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Ada sucht Eva

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Kapitel - Frederike
  8. 2. Kapitel - Karolin
  9. 3. Kapitel - Sonnenblumen
  10. 4. Kapitel - Im Niemandsland
  11. 5. Kapitel - Traum-a
  12. 6. Kapitel - Beginn
  13. 7. Kapitel - Blaue Flammen
  14. 8. Kapitel - Gründe
  15. 9. Kapitel - Nele
  16. 10. Kapitel - Unerwartetes
  17. 11. Kapitel - Nachts
  18. 12. Kapitel - Karolin
  19. 13. Kapitel - Frederike
  20. 14. Kapitel - Antworten
  21. 15. Kapitel - Regentropfen

Über die Autorin

Mirjam Müntefering, geboren 1969 im Sauerland, studierte Theater- und Filmwissenschaften sowie Germanistik und arbeitete als Fernsehredakteurin. Seit dem Jahr 2000 schreibt sie Jugendbücher und Romane für Erwachsene. Nachdem sie mehrere Jahre lang eine eigene Hundeschule betrieb, konzentriert sie sich inzwischen ganz aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrer Partnerin und ihren zwei Hunden Maggie und Holly im Ruhrgebiet.

Für meine Freundinnen und Freunde, die mit mir gingen, und für jene, die bei mir stehen.

Und ganz besonders für Astrid, in Liebe.

1. Kapitel

Frederike

Sie will den Roman mit einer Sexszene beginnen lassen.

Nicht etwa, weil sie im wirklichen Leben auch so schnell zur Sache kommt. Sondern weil sie es liebt, wenn die Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt wird.

Niemand beginnt einen Roman mit einer Sexszene. Also will sie es tun.

Aber zu der Zeit, zu der diese Geschichte beginnt, lebt sie allein. Sie hat keinen Sex.

In dem orange beleuchteten Tunnel stank es nach Pisse und Autoabgasen. Ich ging so langsam, wie es gerade noch erträglich war. Wenn ich Glück hatte, würde jetzt einer kommen. Es war nach Mitternacht, und ich war allein im Tunnel.

Ich hatte Glück. Ein Zug donnerte über meinen Kopf hinweg. Seine Räder rumpelten über die Gleise. Aber es waren die Verbindungen, die das Donnern machten. Die Verbindungen zwischen zweien und allen anderen. Dieses Badong-Badong-Badong.

Das ist die einzige Möglichkeit im Leben eines normalen Menschen, aus vollem Halse zu schreien. Weil einfach niemand es hört. Niemand nimmt Anstoß. Niemand sagt »Die spinnt« und erklärt einen damit zum Anormalen. Was für eine Gelegenheit! Ich legte den Kopf in den Nacken und schrie. Nur die Lautstärke zählte. Ich ließ meine Lungen zittern. Dann sah ich mich um und lachte. Du kannst nie sicher sein, ob nicht doch einer hinter dir geht.

Kurz bevor ich das Ende des Tunnels erreichte, schlug ich den Kragen meiner Lederjacke hoch. Nicht weil es kalt war. Es war erst Anfang September. Nein, es hatte denselben Effekt wie ein unverwundbarer Panzer. Eine glänzende Rüstung, in der du durch das Portal einer Burg reitest, um die Tochter des Königs zu entführen.

Ich ritt in meiner Rüstung auf die riesigen Eingangstüren der Disco zu.

Vor der Tür standen ein paar Schüchterne herum.

»Keine Angst, heute wird nicht gebissen!«, rief ich ihnen von meinem hohen Ross herunter zu.

Eine von ihnen sah mich mutig an und lächelte. Sie würde die Erste sein, die die Tür öffnen und hineingehen würde.

Hinein, und der Bass der Musik erwischte meinen Magen schon an der Kasse.

Eine Frau lehnte an der Wand und atmete mir Zigarettenqualm ins Gesicht. Diese Frau gibt es auf jedem Schwof. Sie steht immer in meiner Nähe, wendet von Zeit zu Zeit den Kopf und bläst mit weit geblähten Nasenflügeln den blauen Dunst direkt in meine Nichtraucherinnenaugen. Das ist immer so. Immer hängt der Rauch in Schwaden in der Luft. Immer gibt es in diesem Nebel ein paar neue Gesichter. Immer trägt eine ein angenehmes Parfüm, und eine andere riecht nach Schweiß. Immer ist die Treppe zur Empore schwer besetzt.

Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Stufe um Stufe. Quetschte mich an Frauenkörpern vorbei. Ein hübscher Nacken. Ein bunter Hemdkragen. Und ein Dekolleté, das noch mal alle Sonnenbräune des Sommers herzeigen wollte.

Weiter hinauf. Weil ich von dort oben den besten Überblick über das bunte Publikum haben würde. Vorausgesetzt, ich konnte einen Platz am Geländer erobern. Wenn ich es schaffte, irgendwie einen Ellenbogen auf der Brüstung zu platzieren, hatte ich praktisch schon gewonnen. Es gibt so viele Frauen mit Berührungsängsten.

Ich war Siegerin nach zwei Minuten.

Sofort machte ich Ilonas wippenden Pferdeschwanz auf der Tanzfläche aus. Meine anderen Freundinnen standen aufgereiht an der Bühne und glotzten in die Gegend. Es war viel zu laut, um sich zu unterhalten. Du kannst nichts anderes tun, als auf die Tanzfläche zu stieren. Oder, wenn du einen guten Abend hast, Blickkontakt aufnehmen zur gegenüberliegenden Seite. Wo eine steht, die aufregend genug aussieht, um einen Flirt zu wagen. Durch die hopsende Masse hindurch, über Köpfe hinweg, wie über einen tiefen, tiefen See. »Es waren zwei Königskinder …«

Ich hängte mich etwas über das Geländer. Vielleicht gab es etwas, das ich noch nicht kannte, irgendetwas Neues. Das war eine großartige Möglichkeit im Leben einer Szenelesbe, zu träumen.

Aber die meisten der Gesichter dort unten kannte ich. Und das, das jetzt zu mir hochsah und den Mund zu einem Lachen verzog, war eines der vertrautesten: Ilona winkte und schob sich dann gelassen, aber beharrlich durch die herumzappelnden Frauen zur Treppe. Sie war ein Maultier unter den Vollblütern. Ruhig schritt sie die Stufen hinauf. Zuverlässig. Sie würde sich durch nichts von ihrem Ziel ablenken lassen.

Wir umarmten uns. Ihre Haare kitzelten mich am Hals.

»Weißt du es schon?« Ilonas Stimme war so tief wie der Klang eines Waldhorns. Aber die Musik war viel zu laut.

»Was hast du gesagt?«

»Weißt du es schon?«, schrie Ilona. »Es gibt Neuigkeiten, die dich nicht freuen werden.«

»Was gibt’s denn?«, sagte ich. Ilona las mir die Frage von den Lippen ab.

»Pe ist zurück!«, schrie sie und starrte mich an, um jede Reaktion mitzubekommen.

Ich dachte, ich schliefe und sei im Traum die Bürgersteigkante hinuntergestolpert. Hoppla! Aber ich wachte nicht auf.

»Aber sie wollte doch in Hamburg zu Ende studieren. Sie hatte doch die Schnauze so voll vom Ruhrgebiet … Was ist denn passiert?«

Ilonas Stirn legte sich in Falten. Sie versuchte, zu rekonstruieren, was ich gesagt hatte.

»Was ist passiert?«, brüllte ich. Und das kam mir plötzlich richtiger vor, als nur betroffen »Oh« zu murmeln. Ich hatte in der Beziehung mit Pe oft gebrüllt. Und alles hatte in etwa denselben Inhalt gehabt: »Was ist passiert?«

Ilona konnte nur mit den Achseln zucken.

Plötzlich war ich froh, dass es so laut war. Ich konnte mit meiner besten Freundin am Geländer der Empore stehen, hinunterschauen, ohne zu reden.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich eine solche Nachricht umhauen würde. Es waren ein paar Monate vergangen seit der Trennung von Pe. Zeit genug, hatte ich geglaubt.

Ich dachte an geschiedene Eheleute und wurde neidisch. Wenn ein Mann und eine Frau sich trennen, geht er in die Stammkneipe und sie ins Lieblingsrestaurant. Er sucht sich einen neuen Supermarkt, und sie verzichtet auf den Fußballplatz. So gehen sie sich aus dem Weg. Sie sehen sich nicht, lassen sich Zeit, die Wunden zu lecken. Bis sie sich irgendwann, mit unsichtbaren Narben, durch Zufall beim Italiener treffen, der gerade neu eröffnet hat.

Dann stehen sie verwirrt voreinander. Sie denkt, dass er ein neues Jackett trägt. Und Braun stand ihm noch nie. Und er registriert ihre neue Frisur, die er vielleicht mag oder die er scheußlich findet. Sie sagen freundlich »Hallo«, tauschen ein paar Floskeln. Dann geht der, der als Letzter das Lokal betreten hat, wieder hinaus, weil er angeblich das Portemonnaie vergessen hat.

Wie wunderbar.

In Bochum gibt es einen Frauenbuchladen. Es gibt ein Frauencafé. Jeden zweiten Samstag im Monat gibt es einen Frauenschwof. Als Pe und ich uns trennten, trafen wir uns jeden zweiten Tag und an den Wochenenden. Oh ja, ich kannte die Sprüche vom Salz in den Wunden und so. Wie erholsam waren die drei Monate gewesen, in denen sie weg war.

Ilona beobachtete meine Hände, die über das Geländer hinaushingen und sich ineinander verknoteten. Sie kannte mich gut und wusste, dass sie mich jetzt mit diesem Thema eine Weile in Ruhe lassen musste.

»Paula hat mit Jacqueline Schluss gemacht«, rief sie mir zu. Ihre Augen waren jetzt auf das kleine Grüppchen unserer Freundinnen gerichtet. »Sie zieht ihren üblichen Flunsch und späht bereits nach was Neuem.«

Ich sah hinunter. Paula fiel mit ihrem langen, weinroten Haar auf wie ein Korallenfisch im Karpfenteich. Sie hielt die Arme verschränkt, und ihre Mundwinkel näherten sich ihrem Blusenkragen. Aber ich wusste genau, dass unter ihren Ponyfransen die Augen hin und her flitzten.

Neben Paula stand Belle. Sie liebte Ghandi und Sinéad O’Connor und lief deswegen mit rasiertem Schädel herum. Ihre Zwillingsschwester Bête, mit dem frechsten Bubikopf der Saison, hatte sich in einen hautengen schwarzen Stretchanzug gequetscht.

Wenn zwei sich trennen, egal welches Geschlecht sie haben, teilt sich die Masse ihrer Freundinnen wie das Rote Meer. In der Mitte bleibt niemand zurück.

Es tat verdammt gut, auf die zu blicken, die auf der eigenen Seite standen.

»Warum hat Bête sich so aufgedonnert?«, brüllte ich.

»Es gibt zwei Neue.«

»Wie?«

»Zwei Neue! Sie waren im Café. Die eine hat es Bête angetan. Sie hofft, dass die beiden heute Abend hier auftauchen. Wenn das mit den beiden was wird, muss ich meine Meinung zu ›Liebe auf den ersten Blick‹ revidieren. Bête befindet sich in anderen Sphären, verstehst du? Ich werde es nie begreifen.«

»Ich glaube unerschütterlich daran!« Für mich stand fest, dass es besser war, an etwas zu glauben, als es nicht zu tun. Nur das konnte einen für den Ernstfall rüsten.

Ilona lachte mich aus und nannte mich mal wieder eine doofe Träumerin. Wahrscheinlich hatte sie damit recht, aber ich dachte nicht daran, mich dafür zu schämen.

»Ich wette, Bête veranstaltet nächstes Wochenende einen Grillnachmittag oder so was. Dann hätte sie einen Grund, Daniele einzuladen.«

Wie gut, dass wir einander bis ins Detail kannten: Gewisse Schritte des Flirtverhaltens waren im Voraus zu berechnen und im Terminkalender einzuplanen.

Die Zwillinge »la Belle et la Bête«, Paula, Ilona und ich verbrachten alle Wochenenden miteinander. Wie eine Familie, in der alle von Montag bis Freitag zur Schule oder zur Arbeit gehen. Samstags prallten wir dann aufeinander, um zu picknicken oder zu feiern. An den Wochenenden gehörten wir fest zusammen.

»Wie gefällt dir die in dem grünen Hemd da unten? Ich mag ihre Art zu tanzen«, sagte Ilona.

»Woher weißt du das mit Pe?«, fragte ich. Aber sie hörte mich anscheinend nicht. Statt zu antworten, wandte sie sich um und schritt bedächtig die Stufen wieder hinab. Wo andere zwischen den vielen Füßen nur auf einem Bein hopsten, konnte Ilona in ihrer stoischen Ruhe stehen – auch auf dem wackligsten Boden. Ihre Bewegungen waren präzise und genau. Beim Hinabsteigen einer Treppe ebenso wie in ihrem Beruf, beim Zusammensetzen von winzigen Computerbausteinen. Ilona funktionierte selbst wie ein kleiner Rechner. Sie war mindestens ebenso zuverlässig. Ich konnte mich darauf verlassen, dass sie mir noch von Pes Rückkehr berichten würde.

Es war heiß hier drinnen. Ich zog die Lederjacke aus und ließ sie über der Schulter baumeln.

»Die im grünen Hemd da unten« sah gut aus. Ilona bewies Geschmack. Aber mehr konnte ich dazu nicht denken. Ich wusste, welche da unten gut aussah und welche nicht. Die im grünen Hemd tanzte nicht übel. Die verwaschene Jeans war top. Die Frisur war korrekt geschnitten. Kein Make-up. Gut! Als sie von der Tanzfläche ging, gab es da noch ihre Art, das Glas zu halten.

Ich gab ihr eine 8,5 auf der Lesbenskala. Das war mehr als gehobener Durchschnitt. Das war bereits die obere Klasse. Aber in Wahrheit war es einfach nur eine Zahl.

Pe war zurück. Würde jetzt alles so weitergehen wie vorher? Sie konnte hartnäckig sein, wenn sie wollte. Besser ausgedrückt: Wenn sie sich in den Kopf gesetzt hatte, in meinem Leben weiterhin eine Rolle zu spielen, war sie schwerer abzuschütteln, als du einen Schwarm Schmeißfliegen von einem Kuhfladen fernhalten kannst. Ich zählte für sie nicht zur Vergangenheit. Sie war mit unserer Trennung nicht einverstanden gewesen – auch wenn allen klar war, dass sie die Freiheit, die sie brauchte, bei mir niemals haben könnte.

Ich hatte sie im Herbst vor eineinhalb Jahren kennengelernt. Da war sie auf irgendeiner Unifete aufgetaucht, hatte sich mitten im Raum aufgestellt und gerufen: »Wo ist die Schönste?«

Sie hatte wild ausgesehen. Riesengroß, mit blondierten Stoppelhaaren und grellroten Lippen.

Alle hatten zu ihr hingesehen. Sie war freundlich zu allen, versprühte literweise intelligenten Charme, blendete mit weißen Zähnen und lachte jedem frechen Spruch ins Gesicht. Die Männer waren beeindruckt von dieser Konkurrenz. Die Frauen, die mit den Männern gekommen waren, stellten sich vor, wie es wäre, mit Pe wieder zu gehen. Und ich? Ich hatte nicht aufhören können, sie anzustarren und immer mehr von diesem höllischen Wein in mich hineinzuschütten. Bis ich schließlich nicht mehr aufrecht stehen konnte.

Es war Pe gewesen, die mich nach Hause brachte.

»Wer bist du?« Nachdem ich mich mehrmals übergeben hatte, befragte ich die Person, die in meinem Bad über dem Waschbecken hing.

Die Person antwortete nicht.

Jemand lachte. Ich wandte mich um und sah eine Frau auf dem Wannenrand sitzen. Ich kannte sie nicht. Aber soweit ich mich erinnern konnte, hatte sie während der letzten halben Stunde meinen Kopf gestützt.

»Ich habe noch nie eine gesehen, die so betrunken ist, dass sie ihr Spiegelbild nicht mehr erkennt! Außer ich selber dann und wann«, sagte die Frau.

Ich sah sie genau an. Ihre leuchtenden Haare, die gebogene Nase. Und ich dachte, dass das drei Worte waren, die du sicher oft von ihr hören konntest: »Außer ich selber!« In vino veritas.

»Ich trinke nie!«, sagte ich fest. »Trinken ist selbstzerstörerisch und unkontrollierbar.«

»So wie es aussieht, machst du aber Ausnahmen«, erwiderte sie.

»Haben wir schon miteinander geschlafen?«, fragte ich.

Sie lachte wieder. Ich sah in ihr eine Zweiflerin, egoistisch, selbstverliebt, spiel- und rachsüchtig. In vino veritas. Aber ich war zu betrunken, um es mir gut zu merken.

»Nein. Noch nicht«, sagte sie und führte mich ins Schlafzimmer. Und dann begann die Verwechslung. Ich war ein Jahr lang Opfer einer Verwechslung – obwohl der Wein mich gewarnt hatte.

»Hallo, schöne Frau. Wie wäre es mit einem Begrüßungskuss?«

Paula! Ihre dunkelroten Locken kringelten sich wie breit grinsende Nattern von ihrem Kopf herab. Sommersprossen tanzten vor meinen Augen. Schalk sprühte mir entgegen. Jedes Mal, wenn Paula mit einer Frau Schluss gemacht hatte, streute ihr das Sandfrauchen Pfeffer in den Arsch.

»Du siehst aus wie reinster Zucker«, lachte ich.

Paula kreischte und fiel mir um den Hals: »Koste mich!«

Die Frauen um uns herum lachten. Jede hier kannte Paula.

»Ich werde mich hüten.«

»Zier dich nicht! Wir sind doch beide solo!« Paula wollte sichergehen, dass es auch alle Umstehenden mitbekamen.

Eine mit Baseballkappe musterte uns von oben bis unten, aber wir waren beide nicht ihr Typ.

Trotzdem trat sie von einem Fuß auf den anderen. Und ich schwang meine Jacke über dem Kopf. Paula war ein Feuerwerk mit sisselnder Zündschnur. Niemand konnte ihr einfach nur zusehen, ohne sich selber zu bewegen, und sei es auch nur, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie hakte sich bei mir unter, und wir spannten gemeinsam auf die Tanzfläche runter.

»Was hältst du von der da drüben, in den roten Jeans?«

»Sie ist mit ihrer Freundin da, Cherie.« Paula hatte wie immer das Gelände bestens sondiert. »Außerdem habe ich etwas anderes ins Auge gefasst, etwas Neues.« Außerhalb der Szene, bedeutete das. »Ich wollte dich gleich anrufen neulich. Aber du bist ja immer im Kino oder bei irgendwelchen schmierigen Typen …«

»Sebastian ist mein Studienfreund. Ich bin froh, dass ich mit ihm über meine Hausarbeiten reden kann. Oder verstehst du etwas von Filmsemiotik?«

»… jedenfalls waren wir letzten Mittwoch im Café. Und wie wir da so sitzen und vor uns hinratschen, kommen doch zwei Neue rein. Noch nie gesehen. Echte Sahneschnittchen.«

»Wie? Das letzte Wort?« Ich hielt die Hand ans Ohr.

»Sahneschnittchen!«, brüllte Paula. »Ich saß mit Belle und Bête an dem großen Ecktisch. Außer an unserem Tisch war nichts mehr frei. Die beiden standen ratlos rum. Die Ältere war wohl etwas schüchtern und wollte gleich wieder gehen. Aber die Jüngere kommt auf mich zu und fragt artig, ob sie sich zu uns setzen dürfen. Ich sag’ dir: Ich hatte Bête die ganze Zeit im Auge. In dem Moment, in dem sie die Ältere, diese Daniele, sieht, setzt bei ihr der Verstand aus. Ich dachte, das müssen die beiden doch merken! Und Belle wurde ja auch schon ganz nervös. Aber die beiden Neuen sitzen nur da und bestellen in aller Ruhe ihr Eis. Obwohl Bête Daniele anpeilt wie die Schlange das Kaninchen. Ich hab’s dann irgendwann nicht mehr mit ansehen können und hab’ ein Gespräch mit den beiden angefangen. Daniele hat auch fleißig ausgepackt. Dass sie aus München kommt und irgendwas mit Fremdsprachen macht. Zweiunddreißig ist sie schon. Da war Bête natürlich dem Koma nahe. Sie fährt doch so auf Ältere ab, seit sie die Elisabeth aus dem Frauendorf kennt. Ich hab’ Daniele und ihre Freundin ein bisschen ausgequetscht, wo sie denn hingehen und so. Die beiden haben keinen blanken Schimmer von der Szene. Dachte ich gleich: ›Wenn Pe die in die Finger kriegt, macht sie sich an beide gleichzeitig ran.‹ – Weißt du schon, dass Pe wieder im Land ist?« Nicken.

»Scheiße, was?! Ich dachte, jetzt hätte ich eine Konkurrentin weniger auf dem Markt, und was is’? Die Kuh kommt nach ein paar Wochen schon wieder zurück.«

»Ich trage es mit Fassung.«

»Ja, was sollst du auch sonst machen.« Sie fasste sich an den Kopf, und ich konnte von ihren Lippen »Wo war ich denn?« ablesen. »Ach ja, wie gesagt: Bête wuchsen schon Flügel zum Start in den siebenten Himmel, da sagt diese Daniele doch tatsächlich, dass sie ihr Coming-out erst vor einem Jahr hatte. Da hat sie doch vorher mit Sicherheit mit Typen rumgemacht! Arme Bête. Das ausgerechnet ihr! Hab’ mich dann auf die Jüngere konzentriert, schätze so alt wie wir. Wow! Die hat einen Blick, sag’ ich dir. So leicht unterkühlt und immer wachsam. Sie hat nichts von einer Freundin erwähnt … na ja, sie hat sowieso wenig gesagt, immer nur geguckt. Aber das Tollste kommt noch: Rate mal, wie sie heißt!«

Ich war eine der wenigen, die in Paulas Geheimnis eingeweiht waren: Paula war die Alphabetsliebhaberin.

Anfangs war es gar nicht beabsichtigt gewesen. Ihre erste Freundin hieß Anna, die zweite Babsi, die dritte Claudia. Auf Claudia folgte Doris und dann Elke. Elke brachte Paula auf die Idee. In einem Streit warf sie Paula vor, sich durchs Alphabet ficken zu wollen. Daraufhin beschloss Paula, sich durchs Alphabet zu ficken.

Jacqueline war ihre letzte gewesen. Bis gestern.

»a, be, ce, de, e, ef, ge, ha, i, jot, … ka … Kerstin?«

Paula schüttelte den Kopf. Ihre Augen funkelten.

»Konstanze?«

»Ach nein, du errätst es nicht. Sie heißt Karolin!«

»Das wollte ich eigentlich als Erstes sagen!« Das stimmte tatsächlich.

»Quatsch keinen Unsinn! – Sie ist eine Wucht. Ein bisschen cool vielleicht. Belle hält sie deswegen für schwierig. Aber ich glaube, sie ist ziemlich unkompliziert.«

Ich mochte Paula. Von ihrer Menschenkenntnis hielt ich allerdings nicht sehr viel.

»Das wird ein heißer Wettkampf diesmal. Willst du nicht einen Tipp abgeben?«

Ich murrte los: »Wir haben vereinbart, so was nicht mehr zu machen, Paula! Wir sind raus aus dem Alter, oder?«

»Ach, komm schon, Frederike, sei keine Spielverderberin! Es tut doch niemandem weh. Bête hat die Herausforderung gleich angenommen. Belle hat natürlich auf sie gesetzt, wie sollte es anders sein. Halt du doch zu mir! Wenn du wettest, dass ich es rascher bei Karolin schaffe als Bête bei Daniele, schenke ich dir eine Packung Gummibärchen.«

»Das ist Bestechung!«, lachte ich.

»Ein Freundschaftsgeschenk«, schlug Paula vor.

»Ich muss mir die beiden erst ansehen, um einen echten Tipp abgeben zu können«, sagte ich.

»Alles klar.« Paula war vom Fach. »Und wie sieht es bei dir aus? Willst du dir nicht auch mal wieder was Nettes anlachen?«

Liebend gern. Aber seit ich hier angekommen war, wurde ich nur mit Neuigkeiten bombardiert.

Paula wertete mein Schweigen als stumme Ablehnung ihrer Anregung.

»So langsam mach’ ich mir Sorgen um dich, Cherie. Du warst doch früher für jeden Spaß zu haben. Ist es immer noch wegen Pe? Du lieber Himmel! Wie lange willst du deswegen denn noch schmollend in Enthaltsamkeit leben? Du bist nicht die Erste, die am laufenden Band betrogen worden ist. Du solltest langsam drüber wegkommen. Wenn du so weitermachst, wirst du in gewissen Körperregionen einstauben …« Ein Blick konnte manchmal sogar bei Paula ausreichen. »Okay, okay, ich hör’ ja schon auf. Mist, ich muss mal ganz dringend. Dabei hab’ ich dir noch gar nicht alles erzählt, was ich über Karolin weiß. Kommst du mit aufs Klo?«

Wir stiegen über Frauenbeine, die in Knäueln die Treppe blockierten und quetschten uns an Brüsten und nackten Schultern vorbei. Währenddessen perlte Paulas helle Stimme in gutgelauntem Singsang an mein Ohr. Aber alles, was ich bei dem Krach um uns herum verstehen konnte, war: »… sie arbeitet im Café Sentimental …«

Paula verschwand hinter einer der bekrakelten Türen.

Ich stand unentschlossen vor den Waschbecken herum und beobachtete eine Frau in Lederhose dabei, wie sie sich im Spiegel musterte. Sie war wohl gut in Form, denn das Einzige, was ihr nicht gefiel, waren ihre Haare. Aber weil ich in ihre Richtung sah, wagte sie erst im Hinausgehen, reinzugreifen und die Frisur zu ordnen.

Stand im Knigge, dass Lesben nicht eitel sein dürfen?

In Heteroläden drängelten sich immer mindestens fünfzehn aufgedonnerte Perlen vor den immer zu kleinen und zu schlecht beleuchteten Spiegeln, zupften an ihren Haarsprayfrisuren, zogen sich die Lippen nach oder tuschten ihre Wimpern zum dritten Mal am Abend.

Auf den Frauenschwofs war dieses Verhalten Ausnahme.

Sieh dich vor, Lesbe! Deine Traumfrau könnte direkt hinter dir stehen und dir zusehen, wie du das Rouge aufträgst.

Frau kannte eben alle Tricks, die Frauen zu Verschönerungszwecken so draufhatten. Und es war peinlich, das nebeneinander zu zelebrieren, wenn frau sich wenige Minuten später am Rande der Tanzfläche heiße Blicke zuwerfen würde.

Paula plätscherte hinter der verschlossenen Tür. Außer mir war nun niemand mehr hier. Ich beugte mich vor und blickte durch den Spiegel in meine Augen. Das linke, von den seitlich fallenden Stirnfransen fast verdeckt, war rehbraun. Es passte zur Farbe meiner kurzen Haare. Ein netter Ton. Warm und freundlich. Aber das rechte Auge war mein Kleinod, mein Saphir. Es leuchtete strahlend blau, irritierte alle, die meinen Blick zum ersten Mal erwiderten. Auch Pe hatte mich angestarrt und dann verwundert den Kopf geschüttelt …

Ich wandte dem Spiegel den Rücken zu. Wieder Pe! Kaum war sie in der Stadt, schlich sie sich bei jeder Gelegenheit in meine Gedanken. Paula lachte. Sie las die Sprüche, die von innen an die Klotür geschmiert waren: »Hier steht ›Jung, dynamisch und aktiv, weil sie nur mit Frauen schlief!‹ und drunter hat eine geschrieben ›Ich will auch endlich mal!‹ Hast du zufällig einen Stift dabei?«

»Nein. Wieso denn?«

»Na, um meine Telefonnummer hinzuschreiben, natürlich!«

Hinter einer der anderen Türen gackerte eine unbekannte Lesbe.

Ich schlüpfte zur Tür hinaus. An der Theke war kein Durchkommen. Ich sah die anderen immer noch drüben an der Bühne stehen. Wie vielen Gesichtern ich auf dem Weg dorthin begegnete. Wie vielen Hälsen. Und Schultern. Manchmal einer Hand, die ein Glas oder eine Zigarette hielt. Münder waren eigentlich überall. Heute Abend waren Münder sehr auffällig.

Belle sah mich kommen und lächelte mir entgegen. Hätte sie sich in weiße Tücher gehüllt, hätte sie mit ihrer kleinen, zarten Gestalt und der freundlichen Sanftheit tatsächlich wie Ghandi ausgesehen. Die kleinen Augen hinter der goldgefassten Nickelbrille waren trainiert zum Lesen – ob nun in Büchern oder in Gesichtern. Aus beidem hatte sie ihr Leben lang viel herausgezogen, und sie hatte zu allem, was sie sah, eine Meinung. Am meisten mochte ich an ihr aber ihre Klugheit. Denn die bestand darin, diese Meinungen niemandem aufzudrängen.

Belles Zwillingsschwester Bête sah mit ihrem witzigen Bubikopf völlig anders aus. Ihren Spitznamen hatte sie sich im gnadenlosen Lesbenzweikampf sauer verdient. Sie war die leidenschaftlichste Feministin, die ich kannte. Jede Frau, die sich einmal mit ihr über feministische Grundsätze gestritten hatte, ging ihr in Diskussionen aus dem Weg, denn da wurde Bête zur reißenden Bestie. Wehe der, die nicht gewappnet war. Jetzt gerade sah sie allerdings nicht im Geringsten gefährlich aus. Sie stand auf Zehenspitzen und spähte schwankend gen Eingang. Ihre Lippen formten ein enttäuschtes »Immer noch nicht da!«. Die beiden Neuen würden wohl heute nicht mehr auftauchen.

Auf den Schwofs gab es kein anderes Thema als Frauen. Alle waren hier, um darüber zu reden, um sie zu sehen, um von ihnen gesehen zu werden. An diesem einen Abend in der Woche gab es nichts anderes.

Die Lesbenwelt war beschränkt und wundervoll.

Als ich die kleine Gruppe meiner Freundinnen erreichte, hörte ich gerade noch, wie Bête gegen die Musik anschrie: »… wenn sie nicht mehr … nächsten Samstag … Grillfete! … Ihr müsst alle kommen … Hi, Frederike!« Sie quetschte mich an sich, sodass ich durch den Stretchanzug jede Rippe zu spüren bekam. Ihr Gesicht sagte: »Ich muss dir unbedingt das Neueste erzählen!«, und ich wusste, dass ich heute noch eine dritte Geschichte über diese Daniele und ihre jüngere Freundin hören würde. Bevor ich Bête aber klarmachen konnte, dass ich durch Ilona und Paula bereits bestens informiert war, zog ihr Zwilling Belle mich hinunter in ihre Arme. Sie drückte mir einen warmen Kuss zwischen Ohr und Nacken und musste anschließend ihre Brille wieder geraderücken. Sie lächelte ein liebevolles Lächeln in Richtung Bête, die tatsächlich verliebt zu sein schien.

Neben Belle stand ihre Freundin Helmes. Sie nickte mir mit verschränkten Armen zu. Mehr war von ihr nicht zu erwarten. Das Höchste, was ich mir erlauben konnte, war meine Hand auszustrecken und kurz ihre Schulter zu berühren.

Seit einem Jahr hing sie mit uns herum, Belle zuliebe. Helmes war ein Stockfisch. Sie sprach nicht viel und sah immer aus, als sei sie beim Aufstehen am Morgen als Erstes in eine Reißzwecke getreten. Sie war nicht wichtig für unseren Freundinnenkreis, sie spielte eigentlich gar keine Rolle. Weil sie aber immer da war, hatte ich mich an ihre Anwesenheit gewöhnt. Sie gehörte hinein in das Bild unserer kleinen Familie.

Die Familie, die einem keiner wegnehmen kann.

2. Kapitel

Karolin

Die Dunkelhaarige in der alten Lederjacke saß schon eine Weile drüben am Fenster.

Sie war allein gekommen und erwartete niemanden. Sie sah nicht auf ihre Armbanduhr und kümmerte sich nicht darum, wer zur Tür hereinkam. Sie saß einfach so da, trank ihren Milchkaffee und genügte sich selbst.

Immer wieder sah sie her. Sie hatte sehr lebendige Augen. Ihr Mund schien ständig zu lächeln.

Karolin hantierte hinter der Theke.

Der große Zeiger der Wanduhr bannte sie. Er kroch so langsam auf die Zwölf zu, dass es unmöglich war, seine Bewegungen zu verfolgen. Wochentags schloss das Café Sentimental um Mitternacht. Damit war auch Karolins Schicht beendet. Das bedeutete, dass sie heimgehen würde. Es bedeutete ein entspannendes Bad, Ausruhen vom Stimmengewirr und vom Dröhnen der Cappuccinomaschine.

Dann war es Viertel vor zwölf.

Die am Fenster erhob sich aus ihrem Korbstuhl und kam zielstrebig auf sie zu.

»Ich hatte einen Milchkaffee.« Sie hatte unterschiedlich farbige Augen. Eines war braun, das andere blau.

»Dreifünfzig.«

Ihre Geldbörse war mit Minnie Mouse bedruckt. Als sie ein Fünfmarkstück auf den Tresen legte, versuchte sie einen langen Blick.

»Bist du neu hier?«

»Ja, wieso? Falle ich so auf? Einsfünfzig zurück.«

»Ohne Zweifel.«

Vielleicht war sie mutig. Vielleicht hatte sie einfach nur nichts zu verlieren.

Ihr Gesicht sah sehr klar aus. Ihr Hals machte einen schönen Bogen. Aber ihre Frisur war zerzaust und die Jeans am Knie zerrissen. Es sah nicht wie der modische Gag aus, den die Mädels jetzt trugen. Es sah aus, als sei die Jeans am Knie zerrissen und sie hätte es noch nicht bemerkt. Dornröschen in Lumpen. Und ihre Hände spielten mit dem Wechselgeld.

»Also bist du auch neu in der Stadt?«

»Nicht so sehr neu, nein.« Karolin erzählte nie einer Fremden, wer sie war.

»Ich habe dich noch nie gesehen.« Es war schmeichelhaft, dieses unausgesprochene »Daran hätte ich mich erinnert!«. Aber das passierte Karolin oft. Seit sie hier arbeitete, hatten es schon viele auf diese Tour bei ihr versucht. Viele Männer.

»Ich dich auch nicht, weißt du.«

Sie lachten etwas, verlegen.

Karolin war müde. Ihr Rücken schmerzte vom langen Stehen und Laufen. Trotzdem lachte sie. Bei den Männern lachte sie nie.

»Komm schon, frag mich! Frag mich, warum ich nie zu den Schwofs gehe! Oder frag, ob wir uns demnächst mal im Frauencafé treffen. Frag schon!«, dachte sie. So lief es ab. Es war berechenbar.

»Heute fühle ich mich, als sei alles in mir blau«, sagte die Fremde und betrachtete das Markstück, das sie in der Hand hielt. Dann ließ sie es auf dem Tresen liegen, steckte die Hände in die Taschen ihrer Lederjacke und ging.

Ferdi, der Besitzer des Ladens, grinste.

»Karolin, wann verrätst du mir das Geheimnis, mit dem du die Frauen betörst?«

»Niemals«, lächelte sie. Ferdi war in Ordnung. Aber er kapierte nicht, dass Lesben eben anders waren.

»Warum gehst du nicht endlich? Du belauerst diese blöde Wanduhr schon seit einer Stunde.«

Sie war schneller weg, als er gebraucht hätte, um die Aufforderung zu wiederholen.

Die Straßen waren menschenleer. Karolin ging langsam an den erleuchteten Schaufenstern vorbei. Sie achtete nicht auf die Auslagen, die starren Fratzen der Kleiderpuppen.

Sie betrachtete die Häuser. Sie sah die Verklinkerung, den Anstrich, den abblätternden Putz. Wenn sie den Blick auf den Boden richtete, waren da die Pflastersteine. Neulich erst war ihr bewusst geworden, dass sie das Muster kannte: zwei quer, einer gerade, braunrot und grau. In der ganzen Stadt gleich.

Wenn sie das Muster der Pflastersteine kannte, begann sie sich zu Hause zu fühlen. Sie wurde vertraut mit den Straßen. Manchmal erkannte sie im Gewimmel der einkaufenden Menschen, denen sie jeden Tag auf dem Weg zum Café begegnete, ein Gesicht wieder. Das waren schöne Momente. Manchmal erkannte sie in einem Gesicht das Wiedererkennen. Diese Momente waren noch schöner.

Sie kam sich nicht mehr wie eine Lügnerin vor, wenn sie sagte: »Ich gehe jetzt nach Hause!« und dann den Weg zu ihrer Wohnung einschlug.

Karolin war erst vor wenigen Monaten in diese Stadt gekommen. Sie mochte dieses Zwitterwesen aus Großstadt und ländlicher Idylle, mit dem schmuddeligen Beigeschmack, der ihm noch aus der längst vergangenen Kohlezeit nachhing.

Diese Stadt wurde von niemandem richtig eingeschätzt, sondern galt immer als das, was gerade am vordergründigsten war. Karolin fühlte sich mit dieser Stadt ein wenig seelenverwandt.

Weil ihr niemand begegnete, musste Karolin keinen Blick erwidern und keinem ausweichen. Sie ruhte sich aus vom Lächeln und »Bitte sehr – Dankeschön – Was kann ich bringen?«. Ihre Schritte fanden allein den Weg. Karolin riskierte einen Blick in sich hinein.

Erdfarben. Helles Braun. Vermischt mit ein wenig Olivgrün.

Das war Wald. Stämme. Laub. Moos. Es war ruhig. Warm und sicher war es. Es tat gut, diese Farben anzusehen. Wie konnte jemand von sich behaupten, Blau in sich zu haben?

Autos waren blau. Kuliminen. Früher auch die Anoraks der Briefträger.

Aber welches Gefühl war das?

Sie kam an einer Parfümerie vorbei, blieb stehen und betrachtete das dunkle Blau der Flaschen. Sie kannte niemanden, der es benutzte. So konnte sie nicht mal einen Geruch mit dieser Farbe verbinden.

Mit dem Vorsatz, morgen hineinzugehen und den Duft auszuprobieren, ging Karolin weiter.

Der Kater hatte ihre Schritte bereits auf der Treppe erkannt und stand an der Tür, als sie aufschloss. Die zärtliche katzenstürmische Begrüßung war das Beste an jedem Abend.

Früher kam Karolin in die leere Wohnung und wurde von einem anderen, einem unliebsamen Haustier angefallen: dem Alleinsein. Als die Attacken immer heftiger wurden, fuhr sie ins Städtische Tierheim und kam mit Zipp zurück. In diesem Revier war nur Platz für einen. Zipp sprang auf ihren Arm, und sie trug ihn mit sich ins Bad, wo sie den Hahn zur Wanne aufdrehte. Das Rauschen im weißen Porzellan verursachte eine angenehme Gänsehaut. Der Kater schnurrte behaglich.

Aber dann sprang er auf den Boden und galoppierte in munteren Sätzen voraus zur Küche. Essenszeit.

Karolin streifte mit den Fingern das warme Wasser.

»Es ist nicht blau«, murmelte sie. »Obwohl man das immer behauptet.«

Da fiel ihr etwas ein, und sie lief barfuß hinüber ins Schlafzimmer. In der großen Schublade unter ihrem Bett gab es alle Farben. Zipp sprang mit Begeisterung hinein und rieb seinen Kopf an den weichen Stoffen. Seide. Satin. Spitze. Karolin wühlte in den Wäschestücken, bis sie gefunden hatte, wonach sie suchte: ein dunkelblauer Body aus feinem Panné.

Sie hatte ihn noch nie getragen. Sie trug diese feine Wäsche nicht. Aber wenn ihr ein besonders schönes Stück begegnete, konnte sie nie widerstehen und kaufte es.

Jetzt gruben sich ihre Finger in den angenehm rauen und zugleich weichen Stoff, und sie trug ihn über der Schulter mit sich herum. Schließlich lag der Body auf dem Klodeckel, während Karolin sich in der Wanne aalte.

Sie lauschte auf das Knistern des Schaums an ihrem Ohr und betrachtete das vertraute Muster der hellen Kacheln. In ihrem Kopf breitete sich eine angenehme und im gleichen Maße unheimliche Leere aus.

Bis das Telefon klingelte.

Karolin hatte es vorsorglich auf dem kleinen Tischchen neben der Wanne platziert, denn sie lebte im Ausnahmezustand: Ihre beste, ihre einzige Freundin Nele war verknallt!

»Grüß Gott!«, sagte Karolin. Denn Nele kam aus München. »Es ist null Uhr dreißig, und ich bin ganz wild darauf, mal wieder zu hören, wie wunderbar Bête ist.«

»Woher wusstest du, dass ich es bin?«, kam es verblüfft aus dem Hörer.

Karolin seufzte.

Nele wollte sich nicht mit langen Erklärungen aufhalten: »Ich habe Neuigkeiten! Setz dich hin!«

»Ich sitze. In der Wanne.«

»Wir sind eingeladen!«

»Wer?«

»Du und ich natürlich.«

»Wo?«

»Bête …« Nele musste tief Luft holen, nachdem sie diesen Namen ausgesprochen hatte. »… gibt am Samstag eine kleine Grillparty. Mit ihren Freundinnen. Sie hat mich heute angerufen und uns gleich eingeladen.«

»Das ist doch toll!«

»Du kommst doch mit?!« Neles Stimme zitterte bedenklich.

»Du bist zweiunddreißig! Eine Horde Zwanzigjährige wird dir doch wohl keine Angst einjagen!«

»Fünfundzwanzig, so wie du. – Es ist ja auch nicht die Horde, die mir Angst macht. Es ist …«

Sie schwiegen. Der Schaum knisterte an Karolins Ohr. Zipp sprang auf den Wannenrand und sah sie mürrisch an. Sie hatte vergessen, ihn zu füttern.

Auf dem Klodeckel lag der Samtbody, in Blau.

»Weißt du noch, wie Maren mal behauptet hat, es schade meiner Emanzipation, wenn ich schöne Wäsche sammle?!«

Als Antwort kam ein Grunzen aus dem Hörer. An Neles Antipathie gegen Karolins Ex-Freundin in Frankfurt hatten weder die Zeit noch der Abstand an Kilometern etwas geändert.

»Als ich gerade nach Hause kam, hatte ich plötzlich Lust, heute Nacht in einem dieser verruchten Stücke zu schlafen.«

»Na und?« Nele fand daran nichts Ungewöhnliches. Es war nur ärgerlich, dass sie Karolins neueste Stücke nie anprobieren konnte, denn zwischen den Freundinnen lagen zwanzig Zentimeter.

»Ich bin nicht von allein drauf gekommen. Da war heute Abend eine Frau im Café. Sie sah nett aus, Lederjacke und eine süße Nase. Sie wollte mich anquatschen, und ich dachte schon, jetzt kommt die Frage: ›Warum sieht frau dich denn nie in der Szene?‹ Weißt du, so eine, die am liebsten ein Schild im Schritt tragen würden: ›Nur für Frauen geöffnet!‹ Ich dachte, sie soll doch endlich ihren Spruch sagen und es hinter sich bringen. Aber weißt du, was sie dann tatsächlich sagte?«

»Spuck’s aus!!«

»Sie sagte: ›Heute fühle ich mich so, als sei alles in mir blau.‹«

Wieder schwiegen sie.

»Und du hast sie gehen lassen?«, sagte Nele dann.

Karolin starrte die hellen Kacheln an.

»Welche Farbe ist in dir, Nele?«

Die Antwort kam so rasch, als habe Nele bereits lange darüber nachgedacht: »Violett!«

Lust und Sinnlichkeit. Sie war verliebt. Violett war dann immer die schönste aller Farben.

Nele schmatzte ein bisschen in den Hörer.

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