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Absolute Beginners

Titel

IM JUNI

Es geschah mit dem Anbruch der Laurie-London-Ära1, als mir klar wurde, dass das ganze Teenager-Epos dem Untergang entgegentaumelte.

»Vierzehn Jahre alt, dieser Einsteiger«, sagte ich zum Wizard, als wir beiläufig in der Grammophonabteilung stehen blieben, um Little Laurie in jener Darbietung zu hören, die ihm die Goldene Schallplatte beschert hatte.

»Ab jetzt«, sagte der Wizard, »hält er zweifellos The Whole World in His Hands.«

Wir horchten, wie es in den Nasenlöchern des Wunderknaben rotierte.

»Jedes Jahr kaufen sie uns ein Stück jünger«, rief ich. »Also echt, Little Mr. L. ist noch nicht mal im Stimmbruch, wen werden die Steuerzahler wohl als Nächstes kidnappen?«

»Säuglinge«, sagte der Wizard.

Wir stiegen über die weiße Treppe zum Wintergarten unter dem Dach des Kaufhauses hoch und standen vor dem glorreichen Panorama, unserem Lieblingstreffpunkt.

Ich muss erklären, dass der Wiz und ich nie in diesen Laden kommen, um irgendwas zu kaufen, außer, wie heute, ein Räucherlachssandwich und einen Eiskaffee. Im Wesentlichen schauen wir uns hier wie ein Ehepaar die neuesten Möbel und Stoffe an und haben außerdem diesen famosen Blick auf London; so wunderbar wie nirgends sonst in der Stadt, den anderen Nervensägen unseres Alters aber offenbar unbekannt und überhaupt allen anderen auch, außer den ältlichen Schachteln aus Chelsea, die hier oben ihren Elf-Uhr-Tee zu sich nehmen.

Nach Norden raus sieht man nicht viel, stimmt schon, und nach Westen ist der Blick komplett durch das Kaufhausgebäude verstellt. Aber wenn du dich auf deinem Barhocker langsam von Osten nach Süden drehst, siehst du, wie im Cinerama2, schmucke neue Wolkenküsser aus Beton, die wie Statuen von englischen Altstadtplätzen ragen, und dann kommen die prachtvollen Parks mit Bäumen wie klassischer französischer Salat und schließlich das Hafenleben entlang der Themse, diesem glorreichen Fluss, der dich daran erinnert, dass du dich an einem Meereseingang befindest, eigentlich einer Salzbracke, mit hysterischen Möwen, die vom Wasser aufsteigen und fast mit den Schnäbeln an das runde Spiegelglas schlagen, und dann, ehe du dichs versiehst, hast du dich einmal um dich selbst gedreht und sitzt wieder vor deinem Becher Eiskaffee.

»Laurie L.«, sagte ich, »ist ein Signal des Niedergangs. Dieses Teenager-Ding läuft langsam aus dem Ruder.«

Der Wiz sah weise drein, so wie der mittlere Bursche der drei alten Affen.

»Es sind nicht die Steuerzahler«, sagte er, »die dafür verantwortlich sind. Es sind die Kids selbst, weil sie die EPs dieser von alten Säcken bestochenen Teenager-Nachtigallen kaufen.«

»Kein Zweifel«, sagte ich, denn ich bin klug genug, mich mit dem Wizard, oder anderen, denen bei ihren Theorien einer abgeht, nicht zu streiten.

Mr. Wiz fuhr fort, während er für alle sichtbar sein Lachssandwich kaute: »Sie steigt in zwei Richtungen, diese Teenager-Party. Die Kiddos werden von den Rekruten ausgebeutet, und sie werden von sich selbst ausgebeutet, von diesen gewieften kleinen Einsteigern. Das Endergebnis? ›Teenager‹ ist jetzt ein Schimpfwort, oder es klingt zumindest nach ›Spießer‹.«

Ich lächelte Mr. W. an. »Na ja, mach mal langsam, Junge«, sagte ich, »ein sechzehnjähriger Knirps wie du hat noch jede Menge Teenager-Leben vor sich. Was mich angeht, achtzehn, fast neunzehn Sommer alt – ich werde schon bald einer von den Oldies da draußen sein.«

Der Wizard musterte mich mit seinem Somerset-Maugham-Blick. »Ich, mein Junge«, sagte er, »ich sag dir eins. So wie die Dinge stehen, werde ich es nicht bedauern, wenn mir das Teenager-Etikett von den Arschtaschen meiner bügelfreien himmelblauen Jeans gerissen wird.«

Es stimmte, was der Wiz da sagte, zumindest teilweise. Der Teenager-Tanz hatte wahrlich Größe in den Tagen, als die Kids erkannten, dass sie – zum ersten Mal seit Anbeginn der Zeit – Geld hatten, etwas, das uns bis dahin immer genau dann im Leben versagt geblieben war, wenn es am nützlichsten ist, nämlich wenn man jung und stark ist; und bevor die Zeitungen und das Fernsehen dieses Teenager-Märchen an sich rissen und ausschlachteten, wie die Rekruten das anscheinend mit allem tun, das sie anfassen. Ja, ich sag dir, es war was wirklich Großes, Wildes – als wir merkten, dass keiner uns mehr mit dem Arsch auf der Nase sitzen konnte, weil wir endlich Kohle zum Rausschmeißen hatten, und unsere Welt sollte unsere Welt sein: die, die wir wollten, und nicht eine, in der wir vor der Tür anderer Leute stehen und auf ein bisschen Honig warten mussten.

Ich stand von meinem Hocker auf und ging zum Fenster des schwankenden alten Kaufhauses, so nah ans Glas gedrückt, dass es schien, als schwebte ich draußen in der Luft, als hinge ich im Raum über der Stadt; und ich schwor bei Elvis und all den Heiligen, dass dieses, mein letztes Teenager-Jahr, ein echter Rave sein würde. Ja, Mann, komme, was wolle, in diesem letzten Jahr des Teenage-Traums war ich auf Spaß und Wahnsinn aus.

Aber schon wurde mein Friede gestört, als ich hörte, wie sich der Wizard lauthals mit dem Rekruten hinter der Bar stritt.

Ich sollte erklären, dass der Wiz alle Oldies hasst, genauso wie Psychos Juden hassen oder Ausländer oder Farbige, das heißt, er hasst alle, die keine Teenager sind, mit Ausnahme der kurzbehosten Knirpse und Püppchen, in denen er offenbar den Teenager schon knospen sieht. Der Wiz mag einfach niemanden in der Bevölkerung, der nicht der Teenager-Spezies angehört, und er nimmt jede Gelegenheit wahr, die Oldies an ihre Haaransatzfärbungen zu erinnern und aus vollem Hals die Hymne des Teenager-Triumphs zu singen.

Wiz hat es raus, die Steuerzahler an ihrem wundesten Punkt zu treffen. Sogar vom Fenster aus konnte ich sehen, dass das Gesicht des Barmanns rot war wie ein rohes Stück Fleisch, und als ich näher kam, hörte ich, wie ihn die scharfe, flache kleine Stimme des Wizards piesackte: »Oh, ich nehme an, du bist unterbezahlt, Junge, das ist dein Problem. Dir gefällt deine Arbeit hier oben mit den alten Hennen wohl nicht.«

»Am besten du bezahlst jetzt und machs dich dünne«, sagte der Rekrut.

Der Wizard wandte sich zu mir. »›Machs dich dünne‹, sagt der – hör dir das an! Der Sklave spricht noch den echten alten My Fair Lady-Dialekt.«

Die Taktik des Wizards bestand immer darin, den Gegner zum Losschlagen zu verleiten, was, weil er klein ist und so schmal aussieht und so jugendlich, das Mitleid anderer Altster erregt, besonders derer, die schon als Tanten auf die Welt kamen; die ergreifen dann seine Partei und reißen das Anti-Teenager-Lager auseinander. Oft hat er Erfolg damit, weil er echt sagenhaft furchtlos ist, ein durch und durch verschlagener, dreckiger kleiner Kämpfer; und er scheitert nur dann, wenn sie ihn gelegentlich einfach auslachen – das treibt ihn zur Weißglut.

Wie ich mir gedacht hatte, ging es bei der momentanen Auseinandersetzung um die Rechnung, die Wizard, wenn er in Stimmung ist, auch dann in Frage stellt, wenn es sich nur um eine Tasse Tee dreht. Und selbst wenn er flüssig ist, tut er oft so, als sei er vollkommen pleite, und sagt, tja, bitte schön, ich hab kein Geld, was wollt ihr da jetzt machen? Und dabei ist die linke Brusttasche seines Continental-Sakkos sichtbar mit Geldscheinen vollgestopft, aber sein Gesichtsausdruck ist so bedrohlich, so komm-und-kill-mich, dass sie Schiss kriegen, und ich tu’s auch. Meistens scheint es zu funktionieren, weil sie ihm dann nahelegen, Leine zu ziehen, was er auch tut, und zwar in der Zeit und in dem Tempo, als hätte er ein Acht-Gänge-Menü zu sich genommen und bezahlt, und nicht gerade eine Rechnung platzen lassen.

Ich zahlte für ihn, und Wiz hatte nichts dagegen, dass ich zahlte, er lachte bloß sein mickriges Ha-Ha-Lachen, als wir die silberweiße Metalltreppe heruntergingen. »Junge«, sagte er, »du bist die geborene Erwachsenen-Nummer. So konventionell wie du drauf bist, kannst du es scheint’s gar nicht erwarten, Familienvater zu werden.«

Ich ärgerte mich zwar über ihn, antwortete aber: »Sei halt nicht so, Wizard. Alle wissen, dass du im Geld schwimmst, wieso spielst du dieses Kindergarten-Spielchen?«

Und das ist eine Tatsache, ich meine, dass er im Geld schwimmt, weil der Wiz, trotz seines zarten Alters, in seiner Altersklasse der Gauner Nummer eins der Hauptstadt ist, wobei sein Talent darin besteht, A mit B bekannt zu machen, oder umgekehrt, das heißt, wenn jemand etwas zu verkaufen hat und jemand anders danach verlangt, hat Wiz einen fabelhaften Instinkt dafür, sie auch beide zu treffen und zusammenzubringen. Du wirst einwenden, dass es dafür doch Läden gibt, was auch stimmt. Aber nicht für den Austausch der Art von Waren, an denen die Kunden des Wizards interessiert sind, was, wie du wahrscheinlich schon erraten hast, keine ganz legalen Waren sind, und wenn ich »Waren« sage, meine ich eventuell eine Art von Dienstleistungen, die dich dazu bringen könnten, den Wiz einen Kuppler zu nennen oder einen Zuhälter, wenn du so willst – nicht, dass er damit ein Problem hätte.

Ich habe mich schon gefragt, wie der Wizard damit durchkommt, denn schließlich hat er es mit männlichen und weiblichen Gaunern zu tun, die sicher schlauer sind als er, und gewiss, in jedem Fall, stärker. Aber er kommt ganz gut mit ihnen klar – tatsächlich so gut, dass es einen direkt stolz macht, selber zu den Kids zu gehören. Und das schafft er, glaube ich, weil er sehr früh herausgefunden hat, was die meisten Kids nie erfahren und was ich erst nach Jahren erkannt habe – tatsächlich ist es mir erst dieses Jahr gedämmert, wo mir das Wissen nichts mehr nutzt –, dass nämlich die Jugend Macht hat, eine Art göttlicher Macht direkt von Mutter Natur. All die alten Steuerzahler wissen dies natürlich, weil sich die armen alten Säcke nur zu gut an die glorreichen Tage ihrer eigenen Jugend erinnern, aber andererseits sind sie so eifersüchtig auf uns, dass sie uns diese Tatsache verheimlichen und sich nur gegenseitig davon zuflüstern. Was die Jungen und Mädchen angeht, die lieben jungen Einsteiger, da hab ich manchmal das Gefühl, dass sie, wenn sie von dieser Tatsache nur wüssten, von dieser sehr simplen Tatsache, davon nämlich, wie mächtig sie wirklich sind, dass sie sich dann vielleicht über Nacht erheben und die alten Steuerzahler versklaven könnten, die ganze verdammte Bande – mit ihren Toupets und Gummibusen und Verjüngungstinkturen und allem –, auch wenn es Millionen an der Zahl sind und sie die Schaltpositionen besetzen. Und ich nehme an, es war ebender Umstand, dass nur der kleine Wizard sich darüber klar war, und die ganzen anderen zwei Millionen Teenager nicht, die es in unserem Land geben soll, was ihm die Laune so vergällte wie dem General schlapper Truppen, die er nicht in die Schlacht führen kann.

»He’s got the whole wide world in his hands!

He’s got this crumby village drapers in his hands!3

He’s got …«

Das war der Wizard, der seine eigene Improvisation der Laurie-London-Nummer zum Besten gab. Und da das Treppenhaus offenbar aus Schlackenbetonblöcken gebaut war, gab es ein Echo wie aus einem Megafon die Treppe rauf und runter, ganz zur Verblüffung der ältlichen Schachteln, die dort gerade ihre Einkäufe hinaustrugen.

»Ganz langsam«, sagte ich und legte meine Hand auf den Arm des Wizards.

Er riss ihn weg und funkelte mich an, als wäre ich das, was ich in diesem Moment bestimmt auch war: sein schlimmster Feind.

»Fass mich nicht an!«, sagte er, wenn man es »sagen« nennen kann, denn »kreischen« käme seinem Ton näher.

»Alles klar, Großer«, sagte ich zum ihm und wollte innerlich nichts mehr mit der ganzen verdammten Sache zu tun haben.

Wir traten aus den Glastüren in einen absolut fabelhaften Junitag, wie ihn nur die alte Hure London ausspucken kann, das allerdings nur sehr gelegentlich. Der Wizard stand da und sah an mir hoch, als wog er ab, ob er mich beleidigen oder doch den Kalten Krieg abblasen sollte.

»Pass auf, Wiz«, sagte ich zu ihm. »Es ist nicht so, dass ich mich von Natur aus gern einmische, ich denke bloß, wenn du so weitermachst, wirst du dich umbringen, und das würde ich bedauern.«

Das schien ihm zu gefallen, und er lächelte. Und wenn der kleine Wizard seinen Schutzschild runterlässt, ist es echt wie ein Wunder, weil hinter seinem rasiermesserscharfen Gesicht ein richtig charmanter Junge zum Vorschein kommt – wenn auch nur für einen Augenblick.

»Ich muss los und Suzette treffen«, erzählte ich ihm. »Ich hab gehört, dass sie einen Klienten für mich hat.«

»Das müsste dir ja gefallen«, sagte Wizard, »nachdem du so viel Geld ausgegeben hast, um meine Rechnungen zu bezahlen.«

»Du bist eine abscheuliche kleine Kreatur, Wiz«, sagte ich ihm. »Es ist erstaunlich, dass sie dich nicht für irgendein Experiment hernehmen.«

»Man sieht sich«, sagte Wizard. »Und bestell der kleinen Suze bitte all meinen Hass.«

Er hatte schon ein Taxi angehalten, denn Wizard bewegt sich ausschließlich im Taxi fort und läuft lieber meilenweit, als den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen – obwohl ich mitbekommen habe, dass er auch schon mal den Nachtbus nimmt. Er hatte eine längere Auseinandersetzung mit dem Fahrer, bevor er einstieg – anscheinend versuchte der Wizard den Bürger zu überreden, eine Tür offen zu lassen, damit die Sommerbrise während der Fahrt seine naturblonde Marlon-Brando-Frisur verwirbeln konnte.

Ich konnte aber nicht abwarten ob er damit Erfolg hatte, weil man bei Suzette aus folgendem Grund auf die Minute pünktlich sein muss: dass sie nämlich sofort aufsteht, wenn sie einen Neger4 sieht, der ihr gefällt, und ihm nachläuft, komme, was mag; allerdings muss ich zu ihrer Verteidigung sagen, dass sie bis zur verabredeten Zeit wie mit dem Hintern angeleimt sitzen bleibt, selbst wenn Harry Belafonte vorbeigeht. Suzette heißt sie übrigens, so erzählt sie, seitdem einer ihrer Neger-Liebhaber sie so nannte – als er sie schmachtend von Kopf bis Fuß betrachtete, besonders Fuß, sagte dieser Neger, ein Fang aus Gabun, zu ihr: »Chérie, du bist mein Crêpe Suzette, ich werde dich verspeisen.« Und ich habe keinen Zweifel, dass er genau das getan hat.

Es ist einfach so, dass die kleine, süße, siebzehnjährige Suzette versessen ist auf Neger. Und ich hab ihr schon oft erklärt, dass man den Umstand, ein Freund der Farbigen zu sein und keine Vorurteile zu haben und den ganzen Scheiß, dass man das nicht dadurch beweisen muss, indem man jeden Neger, den man sieht, mit nach Hause nimmt und zwischen die Laken zerrt. Aber Suzette ist in dieser Hinsicht ziemlich frei von Scham, freut sich des Lebens, und natürlicherweise ist sie bei den Jungs sehr beliebt. Sie verdient kein Geld mit ihrem Tun; denn obwohl ich glaube, dass sie das gern würde und sicherlich auch könnte – sogar ziemlich viel, wenn sie zufällig auf Weiße stünde –, geben ihr die Neger nichts, und zwar nicht weil sie nicht stinkreich oder großzügig wären, das sind sie beides sehr oft, sondern weil jeder Neger trotz aller gegenteiliger Anzeichen (und da gibt es eine Menge) glaubt, es würde jede Frau der Schöpfung nur nach der Ehre seiner Gesellschaft dürsten. Obwohl sie also die Schönste auf dem Strutter’s Ball ist, muss sich die arme alte Suzette jeden Tag in einem Modegeschäft abmühen – was sie aber zufällig für mich so nützlich macht.

Ich werde nun offenbaren, womit ich mich täglich abschinde, und das ist etwas eigen. Nicht dass ich mich nicht an einem sogenannten geregelten Tagwerk versucht hätte, sowohl mit der Hand als auch mit dem Kopf. Aber alle Jobs, die ich bekam, selbst die gut bezahlten (das waren die mit der Hand), versagten mir die beiden Dinge, die ich als absolut notwendig für ein kultiviertes Leben erachte, nämlich – und jetzt bitte Stift bereithalten und mitschreiben – dass man nach seinem eigenen Zeitplan arbeitet und nicht nach dem von sonst wem, erstens, und zweitens, dass man, selbst wenn man nicht jeden Tag das große Geld macht, wenigstens ab und zu was ranschafft. Es ist schrecklich, um es anders auszudrücken, so ganz ohne Hoffnung zu leben.

Was ich also bin, ist Fotograf: Straße, Freizeitpark, Studio, künstlerische Posen und, von Zeit zu Zeit, wenn ich einen Klienten finde, pornografische. Das ist abscheulich, ich weiß, andererseits schädigt es aber nur meine Kunden, die Psychos, und was die Kids angeht, die mir als Modelle dienen, würden die es allein schon für den Spaß machen, und für das Honorar, das ich ihnen zahle, erst recht. Einen Job wie meinen zu haben, bedeutet, dass ich nicht zur großen Gemeinschaft der Trottel gehöre: der riesigen Mehrheit von Spießern, die nur ausgebeutet werden. Mir scheint, dass das Trottelsein und das Nicht-Trottelsein die Menschheit schlechterdings in zwei Gruppen teilt. Es hat nichts zu tun mit Alter oder Geschlecht oder Klasse oder Hautfarbe – entweder man kommt als Trottel zur Welt oder als Nicht-Trottel, und ich vertraue ganz darauf, dass bei mir Letzteres der Fall ist.

Und jetzt verstehst du auch, warum ich von Zeit zu Zeit mal Suze besuche. Denn Suze trifft bei ihrer Arbeit im Modegeschäft jede Menge perverser Typen, meistens unter den Vatis der Puppen, die sich dort einkleiden, und sie agiert als mein Agent und beschafft mir Aufträge für pornografische Fotos, wofür sie eine Kommission von fünfundzwanzig Prozent bekommt. Du siehst also, Suze ist ein gerissenes Ding, und das liegt ohne Frage daran, dass sie nicht nur Engländerin ist, sondern teils gibraltarische, teils schottische Wurzeln hat und auch jüdische, was vielleicht der Grund dafür ist, dass ich mich so gut mit ihr verstehe, da ich aus den Adern meiner Mutter selbst ein bisschen jüdisches Blut geerbt haben soll – auf jeden Fall bin ich beschnitten.

Ich fand Suze in ihrem Stammcafé in Belgravia, bei ihrer Arbeit um die Ecke, eines der eher eigenartigen Sorte namens The Last Days of Pompeii, und genau so sollte es auch aussehen, mit Steinsitzen in dunklen Ecken und einem zerstörten Brunnen als Herzstück und einem mumifizierten Römer, der in einer Höhlung in der Wand eingebettet war, nur so zum Spaß, behaupte ich mal. Suze ließ ihren Cappuccino kalt werden und knabberte ein Sandwich mit Frischkäse und Gurke, denn Suze isst mittags nie viel, da sie zur Rundlichkeit neigt, was mir ziemlich gefällt, aber abends holt sie das mit riesigen Tellern voll Hühnchen und Erbsen wieder nach, die sie für ihren Neger-Besuch kocht.

»Hi, Darl«, sagte sie.

»Hi, Hon«, antwortete ich.

Wir hatten mal gehört, wie sich zwei Filmstars so anredeten, in einem Film, den wir uns zusammen ansahen und auf den wir ziemlich abfuhren, als Suze und ich noch fest zusammen waren, vor Ewigkeiten.

»Wie geht’s den Jungs?«, fragte ich sie, setzte mich ihr gegenüber und legte unter dem winzigen Tisch meine Knie an ihre.

»Den Jungs«, sagte sie, »geht es ganz gut. Ganz, ganz okay.«

»Hattest du schon deinen Hundertsten?«, fragte ich sie.

»Noch keine hundert«, gab Suze zurück. »Noch nicht, nein, ich glaub nicht, keine hundert.«

Ich bestellte mir eine Cassata. »Denkst du je darüber nach, einen von denen zu heiraten?«, fragte ich sie nervös und kam dabei, wie immer, wenn ich mit Suze über ihr Liebesleben rede, in einen üblen Groove.

Sie schaute verträumt und klimperte doch tatsächlich wie ein italienisches Starlet mit ihren Wimpern. »Wenn ich je heirate«, sagte sie, »dann nur vornehm. Ich habe vor, eine sehr vornehme Ehe einzugehen.«

»Also nicht mit einem Neger.«

»Nein, das glaube ich nicht.« Sie blies ein kleines braunes Nest in den weißen Milchschaum ihres Cappuccinos. »Genau genommen«, sagte sie, »habe ich schon einen Antrag. Oder was einem Antrag gleichkommt.«

Sie brach ab und blickte mich an. »Sag schon«, sagte ich.

»Von Henley.«

»Nein!«

Sie nickte und blickte nach unten.

»Diese furchtbare alte Schwuchtel!«, rief ich.

Ich muss klarstellen, dass Henley der Modedesigner ist, für den Suzette arbeitet, und alt genug, ihre Tante zu sein, von allem anderen mal ganz abgesehen.

Suze sah mich streng und pikiert an. »Henley«, sagte sie, »mag andersrum sein, aber er ist vornehm.«

»Das ist er sicherlich!«, rief ich. »Oh, das ist er sicherlich sehr!«

Sie hielt inne. »Unsere Ehe«, fuhr sie fort, »wäre natürlich sexlos.«

»Darauf kannst du wetten!«, brüllte ich. Ich blitzte sie an, auf der Suche nach dem Killersatz. »Und was wird Miss Henley sagen«, schrie ich, »wenn die Neger zu Tausenden in sein vornehmes Brautzimmer gestapft kommen?«

Sie lächelte mitleidsvoll und war still. Ich hätte ihr eine reinhauen können.

»Ich kapier das nicht, Suze«, rief ich. »Du bist eine Sekretärin in dem Ding, noch nicht mal ein schickes Modell. Warum sollte er ausgerechnet dich als Alibi-Frau vorschieben wollen?«

»Ich glaube, er verehrt mich.«

Ich sah sie finster an. »Du heiratest ihn wegen der Kohle«, rief ich aus. »Mit den Negern warst du bloß ein Flittchen, aber jetzt wirst du eine Hure!«

Sie reckte mir ihr entschlossenes, störrisches kleines Gesicht entgegen. »Ich heirate vornehm«, antwortete sie, »und das ist etwas, was du mir nie bieten könntest.«

»Nein, das könnte ich nicht«, sagte ich tief gekränkt.

Unter dem Vorwand, eine Platte anmachen zu wollen, stand ich auf, drückte wild auf den drei Knöpfen herum, und glücklicherweise wurde mir Ella5 beschert, die sogar einen Vulkan abkühlen könnte. Ich ging für einen Moment zur Tür, und die Luft war echt so dick vor Hitze, dass es einen fast erschlug. »Dieser Sommer kann nicht so weitergehen«, sagte das Großmaul hinter der Gaggia und wischte sich mit seinem verschwitzten Arm über seine verschwitzte Stirn.

»Oh doch, das kann er, Daddy-O«, antwortete ich. »Er kann so lange weitergehen, bis der Kalender stopp sagt.«

»Nein …«, sagte das Großmaul, während es traurig ins Schwarzblau dieses saftigen Juni-Himmels blickte.

»Es kann für immer weiterleuchten«, zischte ich, und es vermischte sich mit dem Dampf aus seiner Kaffeemaschine, während ich mich nach vorne beugte. Dann drehte ich mich um und ging zurück zu Suze. »Erzähl mir von diesem Kunden«, sagte ich und setzte mich dabei. »Erzähl mir das Wer, das Wann und auch, wenn du es weißt, das Warum.«

Nachdem sie ihren kleinen Pfeil in meine Lunge gebohrt hatte, war Suze jetzt recht nett zu mir. »Er ist Diplomat«, antwortete sie, »sagt er zumindest.«

»Vertritt er ein bestimmtes Land?«

»Nicht direkt, nein, er ist hier wegen einer Konferenz, hat sie gesagt.«

»Wer, sie?«

»Die Frau, die mit ihm zu Henley kam, um Kleider zu kaufen.«

Ich blickte Suzette an. »Bitte erzähl mir, was ich schon immer wissen wollte. Wie kommst du eigentlich zum Thema?«

»Welches Thema?«

»Dass du Agent für meine Kamera-Studien bist.«

Sie lächelte.

»Och, das ist ziemlich leicht, eigentlich. Manchmal wissen sie natürlich schon davon, wenn wir von anderen Kunden empfohlen wurden. Sonst, wenn nicht, begutachte ich sie ein bisschen und zeig ihnen dann ein paar Beispiele.«

»Einfach so?«

»Ja.«

»Und Henley? Weiß er davon?«

»Ich mach es nie, wenn er da ist«, sagte Suze, »aber ich nehme schon an, dass er es weiß.«

»Verstehe«, sagte ich. Irgendwie gefiel mir das nicht. »Verstehe. Und was ist mit diesem Diplomaten? Wie mache ich den klar?«

»Würdest du bitte?«, sagte Suze bloß, weil ich jetzt nämlich eins ihrer Knie zwischen meine geklemmt hatte. Ich ließ los und sagte: »Also, wie?«

Sie machte ihre Ledertasche auf und holte eine abgegriffene Karte heraus, auf der stand:

Mickey Pondoroso
12b, Wayne Mews West,
London (England), SW1

Die Adresse war mit Kupferdruck eingestanzt, aber der Name war mit der Hand draufgeschrieben.

»Oh«, sagte ich und befühlte das Ding. »Hast du irgendeine Ahnung, was für eine Art von Aufnahmen er will?«

»Ich bin nicht ins Detail gegangen.«

»Gibt gar keinen Grund für den höhnischen Ton, Suze. Schließlich nimmst du mir fünfundzwanzig Prozent ab, oder nicht?«

»Kannst du’s mir schon im Voraus geben?«

»Nein. Damit fangen wir gar nicht erst an.«

»Na, dann.«

Ich stand auf und ging zur Tür. Sie kam ziemlich langsam hinterher.

»Ich mach mich dann mal auf die Suche nach diesem Typen«, sagte ich. »Soll ich dich noch zurück zu deinem Etablissement begleiten?«

»Lieber nicht«, sagte sie. »Wir sollen unsere Freunde nicht mit vors Gebäude nehmen.«

»Aber ich bin ja gar nicht mehr«, sagte ich, »dein Freund.«

»Nein«, sagte Suzette. Sie küsste mich ganz kurz auf die Lippen und rannte davon. Bremste dann ab und entschwand gesetzten Schrittes.

Ich machte mich auf durch Belgravia, auf der Suche nach Mickey P.

Und ich muss zugeben, dass ich Belgravia auf seine Art toll finde: nicht etwa weil es das wäre, wofür es die ganzen Vatis halten, die da wohnen, also für den schwindelerregenden Höhepunkt einer irren Kultiviertheit, sondern weil ich darin ein Produkt von Old England sehe, so wie den Wachwechsel oder Anzüge aus der Savile Row oder Stilton in großen braunen Porzellantöpfen und all die Sachen, die sie in Esquire bewerben, damit die Amerikaner Lust bekommen, ins malerische Großbritannien zu reisen. Ich meine, in Belgravia, die Blumenkästen und die Vordächer über den Türen und die Frontfassaden, alle in unterschiedlichen Creme-Tönen gestrichen. Das kultivierte Leben auf Pump mit ausladenden grünen Karrees vor dem Fenster und schnurrenden Karossen, geliehenen oder Diplomaten-Wagen, und alles wird an die Tür geliefert und angeschrieben, und kleine Restaurants, in denen affektierte kleine Kreaturen in hautengen Baumwollhosen eine halbe Avocado für fünf Schilling servieren, Gedeck nicht inbegriffen. Allein der gute alte König Ted fehlt in diesem Schauspiel. Nie komme ich durch diese Gegend, ohne mir zu denken, was das doch für ein famoses weiß-grünes Theater ist, in dem ein Ensemble eine Komödie aufführt, die ich ziemlich bewundere, wie traurig es auch sein mag, darüber nachzudenken.

Dort also war ich und lief in meinem neuen italienischen Sakko umher, das in Belgravia eine bahnbrechende Heldentat darstellte, denn hier trug man noch Sakkos, die bis über das hinabhängen, was Schneider den Sitz nennen. Und um meinen Nacken hing meine Rolleiflex, die ich immer bereithalte, Tag und Nacht, denn man weiß nie, es könnte ja ein Desaster geschehen, zum Beispiel ein Flugzeugabsturz am Trafalgar Square, das ich an die Tageszeitungen verkaufen könnte, in denen Fish and Chips eingewickelt werden, oder vielleicht ein Skandal, zum Beispiel eine bekannte Persönlichkeit, die mit der falschen Art von Mann oder Frau erwischt wird, was Mr. Wiz sicherlich zu Geld zu machen wüsste.

So schaffte ich es schließlich nach Wayne Mews West, und hier war es, wie oft in diesen Londoner Randsiedlungen, ziemlich ländlich, mit Kopfsteinpflaster und Blumen und Stille und einem Hauch von Pferdestall in der Luft; da sah ich eine Vespa mit einem CD-Nummernschild, die neben einem weißen, kürzlich zu einer Wohnung umgebauten Stall geparkt war, und neben einem Holztrog vor einer Chromtür eine Gestalt in einem malvenfarbenen Anzug aus thailändischer Seide, die allen Ernstes einen Feigenbaum goss, der aus dem Trog wuchs.

Ich schoss kurz ein Foto.

»Huhu«, sagte er, blickte auf und lächelte. »Willst du, dass ich neben meiner Vespa in Positur gehe?«

»Können die Ihnen nicht etwas mit vier Rädern zur Verfügung stellen?«, sagte ich. »Sie kommen doch sicher aus einem dieser sehr kleinen, sehr korrupten Länder.«

Mr. Mickey P. war naturgemäß nicht besonders erfreut. »Ich hab’s zu Schrott gefahren«, sagte er. »Es war ein Pontiac Cabriolet.«

»Schon verwirrend«, sagte ich, »dieser Linksverkehr bei uns.«

»Den Verkehr verstehe ich«, sagte Mr. P., »mir ist aber trotzdem einer reingefahren.«

»Das ist immer so«, sagte ich.

»Ist immer wie?«

»Halten Sie still, bitte, und lächeln Sie, wenn Sie eine solche Aufnahme wollen.« Ich klickte ein paar Mal. Er stand neben seinem Motorroller, als wäre es ein Araberhengst. »Es fährt einem immer einer rein«, erklärte ich. »Es ist immer der andere Bursche.«

Mr. Pondoroso lehnte seinen Roller gegen die Wand seines Stalls.

»Da bin ich mir nicht sicher«, sagte er, »aber es gibt eine Menge sehr schlechter Autofahrer in Ihrem Land.«

Ich drehte meinen Film weiter. »Und wie sind so die Autofahrer in Ihrem Land?«, fragte ich ihn.

»In meinem«, sagte er, »ist das egal, weil die Straßen breit sind und es weniger Autos gibt.«

Ich sah zu ihm hoch. Ich war neugierig zu erfahren, woher er kam, wollte aber keine direkten Fragen stellen, weil mir das eine zu plumpe Art ist, Sachen herauszufinden, die man, mit ein bisschen Geduld, sowieso erzählt bekommt. Und überhaupt waren wir noch in diesem Sparring-Stadium, das bei Älteren offenbar immer nötig ist, egal welcher Rasse.

»Sie sind Lateinamerikaner?«, fragte ich ihn.

»Aus dieser Gegend komme ich, ja, aber ich lebe in den Vereinigten Staaten.«

»Aha. Sie vertreten beide?«

Er lächelte sein diplomatisches Lächeln. »Ich habe einen Job bei der UNO«, sagte er. »Angestellt. Pressesprecher der Delegation.«

Ich fragte nicht, welcher Delegation. »Ich wüsste gerne«, sagte ich, »ob ich wohl reinkommen und diesem grellen Licht entkommen könnte, um meinen Film zu wechseln?«

»Um …?«

»Meine Kamera nachzuladen. Genau genommen«, sagte ich und beäugte ihn, wie er so im Säulengang stand, »glaube ich, dass ich mit Ihnen über Fotografie sprechen muss. Suzette schickt mich, Sie haben sie in Henleys Laden kennengelernt.«

Einen Moment lang blickte er mich reserviert und mit ausdruckslosem Blick an, dann knipste er sein diplomatisches Lächeln wieder an und klopfte mir auf die Schulter. »Komm doch rein«, rief er, »ich hab dich schon erwartet.«

Drinnen sah es kühl und teuer aus – schon klar, mit Möbeln aus Metall und Glas, mit hell gebeiztem Gebälk, mit Ami-Magazinen und Zimmerpflanzen und Springbrunnen, aber doch so, als ob nichts davon ihm gehörte, was schätzungsweise auch der Fall war. »Was zu trinken?«, sagte er.

»Danke, nein, für mich nicht«, sagte ich zu ihm.

»Trinkst du nicht?«

»Nein, Sir, nie.«

Er starrte mich an, eine Flasche und ein Glas in seiner Hand, und schien sich zum ersten Mal wirklich für mich zu interessieren.

»Wie kommst du dann klar?«, fragte er mich.

Ich musste das den älteren Brüdern schon so oft erklären, dass es beinahe Routine geworden ist. »Ich brauche keinen Alkohol, um in Schwung zu kommen, denn ich bin es so schon genug.«

»Du trinkst gar nichts?«

»Entweder man trinkt viel«, sagte ich ihm, »oder man trinkt wie ich überhaupt nichts. Alkohol ist nichts für den kleinen Schluck, sondern für Orgien oder totale Abstinenz. Das sind die einzig klugen Lebensbünde zwischen Mensch und Flasche.«

Er schüttelte den Kopf und schenke sich was von dem tödlichen Gebräu ein. »Du bist also Fotograf«, sagte er.

Ich merkte schon, ich würde mit diesem Typen sehr geduldig sein müssen. »Das bin ich«, sagte ich. »Was für eine Art von Bildern hätten Sie denn gern?«, fuhr ich fort, wobei ich mir noch nicht ganz im Klaren war, welche Perversion ich hier zu erwarten hatte.

Er streckte sich und bog seinen Oberkörper. »Oh, ich möchte, dass du mich fotografierst.«

»Sie?«

»Ja. Ist das ungewöhnlich?«

»Na ja, schon, ein ganz klein wenig. Meine Kunden wollen normalerweise Fotografien von Modellen, die dies oder jenes tun …«

Ich versuchte, es dem Schleicher leichter zu machen. Aber er sagte: »Also ich, ich will keine Modelle – nur mich.«

»Aha, verstehe. Und Sie – wobei genau?«

»In athletischen Posen«, antwortete er.

»Nur Sie allein?«

»Natürlich.« Er merkte, dass ich immer noch verwirrt war. »In meinem Turnanzug«, erklärte er.

Er stellte sein Glas und seine Flasche ab und trat ins Nebenzimmer, während ich in den Ami-Magazinen blätterte und ein Tonic Water trank. Dann erschien er wieder und trug – und ich schwöre, dass ich das nicht erfinde – ein Paar weißgeschnürte, marineblaue Basketball-Schuhe, schwarze Ballettstrumpfhosen, eine nackte Brust voller Stroh, wie eine Weihnachtskarte, und, auf seinem Kopf, eine kleine runde Rennbadekappe.

»Du kannst anfangen«, sagte er.

»Wie viele Posen möchten Sie?«

»So ungefähr hundert.«

»Im Ernst? Das wird Sie eine Menge kosten … Wollen Sie irgendetwas Bestimmtes tun, oder bloß Posen?«

»Das überlasse ich deiner Inspiration.«

»Okay. Dann laufen Sie einfach rum. Seien Sie ganz natürlich.«

Während ich vor mich hin klickte, überlegte ich, wie viel ich so höchstens verlangen konnte; und ich fragte mich, ob er womöglich pleite war oder wahnsinnig oder im Konflikt mit dem Gesetz, wie so viele in der Hauptstadt dieser Tage. Diese verrückte Lateinamerikaner-Nummer turnte derweil über das komplette Mobiliar seiner Wohnung und warf sich in selbstverliebte Posen, als weide er sich bereits an den Bildern, die ich ihm – von so einem Prachtstück von Mann – überreichen würde.

So machten wir eine ganze Weile, ohne zu reden, weiter, er schwitzend, ich ihn mit der Kamera jagend wie ein Professor mit einem Schmetterlingsnetz, als er sich einen Drink griff, sich in einen glänzenden weißen Ledersessel fallen ließ und sagte: »Vielleicht kannst du mir helfen.«

»Mr. Pondoroso, ich dachte, das täte ich.«

»Nenn mich Mickey.«

»Wenn Sie möchten«, sagte ich zu ihm, tat cool und lud schnell meinen Apparat nach.

»Die Sache ist die«, sagte Mr. Mickey P. »Ich muss für meine Organisation eine Studie über britische Lebensart um die Mitte des Jahrhunderts fertigstellen.«

»Gut«, sagte ich und knipste ihn, wie er da saß und sein Bauch über seine Balletthosen quoll, um möglichst schnell auf meine Hundert zu kommen.

»Nun, ich habe die Briten beobachtet«, sagte er, »aber mir fällt wenig Interessantes zu ihnen ein.«

»Wie lange beobachten Sie sie denn schon?«, fragte ich.

»Sechs Wochen, glaube ich, und ich weiß, das ist nicht sehr lang, aber dennoch, ich krieg einfach keinen Zugang.« Mickey P. blickte mich zwischen zwei Schlucken forschend an. »Sogar das Wetter ist das falsche«, sagte er. »Es heißt, die englischen Sommer seien kalt, aber sieh selbst.«

Ich verstand, was er meinte. Eine alte Sonne aus der Sahara hatte sich unbemerkt angeschlichen, eine, auf die wir überhaupt nicht gefasst waren, und sie buk uns vom üblichen labbrigen Schnittbrot zu ziemlichen Prachtstücken auf.

»Fragen Sie mich einfach«, sagte ich.

»Na ja, nehmen wir nur mal die beiden wichtigsten politischen Parteien«, fing er an, und ich sah schon, dass er zu einem großen Vortrag ausholte.

»Nein danke«, sagte ich schnell. »Mit keiner von beiden will ich was zu tun haben.«

Sein Gesicht verrutschte ein Stück.

»Heißt das, sie interessieren dich nicht?«

»Wie könnten sie?«

»Aber euer Schicksal«, sagte er, »wird von ihren politischen Initiativen bestimmt…«

Ich machte eine gruselige Nahaufnahme von seinem unrasierten Gesicht. »Wer auch immer«, sagte ich, »mein Schicksal bestimmt, Sie können sehr sicher sein, dass es nicht diese parlamentarischen Nummern sind.«

»Du darfst die Politik nicht verachten«, sagte er zu mir. »Irgendjemand muss sich um den Haushalt kümmern.«

Hier ließ ich meine Rolleiflex los und wählte sorgfältig meine Worte.

»Wenn sie beim Haushaltmachen blieben, dem einzigen Hinterhof, in dem man sie einigermaßen frei herumspringen lassen kann, und aufhörten Winston Churchill und Große Armada zu spielen, obwohl es gar keine Zinnsoldaten mehr zum Spielen gibt, dann würde sie auch niemand verachten, weil niemand überhaupt Notiz von ihnen nehmen würde.«

Mr. Pondoroso lächelte. »Ich nehme an«, sagte er, »damit können wir die Politiker abhaken.«

»Das hoffe ich doch«, erwiderte ich.

»Dann nehmen wir«, sagte Mr. P., »die Bombe. Wie hältst du es damit?«

Ganz offensichtlich hatte ich es mit einem Zombie zu tun.

»Hören Sie mal zu«, sagte ich zu ihm. »Keiner auf der Welt unter zwanzig interessiert sich auch nur ein winziges bisschen für Ihre Bombe.«

»Ah«, sagte dieser diplomatische Schleicher und schaute dabei ganz listig, »ihr vielleicht nicht, hier in Europa, meine ich, aber was ist mit den jungen Leuten in der Sowjetunion und den USA

»Junge Leute in der Sowjetunion und den USA«, sagte ich zu ihm, deutlich und ganz langsam, »geben keinen Klumpen Katzenschiss auf diese Bombe.«

»Ruhig, mein Sohn. Woher willst du das wissen?«

»Mann, nur ihr Erwachsenen-Nummern seid es, die einander zerstören wollen. Und ich muss sagen, ganz ehrlich, das sage ich Ihnen als das, was man einen Minderjährigen nennt, es täte mir nicht leid, wenn ihr es tätet: außer, dass ihr dabei wahrscheinlich ein paar Millionen von uns unschuldigen Kiddos umbringen würdet.«

Mr. P. wurde ein bisschen ärgerlich.

»Aber du warst doch gar nicht in Amerika, oder!«, rief er aus. »Oder in Russland, um mit diesen jungen Leuten zu reden.«

»Wieso sollte ich das müssen, Mister? Man muss nirgendwohin reisen, um zu wissen, wie es ist, jung zu sein, irgendwann, irgendwo. Glauben Sie mir, Mr. Pondoroso, Jugend ist international, genauso wie das Alter. Beide hängen wir sehr am Leben.«

Ich weiß nicht, ob das, was ich da sagte, Blödsinn war, oder ob irgendwer außer mir im Universum so denkt, aber in jedem Fall ist es das, was ich ehrlich glaube – nach allem, was ich beobachtet und mit meinem alten Dad so beschwatzt habe.

Mr. P. sah aus, als sei er enttäuscht von mir. Dann hellte sich seine Miene etwas auf, er zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch und sagte: »Dann bleibt uns nur noch ein Thema für einen Engländer, aber ein sehr wichtiges …« (hier erhob sich der Gockel in Ballettstrumpfhosen halb aus seinem Sessel und salutierte) »… und das ist Ihre Britannische Majestät die Queen!«

Ich seufzte.

»Nein, bitte, nicht das«, sagte ich höflich, aber sehr bestimmt. »Wirklich, das ist ein Thema, das wir sehr, sehr satt haben. Eines, für das wir nicht genug Interesse aufbringen können, um irgendwelche Gedanken daran zu verschwenden.«

Mr. Pondoroso sah aus, als hätte er seinen Nachmittag vergeudet. Er erhob sich in seinem Turnanzug, der bei seinem Rumgeturne im Zimmer verrutscht war und eine Falte olivfarbenen Bauchs bloßlegte, und sagte zu mir: »Du kannst mir also nicht viel über Britannien und seine Position erzählen.«

»Lediglich«, sagte ich, »dass die Position ist, dass es seine Position noch nicht gefunden hat.«

Er sprang nicht darauf an, und mit einem freundlichen Lächeln in meine Richtung verließ er das Zimmer, um sich wieder anständig anzuziehen. Ich legte eine Platte auf seiner Anlage auf, meine Wahl fiel auf Billie H.6, auf die ich noch mehr abfahre als auf Ella, aber nur, wenn ich müde bin, wie jetzt, und außerdem, nach dem Treffen mit Suze und der Schwerstarbeit mit meiner Rolleiflex und dann dieser schwachsinnigen Unterhaltung, in Friedhofsstimmung. Aber Lady Day hat in ihrem Leben so viel gelitten, dass sie alles für einen mitträgt, und schon bald war ich wieder ein fröhlicher Schleicher.

»Die hätte ich ja auch gern«, sagte ich, als Mr. P. wieder auftauchte.

»Bitte, nimm sie mit«, sagte er strahlend.

»Warten Sie erst mal ab, bis Sie meine Rechnung für die Aufnahmen kriegen, bevor Sie mir auch noch Geschenke machen«, warnte ich ihn.

Als Antwort, und das war ziemlich nett von ihm, schob er die Platte in ihre Hülle und steckte sie mir unter den Arm, als gäbe er einen Brief auf.

Ich bedankte mich, und wir gingen nach draußen in die Sonne. »Wenn Sie Ihre Vespa satt haben«, sagte ich so zum Spaß, »können Sie mir die ebenfalls schenken.«

Und glaubst du’s, Junge – es funktionierte! »Sobald mein Automobil repariert ist«, sagte er und schlug mit der Hand auf den Sattel, »gehört dieses Spielzeug dir.«

Ich drückte ihm die Hand. »Mickey«, sagte ich, »wenn Sie das ernst meinen, sind Sie mein Mann. Und die Fotos sind selbstverständlich gratis.«

»Nein, nein«, rief er. »Das ist eine ganz andere, eigene Angelegenheit. Für die Bilder bezahle ich dich bar.«

Er stürzte nach drinnen. Ich setzte mich auf den Sattel des Rollers, um zu sehen, wie es sich anfühlte, und als er wieder herausstürzte, diesmal hatte er sein malvenfarbenes Thai-Seidenjackett an, reichte er mir einen gefalteten Scheck.

»Vielen Dank«, sagte ich und faltete ihn auseinander. »Aber, Sie wissen schon, bar ist das nicht.«

»Oh. Ist dir bar lieber?«

»Darum geht es nicht, Mickey – sondern darum, dass Sie halt bar gesagt hatten, verstehen Sie? Aber jetzt schauen wir mal, wo die Filiale ist. Victoria Station, entzückend. Und es ist auch keiner dieser unangenehmen Verrechnungsschecks, guter Junge. Ich gehe da jetzt noch vorbei, bevor sie die Rollladen runterlassen, machen Sie’s gut.«

Damit haute ich ab und dachte mir, dass, wenn er das sehr zufälligerweise ernst meinte, mit dem Roller, meine ich, und ich schnell handeln und die Aufnahmen entwickeln wollte, um mit ihm in Kontakt zu bleiben und sein Gewissen zu bearbeiten – sollte er eines haben –, um mir das Gefährt zu sichern, dann müsste ich unverzüglich nach Hause in meine Dunkelkammer.

Also machte ich mich auf den Weg, hielt aber unterwegs an, um die Bank zu plündern, die schon dabei war zu schließen, als ich ankam; tatsächlich hatte der Bankangestellte die Tür schon halb geschlossen, und er sah mich von oben bis unten an, meinen Spartaner-Haarschnitt und meine Teenager-Montur und alles, und sagte bloß: »Ja?«

»Ja was?«, antwortete ich.

»Haben Sie hier Geschäfte zu erledigen?«, sagte er zu mir.

»Das habe ich«, sagte ich zu ihm.

»Geschäfte?«, wiederholte der von Armut geplagte Sesselfurzer.

»Geschäfte«, sagte ich.

Er hielt seine Hände noch immer schützend um die Tür. »Wir schließen jetzt«, sagte er zu mir.

»Wenn mich meine Augen nicht täuschen«, erwiderte ich, »zeigt die Uhr über Ihrem Schalter 14:56 Uhr, wären Sie also wohl so nett, sich wieder dahinterzusetzen und mich zu bedienen?«

Er sagte nichts mehr und ging wieder hinter den Schalter, hob dann seine Augenbrauen in meine Richtung, und ich reichte ihm Mr. Pondorosos Scheck.

»Sind Sie«, sage er, nachdem er den Scheck untersucht hatte, als hätte eine Bank so etwas noch nie gesehen, »der Empfänger?«

»Der was?«

»Ist«, sagte er, und er sprach langsam und deutlich, als spräche er mit einem tauben chinesischen Wahnsinnigen, »das-Ihr-Name-der-auf-dem-Scheck-steht?«

»Jawohl, mein Kapitan«, sagte ich, »das ist er.«

Jetzt setzte er ein teuflisch durchtriebenes Gesicht auf.

»Und woher«, erkundigte er sich, »weiß ich, dass dieser Name der Ihre ist?«

Ich sagte: »Woher wissen Sie, dass er es nicht ist?«

Er biss sich auf die Lippe, wie es in Taschenbüchern heißt, und fragte mich: »Haben Sie irgendeinen Identitätsnachweis?«

»Ja«, erwiderte ich. »Und Sie?«

Er schloss die Augen, öffnete sie wieder und sagte: »Was für einen Nachweis?«

»In der Arschtasche meiner Jeans hier«, sagte ich zu ihm und schlug mir forsch aufs Gesäß, »führe ich eine durchsichtige Plastikhülle mit und darin meinen Führerschein, der tipptopp ist, was mich selber überrascht, meinen Blutspendeausweis, der beweist, dass ich dieses Jahr bisher zwei Pints Blut gespendet habe, und schäbige Mitgliedskarten für mehr Mondscheinkneipen und Jazzklubs, als ich mich erinnern kann. Die können Sie sehen, wenn Sie gerne möchten, oder Sie holen Mr. Pondoroso an die Strippe und bitten ihn, mich zu beschreiben, oder, noch besser, Sie könnten aufhören Spielchen zu spielen und mir die zehn Pfund geben, die Ihr Kunde Sie angewiesen hat, mir auszuzahlen – das heißt, natürlich nur, wenn Ihre Kasse nicht gerade klamm ist.«

Worauf er antwortete: »Sie haben das Dokument auf der Rückseite noch nicht unterschrieben, bitte.«

Ich kritzelte meinen Namen hin. Er fingerte mit dem Scheck herum, fing dann an, irgendwas draufzuschreiben und sagte ohne aufzusehen: »Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie minderjährig sind?«

»Ja«, sagte ich, »falls das irgendwas mit irgendwas zu tun hat, das bin ich.« Er sagte immer noch nichts, und er reichte mir immer noch nicht meine Kohle rüber. »Aber ich bin schon ein großer Junge«, fuhr ich fort, »ich mache nicht mehr ins Bett und weiß, wie ich mich wehren muss, wenn ich angegriffen werde.«

Er gab mir die Banknoten, als wären es zwei deformierte Exemplare, für deren zufälligen Vorrat sich die Bank schämte, sprang um seinen Schalter herum, brachte mich hinaus und schloss zu, kaum dass ich draußen war. Ich muss zugeben, dass mich diese Episode aufregte, das alles war so unnötig und altmodisch, einen Teenager wie ein Kind zu behandeln, und ich machte mich ziemlich wütend auf den Weg von der Victoria Station nach Hause.

Du musst wissen, dass sich die einzige Dunkelkammer, über die ich verfüge und ohne die ich, natürlich, meine Abzüge im Geschäft machen lassen müsste, im Domizil meiner Alten befindet, in Belgravia South, wie sie es nennen, nämlich in Pimlico. Du kannst dir wahrscheinlich denken, dass ich dort nicht gerne hingehe, auch schon seit Jahren nicht mehr wohne (außer wenn sie sich zu ihrer Sommer-Seebad-Orgie aufmachen). Aber sie lassen mir das, was sie »mein Zimmer« nennen, im Anbau nach hinten raus, der früher mal das Gewächshaus und voller Topfpflanzen war.

Die Familie, wenn man sie so nennen kann, besteht außer mir aus drei Personen plus zahlreichem Anhang. Die drei sind mein armer alter Dad, der noch gar nicht so alt ist, bloß achtundvierzig, aber von den 1930er-Jahren gebrochen und erledigt wurde, wie er nie versäumt, mir zu erzählen, und dann meine Mum, die viel älter ist, als sie sich anmerken lässt, oder, das muss ich ihr zugestehen, sicher drei oder vier Jahre älter aussieht als mein Dad, und schließlich mein Halbbruder Vern, den Mum sieben Jahre, bevor sie sich mit meinem Poppa zusammentat, von einem mysteriösen Mann bekommen hat, und welcher nun der Knallkopf, Faulpelz und Unhold Nummer eins von ganz Westminster City ist. Was den zahlreichen Anhang angeht, das sind Mums Mieter, denn sie betreibt eine Pension, und einige von ihnen haben sich, wie man es nicht anders erwartet, wenn man meine Ma kennt, sehr ausdauernd eingemietet, und weil mein Dad daran anscheinend nichts ändern kann, drückt ihm eine Kombination aus meiner Mum und den 1930ern aufs Gemüt, was einer von mehreren Gründen ist, aus denen ich das liebe alte Heim meiner Ahnen verlassen habe.

Mum gibt mir keinen Schlüssel, aber da ist sie sogar bei ihren im Voraus zahlenden Übernachtungsgästen streng, weil sie gerne weiß, wann einer kommt und geht, selbst spät am Abend, also wahre ich, obwohl ich mir, für Notfälle, einen Schlüssel habe nachmachen lassen, höflichkeitshalber die Form und klingele, auch, um ihr zu zeigen, dass ich mich als reinen Besucher betrachte und nicht da lebe. Wie immer und obwohl sie sauer wird, wenn man die Hintertreppe runtersteigt und an die Tür des Kellers klopft, wo sie fast immer aufzufinden ist, kam Mum erst mal von dort heraus, um nachzusehen, wer da war, bevor sie wieder reinging und mir die Haustür öffnete, was sie, wenn sie gut erzogen gewesen wäre, auch gleich hätte tun können.

Da stand sie, und wie immer hellten sich ihre Züge beim Anblick einer Männerhose auf, selbst bei der ihres Sohnes, und zwar zu diesem saloppen sexy Ausdruck, der mich immer wahnsinnig macht, weil meine Mum, versteckt hinter diesem ausgesprochen verlockenden Fleischwall, eigentlich echt Köpfchen hat. Aber das verwendet sie allein auf ihre Außenwirkung, wie Pfeffer und Salz und Knoblauch auf einem zu lang gebratenen Schweinekotelett.

»Hallo, Blitz-Baby«, sagte sie.

So nennt sie mich immer, weil ich während eines Luftangriffs geboren wurde, im Schutz eines U-Bahn-Schachts, mit einem Luftschutzhelfer als Hebamme, wie sie nie müde wird, mir oder, noch schlimmer, anderen Leuten in meinem Beisein zu erzählen.

»Huhu, Ma«, sagte ich zu ihr.

Sie stand immer noch da, ihre pinken, von Seifenwasser nassen Hände in ihre Toulouse-Lautrec-Hüften gestemmt, und warf mir diesen einladenden Blick zu, den sie sonst vermutlich für ihre Mieter aufhob.

»Willst du aufmachen?«, fragte ich sie, »oder soll ich durchs Wohnzimmerfenster einsteigen?«

»Ich schick dir deinen Vater runter«, antwortete sie mir. »Dich reinzulassen sollte er schaffen, schätze ich mal.«

Meine Mum hat diese Masche, mit mir über Dad zu sprechen, ganz so, als sei er nur mein Verwandter, nur meiner, mit dem sie nie irgendwas zu tun hatte (abgesehen natürlich davon, mit ihm Sex gehabt und den armen alten Kerl sogar geheiratet zu haben). Ich nehme an, das tut sie, weil Dad, zum Ersten, das ist, was man einen Versager nennt, obwohl ich ihn eigentlich nicht unbedingt als solchen betrachte, da für jeden hätte klar sein müssen, dass er es nie zu irgendwas bringen würde, und zum Zweiten, um zu zeigen, dass ihr erster Mann, wer auch immer er war, derjenige, der sie dazu angestachelt hat, mit ihm diesen Erste-Klasse-Morbiden zu produzieren, meinen älteren Halbbruder Vernon nämlich, der wahre Mann in ihrem Leben gewesen war, nicht mein armer alter Ahne. Na ja, das ist ihre kleine weibliche Psychologie: man lernt von seiner Mum auf jeden Fall eine Menge über Frauen.

Sie ließen mich eine ganze Weile warten, und hätte ich nicht dringend in meine Dunkelkammer gemusst, hätten sie mich nicht wiedergesehen, aber dann tauchte Dad auf, und er bot wieder diesen Anblick eines total Verlorenen, nicht nur im Gesicht, er hing an seinem ganzen armen alten gammeligen Körper; und das treibt mich in den Wahnsinn, denn eigentlich hat er eine Menge Charakter, und auch wenn sein Verstand nicht der Rede wert ist, hat er doch viel gelesen, genauso wie ich – ich meine, er hat versucht, das Beste aus dem zu machen, was er hatte, in gleicher Weise, wie es meine Mum überhaupt nicht versucht, ja nicht mal daran gedacht hat, es zu versuchen. Wie üblich öffnete er die Tür ohne ein Wort außer »Huhu« und stieg wieder die Treppe zu seinem Zimmer im Dachgeschoss des Hauses hoch, was aber bloß Show ist, weil er natürlich weiß, dass ich ihm auf einen kleinen Schwatz folgen werde, wenn auch nur aus Höflichkeit und um ihm zu zeigen, dass ich sein Sohn bin.

Aber heute tat ich das nicht, teils, weil ich seine Darbietung plötzlich leid war und teils, weil ich augenblicklich sehr viel in meiner Dunkelkammer zu tun hatte. Ich ging also nach hinten, und, glaubt man’s, ich musste feststellen, dass sich der schreckliche alte Knallkopf Vernon dort ein Kuckucksnest gebaut hatte; ganz was Neues.

»Hallo Jules«, sagte ich zu ihm. »Und wie geht’s meinem Lieblingsgroßmaul?«

»Nenn mich nicht Jules«, sagte er. »Das hab ich dir schon mal gesagt.«

Das hat er allerdings – vielleicht zweihunderttausend Mal oder so, seitdem ich mir diesen Namen für ihn ausgedacht habe, wegen Vernon = Verne = Jules von In achtzig Tagen um die Welt.

»Und was treibst du in meiner Dunkelkammer, Julie?«, fragte ich den Dämlack von meinem Bruder.

Er war von dem Feldbett in der Ecke aufgestanden – nur Decken, kein Bezug, wie er so ist, mein Vernon –, kam zu mir rüber und gab eine Vorstellung, die er, solange ich mich erinnern kann, mit ermüdender Regelmäßigkeit liefert: dann baut er sich ganz dicht vor mir auf und beugt sich über mich, keuchend und nach fauligem Schweiß riechend.

»Was, schon wieder?«, sagte ich zu ihm. »Nicht noch so eine kitschige King-Kong-Performance!«

Seine Faust wischte in gekonnter Pantomime an meiner Schnute vorbei.

»Werd erwachsen, Vernon«, sagte ich ganz geduldig zu ihm. »Du bist jetzt ein großer Junge, über ein Vierteljahrhundert alt.«

F

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