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Achtung, Globetrottel!

ÜBER DEN AUTOR

Raymund Krauleidis, geboren 1973 in Tübingen, schrieb bereits mehrere betriebswirtschaftliche Sachbücher und zwei Romane. Im Februar 2013 deckte er mit BÜROKRANKHEITEN die schwersten Leiden der Arbeitswelt auf. Als sein Entspannungsurlaub nach Erscheinen des Titels vom seltsamen Verhalten anderer Hotelgäste gestört wurde, machte er sich sofort an die Recherche für sein nächstes Buch.

EINLEITUNG

Vorfreude ist bekanntermaßen die schönste Freude – insbesondere auf den wohlverdienten Urlaub. Dabei ist es völlig egal, ob es an einen azurblauen Strand in der Karibik, auf einen Campingplatz an der Mosel, in eine einsame Hütte in den Bergen oder auf einen Bildungstrip ins Reich der Mitte geht: Hauptsache, weg!

Dumm nur, dass es die anderen Anwesenden, die mitreisenden Familienmitglieder, Einheimische, die Reiseleitung oder das Hotelpersonal aufgrund diverser atypischer, dysfunktionaler bzw. kontraintuitiver Verhaltensweisen immer wieder schaffen, diese Vorfreude im Laufe des Urlaubs in Frust, Aggression oder gar blinde Wut umzuwandeln.

Häufig tragen aber auch eine suboptimale Unterkunft oder die räumlichen Gegebenheiten am Ferienort dazu bei, dass sich die Erholungsuchenden während der vermeintlich »schönsten Wochen des Jahres« innerhalb kürzester Zeit nach dem stupiden (Arbeits-)Alltag zu Hause zurücksehnen.

Doch das muss nicht sein! Mit ein wenig Gelassenheit, Verständnis und interkultureller Kompetenz hält die Ferienzeit tatsächlich das, was sie verspricht: Erholung, Entspannung und Erweiterung des geistigen Horizonts.

»Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon«, sinnierte einst der lateinische Philosoph Augustinus von Hippo. Nach der aufmerksamen Lektüre der kommenden Seiten dürfte Ihnen demnach die Welt in ihrer Gänze zu Füßen liegen. Denn hier werden erstmals die wichtigsten Globetrotteleien zusammengetragen und dargestellt, von A wie Abschaltschwäche über M wie Meckermanie bis hin zu Z wie Zollwut – inklusive ihrer jeweiligen Erscheinungsformen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten sowie geeigneten Prophylaxemaßnahmen.

Mit Sicherheit finden Sie eines Ihrer eigenen Wehwehchen dabei in der ein oder anderen Globetrottelei wieder, was Sie allerdings nicht weiter beunruhigen sollte. Im Gegenteil: Schließlich sind Sie ja auch nur ein Mensch. Zudem kann es nicht schaden, das eigene (Urlaubs-)Verhalten mit all seinen kleinen oder mittelgroßen Macken einmal in aller Ruhe zu analysieren und zu überdenken – oder einfach nur lauthals über sich selbst zu lachen. Denn Lachen, das ist ja überall bekannt, ist immer noch die beste Medizin.

Natürlich erhebt das vorliegende Werk keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls Sie also an sich oder Ihren Mitreisenden andere bislang unerkannte, noch nicht registrierte und katalogisierte Urlaubsleiden entdecken sollten, dürfen Sie mir diese gerne mitteilen.

Jetzt aber viel Spaß und schönen Urlaub!

INHALTSVERZEICHNIS

ÜBER DEN AUTOR

VORBEREITUNG UND ANREISE

Comparatismus (dt. Schwaben-Syndrom)

Eventualgie (lat. malum packum, dt. Packwahn)

Flugangst (lat. morbus aerobus)

Gepäckabstinenz (lat. borsapenie)

Hals- und Beinbruch (engl. plane pain)

Happy Holidaying (dt. Vorfreude, lat. gaudiom nervosa)

Individualismus (it. vacanze suicidale)

Klatschspasmus (engl. clap depp)

Leisure Sickness (dt. Entspannungsinsuffizienz)

Mamanom (lat. materose vacancis)

Naivität (lat. morbus tui)

Nebenschwitzer (lat. transpiratose vicinis)

Pa(ck)nik (lat. dementia ferii)

Reiseübelkeit (engl. motion sickness)

Staulunge (lat. pneumogazoliose, gr. asthma exodos)

Vortranspiration (lat. hyperhidrosis vacancis)

Wetterappismus (lat. informatosis meteorologae)

Wucher (lat. monetapenie)

IN DER UNTERKUNFT

Animie (lat. spectaculose ridiculus)

Beischlaflosigkeit (lat. insomnia copularae)

Camping (lat. habitiasis mobile, dt. Niederländisches Gebrechen)

Desorientierung (lat. perplexose localis)

Duschbrand (lat. lenorapenie)

Einzelbettfrust (lat. coitus interruptus)

German Angst (gr. teutoriasis nervosa)

Hotelismus (engl. Holiday-Inn disease)

Konnexie (gr. wlaniasis frustratis)

Moskitismus (lat. insomnia insectae, frz. tsétsé)

Neophobie (dt. Gewohnheitstier)

Piktomanie (lat. imaginiasis ridicula)

Russophobie (dt. Stalinismus)

Schlandemie (lat. morbus pediludus)

Sonnenstrich (lat. stigma colori)

Spannmuffendefekt (dt. Morbus Hallmackenreuter)

Streichelschwäche (lat. parasitose exotis)

Überbuchung (lat. vacanose in extremum)

Umweltschmutz (gr. ecoloiasis mimesis)

Vitamüdigkeit (lt. curriculus fatigae)

ESSEN UND TRINKEN

Bambi Goreng (dt. bäh!)

Bedienungslosigkeit (gr. invisibilitis, engl. sit and wait)

Buffetismus (lat. kniggopenie, dt. Benimminsuffizienz)

Cubalibrismus (lat. morbus hicks, swed. skål!)

Experimentierfreude (lat. morbus dschungekampus)

Feriale Obstipation (engl. proshitbition)

Grill-Händel (span. disputa con carne)

Platzqual (lat. expectose cantina)

Reisediarrhö (gr. chotzera, engl. speedshit)

Toastmal (lat. combustio thermosa)

Völlerei (lat. adipositas vacands, engl. all inclusive)

AN STRAND UND POOL

Adonie (gr. fitnessiasis, dt. BRIGITTE-Leiden)

Annekterie (engl. towel disease)

Fusspilz (lat. tinea pedis, gr. funghicitis)

Glutblase (lat. combustio pedali)

Hutopie (lat. sombrerose mexicali, dt. Ascot-Syndrom)

Knopfhörer (lat. morbus ipodis)

Landwurm (gr. marinalgie, dt. (geh.) H2-ph-0-bie)

Liegenkrampf (gr. horizontalgie)

Nudismus (gr. fkkitis, engl. DDR-Disease)

PAZ (dt. Pickel-Ausdrück-Zwang, lat. akne popularis)

Raybaniasis (engl. Good Price!, dt. Entwicklungshilfe)

Schirmatom (lat. malum umbraculum)

Schlappatmung (lat. aeropenie, dt. Morbus Gummiboot)

Sonnenallergie (dt. [vulg.] Vampirismus, engl. cheesecake syndrome)

Sonnenbrand (lat. cumbustio solaris)

Strandpanade (österr. Wiener Wälzer, altdt. Teeren und Federn)

TextilnostalgiE (lat. vesticiose vacanci)

Vermeerung (dt. Strandhochzeit, engl. beachparty)

Vögelgrippe (lat. oculose Udo, dt. [vulg.] solare Spanndemie)

Zombiss (lat. morbus medusa)

KULTUR, ERHOLUNG, FREIZEIT

Abschaltschwäche (lat. relaxiopenie)

Anschlusssucht (lat. amicose pluralis, dt. Morbus M.O.F)

Asiaitis (lat. morbus studiosus)

Countdown-Syndrom (dt. Pessimismus)

Disharmonie (lat. disputiasis in extremo)

Fotografie (gr. imagonie, dt. Morbus Kodak)

Heimweh (lat. morbus E.T.)

Kulturschnorritis (lat. explicatiasis gratis)

Kulturschock (gr. eremititis)

Lesewut (gr. choleriasis lector)

Marcopolismus (dt. Klugscheißerei)

Meckermanie (lat. lamentariose maxima)

Morbus Zuckerberg (engl. hashtick)

Postkartendemenz (lat. dementia postalis)

Reise-Mysophobie (lat. morbus sagrotanus)

Restless-Kids-Syndrom (gr. terroritis familiae)

Sandalismus (feminine Form: Pumps)

Seminudismus (lat. camisopenie)

Sommershit (lat. cantitis horrificus)

Souvenirie (dt. Mitbringselei)

Spendierlaune (engl. Monopoly disease)

Spieltrieb (lat. alea iacta est)

Sportwahn (gr. athleticitis)

Stendhal-Syndrom (lat. fatigatio kulturae)

Tätowie (lat. pictura per sempre, engl. hangover illness)

Teutonismus (lat. morbus regionalus)

Traumurlaub (gr. insula utopia)

Urlaubsverblödung (lat. stupidiasis feriae)

Wespenstich (lat. choleria vespa)

Zeugungswahn (lat. procreatiose in situ, dt. Parismus)

ABREISE UND NACHWEHEN

Dia-Rrhö (lat. picturitis nervosa)

Ferigesslichkeit (lat. dementia vacanci)

Homesickness (dt. Vier-Wände-Kolik)

Jetlag (dt. Düsenflugzeugzeitverschiebungsstörung)

Kilo-Gram (lat. adipositas ferii)

Post-Holiday-Syndrom (lat. morbus officii)

Steigenberger-Syndrom (gr. mopsiasis hotelaris, engl. longfinger holiday disease)

Urlaubsrevivalie (lat. memoritis gaudi, dt. Weißt-du-noch)

Wäschekoller (gr. lavamitis)

Zollwut (lat. importose maximum)

SCHLUSSWORT

VORBEREITUNG UND ANREISE

COMPARATISMUS
(dt. Schwaben-Syndrom)

Beschreibung:
Verschwendung wertvoller Lebens- bzw. Arbeitszeit durch exzessives Absurfen von Buchungsportalen und Hotelbewertungsseiten

Symptome:
Reisebüro war gestern. Wer das beste Hotel zum besten Preis ergattern möchte, muss schon ein wenig mehr dafür tun, als sich von einer in die Jahre gekommenen Reiseverkehrskauffrau die Ladenhüter der Saison zu völlig überteuerten Preisen aufs Auge drücken zu lassen. Zum Beispiel muss er einen Internetbrowser bedienen können. Und von der Existenz von Portalen wie expedia.de, swoodoo.com, holidaycheck.de, tripadvisor.de, weg.de, trivago.de, opodo.de, ab-in-den-urlaub.de, travelscout24.de oder last-minute.de wissen.

In stunden- bzw. tagelangen Surforgien wird nun verglichen und gerechnet. Es werden Bewertungen gelesen, Weiterempfehlungsquoten gesammelt und Urlaubsforen bis in die letzte Unterseite studiert.

Oftmals befüllen die Betroffenen im Rahmen ihrer Recherchearbeit sogar mehrere Megabyte große Excel-Tabellen oder Access-Datenbanken. Dass die Reiseportale jedoch alle auf dieselbe Quelle zurückgreifen und die marginalen Preisunterschiede lediglich auf unterschiedliche Zimmerkategorien zurückzuführen sind, bleibt den Betroffenen ebenso verborgen wie die Tatsache, dass rund ein Drittel aller Hotelbewertungen von den Betreibern selbst verfasst wurde. Dafür haben die digitalen Sparfüchse mehrere Wochen später endlich das gute Gefühl, ein unschlagbares Urlaubsschnäppchen ergattert zu haben.

Meistens handelt es sich dabei übrigens um dasselbe Hotel, das ihnen auch die in die Jahre gekommene Reiseverkehrskauffrau empfohlen hätte. Nur wäre es dort noch ein paar Euro günstiger gewesen …

Behandlungsmöglichkeiten und Prophylaxe:
Zwischendurch auch mal echten Menschen und Meinungen glauben

Verwandte Krankheiten:
Naivität, Happy Holidaying, Wucher

EVENTUALGIE
(lat. malum packum, dt. Packwahn)

Beschreibung:
Blitzeis in der Sahara? Kein Klopapier im Luxushotel? Für die an Eventualgie Erkrankten sind das durchaus vorstellbare (Horror-)Szenarien. Deswegen gehen sie stets auf Nummer sicher – vor allem, wenn es um das Packen für den Urlaub geht.

Ursachen:
Wer kennt sie nicht? Die Zeitgenossen, die entweder mit vollbeladenen Anhängern und einer damit verbundenen Geschwindigkeitsbeschränkung von achtzig Stundenkilometern regelmäßig zur Ferienzeit die Autobahnen verstopfen oder mit einem gefühlten Dutzend Koffern am Check-in-Schalter den kompletten Verkehr lahmlegen, um mit dem Bodenpersonal ausgiebig über Sinn und Unsinn der geltenden Übergepäckregelungen zu diskutieren. In beiden Fällen ist von ihrer Umwelt vor allem eins gefragt: Geduld. Und ein wenig Verständnis. Experten sind sich mittlerweile nämlich sicher, dass die Erkrankten meist nichts dafür können. Grund für ihr Verhalten ist vielmehr eine psychische Zwangsstörung. Zum Beispiel die übersteigerte Befürchtung, beim Packen nicht alles richtig gemacht zu haben, oder die Angst, dass ihnen im Urlaub etwas ganz doll Schlimmes zustoßen könnte, wenn sie nicht vorsorglich ihren kompletten Hausstand mit auf Reisen nehmen.

Abbildung

Erscheinungsformen:
Ich packe meinen Koffer, und ich nehme mit …

Leichte Ausprägung:

  • zehn Bikinis (falls mal einer kaputtgeht)
  • zwanzig Tops
  • zehn kurze Hosen (für tagsüber)
  • fünfzehn Blusen
  • zehn lange Hosen
  • zwei dünne Jacken (für abends)
  • fünfzehn Paar Schuhe (farblich abgestimmt auf alle denkbaren Hosen-Top-Kombinationen)
  • eine dicke Daunenjacke
  • Schal und Mütze (für den Fall, dass der Flieger in Nowosibirsk zwischenlanden muss)

→ Reiseziel/-dauer: Algarve, 11 Tage

Mittlere Ausprägung:

  • die eigenen Kopfkissen (falls die vom Hotel zu weich sind)
  • Klappliegestuhl (falls mal alle Strandkörbe vergeben sind)
  • Kaffeemaschine, Toaster und Eierkocher (falls man mal das Frühstück verschläft)
  • löslichen Kaffee und Wasserkocher (falls die Kaffeemaschine kaputtgeht)
  • den kompletten Inhalt des heimischen Medikamentenschranks (inkl. Malaria-Prophylaxe)

→ Reiseziel/-dauer: Norderney, eine Woche

Schwere Ausprägung:

  • Werkzeugkasten
  • Bohrmaschine
  • Stichsäge
  • Nutfräse
  • Notstromaggregat

→ Reiseziel/-dauer: 5-Sterne-Wellnessurlaub in Südfrankreich, verlängertes Wochenende

Häufige Folgeschäden:
Achsbruch durch Überladung (bei Anreise mit dem PKW), Übergepäckgebühren im hohen vierstelligen Bereich (bei Anreise mit dem Flugzeug)

Behandlungsmöglichkeiten und Prophylaxe:
Mut zur Lücke!

Verwandte Krankheiten:
Pa(ck)nik, Wäschekoller

FLUGANGST
(lat. morbus aerobus)

Beschreibung:
Überzogene Skepsis gegenüber Verkehrsmitteln ohne permanente Bodenhaftung, oft in Kombination mit Schweißausbrüchen und Herzrasen

Diagnose:
Den Flugangst-Patienten erkennt man für gewöhnlich bereits beim Betreten des Flughafengebäudes, zum Beispiel an seiner unnatürlich aschfahlen Gesichtsfarbe. Am Check-in-Schalter erkundigt er sich sichtlich nervös, ob das Flugzeug auch tatsächlich ordnungsgemäß gewartet bzw. betankt wurde, und verlangt (notfalls mit Gewalt) einen Platz an einem der Notausgänge.

Nach einer kurzen Verschnaufpause in der Schlange vor der Handgepäckkontrolle nervt er die Kontrolleure wenig später mit mehrfachen Nachfragen, ob bei den beiden bärtigen Männern vor ihm wirklich keine Bombe im Handgepäck gesichtet wurde, ehe er sich anschließend im Wartebereich mit mehreren Fläschchen Klosterfrau Melissengeist oder Schnaps eindeckt. Ersteres wird in der Regel sofort einverleibt.

Schafft es der Betroffene trotz seines mittlerweile angetrunkenen Zustands an Bord, krampfen sich seine Hände bei der aufmerksamen Studie der Sicherheitsvorkehrungen dermaßen um die Armlehnen, dass für Außenstehende mitunter der Eindruck entsteht, sie wären dort für alle Zeiten festgewachsen.

In schwereren Fällen der Flugangst versucht der Erkrankte während des Startvorgangs, seiner Angst mit lautstark geäußerten Durchhalteparolen (wie »O mein Gott, wir werden alle sterben!«) Herr zu werden – sehr zum Vergnügen der ebenfalls unter Flugangst leidenden Mitreisenden an Bord.

Umgang mit den Erkrankten:
Versuchen Sie auf keinen Fall, die Erkrankten mit flotten Sprüchen wie »Es ist noch keiner oben geblieben!« oder »Runter kommen wir alle irgendwie!« zu besänftigen. Das macht die ganze Sache nur noch schlimmer. Auch zeigen sich die Flugangstpatienten häufig resistent gegenüber verkehrmittelbezogenen Unfallstatistiken und Überlebenswahrscheinlichkeitsberechnungen. Am besten lassen Sie die entsprechenden Personen einfach in Ruhe und überlassen ihnen bei Bedarf stillschweigend Ihre Brechtüte.

Behandlungsmöglichkeiten und Prophylaxe:
Flugangstseminare (in leichten Fällen), Urlaub im Teutoburger Wald (in schweren Fällen)

Verwandte Krankheiten:
Klatschspasmus, Nebenschwitzer, Reiseübelkeit

GEPÄCKABSTINENZ
(lat. borsapenie)

Beschreibung:
Zwölf Stunden Flug, null Minuten Schlaf, aber dennoch wahnsinnig glücklich. Schließlich ist man endlich am Ziel! Uuuuuuuurlaub!!! Jetzt nur noch ins Hotel, die von der strapaziösen Anreise verschwitzten Klamotten wechseln und ab ins kühlende Nass! Wäre da nicht …

Ursache:
… der bedauerliche Umstand, dass sich sämtliche Badehosen im Koffer befinden, der soeben unbeschadet in der Dominikanischen Republik gelandet ist. Blöd nur, dass sein Eigentümer im rund 16 000 Kilometer entfernten Thailand gerade den achtundsiebzigsten Durchlauf des mittlerweile komplett leeren Gepäckbandes abwartet, ehe er endlich aufgibt und sich wutschnaubend zum »Lost-and-Found«-Schalter der zuständigen Airline begibt.

Häufige Folgeerscheinungen:
Herzrasen, Bluthochdruck, unsachliche Beleidigungen

Verbreitung:
Nach Angaben des Luftfahrtdienstleisters SITA werden jährlich rund 30 Millionen Gepäckstücke fehlgeleitet. Meistens tauchen diese nach ein bis zwei Tagen wieder auf. 700 000 Gepäckstücke verschwinden per annum jedoch auf Nimmerwiedersehen.

Kleiner Trost am Rande: Geht der Koffer verloren oder kommt verspätet an, muss die jeweilige Airline für den entstandenen Schaden aufkommen.

Behandlungsmöglichkeiten und Prophylaxe:
Packen Sie (mindestens) einen Satz Badebekleidung ins Handgepäck. Dann steht dem sofortigen Planschvergnügen auch im Notfall nichts entgegen. Eine Zahnbürste kann übrigens auch nicht schaden.

Verwandte Krankheiten:
Nudismus, Pa(ck)nik

HALS- UND BEINBRUCH
(engl. plane pain)

Beschreibung:
Durch mehrstündige Zwangsaufenthalte in Flugzeugen oder Bahnen verursachte Schäden im Knie- und Nackenbereich

Verbreitung:
Tritt hauptsächlich bei Menschen ab einer Körpergröße von ein Meter achtzig auf.

Ursachen:
Große Betroffenheit löste vor einigen Jahren der Bericht über ein nordkoreanisches Gefangenenlager aus, in dem die Insassen dazu gezwungen werden, den ganzen Tag auf engstem Raum und in einer extrem unbequemen Sitzposition auf einer Holzbank zu verbringen. Hand aufs Herz: Würden Sie sich so etwas aus freien Stücken antun? Vermutlich eher nicht.

Ähnliches tun jährlich jedoch mehrere Hundert Millionen Touristen weltweit, indem sie sich bewusst für eine Anreise ans weit entlegene Urlaubsziel per Bahn oder Flugzeug entscheiden. Dabei werden sie von sadistischen Verkehrsunternehmen in viel zu enge und zum Teil bereits bis auf die Federn abgesessene Sitze gepfercht, deren Rückenlehnen von der Höhe her bestenfalls für Grundschulkinder geeignet sind. Ähnlich verhält es sich mit dem Abstand zur Vorderreihe, der nicht einmal Kleinwüchsigen genügend Raum zur persönlichen Entfaltung gibt.

Die dramatischen Folgen dieser teils unmenschlichen Tortur: kaputte Kniescheiben und verrenkte Halswirbel, von einem quälenden Ganzkörpermuskelkater sowie extremem Schlafmangel (hauptsächlich bei Nachtflügen bzw. -fahrten) einmal abgesehen. Entspannt ankommen geht definitiv anders.

Häufige Folgeerscheinungen:
Im Gegensatz zu einem Gefangenenlager können die Betroffenen nicht darauf hoffen, dass ihnen Amnesty International zu Hilfe eilt oder sie von Unterhändlern freigekauft werden. Stattdessen berappen die Reisenden zumeist selbst ein halbes Vermögen für ihren Horrortrip.

Behandlungsmöglichkeiten und Prophylaxe:
Für den schmalen Geldbeutel: Knieschoner, Nackenhörnchen

Für den prallen Geldbeutel: Upgrade in die Business- oder Firstclass

Verwandte Krankheiten:
Flugangst, Restless-Kids-Syndrom

HAPPY HOLIDAYING
(dt. Vorfreude, lat. gaudiom nervosa)

Beschreibung:
Extreme Glücksgefühle nach erfolgreichem Abschluss der Urlaubsplanungsphase

Symptome:
Sobald Flug und Hotel gebucht sind, rennen die Betroffenen mit einem breiten Dauergrinsen durch die Gegend und erzählen ungefragt allem und jedem, wohin die Reise geht und dass sie es kaum noch erwarten können – selbst wenn sie sich bis dahin noch mehrere Monate durch den zermürbenden Alltagstrott in der kalten und grauen Heimat kämpfen müssen. Um ihrer Vorfreude zusätzlichen Ausdruck zu verleihen, arbeiten sie auch mit Maßbändern, die sie in ihren Schreibtischschubladen aufbewahren und vor Beginn eines jeden Arbeitstages um einen Zentimeter (bzw. montags um drei) kürzen.

Doch je näher sie dem Ende des Maßbands kommen, desto mehr verflüchtigt sich die Vorfreude und weicht anderen, zum Teil eher unschönen Gefühlszuständen. Beispielsweise Panik, weil man es aufgrund der angespannten Projektsituation im Büro immer noch nicht geschafft hat, neue Badebekleidung oder Sonnencreme zu kaufen.

Wissenschaftlich belegt wurde dieses »Vorurlaubsleiden« übrigens durch den holländischen Tourismuswissenschaftler Jeroen Nawijn von der Erasmus-Universität in Rotterdam. Bei einer Befragung von 1500 Probanden stellte sich heraus, dass diejenigen, die eine Reise gebucht hatten, bereits Monate vor dem Urlaub wesentlich glücklicher waren als die Zuhausebleiber. Allerdings hielt der Erholungseffekt nach dem Urlaub meist nur wenige Arbeitstage an.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch Nawijns Kollege Leigh Thompson von der Kellogg School of Management in Evanston (Illinois). Allerdings brachte seine Studie aus dem Jahr 1997 zutage, dass die meisten Urlauber während der Reise (und nicht etwa davor oder danach) am unzufriedensten sind. Zum einen zeigten sich die Testpersonen genervt von ihren Miturlaubern oder den angebotenen Aktivitäten, zum anderen störte sie der Druck, sich binnen weniger Tage zwanghaft erholen zu müssen.

Behandlungsmöglichkeiten und Prophylaxe:
Von einer Behandlung ist in diesem Fall ausnahmsweise abzusehen. Genießen Sie stattdessen das Glücksgefühl unmittelbar nach der Urlaubsbuchung. Danach geht es nur noch bergab.

Verwandte Krankheiten:
Comparatismus, Disharmonie, Post-Holiday-Syndrom

INDIVIDUALISMUS
(it. vacanze suicidale)

Beschreibung:
Notorische Ablehnung von Pauschaltourismus und landläufig anerkannter Urlaubsgebiete, häufig einhergehend mit einer latenten Suizidgefahr, die die Betroffenen selbst jedoch als »Abenteuerlust« bezeichnen

Symptome:
Balearen, Kanaren oder die Karibik? Nein, danke! Dann doch lieber Afghanistan, Syrien oder der Jemen. So lautet zumindest das Credo der an diesem Reiseleiden erkrankten Mitmenschen.