Und dann klammerte er sich in seiner Verzweiflung einfach daran, dass alles nur eine Verleumdung sei. Ausgerechnet Lydias beste Freundin hatte ihm die Wahrheit gesagt. Diese war für einige Zeit in Amerika gewesen. Lydia hatte ihr schamlos geschrieben, dass sie jetzt einen Dummkopf an der Angel hätte. Der Vater wäre zufrieden, und wenn er erst einmal ihr Mann wäre, dann brauche sie nicht mehr so rücksichtsvoll zu leben. Dann könnte sie alles tun, was ihr gefiel.

Erst als Sybille heimkam und man ihr Lester vorstellte, empfand sie es als ein Verbrechen, diesen jungen Mann Lydia zu opfern. Er besaß all das, was in Lydias Kreis verpönt war, worüber man sich amüsierte. Anstand, Moral und Sitte, das waren groteske Begriffe für sie. Und Liebe kannte man auch schon lange nicht mehr. Sybille fühlte noch mit dem Herzen, und sie wollte ihn davor bewahren. So schwer es ihr auch fiel, aber sie musste ihn warnen, musste ihm die Augen öffnen.

Drei Tage war Lester regelrecht krank. In der Klinik fragte man ihn schon besorgt, aber er schüttelte nur den Kopf und verkroch sich wie ein Tier.

Als seine Not am größten war, da wusste er, dass er nur Ruhe finden würde, wenn er die Wahrheit kannte. Und die Wahrheit konnte ihm nur Lydia selbst sagen.

Am Nachmittag wollte sie ihn mit ihrem Sportwagen abholen. Es mussten noch einige Einkäufe für die Hochzeit getätigt werden. Er stand auf der Treppe, als sie vorfuhr. Sie war so schön und zart und ihr Gesicht wie ein Engel so rein! Sollte wirklich alles nur Maske sein? Alles falsch und Lüge? Dumpf fühlte er ein Dröhnen im Herzen.

,Du musst sie fragen, an ihrer Antwort wirst du merken, ob sie lügt oder nicht.‘

»Was ist? Du machst ein Gesicht, als würdest du dich gar nicht freuen, mich zu sehen. Schließlich sollen die Leute merken, dass wir glücklich sind.«

Jetzt, wo ihm die Augen geöffnet worden waren, jetzt fiel ihm so vieles auf. Vor allen Dingen immer wieder der eine Satz: Die Leute sie sollen - müssen und so weiter. Immer wurde alles für die anderen getan, nie für sich selbst.

»Sybille hat mir alles gesagt.« Er wunderte sich selbst, dass er so ruhig sein konnte.

Lydia schaute ihn von der Seite an und sah dann wieder auf die Straße. Für einen Augenblick presste sie die Lippen aufeinander und zischte: »Diese verdammte Schlange! Hab ich mir doch gedacht, dass sie neidisch ist, dass sie es nicht haben kann, dass ich dich geangelt habe!«

»Lydia, Sybille ist deine beste Freundin!«

»Und?«, gab sie grob zurück. »Ich denke, sie hat dir alles gesagt?«

»Lydia!« Er schrie sie jetzt förmlich an. »Lydia, begreifst du denn nicht? Lydia, sag dass es nicht wahr ist! Sag, dass sie mich belogen hat.«

Sie lachte nur hell.

»Warum diese Aufregung, Schätzchen? Das ist doch alles viel zu anstrengend. Du bist mein Mann, und ich bin deine Frau. Nächste Woche heiraten wir in der Kirche. Alle werden dabei sein. Dann bin ich deine Frau. Aber bilde dir nur nicht ein, dass du mich dann kommandieren kannst. Jeder macht, was ihm gefällt, verstanden? Ich frage dich auch nicht, wie viele Krankenschwestern du vernaschst, also wirst du mich auch hübsch zufrieden lassen mit Eifersuchtsszenen und dergleichen. Du wirst alles haben. Und wenn es dir Spaß macht, richtet Vater dir sogar eine Privatklinik ein. Wir haben ja Geld genug. Du wirst dann keine armen Leute mehr berühren müssen. Nur die Reichen, Filmstare und dergleichen wirst du behandeln. Dein Name wird bald berühmt werden. Wirst schon sehen, ich kenne eine Menge Leute.«

Lester saß reglos neben ihr. Jedes Wort war ein Hammerschlag auf seinem Herzen. So also hatte man seine Zukunft schon verplant. Er war der kleine Hampelmann, der stillzuhalten hatte. Und damit er auch brav blieb, würde man ihm einen hübschen Knochen hinwerfen: eine Privatklinik! Das war ein Traum, den jeder Arzt einmal in seinem Leben träumte, aber nur ein Bruchteil konnte ihn dann auch verwirklichen.

In dieser Sekunde war sein Herz tot und leer. Er empfand nichts, gar nichts. Das Mädchen selbst hatte den Schleier brutal heruntergerissen. Und der Mann wunderte sich, dass er sie schon jetzt nicht mehr liebte. In seinen Augen war sie abstoßend, gemein. Jedes Wort, das sie sagte ...

»Bitte, halte sofort an!«, sagte er mit brüchiger Stimme.

»Warum? Wir sind noch nicht da. Es liegt im Grünewald, wohin wir heute fahren. Du musst dich noch gedulden.«

»Halte sofort an! Ich steige aus, Lydia. Hast du verstanden, ich möchte aussteigen! Ich gehe zu Fuß zurück in die Stadt. Du brauchst dich nicht zu bemühen. Ich werde auch alle Schuld auf mich nehmen.«

»Moment mal, wovon redest du überhaupt? Ich verstehe nichts. Ich schildere dir deine glänzende Zukunft, und du sprichst von Schuld?«

»Ich werde dich nicht heiraten, Lydia. Ich mache nicht mit, das will ich dir nur sagen. Ja, es stimmt, ich habe dich geliebt, leidenschaftlich geliebt. Und ich habe gehofft, mit dir glücklich zu werden. Und die ganze Zeit glaubte ich, auch du würdest mich lieben. Aber ihr alle seid ja gar nicht fähig, jemand anderen zu lieben. Ihr ekelt mich an. Ich schäme mich, euch kennengelernt zu haben. Halt an, ich steige aus! Du wirst mich im Gericht wiedersehen. Ich werde sofort die Scheidung einreichen.«

Lydia fuhr noch immer. Schweigend hatte sie zugehört. Da verfinsterte sich schlagartig ihr Gesicht.

»So«, zischte sie ihn an. »Und du glaubst, ich mache da mit? Da bist du aber auf dem Holzwege, Lester! Mitgehangen, mitgefangen! O nein, so nicht. Wenn ich mich scheiden lasse, bevor ich richtig mit dir verheiratet bin, wird Vater mich enterben. O nein, du wirst hübsch mitmachen. Umsonst habe ich mich nicht die ganze Zeit mit dir langweiligem Patron abgegeben. Das ist jetzt die Summe der Rechnung.«

»Nein!«, sagte Lester.

Sie lachte hell auf. Jetzt hatte sie sich wieder gefangen.

»Und?«, höhnte sie. »Was willst du denn machen?«

»Für immer fortgehen, das werde ich tun.«

»So, vielleicht hast du noch gar nicht bemerkt, dass wir im Auto sitzen? Und dieses Auto fährt. Und wenn du mir jetzt nicht auf der Stelle schwörst, dass du mich kirchlich heiraten willst, dann fahre ich uns an einen Baum.«

Er wurde unwillkürlich weiß.

»Lydia, du bist ein Kind«, sagte er. »Wenn du nicht alles bekommst, dann wirst du starrköpfig.«

»O ja, ich werde starrköpfig! Und du fängst sofort an zu flennen!«

Die Straße ging jetzt durch den Wald. Sie fuhr Schlangenlinien, und ihm wurde richtig übel.

»Nicht einmal ein Held bist du«, lachte sie. »Jetzt hast du sogar Angst um dein Leben.«

»Lass das!«

»Ich lasse es erst sein, wenn du mir schwörst, Lester. Du wirst mich heiraten.«

»Nein.«

»Ich bringe dich um!«, schrie sie ihn an. »Bei Gott, ich bringe dich um! Auf der Stelle!«

»Dann wirst du als Mörderin verurteilt«, entgegnete er ruhig. Sein Puls jagte. Er wusste, dass er sie jetzt nicht reizen durfte; sie meinte es ernst. Ihr Gesicht wirkte kantig und entschlossen. Zum ersten Mal bekam sie ihren Willen nicht. So viel stand für sie auf dem Spiel. Wenn er sie im Stich ließ, dann würde ganz Berlin über sie lachen. Und noch mehr, der Vater würde es wahr machen; sie kannte ihn. Bis zu einem gewissen Grade konnte sie ihn reizen, aber dann blieb er hart.

Ihre Gedanken jagten sich. Wie in Trance saß sie da und hielt das Lenkrad. Jetzt musste ihr blitzschnell etwas einfallen, wie sie Lester an sich binden konnte - zumindest für die nächste Zeit.

Dann hatte sie eine Idee! Eine schreckliche Idee, aber typisch für sie. Wenn sie wütend wurde, dann ging sie mit dem Kopf durch die Wand.

»Gut«, sagte sie jetzt kalt. »Du willst es ja nicht anders. Ich habe dich gewarnt. Eine glänzende Zukunft hättest du von mir erhalten können, aber du weißt es ja besser. Also wirst du sterben. Und wenn du tot bist, dann bin ich deine Witwe. Ja, damit hast du wohl nicht gerechnet!«

»Und du kommst ins Zuchthaus«, antwortete er. Merkwürdig, er war ruhig - ganz ruhig.

Dann hörte er ihr wildes Lachen.

»Nein! Denn niemand wird je herausbekommen, dass es Mord war. So kurz vor der Hochzeit bringe ich doch nicht meinen Mann um! Die Straße macht gleich eine Kurve, und dahinter stehen hübsche, dicke Bäume, Lester. Ich werde den Wagen so lenken, dass er mit der rechten, also deiner Seite einen Baum streift. Du wirst auf der Stelle tot sein, und ich bleibe am Leben. Es war dann ein tragischer Unfall. Ich werde dich gründlich beweinen und dir ein pompöses Begräbnis zukommen lassen. O ja, ich weiß was sich als trauernde Witwe geziemt.«

»Lydia, du bist wahnsinnig!«

Jetzt packte ihn die Angst wirklich. Da war die Kurve! Er sah die Bäume. Eichen, uralte Eichen, mit mächtig dicken Stämmen, und dann streifte sein Blick Lydias Gesicht. Ihre Zähne fletschten ihn an, sie lachte metallisch auf.

»Gute Reise, Lester! Schick mir mal eine Karte, wenn es dort oben ein Postamt gibt ...«

Er hatte sich ins Lenkrad werfen, sie daran hindern wollen. Aber er saß wie gelähmt da. Der Baum kam auf ihn zu, immer schneller und schneller - jetzt war er riesenhaft, nahm die ganze Sichtbreite ein. Im nächsten Augenblick hörte er einen mörderischen Krach - und dann war alles dunkel. Pechschwarze Nacht umgab ihn. Er sah, hörte und fühlte nichts mehr.

Viele Wochen lag er bewusstlos in der Klinik. Viele Wochen lang war er nicht ansprechbar. Er rang um sein Leben, und nur seiner zähen Natur hatte er es zu verdanken, dass er die Krise überwand. Eines Tages öffnete er die Augen wieder. Er konnte nicht glauben, was er sah! Er war also nicht tot, er lebte!

Er lag auf seiner eigenen Station, als Patient.

»Na, hat man wieder Lebensmut?« Sein Chef stand am Fußende des Bettes.

»Wieso?«, fragte er und wollte ein wenig lachen, aber die Lippen versagten den Dienst. Es tat höllisch weh. Und jetzt bemerkte er auch den Verband. Wie einer Mumie hatte man ihm das Gesicht bandagiert.

»Was ist geschehen?«

»Sie können sich noch an den Unfall erinnern?«

»Ja.«

»Gott sei Dank. Wir dachten schon, Ihr Gehirn hätte darunter gelitten. Sie zusammenzuflicken, hat wirklich viel Zeit in Anspruch genommen. Es gibt fast nichts, was an Ihrem Körper nicht gebrochen war.«

Lester dachte: Ich bin also nicht tot. Lydia hat sich verrechnet. Ich lebe!

Das Gesicht seines Gegenüber war sehr ernst.

»Das beste wird wohl sein, ich sage Ihnen alles, Doktor Barten.«

»Gibt es denn etwas, das ich wissen müsste?«

»Ihre Frau ist tot. Verbrannt.«

Lester schloss für Augenblicke die Augen. Lydia war tot! Lydia, nicht er! Sie hatte ihn töten wollen und war selbst getötet worden. Lester dachte: Ich kann es nicht ertragen, wenn sie mich jetzt bemitleiden. Das geht über meine Kraft. Mit wenigen Worten berichtete er dem Chef, wie sich alles zugetragen hatte. Der schaute ihn entsetzt an.

»Warum haben Sie mir nichts gesagt?«, rief Barten. »Sie kannten Lydia doch auch?«

»Sie, Sie waren so glücklich«, murmelte sein Gegenüber. »Ich dachte, Sie würden es mir nicht glauben. Ich konnte es einfach nicht.«

»Was ist mit meinem Gesicht?«

»Fühlen Sie sich heute nicht schon geschlagen genug?«

»Die Wahrheit!«

»Ziemlich starke Verbrennungen. Wir haben Hautübertragungen vorgenommen. Aber einige böse Kratzer werden wohl für immer zurückbleiben.«

»Also - Entstellung?«

Der andere wich seinen Augen aus. Er konnte jetzt nichts mehr sagen.

»Danke«, würgte Lester hervor.

Niemals mehr sprachen sie darüber. Er ließ alles geduldig über sich ergehen. Und als er zum ersten Mal sein Gesicht im Spiegel sah, fühlte er eine entsetzliche Schwäche in sich. Lydia hatte ihn gezeichnet. Nicht nur im Herzen, sondern auch im Gesicht. Er empfand abgrundtiefen Hass gegen alle Frauen. Nie mehr würde er wieder einer glauben können.

Als die Wunden so weit verheilt waren, ließ er sich diesen Bart stehen. Er verdeckte vieles, aber nicht alles. Lester hatte jetzt ein interessantes Gesicht, aber er war tief im Herzen verwundet. Berlin war ihn für alle Zeiten verleidet. Er konnte hier nicht mehr atmen, würde in dieser Luft ersticken. Er musste fort.

Es war sein Chef, der ihm eines Tages die Anzeige von Dr. Sondberg zeigte.

»Ich kenne ihn persönlich. Wenn Sie einverstanden sind, will ich ihm gern schreiben.«

»Ich wäre Ihnen sehr dankbar dafür«, sagte Dr. Barten mit versagender Stimme.

So war er also nach Amrum gekommen, in die kleine Privatklinik für todkranke Kinder!



3

Die Klinik lag zwischen Nebel und Norddorf, zwei kleinen Fischerdörfern auf Amrum. Direkt am Meer. Alle Zimmer waren so gebaut, dass man von ihnen aus das Meer sehen konnte. Es war eine wunderschöne Klinik, ganz im ostfriesischen Stil erbaut, aber innen hochmodern. Zur Zeit befanden sich ungefähr fünfzig Kinder in der Klinik. Ein riesiger Park gehörte dazu, an dessen Ende das Haus der Verwaltung stand. Sie hatten aber in der Regel nur wenig damit zu tun. Die Fäden liefen sozusagen unsichtbar zwischen beiden Häusern hin und her! Am Ende des Parks zum Strand hinunter, aber hoch genug, dass es nicht vom Hochwasser gefährdet war, lag sein kleines Häuschen. Hierhin verkroch er sich, wenn ihn die Vergangenheit wieder einmal zu sehr plagte und er mit Gott und der Welt haderte. Sein Hass auf Frauen wurde hier noch bestärkt. Ja, er empfand sie als abstoßend, als gemein, so dass es ihm Mühe bereitete, sich mit ihnen zu unterhalten.

Natürlich erkannte er sofort die Wesensart der Schwestern und spürte auch deutlich, wie man Jagd auf ihn machte, nur um des Vergnügens willen. Und das stieß ihn so sehr ab.

Waren sie nicht alle wie Lydia?

Er zog sich wie eine Schnecke in ihr Haus zurück und hoffte nur, man würde ihn in Frieden lassen.

Ein halbes Jahr brauchte er, bis er endlich ganz in Frieden auf dieser Insel leben konnte. Und seither hatte er sie auch nicht mehr verlassen. Ja, und dann waren da die Kinder, die er leidenschaftlich liebte. Aber da waren wiederum deren Mütter, die wiederum sein Hassbild verstärkten.

Reich, und teilweise berühmt, hatten sie Kinder, die dem Tode näher standen als dem Leben. Aber in ihre vornehme Welt passte der Tod eben nicht. Man wollte mit ihm nichts zu tun haben; er störte, wenn man sich dem ausschweifenden Leben hingeben wollte. Und weil das eben so war, mussten diese Kinder aus diesem Rahmen entfernt werden.

Natürlich sollte es ihnen an nichts fehlen - im Gegenteil. Wenn man zu Bekannten sagte: »Meine kleine Tochter oder mein kleiner Sohn befindet sich zur Zeit bei Prof. Sondberg, dann wusste man, die Eltern taten wirklich alles für ihre Kinder. Denn die Klinik war sündhaft teuer. Und nur wirklich reiche Leute konnten es sich leisten, ihre schwerkranken Kinder hierhin abzuschieben.

Die Kinder hatten alles, bekamen alles. Jeder Wunsch wurde ihnen erfüllt. Aber das, was sie jetzt am meisten brauchten, Mutterliebe und Nestwärme, das hatten sie nicht. Und Lester Barten verfocht außerdem die Meinung, dass auch die Kinder, so klein sie auch oft noch waren, die Todesnähe spürten und Angst davor hatten, allein gelassen zu werden. Sie hatten einen Kampf zu kämpfen, der so aussichtslos war. Er war der Meinung: Wenn man offen mit den Kindern darüber reden würde, dann würde man ihnen das Sterben leichter machen. Aber davon durfte man nicht reden. Das war strengstens verboten. Die Angestellten dieser Klinik mussten optimistisch bleiben, bis zum letzten Augenblick. Und dabei fühlte Dr. Lester ganz deutlich, wie schwer es den Kindern fiel. Die Augen flehten ihn an. Durch ein Lächeln wollte er jedem einzelnen zeigen: Ich bin bei dir, ich weiß alles, aber ich verlasse dich nicht.

Die Mütter wurden meistens von den Vätern geschickt, um nach ihren Kindern zu sehen. Oder man rief sie, wenn man wusste, dass es dem Ende zuging. Aber oft dauerte eben dieser Kampf länger, als man vorausgesagt hatte. Und sogar diese Zeit wurde ihnen dann zu lang. Die Insel, das Gästehaus - es lag ja so einsam. Zwischen den Mahlzeiten blieb nur ein Besuch unten am Meer.

Und so flüchteten sie nach der nahen Insel Sylt oder nach Hamburg. Oft kam es vor, dass man sie telegrafisch zurückrief und dann alles schon vorbei war, wenn sie wieder ankamen.

Lange Zeit konnte Lester es einfach nicht verstehen, dass Mütter so sein konnten. Er verzweifelte daran, wäre fast daran zerbrochen - aber dann sah er eines Tages im Geiste Lydia und ihre ganze, snobistische Bekanntschaft vor sich. Er lernte Geduld, er lernte sich selbst wieder aufzurichten, und er lernte die Kinder verstehen. Seine ganze, grenzenlose Liebe gehörte diesen hilflosen Geschöpfen. Er opferte sich buchstäblich für sie auf. Alles, aber auch alles tat er für sie, um ihre Leiden zu lindern, um sie zu trösten und aufzuheitern. Er war mehr in der Klinik als in dem kleinen Häuschen. Obwohl sein Dienst gar nicht so lange war.

Er konnte nicht einfach die Tür hinter sich zumachen und sagen: Morgen bin ich wieder dran, jetzt gehe ich, wenn er wusste, dass da noch ein kleines verzweifeltes Mädchen war oder ein Junge, der gerade angekommen war und vor Heimweh nicht einschlafen konnte.

Manchmal war er drauf und dran, alles hinzuwerfen und fortzulaufen. Oft gab es Stunden, in denen er sich sagte: Ich kann das nicht mehr. Ich halte es nicht mehr aus. Die Augen der Kinder lassen mich nicht mehr los.

Aber immer wieder blieb er, kündigte nicht, weil er eines wusste: Wenn er ging, dann hatten die kleinen Patienten gar keinen Menschen mehr, zu dem sie ihre Not tragen konnten. Er war ihnen alles: Arzt, Freund, Spielgefährte, Vater und Mutter. Die Kinder liebten ihn. Professor Sondberg und sein Kollege staunten. Waren die Behandlungen noch so schmerzhaft, wenn Dr. Barten sie vornahm, dann lächelten die Kinder und weinten nicht. Er musste ihnen doch auch wehtun. Aber sie lächelten.

Wenn er die kleinen Krankenzimmer betrat, dann war er ein großer, tapsiger Bär, und so fühlte er sich auch - groß und unfertig, mit einem zerfurchten Gesicht. Aber die Kinder liebten ihn, und in ihrer Liebe war kein Falsch. Sie war rein und köstlich, so wie seine Mutter ihn geliebt hatte.

Nein, eine Frau konnte er nicht mehr lieben. Und weil das so war, blutete sein Herz ständig. Er sehnte sich ganz tief im Herzen verzweifelt nach dieser Liebe, nach einem Wesen, dem er sich auch anvertrauen konnte. So wie die Kinder mit ihren Kümmernissen zu ihm kamen, so suchte er nach einem Menschen, dem er vertrauen, den er grenzenlos lieben durfte und der auch grenzenlos lieben konnte.

Weil er machmal nicht damit fertig wurde, suchte er eines Tages seinen Kollegen auf. Georg Wallberg hatte sich gerade zur Ruhe begeben wollen, als es laut an seine Tür klopfte. Er öffnete.

»Darf man noch stören?«

»Nanu, bei diesem Wetter noch draußen? Der Sturm ist mal wieder ganz hübsch. Passen Sie nur auf, dass Sie nicht ins Meer gepustet werden!«

Er hatte nur gelächelt. Das Salz lag auf seinen Lippen und machte sie spröde. Georg war immer zu Scherzen aufgelegt, und er mochte ihn, wohl, weil er selbst so schwerfällig war. Er kam, um Trost zu finden. Wallberg war auch Arzt und fühlte sofort, dass der andere sprechen wollte. Jetzt war die Stunde gekommen.

»Nehmen Sie vor dem Feuer Platz! Werfen Sie noch ein paar Scheite nach! Ich mach uns inzwischen einen steifen Grog. Den kann man jetzt gut vertragen.«

Wenig später saßen sie nebeneinander vor dem Feuer. Alkohol löst die Zunge, und plötzlich erzählte Lester ihm alles. Der Augenblick war da, er musste einmal mit einem Menschen über alles reden, sonst würde er noch daran ersticken. Wallberg ließ ihn ausreden, ohne ihn zu unterbrechen. Nur das Glas füllte er nach. Er fühlte jetzt, wie zerbrechlich sein Freund war, wie empfindsam seine Seele. Hart hatte man ihn gebeutelt. Kein Wunder, dass er jetzt Abscheu gegenüber den Frauen empfand.

Die halbe Nacht saßen sie vor dem Feuer und sprachen miteinander. Das Meer färbte sich schon wieder grau, als er sich erhob. Sie hatten Bruderschaft getrunken. In dieser Nacht hatte eine herzliche Freundschaft begonnen.

»Wirf mich hinaus, damit du dir noch ein paar Minuten Schlaf einheimsen kannst!«

»Leg dich doch drüben aufs Sofa! Dann schlafen wir um die Wette.« Er hatte ihn angelächelt.

Seither waren sie Freunde. Und Georg fragte ihn vorläufig nie: »Fährst du mit nach Sylt oder Hamburg?« Eines Tages wird er es tun, sagte er sich. Erst müssen die Wunden verheilt sein.



4

Irgendein Geräusch hatte Lester aufgeweckt. Erschrocken hob er den Kopf. Aber die Station war noch immer totenstill. Er hatte also wieder an die Vergangenheit gedacht und alles um sich herum vergessen. Ein Blick auf seine Uhr sagte ihm, dass es schon vier Uhr war. Um sechs Uhr würde der tägliche Kleinkram wieder beginnen. Obwohl er nicht geschlafen hatte, fühlte er sich doch nicht müde. Er erhob sich und verließ sein Zimmer. Schwester Marge war sofort da und sah ihn groß an.

»Ist etwas?« Sie lächelte ihn mit ihren puppenhaften Augen hinreißend an.

»Nein«, sagte er und wich ihrem Blick aus. »Ich geh nur mal kurz nach Britta schauen.«

»Soll ich mitkommen?«

»Nein. Ich werde Sie schon rufen, wenn ich Sie brauche.« Alles war brüsk und kalt hervorgestoßen worden. Er konnte sich eben nicht verstellen. Ein anderer hätte es vielleicht übertüncht, Lester nicht. Sein Herz lag offen in den Augen, aber man sah nicht, wie sehr er noch litt. Man hielt ihn allmählich für hochmütig und arrogant.

Während er über den stillen Flur ging, musste er daran denken, dass er jetzt Witwer war. Komisch war das Leben schon.

Vorsichtig öffnete er die weißlackierte Tür. Wie er es erwartet hatte, lag die kleine Britta wach. Ihre großen, blauen Augen sahen ihn lächelnd an.

»Hallo, Lester«, sagte sie mit schwacher Stimme.

Britta war erst sieben Jahre alt. Sie hatten eines Tages Freundschaft geschlossen. Man verstand nicht, wieso er sich von diesem kleinen Mädchen einfach Lester nennen lassen konnte.

»Hallo, Mäuschen, wie geht es?«

»Gut«, sagte sie mit matter Stimme. »Ich kann nur nicht mehr schlafen.«

»Warum hast du nicht geklingelt, Mäuschen? Ich hätte dir etwas gegeben, das weißt du doch.«

Für ein paar Sekunden schloss sie die Augen.

»Ich hasse die Spritzen«, sagte sie müde. »Ich wünschte, sie würden alle von der Welt weggezaubert.«

»Du hast aber wirklich lustige Wünsche, Mäuschen.«

Wieder blickte sie ihn an.

»Lester?« Ganz langsam kam jeder Buchstabe von ihren blutleeren Lippen.

»Ja?« Auf Zehenspitzen ging er näher und setzte sich auf ihren Bettrand.

Britta war schon seit einem Jahr in dieser Klinik. Sie hatte Blutkrebs und war dem Tode geweiht. Sie hatten alles getan, aber alles war zwecklos gewesen. Eine Rückenmarktransplantation kam nicht in Frage, weil kein geeigneter Spender in der eigenen Familie vorhanden war. Nur noch ein Wunder konnte das kleine Mädchen retten. Aber Lester wusste: Dieses Wunder gab es noch nicht. Man war in der Medizin sehr weit, und von Tag zu Tag wurden neue Dinge erforscht. Aber gegen diese Krankheit gab es noch immer kein Mittel.

Sie sah so schön aus, mit ihren blonden Haaren, den großen blauen Sternenaugen, dem durchsichtigen Gewebe ihrer Haut. Sie sah jetzt schon wie ein kleiner Engel aus. Manchmal schaffte es Lester nicht, hinzusehen und mied ihr Zimmer. Oft ging es einfach über seine Kraft, mit ihr zu sprechen, zu scherzen, ihre Augen zu sehen und dann zu wissen ... Nein, er durfte jetzt nicht mehr daran denken.

»Möchtest du heute aufstehen, Britta?«

»Ihre Fingerspitzen bebten leicht.

»Ich möchte schon«, sagte sie leise. »Aber ich glaube, ich verschiebe es noch ein wenig.« Sie sprach wie eine Erwachsene. Lester kam das Würgen an. Dies waren Augenblicke, in denen er seinen Beruf verfluchte. Am liebsten wäre er jetzt aufgestanden und hätte sich irgendwo verkrochen. Britta war so tapfer, so duldend.

»Britta?«

Irgendwie hatte er heute das Bedürfnis, ganz besonders nett zu ihr zu sein.

»Ja, Lester?«

»Nachher, ich meine, am Nachmittag habe ich frei. Da könnte ich dich im Rollstuhl mitnehmen - runter zum Meer. Möchtest du?«

Ihre Augen glänzten hell auf.

»Wirklich?«, flüsterte sie.

»Ja, es würde mir großen Spaß machen. Weißt du, du kannst so gut zuhören, wenn ich dir all den Quatsch von den Quallenkönigen und Elfen erzähle.«

Sie lächelte wieder.

»Vielleicht ist das gar kein Quatsch, vielleicht leben sie wirklich im Meer? Du hast doch selbst gesagt, das Meer ist tief. Niemand hat den Grund gesehen. Warum sollen sie dort nicht leben?«

»Ich danke dir, dass du so denkst«, sagte er feierlich. Dann deckte er sie behutsam zu und stand auf. »Versuch noch ein wenig zu schlafen! Es ist noch so früh, kleines Mädchen.«

»Ja.«

Als er an der Tür war, rief sie ihn noch einmal zurück. Er fühlte, dass sie etwas auf dem Herzen hatte. Schon seit ein paar Tagen fühlte er das. Deshalb hatte er ihr auch angeboten, sie ans Meer mitzunehmen. Er drehte sich langsam um.

»Ja?«

Britta, das kleine todkranke Mädchen aus schwerreichem Hause, lag matt in ihren Kissen. Das Atmen fiel ihr schwer. Ihr kleines Gesicht rötete sich dabei. Lester wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde. Diese Zwischenphasen würden immer kürzer werden. Ob sie je noch einmal allein laufen konnte, war eine Frage. Aber er hatte sich vorgenommen, ihr bis zuletzt alles so leicht und schön zu machen, wie es nur irgend ging. Weil sie noch immer nicht antwortete und die Augen geschlossen hielt, glaubte er schon, sie wäre jetzt wirklich eingeschlafen. Schon wollte er sich leise aus dem Zimmer stehlen. Aber da hörte er ihre kleine, matte Stimme: »Lester, bitte, sag meiner Mutter nichts!«

Wie festgenagelt blieb er auf der Stelle stehen. Seine Kopfhaut zog sich zusammen. Sein Herz erbebte. Er wusste, was sie damit sagen wollte. O du mein Gott, dachte er, und lehnte sich auf. Da verlangen sie von mir, dass ich schweige, nicht mit ihr über den Tod spreche, dabei weiß sie alles. Sie fühlt es! Dies ist ihre letzte Bitte. Britta will nicht, dass die Mutter gerufen wird, wenn sie stirbt. Sie will ohne Abschied sterben.

Er konnte sich jetzt nicht umdrehen und sie ansehen. Er konnte es einfach nicht, er würde seine Fassung verlieren.

»Versprich es mir, Lester!«

»Ich verspreche es dir«, antwortete er mit brüchiger Stimme.

»Ich habe dich sehr lieb ...« Jetzt konnte er nicht mehr. Das ging einfach über seine Kraft. Fluchtartig verließ der Arzt das Zimmer. Schwester Marge kam ihm entgegen.

»Sie waren so lange fort, da wollte ich nachsehen, ob mit Britta was ist.«

Er sah sie an, als wäre sie ein Gespenst.

»Sie schläft jetzt«, sagte er grob. »Ich möchte nicht, dass sie gestört wird.«

»Sehr wohl, Doktor Barten«, antwortete sie spitz. »Aber sollen wir nicht allmählich ihre Mutter benachrichtigen? Ich habe das Gefühl, dass es nicht mehr lange dauern wird.«

Lester starrte sie an.

»Das dürfen Sie mir noch überlassen, Schwester Marge! Ich werde Ihnen schon sagen, wann Sie es tun müssen.«

»Aber ...« Verwirrt starrte sie ihm nach. Da hatte er sie einfach stehenlassen - ging einfach davon.

Ihre Lippen wurden schmal. Er sah sich wohl hier schon als allmächtiger Chef! Professor Sondberg war auch nicht mehr der Jüngste, und das Gerücht ging um, dass er nach einem Partner suchte. Glaubte Barten, er sei dieser Partner? Na, dann würde sie aber nicht hierbleiben. Unter so einem Grobklotz zu arbeiten, war wirklich schwierig.

Lester Barten sah noch bei den anderen kleinen Patienten vorbei. Da waren mehrere Asthmakranke, denen die Luft hier sehr gut tat und die sich merklich erholten. Manchmal kam es auch vor, dass man Kinder als völlig geheilt entlassen konnte. Sie alle kamen erst auf der Insel an, wenn andere Ärzte sie aufgegeben hatten. Und dann mussten sie hier um die kleinen Leben kämpfen. Das jüngste Kind war im Augenblick vier und das Älteste sechzehn Jahre alt.

Obwohl es ihm furchtbar schwerfiel, hierzubleiben, so ging er doch nicht. Nur der Glaube, dass die Kinder ihn brauchten, ließ ihn auch weiterhin auf seinem Posten bleiben.



5

Sie stand am Fenster und schaute auf die Straße. Die Wohnung erschien ihr so tot und leer. Einsamkeit schlich sich herein. Und sie wusste, dass sie jetzt mit ihr leben musste. Mit einunddreißig Jahren würde sich ihr Leben nicht mehr verändern. Annelie Bergström überdachte ihr bisheriges Leben. Bis vor zwei Wochen hatte es noch einen Sinn gehabt, da hatte sie sich für den Bruder aufgeopfert, war ihm alles gewesen. Bis zuletzt hatte sie bei ihm ausgeharrt und ihm das Sterben leichtgemacht. Nun lag er auf dem Friedhof. Er hatte es überstanden, er braucht jetzt nicht mehr zu leiden. Sie war zurückgeblieben. Manchmal hatten sie über das Danach gesprochen. Wenn Martin verzweifelt und unglücklich gewesen war und gesagt hatte: »Ich ertrage es nicht mehr, dass du dich opferst, Annelie. Geh doch endlich! Bitte, ich flehe dich an ...« Dann hatte sie nur gelächelt und gesagt: »Aber wohin will ich denn gehen?«

»Du bist jung und gesund. Dir steht doch die ganze Welt offen, Annelie.« Danach hatte er dann eine Weile geschwiegen und später gesagt: »Versprich mir, nicht traurig zu sein, wenn ich tot bin. Du sollst dich dann nicht vergraben, dich nicht von der Welt zurückziehen. Du hast all die Jahre für mich gelebt - versprich mir, dass du dann alles nachholen wirst!« Und sie hatte ihm geantwortet: »Ich verspreche es dir, Martin.«

Dann war er beruhigt gewesen. Er hatte gespürt, dass es jetzt abwärts gehen würde. Jetzt gab es keinen Aufschub mehr. So sehr er sich vorher immer an das Leben geklammert hatte, so müde war er jetzt. Er wollte endlich sterben, Annelie freigeben. Manchmal, in seinen schmerzfreien Minuten, hatte er sich und Annelie gesehen, wie sie damals gewesen waren - vor sechs Jahren. Ach, hatte es wirklich einmal diese zauberhafte Zeit gegeben? Oder war es nicht schon viel länger her? Viel, viel länger? Eine Ewigkeit zum Beispiel, als sie jung gewesen waren, so voller Frohsinn. Sie hatten damals keine Sorgen gekannt. Das Erbe der Eltern würde reichen, um sie beide fertig studieren zu lassen. Sie hatten sich gemeinsam eine kleine Wohnung genommen. Diese Wohnung. Annelie hatte Medizin studiert, und er hatte später einmal Richter werden wollen. Alles hatte so klar und einfach vor ihnen gelegen, bis - ja, bis er die Schmerzen bekommen hatte. Der Arzt hatte ihn an einen Spezialisten überwiesen. Viele Ärzte hatte er in einem halben Jahr aufgesucht, weil er es einfach nicht hatte glauben wollen. Und so war das Vermögen schon zusammengeschrumpft, bevor sie mit dem Studium so recht angefangen hatten.

Muskelschwund. Mit anderen Worten, er war dem langsamen Siechtum ausgeliefert. Nach und nach würden alle seine Muskeln versagen, bis der Tod durch Lähmung der Atemmuskeln eintreten würde. Keiner der Ärzte hatte ihm sagen können, wie lange es dauern würde. Niemand wollte sich festlegen.

Als sie die Diagnose kannten, hatte Annelie sofort gesagt: »Du bleibst zu Hause, Martin. Ich werde dich pflegen.«

»Aber dein Studium?«, hatte er gesagt.

»Das ist jetzt nicht so wichtig. Wichtig bist du. Wir nehmen den Kampf auf, lassen uns nicht unterkriegen. Ich will alle Fachbücher darüber lesen, nichts unversucht lassen.«

Die ersten beiden Jahre hatten sie noch verbissen gekämpft, aber dann, als es immer schlimmer wurde anstatt besser, da hatten sie eingesehen, dass es sinnlos war. Und sie hatten versucht, das Beste aus ihrem Leben zu machen.

Annelie war ihm eine wundervolle Schwester gewesen. Sie hatte ihm alles geopfert: Studium, Jugend und Glück, mit einem Mann eine eigene Familie zu gründen. Und dann kam hinzu, dass sie kein Geld mehr hatten.

So war sie Übersetzerin geworden. Für Sprachen hatte sie schon immer viel übrig gehabt. Jetzt vervollkommnete sie ihre Kenntnisse. Anfangs hatte Martin ihr noch helfen können. Und da sie auch medizinisches Fachwissen besaß, hatte sie immer Aufträge genug. Manchmal schrieb sie auch kleine Bücher für Kinder. Nur so zum Spaß.

Martin war vor vierzehn Tagen gestorben. Sie hatte ihm versprechen müssen, nicht traurig zu sein, das Leben zu genießen. Im letzten Augenblick hatte er sie noch angefleht. Aber wie sollte sie das Leben genießen? Sie hatte keine Freunde mehr, keine Verwandten, nichts! Sie war total allein und verlassen. Sie, die Wohnung und die Arbeit gab es, sonst nichts!

Ja, so sah es mit ihr aus. Und sie wusste, die Einsamkeit würde sie umgarnen. Schrecklich war das, aber sie konnte sich nicht dagegen wehren. Und jetzt stand sie am Fenster und schaute auf die Straße, erhoffte sich von dort eine Abwechslung. Und sie kam tatsächlich, in Gestalt eines Postboten! Er klingelte bei ihr. Sie schrak zusammen. Das musste einfach ein Irrtum sein. Sie bekam nie Post. Ihre Arbeiten lieferte sie immer persönlich ab. Aber der Postbote irrte sich nicht. Er brachte einen Brief von ihrer früheren Freundin Gerda Berger.

Annelie wusste im ersten Augenblick nicht so recht, was sie damit anfangen sollte. Dann öffnete sie ihn. Gerda hatte von Bekannten erfahren, dass Annelies Bruder gestorben war.

»Ich möchte dich recht herzlich zu mir einladen. Vielleicht hast du Zeit? Du kannst bei mir wohnen. Ich habe hier eine kleine Wohnung. Und wenn ich frei habe, dann könnten wir im Meer baden. Einfach mal wieder beisammen sein und über vergangene Zeiten plaudern. Ich würde mich wirklich sehr darüber freuen, Annelie.«

War das vielleicht ein Fingerzeig? Sie hatte die ganze Zeit gegrübelt, wie sie ihre Trauer abschütteln konnte. Sie wusste ja genau, wenn sie sich ihr hingab, würde alles noch viel schlimmer werden.

Gerda lud sie ein! Alte Bilder stiegen in ihr hoch. Die liebe Gerda! Die Schulzeit hatten sie zusammen absolviert. Nach dem Abitur war Gerdas Mutter gestorben, so hatte sie eine Stelle annehmen müssen und konnte nicht studieren. Für sie war der Beruf sehr wichtig, denn sie wusste, dass sie keineswegs hübsch war. Deshalb erwartete sie auch gar nicht, dass sich je ein Mann für sie interessieren würde. Damals war sie auf diese Insel gegangen. Und jetzt war sie dort noch immer.

Gerda hatte Annelie damals brennend beneidet. Sie besaß ja in ihren Augen all das, wonach sie sich verzehrte: anmutige Schönheit, Geld, Studium und sogar so etwas wie Familie. Sie hatte den Bruder, den Gerda immer geliebt hatte. Martin hatte es nie erfahren.

Und jetzt war alles dahin. Glichen sie sich nicht auf eine besondere Art? Gerda war lieb und wollte ihr jetzt über die schweren Wochen helfen, die nach dem Tode des Bruders kommen mussten.

Annelie dachte eine Weile nach, und dann sagte sie sich: Warum soll ich dieses Angebot nicht annehmen? Ich kann dort genauso gut meine Arbeit verrichten wie hier. Und andere Luft wird mir guttun. Im Augenblick ist die Wohnung für mich eine Art Gefängnis. Hier erinnert mich alles an Martin.

Kurz entschlossen setzte sie sich hin und schrieb der Freundin einen Brief. Annelie wusste, dass sie sich das nicht erst lange überlegen durfte, dann würde sie es doch nicht machen. Wenn sie jetzt schon ihre Ankunft anmeldete, musste sie auch wirklich hinfahren.

Zwei Tage später saß sie in der Bahn, noch selbst ganz benommen. Diese beiden Tage waren so schnell vorübergegangen, dass sie gar nicht denken konnte. Mit dem Schiff würde man gegen Abend übersetzen.

Annelie erkannte die Freundin sofort. Sie hatte sich gar nicht verändert. Die beiden umarmten sich und lachten ein wenig.

»Du bist so schmal und zerbrechlich geworden, Annelie.«

»Ach«, meinte sie nur zögernd, »ist das so wichtig?«

»Du hast wohl nie an dich gedacht, nicht wahr?« Gerdas warmes Herz quoll über. Sie machte sich jetzt Vorwürfe, weil sie sich so wenig um die Freundin gekümmert hatte. Aber als sie damals von der Schwere der Krankheit erfahren hatte, da hatte sie einfach nicht die Kraft besessen, sie zu besuchen.

»Hoffentlich wird es dir hier nicht zu langweilig, Annelie. Manchmal ist es schon sehr einsam, weißt du? Besonders wenn alle Gäste die Insel wieder verlassen haben und wir uns auf den Winter vorbereiten müssen. Ich wohne in Nebel. Der Ort wird dir bestimmt gefallen.«

O ja, er gefiel ihr tatsächlich sehr gut, und auch die kleine, geschmackvoll eingerichtete Wohnung der Freundin. Sie hörten überall das Meer rauschen. Sie musste sich erst an dieses Geräusch gewöhnen.

Als sie ausgepackt und gegessen hatten, unternahmen sie den ersten Spaziergang hinunter zum Meer. Lange stand sie da und schaute über die spiegelglatte Fläche in die Ferne. Ganz hinten, wo Himmel und Meer miteinander verschwammen, sah sie ein Schiff. Aber es wirkte so winzig wie ein Spielzeugschiff, und die Freundin: »Es ist ein großer Dampfer. Früher wollte ich es auch nicht glauben. Aber mit der Zeit lernt man alles.«

Zum Schwimmen war es schon zu spät. Die Ebbe hatte eingesetzt. So begnügten sie sich mit einer kurzen Wattwanderung. Als sie wieder zu Hause angekommen waren - Annelie sollte im Wohnzimmer schlafen - sagte Gerda mit herzlicher Stimme: »Also, ich würde mich freuen, wenn du recht lange hierbleiben würdest. Wenn dich nichts nach Hause zieht, so bleib doch den Winter über hier.«

»Du bist sehr lieb zu mir, aber das kann ich nicht annehmen, Gerda. Ich falle dir bestimmt bald zur Last.«

»Nein. Ich habe mir schon immer einen Gast gewünscht. Ich freue mich wirklich Annelie. Sind wir denn nicht Freundinnen, noch immer?«, setzte sie leise hinzu.

»Hast du denn keine Bekannten hier?«, fragte sie erstaunt. Gerda lebte ja schon so lange hier.

»Nein«, sagte die ruhig. »Ich bin die graue Maus, weißt du? Das war ich ja immer und werde es auch bis zu meinem Tode bleiben.«

Annelie schwieg bedrückt. Sie wusste, dass sie eine alte Wunde berührt hatte.



6

Es war schön auf der Insel. Annelie empfand Frieden. Sie war jetzt viel ruhiger und gelassener geworden. Martin war tot, ja, aber sie fühlte nicht mehr so einen heftigen Schmerz in der Brust wie zu Anfang. Zuletzt war das Leben für ihn doch nur noch eine Qual gewesen. Ganz allein durchstreifte sie die Insel. Oft war sie stundenlang unterwegs. Dann trug sie alte Hosen und einen Pullover, denn am Meer war es immer ziemlich frisch. Ihr blondes Haar wehte um die blasse Stirn. Die Sonne hatte nicht mehr ihre ganze Kraft, und sie wurde nur zögernd braun. Aber darauf kam es ihr auch überhaupt nicht an.

Am Tage musste die Freundin ins Büro, und dann ging sie allein spazieren, einmal zwischen den Dünen, ein andermal ins Watt. Aber sie wagte sich nie weit hinaus. Am liebsten aber ging sie gen Norden der Insel. Genau an der Spitze der Insel befand sich das Vogelschutzgebiet, ganz in der Nähe der Insel Föhr. Bei klarem Wetter konnte man sie sehr gut sehen.

Sie betrat das Schutzgebiet nie direkt, sondern ging am Rande entlang, saß auf einem der dicken, grauen Steine und beobachtete still die Vögel. Sie kannte die Arten nicht und wunderte sich jeden Tag von Neuem über die Vielfalt ihrer gefiederten Freunde. Dieses Schauen und Betrachten machte sie ruhiger, ließ sie ihren inneren Seelenfrieden zurückgewinnen. Darüber konnte sie mitunter Zeit und Stunde vergessen. Das Meer lag zu ihren Füßen, und sie hörte die Möwen schreien. Manchmal, auf dem Weg zum Schutzgebiet sah sie auch ab und zu Familien: Frauen und Männer mit ihren Kindern. Und dann fühlte sie einen tiefen Stich im Herzen. Aber sie konnte das Schicksal nicht ändern. Wäre sie krank geworden, so hätte sich der Bruder für sie aufgeopfert.

Dann ging sie ziemlich rasch und achtete nicht darauf, wohin sie ging. So kam es, dass sie eines Tages mit einem Mann zusammenstieß. Auch er musste nicht auf den Weg geachtet haben. Er kam von einer ganz anderen Seite, aber sein Ziel war auch das Vogelschutzgebiet. Sie prallten so heftig zusammen, dass Annelie sich unwillkürlich an ihm festhalten musste, sonst wäre sie zurückgeprallt.

»Entschuldigen Sie«, stammelte sie verwirrt und sah in ein paar braune Augen.

»Ich muss um Entschuldigung bitten«, hörte sie eine raue Stimme.

Sie standen sich gegenüber. Lester sah sie stirnrunzelnd an. Dann machte er abrupt kehrt und ging weiter. Annelie sah ihm eine Weile nach, dann ging auch sie, einen anderen Weg einschlagend. Schon bald hatte sie den Vorgang wieder vergessen.

Ihr Lieblingsplatz!, die grauen Steine im Schilf, war leer. Jeden Tag lagen diese Steine in der Sonne und schienen auf sie zu warten. Sie setzte sich und lächelte. Eine kecke Möwe stand direkt vor ihrer Schuhspitze und beäugte sie ungeniert.

»Wenn du Hunger hast, dann musst du dir was suchen«, sagte sie freundlich. »Ich habe nichts für dich.«

Die Möwe spreizte ihre Flügel und flog davon - scharf über den Kopf des Mannes, der ihn gerade aus dem Schilf hob. Erstaunt hatte er sich hochgereckt, als er die Stimme hörte. Es passte ihm ganz und gar nicht, dass die Fremde hier war. Dies war sein Reich. Hierhin ging er immer, wenn er Trost suchte, Balsam für seine wunde Seele. Und jetzt wurde er gestört.

Unwillkürlich ging sein Blick zu der Frau. Sie war gertenschlank, mittelgroß, hatte blondes, ungefärbtes Haar - und jetzt, als sie den Kopf herumbog, sah er auch, dass sie graue Augen hatte. Sie konnte ihn nicht sehen, denn er war vom Schilf verdeckt.

Vielleicht, dachte Dr. Barten, geht sie wieder fort, wenn ich mich ganz still verhalte. Und dann bin ich endlich allein.

Aber die Zeit verstrich. Annelie ahnte ja nicht, dass sie hier ein Störenfried war. Über zwei Stunden blieb sie in den Dünen. Dann erst erhob sie sich, denn sie hatte der Freundin versprochen, sich um das Abendessen zu kümmern. Sie ging fort, und Dr. Barten schaute ihr nach.

Merkwürdiges Mädchen, dachte er. Es ist noch nie passiert, dass jemand so lange freiwillig reglos hier ausgeharrt hat. An sich selbst dachte er gar nicht. dass auch andere Menschen das Bedürfnis haben könnten, darauf kam er nicht. Vielmehr glaubte er jetzt allen Ernstes, sie wäre wie andere Frauen und hätte dort so lange ausgeharrt, um ihn wiederzusehen. Er war verstimmt. Der Spaziergang hier heraus hatte ihm diesmal nicht das gegeben, was er sich erhofft hatte: Frieden!

Doch seine Zeit war eingeteilt. In einer Stunde musste er den Dienst antreten. Und bis zur Klinik war es weit. Auf dem Wege dorthin sah er die Fremde nicht mehr.

Annelie hatte in Nebel eingekauft und brutzelte jetzt in der kleinen Küche. Nun war sie schon vierzehn Tage hier, und sie dachte nicht daran, fortzugehen. Alles war so schön, als müsste es einfach so sein. Sie war auch recht fleißig. Denn Geld brauchte sie ja. Und sie hatte Aufträge, die eingehalten werden mussten. Man wartete auf ihre Arbeit. Und das war gut so, denn so kam sie nicht so viel zum Nachdenken.

Gerda kam nach Hause. Sie machte ein sehr besorgtes Gesicht, schien erregt zu sein und hörte gar nicht hin, wenn Annelie etwas fragte.

»Was ist mit dir? Hat es Ärger im Büro gegeben, Gerda?«

»Nein, nein, das nicht.«

»Du hast doch etwas? Willst du es mir nicht sagen, Gerda? Vielleicht kann ich dir helfen.«

Gerda schaute sie an.

»Ich weiß es nicht. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll. Und sie hat doch geschrieben, sie braucht mich. Ich ...«

»Wer hat geschrieben?«

»Meine Schwester Agnes. Du kennst sie doch. Sie lebt im Schwarzwald. Sie muss sich einer Unterleibsoperation unterziehen. Zuerst hatten wir angenommen, sie könnte es noch aufschieben bis zum Winter. Dann hätte ich meinen Urlaub. Aber jetzt muss sie sofort ins Krankenhaus, und sie weiß jetzt nicht, wer ihre Kinder versorgen könnte.«

»Und du hattest zugesagt, im Winter zu ihr zu fahren?«

»Ja.«

»Dann musst du eben jetzt fahren. Man wird doch Verständnis dafür haben, Gerda. Du musst mit deinem Chef sprechen.«

»Aber sie brauchen mich jetzt. In der Klinik wird doch umgebaut. Der Schriftkram, die Bestellungen, alles geht doch über die Verwaltung. Wir machen jetzt sogar hin und wieder Überstunden. Zum Winteranfang muss jetzt alles fertig sein. Ich kann nicht fort. Es wäre so unfair, die Kollegen müssten dann noch mehr arbeiten.«

»Sie müssen so lange eine Aushilfskraft einstellen«, sagte Annelie resolut. »Du musst reisen, das steht fest.«

»Wir leben in keiner Großstadt, Annelie, sondern auf einer Insel. Da kommt es auf jeden an. Da kann man ihn nicht so schnell auswechseln oder ersetzen. Und jetzt in der Urlaubszeit schon gar nicht.«

Annelie sagte sich: Gerda hat mir geholfen, jetzt muss ich ihr auch helfen.

»Hör mal, kann ich dich denn nicht vertreten? Schreiben, das kann ich ja - und Büroarbeit? Wenn du mir alles zeigst, meinst du nicht, dass sie mit mir als Ersatzkraft einverstanden wären?«

Gerda sah sie an.

»Das würdest du wirklich tun? Aber du sollst dich doch hier erholen und nicht arbeiten.«

»Wenn ich dir helfen kann, tue ich es gern. Dann hängen wir die Erholung eben hinten dran, das geht alles.«

»O Annelie, du bist ein Engel! Du bist der Retter aus der Not. Natürlich kannst du das lernen. Du bist mir ja um so vieles voraus. All die medizinischen Fachausdrücke, die ich nachschlagen muss, die hast du doch im Kopf. Oh, wenn du das tun möchtest, ich wäre dir mein ganzes Leben lang dankbar.«

»Ich bitte dich, Gerda, das ist doch selbstverständlich.«

Am nächsten Morgen stellte Gerda ihrem Chef die Freundin vor. Er war mit der Vertretung einverstanden, und Gerda zeigte ihr alles. Einen Tag später fuhr sie mit dem Schiff zum Festland hinüber.



7

Annelie strengte sich an, eine gute Bürokraft zu sein. Es ging anfangs ziemlich turbulent zu, aber dann hatte sie die Arbeit im Griff. Außer der Sachen, die mit dem Anbau zu tun hatten, gingen auch sämtliche Bestellungen durch ihre Hände - angefangen von neuen medizinischen Geräten, wie auch Medikamente. Oft wurden noch Fachärzte hinzugezogen, die dann auch wieder neue Bestellungen aufgaben. Professor Sondberg war dafür bekannt, dass er nichts unversucht ließ. Deshalb war seine Behandlung auch so teuer. Aber Hamburg war nicht weit. Mit dem Hubschrauber konnte jede Fachkraft eingeflogen werden. In Hamburg war ein großes Zentrum für Medizin errichtet worden.

Lester hatte schon seit Tagen eine bestimmte Medizin für den kleinen Kurt bestellt. Bis jetzt war sie noch nicht eingetroffen. Nach der Visite sagte er daher zu einer der Schwestern: »Ich geh mal rüber in die Verwaltung. Vielleicht hat man dort vergessen, sie zu bestellen.«

Um die Verwaltung zu erreichen, musste er quer durch den riesigen Park gehen. Dabei kam er auch an dem wunderschön angelegten Spielplatz vorbei. Aber hier hielten sich nur ganz selten einige Kinder auf. Die meisten waren schon so krank und schwach, dass sie nicht mehr spielen konnten. Aber der Professor hatte eben an alles gedacht. Er sagte zu seinen Ärzten: »Ich weiß, dass der Spielplatz kaum benutzt wird. Aber schon die Tatsache, dass er vorhanden ist, ist wichtig. Und ich möchte, dass er den Kindern immer wieder gezeigt wird. Sie sollen denken, wir rechnen mit ihrer Gesundung, sollen hoffen, dass sie bald dort spielen können. Das ist ein Teil meiner Behandlung. Daheim sind sie quasi schon abgeschrieben. Das wissen wir alle. Aber hier sollen sie das Gefühl haben, dass wir um ihr Leben kämpfen, sie nicht schon aufgegeben haben und nur das Nötigste tun. Nein, sie sollen bis zum letzten Augenblick das Gefühl haben, dass wir sie gern haben, sie immer bei uns haben möchten.«

Lester musste jetzt daran denken, als er über den verwaisten Spielplatz ging, um seinen Weg abzukürzen. Im Geist sah er Britta vor sich. Gestern war er mit ihr am Meer gewesen. Das hatte ihr viel Spaß gemacht. Und sie hatten sich Geschichten erzählt. Besonders gern hatte sie es, wenn man ihr vorlas. Auch dazu waren die Schwestern angehalten worden. In keiner Klinik war so viel Personal wie hier. Sie wollten sich jedem einzelnen Patienten widmen können. Sie hatten also Zeit genug, um ihnen etwas vorzulesen. Aber viele Schwestern hatten einfach keine Lust dazu. Die meisten waren nicht hier, weil sie es als eine wichtige Aufgabe ansahen, diesen Kindern ein wenig Sonnenschein zu geben, sondern sie sahen nur den hohen Lohn, den sie bei Professor Sondberg erhielten. Viele machten es sich sehr bequem. Sie schoben ihre kleinen Patienten mit dem Rollstuhl durch die Gegend. Aber dann unterhielten sich die Schwestern untereinander über den neuesten Klatsch. Und die Kinder saßen stumm da und schauten vor sich hin.

Lester Barten hatte das kleine Verwaltungsgebäude erreicht. Es war wie die Klinik ganz im Stil dieser Insel erbaut worden, mit Reetdach und Fachwerk. Alles sah hier so friedlich und schön aus. So mancher Urlauber, der hier vorbeischlenderte, bewunderte die Anlage und hielt sie oft für die Villa eines Millionärs. Nur die wenigsten wussten, was das hier war.

Kurt litt an einer rätselhaften Knochenkrankheit. Sie hatten schon so viele Fachärzte auf die Insel geholt. Aber auch sie konnten diese Krankheit nicht enträtseln. Es kam immer wieder vor, dass die Ärzte mit einer Krankheit konfrontiert wurden, deren Entstehung sie nicht ergründen konnten, von der sie nur eines wussten: Wenn nicht schnellstens etwas geschah, dann musste der kleine Patient sterben.

Kurt mit seinen neun Jahren war ein aufgewecktes Kerlchen. Er war der einzige Sohn eines reichen Fabrikanten. Die ganze Hoffnung seines Vaters lag auf ihm, und jetzt war er krank. Er konnte einfach nicht begreifen, dass man mit Geld nicht alles kaufen konnte. Der Vater stellte sich gegen diese Krankheit. In der ganzen Welt suchte er nach einem Arzt für seinen Jungen. Vergebens! Lester hatte vor einigen Tagen einen Artikel aus Amerika gelesen. Dort war ein ähnlicher Fall auf getreten. Und die dort behandelnden Ärzte beschrieben, wie sie dagegen angegangen waren. Zwar hatten sie die Krankheit nicht beheben können, aber stoppen. Und das war oft auch sehr wichtig. Hatte man erst einmal eine Krankheit im Griff, dann konnte man weitersuchen. Dann hatte man eine winzige Chance, das Kind zu retten. Und dieses Medikament sollte von Amerika eingeflogen werden. Professor Sondberg hatte die Genehmigung dazu erteilt.

Man verwies Dr. Barten weiter zu Zimmer 4. Er stand nun davor und las das Türschild. Darauf stand der Name Gerda Berger. Er klopfte kurz an und betrat sofort den Raum. Wie groß waren seine Verblüffung und sein Erstaunen, als er hier die Fremde vom Strand wieder traf!

Auch Annelie erkannte ihn sofort.

Lester sah ihre grauen Augen, den feinen Mund und den herben Zug darum. Er fühlte sich unwillkürlich zu diesem seltsamen Mädchen hingezogen. Sie hatte etwas an sich, er konnte einfach nicht sagen, warum ihm so seltsam war. Aber unwillkürlich fühlte er, wie das Rot in seine Wangen stieg. Und er war in diesem Augenblick froh, dass er einen Bart trug. Er konnte ja nicht ahnen, dass auch Annelie ein wenig verlegen war.

»Kennen wir uns nicht schon?«, fragte sie mit schwacher Stimme.

»Ich glaube schon.« Aber dann, um sich nicht zu verraten, setzte er barscher hinzu, als er beabsichtigte: »Ist die Bestellung hinausgegangen? Ich warte schon darauf.«

»Würden Sie mir bitte noch einmal sagen, worum es sich handelt? Dann sehe ich sofort nach.«

Lester war gewöhnt, alles aufzuschreiben. Sonst verstand man die Bezeichnungen der Medikamente nicht, die oft einen sehr komplizierten Namen hatten. Er schob ihr das Zettelchen zu. Ruhig nahm sie es, ging damit zur Kartei und sah nach. Dann sagte sie: »Es ist sofort bestellt worden, sogar per Eilboten. Aber es ist noch nicht eingetroffen.«

»Ah so«, sagte er, denn er hatte fest damit gerechnet, dass man es versäumt hatte. »Würden Sie mir bitte sofort Bescheid geben, wenn das Medikament da ist?«

»Ich werde es selbstverständlich sofort hinüberbringen«, entgegnete sie freundlich.

Dr. Barten wollte sagen: Das brauchen Sie doch nicht zu tun. Ich erwarte ja gar nicht, dass Sie den Boten spielen. Aber er sagte es nicht.

»Gut«, sagte er stattdessen nur.

Dann hatte er das Zimmer schon wieder verlassen. Annelie sah ihm nach.



8

Am Nachmittag, mit dem letzten Schiff, kam das Medikament an. Und so machte sich Annelie wenig später auf den Weg, es in die Klinik zu bringen. Ihre Arbeit war für heute ohnehin beendet, und einen kleinen Spaziergang durch den Park hatte sie sich schon lange vorgenommen.

Als sie in der vornehmen Eingangshalle stand, wusste sie nicht, wohin sie sich wenden sollte. Doch im gleichen Augenblick kam Schwester Marge die Treppe herunter. Sie rümpfte die Nase.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

»Ich bringe das Medikament für Dr. Barten. Er wartet darauf, es ist, glaube ich, sehr dringend.«

Schwester Marge bildete sich auf ihren Beruf sehr viel ein, und sie konnte es nicht vertragen, wenn andere klüger waren. Und dieses Mädchen gefiel ihr gar nicht.

»Was hier wichtig ist und was nicht, das werden Sie uns wohl überlassen, oder!«, entgegnete sie hochmütig. Annelie fühlte den Hieb und wurde rot. Sie legte das Päckchen auf den Tisch und entfernte sich.

»Wer sind sie überhaupt?«, rief die Schwester ihr nach.

Nun wurde sie auch brüsk und sagte nur: »Ich komme aus der Verwaltung.«

Aber dann hatte sie das Haus schon verlassen. Schwester Marge steckte das Medikament in die Kittelschürze und ging fort. Sie vergaß es. Erst am Abend, als sie den Kittel auszog, fühlte sie es wieder, und nun bekam sie doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Um keine Rüge zu bekommen, legte sie es einfach im Schwesternzimmer auf dem Schreibtisch. Wenn Dr. Barten es suchte, würde Schwester Ursula sich eine Ausrede ausdenken müssen.

Nachdem Annelie das Medikament abgegeben hatte, ging sie mit gemischten Gefühlen zurück. Sie konnte die kalten Augen der Schwester nicht vergessen. Von Gerda wusste sie um all die vielen kleinen Schicksale, und sie fragte sich jetzt, wie die Schwester so kalt sein und gleichzeitig solche Kinder um sich haben konnte. Musste sie nicht Liebe verströmen? Aber sie war ja hier nur Gast und hatte nichts zu sagen. Eigentlich sollte es ihr auch gleich sein. Vielleicht war sie nur so empfindsam, weil sie durch den Bruder wusste, wie wichtig ein liebes Wort und ein Lächeln waren, wenn man so krank war.

Sie ging den gleichen Weg wie am Morgen Dr. Barten, aber das wusste sie nicht. Und als sie um die Ecke bog und über den Spielplatz gehen wollte, sah sie ihm Schatten einen kleinen Rollstuhl stehen. Ein kleines Mädchen saß darin. Ihr musste wohl das Buch auf die Erde gefallen sein. Jetzt versuchte es verzweifelt, es wieder aufzuheben, aber sie war so schwach. Und dann waren die Arme auch nicht lang genug.

Annelies Herz krampfte sich zusammen, als sie das kleine erschöpfte Gesicht sah. Es war keine andere als Britta. Lester hatte sie vor einer Stunde hier herausgefahren, hatte ihr geduldig ein wenig vorgelesen und war dann ins Haus zurückgerufen worden. Er hatte ihr gesagt: »Ich komme gleich wieder, Britta. Dann lese ich weiter.« Er hatte das Buch auf die daneben stehende Bank gelegt. Aber es dauerte lange, bis er zurückkam, und da hatte sich Britta die Bilder ansehen wollen. Bei dem Versuch, das Buch von der Bank zu nehmen, war es ihren schwachen Händen entglitten.

»Darf ich dir helfen?«, hörte sie da eine freundliche Stimme.

Britta wandte den Kopf und erblickte Annelie.

»Oh, wenn Sie so lieb sein möchten«, sagte sie erleichtert. »Ich schaffe es einfach nicht.«

Annelie bückte sich und hob das Buch auf. Dabei fiel ihr Blick auf den Titel.

»Ach«, sagte sie und lachte leise auf. »Schau mal, das gleiche Buch hab ich auch gehabt, als ich so alt war wie du! ,Nesthäkchen im Kinderheim.‘ Kennst du auch die anderen Bücher?«

Britta lächelte und sagte: »O ja, zwei Bücher haben wir schon durchgelesen, jetzt beginnen wir dieses.«

»Weißt du auch, dass dieses Buch auf dieser Insel spielt? Grad hier, wo wir jetzt sind?«

»Wirklich?«, lächelte Britta. »So weit sind wir noch nicht. Nesthäkchen ist gerade krank geworden, da musste er abbrechen und in die Klinik ...« Die Kleine seufzte schwer und sagte mit zarter Stimme: »Ach, ich hätte schon gern noch lesen gelernt. Es muss schön sein, alles lesen zu können, ohne zu warten, bis jemand Zeit hat.«

Annelies Herz krampfte sich zusammen. Sie verstand sofort, was das kleine Mädchen damit sagen wollte.

Lester Barten war zurückgekommen. Jetzt stand er hinter der Rosenhecke und lauschte. Als er die Stimme des fremden Mädchens gehört hatte, war er nicht weitergegangen. Er wollte sie nicht schon wieder sehen. Besser war wohl, er ging ihr aus dem Wege. Doch jetzt, als er Brittas Sehnsuchtsstimme vernahm, war sein erster Impuls, zu ihr zu gehen, sie zu trösten. Aber da hörte er wieder die Stimme der Frau: »Weißt du, ich fand es immer herrlich, wenn jemand vorlas. Wenn man nicht selbst liest, dann kann man so schön träumen und sich alles ganz genau vorstellen. Wenn man aber selbst lesen muss, und man noch klein ist, dann kann man das natürlich längst nicht so prima wie die Erwachsenen; dann dauert das so furchtbar lange, weißt du? Meine Mutter hat mich eines Tages durchschaut und gesagt: »Jetzt weiß ich auch, warum du nicht lesen lernen willst.«

Britta musste lachen.

»Ja«, sagte sie, »wenn Lester mir vorliest, dann ist das auch immer sehr schön. Er kann sogar seine Stimme verstellen, und wenn er wie Nesthäkchen spricht, dann ist das so lustig.

Annelie wusste natürlich nicht, wer Lester war. Und sie ahnte auch nicht, dass er hinter den Rosenbüschen stand und alles hörte. Sie hatte sich auf die Bank gesetzt und fragte das kleine Mädchen: »Wie heißt du?«

»Britta!«

»Britta, darf ich mal das Buch sehen? Es ist schon so lange her, dass ich es gelesen habe. Zeig mal.« Schon blätterte sie darin. Ihre eigene Jugend stieg wieder vor ihre Augen.

»Weißt du«, sagte sie lachend, »in den späteren Büchern von Nesthäkchen ist sie auch einmal in Tübingen. Ich bin auch selbst dort gewesen, und ich hab mir die ganze Zeit vorgestellt: Nesthäkchen ist auch hier, hier war sie bestimmt. Alles war genau so, wie es im Buch steht. So wie hier auf der Insel. Sie ist auch einmal nach Nebel gewandert. Eigentlich sollte sie gar nicht mitkommen, weil sie so unordentlich war, aber dann hat ihre Freundin ihr geholfen. Wo hier das Lesezeichen ist, kennst du das Buch so weit? Soll ich ein wenig weiter vorlesen?«

»Ach ja, bitte«, sagte das Kind sehnsüchtig.

Und Annelie begann vorzulesen. Sie sah dabei, wie sich die Augen des Kindes verklärten; und sie fühlte sich froh und glücklich. War sie doch noch zu etwas nütze. Jemand brauchte sie noch, und wenn es auch nur für diesen Augenblick war.

Die Welt um sie herum vergaß sie ganz. Sie dachte nicht mehr daran, dass sie zum Strand wollte. Sie las und las, und ein Mann stand noch immer hinter der Rosenhecke und lauschte. Dass sie sich mit dem kleinen Mädchen abgab, fand er so einmalig und schön. Und wie weich ihre Stimme klang. Sie lullte auch ihn ein. Er merkte gar nicht, wie ihm die Füße langsam einschliefen.

Annelie hatte wohl über eine halbe Stunde vorgelesen, als ihr die Puste ausging. Auch war es jetzt empfindlich kühl geworden und gewiss würde man gleich das kleine Mädchen in die Klinik zurückholen.

»Das war schön«, sagte Britta und reicht ihr die schmale, durchsichtige Hand. »Du bist sehr lieb!«

Annelie lächelte sie herzlich an. »Wenn du möchtest, komme ich morgen wieder und lese weiter.«

»Ja?«

»Ja, ich werde ganz bestimmt kommen. Aber jetzt muss ich gehen. Auf Wiedersehen, Britta!«

»Auf Wiedersehen!«

Als sie fort war, kam Lester.

»O Lester, ich habe eine sehr liebe Dame kennengelernt!«

»Das freut mich«, sagte er ein wenig rau.

»Sie will morgen wiederkommen.«

»Dann muss ich dich ja morgen wohl auch wieder hinausbringen, wie?« Es sollte lustig klingen, aber etwas anderes schwang in seiner Stimme mit, und das bemerkte das Kind sofort. Bis jetzt hatte sie ihn grenzenlos geliebt, und diese Liebe hatte ihn für vieles entschädigt. Nun war ein anderer Mensch gekommen. Britta schaute ihn an.

»Oh, Lester, du bist mir doch nicht böse? Ich meine doch nur, weil du doch immer so wenig Zeit hast ... Ich dachte, es würde dich freuen, wenn jemand anderer mir vorliest.«

»Ach, Kleines, natürlich freue ich mich für dich.«

Er brachte sie in ihr Zimmer zurück. Dann musste er sich um die anderen kleinen Patienten kümmern. Auf seiner Station lagen jetzt dreißig Kinder. Zu Anfang hatte man sie einzeln gelegt, aber dann hatte man fest gestellt, dass sie sich wohler fühlten, wenn sie nicht allein waren. Nur wenn sie wirklich sehr viel Ruhe brauchten, wie Britta, dann legte man sie in ein Einzelzimmer.

Am Tage ging es ihr oft recht gut, aber als Arzt wusste er, dass das ein kurzes Aufflackern war. Er hing mit solcher Liebe an dem Kind, als wäre es sein eigenes. Gerade Britta war das Kind, das es am schlimmsten getroffen hatte. Die Mutter war eine berühmte Schauspielerin. Als die Kleine noch gesund gewesen war, hatte sie das Kind viel auf Reisen mitgenommen, aber nicht, um es bei sich zu haben, um es lieb zu haben - nein, um es immer wieder vorzeigen zu können, wenn man es verlangte. Wenn Fotografen in der Nähe waren, spielte sie die rührende Mutter. Diese Bilder gingen dann um die ganze Welt. Als Britta dann krank geworden war, hatte sie das Kind sofort hierhergeschickt. Jetzt konnte sie sagen: »Mein Kind ist bei Professor Sondberg. Ich tue ja alles, damit mein Spätzchen recht bald wieder gesund wird.« Sie verschwieg die Schwere der Krankheit, denn der Tod passte nicht in ihren Lebenskreis. Sie schickte Pakete, die sie bei Geschäften in Auftrag gab. Hin und wieder ging auch mal eine Karte ein, aber selbst kam sie vielleicht alle halbe Jahre. Obwohl Doktor Barten ihr vor längerer Zeit einen ausführlichen Brief geschrieben hatte, hatte sie sich bis jetzt nicht sehen lassen.

Die anderen Kinder erhielten noch hin und wieder Besuch. Wenn sie schon älter waren, schrieben auch manchmal die Freunde, Großmütter oder Tanten. Sie waren nicht so grenzenlos alleingelassen wie die kleine Britta. Sie war ein Engel und musste doch so sehr leiden.

Manchmal verfluchte der Arzt alles, was mit Krankheit zu tun hatte. Er verstand Gott nicht mehr. Wenn er wirklich so gütig war, wie die Kirche sagte, wie konnte er da zulassen, dass ein so kleines Geschöpf so unendlich leiden musste?

Immer wieder musste sie sich diesen quälenden Behandlungen unterziehen, nur um das Leben ein wenig zu verlängern. Manchmal fragte er sich, ob es überhaupt noch tragbar war, was sie taten. Sterben musste sie doch! Warum sollte man ihr da nicht die letzten Tage und Wochen oder vielleicht auch noch Monate leichter machen? Aber wenn er das auch mit dem Herzen dachte, klammerte er sich selbst an diese Behandlung. Dadurch wurde der Tod hinausgeschoben. Und es konnte sein, dass jetzt, gerade in diesem Augenblick, irgendwo auf dieser Welt ein Ärzteteam oder ein Forscher die Medizin für diese Krankheit entdeckte? Und dann könnte man sie noch retten.

Lester wusste, dass er Britta nicht so sehr lieben durfte. Wenn sie fortging, würde wieder diese schreckliche Leere in ihm sein.

An diesem Abend ging er wieder spät fort. Jetzt war er immer noch auf der Station. Ziemlich viel Ärger hatte es gegeben, als er die Medizin für Kurt so spät erhielt. Er forschte nach. Schwester Marge ahnte nicht, dass Barten gewusst hatte, dass man die Medizin sofort in die Klinik bringen wollte.

»Hat das Fräulein nicht gesagt, wie dringend ich darauf schon warte?«

»Schon«, sagte sie spitz, »aber ich dachte, sie erlaubte sich, es einfach zu sagen.«

»Es einfach zu sagen?«, brüllte er zurück. »Sie hielten sich mal wieder für zu stolz, Schwester Marge, wie!«

Brennende Röte schoss ihr ins Gesicht. Das fand sie wirklich stark. Noch kein Arzt hatte je gewagt, sie zu rügen. War sie hier doch so eine Art Oberschwester.

»Wollen Sie vielleicht damit andeuten, dass ich meinen Posten nicht gut genug ausfülle?«, sprach sie ätzend.

»Ja«, sagte er grob. »Wie kann man nur Schwester werden, wenn man kein mitleidiges Herz hat!«

Sie rannte davon. Später hatte sich Dr. Barten Vorwürfe gemacht. Aus Sorge um den kleinen Kurz hatte er etwas gesagt, was er gewöhnlich nie ausgesprochen hätte. Aber dann sagte er sich: Es war die Wahrheit, und die Schwester hat es schon lange verdient, dass ihr einer die Meinung sagt.

Als er dann in seinem kleinen Häuschen war, sich zum Abend in der kleinen Küche selbst etwas zurechtbrutzelte, sah er wieder das Gesicht mit den grauen Augen vor sich. Und plötzlich dachte er, da er ja alle Frauen hasste: Was ist, wenn sie es nur so versprochen hat und nicht einhält. Britta wird morgen auf das Fräulein warten. Und wenn sie nicht kommt?

Ach, warum hatte er an diese Möglichkeit nicht gleich gedacht? Warum auch sollte sie sich mit einem fremden Kind abgeben? Heute war es ja nur ein Zufall gewesen. Aber wenn sie morgen käme, dann würde sie es bewusst tun.

In dieser Nacht schlief er sehr schlecht. So sehr war er mit dem Schicksal der Kinder verwoben, dass ihm nichts, aber auch gar nichts gleichgültig war, das mit ihnen geschah.



9

Annelie schaute immer wieder auf die Uhr. Sie hatte sich heute besonders angestrengt. Zwar brauchte sie sich nicht so streng an die Zeiten zu halten, da sie ja nur Gast hier war. Man lobte sie, da sie zu aller Zufriedenheit arbeitete. Mit dem Mittagsschiff erhielt sie einen Brief von Gerda. Diese schrieb ihr ganz verzweifelt, dass es mit der Operation wohl schwierig sein würde. Und danach, das habe ihr der Arzt jetzt gesagt, müsse die Schwester unbedingt in Kur. Sie wisse gar nicht, was sie machen solle.

Annelie sprach sofort mit ihrem Chef, und dieser sagte freundlich: »Würden Sie denn so lange bei uns bleiben, bis Fräulein Berger wieder zurück ist?«

»Gern«, sagte sie zuvorkommend. »Ich versäume nichts in der Stadt.«

»Aber bis sie kommt, wird es Winter sein, und dann wird es hier sehr einsam sein. Sie sind jung und die Stadt gewöhnt.«

»Sie brauchen sich um mich keine Sorgen zu machen. Darf ich Gerda schreiben, dass sie ruhig unbezahlten Urlaub nehmen kann?«

»Von uns aus ist nichts einzuwenden. Sie ersetzen Sie ja voll und ganz.«

Annelie schrieb sofort an Gerda, und sie freute sich, dass sie jetzt noch länger bleiben durfte. Seltsamerweise hatte sie die Insel richtig lieb gewonnen. Vielleicht, dachte sie, vielleicht sollte ich für immer hierbleiben? Mir hier eine kleine Wohnung suchen und hier arbeiten? Hier bin ich nicht so einsam und verzweifelt, wie in der Stadt. Und hier gibt es so viele Kinder, die mich vielleicht brauchen könnten. So viele Möglichkeiten! Da sprechen sie davon, dass es hier einsam sein wird! Ach, dachte sie mit traurigem Lächeln, was wissen diese Menschen schon davon, wie schrecklich Einsamkeit in einer großen Stadt sein kann. Da lebt man in einem großen Haus, sieht jeden Tag viele Menschen auf der Straße, im Bus, in den Geschäften, aber niemand spricht einen an, niemand fragt einen: Wie geht es dir? Möchtest du mich mal besuchen kommen?

Hier auf der Insel war alles anders, hier kannte man noch Nachbarschaftshilfe. Gerdas nette Nachbarin kam immer kurz herein und fragte, ob sie was mitbringen könnte, wenn sie nach Nebel oder nach Sylt fuhr.

Jetzt war der Brief fertig, die Arbeit auch. Sie hatte tatsächlich eine halbe Stunde herausgearbeitet. Und Annelie dachte, während sie die Sachen zusammenpackte: ,Und wenn das kleine Mädchen nicht da ist? Wenn man sie in der Klinik gelassen hat? Zu dieser grässlichen Schwester gehe ich nicht mehr. Aber sie wird doch auf mich warten! Was soll ich dann nur tun?‘

Sie nahm ihre Tasche und lief durch den Park.

Lester hatte sie zu jener Stelle gefahren und sich sofort wieder entfernt. Aber er ging nicht weit. Wenn das junge Mädchen nicht bald auftauchen würde, dann würde er Britta wieder mit zum Strand nehmen. Er hatte ja jetzt frei und konnte tun, was er wollte. Die anderen wussten schon längst, dass er auch diese Zeit meistens den Kindern widmete.

»Oh, da bist du ja schon«, sagte Annelie und lächelte. »Wartest du schon lange?«

»Nein«, sagte Britta selig. »Wirst du mir heute auch wieder ganz lange vorlesen?«

»Aber sicher doch«, sagte sie lachend.

Sie vergnügten sich und waren guter Dinge. Zum ersten Male hörte der Arzt das stille Kind lachen, richtig von Herzen lachen. Und Annelie versprach, ihr all die Stellen, die in dem Buch beschrieben waren, selbst einmal zu zeigen.

Es verging die Zeit schnell, und der Augenblick kam wieder, wo sie Abschied nehmen mussten.

»Morgen komme ich wieder.«

Annelie war noch nie so glücklich wie in diesen Tagen. Jeden Tag freute sie sich auf das kleine Mädchen. Längst wusste sie all die kleinen Kümmernisse und Wünsche. und mit zarter Hand versucht sie Ordnung in das kleine Herz zu bringen. Nur wenn das Mädchen vom nahen Tod sprach, dann fühlte sie, wie ihr Herz selbst zu bluten anfing. Aber sie sprach dann nie von etwas anderem, sondern sie schwieg. Sie fühlte instinktiv, dass das Kind sich verzweifelt danach sehnte, mit einem Menschen über all das zu reden. Sie hatte Angst, schreckliche Angst.

Wer hatte nicht Angst vor dem Sterben? Jeder musste auf seine Art damit fertigwerden. Aber wenn man noch so klein war, und dazu noch so tapfer bleiben musste ... Britta fühlte sehr wohl, dass das die Großen nicht hören wollten, wenn sie vom Tode sprach. Dann bekamen sie ganz erschrockene Augen und gingen sofort davon oder sprachen schnell von anderen Dingen.

Nur bei dem netten Fräulein konnte sie hin und wieder ihr Herz ein wenig öffnen. Aber ganz tat sie es auch nicht, weil sie Angst hatte, sie würde sie damit fortjagen.

Fünf Tage trafen sie sich, ohne dass in der Klinik etwas davon bekannt wurde. Lester sorgte dafür, dass sie immer zur Stelle war. Aber am sechsten Tag war das Wetter schlecht. An der See schlug das Wetter sehr schnell um. Annelie hatte das schon erfahren. Heute wehte ein besonders arger Wind, und es war auch nicht so warm wie vorher. Man spürte, dass der Sommer zu Ende ging. Der Platz war also leer.

So fand sie zum ersten Mal wieder Zeit, zum Vogelschutzgebiet zu wandern. Bisher war sie immer hierhergegangen, um Frieden zu finden. Aber jetzt hatte sie durch das Mädchen Frieden gefunden. Sie ging nur noch spazieren, um des Spazierens willen. Und diesmal kletterte sie auch über die grauen Steine. Vielmehr, sie wollte es tun. Weil sie dabei nicht sehr vorsichtig war - sie hatte auf das Meer geschaut - rutschte sie plötzlich mit dem rechten Fuß ab. Er war sofort eingeklemmt, und sie bekam ihn nicht mehr heraus. Es tat höllisch weh, und für einen kurzen Augenblick blieb ihr die Luft weg. Verzweifelt zog und zerrte sie, aber die Steine rührten sich nicht. Tränen traten in ihre Augen. Was sollte sie nur tun? Niemand wusste, dass sie hierher gegangen war, Gerda, die sie vermisst und Alarm geschlagen hätte, war im Schwarzwald. Es konnte eine ganze Nacht und noch ein Tag vergehen, bis man merken würde, dass sie nicht nach Hause kam. Heute war Freitag, und somit stand ein Wochenende vor der Tür. Wenn jetzt vielleicht das Meer höher stieg als gewöhnlich? An gewissen Punkten konnte man genau sehen, wie hoch es mitunter steigen konnte. Und stürmisch genug war es ja. Sollte sie vielleicht um Hilfe rufen?

Das wäre die einzige Rettung. Wenn ein verspäteter Urlauber hier irgendwo in der Nähe war, konnte er sie hören.

»Hilfeee, Hilfeee!« Sie schrie und schrie, aber niemand schien etwas zu hören.

Verzweifelt brach sich der Schrei in den Wellen. Nur die Möwen umkreisten sie erstaunt. Auch einige andere Wasservögel kamen zurück und beäugten sie. Aber beim ersten Hilfeschrei waren sie davongeflogen.

Und doch wurde ihr Rufen gehört. Auch Lester Barten war noch um diese Zeit unterwegs. Er war ziemlich weit gewandert und bei Anbruch der Dämmerung erst zurückgegangen. Er hatte das Vogelschutzgebiet schon wieder verlassen, als er das flehende Rufen hörte. Sofort blieb er stehen. Sein erster Blick ging aufs Meer hinaus. Aber seit Stunden war schon Flut, also konnte sich niemand im Wattenmeer verlaufen haben. Das hätte man eigentlich auch nicht hören können.

Noch einmal horchte er, und dann wusste er auch die Richtung, aus welcher der Ruf kam. Er rannte gleich los. Dann war wieder alles still, und er glaubte schon, sich getäuscht zu haben. Schon wollte er wieder umkehren, da hörte er es wieder: »Hilfe, Hilfe!«

Ganz in der Nähe musste es sein. Die Steine, durchfuhr es ihn. Und als er durch das Schilf lief, sah er auch schon einen bunten Fleck aufleuchten. Dann war er da und erkannte sie sofort. Ohne viel zu fragen, wusste er Bescheid und handelte.

»Halten Sie ganz still! Ich will versuchen, den einen Stein ein wenig zur Seite zu schieben. Ich hoffe, dass ich es schaffe.«

»O danke«, stammelte sie erregt. »Ich bin Ihnen ja so dankbar ...«

Lester war groß und stark wie ein Bär. Er hatte ausgeprägte Muskeln. Als er sich jetzt über den Stein beugte und ihn mit seiner Kraft zwang, zur Seite zu rutschen, da sah Annelie, wie sich seine Halsadern vorwölbten. Noch nie war sein Gesicht so nah dem ihren gewesen und sie sah deutlich tiefe Wunden und Risse unter dem Bart. Sofort konnte sie sich einen Reim machen, woher die Wunden stammen mochten.

In dem Augenblick, als er aufgetaucht war, hatte sie auch keinen Schmerz mehr gespürt. Er war ja da, und auf einmal schien alles gut zu werden. Ganz schwach bewegte sich jetzt auch der Stein.

»Können Sie ihn schon rausziehen?«

Sie versuchte es. Er schabte hart an dem Gestein entlang, und sie zog die Luft ein. Es tat mörderisch weh.

»Noch ein klein wenig«, ermunterte er sie. »Gleich haben wir es.«

»Ja ...«

Tränen rollten über ihr Gesicht. Sie glaubte, ihr Fuß würde abbrechen. Mit einer Hand half der Arzt jetzt nach. Endlich war der Fuß frei! Sofort rutschten die Steine wieder an die alte Stelle zurück.

Annelie fiel rückwärts in den Dünensand. Sie weinte und konnte nicht damit aufhören. Doktor Barten untersuchte sofort den Fuß.

»Gebrochen ist nichts. Aber Sie werden eine böse Verstauchung bekommen. Wir müssen Ihnen einen Streckverband anlegen. Ein paar Tage müssen Sie ihn schon stillhalten, mein Fräulein.«

Mit dem Handrücken wischte sie über ihre Augen.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie leise. »Was hätte ich nur getan, wenn Sie nicht gekommen wären?«

»Nun, darüber brauchen wir uns jetzt nicht den Kopf zu zerbrechen. Ich bin da, und Sie sind frei. Wir müssen jetzt überlegen, wie wir Sie fortbekommen, denn laufen können Sie auf gar keinen Fall. Die Schmerzen sind zu stark. Wo wohnen Sie denn?«

Sie sagte es. Lester dachte fieberhaft nach. Bis zu ihrer Wohnung war es ein ziemlich weites Stück. Die erste Behausung, die sie antreffen würden, war das Haus von Doktor Wallberg. Wenn ihn nicht alles täuschte, so musste er um diese Zeit zu Hause sein. Zu ihm musste er sie irgendwie bringen. Zurücklassen konnte er sie auf gar keinen Fall. Gleich würde es dunkel sein. Und einen Wagen konnten sie in dem weichen Dünensand auch nicht fahren. Blieb nur eines übrig: Er musste sie tragen. Er sagte ihr das, und Annelie wurde regelrecht blass. Sie protestierte.

»Ich bin Arzt, das wissen Sie. Also müssen Sie sich schon fügen. Und jetzt reden Sie nicht mehr, sondern halten sich fest!«

Zaghaft umschlang sie seinen Hals. Er trug sie wie eine Feder, denn sie war ein Leichtgewicht. Sie war klein von Gestalt. Es war für ihn ein Leichtes, sie heimzutragen. Sie sprachen kein Wort. Jeder war für sich gefangen und wagte nicht, in die Augen des anderen zu blicken.

Wallberg sah zufällig aus dem Fenster. Die Pfeife wäre ihm beinahe aus dem Mund gefallen, als er seinen Freund mit der seltsamen Last kommen sah. Sofort lief er zur Haustür und öffnete sie weit.

»Sie hat sich bös den Fuß verstaucht - oben bei den Steinen. Kann ich sie bei dir lassen?«

»Aber natürlich. Nur hereinspaziert, mein Fräulein.«

Annelie lachte. Dr. Wallberg war lustig und meisterte jede Situation spielend. Wenige Augenblicke später lag sie auf dem gemütlichen Sofa, und die beiden Ärzte beugten sich über ihren verletzten Fuß.

»In der Tat«, sagte Dr. Wallberg, »das hätte wirklich bös ins Auge gehen können. Wie haben Sie das nur geschafft?«

»Ich bin so oft dort gewesen«, sagte sie errötend, »und nie ist mir etwas passiert.«

»Nicht auf gepasst? Mit den Gedanken wohl ganz woanders gewesen, was?«

Sie schwieg und fühlte sich unglücklich. Beide legten nun einen fachgerechten Verband an, und merkwürdigerweise tat ihr Fuß schon gar nicht mehr weh.

»Kann ich jetzt nach Hause gehen?«, fragte sie zuversichtlich.

»Nein!«, sagte Dr. Barten schroff.

Wallberg runzelte für einen kurzen Augenblick die Augenbrauen und sah seinen Freund erstaunt an. Man hätte sie jetzt leicht heimtragen können. Wenn er schon den weiten Weg vom Strand geschafft hatte. Aber dann sah er etwas in den Augen seines Freundes, das ihn verblüffte. Also kannte er das Mädchen! Für Barten war sie schon lange keine Fremde mehr. Er sah in dessen Augen einen seltsamen Glanz und deutete ihn auf Anhieb richtig. Zugleich wusste er aber auch von den Wunden, von der Schüchternheit, der Angst den Frauen gegenüber, der Qual, nochmals enttäuscht zu werden. So vieles lag in dieser Sekunde in den braunen Augen.

Lester war sein wirklicher Freund, und in diesem Augenblick nahm er sich vor, ihm zu helfen. Zuerst, als er das fremde Mädchen näher in Augenschein genommen hatte, war sein erster Eindruck gewesen: Welch ein hübscher, interessanter Käfer! Und so etwas lebt hier auf der Insel? Und ich habe es noch nicht bemerkt? Das ist wirklich die Höhe! Aber jetzt, wo er wusste, wie es um seinen Freund stand, da war für ihn dieses Mädchen selbstverständlich tabu.

»Hören Sie«, sagte er jetzt aufgebracht. »Es könnte sich wirklich sehr verschlimmern, wenn Sie jetzt mit dem Fuß auftreten würden. Sie müssen sich ein paar Tage ausruhen und vollkommen still liegenbleiben.«

Er hatte zwar recht, aber er sagte sich insgeheim: Ich soll sie doch wohl nicht pflegen?

»Das kann ich doch auch gut zu Hause«, sagte sie errötend. »Ich möchte Ihnen nicht zur Last fallen.«

»Haben Sie denn jemanden, der Sie verpflegen könnte, Fräulein Berger?«, hörte er seinen Freund fragen.

»Wie bitte?«, sagte Wallberg verblüfft. »Sie wollen Fräulein Gerda Berger sein?«

»Ja«, sagte Lester rasch. »Sie arbeitet in der Verwaltung. Ich, ich habe sie dort kennengelernt«, setzte er rasch hinzu.

»Sie sind Fräulein Berger?« Georg schüttelte sich, wie ein nasser Pudel. Zum Teufel, dachte er, jetzt fangen die Schwierigkeiten schon an. Sie gibt sich als Fräulein Berger aus. Ich aber kenne die wirkliche Gerda Berger. Sie hat sich ihm also auch an den Hals geworfen!

O du mein Gott, so ist sie also auch nicht besser als die anderen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu erforschen, was sie bezweckt. Und, bei Gott, sie wird kein leichtes Spiel haben. Ich bin auch noch da, und ich werde es nicht zulassen, dass man Lester abermals Wunden schlägt. Dafür sind die anderen noch zu frisch. Während ihm all das durch den Kopf ging, hörte er das fremde Mädchen sagen: »Ich heiße nicht Gerda Berger.«

»Waaas?«, sagte Dr. Barten. »Aber ich war doch selbst in der Verwaltung, in Ihrem Zimmer! Erinnern Sie sich denn nicht mehr? Wegen des Medikamentes! Ich kenne Sie!«

»Gewiss«, sagte sie ruhig, »Sie waren bei mir, aber ich bin trotzdem nicht Gerda Berger. Das ist meine Freundin. Sie musste fort, und weil ich zufällig als Gast bei ihr war, vertrete ich sie jetzt, bis sie wiederkommt. Ihr Name steht an der Tür, aber ich bin nicht Gerda Berger.«

Herrje, dachte Wallberg, und ich hab gleich wieder so schief gedacht. Eigentlich konnte ich mir das auch gar nicht vorstellen. Sie sieht so nett, so anständig aus. Gar nicht, als wäre sie auf Abenteuer aus. Im Gegenteil, sie scheint sich auch ständig wie eine Schnecke zurückzuziehen.

»Mein Name ist Annelie Bergström.«

»Angenehm«, sagte auch Dr. Wallberg. »Jetzt wollen wir doch mal sehen, ob wir etwas zu essen auf den Tisch bekommen. Aber vorher müssen Sie noch Lesters Frage beantworten. Ist jemand da, der sie verpflegen kann?«

»Nein«, antwortete sie leise.

»Also brauchen wir uns gar nicht weiter über dieses Thema zu unterhalten. Sie bleiben hier - ein, zwei Tage, und dann werden sie den Fuß wieder belasten können.«

»Aber ich kann das nicht annehmen, das ...«

Wallberg grinste nur und verschwand in der Küche, Lester mit sich ziehend. Hier sah er den Freund beschwörend an.

»Ich soll jetzt also die Barmherzigkeit darstellen! Fein! Das hast du dir ja prächtig ausgedacht! Und du sitzt nur da und lässt dich auch von mir bedienen - oder wie hast du dir das gedacht?«

Lester lachte kurz auf. Das war auch neu an ihm. Georg freute sich. Er schien wirklich alles überwunden zu haben und betete jetzt zu Gott, dass dieses Mädchen endlich die richtige Frau wäre.

»Ich werde dir mithelfen.«

»Wie bitte?«

»Solange Fräulein Bergström hier ist, werde ich auch hierbleiben. Du hast eben zwei Gäste.

»Waaas!«

»Mach den Mund zu! Ich muss es einfach tun, das erfordert der Anstand. Ich kann sie nicht mit dir allein lassen, Georg, verstehst du?«

Dieser lachte rau auf: »Ah, du hast also Angst, sobald du fort bist, würde ich sie wie ein Wolf überfallen?«

Lester warf ihm einen ruhigen Blick zu.

»Nein, aber du und Fräulein Bergström allein hier, das würde Gerede geben, und davor möchte ich sie bewahren. Also müssen wir alle zusammenbleiben.«

In Georg stieg gluckernd das Lachen hoch. Aber er wusste, dass er jetzt nicht lachen durfte, und so wandte er sich schnell ab. Dieser Lester, dachte er. Seine Gefühle sind in der Vergangenheit steckengeblieben. Wer fragt denn heute noch danach? Aber er sagte es nicht, sondern begann zu kochen. Und in der Tat verstand er davon recht viel. Annelie war gerührt, wie nett die Männer zu ihr waren. Ein wenig taute sie auf. Richtig lustig wurde sie dann, als man einen Punsch braute und ihn trank. Man lachte, scherzte und war ausgelassen. Ach, es waren bestimmt schon hundert Jahre her, dass sie so fröhlich und glücklich gewesen war. Und sie dachte die ganze Zeit: Ach, könnte ich diesen Augenblick doch aufhalten, ihn einwecken und immer, wenn ich traurig bin, daran erinnert werden.

Lester hatte sich in der Küche ein Lager zurecht gemacht. Annelie schlief auf dem Sofa und Georg in dem kleinen Schlafzimmer. In der Anwandlung einer großzügigen Minute hatte er Lester sein Schlafzimmer angeboten. Aber der hatte es abgelehnt.

Am nächsten Morgen hatten sie einen Brummschädel. Lester war als Erster auf und kümmerte sich um das Frühstück. Danach mussten sie in die Klinik, bis zum Mittag, dann würden sie sich erst wieder um Annelie kümmern können. Sie sagten in der Verwaltung Bescheid, und alles war in bester Ordnung.

Annelie lag in dem kleinen Friesenhäuschen und dachte über ihre Zukunft nach. Hier hatte sie in so kurzer Zeit Freunde und nette Menschen kennengelernt. Und dann musste sie wieder an Britta denken. Bestimmt war sie jetzt wieder da, denn draußen war herrliches Wetter. Sie würde umsonst warten, und ihr Herz zog sich zusammen. Sie musste es verhindern.

Am Nachmittag kam Lester als Erster zurück. Georg schützte Arbeit vor. Er meinte, dass sie sich näher kämen, wenn er sie ein wenig allein ließ. Als er das Wohnzimmer betrat, sagte Annelie zu ihm: »Dr. Barten, ich habe eine Bitte an Sie!«

»Ja?«

Sie biss sich auf die Lippen. Seltsam, sie waren so förmlich miteinander. Seine Stimme klang so barsch, und sie fühlte sich klein vor ihm. Bestimmt bereute er schon längst, dass er sich ihrer angenommen hatte. Und jetzt war er zu anständig, um es zu zeigen und machte das Spiel mit.

»Ich, ich habe da vor einigen Tagen ein kleines Mädchen im Park kennengelernt. Britta heißt es. Ich habe der Kleinen immer vorgelesen. Bestimmt wartet sie heute wieder auf mich, aber ich kann doch nicht kommen. Wenn Sie nachher zurückgehen, würden Sie ihr dann wohl sagen, dass ich nicht kommen kann? Würden Sie ihr auch liebe Grüße von mir bestellen?«

Dr. Barten stand vor ihr. In seinem Herzen begann es zu rumoren. Er hatte gehofft, sie würde ihn persönlich um etwas bitten.

»Das brauche ich nicht«, sagte er mit tiefer Stimme. »Britta wird nicht warten.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich selbst habe sie immer hinausgefahren«, entgegnete er.

Erstaunt hob sie den Kopf und sah ihn sprachlos an, aber dann wichen beide Augenpaare schnell wieder auseinander. Hastig sagte er: »Ich werde mich jetzt um das Essen kümmern. Gleich wird Georg zurück sein. Wenn wir schon sein Haus benutzen, wollen wir ihm nicht auch noch die ganze Arbeit aufbürden.« Er floh in die kleine Küche.

Was hat er nur, dachte sie betrübt. Was habe ich ihm getan? Ist es vielleicht nicht gestattet, dass man sich mit den kranken Kündern unterhält? Warum ist er so kalt, so herrisch? Ach, ich bin froh, wenn ich wieder fort bin, wenn ich nicht mehr auf ihn angewiesen bin.

Georg sah die beiden stummen Menschen vor sich und dachte: Da kann ja ein Stein verrückt werden! Warum sind sie nicht vernünftig und benehmen sich wie gescheite Leute? O du liebe Güte, auf was habe ich mich da nur eingelassen?

Lester spülte das Geschirr ab und ging. Georg hatte es nicht so eilig, außerdem war die Mittagspause für die Ärzte ziemlich lang. Schliefen doch jetzt die kleinen Patienten auch.

Er saß am Kamin im Sessel und stopfte seine Pfeife. Dabei fragte er so nebenher: »Krach gehabt? Ihr beide macht ja ein Gesicht! Sagen Sie mal, Fräulein Bergström, es würde mich wirklich reizen, zu erfahren, wie Sie Dr. Barten kennengelernt haben.«

»Ach«, sagte sie schwach, »ich kenne ihn ja gar nicht. Ich meine, ich kenne schon seinen Namen und sein Gesicht, aber mehr auch nicht.«

»Wie bitte?« Dr. Wallberg hätte sich beinah verraten und gesagt: »Aber wieso liebt Lester sie dann?«

Mit wenigen, Worten erzählte sie von der ersten Begegnung in den Dünen, und dann, wie er ins Büro gekommen war. Sonst habe sie ihn noch nie gesehen und auch nicht mit ihm gesprochen.

»Er ist jetzt böse auf mich«, sagte sie betrübt.

»Was haben Sie denn in der kurzen Zeit ausgefressen, als ich nicht hier war?«

Sie lächelte schwach. »Ich glaube, ich habe etwas getan, was nicht erlaubt ist.«

»Haben Sie vielleicht einen Mord begangen?«

»Nein«, und sie musste wider Willen lachen. Georg Wallberg lachte mit.

»So ist es schon besser. Nun kann man auch Ihre Grübchen sehen. Sie sollten viel mehr lachen, Annelie. Übrigens, Ihr Name klingt hübsch.«

Sie errötete. Dr. Wallberg konnte es eben nicht lassen, mit weiblichen Wesen zu flirten.

»Aber wir kommen ganz von Ihrem Verbrechen ab. Wo liegt denn jetzt die Leiche? Beginnt sie schon zu stinken? Und haben Sie Lester vielleicht gebeten, bei ihrer Beseitigung zu helfen? Also, ich glaube, das macht der liebe Lester ganz bestimmt nicht. Wenn Sie mich fragen würden - also, ich stehe Ihnen zur Verfügung.«

»Sie sind ein schrecklicher Mensch. Sind Sie jemals ganz ernst?«

»O ja, an Silvester, zwischen zwölf und ein Uhr, da bin ich ganz ernst!«

Sie lachte wieder. Aber dann erzählte sie, warum sie den Verdacht hatte, dass Dr. Barten böse mit ihr war.

»Haben Sie Britta gesagt?«

»Ja!«

»Hm, hm«, sagte er und war jetzt sehr ernst. »Ausgerechnet Britta!« Er sprach mehr zu sich selbst, aber sie konnte es genau verstehen. »Britta liebt er über alles. Lester sorgt für sie, als wäre er ihr Vater, weil sich sonst niemand um die kleine Britta kümmert. Und er weiß doch, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Ich glaube, sie wird diesen Monat nicht überleben.«

»O nein«, schluchzte Annelie auf. »Sagen Sie doch nicht so etwas! Doch nicht Britta!«

»Sie kennen sie doch«, sagte er leise. »Ich meine, Sie haben sie doch gesehen!«

»Ja«, sagte sie schwach. »Ja!«

»Und Sie wussten vom ersten Augenblick an, dass sie dem Tode geweiht ist?« Er blickte er forschend in die Augen. Sie senkte die Lider.

»Ja«, stammelte sie.

»Also!«

»Ich, ich will es nicht wahrhaben. Sie ist doch noch so jung, so lieb! Sie möchte noch so vieles wissen. Sie ist wie ein Engel ...«

Wallbergs Gesicht war noch nie so ernst wie in diesem Augenblick.

»Ach, Annelie, was glauben Sie, wie sehr wir hoffen - inständig hoffen, aber es gibt Grenzen, auch für uns ...«

»Ich weiß«, sagte sie demütig. »Das weiß ich doch alles, das habe ich doch alles schon mitgemacht. Martin, mein Bruder, er hatte Muskelschwund. Ich habe ihn gepflegt, ich ...«

O nein, sie brauchte nicht weiterzusprechen. Sie konnte sich jetzt ruhig ausweinen. Der Arzt verstand jetzt alles, ihr Wesen und ihre Traurigkeit in den schönen Augen. Er verstand jetzt auch, warum sie dem kleinen Mädchen gut sein wollte.

Du meine Güte, dachte er, Lester müsste jetzt hiersein. Er müsste alles hören, dann hätte er sie trösten können. Ich kann es doch nicht. Nein, so schäbig bin ich nicht, dass ich sie ihm wegnehme. Obwohl ich jetzt weiß; um dieses Mädchen zu kämpfen, würde sich lohnen. Schon lange bin ich auf der Suche nach dem richtigen Mädchen, dem Mädchen, das man sich zur Frau wünscht.

Und dann dachte er wieder an den Freund und konnte sich nicht vorstellen, dass Lester so grausam war, so ichbezogen, dass er Britta und Annelie nicht erlaubte, zusammen zu sein.

Nachdem sie sich wieder gefangen hatte, fragte er zögernd: »Was hat er denn gesagt, dass Sie das annehmen müssen?«

»Ich habe ihm ausgerichtet, dass er Britta sagen möge, ich könne nicht kommen - damit sie nicht vergebens auf mich wartet. Und da hat er geantwortet, das brauche er nicht zu tun. Britta würde nicht warten, denn er habe sie die ganze Zeit dorthin gebracht.«

Ein Stein plumpste von Georgs Herzen. Er hatte es ja gewusst! Lester war selbstlos.

»Er freut sich, dass Britta sich in Ihrer Nähe glücklich fühlt, dass Sie sich ein wenig mit ihr beschäftigen - glauben Sie mir. Wenn Lester manchmal so brüsk erschein, dann müssen Sie ihm nicht böse sein. Er hat es nicht leicht, Annelie. Er hat viele Wunden, wissen Sie? Und ich glaube, ich darf es Ihnen wohl sagen. Lester hat mir nicht verboten, es jemanden zu erzählen.« Und so erzählte er mit kurzen Sätzen, was er von Lester erfahren hatte.

Annelie verstand den Mann jetzt vollkommen, und sofort fühlte sie tief für diesen Mann. Jetzt verstand sie ihn ja so gut! Darum also war er so kalt und abweisend, weil er nicht sie, sondern überhaupt alle Frauen hasste. Und weil er einfach nicht glauben konnte, dass es auch andere gab.

»Werden Sie jetzt nachsichtig mit ihm sein?«

Sie lächelte zaghaft.

»Ich werde wohl nicht viele Gelegenheiten dazu haben. Wenn mein Fuß wieder gesund ist, dann gehe ich wieder zur Arbeit.«

»Die Insel ist lächerlich klein, und man sieht sich immer wieder. Der Winter steht vor der Tür, und ich hoffe, dass wir uns jetzt öfter sehen, Annelie. Wir werden es uns schon gemütlich machen, was meinen Sie?« Seine lustigen Augen plinkerten sie an, und sie musste zurück lachen. Er war so etwas wie ein Kobold. Man musste einfach fröhlich werden, ob man wollte oder nicht. Das war gut für Annelie. Er lockte sie aus ihrer Reserviertheit heraus.

Lester hörte sie schon von weitem lachen, und sein Herz krampfte sich zusammen. Georg und sie, er hätte es sich ja gleich denken können. Alle Mädchen flogen auf ihn, und sie, Annelie machte eben auch keine Ausnahme. Fast brüsk stieß er den Tagesgruß hervor.

»Na, du Brummbär, unsere Vorräte sind alle. Wenn wir heute noch essen wollen, dann muss einer einkaufen gehen.«

Dr. Barten dachte: Jetzt schickt er mich fort, damit er wieder mit ihr allein ist. Aber dann hörte er ihn zu seiner Verwunderung sagen:

»Dann will ich mich mal auf die Strümpfe machen. Du bist ja erschöpft und müde. Fräulein Annelie, muntern Sie ihn ein wenig auf, ja? Ich verspreche Ihnen dann auch zum Abendessen ein feines Steak.«

Wieder musste sie lachen. Es klang alles so drollig aus seinem Munde. Aber kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, als sich auch schon lähmende Stille über den Raum ausbreitete. Annelie fühlte sich befangen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Jetzt, wo sie die Vergangenheit des Mannes kannte, da fühlte sie deutlich, wie er die Frauen hasste. Schon an seinen finsteren Augen und dem kantigen Gesicht konnte sie das ablesen. Fast bedrückt, sagte sie schüchtern: »Es tut mir leid, dass ich Ihnen so viele Umstände mache. Wäre es nicht doch besser, Sie schickten mich heim? Irgendwie schaffe ich es bestimmt allein.«

Lester sah forschend in die grauen Augen, aber sie waren ganz ohne Arg, auch als er sagte: »Und was wird Dr. Wallberg sagen?«

Sie zog erstaunt eine Augenbraue hoch.

»Glauben Sie nicht auch, dass ich ihm lästig falle?«, fragte sie verblüfft.

Lester wusste jetzt nicht mehr, woran er war. Nein, sie schauspielerte wirklich nicht, das war zu echt. Und wieder fühlte er sein Herz warm werden.

»Nun, wir haben beschlossen, dass wir Sie gesund pflegen; und ich glaube, wir wären sehr schlechte Ärzte, wenn wir es dann nicht in die Tat umsetzten. Außerdem sind Sie eine wichtige Kraft in der Verwaltung.«

»Bis Fräulein Berger wieder da ist«,

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ärzte, Schwestern, Schicksale - 5 Arztromane für Strand und Urlaub: Arztroman Sammelband 5001 Juli 2019" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen