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Adams Pech, die Welt zu retten

Arto Paasilinna

Adams Pech, die Welt zu retten

Roman

Aus dem Finnischen von
Regine Pirschel

BASTEI ENTERTAINMENT

EINS

Das Opfer des jüngsten Unfalls in dem Örtchen Tattarisuo hieß Aatami Rymättylä. Mit qualmendem Overall flog er auf der Druckwelle einer Wasserstoffexplosion aus dem Labor der Akku-AG.

Die Halle aus Stahlblech klapperte noch eine Weile, von drinnen war das Klirren berstenden Glases zu hören, und aus der Doppeltür, die aufgesprungen war, quollen Rauch und Dampf. Aatami Rymättylä hustete Ruß aus seiner Lunge. Sein Gesicht war rot und schwarz gefleckt, seine Ohren glühten, sein Herzschlag geriet vorübergehend aus dem Takt. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, setzte er sich auf die Stufen vor seiner Werkstatt, zog eine grüne Schachtel North State aus der Tasche, zündete sich eine Zigarette an und rauchte gierig. Er schloss andächtig die Augen:

»Scheißfrühling.«

In der Tat, der Frühling hielt Einzug, der gefrorene Boden taute auf, die öligen Pfützen in den engen Straßen des Industriegebietes schimmerten in hellen Regenbogenfarben, und die staubigen Weidenbüsche entlang des Grabens bekamen Knospen. Die Zugvögel waren in Tattarisuo noch nicht eingetroffen, aus den Wäldern hinter den Schrotthallen war nur das Krächzen der Krähen zu hören. Aber auch das waren ja gewissermaßen Stimmen des Frühlings, die gut in diese Umgebung passten.

Aatami Rymättylä war in den Vierzigern und Kleinunternehmer, ein derber Mann, in Aussehen und Wesen sehr finnisch. Er war groß, wetterfest, man sah, dass er im Leben bereits viel durchgemacht hatte.

Aatami hatte einen harten Winter hinter sich. Der Umsatz der Akku-AG war in letzter Zeit zurückgegangen, der kleine Betrieb war während der Rezession immer weiter geschrumpft. Groß war nur noch die Summe der Zinsen seiner Schulden. Die Nachfrage nach Autos war gesunken, und deshalb wurden nicht mehr so viele Batterien gebraucht, die Aatami hätte warten können. Zwar reparierte und montierte er neuerdings auch Auspuffrohre, doch diese Arbeit brachte ebenfalls nicht viel ein. Die Kenntnisse eines Elektrotechnikers, die er in den siebziger Jahren erworben hatte, ermöglichten ihm, sich auch auf diesem Gebiet zu betätigen. Alles in allem kam Aatamis Akku AG halbwegs über die Runden, hielt sich wankend aufrecht, aber wenn es im Sommer keine Belebung in der Branche geben würde, stünde Aatami vor der Pleite. Er hatte seine Firma durch harte Arbeit zehn Jahre lang am Leben erhalten, aber jetzt halfen selbst die größten Anstrengungen nicht mehr. Die Kunden schweißten ihre verrosteten Auspuffrohre selber, sie warteten ebenfalls ihre Batterien, verbanden die Elektrokabel ihrer Autos und wechselten die Relais aus.

Nach ein paar kräftigen Zügen aus seiner Zigarette stand Aatami auf und ging niedergeschlagen zurück in die Werkstatt. Ein sanfter Frühlingswind blies Dampf und Qualm durch die zersprungenen Fensterscheiben nach draußen. Die Halle maß sieben mal sieben Meter, die Höhe betrug vier Meter. Außer Personenwagen konnten auch LKWs bis zu einer gewissen Größe repariert werden. Gleich rechts neben der Eingangstür befand sich ein kleines Kabuff, das als Büro diente, daneben ein Sanitärraum von knapp zehn Quadratmetern Größe, und dahinter, im äußersten Winkel der Halle, ein kleiner Wohnraum, in dem Aatami seit dem letzten Herbst hauste. Damals hatte er seine Wohnung in Tikkurila verkaufen müssen, um die Schulden seiner Firma abzubauen und sämtliche ausstehenden Alimente, eine Folge seiner fünf Jahre zurückliegenden Scheidung, zu bezahlen. Er hatte stets die Frauen geliebt, dafür gab es eine große Zahl lebender Beweise: drei Kinder mit seiner Exfrau – die dreizehnjährige Liisa, der elfjährige Tauno und Leena, neun Jahre alt. Früchte der Liebe hatte ihm auch vor fünf Jahren eine andere Frau geschenkt, es waren die lebhaften Drillingsmädchen Anneli, Annikki und Aulikki. Und schließlich gab es noch Pekka, fünfundzwanzigjähriger Grenzschützer am Posten Naruska oben bei Salla. Die Liebe hat ihren Preis: Eine so große Kinderschar benötigt viel Nahrung und Kleidung. Das Gericht hatte Aatami gnadenlos zu immensen Unterhaltszahlungen verdonnert, so als wäre es um die Besteuerung einer Firma gegangen. Mit dem Erlös vom Wohnungsverkauf hatte er sich über den Winter retten können, doch jetzt im Frühjahr musste er dringend neue Einnahmequellen erschließen.

Links hinten in der Halle gab es noch das zehn Quadratmeter große Akkulager. Darunter hatten sich die Ratten von Tattarisuo Gänge und Nischen für ihre Nester gegraben, und sie führten in den Räumen der Werkstatt ein lebhaftes Familienleben. Sie organisierten spontane Verwandtentreffen und bewirteten ihre Gäste mit Aatamis Essvorräten. Zu diesem Zweck hatten sie Löcher in seine Kühltasche gefressen und sich auf diesem Wege bereits mit zahlreichen Lunchpaketen versorgt. In der vergangenen Woche hatten sie, frech wie sie waren, zwischen den Doppelfensterscheiben einen Becher Buttermilch umgestoßen und einen bösen Schlamassel hinterlassen. Ihren Haupteingang hatten die Ratten unter der Verladerampe, wohin ein Gang entlang der Wand führte. Dort empfingen sie ihre zu Besuch kommenden Verwandten und fremde Gäste, im Allgemeinen in den Nachtstunden, denn dann geraten die Ratten, genau wie die Menschen, in Feierstimmung.

Neben dem Akkulager befand sich ein weiterer, größerer Raum, das Labor. Genau von dort war Aatami vor der Explosion geflüchtet, mehr durch die Luft als auf seinen Füßen.

Eigentlich benötigt man in einer gewöhnlichen Mehrzweckwerkstatt kein Labor. Die Wartung von Akkus und Autobatterien ist theoretisch und auch in der Praxis eine einfache Sache, ganz zu schweigen von der Reparatur von Auspuffrohren und Ähnlichem. Aatami hatte sich dennoch ein Labor eingerichtet und die entsprechenden Geräte angeschafft, denn er hatte zum Zeitvertreib damit begonnen, einen neuartigen, leichten Akku zu entwickeln. Während der Rezession, als ihm die Kunden nicht gerade die Bude einrannten, wurden ihm die Tage lang.

Aatami war es sehr ernst mit dieser Sache, obwohl er Außenstehenden versicherte, er mache es nur aus Jux und zum eigenen Vergnügen. Ihn faszinierte die Vorstellung, dass es ihm gelingen könnte, einen neuen, extraleichten Akku zu entwickeln und damit einen Wendepunkt im Leben der ganzen Menschheit herbeizuführen. Er würde als Erfinder in die Geschichte eingehen, ein wenig so wie Edison, der, neben vielem anderen, den Nickel-Eisen-Akkumulator entwickelt hatte. Aatami fühlte sich seelenverwandt mit Thomas Alva Edison, der so vieles ausprobiert und umgesetzt hatte, und auch ihre Jugend war ähnlich verlaufen. Edison war mit fünfzehn Jahren als Fernmeldemonteur durch die Vereinigten Staaten gezogen, Aatami Rymättylä hatte im kalten Norden als Elektromonteur gearbeitet. Später dann war er jahrelang Mechaniker in einer Akkufabrik gewesen, Edison wiederum Ingenieur im Telegraphenwerk der Western Union.

Alles in allem wäre die Speicherung von Strom in einer leichten und vernünftigen Form eine ebenso große Sache wie einst Edisons Erfindung.

Aatami war als Erfinder durchaus kein Anfänger. Während seines Wehrdienstes hatte er eine äußerst geniale Infanteriemine entwickelt, die die tückische Eigenschaft hatte, dass man sie nicht ohne Explosion entschärfen konnte. Die Mine war später von der Armee für die Ausbildung der Pioniere eingesetzt worden. Aatami hatte ein Honorar für die Entwicklung dieser teuflischen Waffe verlangt, aber der Kommandeur der Pioniere, ein starrsinniger Generalmajor, hatte schnöde erklärt, dass sich keine Armee der Welt ihre Kriegsgeheimnisse zu erkaufen pflege, sondern es gebe sie seit jeher umsonst.

Auf der Offiziersschule hatte Unteroffiziersanwärter Rymättylä dann noch ganz nebenbei ein zweiläufiges Maschinengewehr entwickelt, für das er eine phänomenale theoretische Feuergeschwindigkeit errechnet hatte, nämlich zweitausend Schuss pro Minute. Die Idee basierte darauf, dass der Verschluss der Waffe mit einer Kurbelwelle verbunden wurde, so wie der Kolben im Verbrennungsmotor. Die rotierende Bewegung würde die Feuergeschwindigkeit erhöhen und die Waffe störfrei machen, erläuterte Aatami, als er seine Erfindung dem Brigadekommandeur vorstellte. Daraufhin versetzte man ihn für mehrere Wochen ins Waffendepot der Division, wo er Entwürfe der neuen Waffe zeichnen sollte, bis sich herausstellte, dass die Idee gar nicht so neu war. Bereits 1905 hatten nämlich die Japaner einen ähnlichen Mechanismus für ihre Schiffsartillerie entwickelt. Die Feuergeschwindigkeit der Waffe war wirklich ausgezeichnet gewesen, die einschlägige Literatur wusste zu berichten, dass es schwierig gewesen war, den Schießvorgang zu stoppen, dazu mussten erst sämtliche Geschosse verballert sein. Ein Verschluss vom Typ der Kurbelwelle war zwar äußerst effektiv, machte die Waffe aber zugleich sehr ungenau: während des Schießens vibrierte die Kanone, genau wie ein laufender Automotor.

Die Japaner hatten mit Aatamis Erfindung also schon zu Beginn des Jahrhunderts ihre Erfahrungen gemacht, und zwar in der Seeschlacht vor Tsushima. Ein entsprechend ausgerüstetes Geschütz war mit starken Bolzen auf dem eisernen Deck eines Dampfkanonenbootes befestigt worden. Die japanischen Kanoniere hatten damit die Flotte der Russen auf dem herbstlichen Meer beschossen, und wie es heißt, hatte der ungeheure Lärm der Kanone großen Eindruck auf den russischen Gegner gemacht. Die Geschosse waren jedoch ziellos auf dem Meer und am Himmel herumgesaust, und es hatte nicht viel gefehlt, und das wie wild feuernde Geschütz hätte das gepanzerte Deck des Bootes zerrissen. Die Produktion der Kanone war stillschweigend eingestellt worden. Einige Quellen behaupten, dass der Konstrukteur später Harakiri begangen habe, trotz der Tatsache, dass auch durch sein Verdienst dem Großmachtstreben der Russen Einhalt geboten worden war.

Als man in der Division von den Erfahrungen der Japaner erfuhr, schickte man den Offiziersanwärter Rymättylä ohne Beifallsbekundungen wieder in die Ausbildung zurück.

Vor zehn Jahren hatte Aatami am größten Erfinderwettbewerb der nordischen Länder teilgenommen, den ein schwedisch-dänischer Industriekonzern veranstaltet hatte.

Der Hauptpreis war mit zweihunderttausend Kronen in bar beziffert gewesen. An dem Wettbewerb hatten sich mehr als zwölftausend Erfinder beteiligt, und ausgerechnet der Elektriker Aatami Rymättylä hatte den Sieg davongetragen. Seine Frau Laura, Aatami war damals noch verheiratet gewesen, hatte Zweifel an der Genialität ihres Mannes geäußert, als er einen Briefumschlag von einem Kilo Gewicht zur Post getragen hatte. Sie hatte das ganze Unterfangen für lächerlich gehalten, aber wie es manchmal so geht, Aatamis eingereichter Vorschlag, ein System für das automatisierte Setzen von Gartenpflanzen, war absolut überzeugend gewesen, sogar in einem solchen Maße, dass sich auf dem kleinen skandinavischen Markt niemand in der Lage gesehen hatte, dieses System industriell zu fertigen. Für das Preisgeld hatte Aatami seiner Frau einen Pelzmantel gekauft.

All das war Kleinkram gewesen, es hatte zwar Spaß gemacht, aber dieses Mal hatte Aatami das Gefühl, einer ganz großen Erfindung auf der Spur zu sein. Zunächst hatte er sich Gedanken gemacht, wie er das Gewicht der Akkus auf herkömmliche Art verringern könnte, ihm schmerzte nämlich der Rücken, weil er die Dinger täglich heben musste. Bald jedoch wurde ihm klar, dass die modernen Zinkakkus so weit entwickelt waren, wie es irgend ging: Das Material passte, die Herstellungsweise ebenfalls, der Akku war in sich fertig, hatte aber immer noch ein enormes Gewicht. Wenn man ein leichteres Modell entwickeln wollte, musste man sich dem Problem auf ganz neue Art nähern.

Während des ganzen düsteren Rezessionswinters hatte Aatami in seinem Labor endlose Versuche mit den verschiedensten Materialien gemacht, mit Lösungsmitteln, mit Metallen, mit Kunststoff. Er hatte in die unterschiedlichsten Behältnisse Strom eingespeist, hatte die sonderbarsten Strippen als Leitungen verwendet und sich am Ende entschieden, es mit Gasen zu versuchen. Helium und Wasserstoff hatten allerdings die Eigenschaft, sich leicht zu entzünden und zu explodieren. So war es auch vorhin zu einem Unfall gekommen, der Wasserstoff war explodiert, davon waren die Fenster geborsten, und Aatamis Gesicht war völlig verrußt. Der laute Knall hatte ihn taub werden lassen, erst langsam kehrte sein Gehör zurück.

Aatami horchte. Verflixt, von der Zufahrtsstraße her war wieder mal das Geheul der Feuerwehrsirene zu hören, es näherte sich mit rasender Geschwindigkeit, und bald donnerten zwei Löschfahrzeuge auf den Hof der Akku AG. Aatami eilte hinaus, um den Männern zu versichern, dass keine Gefahr mehr bestehe, kam aber nicht dazu, weil ihn stattdessen der kräftige Strahl aus dem Druckwasserschlauch mitten ins Gesicht traf.

ZWEI

Die Feuerwehrmänner spritzten den Werkstattbesitzer ab, bis er klatschnass war. Als die Aufgabe erledigt war, kam es zwischen den Parteien zu einem Wortwechsel, der von Kraftausdrücken nur so wimmelte, dabei ging es um Aatamis laxen Umgang mit dem leicht entzündlichen Material einerseits und die vorschnellen Löscheinsätze der Feuerwehr andererseits. Während der ersten vier Monate des Jahres hatte die Feuerwache von Malmi insgesamt sechsmal aufgrund eines Alarms Löschwagen zu Aatamis Werkhalle geschickt. Es hatte sich jeweils um Explosionsunfälle gehandelt. Während nun die Feuerwehrleute ihre Schläuche aufrollten, machten sie ihrem Ärger Luft und schimpften, dass die ganze Werkstatt geschlossen werden müsste, damit der ewige Fehlalarm ein Ende hätte. Auf jeden Fall werde demnächst eine Brandschutzinspektion stattfinden, bei der jeder einzelne Buchstabe des Gesetzes streng beachtet werde. Spätestens dann werde die Halle wegen der Gefahr, die sie für die Umwelt darstellte, garantiert dichtgemacht.

Aatami erklärte, dass die geringen Verpuffungen und die dadurch verursachten leichten Explosionen, die es in seinem Labor gegeben habe, charakteristisch für diese Arbeit seien. Die Feuerwehr müsse so viel Urteilsvermögen besitzen, dass sie nicht gleich mit heulenden Sirenen losfuhr und Laborversuche störte, sowie aus Tattarisuo ein hysterischer Anruf kam. Die dummen und ängstlichen Mechaniker der benachbarten Autowerkstätten hätten nichts Besseres zu tun, als jedes Mal die Feuerwehr zu alarmieren, wenn die Produktentwicklung im Labor der Akkuwerkstatt eine kritische Phase erreichte.

Als die Löschfahrzeuge weg waren, machte sich Aatami daran, die Spuren der neuesten Explosion zu beseitigen. Er fegte den Schutt zusammen, der sich in Halle und Labor verteilt hatte, hängte die Türen wieder ein, schnitt Glas für neue Fensterscheiben zurecht und reinigte mit dem Wasserschlauch die Fußböden. Anschließend zog er seinen nassen, verrußten und zerfetzten Overall aus, warf ihn in den Mülleimer und stellte sich unter die Dusche. Aatami ließ das erfrischende Wasser über seinen geschundenen Körper rieseln, es spülte einen festen Gegenstand aus seinem Bauchnabel, der mit einem Klirren auf dem Fußboden der Duschkabine landete. Aatami bückte sich. Eine Mutter. So war halt das Leben eines Mannes. Im Bauchnabel einer schönen Araberin schimmert ein Edelstein, im behaarten Nabel eines Mechanikers setzt sich neben anderem Schmutz eine rostige Mutter fest.

Im beschlagenen Spiegel der dampfenden Duschkabine musterte sich Aatami eingehend. Er war einsachtzig groß, sein Körper war behaart und vernarbt. Im Laufe des Winters und Frühlings hatte er sich jede Menge Quetschungen und Brandwunden eingehandelt. Vorläufig war nichts wirklich Ernstes darunter. Aatami zog den Bauch ein und blähte die Brust. Das Spiegelbild zeigte, dass er um die Hüften nicht mehr so schlank und sehnig wie als junger Mann war, doch war er auch nicht wirklich schlaff geworden. Noch erwachte der Bizeps unter der glänzenden Haut zum Leben, wenn Aatami die Faust ballte und den Arm anwinkelte.

Das belebende Nass rann über den knorrigen Körper. Aatami sagte sich, dass dies bereits das dritte Mal war, dass er heute eine Dusche nahm. Erst die Morgentoilette, dann die Spritze der Feuerwehr und jetzt die Säuberung nach der Explosion. Auf der Welt gab es die unterschiedlichsten Duschen und Düsen. Ach, könnte er sich doch einmal aus dieser bitteren Armut befreien und anstelle des Duschwasserstrahls Düsenstrahlen benutzen, ein Triebwerk, das Passagierflugzeuge bis über die Wolken aufsteigen ließ. Aatami versuchte sich die Funktionsweise eines Flugzeugmotors in Erinnerung zu rufen, doch sie fiel ihm nicht gleich ein. Er drehte den Hahn zu und lief wassertriefend in seinen Büroverschlag, dort nahm er das Lexikon der Technik aus dem Regal und suchte sich die schematische Darstellung eines Düsenantriebs heraus. Ja, natürlich, die Düsenturbine saugte den benötigten Sauerstoff an, presste ihn und das Brennstoffgemisch durch ein Einspritzventil in die Brennkammer, die die Turbine zwang, sich mit der Kraft der Abgase zu drehen, und so entstand Energie. Zufrieden kehrte er in seine Duschkabine zurück, um sich weiter zu waschen.

Frauen könnte er mit seinem geschundenen Körper und seiner verbissenen Miene wohl kaum mehr beeindrucken, sagte sich Aatami. Es war einige Zeit her, seit er, der früher so draufgängerisch gewesen war, sein Auge auf die holde Weiblichkeit geworfen hatte. Ein Mann, dem der Konkurs droht, hat nun mal keinen ausgeprägten Geschlechtstrieb. Aatami musste an seine Exfrau Laura denken, von der er vor fünf Jahren geschieden worden war. Sie hatte ihn aus Eifersucht verlassen und die drei gemeinsamen Kinder mitgenommen. Letzter Anstoß war die Nachricht aus der Entbindungsklinik gewesen, dass Aatami Vater von Drillingen geworden war. Drei Uneheliche auf einen Schlag, das war selbst für Aatami eine Überraschung gewesen. Erklärungen hatten da nicht viel geholfen. Wie auch hätte er dieses ungefragt auf der Welt erschienene Mädchentrio erklären sollen?

Trotz allem hätte Aatami seine Ehe gern weitergeführt, an die er sich, auf seine Art, gewöhnt hatte.

»Verzeih mir! Versuchen wir uns wieder zu vertragen, ein paar zusätzliche Kinder sind doch nicht von Übel ...«

Seine Frau Laura war eine Durchschnittsfinnin, durchaus nicht übel, von Beruf Unterstufenlehrerin, sah auch ganz passabel aus. In ihrer Geisteswelt hatte sie sich dem Unterstufenniveau angepasst, sodass sie in ihrer Arbeit viel Spaß und Erfolg hatte. Aatami hatte daran noch die ein oder andere Erinnerung. Bei einem gemeinsamen Landausflug hatte sie auf ein Bienenhaus gezeigt, das zwischen Feld und Waldrand aufgestellt worden war. Zwanzig große Bienenstöcke hatten da in zwei Reihen gestanden.

»Schrecklich, welch große Briefkästen die Leute auf dem Lande heutzutage haben«, hatte sie gemeint. Sie hatte es falsch gefunden, dass die Post die arme Dorfbevölkerung zwang, ihre Sendungen aus solchen Riesenkästen mitten in der Wildnis abzuholen, und sie hatte Überlegungen angestellt, ob die Leute vielleicht diese Kästen nutzten, um ihre Produkte auf den städtischen Markt zu schicken, oder was sonst der Grund für die riesigen Ausmaße sein mochte. Stellten die Bauern darin Kartoffelsäcke ab, die dann vom Postauto eingesammelt und mitgenommen wurden?

»Das sind Bienenstöcke und keine Briefkästen«, hatte Aatami angemerkt.

»Oh, wie schrecklich, die Bienen stechen bestimmt, wenn die Leute ihre Briefe abholen. Zumindest für Allergiker ist das sehr problematisch.«

Nach der Dusche trocknete sich Aatami ab und verrieb Wundsalbe auf seinen frischen Blessuren. Salbe und Pflaster gingen bei der Entwicklung des neuen Akkus in rauen Mengen drauf. Das Labor war primitiv und ärmlich ausgestattet, da kein Geld für die Produktentwicklung zur Verfügung stand. Die Arbeit griff außerdem den Geruchssinn und vor allem das Gehör an. Aatami vermutete, dass das Trommelfell in beiden Ohren bereits mehrfach geplatzt war. Manchmal hatte er abends rasende Kopfschmerzen, wenn er sich auf der Eckcouch in seiner kleinen Bude zur Ruhe legte. Ihm war dann, als hätte er eine Eisenkugel anstelle des Gehirns in seinem Schädel.

Er zog sich saubere Unterwäsche und einen neuen Overall an. Sein Verschleiß an Unterwäsche und vor allem an Overalls war leider enorm. Aatami fluchte über die immensen Ausgaben, die ein Unternehmer hatte. Das Finanzamt würde vermutlich misstrauisch auf all die Rechnungen reagieren, die zweifellos für dieses Steuerjahr besonders zahlreich anfielen. Drei Dutzend Overalls für einen Ein-Mann-Betrieb, das war vermutlich in den Augen eines Sachbearbeiters, der die Gegebenheiten nicht kannte, zu viel. Die Behörde würde womöglich vermuten, dass er, Aatami, große Posten Arbeitskleidung zum Beispiel nach St. Petersburg verschob, um sich so illegale Einnahmen zu verschaffen. Da würde es auch nichts nützen, wenn er erklärte, dass die Russen generell und zumindest gegenwärtig gar nicht an Arbeit, geschweige denn an Arbeitskleidung interessiert waren.

Gegen Mittag war in Aatamis Akku AG die Ordnung wiederhergestellt. Der Firmeninhaber ging in seine Wohnung. Zur Einrichtung gehörte eine Couch, die aufgeklappt und als Bett zurechtgemacht werden konnte. Neben der Tür stand ein Schrank, vor der Couch zwei Hocker und ein kleiner Tisch. Unter dem Fenster, das mit einem Gitter geschützt war, brummte ein ausgebeulter Kühlschrank, und daneben stand ein zweiter Tisch, bestückt mit einer Kochplatte und einer Mikrowelle. Das war das Heim eines strebsamen Unternehmers, provisorisch, illegal, ein bloßer Schlafplatz. Aatami öffnete den Kühlschrank und nahm die Riesenpizza heraus, die er am Vortag gekauft hatte. Als er sie in die Mikrowelle stellte, hörte er aus der Werkstatt Schritte und Stimmen. Das Ordnungsamt hatte Leute geschickt, um Sachen zu pfänden.

»Wir sollen hier sechsunddreißig Akkus abholen, sie werden ins Lager der Behörde geschafft, hier ist der schriftliche Auftrag«, erklärte der älteste der Männer. Ihr Fahrzeug stammte von der Helsinkier Kommunaltechnik.

Aatami warf einen Blick auf das Papier, er kannte den Text. Er deutete auf die Tür, die ins Akkulager führte.

»Verflucht, sind die Dinger schwer«, klagten die Männer, während sie die gepfändeten Akkus ins Fahrzeug schleppten. Strengt euch ruhig an, dachte Aatami giftig. Von ihm war keine Hilfe zu erwarten, und der Werkstattkarren war auch nicht frei, denn da hatte er sich sofort hineingesetzt.

Sowie die Männer weg waren, ging Aatami wieder in sein Zimmer, um sein Mittagessen zu verzehren. Als er sich den glühend heißen Pizzateller aus der Mikrowelle geangelt und Kefir eingegossen hatte, wurde er erneut gestört. Jetzt war es der Gerichtsvollzieher persönlich, der an die Tür der Halle klopfte.

DREI

Der Gerichtsvollzieher, Stadtvogt Heikki Juutilainen, 32, begrüßte Firmeninhaber Aatami Rymättylä freundlich.

»Riecht es hier nach Schießpulver?«

»Nein, nicht nach Pulver, sondern nach Schwefel und Wasserstoff. Es gab eine kleine Explosion.«

Sie traten in Aatamis Wohnraum. Dort roch es nach der eben gewärmten Pizza. Aatami stellte einen zweiten Pappteller auf den abgenutzten Couchtisch, schnitt die Hälfte seines Mittagessens für den Gast ab, goss ihm ein Glas Wasser ein und wünschte guten Appetit. Die Pizza war so groß, dass sie für zwei reichte.

»Quattro stagioni, nehme ich an«, der Gerichtsvollzieher schmatzte genießerisch, als hätte er eine Delikatesse vor sich.

»Der Käse ist ganz passabel, das andere ist ja nur Grünzeug«, sagte der Gastgeber bescheiden. »Andererseits spart man bei dieser Mahlzeit das Brot und die Butter, die armen Leute in Italien hatten damals wirklich eine vernünftige Idee, als sie die Pizza entwickelten«, fand Aatami.

»Ob die Pizza wohl schon aus dem Mittelalter stammt?«, sinnierte der Gerichtsvollzieher.

»Viele Speisen sind älter als die Völker, die sie essen«, vermutete Aatami und dachte an Salzhering.

Zum Abschluss der Mahlzeit rauchten sie eine Zigarette. Aatami bot auch dem Gerichtsvollzieher seine North State an. Anschließend erzählte er, dass er soeben um sechsunddreißig Akkus erleichtert worden sei. Das Pfändungspapier hatte Juutilainens Unterschrift getragen.

»Sie haben lange Krallen, das muss ich schon sagen.«

»Ich hoffe, Sie wissen mein Vorgehen zu würdigen. Nach meinen Berechnungen müssten Sie noch siebenhundert Akkus auf Lager haben, sofern Sie nicht in jüngster Zeit größere Posten verkauft haben. Für meine Begriffe habe ich recht maßvoll gehandelt, oder was meinen Sie?«

Aatami gab zu, dass die Anzahl der heute gepfändeten Akkus erträglich gewesen sei, obwohl ihm selbst dieser Verlust sauer aufstieß. Doch letztlich sollte ein Mann sein Leben und seinen Verstand nicht an Akkus hängen. In ihnen schlummerte Strom, kein Grips.

»Der Kopf des Menschen ist in gewisser Weise ähnlich wie ein Akku, dieser Gedanke ist mir schon oft gekommen«, äußerte Aatami.

»Verstandesaufladestation heißt es ja auch häufig, wenn von der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie die Rede ist«, bestätigte der Gerichtsvollzieher. Dann wechselte er das Thema und erkundigte sich nach Aatamis Erfindung. Darüber hatten sie sich bereits früher unterhalten. Wie ging es mit der Entwicklung des neuen, leichten Akkus voran?

Aatami beschrieb den Weg als vielversprechend, aber steinig. Momentan ging alles schief, doch er war guter Hoffnung, bald den Durchbruch zu schaffen. Ihm fehlte es an Geld und einem Assistenten, das verzögerte die Arbeit, und auch die Feuerwehr machte Schwierigkeiten. Ihre Löschzüge verkehrten vor Ort neuerdings fast so häufig wie die Linienbusse im Berufsverkehr.

Trotz alledem glaubte Aatami den Schlüssel für seine Erfindung in Bälde in Händen zu halten, während der nächsten paar Wochen oder Monate wahrscheinlich. Aus diesem Grunde wünschte er sich, dass die Vollstreckungsbehörde jetzt nicht kleinlich wäre, sondern ihm die nötige Arbeitsruhe ließe. Das Insolvenzverfahren für seine Firma konnte dann im Herbst eingeleitet werden, falls die Produktentwicklung des neuen Akkus in eine Sackgasse führen sollte.

»Ich habe mich bemüht, Verständnis zu zeigen«, beteuerte der Gerichtsvollzieher. Er fand jedoch, dass der Staat seine Vollstreckungsbehörde nicht zum Mäzen für Erfinder machen dürfe, selbst dann nicht, wenn eine Neuerung von globaler Bedeutung zu erwarten wäre. Für diesen Zweck gebe es schließlich spezielle Institutionen und Organisationen.

Nach der Mahlzeit führte Aatami seinen Gast ins Labor. Er erklärte, dass in diesem kleinen Raum Großes entstehen werde. Zunächst müsse er sich jedoch neue Geräte anschaffen, um jene zu ersetzen, die bei der Explosion zerstört worden waren.

»Akkus werden ja bereits seit hundertfünfzig Jahren entwickelt, doch noch immer sind sie zu schwer im Vergleich zur darin gespeicherten Energiemenge, das Aufladen dauert lange und die Produktion ist teuer.«

Aatami öffnete die Metalltüren eines Schrankes, der in der Ecke stand, und holte zwei selbst gebaute Akkus heraus. Sie waren tatsächlich um ein Vielfaches kleiner als die industriell gefertigten, die er im Lager aufbewahrte. Ihre Oberfläche war freilich auch unebener, denn Versuchsexemplare wurden natürlich nicht extra abgeschliffen.

»Bei diesen Exemplaren habe ich Wasserstoff als Katalysator für die Elektrolyse verwendet. Die Wasserstoffversuche sind allerdings ein bisschen gefährlich. Es knallt immer mal.«

Der Gerichtsvollzieher kannte die Struktur von Akkus nicht. Er wollte wissen, wie in aller Welt es gelang, den elektrischen Strom im Akku zu halten und zu verhindern, dass er entwich.

»Befindet sich in diesen Kästen eine Art Presse oder etwas Ähnliches, womit der Strom quasi zu einem kleinen Klumpen zusammengedrückt wird, bis er sich dann bei der Entnahme wieder ausdehnen und durch die Leitung in die Lampe oder den Elektromotor fließen kann?«

Aatami staunte. Wie war es möglich, dass in einem zivilisierten Land Menschen lebten, noch dazu Männer, die nicht mal die primitivsten Kenntnisse von Elektrochemie besaßen? Von einem Pfändungsbeamten wurde natürlich kein tieferes technisches Verständnis verlangt, doch zumindest die Grundlagen sollte eigentlich jedermann kennen. Geduldig erklärte Aatami, was es mit der Speicherung von Elektroenergie auf sich hatte. Er belehrte seinen Gast, dass der Akku ein Gerät ist, in dem die Energie in chemischer Form gespeichert wird, und dass man diesen Prozess Polarisation nennt.

»Wenn an den Polen des Akkus, hier also, ein Elektrokabel angeschlossen wird, erfolgt die Akkumulation, das heißt, er lädt sich auf. Im Inneren dieses Kastens befinden sich Flüssigkeiten und Bleiplatten. Wenn der elektrische Strom auf sie einwirkt, setzt er die Blei-Ionen in Bewegung, und bei der chemischen Reaktion entstehen Schwefeldioxyd und Wasserstoff.«

»Wie interessant«, sagte der Gerichtsvollzieher gelangweilt.

»Man könnte es kurz gefasst so erklären, dass das Bleisulfat der minusgeladenen Platte des Akkus zu Blei wird, das Sulfat der Plusplatte wiederum zu Bleioxyd, und gleichzeitig verringert sich die Wasserkonzentration in der Elektrolytflüssigkeit, die Konzentration von Schwefelsäure wiederum erhöht sich.«

»Klingt glaubhaft, dennoch muss ich anmerken, dass die Entwicklung von Akkus noch nicht ausreicht, Ihre Schulden zu bezahlen. Nach meinen Berechnungen belaufen sich allein Ihre Steuerschulden, das sind einmal die Lohnsteuer, ferner die kommunalen und staatlichen Steuern sowie Sozialversicherungsbeiträge und Umsatzsteuer, auf insgesamt dreihunderttausend Mark.«

Aatami erklärte, wie wichtig es sei, in der Akkuindustrie auf den Einsatz von Blei zu verzichten: Dadurch würden die Geräte leichter, der Produktionsprozess würde billiger und umweltfreundlicher.

Der Gerichtsvollzieher seinerseits wies darauf hin, dass nicht nur der Staat Aatamis Gläubiger war.

»Ich möchte Sie daran erinnern, dass Sie auch bei zahlreichen Firmen Schulden haben. Sie haben allein Hunderte von Akkus bestellt, ohne dass Sie Ihre Bestellungen innerhalb der vereinbarten Frist hätten bezahlen können. Auch über Laborgeräte gibt es stapelweise Rechnungen, deren Begleichung ich anmahnen muss ...«

»In Amerika wurde bereits ein moderner Kohleakku entwickelt, der viermal leistungsfähiger als ein gewöhnlicher Bleiakku ist. Bei ihm besteht die Anode, also der Pluspol, aus Zinkteilchen, und der Minuspol, also die Katode, aus poröser Kohle, die mit Luft in Verbindung steht. Recht einfallsreich, oder? Wenn der Zink durch die Anode fließt, fließen die Elektronen in die Katode, und der dabei entstehende Elektrostrom treibt den Motor an. Hunderte von Elektrochemikern haben jahrelang daran getüftelt, in den USA wird ein Haufen Geld für solche Zwecke ausgegeben.«

Der Gerichtsvollzieher bestätigte, dass die elektrochemische Produktentwicklung durchaus sehr wichtig und volkswirtschaftlich nützlich sein mochte, doch das würde nichts an der Tatsache ändern, dass Aatami Rymättylä seine Schulden bezahlen musste. »Sie sind außerdem auch mit den Unterhaltszahlungen an verschiedene Parteien im Rückstand ... da sind Ihre drei ehelichen Kinder, dann die Drillingsmädchen und schließlich noch Pekka, der ebenfalls unterstützt werden muss. Das sind inzwischen Unsummen.«

Er erzählte, dass in Finnland ein Schuldensanierungsgesetz für überschuldete Bürger und Betriebe geplant werde, doch das komme für Aatamis Akkufirma zu spät.

»Wasserstoff ist leider ein sehr unbeständiges Gas, damit kommt man unter diesen Bedingungen kaum klar. Aber ich sehe deutliche Anzeichen dafür, dass ich noch etwas Neues finden werden, glauben Sie mir«, sagte Aatami.

»Auch die Straßengebühr steht noch aus.«

»Ich habe mit dem unterschiedlichsten Elektrodenmaterial experimentiert, mit Aluminium, Nickel, Zink und sogar mit Lithium.«

Der Gerichtsvollzieher äußerte sich nicht weiter zu den Schulden, da er bemerkte, dass der andere mit seinen Gedanken ganz bei der Elektrochemie war. Juutilainen nahm einen Versuchsakku in die Hand und schwenkte ihn.

»Darin gluckst es.«

»Natürlich tut es das, schließlich ist da flüssiger Stickstoff drin.«

»Nichts für ungut, aber warum nehmen Sie nicht anstelle der Flüssigkeit einen festen Stoff?«

»Das habe ich längst probiert, Sie haben sich nur vorhin nicht die Mühe gemacht, zuzuhören.«

»Ja, aber probieren Sie es doch mal mit Stoffen aus der Tier- und Pflanzenwelt. Warum begeben Sie sich nicht auf das Gebiet der organischen Chemie? Könnten Sie nicht bei Ihren Versuchen zum Beispiel Öl, Torf, Sägemehl oder meinetwegen Leberauflauf verwenden?«

Aatami war sich nicht sicher, ob ihn der Stadtvogt vielleicht veräppeln wollte. Er schloss die Versuchsakkus im Schrank ein und führte seinen Gast ins Freie.

»Falls man mich in die Enge treibt, kann alles Mögliche passieren«, warnte er.

Der Gerichtsvollzieher sagte, dass er nicht die Absicht habe, eine Kuh, die man melken kann, zu töten oder auch nur darauf hinzuwirken.

»Der Unternehmer ist das Vieh des Fiskus, das man weiden und melken muss bis zum Schluss. Wir Gerichtsvollzieher werden verachtet und gehasst, man spuckt auf uns, unsere wahre Rolle hingegen wird nicht anerkannt.«

Juutilainen erzählte, dass vorrangig während einer Rezession wie der jetzigen die Gerichtsvollzieher die Macht und die Pflicht von Bütteln, Scharfrichtern hätten, das könne man erkennen, wenn man die Selbstmordstatistiken verfolge.

»Ich habe mir angewöhnt, alle Todesanzeigen über Personen, die ich dienstlich kannte, aus der Zeitung auszuschneiden. Wenn ich meine Kundenkartei mit diesen Todesanzeigen vergleiche, sehe ich da einen gewissen ursächlichen Zusammenhang. Auf meine Art bin ich Herr über Leben und Tod, letztendlich hängt von mir ab, wer den Strick nimmt oder sich erschießt.«

Juutilainen betonte, dass er mit allen Mitteln und bis zuletzt versuche, das Leben beziehungsweise den Geldverkehr zu erhalten. Er verglich seine Tätigkeit mit der einer Intensivstation im Krankenhaus, wo die Ärzte und Schwestern für das Leben und gegen den Tod kämpften. Geld ist wie Menschenblut, der Patient stirbt, wenn er keine Bluttransfusion bekommt, ein verschuldeter Mensch geht zugrunde, wenn er kein Geld bekommt. Zusammenbrüche gibt es in den unterschiedlichsten Formen, die Leute nehmen sich das Leben, begehen Raubstraftaten, morden, werden verrückt.

»Wenn in eine x-beliebige finnische Nervenklinik ein Mann mit einem Geldkoffer käme, der jedem Insassen sagen wir mal hunderttausend Mark bar in die Hand drücken würde, dann würde sich die Klinik auf einen Schlag leeren. Geld ist eine Arznei, die auch den irrsten Kopf wieder zu Verstand bringt, das garantiere ich.«

Die Männer waren an der Verladerampe angelangt. Zwei dicke Ratten krochen aus dem Steinsockel des Gebäudes, sausten über die Straße und verschwanden im Labyrinth eines Schrottplatzes.

»Die Ratten verlassen die Werkstatt«, konstatierte Aatami Rymättylä.

»Ich bin Psychiater und professioneller Helfer im wahrsten Sinne des Wortes, ich betreibe ökonomische Psychologie, und sie ist die wirksamste und geht am tiefsten in den Menschen hinein«, äußerte Juutilainen.

Der Gerichtsvollzieher schritt zu seinem Auto, wobei er den Dreckpfützen auswich. Er schwor, dass er nur ein Beamter sei, der seine Arbeit mache, ein psychologischer Exekutor, gewiss, aber er vertraue darauf, dass es Firmenchef Rymättylä noch gelingen werde, das Problem des neuen, leichten Akkus zu lösen.

»I

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