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Absender: dein Tod

PROLOG

Der Tod klopft weder an noch betätigt er die Klingel, bevor er dein Haus betritt. Niemandem ist er Rechenschaft schuldig. Wie ein dunkler Herold, der die Leibeigenen seines Königs aufsucht, um die Steuer einzutreiben. Man kann ihn nicht sehen, hören oder riechen – aber fühlen … ihn wahrnehmen.

„Du hast Angst.“

Das war keine Frage, sondern eine Feststellung, die ich mit einem abgehackten Nicken quittierte.

Er nickte ebenfalls. Bedächtig und ruhig, was in Anbetracht der Situation zwar bemerkenswert, aber auch in höchstem Maße furchteinflößend war. „So war es nicht geplant“, sagte er und wandte sich wieder dem Foto zu.

Sein Interesse an diesem Bild war mir bereits vor dem Desaster aufgefallen. Er strich sanft über das Papier und murmelte leise vor sich hin. Ich wusste, dass er keine Reue empfand. Das tat er nie. Seit ich ihn kannte, hatte ich es geahnt. Jetzt gestand ich es mir endlich ein. Ich blickte an ihm vorbei zu der Leiche. Der Kopf stand in einem unnatürlichen Winkel vom Rest des Körpers ab. Zum Glück waren die Augen geschlossen. Ich hätte es nicht ertragen, wenn sie aufgerissen gewesen wären. Das hier war schon zu viel. Das alles. „Ich werde jetzt aufbrechen.“

„Wirklich?“ Er nahm das Foto und steckte es in seinen Rucksack. Er bewegte sich dabei wie in Zeitlupe. „Und wohin willst du? Vielleicht zurück? Das stelle ich mir etwas schwierig vor.“

„Nein.“ Ganz sicher nicht. Ich glaubte zu spüren, wie die Luft um mich herum kälter wurde. Auf meinen Armen breitete sich eine Gänsehaut aus. „Ein Neuanfang. Irgendwo.“

„Irgendwo?“

„Ja“, sagte ich und brach in Tränen aus. „Besser wir gehen in Zukunft getrennte Wege.“

Er zuckte die Schultern. „Warum sollten wir das tun? Klar, es ist nicht so gelaufen wie vorgesehen, aber …“ Er lachte bitter. „Sei so gut und erkläre es mir.“

Ich heulte jetzt Rotz und Wasser. „Es ist …“

„Nicht viel anders als beim letzten Mal.“ Ein kaltes Lächeln umspielte seine Lippen. „Und ich habe zu dir gehalten. Die ganze Zeit. Freunde tun so etwas. Sie halten zusammen. Sie kneifen nicht den Schwanz ein und verpissen sich.“ Er kam auf mich zu. Den Rucksack lässig über die Schulter geworfen. „Du willst doch unseren Schwur nicht in den Dreck ziehen. Nein, das willst du ganz sicher nicht.“ Einen halben Meter vor mir blieb er stehen. Er musterte mich, starrte geradewegs in meine Seele oder das, was die Aasgeier über die Jahre davon übrig gelassen hatten. „Du meinst es tatsächlich ernst“, sagte er schließlich, und ich meinte, Bedauern herauszuhören. Echtes, nicht gespieltes Bedauern.

Ich stieß ein Wimmern aus. Kein Held, dachte ich. Ich war niemals ein Held. Werde niemals einer sein. „Bitte …“ Der Tod hatte dieses Haus vor nicht weniger als einer Stunde betreten, und er war noch immer anwesend … Unsichtbar stand er direkt hinter mir. Sein Atem war wie kaltes Feuer. „Ich will nicht sterben.“

„Diese Entscheidung liegt nicht bei dir. Du darfst gehen. Aber ich bestimme dein Ziel.“

„Ich …“

Als er seine Hände um meinen Hals legte, versuchte ich ihn von mir wegzustoßen. Versuchte zu schreien. Versuchte mich loszureißen. Versuchte nicht zu sterben …

1. KAPITEL

„‚R‘ Good Enough.“

Als um Punkt neun Uhr morgens aus den Lautsprechern des uralten Radios Cindy Laupers Stimme ertönte, lag Gordon Taylor bereits seit zwei Stunden wach auf seiner Matratze. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie er die Geschichte zu einem logischen Ende bringen konnte. „Es muss eine Lösung geben.“ Er setzte sich auf und sah zu seiner Bücherregalwand. Agatha Christie, Sir Arthur Conan Doyle, Edgar Wallace. Die Crème de la Crème. Er liebte und vergötterte diese Autoren für das, was sie geschaffen hatten und wäre nur zu gerne in ihre Fußstapfen getreten, aber bis dahin war es noch ein sehr weiter Weg. Von New Jersey zum Mond und wieder zurück.

Er streckte sich, gähnte herzhaft und kam etwas wacklig auf die Beine. Vor dem Kleiderschrank blieb er stehen. „Das muss schneller gehen“, sagte er zu seinem Spiegelbild und strich sich durchs verstrubbelte schwarze Haar. „Wenn du schon an …“ Er hielt inne, drehte seinen Kopf in Richtung der Zimmertür und schnupperte. Der Duft war unverkennbar. Er wandte sich noch einmal seinem Spiegelbild zu. „Wir beide sind noch nicht miteinander fertig, mein Freund. Besser du lieferst bald eine gute Lösung.“ Er nahm seine schwarz gerahmte Brille vom Schreibtisch, setzte sie auf, und nickte grimmig. „Ich verlasse mich auf dich.“

Nachdem er sich den Bademantel übergezogen hatte, öffnete er die Zimmertür und ging barfuß in Richtung Küche. Ein leerer Magen ist alles andere als förderlich, dachte er bei sich. Vor allen Dingen dann, wenn der Abgabetermin um jeden Preis eingehalten werden musste.

Chris Ardell, sein Mitbewohner, hockte halb auf dem Küchentisch, in der einen Hand einen mit Puderzucker bestreuten Pfannkuchen, in der anderen einen nassen Klumpen Zeitungspapier.

Gordon blieb neben dem offenen Regal mit den Töpfen und Pfannen stehen und blinzelte ungläubig zu einer grotesken Matschfigur, die einen Großteil des Tisches einnahm.

„Guten Morgen, Gordon“, sagte Chris und drückte den Klumpen Zeitungspapier dorthin, wo Gordon den Kopf der Figur vermutete, die entfernt an einen Schneemann erinnerte. Chris Ardell der Kunststudent … Manchmal fragte sich Gordon, ob er bei der Auswahl seines Mitbewohners richtig entschieden hatte. Chris war ein netter Kerl, gar keine Frage – nur leider überspannte er den Bogen des Öfteren und überschwemmte die Wohnung mit seinen verrückten Skulpturen oder skulpturähnlichen Gebilden. Unvergesslich blieben Gordon die zwei Tage, in denen er nicht duschen durfte, weil eine in der Badewanne nachmodellierte Venus von Milo darauf wartete, dass das Material, aus dem sie gefertigt worden war, trocknete.

Da er nach wie vor auf ein paar Pfannkuchen hoffte, ließ Gordon es bleiben, seinen Mitbewohner daran zu erinnern, dass seine Kunst nichts auf dem Küchentisch zu suchen hatte. „Hi!“ Er zeigte zu dem schwarz-weißen Schneemann. „Wieder ein neues Projekt?“

„Viel mehr der Beginn einer ganzen Reihe neuer Projekte.“ Er riss ein Stück der auf seinem Schoß liegenden Zeitung ab, tunkte es in eine Schüssel mit Wasser und fing an, das Papier zu einem neuen Klumpen zu formen. „Dieser hier ist übrigens nur der Prototyp, die nächsten Exemplare fertige ich aus weißer Schokolade an. Kunst und Süßes … Gibt es eine schönere Symbiose?“

Gordon schluckte schwer. Eine ganze Reihe neuer Projekte … Darauf konnte er gut verzichten. Allerdings lief ihm beim Gedanken an die weiße Schokolade das Wasser im Mund zusammen.

„Bevor ich es vergesse – du hast Post.“ Chris deutete zu einem Stapel Briefe, der sich auf der Mikrowelle türmte. „Jede Menge Werbung, aber wenn ich mich recht entsinne, auch ein normaler Brief. Glaube ich zumindest.“

„Danke dir.“ Das Durchgehen der Post dauerte nur wenige Sekunden. Außer den neuesten Sonderangeboten seines Optikers und einem Brief ohne Absender landete alles im Müll.

„Eine heimliche Verehrerin?“, fragte Chris.

Gordon musste an Samantha Lathan denken und die peinliche Abfuhr, die sie ihm vor einer Woche erteilt hatte. „Würde mich wundern“, sagte er kleinlaut.

„Nicht immer so pessimistisch, Gordi.“

Er hasste es, wenn Chris ihn so nannte.

„Die Liebe ist eine der schwierigsten Kunstformen überhaupt. Und wie jede Kunst darfst du sie auf keinen Fall erzwingen.“

„Von erzwingen kann keine Rede sein.“ Das Thema ärgerte ihn. Einen Korb zu kriegen war eine Sache. Aber Samanthas herablassende Art eine ganz andere. „Sie geht nicht mit Freaks aus.“

„Bitte?“

„Das hat sie gesagt. Samantha, meine ich.“

„Wenn man es genau überlegt, dann ist jeder Mensch ein Freak. Nimm es nicht so schwer.“

Eben das konnte er nicht. Freak … Das hatte gesessen. Nur weil er die Kriminalistik als sein Hobby betrachtete, war er automatisch ein Sonderling? Vielleicht ein wenig schräg. Auf der anderen Seite war es ja nicht so, dass die Frauen grundsätzlich nichts mit ihm zu tun haben wollten. Sein Blick schweifte auf einen mit Pfannkuchen beladenen Teller.

„Da war doch mal diese hübsche Brünette. Wie hieß sie noch gleich?“

„Kate.“ Er steckte das Sonderangebot und den Brief in die Außentasche seines Bademantels.

„Ja genau! Kate. Was ist eigentlich aus der geworden? Ihr wart ein tolles Paar.“

„Sie ist mir etwas zu sehr in diese Okkultismusecke abgedriftet.“ Am Anfang hatte er ja noch mitgemacht, weil er diesen ganzen Hokuspokus recht spannend fand. Als es dann jedoch darum ging, für irgendeinen Zauber eine Ratte zu opfern, war es an der Zeit gewesen, die Beziehung zu beenden. „Kate war nicht die Richtige.“

„Glaub mir, eines Tages wirst du ihr begegnen. Der Frau, die für dich gemacht ist.“

„Bis dahin wird es wohl noch eine Weile dauern.“ Sein Blick wanderte abermals zu dem Teller voller Pfannkuchen.

„Iss ruhig ein paar“, sagte Chris endlich. „Die Menge würde locker für drei hungrige Studenten reichen.“

„Wirklich?“

Chris nickte. „Bedien dich.“

Das ließ Gordon sich nicht zweimal sagen. Nachdem er den ersten Pfannkuchen innerhalb von Rekordzeit verspeist hatte, meinte er: „Gibt doch nichts Schöneres.“

„Ansichtssache“, sagte Chris und presste einen weiteren Klumpen gegen den Kopf des Schneemannes. „Wirst du den Abgabetermin dieses Mal einhalten können?“

Gordon zuckte die Schultern. Er aß gerade den zweiten Pfannkuchen und hatte den Mund voll.

„Worum geht es dieses Mal eigentlich?“

„Ganz klassisch. Ein Mörder, viele Verdächtige. Eine Frau wird tot aufgefunden. Aufgrund ihrer zahlreichen, stadtbekannten Affären verdächtigt man den Ehemann.“

„Aber der war es nicht.“

„Bleibt abzuwarten. Irgendwie habe ich mich dieses Mal total verrannt. Die ganze Geschichte ist ein wenig dünn und …“, er machte sich über den dritten Pfannkuchen her, „konstruiert.“ Eine bessere Beschreibung für sein Problem hätte er nicht finden können. „Jeder Leser wird von Anfang an wissen, dass es nicht der Ehemann war und sich die anderen Verdächtigen vornehmen. Solange bis er herausgefunden hat, wer der Täter ist.“

„Aber das ist doch der Sinn von deinen Krimis. Die Leser sollen in die Rolle des Ermittlers schlüpfen und den Fall durch ihre eigene Kombinationsgabe lösen.“

Gordon schluckte den Rest vom dritten Pfannenkuchen runter und wischte sich anschließend mit dem Handrücken über den Mund. „Das letzte Mal haben über siebzig Prozent der Hobbyermittler mit ihrem Verdacht richtiggelegen.“ Er schrieb die Siebzig mit den Fingern in die Luft. „Das ist zu viel, viel zu viel. Ich will einen Fall konzipieren, der so schwer zu lösen ist, dass nur einige wenige Menschen hinter das Geheimnis …“ Er hielt abrupt inne.

„Alles in Ordnung?“

Gordon hob eine Hand. „Idee“, sagte er knapp – um keinen Atemzug später und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, in sein Zimmer zu stürmen. Die Tür war noch nicht ins Schloss gefallen, da saß er bereits an seinem Schreibtisch und schrieb das nieder, was ihm eben durch den Sinn geschossen war. „So simpel“, sagte er leise zu sich selbst und grinste dabei triumphierend. „So verdammt simpel …“ Neue Ideen waren für ihn wie eine Art Kitt, mit dessen Hilfe er die Unzulänglichkeiten, die Lücken eines älteren Entwurfs stopfen konnte. Baumaterial für den fleißigen Autoren.

Es gelang ihm, circa zwei Stunden am Stück ohne Unterbrechung zu schreiben, als plötzlich sein Handy vibrierte. „Nicht jetzt“, brummte er genervt und schielte zu dem leuchtenden Display. „Dad. Sehr ungünstiger Zeitpunkt.“ Gordon ließ es weitervibrieren. Irgendwann würde er schon aufgeben und es später noch einmal versuchen. Gordon wusste, dass das Wunschdenken war. Sein Vater war in dieser Hinsicht ähnlich hartnäckig wie er, wenn es um das Lösen oder Entwerfen von Rätseln ging. Zwei Bluthunde, nur mit unterschiedlicher Ausbildung. Seine Mutter hatte das immer gesagt … Und sie war wohl auch der Grund für diesen Anruf.

Gordon fuhr mit der Maus über die Datumsanzeige auf dem Monitor. „Scheiße.“ Er atmete tief ein und wieder aus, dann drückte er die grüne Taste seines Handys.

„Hallo Dad.“ Er wartete kurz, blickte sehnsüchtig zum Monitor. „Was gibt es?“

„Du scheinst schwer beschäftigt zu sein.“

„Ich sitze gerade an einem neuen Fall …“

„Und dein Studium?“

„Läuft gut.“ Sein Vater war ein praktisch denkender Mensch. Automechaniker. Kriminalfälle kannte er nur aus der Zeitung oder den Abendnachrichten. Und Romane las er nie.

„Weswegen ich anrufe …“

„Ich habe es nicht vergessen.“ Nicht mal im Traum. Vor seinem geistigen Auge konnte Gordon sehen, wie sein Vater sich mit einer Hand durch das kurz geschnittene Haar fuhr. „Ich weiß nur noch nicht, ob ich die Zeit finden werde vorbeizukommen. Ich versinke hier in Arbeit.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte für Sekunden Schweigen, dann: „Verstehe ich doch, Junge. Es wäre nur schön … Und deine Mom würde sich sicherlich darüber freuen. Du weißt schon … Die Traditionen aufrechterhalten.“ Der letzte Satz klang sehr gequält.

„Dad, es gibt solche und solche Traditionen.“ Er biss sich auf die Unterlippe. Das war unnötig gewesen. Verdammt unnötig. „Ich werde versuchen zu kommen, okay?“ Bisher war er immer da gewesen. Jedes Jahr. Er schloss die Augen. Von Anfang an.

„Okay.“ Stille. „Und ansonsten geht es dir gut?“

Gordon nickte, bevor er antwortete. „Alles bestens.“

„Auch finanziell?“

„Ich komme gut über die Runden.“

„Wenn du mal etwas brauchen solltest, dann gib mir Bescheid.“

„Mach ich, Dad. Auf jeden Fall.“

„Gut. Also bis dann, Junge. Und pass auf dich auf.“

„Bis dann, Dad.“

„Gute Arbeit“, las Gordon die kurze Mail seines Redakteurs laut vor. „Sehr überraschend und positiv. Nicht nur die Lösung des Falls – sondern auch die Tatsache, dass Du zum ersten Mal, seit Du für uns schreibst, den Abgabetermin eingehalten hast. Wir werden Dir Dein Honorar wie üblich im Laufe der Woche überweisen. See you later, Sean.“

Zufrieden lehnte Gordon sich in seinem alten Bürostuhl zurück. Das Telefonat mit seinem Vater schien in weite Ferne gerückt zu sein. Selbst das laute Quietschen, das das einst auf dem Sperrmüll gefundene Möbelstück erzeugte, konnte ihn in diesem Moment nicht ärgern. Die kleine Finanzspritze, die er in den nächsten Tagen zu erwarten hatte, kam genau richtig. Er war mit der Miete zwei Wochen im Rückstand und seine Vermieterin – Margot Hill, ein alter weißhaariger Drachen, der im zweiten Stock hauste – würde endlich damit aufhören, ihm mit dem Rauswurf zu drohen. „Aus diesem Rattenloch“, sagte er lakonisch und klickte das Webradio an. Zeit zum Entspannen. Er warf sich aufs Bett und wollte es sich gerade bequem machen, als das Knistern von Papier ihn an die Briefe erinnerte. Er warf das Sonderangebot des Optikers auf den überladenen Schreibtisch und behielt den Brief ohne Absender in der Hand. Während er ihn vorsichtig öffnete, begann seine Lieblingsradioshow „Crime“.

„Wir heißen unsere Zuschauer herzlich willkommen und freuen uns, dass Sie eingeschaltet haben. Mein Name ist Scott Cameron und ich verspreche Ihnen für die nächsten achtundzwanzig Minuten das, was ich Ihnen jedes Mal verspreche und bisher auch immer eingehalten habe: Spannung pur und Informationen rund um das Thema Verbrechen und ihre Aufklärung. Heute sogar mit einem ehemaligen Detective des New Yorker Police Departments, der maßgeblich zur Auflösung der brutalen Herzkiller-Morde beigetragen hat, die den Big Apple vor drei Jahren in Aufruhr versetzt hatten.“

Gordon wurde hellhörig. Die Herzkiller-Morde … Er hielt den aufgerissenen Umschlag zwischen Daumen und Zeigefinger und rief sich einige der blutigen Schlagzeilen zurück ins Gedächtnis. „Jack the Ripper in New York! Der Herzkiller hat wieder zugeschlagen! Bereits sieben tote Frauen … Polizei machtlos!“

Er erinnerte sich daran, wie sehr er mit der New Yorker Polizei mitgefiebert hatte – und wie euphorisch er gewesen war, als die Mordserie endlich ein Ende fand. Die Show versprach dieses Mal besonders interessant zu werden. Bevor es allerdings mit dem Interview losging, gab es noch eine Beschreibung der vom FBI meistgesuchten Männer. Americas most wanted. Gordon hörte aufmerksam zu, wenngleich er die Beschreibungen in- und auswendig kannte, und die Internetseite des Federal Bureau of Investigation sich seit Jahren in seiner Favoritenliste befand. Er bezweifelte zwar, dass einer dieser Männer ihm jemals über den Weg laufen würde, aber lieber zu gut vorbereitet sein, als überhaupt nicht.

Es folgte ein kurzer Werbespot, in dem ein neuer Kriminalroman vorgestellt wurde. „Jedes KAPITEL birgt ein spannendes Geheimnis“, sagte eine rauchige Frauenstimme. „Nach diesem Roman werden Sie Krimis mit anderen Augen sehen.“

„Schauen wir mal, welche Geheimnisse du für mich bereithältst“, sagte er grinsend und zog ein knapp beschriebenes Blatt Papier aus dem Umschlag.

„Heizturmschlange.“

Gordon runzelte die Stirn. „Soll das ein Witz sein?“ Er nahm die Brille von der Nase und las die Zeile erneut. „Heizturmschlange.“ Es blieb dabei. Ein Rätsel oder ein Scherz? Nach kurzem Überlegen entschied er sich für Ersteres. Ein einfaches Buchstabenrätsel. Wahrscheinlich ein Anagramm. Gordon widerstand der Versuchung, das Internet um Rat zu fragen und verließ sich lieber auf seine eigenen Fähigkeiten. Nach circa zwei Minuten griff er beinahe unbewusst nach dem Briefumschlag und roch daran. „Essig“, stellte er verblüfft fest und schämte sich gleichzeitig ein wenig dafür, dass er nicht sofort dahintergekommen war. Einfacher ging es nun wirklich nicht mehr. Wenn man ein wenig mit den Buchstaben jonglierte, so wurde aus Heizturmschlange die Arbeitsanweisung „Umschlag erhitzen“. Er lachte und warf den Umschlag auf den Schreibtisch. Dann sprang er aus dem Bett, kramte das bisher nie verwendete Bügeleisen aus dem Regal neben seinem Schreibtisch und ließ es heiß werden.

„Dass Serienkiller in der Regel über eine überragende Intelligenz verfügen, ist schon lange kein Geheimnis mehr“, sagte der Moderator. „Ted Bundy und viele, die nach ihm kamen, haben dies mehr als deutlich gemacht.“

Gordon legte eine alte Zeitung unter den Umschlag, anschließend drückte er das Bügeleisen vorsichtig auf das weiße Papier und wartete bis die mit Essig geschriebene Schrift sichtbar wurde. Kindergartenniveau, dachte er schmunzelnd und legte das Bügeleisen vorsichtig zur Seite. Wieder nur eine Zeile. Dieses Mal allerdings keine richtigen Wörter, sondern eine ewig lange Zahlenreihe.

14 22 2 18 20 17 13 2 20 15 6 3 6 9 21.com

Eine verschlüsselte Internetadresse. Die Sache wurde interessant. Zuerst versuchte er es mit dem Offensichtlichsten und wies jeder Zahl einen Buchstaben des Alphabets zu. N für die Zahl vierzehn, V für die zweiundzwanzig und so weiter. Der Erfolg ließ zu wünschen übrig.

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„… also glauben Sie auch an die Theorie von dem Serienkiller mit den tausend Gesichtern“, hörte er den Moderator sagen. „Wären Sie bitte so freundlich unseren Zuhörern zu erklären, wie es sich mit dieser These verhält?“

Der ehemalige Detective räusperte sich. „Im Grunde ist es nur eine Was-wäre-wenn?-Idee. Angenommen ein Serienkiller ändert nach dem dritten oder vierten Mord seine Methode, sprich seine Tötungsweise. Wahrscheinlich den Ort …“

„Andere Opferkategorien.“

„Ganz genau. Wie sollte man dieser Person jemals auf die Schliche kommen?“

„Er könnte doch auch aufhören. Sich zur Ruhe setzen.“

Der Detective lachte trocken auf. „Die hören niemals ganz auf. Die halten höchstens Winterschlaf. Gehen zunächst ganz in ihrer neuen Identität auf … Einige verdrängen ihre vorherigen Taten sogar völlig aus ihrem Bewusstsein, bis zu dem Tag, an dem das Tier in ihnen wieder erwacht. Und dann fängt alles wieder von Neuem an.“

Nachdem Gordon die Buchstaben mehrmals vergeblich in das Adressfeld seines Browsers eingegeben hatte, beschloss er, es mit der sogenannten Caesar-Verschiebung zu versuchen. Bei dieser uralten Verschlüsslungstechnik wird ein Buchstabe um eine oder mehrere Stellen des Alphabets verschoben und durch einen anderen Buchstaben ersetzt. Aus einem D wird zum Beispiel ein E, wenn man das D um eine Stelle verschiebt. „Also los.“ Er verschob die Buchstaben zuerst mehrere Stellen nach vorne, anschließend nach hinten, dann wieder nach vorne. Er war so sehr darauf erpicht, dieses Rätsel zu lösen, dass er das Ende der Radioshow nicht mehr mitbekam.

Leider erwies sich auch diese Taktik als falsch. Buchstabensalat über Buchstabensalat. Er war sich sicher, dass am Ende ein Satz oder zumindest ein Wort herauskommen müsste, das einen Sinn ergab. Nach einer Weile war das Blatt Papier so vollgekritzelt mit irgendwelchen Buchstaben, dass kaum noch ein weißes Eckchen zu sehen war.

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„Falsch.“

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„Falsch.“ Gordon seufzte resigniert.

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„Auch fa…“ Er verschluckte das letzte Wort und fuhr mit dem Zeigefinger die einzelnen Buchstaben entlang. „Das darf doch wohl nicht wahr sein.“ MUARTBLASNEBEHT … oder rückwärts gelesen … Thebens Albtraum.

Fast erwartete er, dass wieder nichts geschehen würde, als er die Buchstaben in das Adressfeld tippte. „Nun mach schon.“

Der Bildschirm wurde schwarz, dann folgte eine kurze Melodie, wie die Musik aus einem alten Videospiel. Im oberen Drittel der Seite entstand das Wort „Sphinx“. Direkt darunter erschien eine morbide Karikatur der namensgebenden Sagengestalt. Allerdings erinnerte das Monster mehr an einen urzeitlichen Elefanten, als an die klassische Statue eines Löwen mit Menschenkopf. Fasziniert und gleichsam angewidert studierte er die fein ausgearbeiteten Details. Zotteliges schwarzes Haar, silbern glänzende Stoßzähne, zwei gewaltige aus dem Rumpf ragende schwarze Flügel, die bis an den Bildschirmrand reichten. Unter dem Rüssel war ein mächtiger Kiefer zu sehen. Aus der Brust des Monsters wuchs ein breit grinsender Totenkopf, der gelblich schimmerte und zahlreiche Risse aufwies.

Gordon schauderte. Irgendwie erinnerte ihn die detaillierte Zeichnung an etwas, das er kannte. Bevor er jedoch dazu kam, sein Gehirn nach diesem Etwas zu durchforsten, verschwand die Albtraumgestalt und übrig blieb nur der Schriftzug.

„Willkommen Mitspieler“, dröhnte keine Sekunde später eine elektronisch verzerrte Stimme aus den Lautsprecherboxen des Computers. „Bitte gebe über die Tastatur deinen Namen ein.“

„Solange er nicht nach meinen Kontodaten fragt“, sagte Gordon leise und tippte seinen vollständigen Namen ein. Die Albtraumgestalt tauchte nicht noch mal auf.

„Gordon Taylor“, sagte die elektronisch verzerrte Stimme. „Du bist Nummer fünf. Bevor du vollen Zugriff auf diese Seite erhältst, musst du ein weiteres Rätsel lösen. Bist du bereit?“

Gordon überlegte kurz. Irgendjemand hatte hier verdammt viel Zeit investiert. Vermutlich eine virale Kampagne, mit der eine junge, hippe Werbeagentur ein neues Computerspiel an den Mann bringen wollte … oder auch nicht.

„Bist du bereit?“, fragte die elektronische Stimme erneut.

Vielleicht ein aktueller Kinofilm. „Ja, doch“, murmelte er und schrieb die Antwort in das Eingabefeld.

„Sehr gut, Nummer fünf. Nun höre gut zu. Solltest du das Rätsel nicht lösen können, wirst du die Konsequenzen tragen müssen. Was geht am Morgen auf allen vieren, mittags auf zwei Beinen und am Abend auf drei Beinen?“

„Konsequenzen?“ Gordon runzelte verwirrt die Stirn. Das Rätsel war uralt und bekannt. Er wusste zwar nicht mehr, wo er es das erste Mal gehört hatte, doch er entsann sich sehr genau der dazugehörenden Legende. Einst lauerte die Sphinx, ein Ungeheuer halb Löwe halb Mensch, ahnungslosen Reisenden auf, die sich auf dem Weg nach Theben befanden. Jedes Mal stellte die Sphinx den armen Seelen dasselbe Rätsel. Wer es nicht lösen konnte, wurde von ihr getötet und anschließend gefressen. Sie verschonte niemanden. Ödipus war es, der am Ende die Antwort wusste, woraufhin sich die Sphinx ins Meer stürzte und ertrank.

„Der Mensch“, sagte er nachdenklich und fragte sich, welche Konsequenzen eine falsche Antwort nach sich gezogen hätte. „Der Mensch krabbelt als Baby auf allen vieren, später geht er auf zwei Beinen, am Abend seines Lebens benötigt er einen Stock. Einfach – wahrscheinlich aber auch nur, wenn man mit diesem Rätsel vertraut war.

„Du hast noch eine Minute, Nummer fünf“, sagte die elektronische Stimme.

„Okay, okay.“ Er gab die Antwort ein und staunte nicht schlecht, als sich ein mittelgroßes Videofenster öffnete, in dem ein rückwärtslaufender Timer blinkte. „Was zum Teufel …“

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