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Accra

KWEI QUARTEY

ACCRA

ROMAN

Übersetzung aus
dem amerikanischen
Englisch von
Sabine Schilasky

BASTEI ENTERTAINMENT

Für all jene, die sich trauen hinzusehen

PROLOG

Musa, dem noch ein Tag zur Vollendung seines siebzehnten Lebensjahres fehlte, besaß den Überlebensinstinkt eines erwachsenen Mannes. Blut quoll aus der Stichwunde an seinem Rücken, doch er starb nicht sofort. Während sein junges Leben aus ihm herausfloss, liefen die Jahre wie ein Video vor seinen Augen ab. Die Zeit in seinem Heimatort Gurungu, wo seine Familie sich im Hirseanbau versuchte, was die erbarmungslosen Wüstenbedingungen im nördlichen Ghana zu einem Kampf machten, den sie nur verlieren konnte. Und dieser aussichtslose Kampf war der Grund, weshalb Musa einen siebentägigen Fußmarsch nach Ghanas Hauptstadt mit ihren asphaltierten Straßen und den schier undurchdringlichen Verkehrsstaus auf sich nahm.

Musa war ohne einen Penny dort angekommen und kannte keinen Menschen in Accra. Ohne Schulbildung, ohne Verwandte und ohne irgendwelche Fertigkeiten gab es für ihn nur wenige Jobs, auf die er hoffen durfte. Er konnte Straßenhändler werden, Gepäckträger auf einem der Busbahnhöfe, Schuhputzer oder ein »Karrenjunge«, was ein Euphemismus für all diejenigen war, die mit Handkarren durch Accra zogen und Metall aufsammelten, um es zu den Schrottplätzen zu bringen. Hiermit verdiente Musa weit unter einem Cedi am Tag.

Er stand vor Morgengrauen auf und arbeitete bis nach Einbruch der Dunkelheit. Dann legte er sich irgendwo in der Stadt hin: in einen Ladeneingang oder an den Rand eines Marktplatzes. Er hatte sich nur gewünscht, dass sein Leben besser werden würde. Und er hatte sich geschworen, dass er nach einem Jahr Arbeit in Accra mit neuer Kleidung und etwas Geld für seine Mutter nach Gurungu zurückkehren würde.

Während sich Musas Lider flatternd schlossen, musste er sich gefragt haben, ob es das war, was sein Vater meinte, als er warnend mit dem Finger vor Musas Gesicht gewedelt hatte. Gehst du nach Accra, wirst du nichts als ein Straßenkind sein, und du wirst einen schrecklichen Preis dafür bezahlen.

Teil 1

1

Der Anruf kam an einem Sonntagmorgen im Juni.

»Ich glaube«, sagte Detective Sergeant Chikata, »bei dem Fall brauchen die uns.«

Auf seinem Honda-Motorrad brauste Detective Inspector Darko Dawson an den Industrieanlagen entlang der Ring Road West vorbei. Der tote Junge lag nahe der Korle-Lagune, wohin Dawson es binnen einer Viertelstunde schaffte. Selbst mit geschlossenen Augen hätte er es dorthin gefunden, denn der Fäulnisgestank war unverkennbar.

Er bog in die Abossey Okai Road, die zwei Brücken bildete. Die erste führte über den abwasserverseuchten Odaw River, der in die Lagune floss. Auf dem Agbogbloshie-Markt zu Dawsons Linker und dem Kokomba-Markt zu seiner Rechten wimmelte es von Sonntagskäufern und fliegenden Händlern, die alles von Bananen bis Taschenkrebsen feilboten.

An der zweiten Brücke, die einen sehr viel kleineren Kanal mit teerig verdrecktem Wasser überspannte, mischten sich Marktstände, die von Regenschirmen beschattet wurden, mit Fußgängern, Handkarren und Autos zu einem mehr oder minder geordneten Chaos. Dawson parkte seine Honda und schloss sie ab. Zu beiden Seiten der Brücke scharten sich Schaulustige an den Ufern. Mit seinen über ein Meter achtzig konnte Dawson über die Köpfe der meisten Leute hinwegblicken. Detective Sergeant Chikata und ein Uniformierter, den Dawson nicht kannte, befanden sich etwa hundert Meter weiter am Südufer. Beide rahmte ein apokalyptisch anmutender, dichter schwarzer Rauch ein, der von irgendwo weiter stromaufwärts kam. Detective Superintendent Bright und drei Leute von der Kriminaltechnik, alle mit Atemmasken, Handschuhen und Überschuhen ausgestattet, bewegten sich knietief in der fauligen Schlacke.

Dawson ging um die Menge herum und bahnte sich einen Weg ans Ufer. Alles war bedeckt von Müll, das meiste leere PET-Flaschen, die achtlos weggeworfen wurden. Der Rest des Mülls bestand aus Konservendosen, Altkleidern, Müllsäcken, Maschinenteilen, alten Reifen, Kokosnussschalen und nicht zu identifizierenden Metall- oder Plastikteilen. Es war auch organischer Abfall darunter, den Dawson auf keinen Fall mit den Schuhen berühren wollte. Manches davon lag oder schwamm lose herum, anderes in »fliegenden Toiletten«, wie die schwarzen Müllsäcke mit Exkrementen genannt wurden.

Der unglaublich gut aussehende Detective Sergeant Chikata, der Dawson in der Mordkommission des Criminal Investigations Department, kurz CID, direkt unterstellt war, blickte auf, als Dawson näher kam.

»Morgen, Dawson.«

»Morgen, Chikata.«

»Eine männliche Leiche wurde heute Morgen da drinnen gesehen.«

»Wer hat uns gerufen?«

Chikata stellte den bulligen Mann mit den kalten Augen vor, der neben ihm stand: »Das ist Inspector Agyekum. Er hatte heute Morgen Dienst in der Korle-Bu-Dienststelle.«

Agyekum war ranggleich mit Detective Inspector Dawson, aber als Revierpolizist trug er die schwere, erstickende dunkelblaue Uniform des Ghana Police Service, auch GPS genannt, nicht Zivil wie die CID-Leute.

»Morgen, Inspector.« Dawson schüttelte ihm die Hand, was er mit dem üblichen Fingerschnippen beendete.

»Ich hatte gerade meine Schicht begonnen, als ein kleiner Junge zum Revier kam«, erzählte Agyekum. »Das da drüben ist er, bei Constable Gyamfi.« Er wies mit dem Kinn ein Stück das Ufer hinauf, wo sich ein Police Constable über einen Jungen beugte, der etwa acht Jahre alt war und mit gesenktem Haupt auf dem verdreckten Boden hockte, die Arme fest um den hageren Oberkörper geschlungen.

»Die Leiche haben viele Leute gesehen«, fuhr Agyekum fort, »aber weil sie Angst vor der Polizei haben, halten sie den Mund. Der Junge ist als Einziger von sich aus hinüber zum Korle-Bu-Revier gelaufen und hat es gemeldet.«

»Ein mutiger junger Mann«, sagte Dawson mit einem anerkennenden Blick zu dem Jungen. »Und dann?«

»Constable Gyamfi hat die Anzeige aufgenommen und sie mir gebracht«, antwortete Agyekum. »Dann sind wir beide mit dem Jungen hierher. Und als ich die Leiche gesehen habe, dachte ich, ich rufe lieber die Mordkommission.«

»Sehr gut.« Dawson nickte. »Danke.«

Dawson kannte Police Constable Gyamfi von einer früheren Ermittlung, die Jahre zurücklag. Er winkte ihm zu, und der Constable lächelte halb winkend, halb salutierend.

»Mr. Bright ist ziemlich sicher, dass es Mord war«, erklärte Chikata.

»Dann ist es das wahrscheinlich auch«, sagte Dawson.

Deputy Superintendent Bright, ein ausgebildeter Serologe, leitete die Kriminaltechnik, und er lag mit seinen Einschätzungen selten falsch.

Dawson trat etwas näher ans Wasser, das die Farbe von Teer und beinahe dieselbe Konsistenz hatte. Er rümpfte die Nase über den entsetzlichen Gestank. Die Leute in der Gegend hatten sich an ihn gewöhnt, oder vielleicht ignorierten sie ihn auch bloß.

Bright und seine zwei Assistenten suchten in der Schlacke nach Hinweisen, obwohl sie angesichts des ganzen Mülls wenig Hoffnung hatten, irgendetwas Sachdienliches zu finden. Doch Brights unerbittliche Gründlichkeit und sein immerwährendes Streben nach Perfektion machten diese Suche unerlässlich. Andere hätten einfach die Leiche herausgefischt und sich um nichts sonst gekümmert.

Die Leiche trieb bäuchlings auf dem Müll. Ein flüchtiger Blick, und man hätte sie für einen größeren Müllklumpen halten können, was einige Passanten auch zweifellos getan hatten.

Schlacke blubberte und quatschte an Deputy Superintendent Brights Überschuhen, als er zu Dawson und den anderen ans Ufer stieg.

»Morgen, Dawson.« Seine Stimme erinnerte an den tiefen Klang einer Tuba. »Verzeihen Sie meine Aufmachung und den Geruch.«

»Guten Morgen, Sir. Meine Hochachtung, dass Sie da reingegangen sind.«

Bright sah angewidert an sich hinab. »Das hier ist eine unserer letzten Giftmülldeponien, also hoffe ich mal, dass ich so bald nicht wieder in die Verlegenheit komme, in so was zu steigen.«

»Schon etwas gefunden, Sir?«, fragte Dawson.

»Außer der Leiche? Nichts. Ich gehe immer noch von Mord aus. Ich erkenne eine abgelegte Leiche, wenn ich sie sehe. Und diese hier ist in einem beklagenswerten Zustand.«

»Wann bringen Sie sie weg?«

»Wir sind fast so weit.«

»Können Sie bitte kurz warten? Ich möchte nicht, dass der Junge das sieht.«

»Kein Problem, Dawson.«

»Danke, Sir. Ich bin froh, dass Sie hier sind.« Dawson drehte sich um und stapfte das Ufer hinauf.

2

Der Junge hockte noch bei Police Constable Gyamfi. Gyamfi war Mitte zwanzig, sah allerdings so jung aus, dass man ihn problemlos undercover in einer Highschool hätte einsetzen können. Als Dawson auf die beiden zukam, strahlte Gyamfi, wobei er viele weiße Zähne zeigte – stark genug, um einen Kronkorken zu öffnen.

»Morgen, Gyamfi.« Dawson schüttelte ihm die Hand. »Wie geht es dir? Schön, dich zu sehen.«

»Ja, Sir, freut mich auch sehr.«

»Was machen deine Frau und deine kleine Tochter?«

»Denen geht’s bestens, Sir, danke, Sir.«

»Ah, das freut mich.«

Gyamfi war ein Neuzugang aus dem ländlichen Ketanu in der Voltaregion. Dank Dawsons Hilfe und Hartnäckigkeit war er zur Polizei nach Accra versetzt worden, was angesichts der Organisation des GPS kein leichtes Unterfangen gewesen war.

Dawson sah hinab auf den Jungen, der seinen Blick nicht erwiderte. Er trug zerrissene, abgeschnittene Jeans, ein verdrecktes, schwarz weißes Muscle-Shirt, das an ihm schlackerte, und Latschen, die ihm erst recht zu groß waren. Dawson kniete sich zu ihm.

»Hallo, ich bin Darko, wie heißt du?«

Der Junge sah flüchtig zu ihm auf. »Sly.«

Dawson streckte ihm die Hand hin. Sly nahm sie nach kurzem Zögern.

»Ich danke dir für das, was du getan hast«, sagte Dawson. »Es war sehr mutig von dir, zur Polizei zu gehen, weißt du das?«

Sly nickte zaghaft. Dawson richtete sich wieder auf, reichte dem Jungen die Hand und zog ihn nach oben. »Lass uns ein bisschen spazieren gehen.«

»Okay.«

»Während wir weg sind«, sagte Dawson zu Gyamfi, »möchte ich, dass du mit den Leuten hier redest. Wir müssen wissen, ob jemand heute Morgen oder letzte Nacht irgendwas gesehen hat. Und wir brauchen die Namen, falls wir später noch Fragen haben. Das könnte schwierig werden, aber du machst das schon.«

»Ja, Sir.«

»Und merk dir die Gesichter, Gyamfi. Deine Augen müssen wie eine Kamera sein. Man weiß nie, wen man später wiedertrifft.«

Dawson wandte sich mit Sly ab und dirigierte ihn um die Schaulustigen herum. Als er mit dem Jungen hinter ihnen vorbeiging, drehten sich alle zu ihnen um. Dawson sah sich kurz die Gesichter an und tat, was er soeben seinem Constable empfohlen hatte. Tatsächlich bestand so gut wie keine Chance, etwas Brauchbares von diesen Leuten zu erfahren, denn für sie war es zwar in Ordnung, den Polizisten bei der Arbeit zuzugucken, aber geredet wurde nicht mit ihnen.

Dawson und Sly erreichten die Biegung am Ostufer des Odaw River, von wo aus man in der Ferne die Slumhütten sah.

»Wie alt bist du, Sly?«

»Neun.«

»Kommst du aus Nordghana?«

»Aus dem oberen Westen.«

Dawson hatte richtig geraten. Die meisten Bewohner von Agbogbloshie kamen aus dem Norden.

»Wo wohnst du?«

»Hier, in Sodom und Gomorrha.«

Diesen zynischen Spitznamen hatten die Bewohner Agbogbloshie gegeben, dem übelsten Slum Accras. Drogen, Prostitution, Vergewaltigungen, vierzigtausend illegale Hütten und praktisch jedes Jahr ein neuer, erfolgloser Regierungsplan, die Leute umzusiedeln.

Dawson und Sly gingen einen Trampelpfad zwischen Bergen von Müll entlang, die aus den allgegenwärtigen Plastikbeuteln und -flaschen, alten Fernsehgehäusen, verschrotteten Scannern, Handys, Klimaanlagen, Kühlschränken, Faxgeräten, Mikrowellen, blinden Computerbildschirmen und kaputten Rechnern bestanden. Der Elektronikmüllberg zu ihrer Linken überragte Dawson.

»Was hast du gerade gemacht, als du heute Morgen den Toten im Wasser entdeckt hast?«, fragte er Sly.

»Kabel verbrannt.«

Das war es, was den dichten schwarzen Qualm an den Ufern des Odaw verursachte. Die Jungen verbrannten Fernseh- und Computerkabel, um die Kupferdrähte freizulegen, die sie für fünfzig Pesewas das Kilo verkauften – oder für etwa achtzehn Cent das Pfund.

Ein Stück weiter standen Teenager in einer Reihe. Wie an einem Montageband, musste Dawson denken, nur dass sie hier Demontage betrieben. Der erste Junge brach die Rückseite ­eines alten Fernsehers mit einem Stein auf, der zweite entfettete die Kabel mit einer Reinigungslösung. Noch ein Stück weiter wurde ein Kabelfeuer entfacht. Dort standen fünf Jungen im Alter zwischen zehn und fünfzehn Jahren um einen Haufen ausgerissener Kabel herum. Sie kamen alle aus dem Norden Ghanas und sprachen Sly in schnellem Hausa an. Dawson sprach Hausa nicht fließend, verstand aber, dass sie wissen wollten, wer er war. Slys Antwort schien sie zufriedenzustellen, denn sie nickten lächelnd.

»Ich habe ihnen gesagt, dass Sie mein Freund sind«, erklärte Sly.

»Wo hast du Englisch gelernt?«, fragte Dawson.

»Zu Hause bin ich zur Schule gegangen, bis mein Vater gesagt hat, ich soll mit meinem Onkel nach Accra.«

»Gehst du hier auch in die Schule?«

»Nein.«

»Wieso nicht?«

»Mein Onkel sagt, dass er mich nicht lässt. Ich soll Kupfer verkaufen und Geld verdienen.«

Dawson sagte nichts dazu, jedenfalls noch nicht.

Die Hausa-Jungen benutzten Isolierschaum als Brennmaterial und einen Zigarettenanzünder, um das Feuer in Gang zu bringen. Mit Stöcken stocherten sie in den Kabeln herum, sodass Luft herankam, und schufen so ein Miniaturinferno, von dem tödlicher schwarzer Rauch aufquoll. Obwohl er den Wind im Rücken hatte, bekam Dawson einiges von dem Gestank ab und wich unwillkürlich vor den giftigen Dämpfen zurück. Mit der Schuhspitze drehte er ein Teil von einem abgebrochenen Rechnergehäuse um und sah einen Aufkleber, auf dem SCHOOL DISTRICT OF PHILADELPHIA stand. Unbrauchbare Geräte wurden in reichen Ländern als wohltätige Spenden deklariert und landeten dann hier in Agbogbloshie.

»Frag sie, ob einer von ihnen den Toten gesehen oder irgendwas gehört hat«, bat Dawson Sly.

Der Junge tat es, und seine Freunde, die ganz mit ihrer Arbeit beschäftigt waren, antworteten einsilbig.

»Sie haben nichts gesehen«, übersetzte Sly. »Und auch nichts gehört.«

Dawson hatte nichts anderes erwartet. Sofern der Tote kein Freund von ihnen oder sonstwie wichtig war, interessierte er sie nicht besonders. Jemand ist gestorben. Na und?

»Gehen wir«, sagte Dawson. Ein Stück weiter legte er Sly eine Hand auf den Kopf, als würde er einen Fußball greifen. »Dieses Zeug zu verbrennen ist gefährlich. Der Rauch, den du einatmest, vergiftet dich. Weißt du das?«

Sly nickte unsicher, und Dawson fragte sich, ob er es tatsächlich begriffen hatte. Er wuschelte ihm durch das kurze drahtige Haar. »Du bist ein guter Junge, Sly. Ist dein Onkel zu Hause?«

Der Junge schwieg verängstigt.

»Magst du deinen Onkel nicht?«, fragte Dawson.

»Doch, schon.«

Aber der veränderte Klang seiner Stimme, brüchig wie ein Blöken, verriet Dawson, dass Sly log.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte Dawson. »Ich möchte nur mit ihm reden.«

Auf dem Landstück zwischen der Ring Road im Westen und dem Ufer des Odaw River im Osten weideten ein paar Pferde und eine kleine Herde magerer Kühe. Sie gehörten Migranten, die als Nomaden gelebt und die Tiere mitgebracht hatten. Eine bizarre Verquickung von Landleben und Großstadtslum. Das gibt’s nur in Accra, dachte Dawson. Nur in Accra.

Mitten im Hüttengewirr von Agbogbloshie bewegte Sly sich mit einer Leichtigkeit, als würde er über den felsigen Boden schweben. Er hüpfte über Abwasserrinnen, die zum Überlaufen mit Müll in einer gräulich schwarzen Schlacke gefüllt waren, duckte sich unter Wäscheleinen hindurch, die kreuz und quer zwischen den Hütten gespannt waren, und bog mehrere Male abrupt ab. Überall standen wackelige Behausungen aus altem Holz, was förmlich nach einem Flächenbrand schrie.

Hier lief das Leben mit der gleichen Zwangsläufigkeit ab wie überall sonst. Leute arbeiteten und trieben Handel, Kinder spielten, Frauen ließen sich ihre Nägel machen, Männer ihre Haare schneiden, und ein paar Jungen mit freiem Oberkörper sahen sich ein Fußballspiel auf einem Gemeinschaftsfernseher an.

An einigen Stellen roch Dawson Marihuana oder »Wee«, wie es allgemein genannt wurde. Der Duft wanderte von seinen Nasenschleimhäuten geradewegs zum Belohnungszentrum im Gehirn, und seine Reaktion darauf verriet ihm, dass er sein Laster noch nicht ganz überwunden hatte. Fünf Monate clean. Einen Tag nach dem anderen.

Leute fragten Sly, wer sein Begleiter war. Er antwortete jedes Mal gleich: »Das ist Darko, mein Freund.« So war es am besten, denn die Menschen hier hatten nicht viel für Polizisten übrig. Und sollten beiläufige Fragen nach dem Toten in der Lagune zu wenigen oder unbrauchbaren Informationen führen, wäre das immer noch mehr, als Dawson erhalten würde, wenn er sich als Detective zu erkennen gab.

Sie kamen an einer kleinen Moschee vorbei, einem der wenigen gemauerten Bauten in Agbogbloshie. Drinnen kniete ein Mann auf einem Gebetsteppich.

»Da ist mein Haus«, sagte Sly, wurde langsamer und zeigte nach vorn. »Wo die Jungen spielen.«

Vier Teenager schossen und köpften sich einen Fußball zu, ohne ihn zwischendurch auf dem Boden aufkommen zu lassen. Vor einer fensterlosen, winzigen Holzhütte, die auf kurzen Stelzen stand, saß ein Mann.

»Ist das dein Onkel?«, fragte Dawson.

»Ja.«

Slys Onkel sah sie, rührte sich jedoch zunächst nicht. Als sie näher gekommen waren, richtete er sich schließlich auf und betrachtete die beiden erst verwundert, dann misstrauisch.

»Guten Morgen?« Er war mittelgroß, schielte ein wenig, hatte graue Schläfen und schütteres Haar. Stammeszeichen schmückten seine Wangen.

»Guten Morgen, Sir. Ich bin Darko Dawson.«

»Ich heiße Gamel.« Er hatte eine Stimme wie reibende Kiesel.

Hinter ihm stand die Hüttentür weit offen, und Dawson sah, dass die dünne Schaumstoffmatte auf dem Boden löchrig war wie Schweizer Käse.

»Hat er was angestellt?«, fragte Gamel und wies auf Sly.

»Nein. Er hat nur heute Morgen bei der Polizei gemeldet, dass er einen Toten gefunden hat.«

»Einen Toten?«

Plötzlich fing Gamel an, in Hausa mit Sly zu schimpfen, und wollte sich auf den Jungen stürzen, wovon ihn Dawson jedoch abhielt.

»Ganz ruhig, mein Freund«, sagte Dawson. »Kommen Sie mit, und lassen Sie uns reden. Sly, warte hier auf uns.«

Dawson und Gamel gingen in den engen Gang zwischen seiner und der nächsten Hütte, wo es nach Urin stank. Die beiden Männer waren keine zwei Meter voneinander entfernt.

»Was haben Sie für ein Problem mit Sly?«, fragte Dawson.

»Ich sag ihm, redest du mit der Polizei, bringst du uns nichts wie Ärger. Aber der Junge hört nich.«

»Er hat sich richtig verhalten«, sagte Dawson.

Gamel schien zu dämmern, wen er vor sich hatte. »Sind Sie Polizist?«

»Ja.«

Das Weiße in Gamels Augen blitzte auf wie bei einem scheuenden Pferd, und er trat einen Schritt zurück.

»Nur die Ruhe«, sagte Dawson. »Ich werfe Ihnen nichts vor.«

Gamel, der kurz die Luft angehalten hatte, atmete weiter.

»Geht Sly zur Schule?«, fragte Dawson.

Gamel zögerte. »Nein, Sir.«

»Warum nicht?«

»Ich sag ihm, geh in die Schule, Sir. Er mag nich.«

»Wie alt sind Sie, Gamel?«

»Zweiundvierzig, Sir.«

»Und wie alt ist Sly?«

»Neun.«

»Wer sollte Ihrer Meinung nach dafür sorgen, dass er in die Schule geht?«

Gamel wandte sich verstockt ab.

»Ist er überhaupt gemeldet?«, fragte Dawson.

»Nein, Sir.«

»Okay, hören Sie mir zu. Sly muss zur Schule gehen. Meine Frau ist Lehrerin. Vielleicht kann sie Ihnen helfen, Sly in einer staatlichen Schule anzumelden. Wir kommen in den nächsten Tagen zu Ihnen, dann sehen wir weiter.«

Gamel nickte. »Ja, Sir. Danke.«

»Noch eines«, fügte Dawson hinzu. Er trat näher zu Gamel, legte eine Hand in den öligen Nacken des Mannes und den Daumen auf seinen Kehlkopf.

»Sollten Sie den Jungen schlagen, werde ich es erfahren, und dann wird es Ihnen leidtun. Klar?«

Gamel nickte verkrampft. »Ja, Sir.«

Für einen Moment ließ Dawson seine Hand noch, wo sie war, ehe er den Mann wieder freigab. »Gut.«

Dawson eilte über das vermüllte Ödland zurück zum Tatort. Bright und seine Männer schoben die Leiche auf ein Brett, an dem ein langes Seil befestigt war. Dann kletterten sie ans Ufer und zogen das Brett auf Brights Kommando – »Eins, zwei, drei, ziehen!« – aus dem Schlamm.

Dawson und die anderen standen da und blickten auf den Toten. Fäulnisgase blähten den Körper scheußlich auf, der überall mit schimmerndem Lagunenschleim bedeckt war. Das Gesicht war auf das Dreifache angeschwollen, Brust und Bauch ballonrund. Es stank überwältigend, und würgend kämpfte Dawson gegen seine Übelkeit an.

Er biss die Zähne zusammen und hockte sich hin, fest entschlossen, sich nicht zu übergeben. Die Leiche trug keine Schuhe. Die Kleidung, ein T-Shirt und lange Shorts, wie bei den Jungen in Accra üblich, war geschwärzt und schmutzig. Nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Es war schwer zu sagen, wie alt der Bursche sein mochte, und bisher konnte Dawson nicht erkennen, was genau ihn umgebracht hatte.

Dawson richtete sich wieder auf. Ihm war immer noch übel, als er Bright fragte: »Sonst noch irgendwas, Sir?«

Bright schüttelte den Kopf. »Wenn Sie dann fertig sind, bringen wir ihn in unsere Leichenhalle.«

3

Es war Nachmittag, als Dawson nach Hause fuhr. In Agbogbloshie herumzufragen hatte rein gar nichts gebracht. Falls jemand gesehen hatte, wie der Tote abgelegt worden war, verriet er es nicht.

Dawson bog in die leicht bergan führende Nim Tree Avenue. Die Straße mit den Gräben rechts und links, die glücklicherweise leer waren, verlief von Osten nach Westen. Also fuhr Darko um diese Tageszeit der Sonne entgegen. Der Himmel strahlte klar und blassblau und wurde zum Horizont hin beinahe weiß, sodass alles wie hell erleuchtet wirkte.

Die Nummer zehn, Dawsons Zuhause, war cremeweiß gestrichen mit olivgrünen Akzenten. Der Mangobaum auf der einen Seite des Vorgartens hatte gerade die ersten kleinen Früchte bekommen. Es war ein winziges Haus, doch immer noch millionenmal besser als die erbärmlichen GPS-Kasernen, in denen sich selbst ein Chief Inspector höchstens ein Einzelzimmer leisten konnte. Polizisten waren keine reichen Leute, und Detectives vermutlich die schlechtbezahltesten. Dawson und Christine konnten sich Nummer zehn nur leisten, weil ihr Vermieter ein entfernter Verwandter von Christine war. Die Miete, die sie ihm zahlten, lag weit unter dem Marktüblichen, was ihr Verwandter mit den Einnahmen aus anderen Immobilien wieder ausglich. Ganz wohl war Dawson nicht dabei, denn Familie und Geld konnten eine brenzlige Mischung sein.

Trotzdem empfand er jedes Mal, wenn er nach Hause kam, eine tiefe Dankbarkeit. Das kleine Haus war ein Zufluchtsort, der sie vor dem Verbrechen schützte, mit dem Dawson täglich zu tun hatte. Und eine kleine Festung, hatte Dawson doch alles einbruchsicher gemacht.

Christines roter Opel, der so klein war, dass Dawson vermutete, er könnte ihn hochheben und unterm Arm herumtragen, stand vor dem Haus. Sie und Hosiah waren also schon von ihrem sonntäglichen Besuch bei Christines Mutter nach Kirche und Sonntagsschule zurück.

»Ich bin wieder da!«, rief er, als er durch die Küchentür von hinten ins Haus kam.

»Hi, Dark.«

Christine saß im Wohnzimmer auf dem Sofa und las Zeitung.

»Hi, Süße.« Er küsste sie auf die Stirn.

»Schlimmer Fall?«

»Schrecklich. Ein Leiche in der Korle-Lagune.«

Christine verzog das Gesicht, was bei ihrer glatten Haut nur zu einem zarten Kräuseln führte.

»Es gibt eine Sache, bei der ich Hilfe brauche.« Dawson setzte sich zu ihr. Doch ehe er weiterreden konnte, kam Hosiah angeflitzt und warf sich in Dawsons Schoß.

»Hi, Daddy!«

»Hey, mein Großer!« Dawson setzte seinen Sohn gerade hin und umarmte ihn.

»Rate mal, was ich gebaut habe«, sagte Hosiah.

»Einen Sportwagen?«

»Falsch.«

»Einen Lastwagen?«

»Falsch.« Hosiah kicherte. »Komm mit, dann zeig ich’s dir. Aber zuerst musst du die Augen zumachen und darfst erst gucken, wenn ich es sage.«

An seiner Kinderzimmertür rief er: »Jetzt darfst du gucken!«

In der Mitte des kleinen Zimmers stand eines von Hosiahs zunehmend komplexeren Werken. Er war ein Bastelgenie und baute die raffiniertesten Autos, Trucks und Motorräder aus leeren Dosen und Milchkartons, Streichholzschachteln, Flaschenverschlüssen, Gummibändern und Pappstückchen. Die fertigen Modelle sahen erstaunlich hübsch aus, angesichts der Materialien, mit denen Hosiah arbeitete.

»Wow«, sagte Dawson. »Ist das ein Raumschiff?«

»Ja.« Der Junge hielt es ihm voller Stolz hin. »Guck mal, Daddy, hier sind die Düsen für den Start. Der Pilot steigt da rein und kann aus diesem Fenster rausgucken.«

Das Fenster war ein Plastikviereck, das Hosiah aus einer Wasserflasche geschnitten hatte. Seit Neuestem hatte er sein Repertoire von Landfahrzeugen auf Flugzeuge ausgeweitet, und nun bewegte er sich also zum ersten Mal in den Weltraum hinein.

»Wie weit kann dein Raumschiff denn fliegen?«

»Ähm, bis zum Mond, glaub ich. Nein, bis zur Sonne!«

»Wirklich? Da wird es aber ganz schön heiß.«

Hosiah überlegte einen Moment. »Dann bau ich was, damit es nicht brennt.«

Dawson sah ihm zu, wie er einen »Hitzeschild« konstruierte, vorgebeugt und vollkommen in seine Arbeit vertieft. Dawson strich ihm über den kleinen runden Kopf. Sein Sohn war sieben Jahre alt, litt an einer angeborenen Herzerkrankung und war dennoch von einer Begeisterungsfähigkeit und Lebensfreude, dass es Dawson jeden Tag aufs Neue faszinierte.

Christine erschien in der Tür. »Wollen wir noch in den Park?«

Dawson sah auf seine Uhr. Sie wären schon früher hingegangen, hätte er nicht den Anruf bekommen. »Ja, können wir. Hosiah, räum schnell auf, dann gehen wir, okay?«

»Okay, Daddy.«

Im Wohnzimmer fragte Dawson Christine: »Wie ging es ihm heute?«

»Eigentlich sehr gut«, antwortete sie.

»Schön. Dann können wir im Park ein bisschen Ball spielen. Aber übertreiben wir es nicht.«

»In Ordnung. Was wolltest du mich vorhin fragen?«

Er erzählte Christine von Sly und dessen Onkel. »Ich hätte gern, dass der Junge auf eine Schule kommt.«

»Sehen wir mal, was ich tun kann. Aber dir ist klar, dass er vielleicht nie dort auftaucht, selbst wenn wir ihn anmelden.«

»Dann muss ich eben versuchen, dafür zu sorgen, dass er sich dort blicken lässt.«

Sie lächelte.

»Was heißt dieser Blick?«, fragte Dawson.

»Dich stört es, dass Onkel Gamel damit durchkommt, den Jungen nicht zur Schule zu schicken.«

»Stimmt, das stört mich gewaltig.«

In dieser Nacht lag Dawson, der oft mit Schlaflosigkeit kämpfte, wach in seinem Bett. Er sah in die Dunkelheit, als er über ihren Ausflug in den Efua Sutherland Park nachdachte. Nicht, dass er schlecht gewesen wäre. Christine und er hatten mit Hosiah Fangen gespielt, wobei sie ihm den Ball möglichst genau in die ausgestreckten Hände warfen. Das war besser, denn das Laufen strengte ihren Sohn zu sehr an. Überhaupt balancierten Christine und Dawson beständig auf einem schmalen Grat, wollten sie Hosiah doch einerseits so aktiv sein lassen, wie es ein Junge seines Alters sein sollte, andererseits aber alles vermeiden, was für sein Herz mit dem Ventrikelseptumdefekt zu viel werden konnte. Hosiahs Symptome variierten von Tag zu Tag, was der Junge mit der sich verändernden Größe der Schädigung erklärte: »Heute ist das Loch in meinem Herz ganz klein, Daddy.«

Bisher schien Hosiah nie das Gefühl zu haben, mit ihm würde insgesamt etwas nicht stimmen, was Christine und Dawson als großes Glück empfanden. Dennoch war beiden klar, dass Hosiahs Anpassungsfähigkeit, körperlich wie psychisch, nicht von Dauer sein würde.

Seine Medikamente überdeckten das Problem lediglich. Die eigentliche Lösung, eine Herzoperation, war unerschwinglich. Zwar gab es inzwischen eine staatliche Krankenversicherung, die NHIS, aber die deckte nur die Grundversorgung ab, also auf keinen Fall Herzoperationen. Seit Jahren sparten Dawson und Christine und hatten überdies eine großzügige Zuwendung von Christines Onkel bekommen, doch immer noch schien das Ziel praktisch unerreichbar. Sie hatten bei der Standard Bank, der Ecobank und bei Barclays um ein Darlehen gebeten und waren bei allen dreien als nicht kreditwürdig eingestuft worden. Zudem lag der Zinssatz bei schaurigen einundzwanzig Prozent.

Dann, vor neun Monaten, kamen wunderbare Neuigkeiten: Der GPS verkündete, man wolle ab sofort alle Behandlungs- und Operationskosten für Mitarbeiter und deren Angehörige übernehmen. Für einen Moment waren Christine und Dawson voller Hoffnung gewesen und hatten sich ausgemalt, wie sie Hosiahs Krankenakte der entsprechenden Stelle vorlegten, die dann eine Operation bewilligte. Die Realität traf sie deshalb wie ein Vorschlaghammer.

Es stellte sich heraus, dass die Polizeibehörde keinesfalls alle Kosten der Angestellten übernahm. Vielmehr würde nur im Nachhinein eventuell ein Teil erstattet. Womit Dawson und Christine wieder bei null waren: Sie müssten Hosiahs Operation am Herzzentrum des Korle Bu Hospital bezahlen und anschließend einen Antrag auf Erstattung bei der GPS vorlegen. Sodann würde eine längere Prüfung, Gegenprüfung und ein Marsch durch die Instanzen bis hin zum obersten Direktor der GPS folgen. Und mit ganz viel Glück bekämen sie nach mehreren Monaten eine Erstattung.

Vor einem halben Jahr stießen sie auf eine andere Möglichkeit. Edith Kingston, eine leitende Verwaltungsangestellte am Korle Bu, hatte Hosiah kennengelernt, als Dawson ihn einmal mitnahm, um die Rechnung für einen Krankenhausbesuch zu bezahlen. Edith war von dem Jungen so angetan, dass sie Dawson beiseitenahm und ihm vorschlug, ein »finanzielles Gnadengesuch« zu stellen und diesem einen Brief beizulegen, in dem er Hosiahs Situation schilderte. Sie wollte sich persönlich darum bemühen, das Gesuch durchzubekommen, warnte Dawson allerdings, dass sie ihm nichts versprechen könnte.

Und es war gut, dass sie Dawson keine falschen Hoffnungen gemacht hatte. In den letzten sechs Monaten hatte er immer wieder bei Edith angerufen, aber bisher hatte sie noch keine Neuigkeiten für ihn.

Normalerweise schlief Christine so tief und fest neben ihm, dass sie nicht einmal ein Unwetter weckte; in dieser Nacht jedoch konnte er an ihrem Atmen hören, dass sie ebenfalls wach war.

»Dark?«

»Ja.«

»Ich kann auch nicht schlafen.«

»Nanu?«

Christine rückte näher zu ihm und schmiegte ihren Kopf in seine Schulterbeuge. Sie roch süß und würzig. Dawson merkte, wie die Anspannung langsam aus ihrem Körper wich und sie lange vor ihm einschlief.

Er wachte um halb sechs auf. Christine würde bald aufstehen. Dawson ging unter die Dusche und zog sich gerade an, als sein Handy auf dem Nachttisch klingelte. Er nahm es mit ins Wohnzimmer, um Christine nicht zu stören. Das Display verriet ihm, wer der Anrufer war.

»Dr. Biney, guten Morgen!«

»Guten Morgen, Inspector Dawson! Wie geht es Ihnen?«

»Gut, danke, und Ihnen?«

»Ich kann nicht klagen, mein Guter. Entschuldigen Sie, dass ich so früh anrufe, aber ich wollte Sie erwischen, bevor Sie zur Arbeit fahren.«

»Kein Problem.«

Asum Biney war ein hervorragender Arzt und der Beste unter den wenigen forensischen Pathologen des Landes. Er leitete das Volta River Authority Hospital im östlichen Ghana, wo Dawson ihm erstmals begegnet war. Biney verbrachte jeden Monat einige Tage in Krankenhäusern in Accra und anderswo, wofür er jeweils vor Tagesanbruch aufbrach und spätabends wieder zurück nach Hause fuhr.

»Was verschafft mir die Ehre, Doctor?«

»Ich bin gerade für ein paar Tage in der Pathologie des Polizeikrankenhauses, weil einer der Ärzte krank ist, und mir fiel Ihr neuer Fall auf, der Junge, der in der Korle-Lagune gefunden wurde.«

»Ja, das ist eine üble Angelegenheit.«

»Und ob. Selbst durch Kühlung wird sich die Verwesung nicht mehr verlangsamen lassen. Deshalb wollen wir die Autopsie gleich heute Morgen vornehmen.«

»Gott segne Sie, Dr. Biney! Ich hatte mich schon auf einen hässlichen Kampf eingestellt, um die Autopsie überhaupt in dieser Woche durchzubekommen. Auf heute hatte ich nicht einmal zu hoffen gewagt.«

»Tja, freut mich, wenn ich Ihnen Arbeit ersparen kann. Ich habe sie für acht Uhr angesetzt.«

»Ich werde da sein.«

Dawson ging in Hosiahs Zimmer, wo Christine den Jungen gerade weckte.

»Ich muss los«, sagte er und küsste sie beide. »Bis heute Abend.«

»Bye, Daddy.«

»Pass auf dich auf, Dark.« Das sagte Christine jeden Tag, und es war ihr immer ernst.

»Mach ich.«

4

Der phlegmatische Sergeant Baidoo, ein Mann, der wenig Worte machte und den Dawson von allen Fahrern des CID am liebsten mochte, lenkte den indischen Tata-Polizeijeep über den holprigen Feldweg zur Police Hospital Mortuary, kurz PHM, der Gerichtsmedizin. Es handelte sich um einen deprimierenden grauen Steinklotz, den der Staub aus Jahrzehnten mit braunen Schattierungen versehen hatte. Das Gebäude musste entweder renoviert und vergrößert oder abgerissen und neu gebaut werden. Wobei Dawson Letzteres vorgezogen hätte.

Baidoo parkte unter einem blühenden Flammenbaum, der einen willkommenen Farbtupfer inmitten all des trüben Graubrauns bildete. Der Empfang war gleich hinter dem Eingang links. Geradeaus standen zwei alte Särge übereinandergestapelt, die schon seit Jahren dort waren und inzwischen zum Mobiliar gehörten. Dawson wandte sich nach links zur Rezeption, über der eine Wandtafel verkündete: JESUS CHRISTUS STARB FÜR EURE SÜNDEN. Bei Dawsons Anblick sprang der junge Lance Corporal hinter dem Tresen sofort auf.

»Morgen, Massa«, begrüßte er ihn, statt mit dem üblichen »Sir«. Vielleicht war die Anrede aus der britischen Kolonialzeit übrig geblieben, als schwarze Polizisten ihre weißen Vorgesetzten »Master« nannten; inzwischen hatte sie sich jedenfalls als Anrede für Ranghöhere etabliert.

»Morgen, Brempong«, sagte Dawson. »Wie geht’s?«

»Bestens, Massa.«

»Ist Dr. Biney da?«

»Ja, Massa, er ist schon drinnen.«

»Danke.«

»Gerne.«

Dawson ging durch die Doppeltür, über der KEIN ZUTRITT stand. Direkt dahinter befand sich die Gerichtsmedizin, was Dawson bei seinem ersten Besuch ziemlich erschrocken hatte. Es gab nur zwei Autopsietische für einen Rückstau an Leichen, deren Zahl in die Hunderte ging. Vier Assistenten waren ständig in Bewegung, sodass der Raum etwas von einer stark befahrenen Straßenkreuzung hatte. Dr. Biney war am rechten Tisch. Er trug eine Maske, doch als er zu Dawson aufsah, erkannte dieser an Bineys gekräuselten Augenwinkeln, dass er lächelte.

»Inspector Dawson! Willkommen.«

»Danke, Dr. Biney, freut mich, Sie zu sehen.«

»Ich schließe nur rasch diese Untersuchung ab, dann nehmen wir uns Ihren Fall vor. Möchten Sie sich schon mal fertig machen?«

Dawson ging in den Nebenraum, wo er zu einer Maske griff. Als Nächstes kam der Kittel. Dann holte er einmal tief Luft und kehrte in den Autopsieraum zurück. Der Gestank hier war moderater und weniger schlimm als beispielsweise an der Korle-Lagune, zugleich aber eigentümlich durchdringend.

Dr. Biney und seine Assistenten führten einen hektischen, aber streng choreografierten Tanz auf. War ein Fall abgeschlossen, kippten zwei Assistenten die Organe wieder in die Leiche zurück und hievten diese auf eine Rolltrage. Während sie einen Toten herausrollten, wurde der nächste schon in den Raum gebracht. Gleichzeitig bereitete ein Mitarbeiter am zweiten Seziertisch den neuen Fall vor, indem er einen Längsschnitt vom Hals bis zum Schambein ausführte. Dawson war schon oft hier gewesen, und trotzdem hatte er sich noch immer nicht an die Geschäftsmäßigkeit gewöhnen können, mit der das Team arbeitete. Innerlich zuckte er nach wie vor zusammen, wenn die Leichen mit einem Scheppern auf der Metallbahre landeten. Entspann dich, sagte er sich immer wieder. Die merken nichts mehr.

Während sie warteten, plauderte Dawson mit Dr. Biney. Es war keine oberflächliche Nettigkeit, denn die beiden Männer freuten sich ehrlich, einander zu sehen.

»Legen wir los«, sagte Biney, als Dawsons Fall hereingerollt wurde. »Bereit?«

Die Leiche war nebenan gewaschen worden, sodass sie ein klein wenig besser aussah als am Vortag. Die Verwesungsspuren indes waren noch genauso furchtbar, und der Geruch rief immer noch Brechreiz hervor. Die oberste Hautschicht schlug Blasen und löste sich stellenweise ab. Darunter kam eine verblüffend weiße Schicht zum Vorschein. Der Bauch war extrem aufgebläht und rund wie eine Domkuppel.

»Die Fäulnis konnte auch durch die Kühlung nicht ganz gestoppt werden«, sagte Biney, dem Dawsons Blick nicht entging. »Die Natur macht nun mal, was sie will, nicht?«

Dawson verzog das Gesicht und bemühte sich, nicht zu würgen. »Das ist manchmal schwer auszuhalten.«

»Ja, ist es. Haben Ihre Ermittlungen schon irgendetwas ergeben?«

»Nichts. Wir haben keine Ahnung, wer er ist.«

Dr. Biney drehte sich zu George. Er war ein Urgestein der Gerichtsmedizin, der erfahrenste unter den Assistenten. »Haben Sie beim Waschen etwas Interessantes entdeckt?«

»Ja, Doctor, wenn Sie erlauben«, antwortete George unterwürfig. »Zuerst fiel uns dies hier auf.«

Er hob die rechte Hand der Leiche an.

»Aha.« Dr. Biney trat näher. »Der Daumen und sämtliche Finger bis auf den Zeigefinger wurden abgehackt.«

»Sind die Wunden frisch?«, fragte Dawson.

»Wahrscheinlich. Sie wurden ihm entweder unmittelbar vor dem Tod oder direkt danach beigebracht.«

Dr. Biney sah zu Dawson, der die Mundwinkel hinter der Maske nach unten zog. »Ich habe keinen Schimmer, was das bedeutet.«

»Ich auch nicht«, sagte Dr. Biney. »Sonst noch etwas, George?«

»Ja, Doctor.« Er hob die geschwollene Oberlippe der Leiche an.

»Fehlender rechter Eckzahn«, murmelte Dr. Biney und bückte sich. »Sieht aus, als würde der ganze Zahn fehlen, wurde also nicht bloß abgebrochen. Wie lange er schon fehlt, kann ich allerdings nicht sagen. Ich werde es in meinem Bericht notieren. War das alles, George?«

»Ja, Doctor, Sir.«

»Na, dann machen Sie weiter.«

Während George den Längsschnitt vornahm, wandte sich Dr. Biney zu dem Tisch neben dem Waschbecken. »Wir haben seine Kleidung hier drüben, Inspector. Ach übrigens, seien Sie darauf gefasst, dass Gase aus dem Körper austreten. Das wird nicht schön.«

Die Kleidung war inzwischen trocken: ein zerschlissenes T-Shirt und eine lange Shorts mit einer Sicherheitsnadel am Bund, wo einmal Knöpfe gewesen waren.

»Sehen Sie sich das an.« Biney breitete vorsichtig das T-Shirt aus, mit dem Rücken nach vorn. »Da rechts ist ein Loch, fast rechteckig, und an den Rändern zeichnet sich ein Fleck ab – vermutlich Blut.«

»Eine Stichwunde?«, fragte Dawson.

»Scharfsinnig wie immer, Inspector! Ja, ich tippe auf eine Stichwunde.«

Dawson hustete und würgte, denn besagte Gase, vor denen Biney ihn gewarnt hatte, wurden nun freigesetzt. Selbst der hartgesottene George murmelte einen Fluch.

»Nichts für zarte Gemüter«, sagte Biney und kehrte zum Autopsietisch zurück. Dawson zögerte kurz, ehe er ihm folgte.

»Also, was ich Ihnen sofort erzählen kann«, begann Biney, während George die Brustplatte abhob, »ist, dass er zwischen fünfzehn und siebzehn Jahre alt war.«

»Zwischen fünfzehn und siebzehn?«, wiederholte Dawson erschüttert. »Na, das ändert doch einiges. Wir haben eigentlich noch einen Jungen vor uns. Dabei hatte ich ihn viel älter geschätzt.«

»Die Zersetzung verfälscht das Bild, aber eine Aufnahme mit unserem brandneuen Röntgengerät aus zweiter Hand, ein Geschenk der dänischen Regierung, zeigt uns die Knochenstruktur eines jungen Menschen. Die Epiphysen sind noch offen, demnach wäre er noch ein ganzes Stück gewachsen.«

»Doctor«, sagte George, der in den Brustkorb blickte. »Sehen Sie sich das an.«

Biney ging zu ihm. »Meine Güte! Ein massiver Hämothorax. Der rechte Lungenflügel schwimmt praktisch in Blut. Saugen Sie das bitte ab, George. Inspector, das dürfte Sie interessieren.«

Dawson beobachtete, wie Biney den rechten Lungenflügel aus dem Brustkorb hob.

»Ein Riss in der rückseitigen Lungenoberfläche sowie stark beschädigtes Lungengewebe«, sagte er. Dann untersuchte ­Biney weiter, und die anderen Assistenten sahen ihm aufmerksam dabei zu.

Nach etwa einer Minute erklärte Biney: »Das ist ein tiefer Riss, der weit ins Gewebe hineingeht. Schauen wir mal, wie es auf der rechten Lungenrückseite aussieht. George, würden Sie das bitte spülen?«

Nachdem George die rechte Brustkorbhälfte gespült hatte, konnte Biney mehr erkennen.

»Die Muskeln im fünften Interkostalraum sind beschädigt. Und hier sieht man eine Absplitterung an der sechsten Rippe, wo die Waffe mit beachtlicher Wucht hineingestoßen wurde. Drehen Sie den Körper bitte auf die linke Seite.«

Die Assistenten drehten den Toten und hielten ihn in der Position, damit Biney den Rücken untersuchen konnte.

»Wegen der Schwellung und der Zersetzung ist es auf den ersten Blick nicht leicht zu erkennen, aber wir haben eindeutig eine Wunde, die zu den inneren Verletzungen passt. Sehen Sie das, Inspector?«

»Ja, sehe ich.«

»Und die Wunde wiederum passt zum Riss im T-Shirt des Opfers, wo das Messer eindrang. Ich schätze, die Klinge war fünfzehn bis zwanzig Zentimeter lang.«

»Brutal«, murmelte Dawson.

»Oh ja. Eine Stichwunde im Rücken, die zur Lungenperforation, einem massiven Hämothorax und schließlich zum Tod führte.«

»Todeszeit?«

»Ich scheue mich vor einer Festlegung. Aber wenn wir bedenken, dass der Körper in warmer, feuchter, bakterienverseuchter Umgebung lag, kann es binnen Stunden zu einer Fäulnisbildung wie dieser hier kommen.«

Dawson blickte in das Gesicht des ermordeten Jungen. »Ich habe keinen Schimmer, wie wir ihn identifizieren sollen. Selbst Leute, die ihn gekannt haben, würden ihn in diesem Zustand nicht wiedererkennen. Eventuell hilft uns der fehlende Zahn weiter.«

»Oder ein forensischer Künstler«, sagte Dr. Biney und lachte leise. »Man wird ja noch träumen dürfen.«

Dawson grinste. In Ghana gab es so etwas wie forensische Künstler nicht.

Als sie sich die Hände wuschen, sagte Dr. Biney: »Inspector, ich glaube, Sie haben da einen Berg Arbeit vor sich.«

»Ja, das glaube ich leider auch, Doctor.«

5

Dawson gönnte sich ein schnelles Mittagessen im Papaye, bestehend aus kochend heißem Reis und Hühnchen und dazu eiskaltes Malta Guinness, sein Lieblingsgetränk. Wäre er zum Tode verurteilt, hätte er sich Malta zur Henkersmahlzeit gewählt: ein überzuckertes Malzgetränk mit Hopfen. Während er an einem der Tische auf sein Essen wartete, rief er Chikata an, um ihm von der Autopsie zu berichten.

»Da wird’s schwierig herauszukriegen, wer dieser Junge ist«, folgerte der Detective Sergeant.

»Ich weiß, aber wir müssen es trotzdem versuchen. Schnapp dir zwei Constables, fahr runter nach Agbogbloshie und frag nach einem vermissten Jungen, ungefähr siebzehn Jahre alt und ein Meter siebzig groß, dem der obere rechte Eckzahn fehlt.«

»Ewurade. Du schickst mich wieder auf diese stinkende Müllkippe?«

»Setz dir eine Maske auf.«

»Die Leute da reden nicht mit uns, Dawson.«

»Kann man nie wissen. Wunder gibt es immer wieder.«

»Nicht in Accra.« Chikata schnaubte verächtlich.

»Hör auf zu jammern und geh an die Arbeit.« Mit diesen Worten beendete Dawson das Gespräch.

Chikata war ein verwöhntes Gör. Und er konnte enorm faul sein. Sein Onkel, Theophilus Lartey, war Chief Superintendent bei der Polizei oder Chief Supol, wie es gern abgekürzt wurde. Entsprechend war Chikata überzeugt, dass er sich jede erdenkliche Freiheit herausnehmen konnte. Und wo ihn die Vetternwirtschaft schon mal zur Anstellung bei der CID-Mordkommission verholfen hatte, würde sie ihm sicherlich auch die dazugehörigen Beförderungen garantieren.

Dawson war beim letzten Schluck angekommen und überlegte, noch ein Malta zu bestellen, als sein Telefon klingelte.

»Dawson«, meldete er sich.

»Inspector! Wie geht es Ihnen?«

»Gut, danke, Wisdom.«

Dawson erkannte die dünne, spröde Stimme sofort, die klang, als würde man Bananenchips mit den Fingern zerbrechen. Wisdom Asamoah war einer der führenden Reporter beim Daily Graphic. Er und Dawson hatten seit Jahren immer wieder miteinander zu tun und waren sich schon manches Mal an die Gurgel gegangen.

»Ich rufe wegen des Toten in der Lagune an«, sagte Wisdom.

»Wie haben Sie davon gehört?«

»Tja ich habe meine Augen und Ohren überall, Dawson.«

»Dann wissen Sie sicher auch, dass wir eine Presseabteilung haben, an die Sie sich wenden können, nicht? Rufen Sie die an.«

»Ach, kommen Sie, Dawson! Eure Presseleute sind viel zu langsam. Bis ich von denen die Info kriege, die ich brauche, bin ich längst tot und begraben.«

»Ich kann Ihnen etwas geben, aber Sie dürfen nicht meinen Namen nennen.«

»Mir können Sie vertrauen, Dawson, das wissen Sie doch.«

»Wir wissen noch nicht, wer das Opfer ist, aber es war Mord.«

»Wie wurde er umgebracht? Ertränkt?«

»Nein.«

»Wie dann?«

»Er ist nicht ertrunken.«

»Okay, Sie verraten’s nicht. Wie alt war das Opfer?«

»Schätzungsweise sechzehn oder siebzehn.«

»Ah, also ein Teenager, ja? Hat Dr. Asum Biney die Autopsie durchgeführt?«

»Ja.«

»Und keine Zeugen?«

»Nein, nichts.«

»Wann geben Sie Fotos an die Presse?«

»Gar nicht. Die Verwesung war zu weit fortgeschritten.«

»Hmm, Sie brauchen einen forensischen Künstler.«

Dawson stutzte. »Wie kommen Sie denn darauf?«

»Ich gucke Forensic Files«, antwortete Wisdom lachend.

»Tja, wir sind in Ghana.

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