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Absender Ost-Berlin

Inhaltsverzeichnis

1. Berlin

2. Der Jagdausflug

3. Anna

4. Ost-Berlin

5. Alexanderplatz

6. Genosse Telemann

7. Die Hausarbeit

8. Im Einstein

9. Der Führungsoffizier

10. Nach der Liebesnacht

11. Transitautobahn

12. Bonner Presseball

13. Perestroika

14. Abflug

15. Hamburg

16. Ost-Berliner Wind

17. Und wieder Alfred

18. Beim Friseur

19. Geröntgte Bananen

20. Das Fernsehinterview

21. Im Politbüro

22. Die Verfolgung

23. Der Ministersturz

24. Der KGB

25. Fußball

26. Pullach

27. Der BND

28. Der Deal

29. In der Werkstatt

30. Hohenschönhausen

31. Hamburg Plaza

32. Der unveröffentlichte Bericht

33. Geisterbahnhöfe

34. Der BND im TV

35. Direktive 1/67

36. Soljanka

37. BND versus CDU

38. Leipzig

39. Auf dem Hochstand

40. Das Lager

41. Marlene übernimmt

42. Tempelhof

43. Die Offenbarung

44. Sitzung der Bezirkseinsatzleitung

45. Held wider Willen

46. Butter

47. Momper

48. Die Nacht

49. Erfurt

50. Das Archiv

51. Zurück

1. Berlin

Die Wohnungstür im dritten Stock der Dresdner Straße Nummer 24 in Berlin-Kreuzberg stand bereits seit zwei Stunden sperrangelweit offen. Es war einer der wenigen Abende der Woche an denen Michael nicht den Verführungen der Stadt erlag. Üblicherweise genoss er die stillen Sonntagabende in seiner Berliner Wohnung. Doch seit sich die Straßen der Dunkelheit ergeben hatten, fand er an diesem Abend keine Ruhe. Auf dem Esstisch stand noch ein Teller mit Lasagne. Unangetastet und seit Stunden kalt.

Michael saß auf der Fensterbank und schaute hinunter auf das regennasse Pflaster. Sein Daumen bohrte sich unbewusst in das Nagelbett von Finger zu Finger. Wenn er sein Gesicht an die Fensterscheibe presste, konnte er von hier aus sogar einen Teil der Mauer sehen, die sich an der nächsten Straßenecke abzeichnete. Die Graffitis auf dem Beton gehörten zu den einzigen farbigen Nuancen der grauen Umgebung. Wenige Meter von ihm entfernt, lag drohend ein Stapel unsortierter Papiere auf seinem Schreibtisch. Sie waren Teil einer angefangenen Hausarbeit, die schon seit einigen Wochen auf ihre Fertigstellung wartete. Er schaute auf die Schreibmaschine. Ein leeres Blatt steckte noch in der Walze und Michael musste innerlich über seine eigene Faulheit schmunzeln. Der Abgabetermin war bereits in drei Tagen und er hatte noch nichts Nennenswertes zu Papier gebracht. Die drohende Frist interessierte ihn jedoch in diesem Moment am wenigsten. Er wartete auf etwas ganz Anderes. Die Dämmerung, der Regen, der Wochentag, die Uhrzeit. All dies waren klare Indizien dafür, dass es heute, wenn nicht sogar in diesem Moment ein weiteres Mal passieren würde. Michael richtete seinen Blick zurück auf die Straße. Ein leichter Luftzug blies aus dem Treppenhaus durch die offene Wohnungstür. Wenn es soweit sein sollte, wollte er diesmal nicht zu spät sein. Beim letzten Mal hatte er sogar noch seinen Schlüsselbund suchen müssen. Das sollte ihm heute nicht wieder passieren. Selbst seine Jacke hatte er bereits seit zwei Stunden an. Durch die offenstehende Tür würde er bis in den dritten Stock seiner Wohnung hören, wenn jemand den Hausflur betrat. Und diesmal war er darauf vorbereitet.

Noch vor wenigen Minuten hatte seine alte Nachbarin verstohlen durch die offene Wohnungstür in seinen Flur geschielt. Er ignorierte sie, schlürfte weiter seinen Tee und betrachtete die wenigen Gestalten auf der Straße. Einige liefen mit Regenschirmen über das glänzende Pflaster. Andere hatten ihre Kragen hochgeschlagen und trugen Mützen. Wirklich erkennen konnte Michael von hier niemanden. Noch nicht einmal sein Hauseingang war von dieser Position aus zu erblicken. Seine Observationsversuche von der gegenüberliegenden Kneipe oder anderen Positionen durchzuführen, waren bislang immer gescheitert. Als würden der oder diejenigen, jeden Schritt von ihm im Voraus wissen. Nur wenn er hier am Fenster saß, würden sie — würde er — wer auch immer — würde jemand kommen.

Die Minuten verstrichen. Er hörte nichts als das Prasseln des Regens an den Fensterscheiben. Vier Zimmer, Küche, Bad. Eigentlich viel zu groß für ihn. Und dann. Ein entferntes Geräusch im Erdgeschoß ließ ihn aufhorchen. Sein Blick wandte sich in Richtung der offenstehenden Wohnungstür. Er vernahm das unverkennbare Zusammenspiel der dicken Eichentür mit den altertümlichen Beschlägen. Michael schreckte hoch. Noch auf dem Weg zum Flur vernahm er das blecherne Klappern seines Briefkastens. Als er bereits die Treppe hinunterrannte und fast ein Stockwerk hinter sich hatte, schnappte die Haustür zurück in ihr Schloss. Michaels schnelle Schritte auf der hölzernen Treppe schallten durch das Haus. Im Erdgeschoss angekommen, richtete er nur im Vorbeirennen seinen Blick auf seinen Briefkasten. Seine Hand drückte bereits wie von alleine die schwere Klinke der Haustür herunter. Ohne die Tür komplett zu öffnen, schob er seinen schmalen jugendlichen Körper durch den Spalt auf das Trottoir. Michael spürte den Regen auf seinen Haaren. Er drehte sich um seine eigene Achse. Er war bereit zu rennen. Nur in welche Richtung? Suchend wandte er seinen Kopf. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lief eine alte Frau mit ihrem Dackel von Baum zu Baum. Ansonsten war in der Nähe niemand zu sehen. Michaels Rufen schallte durch die abendliche Stille:

„Ist hier eben jemand herausgekommen?“

Die Frau sah ihn erschrocken an. Sie musste etwas gesehen haben. Michael fragte nach.

„In welche Richtung ist er gelaufen?“

Die Frau deutete in Richtung der Mauer. Der Hund zog hysterisch an der Leine und kläffte ihn an. Michael rannte los. Diesmal würde er — würden sie — ihm nicht entkommen. Wenigstens die leise Spur eines Hinweises erhoffte er sich. Doch bereits an der nächsten Straßenecke beschlich ihn der vertraute Verdacht, dass er wieder erfolglos sein würde. Er lief trotzdem weiter. Er war noch nicht bereit aufzugeben. Sein Körper hatte noch genügend Energie. Also rannte er. Die Richtung war ihm inzwischen egal. Er ließ sich von der Mauer auf der leeren Straße leiten. Die Graffitis huschten in seinen Augenwinkeln an ihm vorbei. Sich der Sinnlosigkeit seiner Verfolgungsjagd inzwischen bewusst, steuerte er auf den hölzernen Aussichtsturm zu. Er verlangsamte seinen Gang und stieg die rutschigen Stufen empor. Der Regen bildete eine glatte nasse Oberfläche auf dem Holz. Oben angekommen, wurde ihm bewusst, dass seine Verfolgung hier schon wieder endete. Michael fasste an das nasse Geländer und schaute über die Mauer. Erst jetzt spürte er seinen durchnässten Kragen. Seine nasse Hose. Die Panzersperren und der Stacheldraht hinter der Mauer waren hell erleuchtet. Die Grenzer auf dem nächsten Wachturm richteten ihre Ferngläser auf ihn und Michael schaute ihnen mit unverblümt strengem Blick entgegen. Ihn beschlich das ihm bekannte Gefühl. Als würden sie ihn kennen. Als hätten sie ihn hier erwartet. Als hätte er genau das getan, was man von ihm verlangt hätte. Er fühlte sich abermals an der Nase herumgeführt. Fühlte sich eigenartig unterlegen. Er fühlte sich manipuliert.

Michael schlenderte durch den Regen zurück zu seiner Wohnung. Vorbei an der Mauer, die ihm den Weg wies und zugleich mit ihren fast vier Metern Höhe wie ein einseitig bemalter Fremdkörper durch die Stadt schnitt. Obenauf die hohle Betonrolle, die den entkräfteten Flüchtlingen beim Überklettern den letzten Halt versagen sollte. Vorausgesetzt sie wären überhaupt bis dorthin gekommen. Hätten die Selbstschussanlagen, den Stacheldraht, die scharfen Hunde und den Schießbefehl der Grenzer überlebt. Die Perfektion der Abschirmung schuf dennoch ein kurioses Bild. So diente sie den unzähligen Künstlern mit ihren Sprühdosen als Leinwand aus Beton. Wenn auch nur von westlicher Seite.

Die Regentropfen liefen über sein Gesicht. Und selbst die Nässe unter seiner Kleidung nahm er billigend in Kauf. Die Straßen waren inzwischen wie leergefegt. Beim Aufschließen der Haustür fragte er sich wieder, wie der — wie diejenigen — an den Schlüssel dieses Schlosses gekommen waren. Wie sonst konnten sie so einfach hier hereinkommen? Er schaute sich das Schloss genauer an. Wie immer waren keine Aufbruchspuren zu erkennen. Michael ging mit langsamen Schritten auf seinen Briefkasten zu. Er fixierte lange sein Namensschild. Michael Wiesner. Was machte ihn für den — für diejenigen — so wichtig? Warum er? Er schloss seinen Briefkasten auf und öffnete die Klappe. Der Anblick des Umschlages überraschte ihn nicht. Das raue Pergament hatte er in keinem westdeutschen Schreibwarengeschäft je entdecken können. Er nahm ihn heraus und war lediglich verwundert über das deutlich höhere Gewicht als sonst. Er drehte seinen Kopf für einen prüfenden Blick in das Treppenhaus. Es war niemand zu sehen und zu hören. Dann riss er den Umschlag auf und zog einen Papierstapel heraus. Auf der ersten Seite stand in Großbuchstaben:

„INOFFIZIELLES GESPRÄCHSPROTOKOLL FRANZ-JOSEF STRAUSS (MINISTERPRÄSIDENT VON BAYERN) MIT ERICH HONECKER (STAATSRATSVORSITZENDER DER DDR)“

2. Der Jagdausflug

Der Wald lag weit entfernt von der nächsten Ortschaft. Nahezu abgeschirmt. Die Wege, die in ihn hineinführten waren breiter, als man es von üblichen Waldwegen gewohnt war. So breit, dass sich die Radstände der großen Limousinen mühelos in das tiefe Grün schieben konnten, ohne ihre Insassen auf unbequeme Art durchzurütteln. Überhaupt machte es den Eindruck, dass alles in diesem Wald überdimensionaler, größer und gewichtiger war. Die Bäume schienen auf diese eigenartige Szenerie mit ihrer urtypischen Gelassenheit zu schauen. Vielleicht auch deshalb, weil dieser sandige Wald bereits seit Jahrhunderten dieses besondere Publikum gewohnt war.

Kein Zittern. Keine Nervosität. Seine Hand war erstaunlich ruhig. Der kalte, hölzerne Griff des Gewehres berührte seine Wange. Langsam erwärmte er sich durch den Hautkontakt. Karl atmete noch einmal tief, kniff das rechte Auge zu, wirkte ruhig. Trotz des kalten Entzuges. Er spürte nicht einmal den Hauch eines Bedürfnisses nach Alkohol. Vielmehr forderte die Waffe seine volle Aufmerksamkeit. Obwohl das Gewehr zur Spitzentechnologie dieses Systems gehörte, war seine Beschaffenheit, seine Materialien, sein komplettes Design Abbild des Ostblocks. Irgendwie hässlich. Nur seine Zielgenauigkeit stellte er nicht in Frage. Sein Blick richtete sich kurz nach oben. Der Wind bewegte sanft die Blätter in den Baumwipfeln. Zu schwach, um die Flugbahn der Kugel auf dieser Distanz zu beeinflussen. Ein letztes Einatmen. Ausatmen. Karl verharrte, spürte seinen eigenen Puls. Fokussierte durch das Zielfernrohr. Unterdrückte den Reflex der nächsten Einatmung. Es war ein Moment der Stille. Ein Moment, der nur ihm gehörte. Ihm und seinem Ziel. Dann drückte er den Abzug. Der Schuss zerschnitt die Stille des Waldes. Gefolgt von dem Echo. Das Raunen der umherstehenden Männer verwandelte sich langsam in einen anerkennenden Applaus. Die Blicke wanderten in die Richtung des getroffenen Hirsches. Gut 150 Meter lag er von Karl entfernt im Dickicht des Waldes. Nur seine Augen zeigten den Ansatz eines Lächelns. Karl verstand nicht, warum ihm die Ehre zuteil wurde, diesen Schuss abzufeuern. Immerhin hatte er sich zuvor mehrmals vergewissert. Ihm lag überhaupt nichts am Töten. Doch als selbst sein oberster Dienstherr ihm mit einer wohlwollenden Geste den Schuss freigab, war er der einladenden Aufforderung gefolgt.

Die vielen grünen Gummistiefel setzten sich in Bewegung und stapften über den feuchten Untergrund. Es waren jene in Volkseigenen Betrieben produzierte unbequeme Treter, die das tiefe Gras platt traten und sich nach einigen Dutzend Schritten wieder im Halbkreis anordneten. Die Gruppe der Männer stand um das leblose Tier. Karl schaute in die weit aufgerissenen Augen des toten Hirsches. Als würden die Pupillen des Wilds für einen letzten Moment tief in seine schauen. Fingerdick quoll der Blutstrom aus dem Einschussloch. Er konnte seinen Blick einfach nicht von dem leblosen Körper lösen. Eine fremde Hand legte sich fest auf seine Schulter.

„Donnerwetter, grandioser Schuss. Erstaunlich gut dafür, dass sie nie bei der Nationalen Volksarmee gedient haben.“

Die Stimme mit dem Berliner Akzent verriet Karl sofort, wer hinter dieser Äußerung steckte: Erich Mielke. Er drehte sich um und zwang sich zu einem Lächeln:

„Anfängerglück.“

Mielke wandte sich mit einem jovialen Lacher in die Runde:

„Und jetzt stapelt er auch noch tief.“

Wie choreographiert übernahm die Jagdgesellschaft das Lachen ihres Vorgesetzten. Zwei Helfer sprangen herbei, um den Kadaver auf einen zum Jeep umgebauten Trabant zu laden. Der kleine Wagen ging unter der Last des mächtigen Hirsches in die Knie. Mielkes Hand auf Karls Schulter drückte ihn sanft in Richtung des Waldweges. Karl beugte sich der wortlosen Aufforderung und setzte sich in Bewegung. Ihm war klar, dass die kommende Intimität zwischen ihm und Mielke etwas Besonderes für ihn bedeuten würde. Als sie etwas Distanz zu den anderen Männern aufgebaut hatten, zog Mielke einen Flachmann aus der Tasche und hielt ihn Karl hin.

„Schlückchen?“

„Nein, danke. Ich trinke nicht.“

„Gar nicht? Wie langweilig.“

Mit einer kräftigen Bewegung setzte Mielke selbst zum Schluck an und wischte sich den Mund am Ärmel.

„Telemann — Sie haben mich nicht nur mit Ihrem präzisen Schuss beeindruckt.“

Karl schwieg.

„Ihre Bilanz zur Grenzbefestigung hat unser gesamtes Ministerium aufgewühlt.“

„Danke.“

Noch einmal fiel Karl keine andere Reaktion ein.

„Ziemlich mutig von Ihnen — als Neuling — oder wie sagt man bei Ihnen? Greenhorn? — die Dinge so direkt beim Namen zu nennen. Gerade in diesen Zeiten. Dieses dumme Geschwätz über unseren sogenannten Anti-Imperialistischen Schutzwall muss endgültig aufhören. Insbesondere nach dem Treffen unseres Staatsratsvorsitzenden mit dem bayrischen Ministerpräsidenten. Das Abkommen über den Milliardenkredit mit Franz-Josef Strauß war ein echter Glücksgriff. Eine bessere Steilvorlage konnten Sie Honecker kaum geben. Auch wenn wir wegen Ihnen unsere schönen Selbstschussanlagen an der Grenze abbauen mussten.“

Mielke unterbrach seinen Monolog mit einem kehligen Lacher. Dann wurde er wieder ernst.

„Leute von Ihrem Schlag brauchen wir mehr in unserem Ministerium.“

Karl spürte, dass er etwas darauf sagen musste.

„Danke.“

Gleichzeitig ärgerte er sich über seine Wortwiederholung.

„Hören Sie auf sich ständig zu bedanken. Das passt nicht zu Ihnen. Telemann, ich will, dass Sie mir zukünftig direkt Bericht erstatten.“

„Danke … äh … ich meine natürlich … sehr gerne.“

Mielke blieb stehen und schaute Karl für einen Moment tief in die Augen. Karl wusste nicht, ob er dem Blick ausweichen sollte. Gerade als er seinen Kopf abwenden wollte, unterbrach Mielke die Sprechpause.

„Haben Sie sich eigentlich Ihren neuen Namen bei uns selbst ausgedacht — Telemann?“

Karls Antwort kam unerwartet präzise.

„Nein, ganz bestimmt nicht.“

Diesmal war es Mielke, der dem Blick auswich. Sich zu der Gruppe wendend rief er mit seinem dominanten Duktus:

„Ich glaube, wir haben jetzt alle Hunger!“

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Mielke wieder im Mittelpunkt der Gruppe durch den Wald stolzierte.

Karl hatte sich in der hinteren Reihe eingeordnet. Die Sonne schimmerte von Zeit zu Zeit zwischen den Blättern des dichten Waldes hindurch. Er trabte still hinter den anderen Jägern hinterher, als eine weibliche Stimme ihn aus seinen Gedanken riss:

„War das Ihr Ritterschlag?“

Er wich der Frage aus und reichte der Frau seine Hand.

„Karl Telemann. Angenehm.“

„Ich weiß. Nur das ist nicht die Antwort auf meine Frage.“

„Mein Ritterschlag? Vielleicht, ja, irgendwie schon.“ Er hatte die Frau bislang nicht bemerkt. Zugleich fühlte er sich überrumpelt und ärgerte sich über seine unkontrollierte Offenheit. Doch die Stimme der Frau hatte etwas Beruhigendes. Einen Tonfall, den er lange nicht mehr im Ohr hatte. Karl schaute ihr ins Gesicht und blickte in zwei dunkelbraune, dezent geschminkte Augen. Sie glänzten im männlichen Umfeld der Jagdgesellschaft.

„Karl Telemann. Innere Sicherheit — Abteilung …“ Weiter kam er nicht.

„Ich weiß. Wenn der Chef das weiß, dann wissen das alle hier.“

Karl kam sich wie ein dummer Schuljunge vor.

„Marlene Wittmann. Ich gehöre auch zu diesem Verein.“

Karl lächelte. Innerlich amüsierte ihn die Bezeichnung weit mehr, als er es nach außen hin zugab.

Mit einem Ruck hielt die Jagdgesellschaft kurz vor einer Lichtung an. Die Blicke richteten sich in eine neue Richtung. Unvermittelt begannen die Männer enthusiastisch zu winken. Als selbst Marlene neben ihm ihre Hand nach oben reckte, folgte Karl dem choreografierten Rudelverhalten. Trotz seiner langen Statur konnte er aus der hinteren Reihe nicht erkennen, wem oder was dort eigentlich gewunken wurde. Aber es erschien ihm besser, dem allgemeinen Treiben zu folgen und erst hinterher nachzufragen. Das Rauschen des Waldes wurde durch ein tief frequentes Brummen gestört. Der Klang des entfernten Motors passte so gar nicht zum Zweittakt-Gestotter der üblichen DDR-Fahrzeuge. Als ein Range Rover an ihnen über den breiten Waldweg vorbei rauschte, fuhr es Karl spontan über die Lippen:

„Westbesuch?“

Marlene drehte sich Karl zu.

„Nein! Der Staatsratsvorsitzende!“

Karl stutzte.

„Erich Honecker?“

Sein Blick folgte dem inzwischen hinter einer Kurve im Wald verschwundenen britischen Geländewagen.

„In einem Range Rover?“

Marlene ließ den Abstand zu den Vordermännern etwas größer werden, bevor sie leise antwortete.

„Wir sind alle gleich hier, aber manche sind nun einmal etwas gleicher.“

3. Anna

Herrschaften, ich möchte Sie bitten, den S.T.A.R.T.-Abrüstungsvertrag zur Verminderung der strategischen Atomraketen bis zum nächsten Mal zu lesen — wenigstens zu überfliegen.“

Der Kopf des Professors senkte sich. Der alternde Mann schaute über seine Lesebrille in Richtung der sich meldenden Hand auf der rechten Seite des Hörsaals.

„Ja, bitte?“

Die hölzernen Klappstühle des Auditoriums waren noch nicht einmal zur Hälfte besetzt. Die Augen der Studierenden folgten unwillkürlich dem Blick des Professors. Die Blickrichtung bot eine besonders attraktive Aussicht. Vielleicht hatte sie ihren Arm ein wenig zu hoch nach oben gestreckt. Vielleicht war es auch die Haltung ihres Oberkörpers. Es vermittelte den Eindruck von Übermotiviertheit. Mag sein, dass dies der Auslöser dafür war, bei Michael das Gefühl von Argwohn in sich aufsteigen zu lassen.

„Streberin.“

Das Urteil über die gutaussehende Studentin nuschelte Michael kaum hörbar vor sich hin. Selbst wenn er seine Beschimpfung lauter ausgesprochen hätte, wahrgenommen hätte sie hier wohl niemand. Dafür war die Erscheinung der jungen Frau in diesem politischen Seminar viel zu schillernd. Und vielleicht war es auch genau diese kollektive Aufmerksamkeit, die Michael in diesem Moment so missfiel. Ihr Name war Anna. Das wussten wahrscheinlich alle in diesem Hörsaal. Michael kannte ihren Namen bereits seit der ersten Vorlesung, in der er sie gesehen hatte. Er hatte heimlich auf ihren Ordner geschielt. Anna Blaschke. Anna strich mit der rechten Hand ihr langes Haar hinter ihr Ohr, bevor sie zu ihrer Frage ansetzte. Das tat sie immer so. Immer wenn sie tief Luft holte, sich ihr Oberkörper luftholend wölbte und ihre etwas zu tiefe Stimme den Raum zum Klingen brachte. Zwischen ihr und den anderen Kommilitonen war immer mindestens ein Sitz frei. Als würde ihre Aura die Anderen auf Distanz halten.

„Ich habe eine Frage zur militärischen Strategie der Verhandlungen.“

„Na, dann mal raus damit“, sagte der Professor.

„Liegt bei diesen Abrüstungsverhandlungen nicht der Verdacht nahe, dass die USA damit nur ihre veralteten Waffensysteme entsorgen will?“

Die Antwort des Professors erfolgte prompt.

„Frau Blaschke, ich denke, Sie greifen da etwas vorweg. Lassen Sie uns doch erst einmal den Vertrag an sich diskutieren. Eins nach dem anderen.“

Der Professor wandte sich auf die andere Seite des Hörsaals:

„Ja, bitte?“

Michael hatte sich gemeldet. Mit einem Kopfnicken erteilte ihm der Professor das Wort.

„Schon möglich, dass die amerikanischen Atomraketen der Minuteman II als veraltet tituliert werden. Klar ist aber auch, dass dieser Raketentypus technologisch auf dem gleichen Stand des größten Teils des sowjetischen Arsenals ist. Insofern wäre das ein atomares Abrüsten auf Augenhöhe.“

Der Professor atmete hörbar aus und verschränkte seine Arme. Lautlos bewegte er seine Lippen. Ein innerer Monolog, den das Auditorium nicht hören sollte. Erst dann wurde er laut.

„Ihr Hintergrundwissen in allen Ehren, Herrschaften. Das ist jetzt noch nicht das Thema. Für alle anderen gilt: Lesen Sie sich bitte bis zur nächsten Woche in die Verträge ein. Vielen Dank.“

Daraufhin schritt der Professor hinter sein Podium, schaltete den Overheadprojektor aus und steckte seine Unterlagen in seine Aktentasche. Die Aufbruchsstimmung unter den Studenten erzeugte im Auditorium das vertraute Gemurmel und Geraschel. Während alle um ihn herum ihre Blöcke, Ordner, Stifte und Bücher einpackten, saß Michael immer noch unbeweglich auf seinem Platz. Einzupacken hatte er nichts. Es gehörte zu seinem gepflegten Merkmal, einen freien Arbeitsplatz vor sich zu haben. Ohne mitzuschreiben. Bloß nicht in irgendwelcher Literatur nachschlagen. Anna hatte da schon einiges mehr zu verstauen.

Auf dem Flur vor dem Hörsaal trafen sie aufeinander. Zumindest hatte Michael bewusst einen Umweg einkalkuliert, um ihr gezielt über den Weg zu laufen. Der Blickkontakt war unvermeidlich. Sie schaute mit einem knappen Lächeln auf, das Michael bereitwillig aufnahm. Gerade als sie ihm schon wieder den Rücken zuwandte, fuhr es ihm über die Lippen:

„Anna?“

Zugleich ärgerte er sich über seine unüberlegte Äußerung. Sie hatten sich bislang noch nicht einander vorgestellt. Der Umstand, dass er ihren Namen kannte, entlarvte sein Interesse an ihr. Und doch war er froh, die Unachtsamkeit begangen zu haben.

„Hallo!“

Ihre Stimme fuhr ihm bis unter die Haut. Sein eloquenter Redefluss funktionierte nicht wie sonst.

„Ich wollt` nur sagen …“

„Ja?“

„Deine Frage war … durchaus berechtigt.“

„Welche Frage?“

„Na das mit den veralteten Waffensystemen und so.“

Ihr Blick war skeptisch.

„Ach?“

Die Kürze ihrer Antworten irritierte ihn. Sie gab ihm einfach keine Chance. Doch irgendetwas sagte ihm, dass es noch zu früh war, klein beizugeben. Anna verschränkte ihre Arme. Es sah aus, als wolle sie wieder zum Angriff übergehen.

„Kannst du auch was anderes als große Töne spucken?“

Obwohl Annas Tonfall das Gegenteil einer Einladung ausdrückte, war es genau das, was Michael aus der Bodendeckung aufstehen ließ.

„Kann ich. Aber dafür bedarf es einer …“

Michael legte eine Kunstpause ein.

„… einer kleinen Entführung.“

Er bemerkte ein kurzes Funkeln in ihren Augen. Die Katze zog für einen Moment ihre Krallen ein.

„Und wann meint der Klugscheißer, mich meiner Freiheit berauben zu wollen?“

Michael lächelte.

„Samstag? So um elf?“

Anna lächelte für einen Moment zurück. Noch bevor Anna wieder etwas Schnippisches entgegnen konnte, schloss er seine Rede ab und ging rückwärts von ihr weg.

„Café Kranzler. Nimm deinen Personalausweis mit.“

Dann drehte sich Michael um.

Er bildete sich ein, ihren verwirrten Blick auf seinem Rücken zu spüren. Ihr immer noch abgewandt rief er laut in den Flur:

„Du hast mich schon verstanden. Denk` an deinen Ausweis!“

Es war ein eigentümliches Grinsen, das sich um Annas Mund legte. Doch in diesem Moment war Michael bereits um die Ecke verschwunden.

4. Ost-Berlin

Es hatte aufgehört zu regnen. Der große Mercedesstern auf dem Hochhausdach neben der Gedächtniskirche drehte sich regennass in der Vormittagssonne. Anna klappte ihren Taschenspiegel zusammen und verschloss ihren Lippenstift. Die Spiegelwand des Cafés reflektierte das Rot ihrer Lippen im farblosen Einerlei zweckmäßiger Kleidung der umgebenen Rentner. Vielleicht ein wenig zu rot. Anna war klar, dass ihre Anwesenheit hier den Altersdurchschnitt drastisch senkte. Ihr Blick fiel unwillkürlich auf den dampfenden Asphalt des Ku’damms.

Ihren Kaffee hatte Anna bereits seit einiger Zeit ausgetrunken. Mit dem Löffel kratzte sie die Reste der aufgeschäumten Milch aus der Innenseite der Tasse. Dann schob sie das leere Geschirr von sich weg. Die belanglose Konversation von plauderten Touristen und Pensionären mischte sich mit dem Klappern von Porzellan und Kuchenkabeln. Annas Blick wechselte zwischen der Aussicht durch die Scheiben auf die Stadt und der Eingangstür des Cafés. Michael ließ auf sich warten. Anna hatte sich absichtlich in das Rondell im ersten Stock des Café Kranzlers gesetzt. Von hier hatte sie den besten Blick auf das emsige Treiben. Die breite Fußgängerpromenade füllte sich nach dem Regen langsam mit Menschen. Unübersichtlich durcheinander laufend drängten sich die Passanten mit Einkaufstüten auf dem noch nassen Asphalt. Bis auf einen. Angelehnt an die Fußgängerampel stand er vor dem Café Kranzler und schaute mit verschränkten Armen in ihre Richtung. Sein breites Grinsen war bis in den ersten Stock des Cafés zu erkennen. Sie bemerkte Michael auf den ersten Blick. Anna hob instinktiv ihre Hand. Michael winkte zurück. Ein klares Zeichen, zu ihm heraus zu kommen.

Es war eine kurze und zugleich unbeabsichtigt zärtliche Berührung ihrer Wangen. Das leise schmatzende Geräusch der begrüßenden Luftküsse traf nahezu zeitgleich ihre Ohren. Und dann gingen beide mit höflicher Distanz schlendernd nebeneinander her. Vorbei an Läden mit billigen Berliner Souvenirs, Wechselstuben, schrillen Boutiquen und Pornokinos auf der Joachimsthaler Straße. Ohne ihr Ziel zu thematisieren näherten sie sich langsam dem Bahnhof Zoo. Anna folgte bereitwillig Michaels einladender Handbewegung und ging in Richtung der Bahnsteige im Obergeschoss.

Die S-Bahn schob sich quietschend über die metallene Hochbahntrasse. Anna war klar, dass Michael sie mit einem originellen Ausflugsziel beeindrucken wollte. Und sie begriff schnell, wohin die kleine Reise führen sollte. Doch sie machte das Spiel mit und thematisierte nicht die Richtung in die der Zug steuerte. Währenddessen versuchte Michael so unverfänglich und zugleich charmant wie möglich zu sein. Er erzählte von vermeintlich profanen alltäglichen Details, deren beobachtender Scharfsinn jeden einigermaßen intellektuellen Menschen unterhalten hätte. Nur Anna durchschaute seine Rhetorik.

„Michael, hör` auf damit.“

Michael konnte seine Irritation nicht verbergen.

„Was meinst du?“

Annas Antwort schnitt wie ein Messer in Michaels Selbstbewusstsein.

„Hör` auf zu versuchen mich zu beeindrucken.“

Michaels Redefluss stockte. Sein Herzschlag beschleunigte die Frequenz. Als würde sie es spüren, blieb ihr Blick unverhohlen auf ihn gerichtet. Unterstützt von einem langsam sich abzeichnenden Lächeln, legte sie langsam ihre Beine übereinander. Es entstand eine Kunstpause, die die Wirkung ihres letzten Satzes in nahezu unübersehbaren Lettern vor ihr schweben ließ. Anna untermauerte ihren nächsten Satz mit einem reizenden Hochziehen ihrer Augenbrauen.

„Außerdem müssen wir ohnehin gleich aussteigen.“

Michael fühlte sich gleich doppelt ertappt. Anna hatte seine intellektuelle Koketterie aufgedeckt und zugleich völlig unbeeindruckt sein bislang geheim gehaltenes Ziel sicher entlarvt. Annas Tonfall wurde versöhnlicher.

„Ich finde deine Idee übrigens sehr süß.“

Ihr anhaltender Fokus in seine Augen durchbrach den Moment der üblichen Diskretion. Michael grinste verlegen. Die Angespanntheit der letzten Sekunden löste sich wieder aus Michaels Körper. Sein Blick blieb hilfesuchend auf ihre braunen Augen gerichtet. Er spürte ihre warme Hand auf seinem Knie. War dies bereits die bestätigende Antwort auf sein Verlangen nach ihr? Michael traute sich noch nicht, sich dem aufsteigenden Glücksgefühl hinzugeben. Zu stark war sein Bedürfnis nach dieser Berührung und die Hoffnung auf mehr. Das Gefühl der Überraschung überdeckte für einen kurzen Moment seinen Wunschgedanken.

Durch die Lautsprecher der S-Bahn ertönte eine Durchsage: „Reisende und Tagesbesucher nach Ost-Berlin werden gebeten, an der nächsten Station auszusteigen. Nächster Halt — Bahnhof Friedrichstraße.“

Das Bremsen brachte die Bahn zum Zittern. Es war nicht nur die abrupte Verringerung der Geschwindigkeit, die Annas Griff fester um sein Knie fassen ließ. Das Quietschen verdichtete sich zu einem alles dominierenden Schreien in dem Fahrgastraum. Michael spürte ein Zittern in sich aufsteigen.

Noch bevor der Zug zum Stillstand kam, standen die Fahrgäste auf und gingen in Richtung der Türen. Nur Anna und Michael blieben für einen unendlichen Moment voreinander sitzen. Als gälte die Aufforderung zum Verlassen des Zuges allen — nur nicht ihnen. Ihre Augen konnten nicht voneinander lassen. Das laute Kreischen der Bremsen erreichte ihre Sinne nicht. Sie waren gefangen. Gefangen voneinander und nicht bereit loszulassen. Und selbst als sich die Türen mit dem lauten Pressluftgeräusch öffneten und die Reisenden auf den Bahnsteig trieben, waren Anna und Michael nur zu einem fähig: Zu ihrem ersten Kuss.

5. Alexanderplatz

Das Eis schmeckte bei weitem nicht so gut wie im Westen. Es war schlecht gekühlt, viel zu süß, entbehrte jeglicher Geschmacksherkunft und tropfte aus der Waffel. Und doch aßen Anna und Michael bereits ihre zweite Portion. Die Schlange vor dem einzigen Eisstand am Alexanderplatz war inzwischen viele Meter lang. Doch die Menschen genossen geduldig die warmen Sonnenstrahlen unter dem wolkenlosen Himmel von Ost-Berlin. Der Sozialismus zeigte sich von seiner besten Seite. Auch Anna und Michael hatten sich bereits ein zweites Mal in der langen Reihe angestellt. Die Warterei machte auch ihnen nichts aus. Sie hatten alle Zeit der Welt. Selbst die Weltzeituhr unter dem Alex schien sich im Rhythmus ihres Herzschlages zu drehen.

„Wie bist du auf die Idee gekommen, mich hierher zu entführen?“ fragte Anna. Wohlweislich den Begriff der Entführung wiederholend. Sie hatte ihren Kopf auf Michaels Schulter gelehnt und schaute den Ostberliner Funkturm von unten an. Die silbrige Oberfläche glänzte vor dem wolkenlosen Maihimmel.

„Ich bin gerne hier.“

Nach einer kurzen Pause in der Michael versuchte sein inzwischen weichgewordenes Eis, komplett in den Mund zu stopfen, fuhr er fort:

„… schon als Kind.“

Anna hob leicht verwundert ihren Kopf von seiner Schulter:

„Als Kind? Wie geht das? Du bist doch nicht hier in der DDR aufgewachsen?“

„Doch, irgendwie schon.“

Annas irritierter Gesichtsausdruck ließ ihn lächeln. Er nutzte das Gegenlicht, um sein linkes Auge charmant zu zukneifen. Annas Blick wurde etwas ernster.

„Spielst du wieder dein rhetorisches Spielchen?“

Michaels Kopfschütteln vertrieb zugleich das Lächeln aus seinen Mundwinkeln.

„Nein, nein, keine Sorge. Ich bin ganz bei dir.“

Er richtete seinen Blick in Richtung des plätschernden Neptunbrunnens. Auch dort saßen die Menschen entspannt auf der Sitzfläche der Sandsteinumrandung. Kinder liefen umher und bespritzten sich mit Wasser.

„Als Kind war ich oft in der DDR. Zu Besuch. Ich mochte es hier. Und das hat sich nicht geändert.“

„Weil du nicht hier sein musstest!“

„Klar — diese Freiheit hatte ich natürlich. Aber schon als kleiner Junge fand` ich die Jungen Pioniere toll.“

Anna schaute skeptisch. Dennoch ließ sich Michael nicht ablenken.

„Doch wirklich. Später die FDJ. Bei uns im Westen gab es ja so etwas nicht.“

Annas Blick wurde weicher. Michael spürte ihre innere Zustimmung.

„Genau hier habe ich gesessen. Mit sechs Jahren zur Erste-Mai-Feier. Mit meiner gesamten Familie. Ich hatte sogar eine rote Nelke an meiner Jeansjacke.“

Anna lachte leise.

„Als Westler mit einer roten Nelke …“

„Mein Vater ist in der DDR aufgewachsen und ging dann in den Westen, als es gerade noch so ging. Wurde so zu einem der vaterlosen Gründerväter der Bundesrepublik. Und doch hat er seine Heimat nie vergessen. Er hat mir viel über dieses Land im Osten erzählt. Er war wie besessen von der Zonengrenze. Im Westen ist er nie wirklich angekommen. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass uns meine Mutter so früh verließ. Zu zweit sind mein Vater und ich an vielen Wochenenden die Grenze entlanggefahren und haben sie genau beobachtet. Den Grenzstreifen, die Selbstschussanlagen, das Verhalten der Grenzsoldaten. Er hat viele Zeitungsartikel darüber geschrieben. Vielleicht hast du sogar etwas von ihm gelesen.“

Es war kurz still zwischen den beiden. Nur das leise Plätschern der Fontäne und das Getrappel der Schritte auf dem Boden mischte sich mit dem Geplapper der Passanten. Anna brach die Stille:

„Schreibt dein Vater immer noch?“

Michael senkte seinen Blick auf den Betonasphalt. Anna spürte, dass ihm die Antwort auf ihre Frage plötzlich schwerer fiel. Dann hob er seinen Blick in Richtung des leuchtenden Metalls des Fernsehturms.

„Nein, … er ist tot.“

Anna spürte ein Räuspern in ihrem Hals:

„Wann …“

Michaels Unterbrechung erfolgte sanft.

„Noch nicht lange her. Kurz nach meinem Abitur. Er starb an Krebs.“

Anna legte ihren Arm um Michael und schwieg.

6. Genosse Telemann

Genosse Telemann?“

Karl fühlte sich in seinem neuen Ost-Berliner Büro noch wenig heimisch. Ihm war nicht klar, ob er in diesem massiven Stasi-Bau eigene Bilder an die Wände hängen durfte, geschweige denn eigenes Mobiliar mitbringen. Folglich harrte er der Dinge, bis ihn irgendein non-formaler Hinweis innerhalb des Systems diese Frage beantworten würde.

„Genosse Telemann?“

Bis dahin würde er wohl oder übel noch auf den nüchternen Einheitsrequisiten ausharren müssen. Zudem gab es in seinem Arbeitsalltag nur wenige Momente, in denen er sich tatsächlich dem undekorierten Ambiente seines kleinen Büros zuwenden konnte.

„Genosse Telemann?“

Karl blickte hoch. Er schaute auf den untersetzten Mann, der im Türrahmen seines Büros stand. Sein Haar war streng nach hinten gekämmt. Der Blick nicht minder streng. In der rechten Hand hielt er einen jener grauweißen Umschläge aus schlecht geblichenem Papier. Obwohl Karl sich der Ursache der mangelnden Papierqualität durchaus bewusst war, ließ seine westdeutsche Vergangenheit für einen kurzen Moment das Gefühl einer arroganten Missachtung in ihm aufsteigen. Und zum selben Zeitpunkt verabscheute er sich selbst für diesen primitiven Gedanken. Karl versuchte die Oberflächlichkeit dieses westlichen Gedankengutes aus seinem Gehirn zu verbannen. Doch im gleichen Moment übermannte ihn ein neues abwertendes Gefühl. Es galt der Erscheinung jenes untersetzten Mannes in Uniform, der wie eine lächerliche Imitation seines Chefs aussah. Zu offensichtlich war der Versuch, in die optischen Fußstapfen seines offenkundigen Idols zu treten. Erich Mielke. Selbst der Tonfall orientierte sich an ihm. Karl schüttelte innerlich den Kopf, gemischt mit einer gehörigen Portion Amüsiertheit. Wann nur würden diese staatsfeindlichen Gedanken endlich nicht mehr sein Denken dominieren? Er schüttelte sich, als würden damit seine politischen Zweifel zerstreut.

Der kleine dicke Eindringling unternahm einen weiteren Versuch der Kontaktaufnahme.

„Genosse Telemann?“

„Ja, bitte?“

„Hab` ich Sie gestört, Genosse Telemann?“

Das Männlein verlor in seiner Stimmlage an Schärfe. Zu groß war wohl der Respekt gegenüber Karl. Vielleicht beruhte die vermeintliche Hochachtung auch nur auf Anordnung seines Vorgesetzten Erich Mielke. Zumindest erschien er mit seinem imitatorischen Auftritt so, als hätte er sein Leben dem Chef der Staatssicherheit gewidmet. Selbst Mielkes Berliner Akzent eiferte er nach. Karl musste wieder innerlich lächeln. Nach außen machte seine Mimik jedoch das Spiel mit.

„Nein, keinesfalls. Ich war nur in Gedanken.“

„Wegen des neuen Grenzkonzepts oder haben Sie einen neuen Plan bezüglich des Nachrichtenmannes?“

Ohne die Frage zu beantworten nahm Karl den Umschlag entgegen. Das hatte er als erstes innerhalb dieses Systems gelernt. Schweigen, wenn du nicht reden willst. Eine Tugend, die nur wenige innerhalb dieses Gebäudes mit seinen unübersichtlichen Gängen beherrschten. Karl verstand es, Information pointiert und nur dann an den Mann zu bringen, wenn ihm danach verlangte. Seine Taktik: Wenig reden und damit Aufmerksamkeit erzeugen. Spannung. Und wenn er dann seinen Mund aufmachte, galt ihm die ganze Aufmerksamkeit. Damit schuf er eine Aura um sich, die selbst seine Vorgesetzten beeindruckte.

„Richten Sie Genosse Mielke aus, dass das Protokoll zwischen dem bayrischen Ministerpräsidenten und Genosse Honecker sein Ziel erreicht hat.“

„Sehr wohl.“

Der Untersetzte zog die Tür hinter sich zu. Doch Karl lag noch etwas auf der Seele.

„Und noch etwas.“

Die Tür öffnete sich erneut. Der Kopf mit der Mielke-Frisur lugte erwartungsvoll durch den Spalt.

„Ja, Genosse Telemann.“

„Nennen Sie ihn nicht Nachrichtenmann.“

7. Die Hausarbeit

Michael konnte sich an keine Umarmung seines Vaters erinnern. Eigentümlicherweise hatte er sie auch nie vermisst. Bis eines Tages sein Lieblingsonkel ihn fest mit beiden Armen umschlang. Michaels Wange wurde fest an den dicken Bauch des Verwandten gedrückt. Angenehm war es nicht. Zudem ungewohnt. Michael war damals nicht in der Lage, die Zärtlichkeit zu erwidern. Die Verwunderung seines Onkels über die Passivität des kleinen Jungen würde Michael sein Leben lang begleiten. Diese profane Situation erschien ihm wie der Beginn des Bruchs mit seinem Vater.

„Kannst du nicht umarmen?“

In der Frage seines Onkels schwang ein deutlicher Vorwurf. Nicht gegenüber dem Knaben. Michael war sofort klar, wem die Anschuldigung galt. Von da an begann Michael seinen Vater mit zunehmender Skepsis zu betrachten. Dieses Gefühl verlor sich nur in den kurzen Momenten, in denen sein Vater ihm die Welt und die Menschen erklärte. Als seine Schulkameraden noch keine Gedanken an Rassismus, den Ost-West-Konflikt und andere gesellschaftliche Phänomene verschwendeten, war Michaels Blick bereits geschärft. Vielleicht zu früh. Doch wenn Michael für kurze Augenblicke innehielt, wenn er mitten auf dem Kurfürstendamm in der Masse stehen blieb, um sich umzusehen, wenn er in dem Geplapper der Kneipe sich unwillkürlich auf eine benachbarte Konversation konzentrierte. Wenn er auf die Balkendiagramme der ersten Wahlhochrechnungen starrte, spürte Michael so etwas wie Dankbarkeit in sich aufsteigen. Und in diesen Momenten konnte er fast die vielen fehlenden Umarmungen seines Vaters verzeihen. Dann wurde ihm bewusst, dass die Zuwendung, die ihm widerfuhr, auf anderer Ebene stattgefunden hatte. Doch jetzt war sein Vater tot und konnte ihm keine seiner Beobachtungen mehr mitteilen. Die geteilte Auffassungsgabe war mit ihm gestorben. Michael fühlte sich als alleiniger Erbe einer Bürde, die sein Vater nicht mit ins Grab genommen hatte. Und so gerne er wenigstens mit seinem Lieblingsonkel darüber geredet hätte, so sehr war das inzwischen ebenfalls unmöglich. Kurze Zeit nach der eindringlichen Umarmung hatte sich sein Onkel das Leben genommen.

Der glänzende Linoleumboden reflektierte das tief einfallende Licht am Ende des langen Ganges. Michael hasste das Warten. Dabei saß er erst wenige Minuten auf einem der orangefarbenen Klappstühle, die in Reihen an den Wänden seines Uni-Instituts angeschraubt ...

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