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Abschied von der Liebe

Margaret Way

Abschied von der Liebe

Roman

Aus dem Amerikanischen von Dr. Susanne Hartmann

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Erst als es im Buschland dämmerte, ritt Scott McLaren zurück und winkte seinem Oberviehhüter Abe, sich zu beeilen. Dieser sah müde und verärgert aus. Den ganzen Tag lang hatten sie „The Ghost“ verfolgt, den wilden Hengst, der die besten Stuten der Farm gestohlen hatte.

Am Mittag hatten sie ihn mit seinem Harem und einigen Jährlingen gesehen. Die zwölf Pferde galoppierten einen steilen, steinigen Abhang hinunter in den Schutz der von Kletterpflanzen umrankten Pockholzbäume. Es war ein erregender Anblick. Scott McLaren und Abe ritten den Tieren nach, ohne sich darum zu kümmern, dass ihnen die Zweige ins Gesicht schlugen. Beide Männer waren erfahrene Reiter und kamen der Herde ziemlich nahe. Scott liebte Pferde und hatte Mitleid mit dem großen Grauschimmel, der seine Freiheit verlieren sollte, aber sie mussten The Ghost aufhalten. Abe könnte ihn zureiten, und wenn er es nicht schaffte, würde er, Scott, es selbst versuchen. Fast alles, was er wusste, hatte er von Abe Eagle Owl gelernt. Doch jetzt war er sogar noch besser als sein Lehrer, wie Abe offen zugab.

Aber sie hatten die Herde verloren. Der Hengst war äußerst schlau. Dreimal hatte er sie schon besiegt. Nur zwei trächtige Zuchtstuten der Farm konnten sie bei der zweiten Jagd auf ihn fangen. Der Hengst spürte Gefahr lange im Voraus, und er kannte sich in diesem Gebiet besser aus als seine Verfolger.

„Gerissener Kerl“, fluchte Abe. Seine dunkle Haut war mit Schweiß, blutigen Kratzern und Sand bedeckt. Wind war aufgekommen und trieb Staubwolken direkt auf die beiden Männer zu. „Ich habe mein Möglichstes getan, Boss.“

„Es ist nicht deine Schuld, Abe.“ Scott McLaren nahm seufzend seinen „akubra“ ab und fuhr sich mit der Hand durchs rabenschwarze Haar. „Irgendwann kriegen wir ihn.“ Er ritt nach rechts, um zwei kleinen grauen Wallabys auszuweichen. „Wir bauen näher am Sumpf eine Falle auf. Hinter den Honigmyrten.“

Abe war so müde, dass er befürchtete, aus dem Sattel zu fallen. „The Ghost ist gefährlich. Ich halte ihn für bösartig.“

„Nein, Abe. Der Hengst hat einen guten Charakter und wird sich benehmen, wenn er erst einmal weiß, wer der Boss ist.“ Scott erkannte, dass er Abe überfordert hatte. Abe war immer arbeitswillig, aber nicht mehr der Jüngste.

Der atemberaubend schöne Sonnenuntergang belebte beide Männer. Er färbte den kobaltblauen Himmel erst rosenrot, violett und goldgelb, und dann schien es, als würde er die Welt in geschmolzenes Feuer verwandeln. Abe, der ein reiches „Traumzeit“-Leben und die Musik der ältesten aller Kulturen in sich trug, begann leise zu singen. Scott McLaren fand den Gesang wundervoll beruhigend.

Seit frühster Jugend war Scott mit Abe zusammen. Sein Vater hatte ihm erzählt, Abe Eagle Owl sei ein Gesetzgeber und mächtiger Mann, der magische Kräfte besitze. Laut Aussage der Aborigines konnte Abe großen Zauber ersinnen. Scott wusste ganz sicher, dass Abe Regen herbeisingen konnte. Sein Vater hatte den Stammesältesten respektiert, ihm vertraut und ihm aufgetragen, auf seinen einzigen Sohn und Erben aufzupassen. „Damit dir nichts geschieht, Scotty.“

Der mächtige Medizinmann Abe war jedoch nicht imstande gewesen, Scotts Vater zu schützen. John McLaren war ein gut aussehender, vitaler Mann im besten Alter gewesen, der im ganzen Outback, dem dünn besiedelten Hinterland, geachtet gewesen war. Eines Morgens ritt er aus … und wurde auf einer behelfsmäßigen Trage zum Farmhaus zurückgebracht. Er hatte sich bei einem außergewöhnlichen Sturz vom Pferd das Genick gebrochen. Ein solches Ende für einen Mann, der sein halbes Leben im Sattel verbracht hatte und als hervorragender Reiter galt, das war wirklich zu viel.

Es brach Scotts Mutter das Herz. Für ungefähr zwei Jahre. Danach suchte sie sich einen neuen reichen Ehemann und ging fort. Als pflichtbewusster Sohn fuhr Scott regelmäßig zu ihr in die Stadt, doch er verzieh seiner Mutter niemals, dass sie seinen Vater so schnell vergessen und wieder geheiratet hatte.

Scott war vierzehn, als sein Vater starb. Das war ein schwieriges Alter für einen Jungen, auch wenn er aussah und handelte wie ein junger Mann. Die Verantwortung und die hohen Erwartungen seiner Eltern hatten ihn früh erwachsen gemacht. Trotzdem brauchte er seine Mutter. Die glaubte jedoch, sie würde es nicht ertragen, den Rest ihres Lebens in der Einsamkeit zu verbringen. Sie musste zurück in die Großstadt, zu ihrer Familie und ihren Freunden.

Als Scotts Mutter „Main Royal“ verlassen hatte, war Wyn auf die Farm zurückgekehrt. Edwina McLaren, die unverheiratete ältere Schwester seines Vaters, war eine großartige Frau und seit über fünfundzwanzig Jahren eine erfolgreiche Kinderbuchautorin. Sie schrieb und illustrierte Geschichten über das Outback.

Liebevolle, geduldige Wyn, dachte Scott. Sie ersetzte ihm die Mutter, die sich nie wirklich um ihn gekümmert hatte.

Während er und Abe nebeneinander durch das Buschland ritten, flogen große Vogelschwärme über ihnen hinweg. Sie waren unterwegs zu den Lagunen und „billabongs“, kleinen Teichen und Wasserlöchern in ausgetrockneten Flussbetten.

Einmal flatterte eine Schar Wellensittiche um die beiden Männer herum, und Scott kam es vor, als würde mit Gold durchwirkte smaragdgrüne Seide über Abe und ihm wogen.

Wie ein Wunder!

Gerade als Scott nach oben blickte, drängte sich ihm jedoch ein anderes, unwillkommenes Bild auf. Unwillkürlich riss er an den Zügeln, und seine Stute blieb stehen. Gereizt trieb er sie weiter und versuchte, das unerwünschte Bild zu verbannen, das vor seinem geistigen Auge erschienen war. Aber er wurde es nicht los.

Ein lachendes Mädchen mit seidiger Haut, dichtem lockigem cognacfarbenem Haar und exotisch anmutenden bernsteinfarbenen Katzenaugen.

Alexandra!

Seine schöne Alex, die Verräterin. Das Mädchen, das er so begehrt hatte, dass er die Erregung kaum hatte ertragen können. Es war ihm unglaublich erschienen, dass das Schicksal sie beide zusammenge-führt hatte.

Er hatte Alex gebeten, seine Frau und die Herrin auf Main Royal zu werden.

Was für ein Narr war er gewesen! Wie seine Mutter ging Alex fort. Sie wollte alles, Ehe und Karriere, Liebe und Ruhm. Alexandra Ashton, Solotänzerin des Australischen Balletts. Von Sydney bis Moskau wurde sie von den Kritikern überschwänglich gelobt.

Meinetwegen kann sie tanzen, bis sie umfällt! dachte Scott. Niemals wieder wollte er sie in seinem Leben oder auf seinem Land haben. Er hatte sich damit abgefunden, dass sie ihn zurückgewiesen hatte. Nur manchmal, so wie jetzt, spürte er noch den heftigen Schmerz.

Alex war zehn Jahre alt gewesen, als er, Scott, sie kennengelernt hatte. Das war das Problem. Sie gehörte einfach zu seinem Leben. Alex’ Eltern waren bei einem schrecklichen Autounfall getötet worden. Sie hatten in ihrem Testament Wyn, die beste Freundin von Alex’ Mutter und die Patin des Kindes, zum Vormund bestellt, und so war Alex nach Main Royal gekommen. Er, Scott, war damals siebzehn gewesen. Verrückt, sich in ein Kind zu verlieben, aber Alex war schon immer ein zauberhaftes Geschöpf gewesen.

Energisch verdrängte Scott die Gedanken an Alex. Nur so konnte er weiter Gleichgültigkeit vortäuschen. Für Wyn war es schwer, denn sie liebte Alex. Aber wenn es darauf ankam, liebte Wyn ihn mehr. Sie sprachen niemals über Alexandra. Das Thema war zwischen seiner Tante und ihm tabu.

Es war dunkel, als Scott und Abe den Haupthof erreichten. Nachdem er Abe Gute Nacht gesagt hatte, sprach Scott noch kurz mit seinem Vormann und ging dann zum Farmhaus. Es hatte auf drei Seiten breite Veranden, auf die das goldgelbe Licht aus dem Innern schien. Scotts schottischer Urgroßvater, Colonel Andrew McLaren, einer der ersten Siedler im Bundesstaat, hatte das imposante einstöckige Gebäude gebaut.

Allein die Veranden waren ein architektonisches Meisterwerk. Der Colonel, der sich nach einer langen, bemerkenswerten militärischen Laufbahn in Australien niedergelassen hatte, hatte früher mit seinem Vater, dem damaligen Kommandeur des fünfundsiebzigsten Regiments, in Indien gelebt. Die dort gewonnenen Eindrücke prägten den Baustil des Main-Royal-Farmhauses. Scotts Großvater hatte Gästeflügel und einen prächtigen Ballsaal für die legendäre Hochzeit von Scotts Eltern angebaut. Main Royal war nicht nur ein Farmhaus. Es war der Stammsitz des großen McLaren-Clans, der über ein ländliches Imperium herrschte.

Die zweiflüglige Haustür führte in eine Eingangshalle, von der links und rechts die großen Gesellschaftszimmer abgingen. Auf dem runden Rosenholztisch unter dem Waterford-Kronleuchter stand ein herrlicher Blumenstrauß. Wyn schmückte das ganze Haus mit Blumen aus den fünf Acres großen Gartenanlagen. Die Gestecke und Sträuße wurden jeden zweiten Tag ausgewechselt, und alle waren wunderschön.

Scott ging direkt in sein Zimmer und duschte und zog sich um, bevor er sich ein eiskaltes Bier holte. Er musste noch eine Rede für ein Abendessen zu Ehren des neu gewählten Ministerpräsidenten des Bundesstaates schreiben, aber Scott dachte wieder an Alex. Es war fast, als würde sie versuchen, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Früher war ihre Verständigung beinahe telepathisch gewesen.

Seine Tante hatte Sammelalben voller Fotos von Alex. Natürlich wusste Scott, wo Wyn sie aufbewahrte. Manchmal sah er sie sich heimlich an. Es waren Hochglanzfotos von Alexandra Ashton als Schwanenkönigin, Dornröschen, Cinderella und Coppelia. Alex beim Sprung, auf Spitzen und bei einer Arabeske. Andere Fotos zeigten sie, wie sie strahlend ihren Partner anlächelte. Die Aufnahmen hasste Scott. Immer sah sie unglaublich ätherisch aus. Sie verkörperte Anmut, Poesie und Magie. Es schien unmöglich, dass eine solche Frau das harte Leben auf einer Farm mit den langen, grausamen Hitze- und Dürreperioden aushalten konnte.

Schon als Kind war Alex außergewöhnlich begabt gewesen. Wyn hatte darauf bestanden, dass ihr Patenkind den Ballettunterricht nicht aufgab. Nachdem Alex den Tod ihrer Eltern verwunden und sich an ihr neues Leben gewöhnt hatte, schickte Wyn sie auf ein Internat in Sydney, wo Scott Jura studierte. Natürlich war von Anfang klar, dass er niemals als Anwalt praktizieren würde. Die juristische Ausbildung sollte ihm helfen, die geschäftlichen Interessen der Familie zu vertreten.

In jenen Jahren holte er Alex an jedem freien Tag im Internat ab und nahm sie mit, wenn er mit einer seiner zahlreichen Freundinnen eine Spritztour machte. „Die Anstandsdame“ nannte eins von den Mädchen Alex zynisch. Die Ferien verbrachte Alex auf der Farm, wo sie lernte, zu reiten wie der Teufel, im Freien zu übernachten, Vieh zusammenzutreiben und mit dem Gewehr umzugehen. Sie liebte dieses Leben, die Weite und die Freiheit. Das sagte sie jedenfalls.

Alex hatte alle Frauen, Männer und Kinder auf der Farm bezaubert. Sogar Abe, der weise Mann, war sofort ihr Sklave gewesen.

Scott trank ein Bier gleich in der Küche, dann schenkte er sich noch eins ein und ging mit dem Silberbecher in der Hand Wyn suchen. Seltsam. Normalerweise erschien sie sofort, wenn er zurück ins Haus kam.

Er fand sie in ihrem Arbeitszimmer am Schreibtisch. „Du arbeitest doch nicht etwa noch?“, fragte Scott und setzte sich auf eins der Ledersofas. Seine Tante antwortete nicht, und er wandte sich ihr überrascht zu. „Wyn?“

„Entschuldige.“

Ihre Stimme klang, als hätte sie geweint. Scott stand auf und stellte den Becher auf dem niedrigen Couchtisch auf. „Was ist los, Wyn?“

Sie sah auf. Ihr schönes Gesicht war tränennass.

„Was ist? Sag es mir!“, rief Scott besorgt.

Wyn blickte ihren gut aussehenden Neffen traurig an. Wie sein Vater war Scott ein typischer McLaren. Er war sehr groß und schlank und wirkte stolz, sogar arrogant, und vornehm. Seine markanten Gesichtszüge waren vollkommen, und die feinporige Haut war tief gebräunt. Nur die wundervollen aquamarinblauen Augen hatte er von Stephanie. Sie, Wyn, kannte niemanden, der so schöne Augen wie Scott hatte, außer …

Alexandra.

„Bist du krank?“ Scott warf seiner sechzigjährigen Tante einen beunruhigten Blick zu.

Sie griff sich ins Haar, das früher so schwarz wie das ihres Neffen, jetzt aber grau meliert war. „Nein. Das ist es nicht. Es ist etwas, das du sicher nicht hören willst.“

„Dann geht es um Alex, stimmt’s?“ Scotts Miene wurde finster.

„Ja.“ Wyn seufzte. Seine Reaktion überraschte sie nicht. „Alex hatte einen Unfall.“

„Was?“ Es machte ihn nicht glücklich. Trotz allem wollte er nicht, dass es ihr schlecht ging.

„Es steht alles hier in der Zeitung.“ Wyn nahm sie in die Hand und stand auf.

„Gib her“, sagte Scott rau. Lange unterdrückte Gefühle stiegen in ihm auf.

„Der Unfall ist während der Probe passiert. Bei diesem spektakulären Sprung am Ende von ‚Aurora‘, wo ihr Partner sie nur Zentimeter über dem Boden auffangen muss.“

„Willst du mir etwa erzählen, dass er sie hat fallen lassen?“, rief Scott wütend.

„Sie ist schlimm gestürzt. Es steht alles in dem Artikel.“ Wyn deutete zerstreut auf die Zeitung. „Das ist so grausam. Alex hat so hart gearbeitet und so viele Opfer gebracht, und vielleicht ist jetzt alles zu Ende. Oh, tut mir leid, Scott.“

Er presste die Lippen zusammen. „Schon gut. Hier steht, dass sie möglicherweise nie wieder tanzen wird.“ Er blickte auf das Datum. „Die Zeitung ist von gestern.“

„Ja. Ed ist heute Nachmittag gekommen.“ Wyn sprach von dem Piloten der Luftfrachtgesellschaft, die ihnen die Post und Vorräte brachte.

„Zumindest nennen sie in dem Artikel den Namen des Krankenhauses, in dem Alex liegt. Sie solle operiert werden, heißt es hier. Wahrscheinlich ist das inzwischen schon geschehen.“

„Meine arme kleine Alex“, sagte Wyn niedergeschlagen.

„Sie hat dich nicht angerufen?“

„Nein. Sie weiß …“ Wyn verstummte.

„Dass sie hier nicht erwähnt werden darf?“

„Sie weiß, wie sehr sie dir wehgetan hat, Scott.“

„Darüber bin ich hinweg. Ich war es in dem Moment, als sie ging.“

„Alex hat dich geliebt. Sie liebt dich noch.“

„Dass ich nicht lache!“, schimpfte Scott. „Alex wollte um jeden Preis Karriere machen. Das ist nur recht und billig. Was wir hatten, war ein schöner Traum, mehr nicht. Es wäre niemals gut gegangen. Jetzt ist mir das endlich klar.“

„Ich habe immer geglaubt, dass ihr füreinander bestimmt seid.“

„Du bist eine hoffnungslose Romantikerin, Wyn.“

„Ich weiß.“

„Du willst zu ihr, stimmt’s?“

„Sie hat niemanden, an den sie sich wenden kann.“

„Eine faszinierende Frau wie Alex wird inzwischen ja wohl ein Dutzend Liebhaber gehabt haben“, erwiderte Scott sarkastisch.

Wyn sah ihn schockiert an. „Das ist doch nicht dein Ernst?“

„Nach dem, was ich gehört habe, sind Affären in der Welt des Balletts gang und gäbe.“

„Alex ist bestimmt nicht promiskuitiv“, sagte Wyn.

„Tut mir leid, davon bin ich nicht so überzeugt wie du.“ Scott wandte sich ab. „Es interessiert mich sowieso nicht, was Alex tut. Aber du bedeutest mir viel. Wenn du zu ihr möchtest, dann treffe ich die nötigen Vorkehrungen.“

Wyn ging zu ihm und küsste ihn auf die Wange. Obwohl selbst groß, musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen und strecken. „Du hast das Herz schon immer auf dem rechten Fleck gehabt. Natürlich kann ich Alex im Krankenhaus besuchen. Aber wer kümmert sich hinterher um sie? Sie wird sich erholen müssen. Nach so einem Unfall ist sie sicher auch nervlich und seelisch am Ende.“

„Du meinst doch wohl nicht, sie soll hierherkommen?“, fragte Scott gefährlich leise.

„Das würde sie nicht tun. Sie weiß, dass du sie hier nicht haben willst.“

Scott stand regungslos da und blickte seine Tante an. „Warum sollte ich sie wiedersehen wollen? Alex hat mich verlassen. Erinnerst du dich?“

„Sie brauchte dich und ihren Beruf. Sie war jung und so begabt. Du bist sonst so verständnisvoll …“

„Nicht, wenn ich zurückgewiesen werde“, sagte Scott schneidend.

„Weil deine Mutter dich im Stich gelassen hat.“

„Lass Stephanie da heraus“, warnte Scott.

Wyn wusste ohnehin, dass sie zu weit gegangen war. „Tut mir leid. Ich bin so durcheinander.“

„Das sehe ich, Wyn.“ Seine Züge wurden weicher. „Du bist Alex’ Patin und warst ihr Vormund, bis sie einundzwanzig wurde. Und obwohl sie fast mein Leben zerstört hat, liebst du sie.“

„Ich liebe dich mehr als irgendjemanden auf der Welt, Scott. Aber ich werde mich immer für Alex verantwortlich fühlen. Ich weiß, dass sie dich hat glauben lassen, ihr würdet für immer zusammenbleiben. Aber sie war so jung. Gerade neunzehn. Sie dachte, sie könnte alles haben und du würdest sie unterstützen.“

„Tausend Meilen von ihr entfernt?“, fragte Scott spöttisch. „Meine Frau lebt in Sydney, und ich führe hier die Farm? Hat Alex im Ernst geglaubt, eine solche Ehe würde funktionieren? Dass ich das mitmachen würde? Oh, reden wir nicht mehr davon, Wyn. Es ist vorbei, und das ist auch besser so. Besuch sie. Ich verstehe es. Meinetwegen bleib bei ihr, bis sie wieder allein zurechtkommt, falls sie tatsächlich nicht mit irgendeinem liebeskranken Idioten zusammenlebt. Aber ich will mit der Sache nichts zu tun haben.“

Zum ersten Mal seit Langem drängte sich Alex in seine Träume. Scott wälzte sich unruhig hin und her und fand nur wenig Schlaf. Dennoch war er schon kurz vor Tagesanbruch auf. In der Küche aß er eine Scheibe Toast und trank eine Tasse Kaffee. Normalerweise kehrte er gegen acht ins Farmhaus zurück. Dann hatte Ella, seit über zwanzig Jahren Haushälterin auf Main Royal, das richtige Frühstück fertig. Scott arbeitete vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit. Er wusste, dass jemand, der so schwer arbeitete, gelegentlich ausspannen und sich amüsieren musste. Polo machte ihm Spaß, und natürlich gab es Frauen in seinem Leben. Mit vielen hatte er nur flüchtige Beziehungen gehabt. Er wollte sich nur ablenken, damit er Alex vergessen konnte. Sex ohne Liebe. Er dachte, es wäre eine gute Methode, aber viel brachte es nicht.

Im Moment war er mit Valerie Freeman zusammen, einer bildschönen Blondine. Sie verstand ihn besser als die meisten. Valerie gehörte zur Polo-Clique und arbeitete nicht, weil sie dafür von ihrem Vater, einem Viehzüchter, ein großzügiges Taschengeld erhielt.

Er, Scott, wollte seine Beziehung zu Valerie nicht allzu genau analysieren. Es war nett, mit ihr zusammen zu sein, sie war gut im Bett und klammerte nicht.

Kurz nach acht kam Wyn ins Frühstückszimmer. Sie sah so abgespannt aus, dass Scott erschrocken aufstand. „Du hast schlecht geschlafen. Komm, ich schenke dir eine Tasse Tee ein.“ Er ging zum Sideboard, auf dem verschiedene Speisen angerichtet waren.

„Ich wünschte, du würdest hinfliegen“, sagte Wyn.

Scott wusste sofort, wovon sie sprach. „Um Himmels willen!“ Er seufzte genervt.

„Ich weiß, dass wir alle zu viel von dir verlangen, aber nur du kannst Alex überreden, zurückzukommen. Main Royal gehört dir. Ich sehe keine Möglichkeit, länger bei ihr in Sydney zu bleiben. Die Leute im Verlag warten auf mein Buch.“

Scott schenkte seiner Tante schweigend Tee ein, brachte ihr die Tasse und setzte sich wieder hin. „Ich würde alles für dich tun, Wyn. Das weißt du. Aber ich kann einfach nicht mit Alex sprechen und sie nach Main Royal einladen. Es würde niemals gut gehen.“

„Du hast immer nur sie geliebt.“

„Zufällig finde ich Valerie sehr attraktiv“, erwiderte er spöttisch.

„Zweifellos hält sie sich länger als die anderen.“ Wyn musste trotz allem lächeln. „Aber du liebst Valerie nicht. Ich kenne dich zu gut, Scott.“

„Warum bittest du mich dann, Alex zu besuchen?“

„Weil früher niemand besser auf sie aufgepasst hat als du“, sagte Wyn. „Vielleicht muss Alex ihren Beruf aufgeben. Bei jedem anderen würde das Knie heilen, und die Sache wäre vergessen, aber Tänzerinnen sind außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt. Alex wäre nicht die Erste, deren Karriere durch eine Verletzung zerstört wird.“

Alex tat ihm plötzlich leid, und noch ein anderes Gefühl regte sich in ihm, doch Scott wollte es lieber nicht bestimmen. „Das würde ich ihr niemals wünschen, aber selbst wenn es dazu kommen sollte … du glaubst doch nicht im Ernst, wir könnten wieder da anfangen, wo wir aufgehört haben? Alex ist nicht mehr das Mädchen, das sie einmal war, sondern Primaballerina. Sie ist ein umjubelter Theaterstar. Und für mich ist die Sache ohnehin aus und vorbei.“ Scotts Stimme wurde schärfer. „Noch einmal lasse ich mich nicht von einer Frau zum Narren halten.“

„Ich war auch einmal verliebt“, sagte Wyn leise. „Sechzig Jahre alt bin ich jetzt, und ich habe ihn noch immer nicht vergessen.“

„Den Mitgiftjäger?“, fragte Scott. Jeder in der Familie wusste von Wyns vereitelter Liebesbeziehung.

„Vater hielt ihn für einen charmanten Gauner.“

„War er das denn nicht?“, fragte Scott.

Wyn blickte ihn traurig an. „Er war ein mittelloser Abenteurer, das stimmt. Aber ich glaube, dass er mich wirklich geliebt hat.“

„Dann hat er es. Du bist eine wunderbare Frau.“ Scott stand auf und legte seiner Tante die Hand auf die Schulter.

„Er ist jetzt eine bedeutende Persönlichkeit.“ Wyn lächelte ironisch.

„Davon habe ich nie gehört“, sagte Scott überrascht.

Wyn zuckte die Schultern. „Er hat seinen Namen geändert und trägt jetzt einen Bart. Ich habe ihn trotzdem erkannt. Überall würde ich ihn wiedererkennen.“

„Und? Wer ist es?“, fragte Scott neugierig.

„Lassen wir es dabei. Wahrscheinlich will er sich nicht an mich und meine Familie erinnern. Wir haben ihn verletzt und gedemütigt. Vater hat ihn buchstäblich von der Farm gejagt. Dein Großvater war ein niederträchtiger Mann.“

„Ja, Granddad war ein schrecklicher alter Kerl.“

Wyn seufzte. „Aber er hat mich geliebt und geglaubt, das Richtige zu tun. Und wer weiß? Vielleicht hatte er ja recht. Bedeutet habe ich dem angeblichen ‚Mitgiftjäger‘ etwas. Er hat mir nämlich danach noch ein Dutzend Briefe geschrieben. Mom hat sie mir erst nach Vaters Tod gegeben. Da war ich schon fast fünfzig. Kaum zu glauben, was?“

„Mich wundert das nicht, ich erinnere mich an meine Großeltern“, meinte Scott zynisch. „Bist du nicht verbittert, Wyn?“

Sie lächelte ihn an. „Nein. Ich hätte mit ihm gehen können. Aber ich hatte nicht den Mut. Vater dachte, er würde verantwortungsbewusst handeln. Wie du weißt, sollte ich Grant McEwan heiraten.Doch ich bin kurz vorher zur Besinnung gekommen. Ich habe niemals geheiratet.“

„Es tut mir leid, Wyn“, sagte Scott zärtlich. „Wirklich. Du bist allein. Wie ich.“

Das war ein unerwartetes Eingeständnis. „Dann besuchst du Alex im Krankenhaus?“, fragte Wyn hoffnungsvoll.

Scott sah plötzlich angespannt aus. „Ich werde nach Sydney fliegen und nach Alex sehen, damit du beruhigt bist. Aber ich werde ihr niemals verzeihen. Anders als du bin ich nämlich völlig verbittert.“

2. KAPITEL

Die Empfangsschwester blickte finster auf, dann lächelte sie plötzlich. „Guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?“ Scott erwiderte das Lächeln flüchtig. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. „Ich möchte zu Alexandra Ashton. Orthopädiestation, würde ich meinen.“

„Miss Ashton, natürlich. Für die Stations- und Zimmernummer brauche ich den Computer nicht. Seit Miss Ashton bei uns aufgenommen wurde, kommen Besucher in Scharen. So schön und so beliebt. Familie oder Freundeskreis?“

„Familie“, erwiderte Scott. Zumindest früher hatte Alex zu ihnen gehört. Und jetzt?

„Sie wird sich bestimmt freuen, Sie zu sehen!“, sagte die Frau begeistert. „Station fünf, Zimmer sechzehn. Wissen Sie, wo das ist?“

Einen Moment lang schien es, als wollte sie ihren Arbeitsplatz verlassen. „Danke, ich finde es schon.“ Scott ging rasch davon.

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