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Achterbahn

© 2016 Rüdiger Steindl

Rüdiger Steindl

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

978-3-7345-8125-0 (Paperback)
978-3-7345-8126-7 (Hardcover)
978-3-7345-8127-4 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Achterbahn

Vor dem Start - man könnte auch sagen: Prolog

In der Kneipe „Zum Paradies“ an einem regnerischen Herbstabend. Drei Gestalten stecken die Köpfe zusammen. Jeder hat ein großes Glas Bier vor sich - dunkles Krug-Bräu. Zwei von ihnen bedauern, dass in bayerischen Gaststätten Rauchverbot gilt. Gesprächsfetzen schäumen. Es ist dennoch so stickig wie in einem überfüllten U-Bahnzug zum Frankenstadion, wenn der Club spielt. Es riecht auch ähnlich. Die drei haben heute Abend von ihren Frauen Ausgang erhalten und beschlossen, den auch entsprechend zu begehen. Mal wieder nass rauswischen - so von innen, sozusagen. Das Bier, das da vor ihnen steht, ist nicht das erste. Die Artikulation ist auch schon nicht mehr ganz geschliffen. Und ab und zu setzen die ersten Laberanfälle ein. Aber es gibt immerhin ein Thema.

Der Erste: „Ihr kennt doch den Steini?“ Er kratzt sich am Kopf. Beifälliges Nicken der beiden anderen. „Den habe ich letztens zufällig auf dem Hauptmarkt getroffen. Da is der rumgeschlichen wie so`n Rentner, näch? Immer die Füße so nach außen. So wie der früher auch schon rum geschlichen ist. Aber jetzt eben als Rentner. Ganz klar Rentner, sach ich euch! Sieht man auf den ersten Blick!“

Nachdenkliche Pause des Ersten. Es ist unklar, ob die anderen überhaupt zugehört haben. Es hat auch sehr nach Labern geklungen. Der Erste wieder: „Hab ich ihn gefragt, was er so macht. Ob er auch schon kräftig rumgerentnert hat. So bis Mittach die Zeitung lesen und so. Aber dazu hat er gar keine Zeit nich, hadd er gesachd. Und ihr glaubt das nich: der hat ein Buch geschriebm. Hat er mir erzählt. Hätt ich nich gedacht, dass der sowas macht. Oder ihr etwa?“

Keine nennenswerte Reaktion von Zwei und Drei. „Wusstet ihr das etwa schon?“ schiebt der Erste nach. Der Zweite: „Nää. Lesen tu ich in letzter Zeit nich mehr. Keine Zeit. Muss man das denn nu gelesen ham?“

Der Dritte: „Du sachst, der is in Rente - was? Greift um sich die Krankheit, Bücher schreiben zu müssen, wenn man in Rente ist, oder was?“ Pause. Er kaut nachdenklich auf der Unterlippe herum. „Na denn muss ich mir ja wohl auch mal was überlegen, is ja bald soweit.“ Alle: greifen zu ihren Gläsern und trinken. Der Zweite rülpst zufrieden.

„Hat wohl keinen Friseur, dem er seine Geschichten erzählen kann, was?“ wiehert der Dritte und klopft sich auf die Schenkel. „Hat ja kaum noch Haare, der Steindl, seit Jahrzehnten schon!“

Noch mal der Dritte. „Die paar Fransen, die schneidet sicher seine Frau!“ und grinst vor sich hin. Der Zweite: „Und nu, was steht drin in dem Buch? Du hast doch bestimmt schon sein Buch gelesen, wie ich dich kenne..“

Der Erste: „Ja, hab ich, klar. Der Steini hat mir früher oft interessante Geschichten erzählt, wenn wir mal auf Dienstreisen waren. Tja, nicht so einfach mit dem Buch - also was da drinsteht. Is wohl sowas wie seine persönliche Geschichte. Also das meiste.“

Der Dritte: „Ach nee. Glaub ich nich. Den hab ich früher auch mal getroffen, irgendwo. Da war der ein ziemlicher Langweiler, kriegte nur unter massiven Rotweineinlluss sein Maul auf. Kann ich mir nicht vorstellen, dass der da ein ganzes Buch mit seinen Erlebnissen vollkriegt. Soviel kann der doch gar nicht selbst erlebt ham!“

Wieder der Dritte: „Will sich bestimmt bloß wichtig machen. Kennt man ja… Alter Wichtigtuer!“

Der Erste, dreht sich eine Zigarette, die er gleich vor der Tür rauchen wird: „Hm, glaube ich nicht. Ich kenne auch seinen Ex-Kollegen, den Andreas. Den hab ich kürzlich dann auch in der Stadt getroffen - übrigens mit seiner neuen Freundin. Die is übrigens nett und gut aussehen tut sie auch. Also, der hatte auch schon das Buch gelesen und so einiges bestätigt. Der hat mit dem Steini ja auch früher zusammengearbeitet. So was mit Margedings und Männedschmend.“

„Echt jetzt? Den Andreas kenn ich auch!“ Das war der Zweite.

Der Dritte bohrt derweil in der Nase und betrachtet interessiert das zu Tage geförderte Ergebnis. „Wie, der schnelle Andreas? Der Andreas K.?“ Die anderen beiden nicken. Der Dritte kann sich nun wieder auf das Gespräch konzentrieren, nachdem er das geborgene - aber bei näherem Besehen dann doch für ihn uninteressante - Substrat in die Ecke geschnipst hat.

„Und worum geht es da, in seinem Buch - außer der ungemein interessanten Lebensgeschichte des Rüdiger S. - also so zusammenfassungsmäßig, so auf die Schnelle?“

Der Erste: „Na ja, was so im Business läuft - oder jedenfalls bei ihm gelaufen ist. Wenn ich das richtig verstanden habe. Und was die Arbeit mit einem macht. Wie sie einen verändert. Und wenn man auf einmal keine mehr hat, wie man sich dann verändert.“ Er blickt Zwei und Drei an. „Ich fand das jedenfalls sehr spannend, als ich das gelesen habe.“

Der Zweite: „Die beste Arbeit ist die, die schon rum ist. Da kann man dann nix mehr falsch machen. Und wird nich so müde! Mach ich schon seit Jahren so! Nich arbeiten!“ Und blickt sich triumphierend um.

Der Dritte murmelt leise: „Ach bleib mir doch wech mit diesem Psychoscheiß, äy!“

Der Erste setzt er hinzu: „Der Norbert, dieser Wichern da aus Rummelsberg, den kennt ihr doch auch. Der hat das auch schon gelesen, wie er mir erzählt hat. Wie das entstanden is, das Buch. Kapitel für Kapitel. Hat er gesacht. Und kommentiert. Der hat immer gebetet, dass der Steindl keine Schreibblockade kriegt, damit das Buch bloß auch fertig wird. Sogar ne Kerze hat er angezündet dafür in Altötting bei den Kathohlen. Echt jetzt!“

„Nää!?“ Der Zweite und der Dritte.

Der Zweite: „Und seine Frau? Hat die auch geholfen? Auch gebetet? War die auch mit an Bord?“

Der Erste: „Klar, die hat dem Steini immer verklickert, was bei seiner Schreiberei unlogisch ist. Was nicht stimmen kann. Was Quatsch ist. Hat der bestimmt nicht gern gehört, der Steindl. Aber der Roman hat dadurch mächtig gewonnen. Also sagt jedenfalls der Wichern Norbert.“

Der Dritte: “Ja so is das mit den Frauen… müssen immer reingackern. Geht nich ohne. Können die nich anders.“ und nimmt einen tiefen Schluck.

Der Zweite an den Ersten: „Tja, na dann leih mir das Buch doch mal aus! War schon ewig nicht mehr im Buchladen. Ist immer so staubig da. Prost!“

Der Dritte: „Ach geh mir doch wech mit dem Gschmarrii…äy!“

Alle: trinken. Der Zweite rülpst erneut - allerdings verhalten. Der sollte vielleicht mal auf Kamillentee umsteigen.

Sonntag Morgen - Blues

Graues Morgenlicht dringt durch die halb geöffneten Vorhänge, die sich wie mißgelaunte Segel im Wind bauschen. Es ist kalt und zugig in dem früher so gemütlichen Schlafgemach. Und es klingelt der Wecker - obwohl Sonntag und für Clemens keine Verpllichtungen anstehen. Jedenfalls weiß er von nichts. Aber warum hat der Wecker….? Hat der nun auch schon sein Eigenleben, seinen eigenen Kopf und lindet, jetzt muss mal geklingelt werden? Egal ob Sonntag oder nicht?

Clemens hebt ein wenig den Kopf, blickt um sich, stöhnt ein wenig. Nicht ist schöner, als ein wenig vor sich hin zu stöhnen… aber nur, wenn nichts weh tut.

Dann heftet er seinen Blick an die Decke - ohne dass es da etwas Besonderes zu sehen gäbe. Vielleicht ein paar Staubllusen, die da vor sich hin wabern, da in den Ecken in erster Linie. Da sind sie als immer zuerst zu linden. Raumplleger - Wissen, denkt Clemens.

Aber das Bett neben ihm ist leer - absehbar dauerhaft leer. Leider. Das hebt nicht die Stimmung, überhaupt nicht. Sonst könnte er ja seine Frau so leicht in die Seite stupsen und sie nett fragen, kannst du mal bitte das Fenster zumachen? Es zieht!

Meine Nase ist schon ganz kalt von dieser dämlichen Zugluft! Warum ist bloß das Fenster offen? denkt er. Clemens fühlt sich zerschlagen und steckt den Kopf noch einmal unters Kissen. Aber wozu aufstehen? Lohnt das? Doch an weiteren Schlaf ist nicht zu denken. Unruhig wirft sich er hin und her, zieht die Bettdecke zurecht. Sollte man auch mal wieder wechseln, denkt er. Aber wer ist man?

Und statt des Schlafes nisten sich Gedanken ein - und kreisen beständig. Wie Fliegen in einem sonnigen Zimmer. Und die Gedanken sind leider so unerquicklich, wie diese Fliegen, die sich immer wieder kurz vor dem Wegschlummern auf das Gesicht setzt, wenn man endlich mal ganz in Ruhe einen Mittagsschlaf machen möchte. So auf dem Sofa - in der Mittagssonne, wenn die ins Zimmer scheint. Kommt ja selten genug vor bei Clemens.

Und nun kreiseln also diese Gedanken um die vergangenen Woche, das allgemeine Generve, den Stress. Die Nickligkeiten in der der Firma - mit Kollegen und seinem Vorgesetzten, dem Dr. Weber. Und den unerquicklichen Gesprächen mit manchen Kunden. Gab es irgendwelche Erfolgserlebnisse in dieser Woche? Nein ihm fällt nichts ein. Das gab es eigentlich noch nie.

Und dann spazieren seine Gedanken in Richtung „Generelles“: was so gewesen ist bei ihm in den letzten zwölf Wochen. Bei ihm, Clemens Berner, Unternehmensberater - Spezialist für Umstrukturierungen ( - heute heißt das ja Change Management), 47 Jahre alt und damit im besten Saft stehend, wie es sein Chef, der Dr. Weber, anläßlich eines kleinen Umtrunks bei seinem letzten Geburtstag so pseudo-nett ausgedrückt hatte.

War wohl auch so gemeint: nur halb nett. Weil 47, das weist ja rasant auf das Ende der Mindesthaltbarkeit bei Mitarbeitern. Besonders, wenn die schon so lange im Geschäft sind wie Clemens.

Clemens lindet diesen Ausdruck generell eher herabsetzend und machte ein entsprechend süß-saures Gesicht dazu. Und die jungen Kolleginnen grienten. Das hat er sich gemerkt. Da muss er aufpassen, dass die nicht den Respekt verlieren. Gleich mal in der nächsten Woche mit einem verschärftem Arbeitspensum für die Damen gegensteuern. Die werden sich noch wundern.

Das bringt jetzt alles nix, denkt Clemens. Ich muss aufstehen, einfach bloß erst mal aufstehen. Dann sieht man weiter.

Nur mit Mühe gelingt es ihm, aus dem Bett zu kommen. Er zwängt sich seine Schlappen und torkelt mit verschwiemelten Augen ins Bad. Den Blick in den Spiegel kann er leider nicht vollständig vermeiden. Was da herausschaut, ist wenig erfreulich. Ein graues Gesicht mit Tränensäcken unter den Augen, ein verkniffener Mund und die Stirn wird auch immer höher und höher. Das lässt sich auch mit einer „high sophisticated“ Haarkunst nicht kaschieren.

Immerhin hat er nicht zugenommen in dieser Woche. Das bescheinigt ihm die Waage, auf die er sich schwankenden Fußes stellt. Aber immer nur Sitzen? Auch nicht gesund.

Also mit mir möchte ich heute auch kein Rendezvous haben, denkt sich Clemens, als er sich aus dem Pyjama schält und unter die Dusche tapert. So ein modernes, ein richtiges Duscherlebnis versprechendes Teil, das seine Frau noch kurz vor ihrem Auszug hat installieren lassen. Aber das Erlebnis lässt auf sich warten. Es bleibt beim Duschen. Und den kruden Gedanken, als er sich in seine Freizeitklamotten wirft, in die Küche schlurft, um sich einen Kaffee aufzubrühen.

Er ist nun seit über 15 Jahre Business Consultant bei der renommierten – wie man so sagt – ATAKSIA AG, gegründet von einem gescheiterten Oberstudienrat. Warum der gescheitert ist, weiß man nicht so genau, das wird unterm Deckel gehalten. Irgendwas mit kleinen Schülern? Der Dr. Ansgar Schmidt. Mit DeTe. Darauf hat er mächtig Wert gelegt. Wenn man schon Schmidt heißen muss, dann wenigsten mit DeTe. Und mit Namen der gegründeten Firma wollte der Ansgar Schmidt - mit DeTe eine Assoziation, wenn nicht gar eine Anmutung der Steuerminderung beim geneigten Kunden wecken. ATAKSIA! Keine Steuern!

Und nun - unter seinem Sohn, einem Juristen, hat sich die Firma inzwischen zu einem internationalem Unternehmen für Strategisches Management entwickelt.

Das begann vor 15 Jahren, zu diesem Zeitpunkt ist Clemens auch in das Unternehmen eingetreten. Der Name war jedoch geblieben.

Und als das Unternehmen dann an internationaler Bedeutung gewonnen hatte, wurde es von US-Amerikanern übernommen wie es eben so zugeht im globalen Hailischbecken. Lange gehörte es einer Kapitalgesellschaft in den USA und ist damit zum Spekulationsobjekt geworden - wie so viele andere.

„Greenhorn’s Little Rock Inc.“ hieß die übrigens, diese Kapitalgesellschaft. Niedlich - oder? So harmlos: „Greenhorn’s Little Rock“!

„Little Rock“ - da muss man an die „Fury“ oder „Lassie“ denken. Da wird das Geld in die Prärie getrieben, damit es stark und fett wird über den Sommer! Und dann hat es sich vermehrt und wird wieder eingefangen. So stellt sich das der Kleinsparer vor! Naja aber „Greenhorn’s“? Die Namensgebung ist allerdings nicht so gelungen, da könnte man schon mal ins Grübeln kommen.

Clemens erhielt in dieser Zeit so diverse Lehrstunden, wie ganze Abteilungen der Firma innerhalb kürzester Zeit abgewickelt oder deren Mitarbeiter ausgetauscht worden waren. Die meisten Angestellten liefen damals nur noch still und mit gesenkten Köpfen und dem hehren Wunsch: hoffentlich erwischt es mich nicht! über die Flure. Ab und zu wurde mal in der Teeküche getuschelt, wer alles bereits abgewickelt worden war. Und wer vielleicht als nächstes dran ist. Vorher aber mal schauen, dass kein Vorgesetzter in der Nähe ist!

Warum gerade er, Clemens, diesen Tsunami überlebte, blieb ihm verborgen. Aber es gelang ihm, sich an die neue Unternehmenskultur - wie das so beschönigend heißt - geräuschlos anzupassen. Und dann zielstrebig sein persönliches Netzwerk aufzubauen. Und möglichst nicht all zu sehr aufzufallen, also jedenfalls keineswegs negativ. Und auch nicht übermäßig im Positiven. Mehr so im Gebüsch zu wirken und gelegentlich hervorzutreten, wenn er einen Erfolg vermelden konnte…

Erfolge aus dem Unterholz! So hätte man seinen Arbeitsstil beschreiben können.

Und so ging es über die Jahre recht erfreulich immer weiter nach oben mit ihm. Und wo es berullich läuft, da läuft es ja auch im Privaten häulig ganz gut.

Und so ist er bis vor kurzem immer auf der Überholspur gewesen. Aber inzwischen?

Er muss es sich eingestehen: die Tendenz, dass die Dinge schief zu laufen beginnen – im Berullichen wie im Privaten - die hat nun in der letzten Zeit eindeutig zugenommen. Man könnte auch sagen, die Erfolgsstory des Clemens Berner scheint - zumindest vorläulig - ihr Ende gefunden haben. Ganz schlechte Nachrichten - leider.

Das bisher krönende Beispiel dafür ist die vergangene Woche gewesen - und diese Woche war anstrengend gewesen, sehr anstrengend: mehr auswärtige Kundentermine als üblich – alle von der neuen Praktikantin Yvonne, die ihm zugeteilt worden war, vereinbart. Als wenn er ein Roboter wäre. Und jede Menge Ärger. In erster Linie mit den Kunden!

Sein Chef Dr. Weber, auch als „DoubleYou“ im Unternehmen unterwegs, hat dazu gemeint: „Die Eskalation ist die intensivste Auseinandersetzung mit dem Kunden! Da lassen sich schnell ganz lebendige Kundenbeziehungen aulbauen - wenn Sie das richtig anstellen. Also gute Nachrichten, Berner. Weiter so!“

Clemens hat es gleich gewusst: das hatte der aus der Managerlibel Teil 1 „Manager in 90 Minuten“ mit ihren 98 Seiten und 12 Kapiteln zu 18,90 Euro.

Derartige Plattitüden scheinen wohl immer zu Vorgesetzten zu gehören. Da muss es spezielle Kurse geben - „Dummsprech für Manager“. Anders ist das gar nicht zu erklären. Wahrscheinlich gibt es ganze Arbeitskreise auf internationaler Ebene, die immer neue, noch dümmere Sprüche und Ausdrücke für das Führungspersonal erlinden.

Und es waren in dieser zurückliegenden Woche wirklich in aller erster Linie Eskalationen mit Kunden. Wenig erfreulich und überhaupt nicht konstruktiv. Und wenn man wutschnaubende Geschäftsführer am Telefon als „intensiver Kundenkontakt“ bezeichnet, dann hat man für Clemens’ Geschmack nicht alle Latten am Zaun.

Außerdem - die Geschäfte laufen zudem momentan leider nicht gut und die letzten Quartalszahlen sind zum Grausen gewesen. Eigentlich sind die Zahlen immer zum Grausen – aus Sicht der Geschäftsleitung.

Deswegen hat Clemens, der inzwischen zum Senior Consultant aufgestiegen ist, die schlechte Stimmung nicht besonders ernst genommen und einen auf „Sunnyboy“ gemacht. Das hatte es ja schon öfter gegeben – schlechte Zahlen - und im Sommer musste man eigentlich immer mit einem Auftragseinbruch rechnen. Da ist ja jeder in Urlaub und wenn er das mal zufällig nicht ist, dann tut er höchstens so, als sei er motiviert. Aber eigentlich wollen sie ja nur Chillen - oder Grillen, da fehlt jeder Drive. Wenn er ganz ehrlich ist, dann inzwischen auch bei ihm selbst. Aber besser nicht drüber nachdenken.

Aber dass auch seine bisher treuen Kunden, die auch mal Fünfe gerade sein ließen, Aufträge zu stornieren oder in das vierte Quartal verschieben, das ist neu.

Und genau dies hatte bei der Geschäftsleitung zunächst verhaltenes Stirnrunzeln, dann bissige Kommentare und zuletzt unverhohlenen Druck auf Clemens ausgelöst.

„Sie wissen doch, wie’s geht, Berner! Was ist denn los mit Ihrer Performance??? Reißen Sie sich mal zusammen!!“

Das ist noch eine der harmloseren Bemerkungen zu den aktuellen Problemen von Seiten des Seniorchefs – übrigens auch nur 4 Jahre älter als Clemens – gewesen.

Der neue Juniorchef, ein Absolvent einer französischen Elitehochschule für Wirtschaft und Politik, die ihre Ausbildungsqualität im wesentlichen durch horrende Studiengebühren und ein Pöstchenzuschiebenetzwerk deliniert, ist während der letzten wöchentlichen Statusbesprechung mit den Consultants – von jenen „Umsatzbeichten und andere Lebenslügen“ genannt - hingegen laut geworden und hat seine bereits mehrfach zum Besten gegebene Geschichte eines Bergsteigers wiederholt:

jener Bergsteiger, der sich aus einem Steinschlag, bei dem sein linker Arm von einem Felssturz eingeklemmt worden war, nur durch die von ihm selbst vollzogene Amputation seines Unterarmes mit Hilfe eines Schweizer Armeetaschenmessers und seines Gürtels hatte retten können.

Der hätte zwar nun eine Hand weniger, aber er lebe! Das sei doch was! Ach was, das sei sensationell! Und das sei im Übrigen auch genau die „Benchmark“ - wie er sich auszudrücken pllegt - für die Motivation und Einsatzbereitschaft eines jeden Mitarbeiters, welche er hier voraussetze. Genau diese! Und genau hier!

Und er wäre sich dabei mit der gesamten Geschäftsleitung total einig. Und das gälte insbesondere für ihn, Clemens Berner, dem der Geschäftseinbruch anzulasten sei. Denn schließlich sei er – als Senior Consultant - ja für die Schlüsselkunden zuständig, nicht wahr? Gerade auch für die Firma Schindler, nicht wahr?

Während dieser Suade leuchtet die rasierte und polierte Glatze des Juniors in einem unerfreulichem Signalrot und zudem versprüht er unentwegt einen feinen Speichelnebel in den Raum, welcher die auf Hochglanz polierten Platte des Besprechungstisches nässt und dort unschöne Flecken hinterlässt. Ob man die wohl wieder weg kriegt? Der ist doch bestimmt übersäuert, der Junior! Das geht dann doch an die Politur!

Die meisten anderen Consultants, insbesondere die jüngeren Kolleginnen und Kollegen, blicken betreten vor sich hin.

„No Excuses – keine Entschuldigungen, keine Rechtfertigungen “ ist der verbindliche Codex bei derartigen Veranstaltungen in diesem - wie auch vielen anderen angelsächsisch geprägten -Unternehmen. Und deswegen hat sich Clemens aller Kommentare und Entgegnungen enthalten – und sich durch die genaue Beobachtung der Einnässung der Tischplatte durch ein Mitglied der Geschäftsleitung von seinen aufsteigenden Emotionen, wie zum Beispiel einer beträchtlichen Wut, abgelenkt.

Obwohl ihm zu dieser abstrusen Geschichte des Juniors im Besonderen und zur Situation bei seinen Kunden im Allgemeinen schon einiges eingefallen wäre.

Und dennoch gelingt es ihm ein wenig später, auch dieses Meeting freundlich lächelnd und mit erhobenem Haupt zu verlassen. Eben völlig cool und professionell. Eben wie es erwartet wird...

Und genau deswegen nun die vielen Termine, die Beschwichtigungsversuche bei unzufriedenen Kunden, denen mal wieder etwas von der Geschäftsleitung versprochen worden ist, das natürlich wissentlich - absolut nicht zu halten gewesen war. Weder inhaltlich noch terminlich. Was selbstverständlich auch die Kunden gewusst haben. Die hatten es ja darauf angelegt, solche Vereinbarungen zu treffen.

Und als Abteilungsleiter ist nichts einfacher, als die Brust zu recken und zu tröten, man hätte eine beträchtliche Pönale in Form von Preisnachlässen und Zusatzleistungen wegen Nichteinhaltung der Vereinbarungen einkassiert. Tja, damit kann man schon mal Karriere machen - oder wenigstens mal wieder auf sich aufmerksam: was man doch für ein toller Hecht sei.

Aber im Falle des Kunden Schindler - inzwischen einer von Clemens’ Top-Kunden - da ist es noch schlimmer gekommen. Den hatte seinerzeit eine neue Kollegin – so ein so genanntes „High Potential“, blond und mit dunkelgrauem Hosenanzug -, die Dottoressa Evelin Braun - vor einem Jahr mit einer Präsentation der Geschäftsentwicklung des Hauses Schindler erfreut. Eine Präsentation, die von viel zu niedrigen Umsatzzahlen für den Gesamtmarkt ausging. Und damit wurde die Firma Schindler mit ihren Umsätzen auf einmal die Nummer Eins als Lieferant für Schiffsausrüstungen in Europa und freute sich ein Loch in den Bauch!

Und ließ es auch jeden in der Branche wissen. Vor allen Dingen auch die Lieferanten, die ob der guten Kunde, mit dem Marktführer Geschäfte tätigen zu dürfen, weitere Preisnachlässe gewähren mussten. Im Laufe des Jahres kamen sowohl bei Schindlers als auch - nach Rückfrage des Kunden - in Clemens’ Unternehmen Zweifel hinsichtlich der Zahlen auf und die Dottoressa Braun wurde darüber Geschichte in der ATAKSIA AG.

Leider aber nicht ihr Zahlenwunderwerk… Clemens als Senior Consultant musste den Kunden übernehmen und ruhig stellen. Eine seiner ersten Aufgaben bestand in der Ermittlung der realistischen Zahlen für den Gesamtumsatz der Branche. Und der ließ den Marktanteil der Firma Schindler leider, aber erwartungsgemäß, in den Keller rauschen. Die Konkurrenz rieb sich die Hände ob dieser Nachrichten, die sofort Eingang in die Fachpresse fanden. Und es war mehr als nur peinlich, da an dieser Kennzahl „Marktanteil“ die Prämienzahlungen für die leitenden Mitarbeiter der Firma Schindler gekoppelt waren. Und neben dem Schaden - auch für das Renommee von Clemens’ Firma war jetzt auch der unschöne Begriff „Schadenersatz“ für die zu viel gezahlten Provisionen seitens Schindler ins Spiel gebracht worden.

Da half es nichts, dass er, Clemens, die Geschäftsleitung noch ausdrücklich in einer der internen Besprechungen zu Kundenentwicklungen davor gewarnt hatte, derart sensible Daten und Präsentationen von Berufsanfängern oder gar Praktikanten bearbeiten zu lassen, die in der Regel weder die Branche kennen noch ein Gespür für Hintergründe des Business und Trends haben. Und mit der allgemeinen Lebenserfahrung war es bei ihnen ja auch nicht weit her. Das liel Clemens immer wieder auf.

Doch die Geschäftsleitung hatte nur abgewunken und gleichzeitig ein Projekt namens „Benelit Excellerated“ aus der Taufe gehoben, das maximale Kostenersparnis durch Outsourcing des Backoflice, also jenes Bereiches, in dem die relevanten Kundendaten aulbereitet und analysiert werden, nach Vietnam vorsah.

Der Geschäftsleitung steht offensichtlich der Sinn nach Chaos und verärgerten Kunden, so die einhellige Meinung der Kollegen. Erfahrungen mit solchen Bestrebungen gibt es ja zu Hauf – gerade auch bei den eigenen Kunden, denen man vor nicht allzu langer Zeit seitens der ATAKSIA AG die Auslagerung von Betriebsabläufen und von ganzen Abteilungen - also deren Aullösung in den heimischen Gelilden - als wahre Gelddruckmaschine verkauft hatte. Gegen satte Honorare und Gewinnbeteiligung versteht sich.

Und erste Auswirkungen des neuen internen Projekts gibt es auch schon. Zwei mal täglich erhalten Clemens wie auch seine Mit-Consultants eine Mail aus Vietnam mit der Anfrage nach seinem Aufenthaltsort, aktueller Aufgabenstellung, sich abzeichnender Probleme, die jedoch „Herausforderungen“ heißen und des bis dato generierten Zusatzumsatzes. Die wollen innerhalb von dreißig Minuten beantwortet werden. Sonst wird eine Lawine von Eskalationsmails losgetreten. Ganz automatisch! Ein regelrechter Tsunami an Mails! Diese erreichen dann auch die Vorgesetzten, manche selbst die Konzernleitung in den USA. Wahrscheinlich auch den Papst in Rom und Petrus auf seinem Thron. Und wenn der Wichern noch leben würde, den wohl auch noch.

Und bis zum Montag Morgen vietnamesischer Uhrzeit muss ein detaillierter Wochenbericht abgegeben sein, der im Laufe der darauffolgenden Woche diverse Mails mit Rückfragen nach sich zieht – insbesondere, warum die Spalte „Zusatzumsatz“ bei Clemens keine Einträge enthält. Zum wiederholten Male!!

Bei dieser Gelegenheit hatte Clemens einfach mal den Namen seines Unternehmens gegoogelt, ob der was zu bedeuten hat. Und wurde fündig: „ATAKSIA“! Was aus dem Griechischen stammt und übersetzt soviel wie „ungeordnet“ oder auch in diesem Falle treffender „ohne Sinn und Verstand“ heißt.

Und inzwischen war der Name ja Programm geworden - auf Betreiben der aktuellen Geschäftsleitung. Auch wenn das damals vom Senior Schmidt mit DeTe ja anders gemeint war.

Wenn jemand Clemens diese Geschichte mit dem Kunden Schindler erzählt hätte, dann wäre sein Kommentar gewesen: in der Haut des Beraters möchte ich nicht stecken. Oder: der sollte besser die Unternehmenstür von außen zumachen, sich einen neuen Job suchen. Und so treten bereits unschöne Falten in sein Gesicht, so dass er beim Blick in den Spiegel an sein persönliches Kapital, seine Spannkraft und seine sonst so präsente positive Ausstrahlung nicht mehr recht glauben kann.

Die Kunden, die Clemens länger kennen, glauben das wohl auch nicht mehr. Es fallen schon mal entsprechende Bemerkungen. Er solle mal ausspannen, alles nicht so Ernst nehmen und so. Bedenklich - derartige Kommentare von Kunden!

Aber aus Sicht der Geschäftsleitung ist er dafür verantwortlich, alles wieder geradezubiegen – und mehr noch: Zusatzumsatz zu generieren. Also weitere Beratungsleistungen zu verkaufen. Optimaler Weise mit korrekten Zahlen.

Und wenn das nicht geht, weil die Zahlen so sind wie sie eben sind: einfach mal eben mal ein neues Storyboard schreiben: vielleicht: Hey - das Leben ist voller Überraschungen! Oder: neue Chancen durch neue Herausforderungen – so heißt das. Mit einer neuen Message. Möglichst klar in drei Zeilen. Mehr kann sich der Kunde doch eh nicht merken.

Hey Berner! Das kann doch wirklich nicht so schwer sein! Macht die Konkurrenz doch nicht anders. Bei den Wettbewerbern passiert doch auch mal was. Da brennt auch mal was an! Oder? Aber sicher!

Und so ist Clemens dieses Wochenende wegen der sich hinziehenden Termine und den daraulhin verpassten Rückllügen erst am späten Samstagnachmittag nach Hause in die leere Wohnung zurückgekehrt, hat sich eine Pizza aus der Tielkühle aufgebacken und sich mit einer Flasche Rotwein - einem nicht besonders gutem übrigens - vor den Fernseher gepackt. Und war dort eingeschlafen, später ins Bett gekrochen, weil entsprechend platt. Und er ist mit einem Gefühl der Desillusionierung eingeschlafen und das ist neu - auch genauso wieder aufgewacht..

Der Sonntag – setzt sich auch nach der Dusche und dem marginalen Frühstück grau, um nicht zu sagen sehr grau,- fort. Was auch darin liegt, dass seine baldige Ex-Frau — denn sie hatte bereits vor Monaten die Scheidung eingereicht - ihre Drohung war gemacht hat, auch die letzten verbliebenen persönlichen Dinge aus der gemeinsamen Wohnung zu holen. Allerdings hat sie sich damit um einen theatralischen Auftritt gebracht.

Dass die letzten Reminiszenzen nun auch weg sind, das ist Clemens gleich bei seiner Rückkehr aufgefallen. Diese letzten Sessel, kleinen Teppiche und Kommoden, die sie - wie sie sagte aus Kapazitätsgründen - zunächst bei ihrem und dem Auszug der gemeinsamen Tochter Claudia zurückgelassen hatte, sind für Clemens immer sein persönlicher Notnagel und Hoffnungsanker gewesen. Dass es mit ihnen beiden – und natürlich Tochter Claudia - doch noch wieder was werden würde. Dass sie zum alten Leben zurückkehren könnten.

Also nicht ganz zum alten Leben natürlich. Das hat ja offensichtlich dann doch nicht so gut funktioniert, wie ihm vorgeführt worden ist. Aber so in etwa.

Die gemeinsame Wohnung wirkt nun sehr leer, fast unbewohnt, von der Unordnung auf der Küchenarbeitsplatte und in der Spüle, in der sich das schmutzige Geschirr stapelt, mal abgesehen.

Gibt es noch Hoffnung? Aber was ist schon Hoffnung? Clemens grübelt, während er auf dem Sofa sitzend in das nasse Grau des verregneten Frühsommers stiert. Eine Tasse Pulverkaffee in den Händen. Der sündhaft teuere Kaffeevollautomat, der fehlt auch. Den hat sie auch noch mitgenommen, denkt er verbittert.

Mehr reden miteinander müsste man wahrscheinlich. Und mehr gemeinsam unternehmen, sich wieder mehr für einander interessieren… Und er, Clemens, müsste sich mehr um die Tochter kümmern – aber die ist doch nun inzwischen ziemlich groß. Neulich ist sie doch erst 17 Jahre alt geworden. Fast erwachsen! Ist man dann doch - oder? Clemens ist sich nicht sicher.

Er erinnert sich, dass er fast ihren Geburtstag verschwitzt hatte. Das war ein Theater geworden! Aber er war eben überlastet. Kann doch mal passieren. Er hatte das mit einem Extra - Reitkurs für Claudia wieder gut gemacht. Meinte er zumindest. Aber will sie das überhaupt noch, die 17-jährige Claudia, gemeinsame Unternehmungen mit ihrem Papa? Das ist das doch vermutlich eher peinlich für sie, mit dem Vater in der Öffentlichkeit, vor ihren Freunden gesehen zu werden, oder?

Also wenn er an seine eigene Jugend denkt, nicht mal im Traum wäre ihm eingefallen, mit der Mutter oder dem Vater …….

Die Wohnung verströmt inzwischen einen Geruch von Tristesse und Resignation. Überall Wollmäuse, die sich häuslich eingerichtet haben. Zugluft weht sie von einer Ecke in die andere. Das kann sich Clemens inzwischen lange ansehen. Die haben ein richtiges Eigenleben! Wie die sich wohl vermehren? Also vermehren tun sie sich jedenfalls, soviel steht fest. Das Bügelbrett steht zusammenhangslos im Wohnzimmer. Clemens muss sich ja nun seine Hemden selber bügeln, was man denen leider auch ansieht.

Dass es sich hier bei diesem Raum um ein solches handelt, das belegen nur das teure Ledersofa, also die Lederwohnlandschaft, und der überdimensionale Fernseher, eigentlich fast schon eine Kinoleinwand. Beides hatte vermutlich nicht in die neue Wohnung seiner Ex-Petra gepasst, sonst stünden die Teile sicher nicht mehr da. Auch die meisten Grünpllanzen fehlen. Auch das war ihm gestern Abend schon unterbewusst aufgefallen. Petra hat nur die Exemplare zurückgelassen, die auch eine Woche ohne Gießen überstehen. Und das sind nur sehr wenige gewesen. Eigentlich nur Kakteen. Und zu denen soll er nun eine Beziehung aulbauen?

Am Tag ihres Auszuges - einem Sonntag war es nicht vor drei Wochen gewesen? - hatte Clemens still in seinem Lieblingssessel gesessen und dem geschäftigen Treiben zugesehen. Es waren lauter Freunde von Petra und Claudia aufgetaucht, die er noch nie gesehen hatte. Wo die wohl alle herkamen? Und warum kannte er die nicht? Und die trugen Stück für Stück der gemeinsamen Ehe-Vergangenheit davon.

Zunächst war Clemens nur innerlich betäubt. Irgendwann wurde ihm kalt und er holte sich eine Decke, unfähig etwas anderes zu tun, als da unter der Decke auf seinem Sessel zu sitzen und zu kucken.

Und dann überwältigte ihn eine große Wutwoge, nachdem sich die Mienen der beiden Damen - Petra und Claudia - mit jedem Möbelstück, das da abtransportiert worden war, weiter aulhellte und sie fast schon durch die sich leerenden Räume tänzelten. Als wenn sie ihrem GULAG entronnen wären! Als wenn dies der Event des Jahres wäre!

Ach ja - dann war die Sache mit dieser Lappalie aus dem Ruder gelaufen. Als Clemens zu fragen gewagt hatte, ob sie denn vielleicht auch noch den Schmutz, die Flusen und Wollmäuse, die hinter den entfernten Möbeln zu Tage getreten waren, auch mitnehmen könnten? Oder was solle er damit machen? Er hätte jedenfalls keine Verwendung dafür! Seine Tonlage war da auch schon ein wenig schrill geworden. Eigentlich wirklich eine Lappalie - der Situation geschuldet. Es war nun inzwischen bereits Abend und Clemens wollte eigentlich die Tagesschau sehen und dann den Tatort. Als Trost und Entspannung vor der kommenden Arbeitswoche. Wie er das ja immer machte. Aber der Umzug in das gelobte Land dauerte immer noch an.

Eigentlich ist es schon länger nicht mehr rund gelaufen, grübelt Clemens – immer noch auf der Lederwohnlandschaft liegend. Und gedanklich ist er beim letzten Wortwechsel zwischen Petra und ihm angekommen.

Und der fand in der Küche statt und endete dann mit einem Crescendo, mit dem O - Ton von Petra - sie hatte die extra unangenehme Stimmlage gewählt:

„Du solltest endlich mal was für dich tun! So was wie „Erkenne dich selbst!". Kuck wenigstens mal in den Spiegel! Anstatt immer an allen anderen herum zu mäkeln und ihnen die Schuld für deine Unzufriedenheit zu geben!“

Dies sind jedenfalls die letzten Worte, an die sich Clemens erinnern kann, nachdem Petra die Tür der ehemals gemeinsamen Wohnung zugeschlagen hat.

Es beginnt meistens mit Kleinigkeiten, denkt Clemens. Kommen unscheinbar daher, und dann hast du den Salat! Mist - aber so war es eben gelaufen.

Na ja, bei Lichte betrachtet stimmte das schon mit seiner schlechten Laune, wenn er aus dem Geschäft kam. Und mehr als einmal hatte er Claudia angeraunzt, sie solle endlich mal wieder ihren Saustall, der sich ihr Zimmer nenne, gründlich aufräumen und putzen. Es müffele schon bis in den Eingangsbereich hinein. Sonst hatte er sich nicht sonderlich um sie bemüht und nachgefragt, wie es ihr denn so geht und was mit den Freundinnen sei. Oder mit der Schule, ob er ihr helfen könne? Jedenfalls wenn er mal zu Hause war.

Und auch in diesem Falle lief es wie üblich: Petra liel ihm in den Rücken und nahm Claudia in Schutz. Schließlich sei es ihr Zimmer. Und wenn es ihr gefalle, auf einer Müllhalde zu wohnen -Bitteschön.

Wenn ihn der Geruch störe, man kann ja lüften. Außerdem - sie rieche nichts. Und frei laufende Ratten hätte sie auch noch nicht gesehen.

Auch das Thema „Schule“ hatte er schon seit Jahren ausgeblendet. Das bringt nichts, das war seine Erfahrung. Zumal Petra sich grundsätzlich auf die Seite ihrer Tochter stellte, sie immer gegen ihn in Schutz nahm, auch wenn es von der Sache her völlig daneben war. Wie diese Geschichte mit dem Schwänzen. Ausgerechnet Sport! Warum muss man Sport schwänzen? Wochenlang ohne Attest? Das ist doch nur dumm!

Und Claudia hatte sich auch schon immer öfter rar gemacht. War bei Freundinnen, wie sie sagt. Oder hat sie etwa schon einen Freund? Mit siebzehn? Clemens schluckt nervös.

Diese Art der Auseinandersetzungen hatten im Laufe der Zeit zunehmende Tendenz gehabt und es gab nur wenige Wochenende im letzten dreiviertel Jahr, die als annähernd harmonisch hätten durchgehen können.

Und richtig: vieles war ja auch dadurch begründet, dass er - Clemens - immer mehr unter Dampf stand und er sich - und damit natürlich auch der Geschäftsleitung - beweisen musste, dass er alles im Griff hatte!

Schließlich fehlten ja noch einige Sprossen auf der Leiter bis er ins Finish seiner Karriere einbiegen könnte. Und der Weg zu den letzten Stufen wurde zäher und zäher.

Diese unproduktive Grübelei: sein linkes Ohr produziert sofort wieder den ihm nun schon seit Monaten sattsam bekannten Pfeifton.

Irgendwie ein Zeichen für schlechte Durchblutung und Stress, hat er mal irgendwo gelesen. Tja. Und Stress hat es neben dem Stress in der Firma zu Hause die letzten Wochen und Monate eine Menge gegeben.

Der eigentliche Anlass für die Trennung, die übrigens Petra vom Zaun gebrochen hatte, war – tja was war der Anlass noch gleich gewesen? Oder hat es den eigentlich gegeben? Dass er soviel unterwegs war? Dass ihm seine Arbeit so wichtig ist und er auch mehrere Abende im Büro verbracht hatte? Um die Dinge voranzubringen, wie er sagt. Er könne es sich nicht leisten, seine Zeit zu verbummeln mit einem Blick auf Petra und Tochter Claudia, die natürlich gleich erfassten, was er eigentlich hatte sagen wollen. Dass er eigentlich keinen Bock mehr auf Familie hatte. Mit diesen für ihn so lächerlichen Lappalien.

Und so neu ist das ja nicht, das hatte er die ganzen Jahre so gehandhabt - mit seinem Engagement für die Firma. So handhaben müssen, schließlich lebten sie doch ganz gut davon - oder etwa nicht?

Das geht doch auch gar nicht anders... „Business - Consultant“ das ist eben kein „Nine-to-Five Job“, nicht wahr? Da muss man immer dran bleiben, da hat der Kunde absoluten Vorrang! Da müsse er eben auch einfach den Hintern zusammenkneifen und durchackern! Das erwartet man selbst doch auch als Kunde jedenfalls von einem guten Unternehmen. Oder nicht?

Petra hatte ihm nicht geglaubt und irgendwelche amourösen Geschichten hinter den Überstunden vermutet. Und irgendwann hatte es sie nicht mehr interessiert. Eine treffende Sprachregelung wäre gewesen: wir haben uns leider auseinander gelebt im Laufe der Jahre.

Und was hatte Petra denn in der letzten Zeit getrieben? Schließlich wohnt sie ja nun mit ihrem neuen Freund zusammen in einer gemeinsamen Wohnung! Das war mächtig schnell gegangen, das hat er gar nicht mitbekommen vor lauter Arbeit und auswärtigen Terminen. Clemens wundert sich. Wie kann das so schnell gehen? Oder hatte Petra etwa schon seit langem… und er hat das nicht mitbekommen? Und wenn ja, warum hatte Claudia ihn nicht gewarnt? Wäre das nicht angesagt gewesen?

Für Claudia machte das alles keinen Sinn, diese unsinnige Arbeiterei ihres Vaters, dieses Business- und „Wichtig - Wichtig!“-Getue, weil sie im Leben ihres Erzeugers nur noch als störende Marginalie vorkam. Und so zog sie sich von ihm immer weiter zurück. Sie war inzwischen froh, wenn er unterwegs war und sie ihn nicht sah. Tja, so ist das eben!

Aber immerhin haben sie einen verlässlichen Wohlstand genossen, beispielsweise teure Reisen hat es gegeben. Denn wer erfolgreich bleiben will, muss ja auch seinen Erfolg zeigen!

Beispielsweise: ein großer Hund ist Pllicht, um in der Firma gesellschaftlich den Anschluss zu halten - wenn man schon nicht mit der Geschäftsführung Golf spielt - ein Golden Retriever muss es mindestens sein. Den hat Petra nun auch mitgenommen. Schade – aber Clemens hätte sich ja nicht genug kümmern können. Eh klar.

Und wohnungstechnisch musste man schließlich auch was darstellen. Also so ein mieliges Reihenhaus - das geht schon mal gar nicht. Und so hatten sie sich fast bis zur Halskrause verschuldet, um sich die schicke Penthouse-Wohnung am Wiesengrund überhaupt leisten zu können.

Clemens war der Meinung, Risiko muss sein und es geht bei ihm sowieso immer nur nach oben. Es kann gar nicht anders sein! Petra solle sich keine Sorgen machen. Machte sie sich aber doch und ließ ihn das auch mehr als einmal wissen, genoß aber dennoch das Ambiente in vollen Zügen. Ständig diese Einladungen von Freundinnen zu Kochevents in der tollen Küche. Reine Selbstdarstellung - lindet Clemens. Obwohl es ihm auch schmeckt. Und manche der Freundinnen sind gar nicht so übel. Die hätte er schon gern anschließend allein nach Hause gebracht. So als besonderen Service des Hauses. Also nach dem Kochevent in seiner und Petras Wohnung… Aber so etwas verkneift er sich, beziehungsweise, das hat er sich verkniffen.

Es muss sich etwas ändern, das ist die Message – die ihn am Ende des durchgegrübelten Nachmittags bei dem Blick auf sein Spiegelbild, das ihm aus der großen Fensterfront als zusammengesunkene graue Gestalt entgegenblickt, durchzuckt. Doch wie?

Beim Abspülen seiner Tassen und Teller - die Spülmaschine zu benutzen, lohnt sich nicht, wie Clemens lindet - fängt er an, den Gedanken, der schon länger in seinem Hinterkopf rumort, langsam zu akzeptieren: klar – warum nicht professionelle Hilfe? Man kann es ja meinetwegen auch Support nennen. Oder besser noch Coaching. Hört sich einfach besser an als - Psychodingsbums, Psychotherapie. Der Psychotherapeut ist doch auch so ein „Personal Trainer“ oder? „Personal Trainer“ sind doch gerade sehr angesagt. Hört er zur Zeit immer wieder. Und der ist doch auch für Mentales zuständig oder? Und um ein minimales mentales Problem – nein eine klitzekleine Herausforderung – darum geht es doch!

Also, wenn an seinem BMW-Dienstwagen natürlich - die Gelenkwellen nicht mehr mitspielen oder irgendwas klappert? Was macht man da? Richtig – ab in die Werkstatt!

Und bei seiner Belindlichkeit? Klar – ab zum Coach, meinetwegen auch zum Psychologen. Warum können die sich nicht einfach wertneutral „Performance-Manager“ nennen? Aber das nur am Rande. Clemens pfeift beim Rasieren und verspürt auf einmal ein Gefühl von Vorfreude auf ein neues Abenteuer.

Und dennoch eine Frage bleibt: „Was soll das bringen?“ Aber das will er sich erst einmal nicht eingestehen. Hauptsache, er hat einen Plan. Ein Plan ist immer gut!

Abschüssige Ebenen: Erkenne dich selbst - die Erste

Clemens fühlt sich mächtig abgeschlagen, als er sich erstmals in die Hollbeinsche Praxis begibt. Vorher hat er seinen Kühlschrank inspiziert, der ihm ein Referat über Trostlosigkeit in Folge von Tod und Verderben bei Lebensmittelvorräten gehalten hat.

Als wenn dies der Einstieg für den heutigen Tag wäre! Also Klappe zu und das Frühstück lindet außer Haus statt. Beim Bäck. Da sitzen heute - am Samstag Morgen - die üblichen Verdächtigen, eine Mischung aus Übriggebliebenen und Studenten. Es ist Ende Juni und seit Tagen liegt eine indifferente Dunstglocke über der Stadt. Eine Atmosphäre des Unbestimmten. Weder Fisch noch Fleisch hätte Clemens Mutter gesagt.

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