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Adrenalin

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28
  36. Kapitel 29
  37. Kapitel 30
  38. Kapitel 31
  39. Kapitel 32
  40. Kapitel 33
  41. Kapitel 34
  42. Kapitel 35
  43. Kapitel 36
  44. Kapitel 37
  45. Kapitel 38
  46. Kapitel 39
  47. Kapitel 40
  48. Kapitel 41
  49. Kapitel 42
  50. Kapitel 43
  51. Kapitel 44
  52. Kapitel 45
  53. Kapitel 46
  54. Kapitel 47
  55. Kapitel 48
  56. Kapitel 49
  57. Kapitel 50
  58. Kapitel 51
  59. Kapitel 52
  60. Kapitel 53
  61. Kapitel 54
  62. Kapitel 55
  63. Kapitel 56
  64. Kapitel 57
  65. Kapitel 58
  66. Kapitel 59
  67. Kapitel 60
  68. Kapitel 61
  69. Kapitel 62
  70. Kapitel 63
  71. Kapitel 64
  72. Kapitel 65
  73. Kapitel 66
  74. Kapitel 67
  75. Kapitel 68
  76. Kapitel 69
  77. Kapitel 70
  78. Epilog
  79. Danksagungen

Über die Autorin

Greg Iles wurde in Deutschland geboren, da sein Vater damals die medizinische Abteilung der Amerikanischen Botschaft leitete. Er verbrachte seine Jugend in Natchez, Mississippi. 1983 beendete er sein Studium an der University of Mississippi. Danach trat Greg Iles zunächst als Profi-Musiker auf, bevor er sich der Schriftstellerei widmete. Seine Bücher erscheinen inzwischen in 25 Ländern. Der überaus produktive Autor pflegt außerdem eine Leidenschaft für Filme. Zu seinem Roman »24 Stunden« schrieb er selbst das Drehbuch. Iles lebt mit Frau und zwei Kindern in Natchez, Mississippi.

Greg Iles

Adrenalin

Thriller

Aus dem Amerikanischen von
Bernd Rullkötter

Für Madeline und Mark,

die den höchsten Preis für mein Schriftstellerleben zahlen.

Ich danke euch.

Niemand, der unrecht hat, kann einem Mann standhalten,

der recht hat und nicht nachgibt.

– Captain Bill McDonald, Texas Ranger

»Du bist ein Tier.«

»Nein, schlimmer. Ein Mensch.«

– Runaway Train

1

Mitternacht im Garten der Toten. Ein silberweißer Mond, der hoch über dem spiegelschwarzen Fluss und dem Deich steht, wirft sein kaltes Licht auf das Louisiana-Delta. Ich stehe zwischen den schimmernden Steinen auf der Mississippi-Seite und zittere. In weitem Rund bin ich der einzige lebende Mensch. Zu meinen Füßen liegt eine nackte Granitplatte; darunter ruht die Leiche meiner Frau. Auf dem Grabstein steht:

SARAH ELIZABETH CAGE

1963–1998

Tochter, Ehefrau, Mutter, Lehrerin

Du wirst geliebt

Doch ich habe mich nicht um Mitternacht auf den Friedhof geschlichen, um das Grab meiner Frau zu besuchen, sondern weil ein Freund mich dringend darum gebeten hat. Aber ich bin nicht um unserer Freundschaft willen gekommen, sondern aus Schuldbewusstsein, vor allem aber auch Furcht. Der Mann, auf den ich warte, ist fünfundvierzig, aber für mich wird er immer neun Jahre alt sein. Damals, während der Mondlandung von Apollo 11, erreichte unsere Freundschaft ihren Höhepunkt. In der Jugend sind Freundschaften inniger als später im Leben; deshalb empfindet man ein umso tieferes Gefühl der Schuld, wenn ein Freund aus Jugendtagen sich von einem entfernt und man nicht genug unternimmt, um die Beziehung aufrechtzuerhalten. In meinem Fall ist es umso schmerzlicher, weil Tim Jessup im Laufe der Jahre immer wieder in Schwierigkeiten geraten ist.

Meine Furcht aber hat nichts mit Tim zu tun. Er ist bloß ein Bote, der mir möglicherweise Nachrichten bringt, die ich nicht hören will. Vielleicht werden diese Nachrichten die Gerüchte bestätigen, die in unserer Gegend kursieren. Und wenn diese Gerüchte stimmen, hat sich etwas Schreckliches, Monströses in meine Stadt eingeschlichen, und ich habe ihm die Tür geöffnet.

Ja, es ist meine Stadt: Vor zwei Jahren habe ich in einem Anfall von Pflichtgefühl für das Bürgermeisteramt kandidiert, um meine Heimatstadt Natchez zu retten, und ich war überheblich genug zu glauben, ich könne einen Pakt mit dem Teufel schließen, ohne unser aller Tugend zu schädigen. Aber das war Wunschdenken.

Meine Uhr zeigt 12.30 Uhr. Dreißig Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt, und immer noch ist neben den schulterhohen Steinen zwischen mir und der Cemetery Road nichts von Tim Jessup zu sehen. Nach einem stummen Abschied von meiner Frau gehe ich zurück zum Jewish Hill, unserem Treffpunkt. Ich mache kaum Geräusche im taufeuchten Gras. Die Namen, die in die Grabsteine gemeißelt sind, kenne ich mein Leben lang. Sie stehen für die Geschichte dieser Stadt – und meine eigene. Friedler und Jacobs und Dreyfus oben auf dem Jewish Hill; Knox und Henry und Thornhill bei den Protestanten; Donelly und Binelli und O’Banyon bei den Katholiken. Und auf dem »Colored Ground«, wie er auf der Friedhofskarte bezeichnet wird, liegen jene Sklaven, die im Dunstkreis der weißen Welt lebten und sich nach dem Tod einen Flecken geweihter Erde verdient haben. Die meisten Schwarzen aber wurden ohne Grabstein bestattet. Man muss weiter die Straße hinunter, zum staatlichen Friedhof, um die Gräber von wirklich freien Schwarzen zu finden. Viele waren Soldaten, die zu den 2800 unbekannten Toten der Nordstaatenarmee im amerikanischen Bürgerkrieg gehörten, die hier ruhen.

Aber dieser Friedhof hier atmet eine noch ältere Geschichte. Einige der Toten, die hier bestattet sind, wurden Mitte des achtzehnten Jahrhunderts geboren, doch würden sie morgen wieder zum Leben erwachen, würden Teile der Stadt ihnen kaum verändert erscheinen. Kleinkinder, die an Gelbfieber starben, liegen neben spanischen Dons und vergessenen Generalen. Alle verwesen unter weinenden Engeln und marmornen Heiligen, während sich die knorrigen Äste der Eichen, an denen Bärte aus Spanischem Moos herunterhängen, über ihnen ausbreiten. Natchez ist die älteste Stadt am Mississippi, älter als New Orleans; wenn man sich die verwitterten Grabsteine anschaut, die krumm und schief dastehen, gibt es keinen Zweifel mehr daran.

Ich war das letzte Mal hier, um einen Schaden in Höhe von einer Million Dollar zu begutachten, den betrunkene Randalierer an den unersetzlichen schmiedeeisernen Statuen angerichtet hatten, die diesen Friedhof so einzigartig machen. Deshalb werden die vier Tore vor Einbruch der Dunkelheit jetzt mit Eisenketten verschlossen. Tim Jessup weiß das; es ist einer der Gründe, weshalb er diesen Ort für unsere Verabredung gewählt hat. Als Tim mich anrief, dachte ich, er würde den Friedhof aus Gründen der Bequemlichkeit vorschlagen, denn er arbeitet auf einem der Casinoschiffe, der Magnolia Queen, die unterhalb des Jewish Hill vertäut ist, und seine Schicht endet um Mitternacht. Aber Tim sagte mir, es gehe ihm um die Abgeschiedenheit – nicht nur seinetwegen, auch meinetwegen. Außerdem nahm er mir das Versprechen ab, unter keinen Umständen bei ihm zu Hause anzurufen oder seine Handynummer zu wählen.

In einem anderen Leben war ich Staatsanwalt. Ich habe sechzehn Menschen in die Todeszelle geschickt. Rückblickend bin ich mir nicht mehr sicher, wie das zustande kam. Jedenfalls wachte ich eines Tages auf und begriff, dass ich nicht von Gott auserkoren war, die Schuldigen zu richten. Also gab ich meinen Job bei der Bezirksstaatsanwaltschaft von Houston auf und kehrte zu meiner jüngeren Frau und meiner Tochter zurück. Weil ich nicht wusste, was ich mit meiner überschüssigen Zeit anfangen sollte (und wegen akuten Geldmangels), schrieb ich meine Erfahrungen vor Gericht nieder und habe – wie ein paar andere Juristen, die John Grishams Beispiel folgten – genug Bücher verkauft, dass mein Name auf den Bestsellerlisten erschien. Wir legten uns ein größeres Haus zu und schickten Annie auf eine Privatschule. Ein nie gekanntes Gefühl der Selbstzufriedenheit schlich sich in mein Leben ein – das Gefühl, zu den Erwählten zu gehören, denen auf jedem Gebiet Erfolg beschieden ist. Ich hatte eine beneidenswerte Laufbahn, eine wunderbare Familie, etliche gute Freunde und eine Menge treuer Leser. Und ich war jung und arrogant genug zu glauben, dies alles verdient zu haben und dass es nie enden würde.

Dann starb meine Frau.

Vier Monate nachdem mein Vater, ein Arzt, bei ihr Krebs diagnostiziert hatte, mussten wir sie beerdigen. Sarahs Tod hätte mich und meine vierjährige Tochter beinahe zerbrochen. In meiner Verzweiflung flohen wir aus Houston und kehrten zurück in diesen kleinen Ort in Mississippi, wo ich aufgewachsen bin, zurück in die liebevolle Umarmung meiner Eltern. Seitdem sind sieben Jahre vergangen. Annie ist mittlerweile elf und die Reinkarnation ihrer Mutter. Zurzeit schläft sie zu Hause, während eine Babysitterin in meinem Wohnzimmer sitzt.

Ich schaue wieder auf die Uhr. Wo bleibt Tim Jessup? Ich gebe ihm noch fünf Minuten. Wenn er bis dahin nicht zu diesem mitternächtlichen Treffen erschienen ist, muss er halt wie jeder andere während der Öffnungszeiten zu mir ins Rathaus kommen.

Mein Herz pocht, nachdem ich den Hang zum Jewish Hill hinaufgestiegen bin, doch mit jedem Atemzug wird mir der Duft der grünen Oliven zugetragen, die Mitte Oktober immer noch blühen. Darunter verbirgt sich ein Gemisch durchdringenderer Gerüche: Kudzu und feuchter Humus und irgendetwas Totes, Verwesendes zwischen den Bäumen.

Als ich den Rand der Erdtafel erreiche, die den Jewish Hill bildet, fällt das Land mit atemberaubender Schroffheit vor mir ab. Bis zum Fluss geht es fast siebzig Meter steil eine Klippe aus windgepeitschtem Löß hinunter. Dieser üppige, fruchtbare Boden ist aus Fels entstanden, der von Gletschern fein gemahlen wurde. Aus dieser Höhe kann man mit fast berauschendem Stolz nach Westen über eine endlose Ebene blicken. Vielleicht war es dieses Gefühl, das viele Nationen veranlasst hat, unsere Gegend für sich zu beanspruchen. Frankreich, Spanien, England, die Konföderation – sie alle haben es versucht, und sie alle sind genauso gescheitert wie die Natchez-Indianer vor ihnen. Am westlichen Ende des Hügels steht eine Bank unter einer amerikanischen Flagge. Die Bank wartet auf Trauernde, Liebespaare und alle anderen, die hierherkommen. Sie ist der beste Platz, um Tims letzte vier Minuten abzuwarten.

Als ich mich auf den Weg dorthin machen will, bewegt sich ein Paar Scheinwerfer die Cemetery Road hinauf wie die Lichter eines Schiffes, das gegen den Wind ankämpft. Bald darauf rattert ein unscheinbarer Pick-up an den billigen Häuschen auf der anderen Straßenseite vorbei, verschwindet hinter der nächsten Kurve und hält auf die Devil’s Punchbowl zu, eine tiefe Schlucht, wo Geächtete vom Natchez Trace, der alten Handelsstraße, einst die Leichen ihrer Opfer abluden.

»Das war’s, Timmy«, sage ich laut. »Deine Zeit ist um.«

Der Wind, der vom Fluss kommt, lässt mich frösteln. Ich bin erschöpft und reif fürs Bett. Ich gehe nach rechts auf einen Hang zu, wo mein alter Saab hinter der Friedhofsmauer geparkt ist. Als ich mich vorbeuge, um den Hügel hinunterzurutschen, wird die Stille von einem drängenden Flüstern durchbrochen: »He, Alter! Bist du da oben?«

Ein Schatten schiebt sich vom Friedhof her zum Rand des Jewish Hill vor. Von meinem Standort aus kann ich alle vier Eingänge des Friedhofs sehen, doch ich habe keine Scheinwerfer gesehen und keinen Motor gehört. Aber Tim Jessup materialisiert so plötzlich wie eines der Gespenster, die nach Meinung vieler Einwohner von Natchez auf diesem alten Hügel herumspuken. Ich weiß, dass es Tim ist, denn er war früher ein Junkie und bewegt sich immer noch so: ruckartig, wobei er dauernd den Kopf schwenkt, als hielte er nach der Polizei Ausschau, während seine dünnen Beine ihn auf der Suche nach einer dunklen Ecke vorantreiben, in der er sich den nächsten Schuss setzen kann.

Jessup behauptet, seit längerer Zeit clean zu sein, hauptsächlich dank seiner neuen Frau Julia. Ich war zuerst skeptisch, als ich von Julias Ehe mit Jessup hörte, aber im Ort heißt es, sie habe Wunder gewirkt. Julia hat Jessup den Job als Blackjack-Dealer auf den Casinoschiffen besorgt, den er seit nunmehr einem Jahr ausübt, in letzter Zeit auf der Magnolia Queen.

»Penn!«, ruft Jessup schließlich mit lauter Stimme. »Ich bin’s, Mann. Komm raus!«

Sein Gesicht ist im Mondlicht erschreckend hager. Obwohl wir beide fast gleich alt sind – unsere Geburtstage liegen genau einen Monat auseinander –, sieht er zehn Jahre älter aus als ich. Seine Haut hat die lederne Beschaffenheit wie die eines Mannes, der zu viele Jahre der Mississippi-Sonne ausgesetzt war; sein ergrauender Schnurrbart ist von Zigarettenrauch braungelb verfärbt, und Haut und Augen zeigen eine gelbliche Tönung wie bei einem Menschen, dessen Leber bald den Dienst versagt.

Als Jungen hatten Jessup und ich eine enge Beziehung, weil wir beide Arztsöhne waren. Wir wussten um das Gewicht dieser Last, denn von den ältesten Söhnen wird meist erwartet, dass sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten. Diese Erwartung konnten weder Tim noch ich erfüllen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Mit einem Seufzer der Resignation trete ich hinter dem Grabstein hervor und rufe in Richtung des Flusses: »Tim? He, Tim! Hier bin ich. Penn.«

Jessups Kopf schnellt herum, und seine rechte Hand zuckt zu seiner Tasche. Eine Sekunde lang fürchte ich, dass er eine Pistole zieht, aber dann erkennt er mich, und seine Augen weiten sich vor Erleichterung.

»Mann«, sagt er mit einem Grinsen. »Ich dachte schon, du hättest kalte Füße gekriegt.«

Er schüttelt mir die Hand, und ich staune, dass Jessup mit fünfundvierzig Jahren immer noch wie ein überdrehter Hippie klingt.

»Du bist derjenige, der sich verspätet hat«, erwidere ich.

Er nickt öfter als nötig, denn nichts ist ihm wichtiger, als in Bewegung zu sein. Wie teilt der Bursche bloß den ganzen Abend Blackjack-Karten aus?

»Ich konnte nicht so schnell vom Schiff runter«, erklärt er. »Ich glaube, sie beobachten mich. Sie beobachten uns immer. Jeden. Und vielleicht ahnen sie etwas.«

Ich möchte ihn fragen, von wem er redet, aber ich nehme an, dass er das Thema noch ansprechen wird. »Ich habe deinen Wagen gar nicht gesehen. Woher bist du gekommen?«

Das wettergegerbte Gesicht verzieht sich zu einem listigen Grinsen. »Ich hab so meine Tricks, Mann. Wer mit solchen Leuten zu tun hat, muss vorsichtig sein. Das sind Raubtiere. Sie spüren eine Bedrohung und reagieren blitzartig – zack!« Tim klatscht in die Hände. »Purer Instinkt. Wie bei Haien.« Er wirft einen Blick zur Stadt hinüber. »Wir sollten uns Deckung suchen.« Er deutet auf die einen Meter hohen Mauern, die ein Familiengrab umschließen. »Genau wie auf der Highschool. Erinnerst du dich noch, wie wir hinter diesen Mauern hier Gras geraucht haben? Im Sitzen, damit die Cops das Glühen der Joints nicht sehen konnten?«

Tim schwingt sich mit überraschender Behändigkeit über die Mauer, und ich folge ihm, wobei ich schaudernd an den einen Vorfall auf diesem Friedhof denke, den ich mit Tim in Verbindung bringe: Spät an einem Halloweenabend warfen wir, ein halbes Dutzend Jungen, unsere Liegeräder über die Mauer und rasten johlend über die schmalen Wege, bis uns eine Meute wilder Hunde die Eichen in der Nähe des dritten Tores hinaufjagte. Ob Tim sich auch noch daran erinnert?

Mit einem letzten besorgten Blick zur Cemetery Road lässt er sich auf den feuchten Boden sinken und lehnt sich an die bemoosten Ziegel in einer Ecke, wo zwei Mauern zusammentreffen. Ich setze mich an die angrenzende Mauer im rechten Winkel zu ihm, sodass meine Laufschuhe seine zermürbten Segelschuhe fast berühren. Jetzt erst wird mir klar, dass Tim sich nach der Arbeit umgezogen haben muss. Die Uniform, die er im Dienst trägt, ist schwarzen Jeans und einem grauen T-Shirt gewichen.

»Konnte nicht in Arbeitskleidung herkommen«, sagt er, als hätte er meine Gedanken gelesen, doch er hat nur auf meinen Blick reagiert. Offensichtlich haben die Drogen, die er im Laufe der Jahre genommen hat, seinen einst so scharfen Geist nicht gänzlich zerstört.

Ich beschließe, auf weiteren Smalltalk zu verzichten. »Du hast am Telefon ein paar ziemlich gruselige Dinge erwähnt. Gruselig genug, um mich zu dieser Stunde hierherzulocken.«

Tim nickt und wühlt in seiner Tasche nach etwas, das sich als gekrümmte Zigarette erweist. »Kann nicht riskieren, sie anzuzünden«, sagt er und steckt sie sich zwischen die Lippen, »ist aber gut zu wissen, dass ich sie für die Heimfahrt habe.« Er grinst noch einmal, bevor er eine ernste Miene aufsetzt. »Also, was hattest du vor meinem Anruf gehört?«

Ich möchte nichts wiederholen, was Tim nicht bereits selbst gesehen oder gehört hat. »Gerüchte über Prominente, die zum Glücksspielen einfliegen und dann schleunigst wieder abhauen. Profisportler, Rapper, was weiß ich. Leute, die normalerweise nicht hierherkommen.«

»Hast du von den Hundekämpfen gehört?«

Meine Hoffnung, dass die Gerüchte falsch sind, schwindet. »Ich habe gehört, dass sich in der Richtung irgendwas abspielt, aber es war schwer zu glauben. Okay, ich könnte mir denken, dass sich ein paar Hinterwäldler unten im Tal oder jenseits des Flusses auf so was einlassen, aber keine High Roller oder Berühmtheiten.«

Tim saugt an seiner Unterlippe. »Was noch?«

Diesmal antworte ich nicht. Ich habe andere Gerüchte gehört – zum Beispiel darüber, dass Prostitution und harte Drogen im Schutz der Glücksspielbranche gedeihen. Aber das gab es schon immer. »Ich will keine Vermutungen über Dinge anstellen, die vielleicht nicht wahr sind.«

»Du redest wie ein beschissener Politiker.«

Wahrscheinlich bin ich sogar einer geworden, aber ich fühle mich eher wie ein Anwalt, der die Wahrheit aus der Geschichte eines unzuverlässigen Mandanten herausfiltert. »Warum erzählst du mir nicht einfach, was du weißt? Dann werde ich dir sagen, ob es mit meinen Informationen übereinstimmt.«

Tim, der mit jeder Sekunde ängstlicher aussieht, gibt seiner Nikotinsucht schließlich doch nach. Er holt ein Feuerzeug hervor, lässt die Flamme auflodern, berührt damit das Ende der Zigarette und zieht die Luft durch das Papierröhrchen ein wie jemand, der an einer ellenlangen Wasserpfeife nuckelt. Er hält den Rauch besorgniserregend lange zurück, bevor er ausatmet und sagt: »Weißt du, dass ich ein Kind habe? Einen Sohn.«

»Ja. Ich habe ihn vor ein, zwei Wochen mit Julia im Supermarkt gesehen. Sieht prächtig aus.«

Tims Lächeln erhellt sein Gesicht. »Genau wie seine Mutter. Sie ist immer noch eine Schönheit, stimmt’s?«

»Stimmt«, pflichte ich wahrheitsgemäß bei. »Tja, also … was machen wir hier, Timmy?«

Er erwidert immer noch nichts, sondern nimmt einen weiteren langen Zug, wobei er die Hände um die Zigarette legt, als wäre sie ein Joint. Sein ganzer Körper bebt, aber nicht nur wegen der Kälte, und zum ersten Mal fürchte ich, dass er wieder Drogen nimmt.

»Tim?«

»Es ist nicht das, was du denkst. Ich trage den ganzen Scheiß seit längerer Zeit mit mir herum, und manchmal krieg ich das Zittern.«

Er weint, stelle ich erstaunt fest, und wischt sich die Tränen aus den Augen. Ich drücke sein Knie, um ihn zu trösten.

»Tut mir leid«, flüstert er. »Wir sind weit von der Mill Pond Road entfernt, stimmt’s?«

Die Mill Pond Road ist die Straße, in der ich aufgewachsen bin. »Ja. Alles in Ordnung?«

Er drückt seine Zigarette an einem Grabstein aus und beugt sich vor. In seinen Augen sehe ich eine Leidenschaft, die ich ihm gar nicht mehr zugetraut hätte. »Wenn ich dir mehr erzähle, gibt es kein Zurück. Verstehst du? Wenn ich dir sage, was ich weiß, wirst du nicht mehr schlafen können. Ich kenne dich. Dann bist du wie ein Pitbull und lässt nicht mehr los.«

»Hast du mich nicht deshalb herbestellt?«

Jessup zuckt die Achseln. Sein Kopf und seine Hände sind wieder zappelig. »Ich will dich nur warnen, Penn. Wenn du dem Problem aus dem Weg gehen willst, dann tu es jetzt. Klettere über die Mauer und renn zu deinem Auto. Ein kluger Mann würde das tun.«

Ich drücke den Rücken gegen die kalten Ziegel und denke über seine Worte nach. Das Schicksal kann sich urplötzlich von einem wolkenlosen Himmel auf dich stürzen, wie bei der Krebserkrankung meiner Frau, oder es kann dir auf deinem Weg auflauern, sichtbar für jeden, der es sehen will. Aber manchmal ist es bloß eine Straßengabelung, und nur selten steht ein Freund neben dir, der dir sagen kann, welcher Weg der bessere ist. Es ist die älteste menschliche Alternative: behagliche Ignoranz oder mit Schmerz erkauftes Wissen. Ich kann beinahe hören, wie Tim an seinem Blackjack-Tisch auf der Magnolia Queen fragt: »Erhöhen oder halten, Sir?« Wenn ich doch nur eine Wahl hätte! Aber da ich geholfen habe, die Queen nach Natchez zu bringen, ist die Sache von vornherein entschieden.

»Erzähl schon, Timmy. Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit.«

Jessup schließt die Augen und bekreuzigt sich. »Dem Himmel sei Dank«, flüstert er. »Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn du nicht mitgemacht hättest. Ich hab mich weit aus dem Fenster gelehnt, Mann. Und ich bin ganz allein.«

Ich zwinge mich zu einem Lächeln. »Lass uns hoffen, dass mein zusätzliches Gewicht dich nicht aus dem Fenster stürzen lässt.«

Er mustert mich lange; dann zieht er etwas aus der Gesäßtasche. Es sind offenbar zwei Spielkarten. Er hält sie mir mit der Handfläche nach unten hin. Die Karten sind fast ganz unter seinen Fingern verborgen.

»Soll ich eine Karte ziehen?«, frage ich.

»Das sind keine Karten, das sind Fotos. Mit einem Handy aufgenommen.«

Ich strecke die Hand aus und nehme die Fotos entgegen. Ich habe Tausende von Tatortfotos bis ins Detail betrachtet und rechne nicht damit, von Schnappschüssen geschockt zu werden, die Tim Jessup in seiner Gesäßtasche mitgebracht hat. Aber als er sein Feuerzeug anzündet und es über das erste Foto hält, höre ich im Kopf ein Summen wie von tausend Wespen, und mir dreht sich der Magen um.

»Ich weiß«, sagt er. »Aber es kommt noch schlimmer.«

2

Linda Church liegt unter dem Mann, der ihren Lohn zahlt, und versucht, sich ihre Furcht nicht anmerken zu lassen. Während er verschwitzt und mit brennenden Augen in sie hineinstößt, stellt sie sich vor, eine Steinfigur in einer Kathedrale zu sein, deren tote Augen nichts enthüllen. Linda liest in ihrer Freizeit Fantasy-Romane, und manchmal malt sie sich aus, eine Gestalt in einem Buch zu sein, eine Edelfrau, die durch einen grausamen Schicksalsschlag gezwungen wird, Dinge zu tun, die sie hasst. So etwas passierte den Heldinnen am laufenden Band. Schon ihr Leben lang (oder seit sie als Vierjährige die Prinzessin in ihrer Kindergartenaufführung spielte) sucht Linda nach ihrem Prinzen. Er soll sie aus dem Dornenlabyrinth hinausführen, zu dem ihr Leben geworden ist. Als sie den Kerl kennenlernte, der sie nun vögelt, glaubte sie, der magische Moment sei endlich gekommen. Nur ein Jahr, bevor sie dreißig wurde (und mit einem trotz manch derber Behandlung unversehrten Äußeren), war Linda endlich vom Schicksal zu einem Prinzen gelenkt worden. Er sah aus wie ein Filmschauspieler und redete tatsächlich wie ein Prinz in den Filmen, die ihre Großmutter sich früher angeschaut hatte. Wie Laurence Olivier oder Cary Grant.

Aber Cary Grant war gar nicht Cary Grant. Er hieß Archie Leach oder so, also war er nicht der, für den man ihn immer gehalten hat. Hier zeigte sich die Wahrheit des Lebens: Nichts ist das, wofür man es hält, und niemand ist der, der zu sein er vorgibt.

Wäre Lindas Prinz zu einem Frosch geworden, hätte sie wenigstens den Trost des Vertrauten gehabt. Aber dieses Märchen endete anders, denn der falsche Prinz verwandelte sich in eine Schlange mit nadelscharfen Zähnen, aus denen scheußliches Gift spritzt. Linda wusste nun, dass sie nur eine von zwanzig oder dreißig Frauen war, mit denen er auf der Magnolia Queen geschlafen hatte und die er wahrscheinlich immer noch bumste, egal was er behauptete. Denn welche Frau konnte riskieren, ihn abzuweisen, solange gut bezahlte Arbeit kaum zu finden war?

»Was ist heute Abend mit dir los?«, grunzt er, ohne seine Bewegungen zu unterbrechen. »Drück die Pissklappen zusammen und sieh zu, dass er was zu tun hat.«

Vor allem hasst sie seine Stimme, denn seine klangvolle Redeweise in der Öffentlichkeit ist nur ein weiterer Mantel, der das verhüllt, was sich unter seiner Haut und hinter seinen kalten, berechnenden Augen befindet. Er ist tatsächlich wie eine Gestalt in ihren Büchern, aber kein Held, sondern ein Gestaltwandler, ein Dämon, der weiß, dass er am leichtesten in die Seele normaler Menschen eindringen kann, wenn er als das erscheint, was sie sich am innigsten wünschen; wenn er sie glauben lässt, dass er sie so sieht, wie sie gesehen werden wollen. Auf diese Weise hatte er Linda in die Falle gelockt. Er brachte sie dazu, an ihre geheimsten Fantasien über sich selbst zu glauben, lange genug, bis sie sich ihm willig hingab, um dann die Maske fallen zu lassen.

Die Schrecken jener Nacht haben sich Lindas Seele wie Narbengewebe eingeprägt. Binnen weniger Minuten begriff sie, auf was sie sich eingelassen hatte, und irgendetwas in ihrem Innern verdorrte für alle Zeit. Es geschah in diesem Zimmer, einem höhlenartigen Raum in den Tiefen der Magnolia Queen. Es ist eines von nur zwei Zimmern auf dem Casinoschiff, in denen es keine Sicherheitskameras gibt. Linda arbeitet oben in der Bar namens The Devil’s Punchbowl, die »Schüssel des Teufels«, aber die Frauen auf der Queen bezeichnen dieses verbotene Zimmer als die wahre Teufelsschüssel. Denn hier kümmert sich der Dämon um alle Geschäfte, die vom Tageslicht verschont werden müssen. Hierher bringt er Kartenzähler und andere Unruhestifter, um sie auf den Stuhl zu schnallen, der in der Mitte des Zimmers am Boden festgeschraubt ist. Hierher bringt er die Frauen, die das Gleiche ertragen müssen wie Linda in jener Nacht, als die Maske gefallen war.

Nachdem er sich davongemacht hatte und Linda sich wieder zurechtmachte, so gut es ging, schwor sie sich, das Schiff zu verlassen. Aber sie hatte nie den Mut aufgebracht. Zum Teil lag es natürlich am Geld und an der Versicherung. Hinzu aber kam die Fähigkeit des Geistes, sich selbst zu belügen. Eine vertraute Stimme flüsterte ihr ein, dass sie sich geirrt habe, dass sie einige jener Dinge, die er getan hatte, falsch verstanden habe. Dass sie im Grunde um diese Dinge gebeten habe – wenn nicht ausdrücklich, dann durch ihr Tun. Aber jeder neue Besuch des Dämons bestätigte ihren warnenden Instinkt, und ihre Furcht war gewachsen. Sie wollte unbedingt aufhören, wollte runter von der Queen und aus der Stadt flüchten, aber sie tat es nicht. Der Dämon schien eine seltsame Macht über sie zu haben – nein, er besaß diese Macht wirklich –, weshalb Linda Angst hatte, jemandem ihre schreckliche Lage anzuvertrauen. In Augenblicken der Klarheit geriet sie deshalb außer sich. Das war ein Fall schlimmster sexueller Belästigung. Natürlich könnte er dagegenhalten, dass die Beziehung einvernehmlich gewesen sei. Sie war ihm – scheinbar begeistert – sexuell gefügig gewesen, und abgesehen von seinem Büro und diesem Zimmer wird jeder Zoll des Casinos von Überwachungskameras abgedeckt, sogar die Toiletten, obwohl das gesetzlich verboten war.

Linda hat darüber nachgedacht, ob sie ein paar von den anderen Mädchen, mit denen er es treibt, bitten soll, zusammen mit ihr einen Anwalt aufzusuchen. Aber das wäre noch riskanter, als ihr ganzes Geld auf einen der Spieltische auf dem Oberdeck zu legen. Die Gewissheit, dass der Mann, der nun in ihr ist, das Gleiche mit diesen vielen anderen Frauen getan hat, lässt Linda schaudern, doch sie schreit nicht auf und versucht nicht, ihn wegzustoßen. Zwar würde die Heldin in einem ihrer Romane so handeln und ihm im »Augenblick der größten Leidenschaft« eine Hutnadel oder einen Dolch in den Rücken stechen, aber das wirkliche Leben ist anders. Im wirklichen Leben kommt dieser Augenblick und verstreicht, und wenn der Kerl sich dann von ihr rollt, hat Linda das Gefühl, dass ihre Seele mitsamt den blutigen Wurzeln herausgerissen wurde und nur noch eine leere Hülle von ihr übrig ist.

In diesem Zustand war Linda gewesen, als ihr wahrer Prinz auf der Bühne ihres Lebens erschien. Er ritt nicht auf einem weißen Ross und trug kein Wams und kein Zauberergewand, sondern die Uniform eines Blackjack-Dealers. Seine Augen waren ganz anders gewesen als die, die jetzt über ihr lodern; sie waren sanft, gütig und unendlich verständnisvoll gewesen. Irgendwie hatte sie geahnt, dass er ihre Qual durchschaute, bevor er sie ansprach. Allerdings kannte er die Einzelheiten nicht; dann wäre er ein toter Mann gewesen, denn er ist dem Gestaltwandler nicht gewachsen. Außerdem ist er zu gut für seine Arbeit – und auch zu gut für Linda. Doch dieser Meinung schließt er sich nicht an. Er liebt sie.

Leider ist er verheiratet. Mit einer wirklich netten Frau. Linda verachtet sich, weil sie den Mann einer Anderen haben will. Aber was soll man tun, wenn man jemanden aufrichtig liebt? Wie kann man ein Gefühl verbannen, das stärker ist als die Dunkelheit, die einen von innen her auffrisst?

»Du liegst da wie ’ne Matratze«, knurrt der Dämon verächtlich. »Willst du, dass ich ein paar Freunde über dich drübersteigen lasse, wenn ich fertig bin?«

Linda zuckt vor Furcht zusammen und bewegt die Hüften schneller. Sie schließt die Augen und betet, dass der Dämon, der sich in ihr bewegt, ihren heimlichen Prinzen nicht entdeckt und vor allem nicht dem auf die Schliche kommt, was ihr Prinz in genau diesem Moment tut, um die Welt wieder ins Lot zu bringen. Denn wenn der Dämon oder seine Handlanger das herausfinden, wird Timothy eines grässlichen Todes sterben. Und vorher werden sie ihn zum Reden bringen. Das ist eine ihrer Spezialitäten.

3

Penn?«, sagt Tim leise und berührt mich am Knie. »Alles klar?«

Ich bin über drei verschwommene Fotos auf meinem Schoß gebeugt und versuche, nur mit Hilfe der flackernden Flamme eines Feuerzeugs die auf dem billigen Durchschlagpapier gedruckten Einzelheiten zu erkennen. Man braucht eine Weile, um Bilder wie diese wirklich zu sehen. Als stellvertretender Bezirksstaatsanwalt machte ich die Feststellung, dass die Bilder von Mordopfern, egal wie brutal zugerichtet sie waren, mich nicht so sehr erschütterten wie die von Überlebenden. Der Geist distanziert sich automatisch von den Toten – ein Überlebensvorteil unserer Gattung. Aber wir haben keinen wirksamen Filter, um das Leid lebender Menschen auszuschalten, abgesehen davon, dass wir uns physisch oder geistig, durch Leugnung, abwenden können (was unmöglich ist, wenn wir »richtig erzogen« sind, wie Ruby Flowers, eine der Frauen, die mich erzogen hat, es ausgedrückt hätte).

Das erste Foto zeigt das Gesicht eines Hundes, der aussieht, als wäre er von einem Lastwagen angefahren und hundert Meter über zerbrochenes Glas geschleift worden. Doch trotz der grässlichen Wunden steht das Tier aus eigener Kraft da und blickt mit seinem verbliebenen Auge in die Kamera. Ich zucke vor Abscheu zusammen, schiebe das Foto unter die beiden anderen und sehe ein blondes Mädchen vor mir – keine Frau, sondern ein Mädchen –, das ein Tablett voller Bierkrüge trägt. Es dauert einen Moment, bis ich zur Kenntnis nehme, dass dieses Mädchen, das nicht älter als fünfzehn Jahre sein kann, kein Oberteil anhat. Ein leeres Lächeln spielt um ihre Lippen, doch ihre Augen sind gespenstisch ausdruckslos wie die einer Psychiatriepatientin unter Thorazin-Einwirkung.

Ich schiebe das Bild zur Seite, und mir verschlägt es den Atem. Wahrscheinlich dasselbe Mädchen (ich bin mir nicht sicher) liegt auf einem Holzfußboden, und ein viel älterer Mann hat mit ihr Geschlechtsverkehr. Am bestürzendsten ist, dass dieses Bild zwischen einer Gruppe von Männern aufgenommen wurde, von hinten, die alles beobachten. Sie sind nur vom Knie bis zur Schulter zu sehen – drei tragen lange Hosen und Polohemden, während ein vierter mit einem Straßenanzug bekleidet ist –, doch alle halten einen Bierkrug in der Hand.

»Hast du diese Bilder gemacht?«, frage ich und kann meinen Ekel nicht verbergen.

»Nein … au, verdammt!« Tim reißt die Hand mit dem Feuerzeug zurück, und das flackernde Licht erlischt. »Hast du genug gesehen?«

»Zu viel. Wer hat das fotografiert?«

»Jemand, den ich kenne. Das genügt vorläufig.«

»Weiß er, dass du die Bilder hast?«

»Nein. Er würde tief in der Scheiße stecken, wenn man wüsste, dass er für diese Schweinereien verantwortlich ist.«

Ich lege die Fotos neben Tims Bein, schließe die Augen und reibe mir die Schläfen, um aufkommenden Kopfschmerzen entgegenzuwirken. »Wer ist das Mädchen?«

»Keine Ahnung. Sie holen immer wieder neue Mädchen ran.«

»Sie sieht aus wie fünfzehn.«

»Wenn nicht jünger.«

»Wurden die Fotos hier in der Gegend gemacht?«

»In einem Jagdlager ein paar Meilen von hier. Sie fahren Besucher mit ihrem VIP-Boot zu den Hundekämpfen. Der Veranstaltungsort ändert sich jedes Mal.«

Nun, da das Feuerzeug aus ist, kehrt meine Nachtsicht zurück. Tims hageres Gesicht wirkt im Mondschein fahl. Ich atme tief durch. »Meine Güte, ich wollte, ich hätte diese Fotos nicht gesehen.«

Er antwortet nicht.

»Und der Hund?«

»Der Verlierer in einem Kampf. Kurz bevor sein Besitzer ihn getötet hat.«

»Mein Gott. Und was war das Schlimmste?«

Tim seufzt wie ein Mann, der jede Illusion verloren hat. »Das dürfte von deiner Sensibilität abhängen.«

»Du sagst, so etwas wird von der Magnolia Queen veranstaltet?«

Tim nickt.

»Warum?«

»Um die Wale nach Süden zu locken.«

»Die Wale?«

»Die High Roller. Die Spieler mit dem großen Geld. Arabische Playboys, asiatische Erben von Treuhandfonds, Drogenbarone, Profisportler, Rapper. Das ist der reinste Zirkus, Mann. Die Typen werden aus aller Herren Länder von den Hundekämpfen angelockt. Vom Blutsport.« Tim schüttelt den Kopf. »Es ist zum Kotzen. Und es geht nicht nur um die Zuschauer, es geht auch um den Wettbewerb. Manche wollen ihren Killerhund mitbringen und gegen die besten Tiere antreten lassen. Letzte Woche ist ein Privatjet aus Macao eingeflogen. Der Sohn eines chinesischen Milliardärs brachte seinen Hund zum Kämpfen mit. Einen Bully Kutta. Hast du mal von den Biestern gehört? Der Bastard wog mehr als ich. Der Hund, meine ich.«

Ich versuche, mir einen Hund vorzustellen, der schwerer ist als Tim Jessup. »Ist der Bursche in Natchez gelandet?«

»Teufel, nein. Es gibt in der Umgebung noch andere Landestreifen, die für Privatjets geeignet sind.«

»Nicht viele.«

»Jedenfalls ist es ein Riesengeschäft. Diese Typen würden mich ohne Zögern umbringen, nur weil ich mit dir spreche. Ich wäre Hundefutter. Kein schöner Tod.«

Als Tim das Wort »Hundefutter« ausspricht, rührt etwas an einem Nerv in meinem Inneren. Es muss Furcht sein. Tim betrachtet mich aufmerksam und versucht, meine Reaktion zu deuten.

»Wieso habe ich das Gefühl, dass es damit noch nicht getan ist?«, sage ich.

Tim zögert wie ein Taucher kurz vor dem Sprung. Dann schnalzt er mit der Zunge und erwidert: »Sie zocken die Stadt ab, Penn.«

Der plötzliche Themenwechsel verwirrt mich. Ich lehne mich wieder an die Ziegel und richte den Blick auf die Flügel eines zwanzig Meter entfernten Engels. Der Tau lässt sich darauf nieder, und die Luft gleicht einem feinen Sprühnebel, den ich nur mit Mühe atmen kann. Vielleicht ist die Luft sogar dicht genug, um einen der Engel aus Stein abheben zu lassen. Das tiefe Grollen eines Schubschiffes auf dem Fluss tief unter mir lässt mich erkennen, dass Geräusche weiter getragen werden, als ich dachte. Deshalb senke ich die Stimme. »Wer zockt die Stadt ab?«

Tim legt die Arme um sich und wiegt sich langsam hin und her. »Die Leute, für die ich arbeite. Bei Golden Parachute Gaming oder wie du es nennen willst.«

»Die Muttergesellschaft der Magnolia Queen betrügt die Stadt? Wie denn?«

»Indem sie zu wenig Steuern zahlt, Alter. Wie sonst?«

Jessup spricht von dem Anteil der Bruttoeinnahmen, den die Besitzer der Casinoschiffe der Stadt für die Lizenz zahlen. »Das kann nicht sein.«

»Aber sicher doch. Ich bin nicht bloß aus alter Freundschaft hierhergekommen.«

»Tim, wie können sie uns um Steuern betrügen, ohne dass es die staatliche Glücksspielkommission herausfindet?«

»Das sind zwei verschiedene Fragen. Erstens, wie konnten sie zu wenig Steuern zahlen? Zweitens, weiß die Glücksspielkommission davon?«

Sein kaltes Sezieren dessen, was für mich und die Stadt ein Albtraum werden könnte, geht mir auf die Nerven. »Kennst du die Antworten?«

»Frage eins ist leicht zu beantworten. Schließlich haben sich Teenager sogar ins Verteidigungsministerium eingehackt. Glaubst du wirklich, dass das Netzwerk eines Casino-Unternehmens nicht manipuliert werden kann? Besonders von den Leuten, denen dieses Netzwerk gehört?«

»Und die zweite Frage?«

»Die ist nicht so leicht zu beantworten. Die Glücksspielkommission ist mehr oder weniger unabhängig, und ich weiß zu wenig über ihre Aktivitäten, um sagen zu können, was möglich ist. Sie hat drei Mitglieder. Wie viele müssten korrupt sein, damit die Geschäfte nicht gefährdet sind?«

Ich schüttle immer noch den Kopf. »Unser Betriebsprüfungssystem ist über Jahrzehnte in Las Vegas entwickelt worden. Niemand kann es überlisten.«

Jessup lacht spöttisch auf. »Angeblich kann man einen Lügendetektor auch nicht überlisten. Nehmen wir vorläufig mal an, die Glücksspielkommission ist sauber, und kehren wir zu Frage eins zurück. Es gibt keine Möglichkeit, die Einnahmen aus den verschiedenen Bereichen des Casinos zu verfälschen, weil alles straff reglementiert ist. Da hast du recht. Das Sicherheitssystem des Unternehmens verhindert so etwas. Jeder Quadratzentimeter des Schiffes wird rund um die Uhr durch Überwachungskameras beobachtet und abgehört. Die Kameras werden automatisch gelenkt – aus Vegas, nicht aus Natchez. Ein Kumpel von mir hat mich an einem Abend mal in die Sicherheitszentrale gelassen. Ich konnte beobachten, wie Pete Elliot die Frau seines Bruders in einer Ecke des Restaurants begrapschte.«

»Den Quatsch brauche ich nicht zu wissen.«

»Ich sag ja nur …«

»Worauf willst du hinaus?«

»Die einzige Methode, die Stadt zu betrügen, besteht darin, dass das Unternehmen die Bruttoeinnahmen zu niedrig ansetzt. Ihr von der Stadt habt einen hohen Betrag vor euch, rechnet euren Anteil aus und hakt nicht weiter nach. Stimmt’s?«

»So ungefähr. Aber die Glücksspielkommission arbeitet gründlicher. Um wie viel Geld geht es?«

Jessup lässt sein Feuerzeug aufflackern, betrachtet seinen angesengten Daumen und blinzelt dann in die Flamme, als müsse er eine Integralgleichung lösen. »Nicht sehr viel, wenn man den Monatsumsatz eines Casinoschiffes berücksichtigt. Aber für einen normalen Menschen geht es um eine Menge Kohle.«

»Okay, aber deine Argumentation hat einen entscheidenden Fehler.«

»Nämlich?«

»Das Casino hat keinen Vorteil. Wie sehr es uns auch abzockt, sein Gewinn ist winzig, verglichen mit dem Risiko. Die haben dort unten praktisch eine eigene Druckerpresse. Warum sollen sie die goldene Gans schlachten, nur um zwei zusätzliche Millionen pro Jahr zu klauen? Oder meinetwegen sogar pro Monat?«

Jessup lächelt. »Jetzt kommst du der Sache näher, Alter. Es ergibt keinen Sinn, oder?«

»Für mich nicht.«

»Für mich auch nicht.« Er steckt sich eine weitere Zigarette zwischen die Lippen und saugt daran wie jemand, der unter Wasser durch ein Schilfrohr atmet. »Bis wir uns klarmachen, dass es nicht die Muttergesellschaft ist, die euch beklaut, sondern ein einzelner Typ.«

»Nur einer? Unmöglich. Casinos überlassen einem Einzelnen nie so viel Macht.«

Tim stößt eine Rauchwolke aus. »Wer sagt, dass sie ihm überlassen wurde?«

»Das kann nicht sein, Timmy. Die Casinos tun alles, um eine solche Situation zu vermeiden.«

»Ja. Und sie sind geschickt, aber sie sind nicht Gott.« Er grinst vergnügt, als rauche er Marihuana und nicht Tabak. »Das Unternehmen setzt einiges über Menschen und Situationen voraus, und dadurch wird es angreifbar.«

Ich reibe mir das Kinn. Die feinen Stoppeln verraten mir, dass es spät wird. »Offensichtlich hast du einen Verdächtigen. Wer ist es?«

Tims Selbstgefälligkeit ist wie weggewischt. »Das brauchst du noch nicht zu wissen. Heute Abend ist er noch ›Mr. X‹, okay? Entscheidend ist, dass er lange genug für die Firma gearbeitet hat, um so etwas anzetteln zu können.«

Ich weiß einiges über die Golden Parachute Gaming Corporation. Aber statt Tim durch Mutmaßungen darüber zu verschrecken, wer der betreffende Manager sein könnte, beschränke ich mich lieber auf das, was er preisgeben will. Vorläufig. »Mr. X steht auch hinter den Hundekämpfen und den Mädchen?«

»Oh ja. So wird die Queen noch profitabler, und Mr. X macht nebenher ganz schön Kohle.«

Ich stöhne auf bei dem Gedanken, dass ich Golden Parachute widerwillig umworben und dazu beigetragen habe, die Magnolia Queen nach Natchez zu holen, wodurch ich die Voraussetzung dafür geschaffen haben könnte, meine Heimatstadt mit diesem Virus zu verseuchen. Aber statt mir selbst Vorwürfe zu machen, lasse ich meinen Frust an Tim aus. »Du hast dir eine tolle Woche ausgesucht, um mich zu informieren. An diesem Wochenende finden die Ballonrennen statt. Siebenundachtzig Heißluftballons und fünfzehntausend Touristen, darunter einer, dem ich jeden Wunsch erfüllen muss, damit er seine Recyclinganlage hier bei uns baut.«

Tim nickt. »Hab in der Zeitung darüber gelesen.«

»Im Ernst, Tim. Wie soll ich dir helfen, ohne die Identität von Mr. X zu kennen? Wenn ich sie nicht kenne, kann ich nichts unternehmen.«

Tim saugt wieder an seiner Zigarette, als atme er unter Wasser durch ein Schilfrohr. Immer wenn die Zigarette aufglüht, beobachte ich seine Augen, und was ich dort sehe, erschreckt mich. Das vorherrschende Gefühl ist Furcht, doch darunter mischt sich etwas, das mir wie Hass vorkommt.

»Was stellst du dir unter Hilfe vor?«, fragt er leise.

»Was meinst du damit?«

Sein Blick zuckt nach oben, und er schaut mir in die Augen. »Du hast für einen Bezirksstaatsanwalt in einer Großstadt gearbeitet. Also weißt du, was ich meine.«

»Ich habe die Fotos gesehen«, sage ich vorsichtig. »Eine schlimme Sache. Deshalb müssen wir sie den Behörden überlassen.«

»Den Behörden?« Er spuckt dieses Wort beinahe aus. »Hast du nicht gehört, was ich am Telefon gesagt habe? In dieser Sache kannst du keinem trauen, nicht mal der örtlichen Polizei.«

»Ich soll meiner eigenen Polizei nicht trauen?«

»Das ist nicht deine Polizei. Die Cops haben dort schon gearbeitet, bevor du dein Amt angetreten hast, und sie werden noch dort sein, wenn du weg bist. Das Gleiche gilt für den Sheriff und seine Leute. Für die bist du bloß ein politischer Tourist. Ein Durchreisender.«

Tims Einschätzung unserer Vollzugsbehörden verstört mich. »Ich vertraue diesen Männern. Wir sind mit den meisten von ihnen aufgewachsen, oder mit ihren Vätern.«

»Ich behaupte ja nicht, dass die Polizisten Gauner sind, aber sie denken an ihr eigenes Wohl und das ihrer Angehörigen. Außerdem haben sie gerne ein bisschen Spaß, so wie jeder andere auch. Viele von denen drücken ein Auge zu, um zusammen mit irgendeiner Berühmtheit fotografiert zu werden. Ich war auf vielen dieser Partys. Ich weiß, wen ich dort gesehen habe.«

Wie die volle Bedeutung einer Krebsdiagnose werden mir die Konsequenzen von Tims Worten erst allmählich klar. »Du kannst bezeugen, dass Mr. X persönlich bei diesen Hundekämpfen dabei war? Du hast erlebt, wie er die Prostitution von Minderjährigen gefördert hat?«

Jessup schnaubt geringschätzig. »Ist das dein Ernst? Du willst Mr. X wegen der Veranstaltung von Hundekämpfen verhaften lassen? Auf meine Aussage hin? Der Bastard könnte ein Dutzend aufrechter Bürger schwören lassen, dass er an jedem Tag oder Abend, den wir nennen, auf der Queen war.«

»Hundekämpfe sind in Mississippi ein Kapitalverbrechen«, sage ich mit ruhiger Stimme. »Es ist schon ein Verbrechen, bei einem Hundekampf zuzuschauen. Als Höchsturteil können zehn Jahre verhängt werden. Und bei Wiederholungsfällen gibt es schwerste Strafen.«

Tims Aufmerksamkeit scheint geweckt zu sein. Doch während ich die Tatsachen aufzähle, muss ich insgeheim zugeben, dass Jessup tatsächlich ein Problemzeuge wäre. »Natürlich wäre es tödlich, wenn wir jemanden wegen Hinterziehung schnappen könnten. Golden Parachute würde ihre Glücksspiellizenz verlieren, womit auf einen Schlag fünf Casinos schließen müssten. Das Finanzamt würde sie auffressen, und die Partner müssten Hunderte von Millionen Dollar nachzahlen.«

»Das hört sich schon besser an«, sagt Tim bitter.

»Und was schlägst du vor, wie man diese Sache in Angriff nehmen soll? Hast du Beweise, abgesehen von den Fotos?«

Er leckt sich die Lippen. »Okay, ich hab nicht genug. Aber ich arbeite seit einem Monat an einem Plan.«

Eine böse Vorahnung keimt in mir auf. Alles, was Tim mir bisher anvertraut hat, führt zu diesem Punkt. »Tim, ich werde dir nicht helfen, dein Leben zu riskieren. Ich habe Erfahrung mit solchen Dingen. Manchem Informanten wurde die Kehle durchgeschnitten.«

Jessup hat den Blick eines Märtyrers, der in die Flammen schreitet. Unvermittelt packt er mein Handgelenk mit überraschend kräftigem Griff. »Das hier ist unsere Stadt, Mann. Ich werde nicht hinnehmen, wie diese zugereisten Arschlöcher alles ruinieren, was unsere Vorfahren mühsam aufgebaut haben …«

»Pssst!« Ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen schießt. »Ich höre dich auch so. Ich verstehe deine Wut, aber dein Leben ist das nicht wert. Es lohnt sich nicht einmal, dafür verprügelt zu werden. Die Männer hier haben schon um Geld gespielt, Sklaven verkauft, Indianerfrauen vergewaltigt und sich gegenseitig die Kehle durchgeschnitten, bevor Paul Revere seinen ersten silbernen Kerzenleuchter verkauft hat.«

Tims Augen glänzen. »Was ist los mit dir, Penn? Es geht um Unschuldige. Um minderjährige Mädchen und schutzlose Tiere. Jede Woche schickt Mr. X vier Pick-ups mit leeren Käfigen hundert Meilen in sämtliche Richtungen. Wenn sie zurückkommen, sind die Käfige voller Cockerspaniels, Pudel, Dalmatiner und Katzen. Die Ausbilder werfen sie in ein Loch mit hungernden Pitbulls, damit die das Töten lernen. Oder sie binden die armen Viecher an eine Spindel, damit die Hunde zum Laufen gebracht werden, und dann verfüttern sie die Tiere an die Kampfhunde. Sie werden in Stücke gerissen.«

Ein Schauder durchrieselt mich. Ich muss an eine Nachbarin denken, die drei Häuser von mir weg wohnt und im letzten Monat ihren siebenjährigen Cockerspaniel verloren hat. Sie ließ den Hund hinaus, damit er sein Geschäft machen konnte, und er kam nie zurück.

»Ich habe nicht darum gebeten«, beharrt Tim, »aber ich bin in einer Situation, in der ich etwas dagegen tun kann. Ich, okay? Was für ein Mann wäre ich, würde ich diese Scheiße einfach weiterlaufen lassen?«

Seine Frage ist wie eine Klinge, die tief in mein Gewissen schneidet. »Timmy … ach, verdammt. Was würdest du sagen, wenn ich nur deshalb noch Bürgermeister dieser Stadt wäre, weil ich nicht weiß, wie ich meinem Vater beibringen soll, dass ich zurücktrete?«

Jessup blinzelt wie ein Kind, das etwas zu verstehen versucht, was jenseits seines Begriffsvermögens liegt. »Ich würde sagen, dass du mich verarschen willst. Aber …« Seine Miene nimmt einen vollkommen anderen Ausdruck an. »Das willst du doch nicht wirklich, oder?«

»Doch.«

»Warum? Bist du etwa krank?«

Er stellt die Frage, weil unser letzter Bürgermeister zurückgetreten war, nachdem man bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert hatte. »Nicht körperlich. Eher seelisch.«

Tim blickt mich ungläubig an. »Seelisch? Machst du Witze? Ich bin seelenkrank! Mann, du hast überall im Ort verkündet, dass du die Dinge ändern willst. Die Menschen haben dir geglaubt. Und nun willst du aufgeben? Der Oberpfadfinder will den Krempel hinschmeißen? Warum? Weil es schwieriger ist, als du gedacht hast? Hat jemand deine Gefühle verletzt?«

Ich setze zu einer Erklärung an, doch Tim schneidet mir das Wort ab. »Die sind mit Geld zu dir gekommen, richtig? Nein … sie haben dich bedroht, stimmt’s?«

»Nein.«

»Doch!« Tims Augen blitzen. »Irgendwie haben sie dich in den Klauen, und jetzt fällt dir nichts anderes ein, als abzuschwirren.«

»Tim!« Ich packe sein Bein und drücke so kräftig zu, dass er garantiert einen Bluterguss bekommt. »Halt die Klappe und hör mir eine Sekunde zu!«

Seine Brust hebt und senkt sich vor Erregung und Wut.

Ich beuge mich so nahe an ihn heran, dass er meine Augen sieht. »Keines der Casinos ist an mich herangetreten. Keine Bestechungsversuche, keine Drohungen. Bis heute Abend war das, was du mir erzählt hast, bloß Getuschel.«

»Und jetzt?«

»Jetzt wollen mir die verdammten Fotos nicht mehr aus dem Kopf.«

Er lächelt traurig. »Ich hatte dich gewarnt.«

»Ja.«

Er reibt sich das Gesicht mit beiden Händen so heftig, dass sein Schnurrbart Kratzgeräusche macht. »Und was nun? Bin ich auf mich allein gestellt?«

»Ja. Es sei denn, du sagst mir, wer Mr. X ist.«

Tims Augen werden so ausdruckslos wie Murmeln.

»Mach schon. Ich kenne Gesetzeshüter, die nicht von hier sind. Verlässliche Leute. Nenne mir seinen Namen, und ich werde eine Ermittlung einleiten. Wir ziehen dem Typen das Fell ab. Ich habe schon früher mit solchen Kerlen zu tun gehabt, das weißt du. Sie wurden zum Tode verurteilt.«

Langsam und bedächtig drückt Tim seine Zigarette an den moosbedeckten Ziegeln hinter sich aus. »Genau. Deshalb bin ich zu dir gekommen. Aber du musst dir klarmachen, was dir bevorsteht, Penn. Dieser Typ hat Einfluss. Wenn jemand in Houston oder Washington sitzt, braucht er noch lange nicht sauber zu sein.«

»Tim, ich bin gegen den Chef des FBI angetreten. Und ich habe gewonnen.«

Jessup wirkt nicht überzeugt. »Das war was anderes. Jemand wie der muss sich an die Regeln halten. Das ist wie mit Gandhi, als er die Briten in Indien besiegt hat. Mach dir nichts vor. Wenn du dich mit Mr. X anlegst, schwimmst du ans seichte Ende des Lake St. John und hoffst, einen Alligator umzubringen, bevor er dich erwischt.«

Dieses Bild trifft mich mit primitiver Kraft. Ich bin nachts einmal mit einem Motorboot über das seichte Ende des Sees gefahren; kein Anblick ist mit dem der vielen Dutzend roter Augen zu vergleichen, die dicht über der Wasseroberfläche zwischen den krummen Zypressenstämmen lauern. Der erste Schlag eines panzerbewehrten Schwanzes im Wasser löst eine triebhafte Furcht aus, die dich beten lässt, dass die Verschlussschraube des Bootes nicht locker sitzt.

»Schon gut. Aber ich glaube, dass du ein bisschen verschreckt bist. Der Knabe ist auch nur ein Mensch.«

Jessup zupft an seinem Schnurrbart wie der nervöse Junkie, der er früher einmal war. »Du kennst ihn nicht, Mann … du kennst ihn nicht. Der Kerl ist nach außen so glatt wie Seide, aber innen hat er Sägezähne. Wenn die Hunde sich gegenseitig in Stücke reißen oder ein Mädchen hinten in einem Wohnwagen schreit, hat er plötzlich nicht mehr Eis, sondern Feuer in den Augen.«

»Tim.« Ich beuge mich vor und packe sein Handgelenk. »Ich verstehe nicht, was du von mir willst. Wenn du dich weigerst, die Profis einzuschalten, wie sollen wir diesen Verrückten dann stoppen?«

Ein seltsames Licht erscheint in Tims Augen. »Es gibt nur eine einzige Methode, um solchen Leuten das Handwerk zu legen.«

»Und welche?«

»Von innen her.«

Herrje. Tim hat sich zu viele Krimiserien angeschaut. »Du willst den Typen, den du als leibhaftigen Satan beschreibst, mit einem Abhörgerät fertigmachen?«

Jessup lacht auf. »Scheiße, nein! Die Kerle nehmen Scanner mit aufs Klo.«

»Was hast du dann vor?«

Er schüttelt den Kopf mit kindlicher Hartnäckigkeit. »Das brauchst du nicht zu wissen. Aber Gott hat seine Gründe gehabt, mich in diese Lage zu bringen.«

Wenn Informanten über Gott reden, schrillt bei mir die Alarmanlage. »Tim …«

»He, ich erwarte nicht, dass du meinen Glauben teilst. Ich möchte nur, dass du nimmst, was ich dir übergeben werde, und das Richtige tust.«

Ich fühle mich verpflichtet, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, aber hinter dem Wunsch, einen Kindheitsfreund zu schützen, verbirgt sich ein professionelles, zynisches Wissen um die Wahrheit: In Fällen wie diesem können die Männer an der Spitze häufig nur dann verurteilt werden, wenn es einen Zeugen im Inneren der Organisation gibt, der das kriminelle Geschehen direkt beobachtet. Und wer außer einem Märtyrer wäre dazu bereit?

»Was willst du mir denn übergeben?«

»Beweismaterial. Einen Pfahl, den wir durch das Herz von Mr. X treiben, und ein Messer, mit dem wir den Kopf des Unternehmens abschneiden. Sag, dass du mir hilfst, Penn. Versprich mir, dass du nicht zurücktrittst. Wir müssen diese Drecksäcke erledigen.«

Wider besseres Wissen strecke ich den Arm aus und drücke Tims dargebotene Hand. »Okay. Aber du musst Augen im Hinterkopf haben. Und vorne sowieso. Spitzel werden meist dann erwischt, wenn sie einen dummen Fehler machen. Du hast einen langen Weg hinter dir. Sieh zu, dass dir jetzt nichts passiert.«

Tim schaut mir ins Gesicht. »Klar, ich muss vorsichtig sein. Schließlich habe ich einen Sohn, nicht?« Als wäre ihm plötzlich etwas eingefallen, greift er nach meiner anderen Hand wie ein Pastor, der mich ersucht, Jesus als meinen Erlöser anzuerkennen. »Aber wenn etwas passiert, dann mach dir keine Vorwürfe. Für mich gibt es keine andere Wahl.«

Deine Frau und dein Sohn wären anderer Meinung, geht es mir durch den Kopf, aber ich nicke.

Dann sitzen wir stumm und verlegen da wie zwei Männer, die sich über ein unangenehmes Problem ausgesprochen haben und nichts mehr hinzufügen können. Smalltalk ist sinnlos, aber wie können wir uns sonst voneinander verabschieden? Indem wir uns die Handflächen aufschneiden und einen Bluteid schwören wie Tom und Huck?

»Bist du noch mit der Lady zusammen, die den Buchladen führt?«, fragt Tim schließlich in gezwungen beiläufigem Tonfall.

»Libby?« Anscheinend ist die Neuigkeit noch nicht bis in Tims Kreise vorgedrungen. »Wir haben uns vor ungefähr einer Woche getrennt. Warum?«

»Ich habe ihren Sohn in den letzten Wochen einige Male auf der Queen gesehen. Er war high wie ein Drachen. Hat wohl ’nen gefälschten Ausweis, der Junge.«

Nach allem, was ich heute Abend gehört habe, bringt diese Mitteilung das Fass zum Überlaufen. Ich habe zu viel Zeit und politisches Kapital darauf verwendet, den neunzehnjährigen Sohn meiner früheren Freundin vor Zusammenstößen mit dem Gesetz zu retten. Eigentlich ist er ein anständiger Junge, aber wenn er sein Versprechen gebrochen hat, clean zu bleiben, hält die Zukunft ernste Unannehmlichkeiten für ihn bereit.

Tim wirkt besorgt. »Hätte ich dir das nicht sagen sollen?«

»Bist du sicher, dass er high war?«

Plötzlich kniet Tim sich hin, angespannt wie ein aufgeschrecktes Reh, und hebt die Hand, damit ich schweige. Während sein Blick sich auf eine Stelle jenseits der Mauer richtet, zwischen uns und dem Fluss, sehe ich, was ihn beunruhigt: das Geräusch eines Autos, das die Cemetery Road heraufkommt. Wir lauschen dem Dröhnen des Motors und hoffen, dass er den Dienst versagt … aber das geschieht nicht. Ein schleifendes Quietschen von Bremsen, dann Stille.

»Er hat angehalten«, zischt Tim. »Direkt unter uns.«

»Immer mit der Ruhe«, flüstere ich, obwohl mein Herz rast. »Wahrscheinlich ist es ein Streifenwagen, und mein Auto wird überprüft.«

Tim hockt nun auf den Fußballen. Hastig rafft er die Fotos vom Boden auf, legt sie in eine Ecke der Grabstätte und setzt sie mit seinem Feuerzeug in Brand. »Verdeck das Licht mit deinem Körper«, befiehlt er.

Während ich gehorche, überquert er im Krebsgang zwei Gräber und schiebt den Kopf über den Rand der Mauer. Die Fotos kringeln sich bereits zu glühender Asche.

»Kannst du was sehen?«, frage ich.

»Noch nicht. Wir sind zu tief drin.«

»Lass mich einen Blick auf die Leute werfen.«

»Auf keinen Fall. Bleib da.«

Wütend über seine Paranoia, springe ich auf und klettere über die Mauer. Bevor ich sechs Meter zurückgelegt habe, höre ich das blecherne Kreischen eines Polizeifunkgeräts. Mir fällt ein Stein vom Herzen, aber Tim ist wahrscheinlich kurz davor, die Flucht zu ergreifen. Ich trabe zu der Bank unter dem Flaggenmast und spähe über den Rand des Jewish Hill.

Ein Einsatzwagen steht mit laufendem Motor hinter meinem Saab. In dem Einsatzwagen sitzt ein Polizist, der in sein Funkgerät spricht. Zweifellos lässt er mein Nummernschild überprüfen. In ein paar Sekunden wird er erfahren, dass das Auto dem Bürgermeister gehört, wenn er es nicht schon wusste. Nun steigt er aus seinem Wagen und knipst eine starke Taschenlampe an. Er lässt den Strahl über die Friedhofsmauer gleiten und richtet ihn dann auf die Hecke direkt unter dem Jewish Hill. Die Lampe ist hell genug, um einen sich drehenden Engel in seinem gespenstischen Tanz über den Toten erstarren zu lassen.

Ich habe die Wahl, so lange zu warten, bis der Mann abfährt, oder ihm gegenüberzutreten, und entscheide mich für die zweite Möglichkeit. Zum einen wird er vielleicht nicht weiterfahren, sondern einen Abschleppwagen kommen lassen, zum anderen bin ich der Bürgermeister, und es geht niemanden etwas an, was ich hier mitten in der Nacht zu suchen habe. Ich könnte ja, von Depressionen geplagt, das Grab meiner Frau besucht haben.

Als der weiße Strahl den sich drehenden Engel verlässt und sich zu mir herauftastet, jogge ich zurück zu dem ummauerten Grab, das Tim und mir Schutz geboten hat. Mein alter Freund ist so leise verschwunden, wie er erschienen war. Der Geruch von verbranntem Papier liegt immer noch in der Luft, und zwei winzige Aschestücke glühen orange in der Ecke der Grabstätte. Es sind die einzigen Überreste der Indizien eines Falles, von dem ich nicht weiß, wie ich ihn anpacken soll. Schließlich bin ich kein Staatsanwalt mehr, sondern Bürgermeister. Und niemand weiß besser als ich, wie wenig Macht ich wirklich habe.

4

Julia Jessup beobachtet, wie ihr sieben Monate alter Sohn in der Krippe schläft, die ihre Schwägerin aus San Diego geschickt hat. Sie beneidet ihren kleinen Jungen darum, dass er so fest schlafen kann, während sein Vater fort ist. Eine makellose, glänzende Speichelblase bildet sich beim Ausatmen auf seinen Engelslippen und platzt beim Einatmen. Julia versucht ein Lächeln, aber sie bringt es nicht ganz zustande. Irgendwo zwischen ihrem Bauch und ihrem Herzen hat sich Furcht eingenistet – wie ein Wurm, der ihr Inneres auffrisst. Tim hat versprochen, dass alles glattgehen und dass er sicher zurückkehren wird, aber Julias Furcht schenkt ihm keinen Glauben.

Sie hat einen langen Weg zurückgelegt, bevor sie diesen Ort erreicht hat, diese kleine Zuflucht vor der Härte der Welt. Vor gefühlten hundert Jahren heiratete sie ihren Highschool-Freund, den Footballstar und Teenieschwarm der Schule. Der Golden Boy schwängerte sie mit neunzehn Jahren, heiratete sie eine Woche später und infizierte sie zwei Wochen vor der Geburt des Babys mit Herpes. Julia fand es heraus, als das Baby sich während der Geburt ebenfalls ansteckte und acht Tage später unter Todesqualen starb. Danach war es schwierig, an ihren romantischen Illusionen festzuhalten. Aber sie hatte es versucht.

Sie litt, während er mit seinen idiotischen Freunden durch die Kneipen zog und sich mit geistlosen Schlampen vergnügte, sich während der Jagdsaison in den Wäldern herumtrieb, an Paintball-Turnieren teilnahm oder angelte, wobei sie manchmal in einem von Moskitos umwölkten Fischerboot neben ihm saß, schwitzte und ihm zusah. Aber letzten Endes musste sie sich der Tatsache stellen, dass sie sich nicht mit einem Mann, sondern mit einem Jungen verbunden hatte und dass ihre gemeinsame Zukunft bedeutete, ihn mit jedem Flittchen zu teilen, das ihm ins Auge fiel, wobei er sich alle Geschlechtskrankheiten zuziehen konnte, die Julia bisher erspart geblieben waren.

Die ersten Jahre nach der Scheidung waren jämmerlicher, als sie sich hätte vorstellen können. Julia stammte aus gutem Hause, doch als die Ölbranche in den Achtzigern zusammenbrach, war ihr Vater aus dem Geschäft und beendete seine ziel- und erfolglose Arbeitssuche mit einer Kugel in den Kopf. Nach der Scheidung war sie überwiegend auf sich allein gestellt. Sie arbeitete als Kellnerin und an einer Registrierkasse, beim Einparkservice auf Partys und verkaufte Kosmetika an Frauen, die in einer Woche mehr für Gesichtscreme ausgaben, als Julia in einem Monat an Miete zahlte. Meistens machte sie einen Bogen um Männer und sah zu, wie ihre Freundinnen, die in Natchez geblieben waren, den Umgang mit dem anderen Geschlecht auf jede erdenkliche Art vermasselten. Wenn Julia Gesellschaft brauchte, wählte sie ältere Männer – verheiratete, die sich keine Illusionen machten. Im Übrigen wartete sie ab.

Dann war sie Tim Jessup begegnet – oder wieder begegnet. Natürlich kannte sie ihn noch aus der Schule, aber sie hatte sich nie mit ihm verabredet, denn er war drei Jahrgänge über ihr gewesen. Damals war er einer der großspurigen Typen gewesen, die dachten, dass das gute Leben wie ein vom Schicksal ausgebreiteter roter Teppich vor ihnen lag. Doch bald nach der Highschool wurde er eines Besseren belehrt.

Julia hatte kaum noch an Tim gedacht, jedenfalls nicht, bis sie eines Abends den Auftrag erhielt, Hors d’œuvres auf dem Casinoschiff zu servieren. Tim hatte sie von seinem Blackjack-Tisch aus beobachtet und dann nach Feierabend auf sie gewartet. Sie frühstückten im Waffle House, unterhielten sich über die gute alte Zeit in St. Stephen’s und dann, überraschenderweise, auch über die weniger guten Zeiten, die seither den größten Teil ihres Lebens ausgefüllt hatten. Am Ende jener Nacht wusste Julia, dass Tim der Mann sein konnte, auf den sie gewartet hatte. Es gab nur einen Haken: Er hatte ein Drogenproblem.

Sie konnte es an seinen Augen und an der Zappeligkeit erkennen, die immer schlimmer wurde, bis er zur Toilette ging und mit einem Ausdruck der Gelassenheit zurückkehrte. Aber dann entwaffnete er sie, indem er ihr sein Problem gestand, gleich in jener ersten Nacht. Danach hatten sie sich häufig getroffen, und innerhalb eines Monats hatte Julia sich selbst ein Versprechen gegeben: Wenn sie es schaffte, dass Tim clean wurde, wollte sie das Risiko eingehen und es mit ihm versuchen. Zu ihrer großen Überraschung hatte sie Erfolg. Nichts in ihrem Leben war aufreibender gewesen, aber sie hatte sich mit allen Kräften bemüht, Tim wieder zu Nüchternheit zu verhelfen.

Die Ergebnisse waren großartig. Tim gab seinen Posten auf dem Schiff auf, das seine Junkiefreunde besuchten, heuerte bei der neuen Firma an und arbeitete jede Schicht, die ihm auf der Magnolia Queen angeboten wurde. Er hatte sogar seinen Vater dazu überredet, ihm einen Kredit für ein kleines Haus zu gewähren, und in seiner Freizeit setzte er es persönlich instand, wobei er sägte und hämmerte wie ein geborener Zimmermann, nicht wie der privilegierte Sohn eines Chirurgen. Julia riss den fleckigen Teppich der früheren Besitzer heraus, reparierte das Hartholz darunter und kachelte das Badezimmer. Julias Schwangerschaft behielten beide für sich. Dies war ein Schatz, an dem sie sich in der Geborgenheit des sich wandelnden Hauses erfreuen konnten, bis sie der Normalität so nahe waren, dass niemand die Augen verdrehte, wenn sie das Geheimnis preisgaben.

Als Julias Schwangerschaft sichtbar wurde, hatte die neue Wahrnehmung bereits eingesetzt. Sogar Tims Vater hatte sich, auf seine Art, für Julia erwärmt. An manchen Tagen, früh am Morgen oder spät am Abend, sah sie seinen silbernen Mercedes auf der Straße vor dem Haus vorbeigleiten, und sie wusste, dass er sich vom Fortschritt seines Sohnes überzeugte. Als das Baby schließlich geboren wurde, war die Umwandlung geschafft. Sie konnte kaum glauben, dass dies ihr neues Leben war, das sie durch die schiere Kraft ihres Willens und ihres Glaubens an sich selbst und ihren Mann hervorgebracht hatte. Aber es war ihr gelungen.

Wenn nur Tims Entwicklung dort geendet hätte …

Während er langsam die Orientierung zurückgewann, die er in seinen frühen Zwanzigern verloren hatte, machte er so etwas wie einen emotionalen Fallout durch. Sein Gedächtnis, das in den verlorenen Jahren Vieles blockiert hatte, begann die Lücken zu füllen, und er wurde von Schuldbewusstsein und Bedauern übermannt. Tim entdeckte Gott wieder, was akzeptabel gewesen wäre, hätte er nicht wie ein Konvertit gehandelt, der eifriger war als die in den Glauben Hineingeborenen. Er sah nur Schwarz und Weiß, und trotz seiner eigenen Vergangenheit verurteilte er alle, die seinem Begriff von ethischer Verantwortung nicht gerecht wurden. Er verdammte niemanden wegen normaler menschlicher Verfehlungen, war aber besessen von den großen Dingen im Leben. Von der Politik, der organisierten Religion, den Diamantenmaklern in Sierra Leone, den hungernden Kindern im Sudan, den guten Muslimen im Irak, den ungebildeten Schwarzen hier in Mississippi.

Und dann geschah es. Was genau es war, wusste Julia nicht. Aber es hatte mit seiner Arbeit zu tun. Tim war Zeuge eines schrecklichen Ereignisses geworden, oder er hatte zufällig etwas Grässliches mit angehört, und seit jenem Abend war er zum Fanatiker geworden. Mit jeder Woche wurde er distanzierter und reizbarer, bis Julia fürchtete, dass er wieder Drogen nahm. Aber das war nicht der Fall. Anscheinend hatte Tim etwas entdeckt, das ihn über alle Maßen empörte, weshalb er selbst das Unrecht wiedergutmachen wollte. Das verängstigte Julia, denn Tim eignete sich nicht zu so etwas. Er war gewitzt und gutmütig, aber nicht abgebrüht wie ihr erster Mann. Tim machte sich Illusionen über die Menschen; er wünschte sich, dass sie besser wurden, und wer so dachte, konnte nicht gegen das Böse kämpfen. Jedenfalls konnte er nicht siegen. Julia hatte genug erlebt, um das zu wissen.

Das Einzige, was sie ein wenig getröstet hatte, war Tims Versicherung, dass Penn Cage ihm helfen werde. Julia kannte Penn ebenfalls von der Highschool. Sie hatte ihn sogar einmal geküsst, neben einem Auto eines Abends auf einer Oberstufenparty, in die sie sich mit einer Freundin eingeschlichen hatte. Penn Cage hatte kaum etwas mit Tim gemein. Er war weder furchtsam noch unschlüssig; er traf Entscheidungen, von denen er sich nicht abbringen ließ, und er hatte im Leben Erfolg gehabt. Nicht, dass er kein Leid durchgemacht hätte – seine Frau war an Krebs gestorben –, aber jeder musste auf die eine oder andere Weise für das bezahlen, was er bekam. Einfach nur dafür, am Leben zu sein.

Und das, vermutete Julia, war Tims Ziel: Er wollte einen Ausgleich für all die Jahre, die er verschwendet hatte, für all die Dinge, die er hätte erreichen können. Sie wusste, dass er es nicht ihretwegen tat, was sie erleichterte und zugleich verletzte. Denn sie hatte getan, was sie konnte, um Tim zu beweisen, dass er ihr nichts schuldete – außer der Zeit, die er ihr und dem Baby schenken konnte. Aber das genügte Tim nicht. Seine Besessenheit wurzelte in der Beziehung zu seinem Vater. Er meinte, nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Dad verraten zu haben, und irgendetwas trieb ihn an, den Beweis zu erbringen, dass er der Sohn war, den sein Vater sich erträumt hatte.

Und nun hofft Julia, dass Tim sie nicht belogen hat, was Penn betrifft, um sie zu beruhigen, und dass er nicht sonst wohin gefahren ist, um das Recht zu erwerben, wieder mit sich zufrieden zu sein. Also wartet sie, betrachtet ihr Baby und betet, dass jemand ihrem Mann das Kreuz abnimmt und es für ihn trägt. Denn im tiefsten Innern ist Julia überzeugt, dass Tim, wenn er allein handelt, sterben wird, bevor er die ersehnte Erlösung findet.

5

Wahrscheinlich hätte ich direkt vom Friedhof nach Hause fahren sollen, doch wie Tim vorausgesagt hat, kann ich seine schrecklichen Bilder nicht verdrängen. Also fahre ich die Linton Avenue hinauf, biege in die Madison Street ab und fahre langsam an dem Zeitungsgebäude vorbei, in dem meine frühere Geliebte als Verlegerin gearbeitet hat. Solange Caitlin Masters sich in Natchez aufhielt, wurde alles, was sie über die Stadt enthüllen konnte, von der Zeitung gedruckt. Nun aber scheint das Feuer des Enthüllungsjournalismus in den Mitarbeitern fast erloschen zu sein, obwohl der Examiner immer noch Caitlins Vater gehört. Würde Caitlin noch hier wohnen, wären die Gerüchte über Hundekämpfe und dergleichen, die Tim heute Nacht untermauert hat, wohl nicht mehr weit von der Titelseite entfernt.

Ich biege in die State Street ein. Während ich mich der City Hall nähere, halte ich Ausschau nach einem Verfolger. Der Polizist auf dem Friedhof war leicht abzuschütteln, aber ich bin mir nicht sicher, dass er mir die Erklärung, das Grab meiner Frau besucht zu haben, abgekauft hat. Er blickte dauernd über meine Schulter, als erwarte er, dass eine halb bekleidete Frau zwischen den Grabsteinen erscheinen werde. Natürlich könnte er auch nach Tim Jessup gesucht haben; deshalb richte ich den Blick immer wieder in den Innenspiegel. Ich würde gern herausfinden, wie groß das Interesse der Polizei an meinen Aktionen ist.

Im Unterschied zu den meisten Orten in Mississippi besitzt Natchez keinen Stadtplatz, der von einem Gerichtsgebäude oder einem steinernen Soldaten der Südstaatenkonföderation auf einer Säule beherrscht wird. Das Lebensblut dieser Stadt ist stets der Fluss gewesen, und die prächtigen alten Geschäftshäuser, die 1790 entworfen wurden, wenden sich nur zögernd von ihm ab, hin zu einstigen Plantagen, die nun zumeist in Wohnviertel unterteilt sind. Die City Hall steht der Pearl Street gegenüber und grenzt hinten an das Bezirksgericht. Die beiden Gebäude werden oft als Einheit betrachtet, da sie nur durch eine schmale Gasse voneinander getrennt sind.

Ich parke vor den cremefarbenen Mauern der City Hall und schreite unter hundertjährigen Eichen auf den Haupteingang zu. Das Gebäude wird gewöhnlich um 17 Uhr abgeschlossen, doch der Kronleuchter im Foyer ist so hell wie der Tanzsaal der Titanic, und mithilfe des Lichtes finde ich den erforderlichen Schlüssel an meinem Ring. Zwei Jahre vor meiner Wahl zum Bürgermeister verliehen mir die damaligen Räte einen Schlüssel zur Stadt. Dieses Zeichen der Anerkennung bedeutete zu jener Zeit nicht viel – es war eine Ehre, von der vielleicht ein Kind träumt, das sich einen Disneyfilm anschaut –, doch heute Nacht, während ich die City Hall mit dem nicht nur symbolischen Schlüssel öffne, verspüre ich das niederdrückende Gewicht meiner Verantwortung den Wählern gegenüber.

Oben in meinem Büro knie ich mich vor den Safe und öffne das Kombinationsschloss. Die wenigen heiklen Dokumente, mit denen ich als Bürgermeister zu tun habe, ruhen in diesem Safe, darunter meine Akte über die Golden Parachute Gaming Corporation, die in Los Angeles ansässige Firma, in deren Besitz die Magnolia Queen ist. Ich komme mir seltsam verstohlen vor, als ich die dicke Akte in mein Buttondown-Hemd schiebe, bevor ich die Treppe hinuntergehe und die Tür abschließe. Die Akte ist noch an meinen Bauch gedrückt, als ich mit dem Auto die zehn Blocks umrunde, die zwischen mir und meinem nur drei Querstraßen entfernten Haus an der Washington Street liegen. Dabei bin ich auf der Hut vor Streifenwagen.

Als ich in die Stadt zurückgekehrt war, hatte ich das zweifelhafte Glück, kurz vor dem Tod des Patriarchen einer etablierten Familie einzutreffen. Nach einem Jahrhundert der Vernachlässigung wurde der Familienwohnsitz zum Kauf angeboten. Ich erwarb ihn noch am gleichen Tag, was ich nie bedauert habe. Das elegante zweistöckige Wohnhaus aus roten Backsteinen ist im frühen Kolonialstil des neunzehnten Jahrhunderts erbaut worden und steht im Zentrum eines der schönsten Bereiche des Ortes. Stadthäuser der verschiedensten Stilrichtungen stehen an beiden Seiten der Straße wie makellos gekleidete Damen und Herren aus einer versunkenen Epoche, bevor sie der Episkopalkirche, dem Temple B’nai Israel, Glen Auburn – einer vierstöckigen Villa im Stil des französischen Second Empire – und Magnolia Hall weichen, einem neoklassischen Anwesen, das als Zentrale des einstmals einflussreichen hiesigen Gartenclubs dient. Die meisten Stadthäuser sind erst nach dem Bürgerkrieg entstanden und waren die Heime der Kaufleute, Anwälte und Ärzte, die in der viktorianischen Ära in Natchez gediehen.

Ich parke, steige aus meinem Auto und werde auf ein schwaches, doch stetiges Glühen aus dem ersten Stock im Haus gegenüber aufmerksam. Plötzlich habe ich Schmetterlinge im Bauch, bleibe stehen und versuche mich zu erinnern, ob ich dieses Licht in den vergangenen Wochen bemerkt habe. Die Frage ist nicht ohne Bedeutung, denn das Haus gehört immer noch Caitlin, obwohl sie es seit achtzehn Monaten kaum besucht hat, da sie den größten Teil ihrer Zeit in Charlotte, North Carolina, verbringt, wo die Zeitungskette von Caitlins Vater ihren Sitz hat. Aber das Haus ist weiterhin möbliert und wird nicht vermietet. Caitlin und ich trennten uns unter hinreichend guten Umständen, weshalb ich noch einen Schlüssel besitze – theoretisch für den Fall, damit ich die erforderlichen Experten heranziehen kann, sollte eine Katastrophe das Haus heimsuchen.

Tatsache ist, dass Caitlin und ich in sechs der vergangenen sieben Jahre als Paar zusammenlebten. Da ihr ein Haus mir gegenüber gehörte, auf der anderen Straßenseite, konnten wir den Schein wahren, keine »wilde Ehe« zu führen – eine Bezeichnung, die die Menschen hier immer noch verwenden, und durchaus ernst gemeint. Caitlin blieb oft über Nacht, wenn Annie zu Hause war, doch da sie früh aufsteht, saß sie gewöhnlich schon an ihrem Arbeitsplatz, bevor Annie zur Schule aufbrach. Wenn ich mich jetzt an diese Tage erinnere, spüre ich einen Kloß im Hals. Es ist zu lange her, dass ich eine so entspannte Privatsphäre besaß, und ich weiß, dass auch Annie sie vermisst.

Während Caitlin und ich zusammen waren, dachten wir häufig an Heirat. Zu Anfang, als wir noch glaubten, das Schicksal hätte uns zueinander geführt, hielten wir es für selbstverständlich. Wir begegneten uns zur Zeit eines Bürgerrechtsfalles, der mich nach meiner Rückkehr nach Natchez voll und ganz beanspruchte, und noch bevor die Verhandlung endete, entdeckten wir, dass wir trotz unseres Altersunterschieds von zehn Jahren und unserer scheinbaren Andersartigkeit so unzertrennlich wie Geschwister geworden waren. Die einzige Spannung kam später auf, als Caitlin es nicht mehr als reizvoll, sondern als einengend empfand, in einem kleinen Ort in den Südstaaten zu wohnen und zu arbeiten. Sie wurde für die große Perspektive geboren und erzogen (ihre Berichterstattung über unseren Fall brachte ihr mit achtundzwanzig Jahren einen Pulitzerpreis ein), und obwohl sich in Natchez manchmal tödliche Dramen abspielen, ist es im Grunde ein ruhiges Flussstädtchen, das sich nur unmerklich verändert, falls überhaupt.

Erst meine Entscheidung, für das Bürgermeisteramt zu kandidieren, ließ unsere Gegensätze hervortreten und machte die Beziehung letztlich unhaltbar. Ohne je im Süden gelebt zu haben, war Caitlin als Liberale nach Natchez gekommen, aber nach fünf Jahren hatte sie rassistischere Ideen entwickelt als viele der »Good ol’ Boys«, unter denen ich aufgewachsen war, und es drängte sie weiterzuziehen. Unsere wichtigsten Streitpunkte waren a) ob die Stadt der Rettung wert war, und b) wenn ja, ob ich zu ihrem Retter taugte. Caitlin vertrat die Ansicht, dass Menschen die politische Führung erhalten, die sie verdienen, und dass Natchez mich nicht verdiente. Sie hingegen hatte mich verdient, wie sie glaubte; außerdem habe Annie Anspruch auf eine kulturell vielfältigere Kindheit, als in Natchez möglich. Kurz, Caitlin wollte, dass ich meine Vergangenheit hinter mir ließ.

Aber wahre Südstaatler sind dazu nicht fähig. Am Ende folgte ich meinem Gewissen und meiner Herkunft, sodass meine künftige Ehe das erste Opfer meiner Bürgermeisterkampagne wurde. Caitlin weinte – nicht weniger um Annie als um uns beide –, wünschte mir alles Gute und kehrte nach North Carolina zurück, in den Neuen Süden der gläsernen Bürotürme, der Boutique-Restaurants und des Forschungsdreiecks. Ich blieb im Land der Kudzu-Pflanzen, der dorischen Säulen und der Bottleneck-Gitarren.

Ich blicke immer noch zu dem Haus hinüber. Es lässt sich nicht leugnen, dass im oberen Zimmer ein sanftes Licht durch den Vorhang schimmert. Aber wenn Caitlin nach Natchez zurückgekehrt ist, dann höchstwahrscheinlich wegen dem Ballonfestival. Trotzdem könnte etwas anderes für ihre unerwartete Ankunft verantwortlich sein, und es lohnt sich, darüber nachzudenken. Vor zehn Tagen habe ich nach fast einem Jahr meine Beziehung zu Libby Jensen beendet. Haben zehn Tage ausgereicht, um diese Nachricht bis nach North Carolina vordringen zu lassen? Selbstverständlich. Die E-Mail eines geschwätzigen Examiner-Angestellten hätte genügt, und eine SMS wäre genauso schnell gewesen. Wenn Caitlin zurückgekehrt ist, scheint ihr Timing bedeutungsvoll zu sein.

Die Casino-Akte unter meinem Hemd ist bereits feucht geworden, als ich die Veranda hinaufsteige und die Hand nach der Haustür ausstrecke. Bevor ich den Griff berühre, öffnet die Tür sich überraschend mit einem Quietschen, und die begabte Zehntklässlerin, die auf Annie aufpasst, lässt sich unsicher durch den Spalt vernehmen.

»Mr. Cage? Alles in Ordnung?«

Nach meinen Erfahrungen mit Mia Burke, der Oberstufenschülerin, die sich früher um Annie gekümmert hat, erlaube ich Babysitterinnen nicht mehr, mich beim Vornamen zu nennen. »Alles ist bestens, Carla. Und hier?«

Sie zieht die Tür auf, sodass ihr blau-weißer Pullover und ihre vom Schlaf oder Lesen roten Augen sichtbar werden. »Ja, hier auch. Ich hatte bloß ein bisschen Angst, weil ich gehört habe, wie das Auto anhielt, aber dann sind Sie nicht reingekommen …«

Ich lächle beruhigend und gehe ins Haus. Dabei halte ich die Akte in meinem Hemd mit der linken Hand fest, während ich mit der rechten nach meiner Brieftasche taste. Da ich keine Ahnung habe, wie lange ich fort gewesen bin, ziehe ich zwei Zwanziger und einen Zehner heraus und entlasse Carla mit einem Winken.

»Annie hat ihre Hausaufgaben schon gemacht«, sagt sie und schwingt sich den Gurt eines schweren Rucksacks über die schmale Schulter. »Das Referat ist fertig.«

»Ist es gut geworden?«

»Soll ich ehrlich sein?« Carla lacht. »Das Mädchen kennt mehr Worte als ich.«

»Manchmal habe ich das gleiche Gefühl. Vielen Dank noch mal. Wie ist es mit dem Wochenende?«

Carlas Lächeln verschwindet. »Ähm … vielleicht irgendwann spät am Abend, wenn Sie mich brauchen. Aber die meiste Zeit werde ich bei dem Ballonrennen sein. In diesem Jahr gibt’s ein paar geile Bands.«

»Okay. Wenn du Zeit übrig hast, zahle ich dir einen Zuschlag. Dieses Wochenende wird wahnsinnig für mich.«

Sie lächelt auf eine Art, die mir nicht viel Hoffnung macht.

Nachdem ich die Tür hinter Carla geschlossen habe, gieße ich mir ein großes Glas Eistee aus dem Krug im Kühlschrank ein, nehme es mit zu dem ledernen Ohrensessel in meiner Bibliothek und lege die Akte geöffnet auf die Ottomane.

Die Golden Parachute Gaming Corporation pries sich in der Casinobranche als Gegenstück zu den Billiganbietern an. Das Unternehmen, dessen Kapital von einer kleinen, kämpferischen Partnergruppe unter Führung eines Staranwalts aus Los Angeles stammte, entwickelte die Strategie, in sekundäre Glücksspielmärkte vorzudringen und die Preise der Konkurrenz mit allen Mitteln zu unterbieten, wobei sie sogar ihren weniger begüterten Kunden einen individuellen Service zukommen ließ. Golden Parachute legt Parks und Sportplätze an, errichtet Gemeinschaftszentren und investiert in manchen Städten sogar in den Ausbau von Industrieparks. Kleinstadtpolitiker – und Natchez ist da keine Ausnahme – sind von so etwas hingerissen.

Vor allem aber hing der Erfolg von Golden Parachute beim Vorstoß in unseren Markt vom Timing ab. Das Unternehmen beantragte seine Glücksspiellizenz nach der katastrophalen Entscheidung von Toyota, ein neues Werk nicht in Natchez, sondern in Tupelo zu bauen. Die Bürger waren verbittert über die verlorenen Arbeitsplätze und bereit, im Trennungstrauma mit fast jedem anderen ins Bett zu steigen. Golden Parachute betrieb bereits erfolgreiche Casinos in Tunica County bei Memphis und in Vicksburg, das nur hundert Kilometer nördlich von Natchez liegt. Mit dieser Vorgeschichte hatte es keine Mühe, auf lokale Honoratioren einzuwirken, damit diese die staatliche Glücksspielkommission bewogen, Natchez eine vierte Lizenz zu gewähren.

Ein weiteres Casinoschiff in die Stadt zu holen war im Bürgermeisterwahlkampf keines meiner Ziele gewesen. (Übrigens ist keines der schwimmenden Casinos ein navigierbares Schiff; es handelt sich vielmehr um Kähne, die wie Raddampfer aus der Zeit von Mark Twain aussehen, doch in einem fünfmal größeren historischen Maßstab gebaut werden.) Mein Programm richtete sich auf die Reform des Erziehungswesens und die Wiederbelebung der örtlichen Industrie. Doch nach langem Zureden durch den Stadtrat erklärte ich mich einverstanden, beim Abschluss des Casinogeschäfts zu helfen. Meine Gründe waren vielschichtig: Erschöpfung nach dem Toyota-Missgeschick; ein Erlöserkomplex, der nach dem Schwund meiner anfänglichen Inspiration nur noch von Adrenalinstößen abhing; Desillusionierung über meine Kollegen in der Verwaltung und über viele der Bürger, denen ich dienen sollte. Außerdem ärgerte es mich, dass der Stadtrat häufig nach rassischen Gesichtspunkten geteilt war: vier schwarze und vier weiße Stimmen, wobei ich den Ausschlag gab. Ich handelte stets im Einklang mit meinem Gewissen, aber kaum jemand akzeptierte die Situation, und bei jeder Abstimmung verlor ich mehr Verbündete auf der einen oder der anderen Seite. Die Stadträte konnten sich lediglich auf Projekte einigen, die ihren Wahlkreisen Geld oder Arbeitsplätze bescherten. Daher fand Golden Parachute ein aufgeschlossenes Publikum für seine Präsentation vor.

Das Problem, wie so oft im Fall von Casinos, war die Vergabe des Standorts. Golden Parachute wollte die Magnolia Queen an einem Ufergrundstück vertäuen, das der Stadt von einer prominenten einheimischen Familie – den Pierces – durch einen komplizierten Treuhandfonds vermacht worden war. Eine der Bedingungen des Fonds besagte, dass Pierce’s Landing nie mit einem Casino oder einer Shopping-Mall bebaut werden durfte, solange die Familienmatriarchin am Leben war. Zum Pech des Stadtrats hatte Mrs. Pierce das hohe Alter von achtundneunzig Jahren erreicht und besaß immer noch einen messerscharfen Verstand.

Mein erster Gedanke war es, das Unternehmen zu einer Suche nach einem anderen Grundstück zu überreden, doch es ließ sich nicht umstimmen. Golden Parachute wollte unbedingt Pierce’s Landing haben, das nicht nur das letzte geeignete Ufergrundstück innerhalb der Stadtgrenzen war, sondern auch das beste, mit Ausnahme des Standorts in der Silver Street, den die Lady Luck übernommen hatte, das erste Riverboat-Casino des Staates. Natürlich ließ Golden Parachute verlauten, es werde sein Projekt in Natchez aufgeben, und ebenso natürlich gerieten die Stadträte in Panik. Ich hörte Getuschel über das neue Enteignungsgesetz, das es der Regierung gestattete, Privatgrundstücke für kommerzielle Zwecke zu beschlagnahmen. Dieses Gesetz hielt ich für eines der antiamerikanischsten, die je verabschiedet worden waren, doch meine Politikerkollegen teilten diese Ansicht nicht. Nur Stadtrat Paul Labry stellte sich auf meine Seite und machte sich mit mir gemeinsam in aller Stille ans Werk.

Zuerst trafen wir uns mit einem der Pierce-Erben. Er beschaffte uns ein Exemplar der Stiftungsurkunde, die kaum jemand vorher gesehen hatte, abgesehen von den Umweltschützern, die bei der Formulierung geholfen hatten, und dem ehemaligen Bürgermeister, der kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Amt an Lungenkrebs gestorben war. Zu meiner Überraschung entdeckte ich, dass Mrs. Pierce die Befugnis hatte, die Klausel, die einen Casinobau untersagte, einseitig zu annullieren. Beunruhigt über das zunehmende Gezeter des Rates, der darauf drängte, das Grundstück zu konfiszieren, bat ich um eine Audienz mit der großen alten Dame von Pierce’s Landing.

Ich besuchte die ehrwürdige Lady in einem Konferenzzimmer in Twelve Oaks Gardens, einer betreuten Wohnanlage am Stadtrand. Als Enkelin eines Offiziers, der bei Gettysburg unter General Stuart gedient hatte, führte Mrs. Pierce wie eine Kaiserinwitwe den Vorsitz über einen ganzen Flügel des Gebäudes. Ihre Kinder hatten angeboten, sie aufzunehmen, doch alle waren mittlerweile in anderen Staaten ansässig, und Mrs. Pierce zog es vor, in der Stadt zu bleiben, in der sie ihr gesamtes Leben verbracht hatte. Sie wollte unter Menschen sein, statt in ihrer Villa rund um die Uhr mit Pflegerinnen zu leben (oder »Zuschauerinnen«, wie sie die Frauen nannte, »weil sie hier sind, um zuzuschauen, wie ich meinen letzten Herzinfarkt kriege«). Mrs. Pierce gewährte mir die Audienz, weil mein Vater sie seit mehr als dreißig Jahren behandelte und weil sie, wie sie mir anvertraute, die Bandaufnahmen mehrerer meiner Romane mit Genuss gehört hatte. Ein wenig verlegen gestand sie, dass sie mit achtundneunzig Jahren nicht mehr so gute Augen wie früher habe.

Fast eine Stunde lang erläuterte ich, welche Vorteile es habe, ein Casinoschiff am Grundstück ihrer Ahnen ankern zu lassen. Sehr bald stellte ich fest, dass Mrs. Pierce weder eine religiöse Eiferin noch eine engstirnige Moralistin war. Sie verriet mir, ihr Vater habe jegliche Form des Glücksspiels gehasst, nicht zuletzt, weil sein Bruder im Suff ein schmuckes Haus und mehrere hundert Morgen Ackerland bei einer Pokerpartie verloren hatte. Daneben erwähnte Mrs. Pierce, sie sei vierzig Jahre zuvor auf »allerlei Unerfreuliches« am anderen Flussufer aufmerksam geworden, und zwar im Zusammenhang mit Glücksspielen. Einem ihrer Dienstmädchen hätten sich auf der Straße sogar Männer genähert, die sie für eine Prostituierte hielten.

Da ich nun wusste, worauf sich ihre Einwände gründeten, wies ich darauf hin, dass sich das legalisierte Glücksspiel in Casinos ganz und gar von den verbotenen Kaschemmenpraktiken unterscheide, an die sie sich erinnere. Es sei nun ein streng reglementiertes Gewerbe, das unserem einst Not leidenden Staat Wohlstand gebracht habe. Bei dieser Argumentation konnte ich mich auf konkrete Zahlen stützen: Durch das legalisierte Glücksspiel war Tunica County, Mississippi – früher eine der ärmsten Gegenden der USA – zu Reichtum aufgestiegen. Tunica, 1991 noch ein ländlicher Kreis mit stinkenden Kanalisationsgräben, hat sein Pro-Kopf-Einkommen verdoppelt und die Zahl der Arbeitsplätze von zweitausend auf über siebzehntausend erhöht. Man hat 40 Millionen Dollar in die Erneuerung der Schulen investiert, Millionen für Polizei und Feuerwehr aufgebracht, ein Sportstadion gebaut, die Größe der Bibliothek verdoppelt und mehr als 100 Millionen Dollar in das Straßennetz gesteckt. Im staatlichen Rahmen ist die Beurteilung des Glücksspiels eindeutig positiv, denn seit 1992 bringt die Casinobranche fast fünf Prozent der Steuererträge des Staates auf.

Trotz Mrs. Pierces Argwohn, dass »Laster nun mal Laster ist, welchen Mantel es auch trägt«, wusste ich, dass ich Fortschritte machte. Denn sie versicherte mir, sie habe stets ihre Freunde getadelt, die sich dem Wandel blindlings widersetzten. Dadurch seien die Bemühungen der Stadt, mit dem Rest des Landes Schritt zu halten, gebremst worden. Mein Ziel war fast erreicht, als sie flüsterte, sie habe sich nie vorstellen können, dass sie eines Tages den Hügel, der zu ihrem »Heimatort« führe, hinunterblicken und ein Casino-Neonzeichen sehen werde. Ich versprach ihr, dass es nicht dazu kommen brauche, wenn dies ihr letzter Einwand sei. Die Stadt könne ihr sämtliche Beschilderungspläne von Golden Parachute zur Genehmigung vorlegen. Mir klappte die Kinnlade herunter, als die verwelkte Südstaatenschönheit erklärte, sie werde keinen Anstoß an den Neonzeichen nehmen, wenn die Gesellschaft ein halbes Prozent ihrer Einkünfte aus der Magnolia Queen darauf verwende, den benachteiligten Kindern der Stadt zu helfen. (Mrs. Pierce sprach von »farbigen« Kindern, aber ihr Herz war am rechten Fleck.) Am Ende erklärte das Unternehmen sich mit einem Viertelprozent einverstanden, was sich in diesem Jahr auf 162.000 Dollar beläuft.

Zwei Tage nach unserem Gespräch strich Mrs. Pierce die einschränkende Klausel, und das Casinogeschäft mit Golden Parachute nahm seinen Anfang. Dadurch wurde ich für die Stadträte zu einem Helden, doch ich kam mir wie ein Gauner vor. Was ich heute empfinde, ist unvergleichlich schlimmer. Mrs. Pierce starb einen Monat nach Annullierung der Klausel, und wenn nur die Hälfte von Tims Behauptungen stimmt, war der Tod eine Gnade für sie. Die Bevölkerung erfuhr nie, dass ich Golden Parachute den Weg geebnet hatte, aber dadurch wird mein Schuldgefühl nicht gemindert.

Gleichwohl existierten Hundekämpfe, Drogenmissbrauch und Prostitution bei uns schon lange vor Ankunft der Magnolia Queen, genau wie in jeder anderen Stadt Amerikas. Der Vorwurf, dass Golden Parachute den Ort um Steuermillionen betrogen habe, ist jedoch von ganz anderer Art. Solche Verbrechen, die dem Anschein nach weniger besorgniserregend sind, richten letztlich besonders großen Schaden an, weil sie sich auf jeden Mann, jede Frau und jedes Kind in der Stadt auswirken. Wenn die Behauptung zutrifft, wird Mundraub an genau den Kindern begangen, denen Mrs. Pierce helfen wollte.

Aber das ist der Teil von Tims Erzählung, den ich einfach nicht glauben kann. Ich weiß nicht genug über Computer, um beurteilen zu können, ob es möglich ist, die Bruttoeinnahmen des Casinos zu verfälschen, doch selbst wenn es machbar ist, bleibt die Hauptfrage: Warum sollte Golden Parachute ein solches Risiko eingehen? Und gerade jetzt? Denn vor sechsundvierzig Tagen brauste Hurrikan Katrina über die schwimmenden Goldgruben hinweg, die Casinos in Biloxi und Gulfport. Ein einziger Sturm hatte eine Branche ausgelöscht, die 100 Millionen Dollar im Monat umsetzt. Doch 150 Meilen nordwestlich, in Natchez, machten die Magnolia Queen und ihre Schwestercasinos einfach nur die Schotten dicht und überstanden den Sturm. Die Stadt erlitt schwere Schäden, und manche Gebiete mussten über eine Woche lang auf Strom verzichten, aber die Magnolia Queen hat eigene Generatoren und war bereits am Tag nach dem Hurrikan wieder in Betrieb. Und kaum waren manche Flüchtlinge in den Kirchen und Turnhallen untergekommen, fanden sie schon die Zeit, um sich hinunter zum Fluss zu begeben und das bisschen Geld zu verspielen, das sie mitgebracht (oder von den Kirchen erhalten) hatten. Der Gedanke daran bereitet mir Übelkeit, doch vor allem bestätigt er mir, dass die Partner von Golden Parachute Gaming wahnsinnig sein müssen, dass sie ihre Glücksspiellizenz für ein paar zusätzliche Millionen riskieren, wenn Gott ihnen im Laufe des Jahres das Zehnfache bescheren wird.

Außerdem hat die Gesellschaft mir noch keinen Grund zur Klage gegeben. Ich habe bisher nie bedauern müssen, dass ich sie in die Stadt geholt habe. Sie zahlt ihre Steuern pünktlich und hat die versprochenen Gemeindeinvestitionen getätigt. Ich habe ein freundschaftliches Verhältnis zum Geschäftsführer, einem Engländer namens Sands, der Natchez mit jenem professionellen Charme behandelt, den man von einem Manager in Las Vegas erwarten würde, nicht aber in Mississippi. Das Einzige, was mir an Golden Parachute gegen den Strich geht, ist der Sicherheitschef, ein ungehobelter Ire namens Seamus Quinn, der so aussieht und spricht wie ein Schläger aus der Londoner Unterwelt, den man in einen teuren Anzug gesteckt hat. Aber Sands verbürgte sich für Quinn, und ich kam zu dem Schluss, dass mein Problem mit dem Sicherheitsmann wahrscheinlich eher eine Frage des Stils war. Das Fazit lautet jedenfalls, dass Golden Parachute auf jedem seiner Märkte anstandslos wirtschaftet. Deshalb fällt es mir schwer, Tim Jessups Behauptungen mit meinen eigenen Kenntnissen über dieses Unternehmen in Einklang zu bringen.

Als ich zum Ende der Akte komme, verschwimmen mir die Augen vor Erschöpfung, aber ich blinzle mich wach, als ich auf eine Notiz stoße, die ich vor über einem Jahr an den Rand eines Dokuments geschrieben habe. In roter Tinte, auf einer Kopie des ursprünglichen Antrags von Golden Parachute für eine Glücksspiellizenz, sehe ich die Worte: Stimmbindungs-Trust. Welcher Prozentsatz der Stimmen spiegelt die wirklichen Besitzverhältnisse wider? Etwas, das Tim heute Nacht erwähnt hat, verleiht dieser Notiz einen besonderen Klang, und plötzlich kehrt mein einziger wichtiger Vorbehalt gegen Golden Parachute zurück.

Laut Gesetz muss jeder, der mehr als 5 Prozent eines Casinos in Mississippi besitzt, eine umfassende Untersuchung seiner Vergangenheit auf sich nehmen. Dabei ist es mit einer schlichten Überprüfung nicht getan. Kein Aspekt des Lebens der künftigen Eigentümer ist tabu, und die Betreffenden müssen die Kosten der Überprüfung selbst tragen. Die Glücksspielkommission beschäftigt zu diesem Zweck eine Reihe von Ermittlern, die nicht zögern, beispielsweise zu den Philippinen zu fliegen, um den Inhalt eines Schließfachs zu beschlagnahmen, wenn sie es für nötig halten, um die Tauglichkeit eines Antragstellers festzustellen.

Doch während der Verhandlungen mit Golden Parachute erfuhr ich von einem alten Kommilitonen an der juristischen Fakultät, dass sich dieses Statut umgehen lässt. Anwälte können einen sogenannten Stimmbindungs-Trust einrichten, der den Rechtstitel an einem Casino – oder an einem Teil davon – übernimmt. Hinter einem solchen Trust verbirgt sich eine Gruppe von Anlegern, die sich privat abgesprochen haben, wem welcher Prozentsatz der Firma gehört, aber auf dem Papier werden 95 Prozent der Stimmrechte von dem Partner gehalten, der bei einer Hintergrundüberprüfung definitiv nichts zu befürchten hat. Die anderen Partner werden auf dem Antrag genannt, aber da sie formell nur die übrigen 5 Prozent besitzen, sind sie keiner ähnlichen Nachforschung ausgesetzt. Ein tolles System. Und was geschieht, fragte ich meinen Freund, wenn der makellose Vorzeigepartner beschließt, sein Stimmrecht tatsächlich für sich zu nutzen? Mein Freund lachte und erwiderte, dass so etwas selten vorkäme, da die meisten der »Fünf-Prozent-Partner« Namen mit einem Vokal am Ende hätten. Wenn es trotzdem geschähe, fände der Vorzeigepartner sich gewöhnlich im Innern eines 55-Galonen-Fasses auf dem Grund eines geeigneten Gewässers wieder.

Golden Parachute gehört einem Stimmbindungs-Trust namens Golden Flower LLC. Ich blättere zurück zu dem Antrag und sehe, dass er nur von dem Vorzeigepartner – dem Showbusinessanwalt aus Los Angeles – und nicht von den »Fünfprozentlern« unterzeichnet wurde. Mir haben sich Tims Worte über den Sohn eines chinesischen Milliardärs eingeprägt, der aus Macao einfliegen wolle, um seinen Hund in Mississippi kämpfen zu lassen. Warum war ein Milliardär bereit, eine so große Entfernung zurückzulegen, wenn er mühelos eine ähnliche Veranstaltung in Macao finden konnte? War er nur auf der Suche nach neuer Konkurrenz? Schließlich sind Entfernungen für einen Mann mit einem Privatflugzeug ohne Belang. Aber ich glaube mich mit einiger Sicherheit daran zu erinnern, dass zwei der Fünf-Prozent-Partner von Golden Parachute Chinesen waren. Als ich es erfuhr, waren die Verhandlungen so weit gediehen, dass ich kaum darüber nachdachte. Ich schrieb nur noch die Notiz. Doch heute brauche ich eine Antwort auf die Frage, die ich vor so langer Zeit an den Rand schrieb: Wem gehört Golden Parachute wirklich?

Ich trinke einen letzten Schluck verdünnten Tee, schließe die Akte und schiebe sie hinter meine Sammlung der Romane von Patrick O’Brian auf dem dritten Regal. Beim Gang nach oben trennen sich meine Gedanken und Gefühle über das, was ich auf dem Friedhof gehört habe, so wie sich Feststoffe von einer Lösung abscheiden. Einerseits bezweifle ich nicht, dass Tim die von ihm beschriebenen Gräuel miterlebt hat. Würde mich andererseits jemand um vier Uhr morgens wachrütteln und fragen, ob Jessup wieder Koks nimmt – oder Heroin oder Methamphetamin oder was auch immer, bevor Julia Stanton sein Leben geordnet hat –, würde es mir schwerfallen, dies abzustreiten. Die meisten Leute würden bei Tim das Schlimmste befürchten. Das ist bei mir zwar nicht der Fall, aber ich könnte auf den Gedanken kommen, dass Tim sich eine Verschwörung ausgedacht hat, in der er den Helden spielen kann – als Ausgleich für das wirkliche Drama, in dem er den Schurken spielte.

Während seines ersten Jahres an der University of Mississippi erklärte Tim sich bereit, zwei Studienanfänger an einem Footballwochenende zu betreuen. Wie zahlreiche andere Studenten machte er mehrere rasante Fahrten, um kaltes Bier zu besorgen, das damals in Oxford, Mississippi, nicht legal verfügbar war (und immer noch nicht ist). Während seiner dritten Biertour geriet Tim ins Schleudern und rammte eine Pekanie am Rand eines Baumwollfeldes. Tim und einer der Highschool-Jungen hatten sich angeschnallt, der dritte jedoch nicht. Durch den Aufprall wurde er vom Rücksitz durch die Windschutzscheibe und in die Äste des Baumes geschleudert. Wenn er Glück hatte, war er auf der Stelle tot. Da am Schauplatz Alkohol gefunden wurde, verklagten beide Elternpaare Tims Vater, und Tim musste wegen Totschlags ein Jahr ins Gefängnis. Die Geschichte kostete Dr. Jessup wahrscheinlich sämtlichen Kredit, den er sich in zwanzig Jahren als praktischer Arzt erworben hatte, ganz zu schweigen von dem Bargeld, das unter dem Tisch den Besitzer gewechselt haben dürfte, damit das Urteil nicht härter ausfiel. Doch trotz der relativ leichten Strafe waren die Dinge für Tim nie wieder so wie früher. Er kam immer weiter vom rechten Weg ab. Die Leute machten Drogen, Charakterschwäche und sogar seinen Vater dafür verantwortlich, doch ich wusste, dass der Unfall ihn ruiniert hatte.

Nun scheint Tim sich mit Hilfe seiner neuen Ehefrau wieder zu einem vernünftigen Leben aufgerafft zu haben. Aber für einen Mann mit seiner Vergangenheit ist es bestimmt schwer, auf einem Casinoschiff clean zu bleiben.

Als ich den Hausflur entlanggehe, um einen Blick auf meine Tochter zu werfen, lässt mich ein anderes Gefühl frösteln: Furcht. Ich habe viele Ermittlungen mithilfe von Spitzeln geführt, und einige von ihnen hat es das Leben gekostet. Selbst hochqualifizierte FBI-Agenten machen unter dem Druck des Doppellebens Fehler, und sogar die besten verdeckten Ermittler können durch ein unerwartetes Ereignis ins Stolpern geraten. Und dadurch, dass ich Tim ermutigt habe, seinen Plan fortzuführen, könnte ich diesmal einen Amateur in den Tod geschickt haben.

Ich bleibe neben Annies Tür stehen und spähe durch den Spalt. Der hellgrüne Schein der Nachtlampe lässt ihren unter den Decken zusammengekrümmten Körper erkennen. Dass sie allein in ihrem eigenen Zimmer schlafen kann, ist für mich mit einem beständigen Gefühl des Friedens verbunden. Nach Sarahs Tod musste Annie nicht nur in meinem Bett schlafen, sondern auch direkten physischen Kontakt mit mir halten. Sobald ihre Hand von meinem Arm oder meiner Hüfte rutschte, fuhr sie aus dem Schlaf hoch. Ihre jetzige Gelassenheit bestätigt, wie vernünftig es war, mit ihr nach Natchez zurückzukehren. Die Nähe meines Vaters und meiner Mutter war für Annie ein Geschenk und gab ihr ein Gefühl der Sicherheit. Die Entscheidung kostete mich zwar die gemeinsame Zukunft mit Caitlin, doch Annies Genesung gibt mir die Kraft, mit diesem Verlust fertig zu werden.

Nachdem ich mich ausgezogen und mir die Zähne geputzt habe, trete ich ans Schlafzimmerfenster und schaue die zwanzig Meter hinüber zur ersten Etage von Caitlins Haus. Ist sie dort? Oder ist sie unten in der Examiner-Redaktion, wo sie dem Nachtredakteur wegen des Layouts der morgigen Zeitung zusetzt? Der Gedanke lässt mich lächeln, doch dann wird mir klar, dass Caitlin genauso gut zum Tanzen in eine der Bars in der Main Street gegangen sein könnte. Oder hat sie einen aufgeblasenen neureichen Hinterwäldler, der eine Ballonrennen-Party abhält, zur Zielscheibe ihrer ironischen Begabung gemacht? Ich verspüre das Verlangen, hinunterzulaufen und mich zu überzeugen, ob in ihrer Garage ein Mietwagen steht. Haben die achtzehn Monate der Trennung mich zu einem Stalker werden lassen? Eines steht fest: Es wäre unerträglich, wenn ich das Licht in ihrer Wohnung anschmachte, um sie dann plötzlich mit einem anderen Kerl zu sehen.

Dann muss ich wieder an die Fotos denken, die Tim mir gezeigt hat. Ein zerfleischter Hund. Eine halb nackte Heranwachsende, die Bier serviert. Ein Mann mittleren Alters, der das junge Mädchen auf einem Dielenfußboden vögelt, während vier andere Männer trinken und zuschauen. Können in Sichtweite der Stadt, die ich so sehr liebe, kleine Mädchen wirklich vergewaltigt und Hunde abgeschlachtet werden? Ich habe die drei Fotos nur sekundenlang zu Gesicht bekommen, aber ich werde sie nie vergessen. Wenn ich die Augen schließe und sie vor mir sehe, schaudere ich noch immer. Und dieser Abscheu ist der Grund, weshalb ich Tim meine Hilfe versprochen habe.

Wenn solche Überlegungen mich am Einschlafen hindern, benutze ich einen Trick, den mir ein Rockmusiker aus den Sechzigerjahren beibrachte, nachdem ich ihn in Houston vor dem Gefängnis bewahrt hatte. Wann immer der Drogenentzug Krämpfe auslöste und die Dämonen den armen Kerl mit sich fortreißen wollten, stellte er sich ein jungfräuliches Eisfeld vor, weiß und strahlend rein und so entlegen, dass kein Fußabdruck je seine Oberfläche verunziert hat. Er konzentrierte sich auf diese Szene, bis er ein Teil von ihr zu sein glaubte, und manchmal trat dann Friede ein. Zu meinem Erstaunen war diese Methode auch bei mir hin und wieder erfolgreich. Aber heute Nacht kann ich die Dämonen damit nicht abwehren. Dunkle Gestalten bewegen sich unter dem Eis wie Raubfische in einem gewaltigen Meer, stets auf die Schatten der Beute an der weißen Oberfläche über ihnen lauernd. Ein Halbschatten von der Größe eines Kleinwagens hockt unter mir, und ich ergreife die Flucht. Obwohl ich auf dem Rücken im Bett liege, pocht das Herz in meiner Brust, und das Blut rauscht durch meine Adern. Weit vor mir sehe ich eine blaue Stelle im Eis. Ein Loch. Daneben steht Tim Jessup, ohne Hemd und blau vor Kälte. Während ich mich ihm mit knirschenden Schritten nähere, zieht er seine Hose aus und schaut in das Loch hinunter. Ich rufe ihm zu, dass er warten soll, aber er hört mich nicht. Er setzt sich hin, lässt die Beine ins Wasser baumeln und sinkt dann wie ein Junge, der langsam von einem Dach rutscht, in die blau-schwarze Öffnung. Ich will schreien, doch eine neue Vision hindert mich daran. Ein Wolf, der sich scharf vom Horizont abhebt, steht da und beobachtet mich. Sein Fell ist knochenweiß, und seine Augen glänzen vor verwirrender Intelligenz. Ich versuche anzuhalten, aber ich habe die Kontrolle verloren und gleite weiter. Als ich dann endlich zum Stehen komme, setzt sich der Wolf in Bewegung und trottet zielstrebig auf mich zu. Seine Augen durchbohren mich, und während ich versuche, rückwärtszulaufen, höre ich Tims hysterische Stimme: »Du weißt es nicht, Mann! Du weißt es nicht …«

6

Julia sitzt am Küchentisch und betrachtet einen Gefrierbeutel, der mit gesprenkelten Tabletten und weißem Pulver gefüllt ist. Sie hat ihn vor einer Stunde gefunden, als die Toilettenspülung sie so sehr nervte, dass sie den Deckel des Wasserbehälters entfernt hat. Der Beutel lag in einer kleinen Tupperdose, die mit ein paar Bolzen beschwert war. Der Rand des Dosendeckels hinderte das Schwimmerventil daran, sich zu schließen. Tim war schon so lange clean, dass Julia in den ersten Momenten, nachdem sie die Dose aus dem Wasserbehälter gehoben hatte, völlig verwirrt war. Aber als sie den Deckel öffnete, schien ihr Universum zu implodieren, als würde es von einem Schwarzen Loch verschlungen.

Sie hatte den Beutel auf den Küchentisch gelegt und ihn einfach eine Zeitlang angestarrt, wobei sie vor Wut über Tims Vertrauensbruch bebte. Aber hauptsächlich verspürte sie Angst, denn sie hatte kein Anzeichen dafür bemerkt, dass er wieder abhängig geworden war. Um ihre Hände vom Zittern abzuhalten, holte sie ihre Häkelnadel hervor und versuchte, so zu häkeln, wie sie es von ihrer Großmutter gelernt hatte, doch sie war nicht imstande, ihre Finger zu lenken. Also wartete sie, und ihr Blick richtete sich immer wieder von dem Dope vor ihr auf die Uhr über dem Herd – eine endlose Bewegung, die keinen Trost zu bieten hatte.

Nun spannt Julia sich an und lauscht nach Geräuschen aus dem Babyzimmer. Es ist 3.45 Uhr, fast Zeit, dem Kind die Flasche zu geben. Sie hat ein übernatürliches Gehör, wenn es um ihr Baby geht, und Tim ist immer wieder verblüfft über die Dinge, die sie wahrnimmt. Es ist, als wäre sie mit dem Kind durch einen unsichtbaren Faden verbunden, durch eine Seidenfaser, so dünn wie die eines Spinnengewebes, und wenn sich der kleine Timmy bewegt, scheint der Faden an irgendetwas in Julias Bauch zu ziehen.

Julia blickt wieder auf das Dope vor ihr auf dem Tisch. Was hat das zu bedeuten? Dass Tim Schwierigkeiten hat? Womit? Mit dem Glück? Mit einer liebevollen Frau und einem wunderschönen Sohn? Dieser Gedanke versetzt sie in Schrecken. Julia war früher der Meinung, dass Tim klüger als sie sei, und das ist er auch, was Buchwissen betrifft. Aber welchen Nutzen hat das, wenn es ums Überleben geht? Julias gesunder Menschenverstand und ihre Tapferkeit haben ihnen beiden geholfen, schwere Zeiten zu überstehen. Die Aussicht, noch einmal diese Hölle zu durchleben, die sie längst hinter sich wähnte, ist fast unerträglich.

Ein ungewöhnliches Kratzgeräusch lässt Julia aufhorchen, und das Garn strafft sich zwischen ihren Fingern und dem Haken. Das Geräusch kam nicht aus dem Babyzimmer, da ist sie sich sicher. Es klang so, als hätte jemand das Fenster im Gästezimmer im hinteren Teil des Hauses angehoben.

Sie schluckt schwer, tritt an das Schränkchen über dem Herd und greift nach der Pistole, die Tim damals, als er noch Drogen nahm, aus dem Safe seines Vaters gestohlen hatte. Später wollte er die Waffe zurückgeben, doch sein Vater sagte, er solle sie behalten. Die Pistole ist schwer und schwarz, aber Julia packt sie energisch mit der Faust und schiebt sich auf Zehenspitzen zum Gästezimmer vor. Dann hört sie das Geräusch von Schuhen hinter der Tür. Sie knarren, als der Eindringling sein Gewicht verlagert. Ob es die Polizei ist? Nein, die Polizei hätte die Haustür eingeschlagen. Es könnte ein anderer Junkie sein, der Tims Vorrat stehlen will.

Julia strafft den Finger um den Abzug, weicht drei Schritte zurück und zielt mit der Pistole auf die Tür. Wenn sie sich öffnet und jemand anders als Tim erscheint, wird Julia schießen.

Sie hört einen unterdrückten Fluch, und dann geht die Tür auf.

Beim Anblick der Pistole, die auf sein Gesicht gerichtet ist, zuckt Tim zusammen, als wäre er von einem elektrischen Viehtreiber getroffen worden.

»Wo bist du gewesen?«, keucht Julia mit erstickter Stimme, wütend und erleichtert zugleich. »Es ist vier Uhr morgens!«

»He, he«, erwidert Tim beruhigend und wirft ein paar zusammengeknüllte Kleidungsstücke auf den Boden. »Jetzt ist doch alles in Ordnung.«

»Blödsinn!«, zischt sie. »Ich hätte dich beinahe erschossen! Du verdammter Lügner!«

Tim runzelt vor Erstaunen die Stirn. »Wovon redest du? Ich war mit Penn zusammen. Mehr brauchst du nicht zu wissen.«

Julia wischt sich die Augen mit einer zitternden Hand und mustert ihn wie früher, als sie in jedem Moment seines Lebens auf ihn achten musste, damit er nicht wieder in den Abgrund rutschte. Sie möchte ihn nach den Drogen fragen; stattdessen sagt sie: »Nur mit Penn?«

Etwas an dem raschen Blinzeln seiner Augen verrät ihr, dass eine Lüge folgen wird. Julia schluchzt, wendet sich ab, geht zum Küchenschrank und nimmt eine Flasche mit Säuglingsnahrung heraus, um sie auf dem Herd anzuwärmen.

»Julia?«, fragt Tim verlegen.

»Da liegt was für dich auf dem Tisch«, sagt sie.

»Was?«

»Auf dem Tisch!« Sie betrachtet die Gasflamme, die am Rand des Topfes flackert.

»O Gott«, sagt Tim leise. »Julia …«

»Was?«

»Es ist nicht, was du denkst.«

»Nein? Das ist kein Dope? Kein Vicodin und Kokain?«

»Nein. Ich meine … doch, schon, aber …«

»Lass mich raten. Es gehört dir nicht, stimmt’s? Du bewahrst es nur für jemanden auf.«

Als sie den Fußboden knarren hört, hebt sie eine Hand, um Tim zurückzuweisen. Er bleibt stehen,

»Liebling, ich weiß, was du denkst, aber das Zeug gehört zu dem, was Penn und ich planen.«

Julia ist selbst überrascht über die Härte ihres Lachens. »Ach so, jetzt verstehe ich. Du und der Bürgermeister – ihr benutzt einen Beutel Dope, um die Stadt zu retten.«

Ein kurzes Schweigen. Dann erwidert Tim: »Ja, mehr oder weniger. Penn ahnt noch nichts davon, aber es ist die einzige Möglichkeit. Mehr kann ich dir jetzt nicht sagen. Alles andere wäre gefährlich. Aber in ein paar Tagen werde ich’s dir wahrscheinlich erklären können.«

»Wenn du nicht im Gefängnis bist, meinst du?«

Tim seufzt. »Ich wünschte mir nur, dass du mir glaubst. Habe ich das immer noch nicht verdient?«

Julia packt den Henkel mit bebenden Händen. Einerseits möchte sie ihn mit dem heißen Wasser verbrühen, weil er sie belügt, andererseits möchte sie ihm glauben. Tim klang so, als hätte er die Wahrheit über die Drogen gesagt; außerdem hat sie wirklich nie ein Anzeichen dafür bemerkt, dass er wieder high war. Aber sie hat keinen Zweifel daran, dass er trotzdem lügt.

»Julia?«

»Du bist jetzt zu Hause!«, blafft sie und starrt auf die Milchflasche, die sich im Wasser des Topfes erwärmt. »Was du auch tust, beeil dich, damit wir wieder ein normales Leben führen können.«

Tim hält Distanz. »Wird gemacht.«

»Gut«, sagt sie. »Hol Timmy. Du weißt, welche Uhrzeit es ist. Er wird jeden Moment zu weinen anfangen.«

Die Küche ist so klein, dass sie spürt, wie Tim im Schatten nickt. »Okay«, murmelt er kleinlaut.

Julia öffnet die Flasche und träufelt ein wenig heiße Milch auf die Innenseite ihres Handgelenks. Sie weiß, was wichtig ist.

7

Ich wache auf und schlage nach meinem Nachttisch wie jemand, der eine Pferdefliege abwehrt. Meinem Wecker zufolge habe ich nur vier Stunden geschlafen. Wie blind taste ich mich unter die Dusche und bleibe in dem heißen Sprühregen stehen, bis ich wieder einigermaßen klar denken kann. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass Annie wach ist, werfe ich mich ein wenig mehr in Schale als sonst, da ich wenigstens zwei Stunden darauf verwenden muss, Hans Necker, dem heute eintreffenden Vorstandsvorsitzenden, die möglichen Standorte für seine Recyclinganlage zu zeigen. Annie hebt die Daumen, als ich die Küche betrete – ein seltenes Zeichen der Anerkennung für meine heutige Kleidung. Sie isst Getreideflocken und Hafergrütze mit Knoblauchkäse. Ich widme mich dem Rest der Käsegrütze, trinke die Tasse Kaffee, die Annie für mich gekocht hat, und folge ihr hinaus zum Auto. In meiner Erschöpfung vergesse ich, mich zu überzeugen, ob in Caitlins Einfahrt ein Mietwagen steht.

Annie ist während der Fahrt nach St. Stephen’s ungewöhnlich still, und ich entdecke den Grund dafür, als wir uns der Abzweigung zur Schule nähern.

»Ich habe heute Nacht von Caitlin geträumt«, sagt sie leise.

»Wirklich?« Ich überlege, ob meine Tochter etwas auf der anderen Straßenseite gesehen oder gehört haben könnte, das sie auf Caitlins Anwesenheit aufmerksam gemacht hat.

Annie nickt bedächtig. Während ich sie aus dem Augenwinkel beobachte, fällt mir ein, dass das halb nackte Mädchen, das auf Tims Foto Bier servierte, wahrscheinlich kaum vier Jahre älter war als meine Tochter. Es ist eine so grässliche Erkenntnis, dass ich mich räuspern und den Blick abwenden muss. Annie weiß noch nichts von solchen Dingen, hoffe ich jedenfalls. Zurzeit gilt eine ihrer größten Sorgen den Frauen in meinem Leben.

»Hast du früher schon mal von Caitlin geträumt?«, frage ich.

»Ja. Aber schon lange nicht mehr.«

»Wovon hat der Traum gehandelt?«

Annie schaut unverwandt nach vorn. »Das möchte ich nicht sagen.«

»Warum nicht? War er gruselig?«

»Zuerst nicht, aber dann schon ein bisschen.«

Ich denke an meinen eigenen Albtraum über die Eisfläche und den Wolf, als ich in die Auffahrt zur Schule einbiege und vor der Tür des Mittelstufengebäudes anhalte. »Manchmal sind Dinge weniger gruselig, wenn man darüber redet.«

Annie schaut mich mit den Augen ihrer Mutter an. »Ich möchte nur eine Zeitlang darüber nachdenken.«

Sie steigt aus und wirft sich den Rucksack über wie eine jüngere Ausgabe ihrer Babysitterin. Während sie durch die große Tür geht, erkenne ich ihre Mutter in jeder ihrer Bewegungen. Meine Elfjährige verschwindet in derselben Schule, die ich in ihrem Alter besucht habe, und ich wünsche mir sehnlich, dass Sarah erleben könnte, wie prächtig ihre Tochter sich entwickelt. Zwar glaube ich nicht, dass Sarah vom Himmel wohlwollend auf unsere Tochter herunterschaut, aber ich glaube, dass sie durch Annie weiterlebt – in ihrem Gesicht, ihrer Stimme, ihrer raschen Auffassung und sogar in ihrem Temperament.

Ich biege auf den Highway 61 ab und versuche, mich auf die Angelegenheiten der Stadt zu konzentrieren. Wenn man einer Kleinstadt vorsteht, meint jeder Hinz und Kunz, dass deine Zeit ihm gehört – egal, wo du dich aufhältst und womit du gerade beschäftigt bist. Dem Anruf eines Großunternehmers kann der Besuch eines erbosten Rentners folgen, dessen Rosensträucher von den Ziegen seines Nachbarn gefressen werden. Wer sich seinen Humor bewahrt, kann solche Situationen gleichmütig hinnehmen, doch mir fällt es seit einiger Zeit schwer, den Humor nicht zu verlieren.

Heute habe ich es weder mit Ziegen noch mit Rosensträuchern zu tun, sondern mit einem Millionär aus Minnesota, der den kühnen – möglicherweise wahnsinnigen – Plan hat, die Abfälle sämtlicher Städte am Mississippi und seinen Nebenflüssen aufzubereiten. Hans Necker beabsichtigt, alle Müll-, Plastik- und Papierabfälle an verschiedenen Sammelstellen zusammenpressen und die entstehenden Würfel mit Kähnen stromabwärts zu einer Recyclinganlage in Greenville, Natchez oder Baton Rouge befördern zu lassen – je nachdem, wo er sich letztlich mit seinem Werk ansiedelt. Eines steht fest: Katrina hat gerade dafür gesorgt, dass New Orleans nicht mehr in die engere Wahl kommt. Wir haben in Natchez drei mögliche Standorte, die alle nicht weit voneinander entfernt sind. Trotzdem hat Necker einen Hubschrauber gechartert, um sich nicht nur die Örtlichkeiten, sondern auch die Stadt und ihre Umgebung anzuschauen.

Auf halbem Weg zum Flugplatz simst mir Paul Labry, einer der wenigen Stadträte, die ich als Freunde betrachte, dass Necker verspätet sei. Necker hat bereits mehr Zeit in Greenville verbracht als erwartet, und die Stadträte ziehen alle möglichen negativen Schlüsse daraus. Mich regt es nicht allzu sehr auf. Verglichen mit dem, was mir bevorsteht, wenn Tim Jessup Beweise für seine Anschuldigungen liefert, ist der Verlust einer Recyclinganlage ein Klacks.

Mein Handy vibriert. Ich rechne mit einer weiteren Nachricht von Labry, doch es ist eine SMS von einer mir unbekannten Nummer. Nicht einmal die Ortsvorwahl ist mir vertraut. Als ich auf LESEN klicke, wird mir der Mund trocken.

Überquere den rubikon. Bleib bei deinem telefon und bei nem Turm. Nicht antworten! Mrs. Haley.

»Scheiße«, flüstere ich. Mrs. Haley war in der achten Klasse Tim Jessups und meine Lateinlehrerin gewesen. Überquere den Rubikon? Was zum Teufel denkt Tim sich bloß? Ich hatte angenommen, dass er wenigstens ein paar Tage abwarten würde, bevor er seinen Plan realisiert. Begreift er denn nicht, wie wichtig dieses Wochenende für die Stadt ist? »Scheiße«, wiederhole ich, denn ich kann die Vorstellung nicht verkraften, dass Jessup in diesem Moment vielleicht Verbrechen begeht, durch die er sich selbst und die Zukunft der Casinos in Mississippi gefährdet.

»Tim, du verrückter Mistkerl«, murmele ich und will ihm eine Warnung simsen. Aber bevor ich auf SENDEN drücke, gewinnt Vorsicht die Oberhand über die Besorgnis, und ich stecke mir das Handy tief in die Tasche.

Ich schließe mein Auto ab und gehe hinaus auf die Rollbahn, wo ein paar einmotorige Maschinen in aller Stille warten. Auf dem Flugplatz gibt es nicht viel zu sehen, denn Natchez hat seit den Siebzigerjahren keinen kommerziellen Flugservice mehr. Die Brise der letzten Nacht ist am Morgen verebbt, und die Sonne funkelt weiß auf den Start- und Landebahnen. Ich halte am Nordhimmel Ausschau nach Hans Neckers Gulfstream IV. Die Windstille war günstig für den »Medienflug« des Ballonfestivals am heutigen Morgen, aber sie ist grässlich für einen Mann, der ein langärmeliges Buttondown-Hemd trägt, auch wenn es aus Makobaumwolle ist. Die Luftfeuchtigkeit in Süd-Mississippi könnte einen Wüstenbewohner ertrinken lassen, wenn er zu schnell atmet.

Nachdem ich einen weiteren halben Liter Schweiß vergossen habe, entdecke ich flussaufwärts ein silbernes Glänzen am Himmel: Neckers Jet. Einen Augenblick später höre ich das Geräusch eines Hubschraubers von Süden her. Die Gulfstream beschreibt einen Kreis und nähert sich von Südost, bevor sie so anmutig landet wie die erste Ente des Winters auf einem im Morgengrauen stillen Teich. Der Jet rollt zu dem kleinen Terminal, und ein blauer Hubschrauber vom Typ Bell lässt sich zwanzig Meter von mir entfernt auf der Landebahn nieder. Die Tür des Gulfstream öffnet sich, und die Stufen senken sich mit einem hydraulischen Summen auf den Boden.

Hans Necker kommt allein heraus. Er ist ein stämmiger, rotgesichtiger Mann von ungefähr sechzig Jahren. »Penn! Endlich Auge in Auge.« Er setzt sich schwungvoll in Bewegung. »Entschuldigen Sie die Verspätung, aber wir haben den größten Teil der Zeit im Flug herausgeholt.«

Ich begrüße Necker mit allem Enthusiasmus, den ich aufbringen kann, während er mich bereits an der Schwanzflosse seines Jets vorbei zu dem Hubschrauber führt. Also gleich ans Werk. Das passt mir gut. Je rascher wir aufsteigen, desto rascher kommen wir zurück.

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